Behinderungen für Menschen mit Inklusionsproblemen - Frauke Veigel - E-Book

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Frauke Veigel

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Beschreibung

Masterarbeit aus dem Jahr 2014 im Fachbereich Philosophie - Sonstiges, Note: 2,2, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Diakoniewissenschaftliches Institut - Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und Hochschule Ludwigshafen am Rhein), Veranstaltung: Master of Arts Unternehmensführung im Wohlfahrtsbereich - Philosophie - disability studies, Sprache: Deutsch, Abstract: Die erkenntnistheoretische Masterarbeit untersucht die kognitionstheoretischen Gründe und die Kontinuität der Weiterverbreitung von Vorurteilen. Das Phänomen Angst kennzeichnet die mangelnde Fähigkeit komplexe, differenzierte Kategorien des Denkens zu bilden. Die psychologischen und sozial-psychologischen Ursachen werden nicht allein der soziologisch begründeten „anerzogenen Dummheit“ (Mitscherlich, 1969) zugeschrieben, sondern explizit der unterentwickelten personalen Intelligenz, die mit der Ängstlichkeit korreliert und somit den Nährboden für vorurteilsbehaftetes Denken der gesellschaftlichen Majorität ergibt. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit stellt ein Denkmuster dar, das unterschiedlich gefüllt sein kann. Dehumanisierung bis hin zur Elimination sind die Formen einer distanzierenden Verweigerung von Identifikation. Die Intersektorale Vorurteilsforschung stellt, als ein aktuelles Beispiel der Queer- u. Gendertheorie, dar, dass diskriminierende Zuschreibungen mehrdimensional sind und auch innerhalb von Gruppenhierarchien latent oder offen gelebt werden. Daneben werden Tokeneffekte sichtbar. Diese sozialen Konkretionen des vorurteilsbehafteten Denkens lassen kaum Revisionsmöglichkeiten zu. Bipolare Zuschreibungen bestätigen und reproduzieren die tradierten Vorurteile. Vorurteile sind immer auch mit Ressourcenverteilung, z.B. am Arbeitsmarkt, verkoppelt und so ist auch die fakultative Medizin nicht frei von Angst und Machtgefügen. Nicht-öffentliche Finanzierung und Rationalisierung führen zur sozialen Normierung. Daneben sind benevolente Vorurteile in der Pflege von Menschen mit einer Behinderung traditionell vorhanden, sie adeln die Helfenden, darin liegt ihre primäre gesellschaftliche Funktion. Mit Canguilhems Dissertation, Versuch über einige Probleme, das Normale und das Pathologische betreffend von 1943, wird ein Perspektivwechsel möglich, der dem Selbstverständnis von Menschen mit einer Behinderung als gleichwertige Menschen entspricht. Während die Medizin-Philosophie den ideengeschichtlich verankerten Gesundheitsbegriff aus seiner starr monistischen Bipolarität löst, hin zu einem komplementären Modell des Pathologischen, erlaubt auch die exemplarisch durchgeführte theologische Interpretation des Alten und Neuen Testaments diese Sicht: Die sozialen Hierarchisierungen zu überwinden.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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„Voraussetzung der Toleranz

 (sofern es sie geben kann)

ist das Bewusstsein, das kaum Erträgliche,

dass unser Denken stets ein Bedingtes ist.“

Abstract

Die Masterarbeit untersucht die kognitionstheoretischen Gründe und die Kontinuität der Weiterverbreitung von Vorurteilen. Die psychologischen und sozial-psychologischen Ursachen werden nicht allein der soziologisch begründeten „anerzogenen Dummheit“ (Mitscherlich, 1969) zugeschrieben, sondern explizit der unterentwickelten personalen Intelligenz, die mit der Ängstlichkeit korreliert und somit den Nährboden für vorurteilsbehaftetes Denken der gesellschaftlichen Majorität ergibt. Schule, Bildung und Wissenschaft haben in diesem Zusammenhang zwei wichtige Bedeutungen: Sie sind wichtig für die langfristige Inklusion und bezüglich des kritischen Denkens, der Urteilskraft. Da die simple Art der Kategorisierung als grundlegend gelten kann, erklärt sich, warum vorurteilhaftes Denken einem Muster gleicht, das unterschiedlich gefüllt werden kann. Dehumanisierung bis hin zur Elimination sind die Formen einer distanzierenden Verweigerung von Identifikation. Das Individuum, das keine Ich-Identität entwickeln konnte, braucht die überhebliche Ignoranz, die sich im exklusiven Wirgefühl der Norm einstellt und die auf einer niederschwelligen Persönlichkeitsentwicklung und einem unterentwickelten Selbstbewusstsein beruht. Retardierte neuronale Strukturen beeinträchtigen die Verknüpfungen und Ausdifferenziertheit der Kategorien und sind ferner für das mangelhafte Abstraktionsvermögen und damit für Perspektivwechsel und Empathie ausschlaggebend. Sie werden als pathologisch i.S. einer mangelhaften Fähigkeit zur Selbstreflexion angesehen, wiewohl sie die gesellschaftliche Norm repräsentieren.

