Bei mir bist du sicher & Ihr erster Ehemann - McGarvey Black - E-Book

Bei mir bist du sicher & Ihr erster Ehemann E-Book

McGarvey Black

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Beschreibung

Zwei Frauen, zwei verhängnisvolle Entscheidungen – und die Angst, die Vergangenheit könnte sie einholen
Zwei nervenaufreibende Psychothriller über unerwünschte Wünsche und tödliche Wahrheiten

Bei mir bist du sicher

Tori und ihr Mann wünschen sich nichts sehnlicher als ein gemeinsames Baby und haben schon alles versucht, aber nichts hat funktioniert. Jetzt warten sie auf eine Adoption, die jedoch Jahre dauern wird. Eines Tages trifft Tori am Strand auf Sasha und ihren entzückenden kleinen Sohn. Als Sasha sie bittet, kurz auf ihn aufzupassen und nicht zurückkehrt, entscheidet sich Tori blitzschnell: Sie nimmt das Baby mit nach Hause. Der Kleine ist hinreißend. Sie nennt ihn Jonah. Doch was passiert, wenn ihr Mann nach Hause kommt und Toris Geheimnis herausfindet? Von Schuldgefühlen und mysteriösen Botschaften verfolgt, muss Tori um ihren größten Wunsch kämpfen. Denn jemand weiß was sie getan hat …

 

Ihr erster Ehemann

Kat Sullivans Leben scheint perfekt: Ein Traumjob, ein gutaussehender, treuer Ehemann, ein schönes New Yorker Haus und ein Baby unterwegs. Doch ihr Glück steht auf Messers Schneide, als sie eines Tages einen Brief in den Händen hält:

„ICH BIN SO NAH, DASS ICH DICH FAST RIECHEN KANN.

Niemand weiß von Kats dunklem Geheimnis: Sie war schon einmal verheiratet. Mit einem Mann, von dem sie dachte, sie hätte ihn für immer aus ihrem Leben verbannt. Doch er ist zurück und Kat muss den Preis dafür zahlen – und jeder, der ihr nahe steht …

Erste Leser:innenstimmen
„Ein packender Sammelband über schicksalhafte Entscheidungen, mitreißend und unglaublich spannend.“
„Zwei ungewöhnliche Thriller mit einigen unerwarteten Wendungen – nichts für schwache Nerven!“
„Was für ein Nervenkitzel, ein absolutes Muss für alle Domestic Thriller-Fans.“
„Abgründig und fesselnd – zwei Psychothriller über düstere Geheimnisse und die Grenzen von Moral und Liebe.“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 829

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses E-Book

Bei mir bist du sicher

Tori und ihr Mann wünschen sich nichts sehnlicher als ein gemeinsames Baby und haben schon alles versucht, aber nichts hat funktioniert. Jetzt warten sie auf eine Adoption, die jedoch Jahre dauern wird. Eines Tages trifft Tori am Strand auf Sasha und ihren entzückenden kleinen Sohn. Als Sasha sie bittet, kurz auf ihn aufzupassen und nicht zurückkehrt, entscheidet sich Tori blitzschnell: Sie nimmt das Baby mit nach Hause. Der Kleine ist hinreißend. Sie nennt ihn Jonah. Doch was passiert, wenn ihr Mann nach Hause kommt und Toris Geheimnis herausfindet? Von Schuldgefühlen und mysteriösen Botschaften verfolgt, muss Tori um ihren größten Wunsch kämpfen. Denn jemand weiß was sie getan hat …

Ihr erster Ehemann

Kat Sullivans Leben scheint perfekt: Ein Traumjob, ein gutaussehender, treuer Ehemann, ein schönes New Yorker Haus und ein Baby unterwegs. Doch ihr Glück steht auf Messers Schneide, als sie eines Tages einen Brief in den Händen hält:

„ICH BIN SO NAH, DASS ICH DICH FAST RIECHEN KANN.“

Niemand weiß von Kats dunklem Geheimnis: Sie war schon einmal verheiratet. Mit einem Mann, von dem sie dachte, sie hätte ihn für immer aus ihrem Leben verbannt. Doch er ist zurück und Kat muss den Preis dafür zahlen – und jeder, der ihr nahe steht …

Impressum

Deutsche Erstausgabe Juni 2025

Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-69090-293-9

Copyright © 2024, Joffe Books Titel des englischen Originals: The Baby I stole

Copyright © 2023, Joffe Books Titel des englischen Originals: The first Husband

Dieses Bundle enthält die Romane Bei mir bist du sicher (ISBN 978-3-98998-431-8) und Ihr erster Ehemann (ISBN 978-3-98998-868-2), die 2024 und 2025 bei Joffe by dp, einem Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH, erschienen sind.

