Beherzte Rettung - Marion Kummerow - E-Book

Beherzte Rettung E-Book

Marion Kummerow

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Beschreibung

Richard ist Soldat. Er folgt Befehlen… ... bis er Katrina sieht. Im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden fand der schüchterne Bücherwurm nie Vergnügen an der Hitlerjugend und wäre lieber auf der Schule geblieben, als zur Wehrmacht zu gehen. Aber mit kaum siebzehn Jahren ist für ihn die Kindheit vorbei und er wird an die Ostfront geschickt, wo er lernt, Gewissen und Schuldgefühle zu verdrängen, um am Leben zu bleiben. Er sieht, hört und fühlt nichts und will einfach nur den nächsten Tag erleben. Aber das ändert sich in dem Moment als er Katrina sieht und ihr das Leben rettet. Ausgerechnet einer Frau, die zum polnischen Widerstand gehört. Als das Schicksal die beiden in seiner schwersten Stunde wieder zusammenführt, muss er sich entscheiden: weiter für sein Land zu kämpfen oder ein Deserteur und Vaterlandsverräter zu werden. Eine Entscheidung von der es kein Zurück gibt, und die weder seine Freunde noch seine Feinde gutheißen werden. Ist die Liebe einer Frau genug, um sich den Rest der Welt zum Feind zu machen? Beherzte Rettung ist Band 5 in der Reihe „Kriegsjahre einer Familie“ und erzählt die Geschichte von Liebe und Menschlichkeit mitten in einer Zeit des Krieges und der Brutalität.

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Beherzte Rettung

Kriegsjahre einer Familie

Marion Kummerow

Annette Spratte

Beherzte Rettung — Kriegsjahre einer Familie, Band 5

ISBNPrintversion 978-3-948865-15-3

© 2020Marion Kummerow

Herstellung und Verlag:

Marion Kummerow

Weißtannenweg 7

80939 München

Übersetzung: Annette Spratte

Titelbildgestaltung: http://www.StunningBookCovers.com

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch darf – auch auszugsweise – nicht ohne schriftliche Zustimmung der Autorin kopiert werden.

Dieses Buch basiert auf historischen Begebenheiten, historische Persönlichkeiten und Vorfälle wurden sorgfältig recherchiert und wiedergegeben.

Die Namen der Hauptpersonen und die Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder realen Personen sind rein zufällig.

Inhalt

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

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Kapitel 1

November 1943, irgendwo in der Nähe von Minsk, Weißrussland

Richard Klausen stapfte mit halb erfrorenen Füßen in durchweichten Lederstiefeln durch den kniehohen Schnee. Nichts widerstand den Minusgraden des weißrussischen Winters, schon gar nicht die zerfledderten Stiefel und unzureichend wärmenden Uniformen, mit der die Wehrmacht ihre Soldaten ausstattete.

Seine Hose reichte ihm nur bis zur Mitte der Waden und war schon öfter geflickt worden, als er zählen konnte. Der Stahlhelm hielt die eisigen Windböen nicht von seinem Kopf fern und wie so viele seiner Kameraden hatte er sich ein Unterhemd um den Kopf gewickelt, um einigermaßen geschützt zu sein.

„Verdammt“, fluchte Richard, während er und Karl sich gegen den Handkarren stemmten, der in einer Schneewehe feststeckte. Schweiß rann ihm über das Gesicht und brannte in den Augen. Diesen mit Nachschub voll beladen zu bewegen, war die reine Hölle. Seit zwei Tagen kämpften sie gegen die Russen und heute Morgen hatte Oberstleutnant Schottke sie beide – zusammen mit einem Dutzend gehfähiger Verwundeter – zum Lager geschickt, um mehr Munition, mehr Essen, mehr Sanitäter, mehr Verbandszeug, mehr von allem zu holen.

Richard hoffte nur, dass sie das Schlachtfeld erreichten, ehe ihren Kameraden die Munition ausging. Letztes Jahr, als er frisch eingezogen worden war, war alles anders gewesen. Die meisten Soldaten waren vor Begeisterung fast geplatzt und hatten einen Sieg gegen die Rote Armee nach dem anderen eingeheimst. Die Versorgung war reichlich gewesen und der Nachschub kam immer pünktlich.