Die Intersektorale Vorurteilsforschung stellt, als ein aktuelles Beispiel der Queer- u. Gendertheorie, dar, dass diskriminierende Zuschreibungen auch innerhalb von Gruppenhierarchien latent oder offen gelebt werden. Daneben werden Tokeneffekte sichtbar. Vorurteile sind immer auch mit Ressourcenverteilung, z.B. am Arbeitsmarkt, verkoppelt und so ist auch die fakultative Medizin nicht frei von Angst und Machtgefügen. Nicht-öffentliche Finanzierung und Rationalisierung führen zur sozialen Normierung. Diese sozialen Konkretionen des vorurteilsbehafteten Denkens lassen kaum Revisionsmöglichkeiten zu. Daneben sind benevolente Vorurteile in der Pflege von Menschen mit einer Behinderung traditionell vorhanden, sie adeln die Helfenden, darin liegt ihre primäre gesellschaftliche Funktion.

Inhaltsverzeichnis

 

Abstract

Teichoskopisches Vorwort

Zu Inhalt, Aufbau und Methode dieser Arbeit

Exposition:

Vorurteilsmuster nach Horkheimer

Selbstportrait durch Andere

Das wissenschaftstheoretische Konstrukt „Behinderung“ im historischen Abriss:

Zum Begriff des „Normalen“ bei Canguilhem

I. Individualität Psychologische Betrachtung: Angst, der Nährboden für Vorurteile

I.1 Fremd ist Feind

I.2 Pathologie der Vermeidung

I.3 Lernen als gesunde Auseinandersetzung

II. Identifikation Psycho-soziologische Betrachtung: nicht-reflektierte, tradierte Vorurteile in Gruppen

II.1 Vermeidung, Aggression und exklusive Dehumanisierung

II.2 Im Konfliktfall: Tokenism vs. Identifikation

II.3 Soziale Konkretion statt Revision

WISSENSCHAFTSKRITISCHER EXKURS:  Das Individuum als Objekt der Professionalisierung in der  Medizin und in der Pflege

III. Responsivität

III.1 Kurze Chronologie der ideengeschichtlichen Verflechtungen der Begriffe von gesund, normal, und pathologisch innerhalb der fakultativen Medizin seit der  Moderne

III.2 Canguilhems Begriff der „Heilung“

Theologischer Epilog

Die Téchne der Moral vs. die Logik der Ethik

Beispiele der Thora

Beispiel des Neuen Testaments

Quellenangaben:

Aphorismen

Verwendete Literatur

Anmerkungen

 

Teichoskopisches Vorwort

 

Der Alltag von Menschen mit einer Behinderung ist gekennzeichnet durch diskriminierende Exklusion.[1] Dies gilt insbesondere, wenn sie versuchen ein eigenständiges Leben in freier Wildbahn, außerhalb der Pflegeeinrichtungen und Heime, zu führen; und so hätte ich dieser Arbeit auch den Titel „Die drei Formen der Dummheit: Dummheit, Ignoranz und Überheblichkeit“ geben können. Die einfache Dummheit ist die Unfähigkeit zu lernen, Ignoranz der Unwille, dies zu tun, und die Überheblichkeit schließlich das mangelnde Bewusstsein der eigenen Beschränktheit.