Übersetzt von: Dorothee Scheuch, Eleonore Laubenstein Covergestaltung: ArtC.ore-Design / Wildly & Slow Photography, Anne Gebhardt unter Verwendung von Motiven von © dp DIGITAL PUBLISHERS Korrektorat: Katharina Pomorski, Katrin Ulbrich

E-Book-Version 12.06.2025, 11:13:06.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Bei mir bist du sicher & Ihr erster Ehemann

Bei mir bist du sicher

Prolog

Das Schrillen einer Pfeife zerfetzt die Luft. Ich schaue auf und sehe, wie zwei Rettungsschwimmer von ihrem Hochsitz in den Sand springen. Sie wedeln mit den Armen als Signal für alle, aus dem Ozean zu kommen. Die meisten Leute am Strand stehen auf und gehen aufs Wasser zu. Ich stehe auf meinem Handtuch, auf halber Strecke zwischen Ufer und Parkplatz, und versuche, einen Blick auf das Geschehen zu bekommen. Mehrere junge Männer laufen an mir vorbei. Ich höre einen von ihnen deutlich das Wort „Hai” sagen. Ein Schauer überläuft mich. In den Hamptons wurden schon einmal Haie gesichtet.

Draußen auf dem Wasser sehe ich, wie drei junge Rettungsschwimmer mehrfach untertauchen. Eine Menschentraube bildet sich am Ufer, alle reden durcheinander und deuten hinaus aufs Meer. Einige filmen das Chaos. Es ist wie im Tollhaus.

Ich kann nicht genau ausmachen, was sich dort abspielt, aber die Neugierde überwältigt mich und ich gehe ebenfalls aufs Wasser zu. Auf dem Weg dorthin kommen mir zwei jugendliche Mädchen entgegen.

„Was ist da los?“, rufe ich ihnen zu. „Ist jemand verletzt?”

„Ein Typ meinte, eine Frau ist untergegangen“, sagt die eine. „Die Strömungen sind richtig schlimm heute.“

Mein Puls wird schneller, als ich das ausbrechende Chaos an der Brandung sehe.

„Also kein Hai?“, frage ich.

„Ich glaub nicht“, sagt die andere. „Ein Kind erzählte uns, dass eine Frau seit fünfzehn Minuten vermisst wird. Kann man das überleben, wenn man so lange unter Wasser war?“

Ich zucke mit den Schultern und schüttele dann den Kopf. Ein übles Gefühl überkommt mich. Die Sonne scheint mir in die Augen, aber als ich mich dem Wasser nähere, kann ich deutlich sehen, wie die Rettungsschwimmer verzweifelt versuchen, die vermisste Frau zu finden.

Sasha ist nun seit zwanzig Minuten unter Wasser. Sie kann nicht mehr am Leben sein.

Ich beobachte die traurige Szene in der Brandung für einen Moment, bevor ich mich umdrehe. Mit vollen Armen gehe ich den Strand hinauf zurück zu meinem Handtuch. Das ist der Moment, in dem ich einen schnellen Entschluss treffe, von dem ich weiß, dass er mein Leben für immer verändern wird. Ich greife nach den Strandtaschen, fülle sie so schnell wie möglich und werfe sie mir über die Schultern. Dann hebe ich den Tragekorb hoch.

Bevor ich den finalen Schritt wage, schaue ich mich noch ein letztes Mal um, um sicherzustellen, dass ich keine Spuren hinterlassen habe. Alle anderen sind nur auf das Drama fokussiert, das sich im Wasser abspielt, nicht auf mich. Nach einem weiteren schnellen Rundumblick mache ich meinen ersten Schritt Richtung Parkplatz, in meinem Kopf nur ein Gedanke – zum Auto zu kommen, bevor sie es herausfinden.

Ich habe es noch nicht weit geschafft, als zwei Polizeiautos mit eingeschaltetem Blaulicht vorfahren. Mein Herz schlägt wie wild und ich kann praktisch spüren, wie das Blut in meinen Adern rauscht. Ich frage mich, ob diese Strapazen für mein Herz das ausschlaggebende Ereignis sein werden, das mich nun umbringt. Davor haben mich die Ärzte alle immer gewarnt.