Aber jetzt? Die Wehrmacht war auf dem Rückzug, eine Division nach der anderen brach unter den Angriffen zweier unterschiedlicher, aber gleichermaßen tödlicher Feinde zusammen: die Rote Armee, die mindestens zehn zu eins in der Übermacht war, und der brutale russische Winter.

Da der Nachschub wo auch immer feststeckte, konnte sich jeder Soldat glücklich schätzen, der wenigstens ein paar passende Stiefel ohne Löcher besaß. Inzwischen wartete sogar der letzte funktionierende Laster ihrer Division auf eine Diesellieferung, um wieder in Gang gesetzt zu werden.

„Auf drei schieben!“, sagte Karl und gemeinsam warfen sie sich gegen den Handkarren. Ächzend und quietschend kroch er schließlich aus der Schneewehe.

„Gut gemacht, mein Freund“, sagte Richard, während sie gemeinsam den Karren hinter sich her zogen.

„Wenn wir dieses Tempo beibehalten, werden wir unsere Kameraden nie erreichen ...“ Karl rieb sich das stoppelige Gesicht mit der freien Hand. Die meisten Männer hatten den Luxus des Rasierens vor Langem aufgegeben. Schützengräben und Eitelkeit passten nicht gut zusammen. Abgesehen davon bot ein Bart etwas Schutz vor der beißenden Kälte.

„Sag das nicht. Wir kommen gut voran. Ich kann sie schon hören“, sagte Richard.

Als ob es seine Worte bestätigen wollte, dröhnte das Geräusch von MG42-Maschinengewehrfeuer durch die Luft. In der darauffolgenden Stille hörten sie, wie ihr Kommandant, Oberstleutnant Schottke, Befehle bellte. Karl und Richard verdoppelten ihre Anstrengungen, um ihren Kameraden den heiß ersehnten Nachschub zu bringen. Plötzlich zerschnitt ein unverkennbares Heulen die Luft.

„Stalinorgel“, schrie Richard und ging in Deckung. Die Katjuscha-Raketenwerfer wurden Stalinorgeln genannt, weil der Aufbau an eine Kirchenorgel erinnerte. Das markerschütternde Pfeifen war der schlimmste Albtraum eines jeden deutschen Soldaten. Mit ihrer Fähigkeit, innerhalb von Sekunden mehrere dutzend Raketen abzufeuern, war die Stalinorgel eine der gefürchtetsten russischen Waffen.

Der Kampf tobte unvermindert weiter – Gebrüll, Krachen, Schreie, lediglich unterbrochen durch das Getöse von Schüssen und Granaten, einige Minuten später gefolgt von der nächsten Salve von Katjuscha-Raketen. Sich aus der Deckung zu wagen, hätte den sicheren Tod oder zumindest Verwundung bedeutet.

Die Zeit schien stillzustehen, während Richard und Karl reglos in einem Graben lagen. Die Kälte kroch ihnen durch die Kleidung in die Knochen und versuchte, ihnen das Leben aus dem Leib zu saugen.

Richard ballte angesichts seiner Hilflosigkeit die Fäuste. Der Munitionsqualm hing in einer dichten Schicht über dem Boden und drang in Richards Nase und Hals, bis er röchelte und sich sicher war, dass die giftigen Dämpfe ihn ersticken würden. Eine verirrte Rakete traf den Handkarren; eine weitere jagte nur ein paar Meter entfernt einen Baum in die Luft. Der Wind peitschte und heulte, während der feurige Angriff die Erde verkohlte.

Als die Dämmerung über der Taiga hereinbrach, hörten die Kämpfe endlich auf. Richard kroch aus dem Graben und wurde Zeuge eines überwältigenden Anblicks: Vor ihm lag ein einziges Feld der Verwüstung. Sein Bataillon war ausgelöscht worden. Die wenigen überlebenden Kameraden wurden mit erhobenen Händen abgeführt.

„Alle weg“, sagte Richard mit gebrochener Stimme und kroch zurück in den Graben.

Karl riss nur die Augen auf und nickte. Stille breitete sich aus, während beide überlegten, was die Konsequenzen ihrer Erkenntnis waren. Die Erleichterung, noch am Leben zu sein, vermischte sich mit Schuld und Selbstzweifeln. Wenn wir uns mehr angestrengt hätten, eher angekommen wären … Sein Verstand sagte Richard, dass ein paar zusätzliche Waffen und Munition keinen Unterschied gemacht hätten. Es hätte den Kampf gegen einen übermächtigen Feind nur verlängert, aber sein Herz sagte etwas anderes.