 

In den vergangenen 20 Jahren hat die Behinderten-Emanzipationsbewegung[2] vieles bewegt: Wir konnten mit der Grundgesetzänderung[3] die rechtliche Anerkennung als Menschen erreichen. Menschen mit einer Schwerbehinderung, so nun die politisch-korrekte Bezeichnung, besitzen ihre eigene Vertretung, ihr Sprachrohr, sie gründeten Beratungsstellen, haben ihre eigenen Zeitschriften, geben eigene Bewerbungstrainings, haben eigene Psychologen/innen, Rechtsanwälte/innen, eigene Pflege- und Assistenzdienste, sind national und international sehr gut vernetzt. Sie spenden und organisieren Rampen für Geschäfte in der Innenstadt[4] und sie lösen sich zunehmend aus der fürsorglichen Umklammerung der Sondereinrichtungen über die budgetierte „persönliche Assistenz“, die anfangs noch jede(r) einzeln für sich erstreiten musste, für die heute ein Rechtsanspruch besteht. Und für die Zukunft am wichtigsten, konnten sie erreichen, dass Kindern mit einer Schwerbehinderung der Zugang zu „normalen“ Schulen nicht mehr verwehrt werden kann, denn nur so, durch die Begegnung, können mittelfristig Vorurteile abgebaut und langfristig eine Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft erreicht werden. Dies und vieles mehr zumeist aus eigener Kraft, mit eigenen Mitteln.

 

Die bundesdeutsche Behindertenbewegung hat von Anfang an im Konsens der einzelnen Gruppen vor Ort entschieden, dass wir uns nicht über Leistung profilieren wollen, für ein bisschen Anerkennung und womöglich die Chance auf einen bezahlten Job, damit diejenigen von uns, denen dieser Weg versperrt ist (aufgrund ihrer Behinderung), nicht außen vor bleiben; es wäre sonst zu leicht, sie komplett auszubooten, d.h. ihnen letztendlich das Recht auf Leben abzusprechen.[5] Ich nenne dies das Mendelsohn-Problem: Die, die konvertieren, dürfen bleiben und sparen die Sonder-Kopfsteuer, und die, die das nicht wollen oder aus irgendeinem Grund nicht können, was passiert mit denen? Sie verlieren jedwede Legitimation.[6] Die aktiven Menschen mit einer Schwerbehinderung haben das ganz bewusst gesehen und entschieden, dass wir alle Menschen sind – egal, ob ein bisschen mehr oder weniger „geistig behindert“.

 

Mit der Grundgesetzänderung[7] wurde der rechtliche Rahmen gesteckt, der im sozialen Umfeld gefüllt werden muss. Dies betrifft primär helfende und unterstützende Personen, und veranlasst (durch die UN-Aufforderung von 2008[8]) auch die Einrichtungen selbst, die MitarbeiterInnen der Einrichtungen und ihre Führungen, die Inklusionsbestrebungen der Behinderten- Emanzipationsbewegung zu befördern, denn hier beschränken sich die Aktivitäten bislang immer noch grundsätzlich darauf, uns kompatibel zu machen, was allgemein als „defizitfokussierende Sichtweise“ beschrieben wird. Wissen um die alltäglichen Auseinandersetzungen und ihre Ursachen soll deren Arbeit erleichtern. Die soziale Konfrontation bedeutet Gewalt an Menschen mit einer Behinderung[9]. Sie ist begründet in den Machtverhältnissen und in der Anthropologie einer oberflächlich zivilisierten Gesellschaft. Die Gewalt besteht in den repressiven gesellschaftlichen Strukturen, deren brutale Auswüchse zu den ganz alltäglichen Lebenserfahrungen von Menschen mit einer Schwerbehinderung gehören: der Ausgrenzung. Begründet wird sie, die Exklusion, mit vorgeschobenen, pseudorationalen Argumenten und Sachzwängen, die auf Leistung bzw. Unfähigkeit und finanzielle Gründe rekurrieren. Dass dies nur scheinbare Gründe sind, belegt beispielsweise der signifikant bessere Bildung- u. Ausbildungsstand arbeitsloser Menschen mit Behinderung im Vergleich zu denen ohne Behinderung[10], oder die allgemeine Beschäftigungsquote oder die Lebenssituation von Frauen, die intersektoral betroffen sind.[11] Bezeichnend ist, dass die breite Öffentlichkeit keinerlei Verständnis hat für die Belange von Menschen mit einer Behinderung – verwunderlich ist es nicht, denn es verhält sich analog zu der exklusiven gesellschaftlichen Stellung, die wir innehaben. Der gesellschaftlichen Gewalt in ihrer realen Konkretion, der Exklusion, der Isolation von der Teilhabe am öffentlichen Leben, fehlt in einem demokratischen Rechtsstaat jedoch die Legitimation, denn der sinnlich wahrgenommene Unterschied ist kein kategorialer: Solches wäre bei Leibeigenen vs. Freien der Fall, oder bei unmündig gehaltenen Frauen[12]. Doch die Ungleichheit beruht auf Zufall, seien es äußerliche Umstände oder individuell gegebene Qualitäten (z.B. der IQ) und ist deswegen nur ein gradueller, was nichts anderes bedeutet, als dass wir alle „Menschen“ sind. Es geht bei der Behinderten-Emanzipations-Bewegung also keineswegs um die Nivellierung von sinnlich-wahrnehmbaren Unterschieden, sondern um ein menschenwürdiges Leben, was Entfaltungsmöglichkeiten und Partizipation an materiellen und immateriellen Gütern beinhaltet. So geht es in dieser Arbeit darum, die bestehenden Gründe aufzudecken, von denen die wesentlichen Formen vorurteilsbehafteten Denkens und Handelns abhängen.