Vier Polizeibeamte springen aus dem immer noch laufenden Wagen und rennen direkt auf mich zu.

Sie wissen Bescheid. Sie kommen, um mich zu holen. Mein Mann wird es nicht verstehen. Ich bin jetzt Mutter. Eine Mutter würde alles tun, um ihr Kind zu beschützen, sogar ins Gefängnis gehen oder Schlimmeres.

Fünfzig Meter trennen mich noch von der herannahenden Polizei. In dreißig Sekunden haben sie mich und alles ist vorbei.

Neunundzwanzig.

Achtundzwanzig

Siebenundzwanzig.

Eine Stimme schreit in meinem Kopf. Hör auf und alles wird so sein, wie es war.

Tief in meinem Inneren weiß ich, dass die Stimme lügt. Manche Dinge können nie wieder so sein, wie sie mal waren, egal wie sehr wir uns das auch wünschen.

Dreizehn.

Zwölf.

Elf.

Ich höre nicht hin und bewege mich weiter auf mein Auto zu.

Ich werde niemals jemandem erzählen, was heute passiert ist, nicht einmal meinem Mann. Dies wird für den Rest meines Lebens mein alleiniges Geheimnis bleiben.

Die Polizisten sind jetzt so nah, dass ich praktisch die Farbe ihrer Augen erkennen kann. Einer hat ein Muttermal auf seiner linken Wange. Ich drehe den Kopf, um Augenkontakt zu vermeiden, und fummele an meinen Strandtaschen herum, bevor ich einen kurzen Blick riskiere. Da realisiere ich, dass sie nicht mich ansehen. Sie schauen an mir vorbei aufs Meer. Sie sind gar nicht meinetwegen hier, sondern wegen ihr.

Drei.

Zwei.

Eins.

Die Polizisten stürmen an mir vorbei und meine Beine verwandeln sich in Gummi, kaum in der Lage, meinen adrenalingeladenen Körper zu tragen. Um mir selbst Halt zu geben, grabe ich meine Zehen tiefer in den warmen Sand und versuche, ruhig zu meinem Auto zu gehen. Leichter gesagt als getan.

Hastig verlade ich meine Sachen auf dem Rücksitz, schließe die Türen und rutsche hinter das Steuer. Sobald das Auto gestartet ist, trete ich aufs Gaspedal und fahre so schnell es geht vom Parkplatz, dass die Reifen den Kies nur so aufwirbeln. Als ich den Highway erreiche, steht jeder Nerv meines Körpers in Flammen.

Nachdem ich ein wenig Entfernung zwischen mich und Rocky Point Beach gebracht habe, wage ich einen Blick in den Rückspiegel. Niemand ist hinter mir, also verringere ich die Geschwindigkeit, wenn auch nur ein wenig. Ich muss so weit weg von hier kommen wie nur möglich, bevor irgendjemand mich oder mein Auto erkennt.

Das Strandhaus meiner Eltern liegt zehn Minuten landeinwärts am anderen Ende der Halbinsel. Einige Blöcke von ihrem Haus entfernt, biege ich vom Highway ab und halte am Straßenrand, um meinen Mann anzurufen.

Es klingelt viermal, bevor er rangeht.

„Daniel“, sage ich mit vor Aufregung bebender Stimme. „Du wirst nicht glauben, was passiert ist. Ich habe großartige Neuigkeiten …“

Kapitel 1

DIE EHEFRAU

Drei Stunden zuvor

Es ist ein klarer Junimorgen am East End von Long Island. Die Autofenster sind heruntergelassen, als ich auf den Parkplatz von Rocky Point Beach einbiege und den letzten freien Platz erwische. Es gibt nur zwanzig. Rocky Point wird hauptsächlich von den Ortsansässigen besucht. Er ist nie überfüllt wie einige der anderen Strände. Mein Plan für heute ist, für ein paar Stunden in ein neues Buch abzutauchen und vielleicht ein kleines Nickerchen zu machen.

Als meine Füße den Sand berühren, halte ich Ausschau nach meinem Lieblingsplatz am rechten Strandufer. Dort befindet sich ein einsamer Baum, der Schatten spendet, aber nur am Morgen. Wann immer mein Mann und ich herkommen, bestehe ich darauf, dass wir unser Lager unter diesem Baum aufschlagen. Zu viel Sonne schadet der Haut. Wenn man über vierzig ist, muss man besonders darauf achtgeben.