Nach einer Weile räusperte sich Karl. „Knochensammlung.“ So nannten sie die schmerzliche Aufgabe, nach verwundeten Kameraden zu suchen.

„In der Tat“, antwortete Richard und rappelte sich vom gefrorenen Boden hoch. Sie schritten das Schlachtfeld ab, aber der Russe hatte ganze Arbeit geleistet und nur verstreute Leichen hinterlassen. Es begann zu schneien und der Schnee legte sich wie eine Decke der Scham über die Verwüstung.

Ein qualvolles Jammern zerriss die eisige Stille der kalten Winterluft. Richard und Karl rannten auf das Geräusch zu und fanden einen der Ihren auf dem eisigen Boden liegend, kaum mehr als ein blutiger Haufen, dem die Extremitäten fehlten.

Richard kämpfte schon lange genug an der Front, um zu wissen, dass der Sensenmann bei diesem Mann bereits an die Tür klopfte. Er konnte nicht mehr tun, als seine Wange zu streicheln und zu warten. Er setzte sich neben seinen Kameraden und fing an zu reden, erzählte Geschichten von besseren Zeiten, reichlich Essen, warmer Kleidung, schönen Mädchen. Wenige Minuten später rasselte der Atem des Verwundeten und … blieb aus. Richard stand auf und schüttelte zornig dem Himmel seine Faust entgegen.

Dunkelgraue Wolken ballten sich zu einem fieberhaften Knäuel zusammen, ohne einen anderen vorstellbaren Zweck, als der fahlen Sonne am Horizont jegliches Licht und Wärme zu rauben.

„Hier gibt es nichts mehr für uns zu tun. Lass uns gehen“, sagte Richard und nahm Karls Hand, um den Trost der Nähe eines anderen Menschen zu spüren.

Wortlos schleppten sie sich zurück zum Lager, um von der Auslöschung ihres Bataillons zu berichten. Doch als sie das Lager erreichten, war dort nicht mehr als ein leeres Feld. Das gesamte Lager war dem Erdboden gleichgemacht worden.

Richard brach auf dem gefrorenen Boden zusammen. Schluchzen schüttelte seinen ausgemergelten Körper. Er war am Tag seines siebzehnten Geburtstags in diesen grässlichen Krieg einberufen worden. Das Gesicht seiner Mutter tauchte vor seinem inneren Auge auf. Sie hatte versucht, ihre Tränen zu verbergen, als sie sich von ihrem einzigen Sohn verabschiedet hatte, als er davongezogen war, um in Hitlers Wehrmacht zu dienen.

Auch seine drei Schwestern, Ursula, Anna und Lotte, hatten tapfer dreingeschaut, aber sie konnten ihm nichts vormachen. Lotte, nur ein Jahr jünger als er, hatte ihn in die Schulter geboxt und gedroht: „Du bleibst besser am Leben, oder ich werde persönlich dafür sorgen, dass du es für den Rest deines Lebens im Jenseits bereust, gestorben zu sein.“

Die Erinnerung an seine hitzige, freche Schwester ließ ihn lächeln. Sie auf dem falschen Fuß zu erwischen, war nichts, was er wollte, also sollte er sich besser darum kümmern, diesen Mist zu überleben.

„Wir müssen weg von hier“, sagte Richard.

„Aber wohin denn?“ Karl saß mit hängenden Schultern auf dem Boden, während sein Kopf vor und zurück wippte.

„Ich weiß nicht. Nach Westen. Wir müssen eine andere Division finden und uns denen anschließen“, sagte Richard, die Uniform starr vor Dreck und voller Flecken vom Blut des verstorbenen Kameraden.

„Hmmm ...“ Karl warf Richard einen Blick zu. „Hmmm ...“ Die Zeit direkt nach einer Schlacht war immer die Schlimmste. Das Gefühl von Verlust und Trostlosigkeit konnte den stärksten Soldaten umhauen. Richard konnte nicht zulassen, dass sein Freund sich in seiner miesen Stimmung suhlte.