 

Die hohe Resilienz[13] von Menschen mit einer Schwerbehinderung resultiert aus den Alltagserfahrungen; wir haben zahlreiche Schutz- und Bewältigungsstrategien erlernt, sind in hohem Maße stress- und mobbing[i]-resistent – zwangsläufig![14] Eigene, behinderte Psychologinnen und Psychologen wissen um die Ängste und Vorurteile der Umwelt und erklären sie den Ratsuchenden, damit sie sie in ihrem Alltag besser handeln können, indem sie sich über die oktroyierte Opferrolle hinwegsetzen.

 

Dieses Wissen um die gesellschaftliche Gewalt gegenüber Menschen mit einer Schwerbehinderung, kann auch für die qualifizierten, nicht-behinderten Inklusionsbegleiter (Pflegepersonal) nutzen. Eigenverantwortung und die Verantwortung für die betreuten Personen heißt, die soziale Gewalt zu mildern, indem der Isolation vom öffentlichen Leben entgegengewirkt wird. Es besteht die „Chance für einen Wechsel der Blickrichtung, der den Menschen nicht bei seinen Defiziten behaftet, sondern trotz seiner Bedürftigkeit wahr- und ernst nimmt.“[15]

 

Der Begriff Isolation mag verwundern, doch ohne Arbeit kein Geld, d.h. kaum Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben. Der Ausdruck Gewalt mag übertrieben klingen, doch alltägliche Diskriminierung ist brutal, macht mürbe. Es mag kaum nachvollziehbar sein, dass wir Behinderung als gesellschaftliches Konstrukt bezeichnen, doch ist es, so die Absicht dieses Vorwortes, dem Verstand etwas näher gekommen, für die, die diese gesellschaftliche Realität nicht aus eigener Erfahrung kennen. Für die nun folgende Arbeit werde ich mich bemühen, dem Phänomen nach wissenschaftlichen Kriterien und sachlich auf den Grund zu gehen – doch ohne meine Identität zu verbergen.

 

Mein besonderer Dank gilt allen BiBeZ-Frauen, ohne die ich nie so weit gekommen wäre, und meiner Mutter.

 

Zu Inhalt, Aufbau und Methode dieser Arbeit

 

Horkheimers Reden zum Thema Vorurteile – zusammen mit Adorno, Fromm et. al. betrugen die empirischen Untersuchungen immerhin fast 30 Jahre Feldforschung, sodass eigentlich alles gesagt ist - bilden den Ausgangspunkt zu meiner erkenntnistheoretischen Vorurteilstheorie. Ich gehe dabei davon aus, dass

 

I. personale Ängste der Nährboden für Vorurteile sind,

II. die verweigerte Identifikation mit dem Anderen, die als Vermeidungsstrategie zu verstehen ist, neben der Aggression im situativen Konfliktfall, also dann, wenn Vermeidung unmöglich erscheint, zur konkreten Umweltgestaltung führt. Im Umfeld dieser Konkretionen ist eine Revision kaum noch möglich, zumal dafür die persönlichen Anreize fehlen. Die direkte Folge ist Exklusion.

 

In Anlehnung an Canguilhems Begriff einer pathologischen Heilung folgt daraus in Kapitel III dieser Arbeit, dass die verweigerte Identifikation von „normalen Menschen“ mit solchen, die sich unterscheiden, bei Ersteren von einem pathologischen Bewusstsein zeugt.

 

Entsprechend sind die Kapitel eingeteilt.