Ich schlendere durch den warmen Sand auf „mein“ Plätzchen zu. Als ich näherkomme, bemerke ich eine andere Frau, die augenscheinlich die gleiche Idee hatte. Sie ist jünger als ich, mit langem dunklem Haar und einem großen Schlapphut aus Stroh mit einer roten Schleife. Ich bleibe stehen und schaue mich nach einer Alternative um, wohlwissend, dass es keine gibt. Ich war hier schon unzählige Male und es gibt nur diesen einen schattigen Ort. Der Rest des Strandes ist fast leer. Ob sie es wohl seltsam finden würde, wenn ich mich direkt neben sie setze, obwohl es so viele andere Stellen gibt? Ich muss auf meine Haut achtgeben, also gehe ich weiter auf sie zu.

„Entschuldigen Sie“, sage ich, als ich mich ihr nähere, „ich hoffe, es stört Sie nicht, aber das ist der einzige Ort am Strand mit ein wenig Schatten, und ich wollte fragen …“

„Es ist ein freies Land. Setzen Sie sich“, erwidert sie mit einem Lächeln und schiebt ihre dunkle Sonnenbrille entlang ihrer perfekt geraden Nase ein Stückchen höher. „Mich stört es nicht, wenn Sie der Lärm nicht stört.“

Lärm? Ich sehe hinunter. In einem transportablen Autositz liegt ein Baby.

„Keine Sorge“, sagt sie mit einem leichten, aber hörbar slawischen Akzent, „er ist ein sehr guter Junge, er weint kaum.“

Ich lächle und lehne mich vor, um einen Blick auf das schlafende Kind zu werfen. Als ich sein Gesicht sehe, stockt mir der Atem. Zarte, hellbraune Haarsträhnen, winzige geschwungene, rote Lippen und die süßesten Pausbäckchen – er ist zauberhaft.

„Er ist wunderschön“, sage ich. „Wie alt ist er?“

Die Frau steht auf und enthüllt ihren marineblauen Einteiler. Sie streckt ihre Arme über die Brust, zuerst den einen, dann den anderen. Sie ist unglaublich durchtrainiert und ich bin ein wenig neidisch.

„Er ist vier Monate alt“, sagt sie, „und er ist die Liebe meines Lebens.“

Ich schaue zu ihm zurück und sehe, dass er ein blasses Geburtsmal zwischen den Augen hat. Ihr scheint aufgefallen zu sein, dass ich es betrachte, denn sie sagt: „Es war viel dunkler, als er geboren wurde. Die Ärzte sagen, sein Mal wird in ein paar Monaten verschwinden und alles wird perfekt sein.“

„Ich bin mir sicher, die Ärzte werden Recht behalten. Man kann es jetzt schon kaum mehr sehen.“

Sie nickt. „Ich hoffe es.“

„Sie sehen übrigens fantastisch aus“, sage ich voller Bewunderung für ihre Figur. Ich trainiere einmal die Woche mit einem Fitness-Trainer und sehe nicht halb so gut aus wie sie, und das kurz nach der Geburt. Das Leben kann so unfair sein.

Sie nickt. Ich lächle verlegen und lege mein Handtuch so weit von ihr entfernt wie möglich, aber immer noch im Schatten. Sobald ich mich arrangiert habe, lege ich mich hin und drehe mich auf den Rücken, um mich auszustrecken. Normalerweise kann ich stundenlang am Strand liegen, aber heute bin ich ruhelos. Ich warte ein paar Minuten und drehe mich wieder auf den Bauch, ziehe mein Buch heraus und beginne zu lesen. Trotz aller Bemühungen kann ich mich nicht konzentrieren. Etwas an dieser Frau mit dem Akzent und dem Baby fasziniert mich. Ich ertappe mich dabei, wie ich mehrfach zu ihnen hinüberspähe, während ich so tue, als würde ich lesen.

„Mir ist aufgefallen, dass Sie einen leichten Akzent haben“, rufe ich. „Wo kommen Sie her?“

Sie klappt die Krempe ihres Strohhuts zurück, späht mich über den Rand ihrer Sonnenbrille an und lächelt. Jetzt kann ich erkennen, dass sie dunkelbraune Augen hat, professionell geformte Brauen und einen kleinen Schönheitsfleck neben ihrem rechten Auge.