„Steh auf, Schwachkopf, wir haben etwas zu erledigen!“

Karls Augen blitzten bei der Beleidigung auf und er hob eine Faust. „Haben wir das? Und seit wann bist du hier der Chef, Arschloch?“

„Seit du in Selbstmitleid ertrinkst. Schieb deinen faulen Hintern hoch und hilf mir, nach etwas Essbarem zu suchen“, brüllte Richard seinen Freund an, der den Hauch eines Grinsens zeigte, ehe er aufstand.

„Essen. Das ist mal ´ne Ansage.“

Gemeinsam durchsuchten sie die Überbleibsel des Lagers und fanden reichlich Essensreste in der Nähe dessen, was einmal die Feldküche gewesen war.

Sie stopften sich mit Brot, Trockenfleisch und gekochten Kartoffeln in solchen Mengen voll, wie sie seit Monaten nicht gegessen hatten, und füllten ihre Tornister mit so vielen Lebensmitteln, wie sie tragen konnten. Dann plünderten sie alles, was sie sonst noch brauchen konnten: Waffen, Ersatzmunition, warme Kleidung.

„Wir müssen tun, was zu tun ist“, sagte Karl und zog einer der herumliegenden Leichen den dicken Mantel und die Wollsocken aus. Richard tat es ihm gleich und verdrängte alle Gedanken an Pietät. Die gefallenen Kameraden hatten keine Verwendung mehr für irdische Wärme. Aber er und Karl würden in den Lumpen, die sie am Leib trugen, keine Nacht draußen überleben.

Mit je drei Paar Socken und zwei dicken Mänteln ausgestattet, kauerten Karl und Richard sich in einen Graben und beteten, dass sie die Nacht überstehen würden. Bei Sonnenaufgang würden sie ihre Reise ins Ungewisse antreten.

Richard hatte nie Soldat werden wollen. Zuhause in Berlin hatte er seine gesamte Freizeit mit der Nase in einem Buch verbracht. Egal welches Buch. Sehr zum Leidwesen seiner Schwester Lotte, die ihn immer wieder angestachelt hatte, mit ihr irgendwelchen Blödsinn anzustellen. Das war nicht ganz uneigennützig gewesen, wie er sich erinnerte, denn wenn sie erwischt wurden, bekam normalerweise Richard, der ältere und der Junge, die Strafe ab.

In der Hitlerjugend war Richard mit seiner Position am hinteren Ende der Reihe zufrieden gewesen: der kleine, schüchterne und sanfte Knabe, der unfähig – oder besser unwillig – war, mit den anderen mitzuhalten. Stattdessen wollte er in anderen die Liebe für das geschriebene Wort entfachen. Wenn dieser Krieg nicht gewesen wäre, hätte er die Schule abgeschlossen und wäre Gymnasiallehrer für deutsche Sprache und Literatur geworden.

Aber das Schicksal hatte ihm eine Wehrmachtsuniform und abgefrorene Zehen beschert.

Kaum mehr als ein unbeholfener Schuljunge, hatte man ihn in den Kampf geworfen. Die drei Wochen Training hatten da keinen großen Unterschied gemacht. Gerade genug, um eine MP40, die Standardwaffe der Infanterie, und eine MG42 sicher bedienen zu können.

Er und Karl waren die jüngsten in ihrem Bataillon gewesen, als sie dazukamen. Siebzehnjährige Jungs, im Gegensatz zu den kampferprobten älteren und erfahreneren Männern.

Jetzt waren alle weg.

Achtzehn Monate brutale Kämpfe an der Ostfront hatten einen Mann aus Richard gemacht.

Einen Überlebenden.

Von der Befehlskette abgeschnitten und ohne Marschbefehle beschlossen sie, so lange zu gehen, bis sie eine Eisenbahnstrecke fanden. Der wollten sie westwärts folgen in der Hoffnung, irgendwann auf eine deutsche Einheit zu treffen. Ganz sicher wollten sie nicht den Russen in die Hände fallen.

Nach vielen Tagen stumpfsinniger Lauferei am Tag und Kauern in Gräben bei Nacht fanden sie Schienen. Richard und Karl liefen noch mehrere Stunden, ehe sie das Zischen und Fauchen eines herannahenden Güterzuges hörten. Da sie nicht wussten, ob es ein deutscher oder russischer Zug war, versteckten sie sich hinter einer Hecke.