 

Die multidisziplinäre Argumentation entspricht einer erkenntnistheoretischen Beweisführung, die auch die professionelle Rationalisierung und Objektivierung im Rahmen einer Wissenschaftskritik untersucht. Der pseudowissenschaftliche Umgang mit Minderheiten stellt sich im Spannungsfeld zwischen normativem Objekt und Subjekt, zwischen Unterschied und Identität dar. Die Ich-Identität erscheint in den Kapiteln I und II als das selbstbewusste Subjekt, welches ein gesundes Bewusstsein trägt – und nur so zu einer Identifikation mit dem Anderen überhaupt fähig ist. Anders gesagt: Wer sein Ego allein über das „Wir-Gefühl“, die sinnlich wahrnehmbare Gleichheit zur Norm, definiert, ist nicht dazu in der Lage, einen „gemeinsamen Nenner“, das Verbindende zwischen verschiedenen Menschen, zu sehen – weil das Ego, das Selbstbild und Selbstwertgefühl sonst nicht mehr aufrecht erhalten bleibt. Diese Borniertheit ist Ausdruck eines unreflektierten, pathologischen Bewusstseins und ist kennzeichnend für die Intoleranz des Vor-Urteils[16]. Es ist der Widerspruch zum (eigen-)verantwortlichen Subjekt, bzw. Individuum, das unter dem Canguilhems Begriff der Responsivität in Kapitel III eingeführt wird.

 

Abschließend soll mit dem theologischen Epilog eine andere, menschliche Sichtweise möglich werden, wie die narrativen Geschichten und Gleichnisse der Bibel dies offerieren. Denn: Vernunft ist nicht Ratio alleine, sie setzt die Emotio und die Sinnlichkeit voraus, Wissenschaft ist nicht Welt, sie ist eine Sichtweise, die uns hilft, die Welt und den Anderen besser zu verstehen, wie Wahrheit nicht mit Wirklichkeit gleichzusetzen ist. Ich werde hierzu chronologisch vorgehen und zuerst exemplarische Stellen des Alten Testaments, der Thora, anführen und darauf ein Beispiel des Neuen Testaments.

 

Wenn das Individuum (Kap. I) im Fokus der Untersuchung steht, stellt sich die Frage nach den kognitiven Prozessen, die bei manchen Menschen zu vorurteilsvollem Denken und Handeln führen. Es sind dies universale, einfach strukturierte Formierungen des Denkens, die gleichwohl nicht im isolierten Raum entstehen, sondern im Austausch mit der sozialen Umwelt. Das Denken des Individuums wird von seiner Umgebung beeinflusst – der Grad an Autonomie dabei ist vom Intellekt abhängig.

 

Wenn machtstrukturelle Vorurteile (Kapitel II), also solche, die sich auf ein Abweichen von der Majorität beziehen, Muster sind, die unterschiedlich gefüllt werden können, sodass das Ausgrenzungsmerkmal austauschbar ist, wovon ich ausgehe, dann stellt sich die Frage, warum ich gerade Menschen mit einer Schwerbehinderung als abweichende Minderheit ausgewählt habe. Ich tat dies, weil wir in besonders offenkundiger Weise Ängste provozieren. Gerade wenn die Behinderung sichtbar ist, dienen wir als Projektionsfläche für die missliebigen Vorstellungen von Krankheit, Unfall und Tod. Dies sind die Ängste, von denen sich kein Mensch je gänzlich befreien kann, weil niemand gegen sie gefeit ist. Folglich werden die Angstreaktionen[17] hier besonders deutlich, was jedoch Ängste vor Fremdem nicht ausschließt. Im Lateinischen sind fremd und feind der gleiche Begriff und immer, wenn sich eine Differenz zeigt, verlangt dies eine Auseinandersetzung vom Individuum. Die notwendige Neupositionierung ist ein gelungener Lernprozess – für sein Scheitern können zwei Fälle verantwortlich sein: die Unfähigkeit zu lernen oder der Unwille zu lernen. Die mangelnde Motivation kennenzulernen, spiegelt die eigene Angst vor Veränderung und möglicherweise auch vor Vergänglichkeit bzw. die Unfähigkeit mit ihr umzugehen. Sie lässt sich als kausale Pathogenese der Vermeidung und Verweigerung der Identifikation bezeichnen; Sie macht die Akzeptanz von Unterschieden unmöglich. In beiden Fällen findet keine Verinnerlichung des Neuen, des Fremden statt, die ein ausgleichendes Gegengewicht zur Differenz eröffnen könnte und keine Erweiterung des Selbst.