„Sie haben ein gutes Ohr“, sagt sie. „Den meisten Leuten fällt es nicht auf. Ich komme ursprünglich aus Tschechien, aber ich lebe in den USA, seit ich elf bin. Waren Sie schon mal in Prag?“

„Nein, aber ich hab gehört, dass es dort wunderschön sein soll.“

„Sie sollten es mal während der Frühlingszeit besuchen“, sagt sie, während sie nach ihrem Baby schaut. Sie fummelt an seinem Deckchen herum und legt sich dann wieder auf ihr Handtuch.

Es gibt nichts mehr zu sagen, also wende ich mich wieder meinem Buch zu, lasse aber die junge Frau aus Prag nicht ganz aus den Augen. Ich beende ein Kapitel und greife nach einem Kaugummi. Vielleicht ist es immer noch Interesse, vielleicht aber auch einfach nur Neugierde, aber ich rufe ihr zu: „Wollen Sie einen Kaugummi?“

Sie setzt sich auf und lächelt. „Liebend gern. Meine Kehle ist so trocken.“

Ich versuche, nicht zu ächzen, als ich mich aufrichte. Ich stehe auf, laufe durch den Sand auf sie zu und reiche ihr ein Stück. Sie dankt mir und ich kehre zu meinem Handtuch zurück.

„Ich liebe diesen Strand“, sage ich, laut genug, dass sie es hören kann, als ich mich hinsetze. „Nie überfüllt und es sind immer Rettungsschwimmer da. Lieber haben als brauchen.“

„Ich bin heute zum ersten Mal hier“, sagt sie. „Ich bin erst vor einer Woche aus Chicago hergezogen. Über den Sommer habe ich ein Airbnb gemietet. Morgen fange ich mit der Jobsuche an. Leben Sie hier?“

Ich schüttle meinen Kopf. „Ich bin für ein paar Wochen im Sommerhaus meiner Eltern, während sie in Europa sind. Mein Mann und ich leben in Brooklyn. Ich arbeite für eine Kunstgalerie in Manhattan.“

„Ich liebe Kunst. Und Ihr Mann?“

Ich lächle. „Er ist Schauspieler.“

„Sie haben also einen Filmstar geheiratet“, sagt sie mit einem Grinsen, als sie ihr rechtes Bein hochreckt, den Fuß streckt und das Bein mit den Armen an sich heranzieht.

Ich lache. „Nicht ganz. Daniel wartet noch auf seinen großen Durchbruch. Er hatte die ein oder andere Statistenrolle in ein paar Filmen und Fernsehserien. Er war auch in einigen Off-Off-Broadway-Stücken, aber nichts von Bedeutung. Er verdient sein Geld vor allem mit Modeljobs für Männermode und solchen Sachen.“

„Er muss sehr gut aussehend sein.“

Ich grinse. „Ich finde schon.“

„Haben Sie Kinder?“

Ich presse meine Lippen aufeinander, während ich versuche abzuwägen, wie viel ich von meinem Privatleben mit einer völlig Fremden teilen möchte. Ich beantworte ihre Frage ehrlich, weil mir nach Reden zumute ist und sie nett wirkt. Außerdem werde ich sie wahrscheinlich eh nie wiedersehen.

„Noch nicht“, sage ich. „Wir haben es versucht, aber hatten bisher kein Glück.“ Das scheint ihr Interesse zu wecken, denn sie dreht sich auf die Seite, stützt den Kopf auf die Hand und schaut mich direkt an. Ich habe ihre volle Aufmerksamkeit, also fahre ich fort. „Ich habe diese dumme Sache mit dem Herzen und meine Ärzte wollen, dass ich mich darauf konzentriere.“ Sie nickt und ich lenke die Unterhaltung auf sie zurück. „Sind Sie mit Ihrem Mann hier?“

„Es gibt nur mich und meinen Sohn“, sagt sie, streckt die Hand in den Tragekorb und streichelt ihren Sohn sanft. Ich beobachte diesen zärtlichen Moment zwischen Mutter und Sohn mit einem nagenden Gefühl des Neids. Ich will so sehr Mutter sein.

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht bedrängen“, sage ich und hoffe, dass ich nicht zu aufdringlich war. Ich genieße unsere Unterhaltung. Ich will nicht, dass sie endet, weil ich zu indiskret war oder herablassend klang.