„Er trägt ein Hakenkreuz“, rief Karl über den Lärm und sprang winkend auf. Der lange Zug wurde allerdings nicht langsamer.

„Lauf!“, schrie Richard und rannte auf den fahrenden Zug zu, bis er einen Haltegriff an einem der letzten Waggons erwischte. Karl sprang gleichzeitig mit ihm auf und sie rangen auf der kleinen Plattform zwischen den beiden Waggons nach Luft.

„Was jetzt?“, fragte Karl.

„Wir müssen rein, sonst frieren uns bald die Finger ab und wir fallen runter wie Eiszapfen.“

Mit gemeinsamer Anstrengung schafften sie es, die Tür aufzustemmen und plumpsten schließlich auf die hölzernen Bodendielen des dreckigen, alten Zuges, der zweifelsfrei seine Ladung irgendwo im Osten abgeliefert hatte und jetzt auf dem Rückweg war, um mehr Nachschub zu holen. Beide waren völlig erschöpft und wurden von dem monotonen Rumpeln des Zuges in den Schlaf gewiegt.

Als sie erwachten, war der Tag angebrochen und warf sein mageres Licht auf eine unbekannte und dennoch vertraut wirkende Welt.

„Hast du eine Ahnung, wo wir sind?“, fragte Richard, während sie an ehemals malerischen Städtchen vorbeifuhren, die jetzt nur noch ein trauriges Bild der Zerstörung boten.

„Nee … aber wenigstens ist es wärmer“, antwortete Karl und schälte sich aus einem seiner Mäntel. Draußen ging ein schwerer Schneeregen nieder, der alles in düstere Schlieren tauchte.

„Wie lange fahren wir jetzt schon? Zehn Stunden? Zwölf Stunden?“ Ihre Uhren hatten schon vor Monaten den Geist aufgegeben. Ob das an der brutalen Kälte der weißrussischen Taiga lag, am Qualm der Artillerie oder einer ständigen Überbeanspruchung, wusste Richard nicht. Es war ihm auch egal.

„Zwölf Stunden nach Westen, dann sollten wir irgendwo in Polen sein“, sagte Karl und zeigte auf die kaum sichtbare Sonne, die durch die Wolken hindurch den Himmel hinter ihnen schwach erleuchtete. Ihre Strahlen tauchten den Schutt neben der Zugstrecke in dämmriges Licht. Straßen und Brücken hatten aufgehört zu existieren. Wohin Richard auch blickte, sah er nur Zerstörung. Aber das Leben ging weiter. Kinder spielten in den Ruinen, der Kälte und Feuchtigkeit zum Trotz.

Richard nahm das letzte Stück Trockenfleisch aus seinem Rucksack und schlang es mit geschmolzenem Schnee aus seiner Wasserflasche herunter. Die Lokomotive tuckerte mit ihrer Last im Schlepptau scheinbar endlos weiter, wand sich um Hügel und ächzte steile Pässe hinauf. Sie schepperte und pfiff vor Überlastung und Mangel an sorgfältiger Pflege und hielt trotzdem pflichtbewusst die unersättliche Kriegsmaschinerie in Gang.

„Eines Tages wird das hier aufhören, und dann kommen die Dinge wieder ins Lot“, sagte Karl mehr zu sich selbst. Als er von seinem Freund keine Antwort bekam, fragte er: „Glaubst du das nicht, Richard? Dass es bald vorbei ist?“

„Vorbei für wen?“, erwiderte Richard und zuckte mit den Schultern, die noch immer in dem riesigen, wärmenden, grauen Mantel steckten. Zum ersten Mal seit Wochen fror er nicht, aber sonst fiel ihm nichts ein, was ihn optimistisch stimmen könnte. Es war besser, nicht über eine unsichere Zukunft nachzudenken. Stattdessen zog er ein Notizbuch und einen Bleistift heraus, die er immer in seiner Brusttasche bei sich trug und schrieb einen Brief nach Hause.

Es war seine Art, mit der Einsamkeit und Trostlosigkeit umzugehen. Briefe zu schreiben lenkte ihn von der grausigen Realität ab und bot ihm eine Zuflucht in eine bessere Welt, wenigstens für eine Weile. Keiner dieser Briefe wurde je weggeschickt, denn er hielt sie nicht für adäquat, seine innersten Gedanken auszudrücken. Trotzdem fühlte er sich mit seinen Lieben verbunden, während er die Briefe schrieb oder immer wieder durchlas.