 

Exposition:

 

Vorurteilsmuster nach Horkheimer

 

Ein Vorurteil oder „verhärtetes Urteil“[18] ist nach Horkheimer ein Urteil, das zu rasch gefällt wurde, d.h. nicht belegt und dennoch generalisiert. Dergestalt übertragen auf „Kategorien“ von Leuten entspricht es einem Klischee, Stereotyp oder wird schlicht zum Gemeinplatz.[19] Es zeigt sich als verallgemeinerte Antipathie, soziale Benachteiligung, auf schwächere Gruppen gerichteter Hass, organisierte Verfolgung, bis hin zu entfesselter Mordlust.[20]

 

Als Ursache von Vorurteilen steht zuerst die Eigenliebe, das Bedürfnis nach Prestige i.S.v. positiven Vorurteilen über sich selbst, also dem Selbstbild, das auch nach außen vermittelt werden soll und schließlich die Machtgier, der Neid und die Grausamkeit.[21] Es erfüllt primär irrationale Funktionen beim Urteilenden, was bedeutet, dass eben nicht die angeführten Gründe zur vorurteilsbehafteten Haltung geführt haben, sondern Affekte. Dadurch wird das Vorurteil immun gegen Argumente, die der Begründung entgegenstehen, weil die eigentlichen Momente ganz andere sind. Das Vorurteil kann also nie zu „…einem rationalen Ende…“ kommen und der affektive Drang wird nie wirklich befriedigt oder verarbeitet.[22]

 

Das Vorurteil ist attraktiv, „…weil es dem Subjekt gestattet, schlecht zu sein und sich dabei für gut zu halten“[23], denn der äußerlich rationale Grund spiegelt in Wirklichkeit einen geheimen, verbotenen Wunsch.[24] Wahrheit und Wirklichkeit klaffen im vorgeblichen Selbstbild auseinander.

 

Zerstörerische Triebe und „…die Umstände des gesellschaftlichen Lebens treiben…“ zum Vorurteil, es sind demnach psychologische wie auch soziale Mechanismen im Spiel. Es sind Ablenkungsmanöver oder Verdrängungsmechanismen, denn wer das „…je gefundene Opfer [am lautesten F.V.] verhöhnt, […] den plagt die Schwäche, die er beim anderen findet, damit er sie bei sich besser vergessen kann.“[25] Der irrationale Hass bzw. die Aversion vergeht nicht, wenn der Grund weggefallen ist, er bleibt bestehen. Als Beispiel führt Horkheimer die Konkurrenzsituation an, die zu einer Entschärfung kommt, sobald der Konkurrent abgehängt ist; anders beim destruktiv-irrationalen Vorurteil.

 

Das destruktive Vorurteil – in Abgrenzung zum ursprünglich harmlosen Vorurteil, das auf einer „…früheren Erfahrung und Entscheidung“[26] beruhende Urteil, welches bewusst oder halbbewusst verallgemeinernde Aussagekraft für Alltagssituationen erfährt –, das verhärtete, zerstörerische Urteil also, von dem hier die Rede ist, stellt zwei Seiten einer Sache dar: Der Anstoß, das Ausgrenzungsmoment, ist ein Index der eigenen Verfasstheit, die abwertende Projektion verhält sich negativ reziprok zur Aufwertung der eigenen Person oder Gruppe, bzw. des Selbstbildes oder der kollektiven Identität.[27] Das derart „aufgeblähte Ich“[28], das vorzugsweise in einem Kollektiv aufgeht, degradiert den Einzelnen unter den Allgemeinbegriff, eliminiert geradezu sein autonomes Wesen, seine Identität und Persönlichkeit. „Er gehört [nun F.V.] zu einer niederen Gattung. Die Verfolgungen sind [nun F.V.] logische Konsequenzen.“[29]

 

Für diejenigen, die Vorurteile pflegen, sieht die Sache anders aus: „Je weniger sie ihr eigenes Subjekt infrage stellen, desto rascher sind sie bei der Hand, die anderen anzuklagen.“[30] Solche vorurteilsvollen, „autoritären Charaktere“ zeichnen sich aus durch:

 

hierarchisches Denken

 

Einteilung der Menschengruppen in Sorten od. Arten

 

konservativ-anpasslerische Haltung

 

Unfähigkeit, Fehler und Schuld bei sich selbst zu suchen

 

opportunistische Anpassung an die jeweiligen Machtverhältnisse