Liebste Mutter, meine lieben Schwestern, schrieb er. Die ruckartigen Bewegungen des Zuges verwandelten seine Handschrift in kindliches Gekritzel.

Ihr werdet froh sein zu erfahren, dass es mir gut geht und ich mit meinem Freund Karl zu unserer nächsten Mission reise. Der Winter ist ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit, mit sibirischen Temperaturen von minus 20 Grad Celsius, starken Winden und mehr als eineinhalb Metern Schnee.

Viel Schnee. Er erinnerte sich an das Blut auf dem Schnee.

Viel Blut. Auch wenn er sich kaum an die Details des schicksalhaften Tages erinnern konnte, blieb der Anblick von Blut und der faulige Gestank des Gemetzels in seiner Erinnerung eingebrannt.

Mach Dir keine Sorgen, liebste Mutter, ich habe einen tollen Mantel und Wollsocken bekommen, die mich warmhalten. Das Essen reicht nicht einmal annähernd an Deine herrlichen Kochkünste heran, aber wenigstens müssen wir nicht hungern.

Heute verschaffte es ihm keine Erleichterung, den Brief zu schreiben. Sein Magen zog sich zusammen bei der Erinnerung daran, dass sie die Vorräte geplündert hatten, die für ein ganzes Bataillon gedacht gewesen waren.

In Liebe,

Dein Sohn Richard

Er schloss das Notizbuch mit einem tiefen Seufzer.

Karl schaute hoch und sagte: „Ich verstehe nicht, warum du all diese Briefe schreibst und nie abschickst.“

„Das verstehe ich selbst nicht. Ich … Ich will mich meiner Familie nahe fühlen, sie aber nicht in diesen furchtbaren Krieg hineinziehen ...“

Kapitel 2

Nach einer vierundzwanzig-stündigen Reise durch verschneites, zerstörtes Gebiet hielt der Zug in Warschau. Zerknittert wie sie waren, sprangen Richard und Karl vom Zug und fragten nach dem Hauptquartier der Wehrmacht, wo sie sich beim diensthabenden Offizier meldeten.

Leutnant Meisinger überprüfte dreimal seine Listen und konnte immer noch nicht glauben, dass die beiden dreckigen, rußverschmierten und erschöpften Soldaten vor ihm zu Oberstleutnant Schottkes aufgeriebenem Bataillon gehören sollten. Seit der verlorenen Schlacht gegen die Rote Armee und der Zerstörung des Lagers mitsamt seiner Kommunikation waren nur lückenhafte Berichte über den Vorfall eingegangen.

„Wir werden morgen darüber sprechen“, sagte er mit einem Blick auf seine Uhr und ließ die beiden wegbringen.

Richard hatte zwar keine Auszeichnung erwartet, aber dass niemand ihre Geschichte glauben würde, hatte er auch nicht gedacht. Er und Karl wurden getrennt und weggeführt.

„Danke“, sagte Richard, als ein Soldat ihm die Tür zu einem unbenutzten Raum öffnete.

„Dank mir lieber noch nicht“, antwortete der andere Mann und hielt den Schlüssel in seiner Hand hoch, ehe ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg und er wegsah.

Richard hörte erst, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde und dann sich entfernende Schritte. Dann bin ich jetzt also ein Gefangener? Meiner eigenen Armee?

Im Moment war ihm das allerdings egal. Er ging ins Bad, um ausgiebig lauwarm zu duschen. Es fühlte sich paradiesisch an, wieder sauber zu sein. Dann rasierte er sich den verfilzten, blonden Bart ab und grinste in den Spiegel. Endlich sah er wieder wie er selbst aus.

Zurück in seinem Quartier fand er eine saubere Wehrmachtsuniform auf dem Bett und eine dampfend-heiße Mahlzeit auf dem Tisch vor. Wenigstens behandelten sie ihn wie einen Soldaten und nicht wie den Gefangenen, der er de facto war.

Er zog sich frische Unterwäsche an und setzte sich hin, um jeden kleinsten Krümel seiner ersten heißen Mahlzeit seit mehr als zwei Wochen zu verputzen.

---ENDE DER LESEPROBE---