„Kein Problem“, sagt sie und setzt sich auf, um mich anzuschauen. „Ich habe Liams Vater auf einer riesigen Party in Chicago kennengelernt. Er hieß Jack … glaube ich. Ich habe nie seinen Nachnamen erfahren und bin mir auch bei seinem Vornamen nicht zu hundert Prozent sicher. Wir haben uns an der Bar mit Tequila volllaufen lassen, er sah gut aus und wir waren beide betrunken. Also haben wir die Feier früh verlassen und gingen in irgend so ein Hotel. Er zahlte das Zimmer in bar und am nächsten Morgen bin ich gegangen, während er noch schlief. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Sieben Wochen später machte ich einen Test und war schwanger.“

„Liams Vater hat keine Ahnung, dass er einen Sohn hat?“

Die Frau mit dem großen Schlapphut schüttelt den Kopf. „Er war geschäftlich in der Stadt. Er erzählte etwas von einem Freund eines Freundes, der ihn zur Party eingeladen hatte. Er hätte genauso gut verheiratet gewesen sein können. Ich hatte keine Möglichkeit, ihn wiederzufinden, und ehrlich gesagt, wollte ich es auch nicht.“

„Was ist mit Ihrer Familie, Ihren Eltern?“

Sie lacht auf eine spöttische Art. „Ich habe seit Jahren nicht mehr mit ihnen geredet. Sie hatten andere Vorstellungen davon, wie ich mein Leben zu leben hatte. Ich habe sie einmal angerufen, nachdem Liam geboren war, aber bevor ich ihnen sagen konnte, dass sie einen Enkel haben, machten sie mir deutlich, dass sie nichts mit mir zu tun haben wollten. Bevor ich ihnen von Liam erzählen konnte, hatten sie aufgelegt.“

Mein Herz bricht für die junge Frau und ich suche nach den richtigen Worten. Als ich schließlich den Mund öffne, klingt es ungelenk und unpersönlich. „Es tut mir leid, das zu hören. Es muss eine schwierige Zeit für Sie gewesen sein.“ Igitt.

Sie stößt ein weiteres, sarkastisches Lachen aus. „Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Aber man tut, was man halt tun muss, um zu überleben, nicht wahr? Ich bin eine Kämpferin.“

Ich nicke solidarisch. „Vielleicht könnten Sie versuchen, sie anzurufen und …?“

„Nein“, sagt sie scharf, bevor ich meinen Satz beenden kann.

Sie tut mir so leid. Sie hat niemanden. Mein Leben ist das genaue Gegenteil. Ich habe unfassbare Unterstützung von meinen Eltern und Daniel. Ich kann mir nicht vorstellen, so komplett allein in der Welt zu sein wie sie. Ich weiß ehrlich nicht, was ich sagen soll, was selten vorkommt.

„Dass die Beziehung zu meinen Eltern in die Brüche ging, ist meine Schuld“, fährt sie fort. „Die Firma meines Vaters versetzte ihn nach Ohio, als ich elf war und mein Bruder sieben. Ohio ist so ganz anders als Tschechien. Wir erhielten alle die amerikanische Staatsbürgerschaft. Während meines letzten Jahres an der High School war ich schon eine waschechte Amerikanerin und erzählte meinen Eltern, dass ich nie wieder zurückkehren würde. Ich wollte feiern und tanzen gehen. Mir gefiel mein Leben hier.“

Ich nicke. Das verstehe ich. Mir gefällt mein Leben hier ebenfalls.

„Es gab viele laute Auseinandersetzungen“, fährt sie fort. „Dann kam ich eines Nachts zugedröhnt nach Hause und mein Vater schlug mich – heftig. Das war das Ende für mich. Am nächsten Morgen brannte ich mit meinem Freund auf seinem Motorrad durch und verschwand. Es gab nichts, was meine Eltern tun konnten. Ich war über achtzehn. Einige Monate später erfuhr ich, dass meine Eltern und mein Bruder nach Tschechien zurückgegangen waren, ohne mich.“

Mir fällt auf, dass die Lebensgeschichte dieser Frau viel spannender ist als der mittelmäßige Liebesroman, den ich lese. Ich stecke das Buch in meine Tasche und wende mich ihr zu, um unserem Gespräch meine volle Aufmerksamkeit zu schenken.

„Vielleicht könnten Sie mit ihnen jetzt in Kontakt treten“, sage ich in vollem Ernst. „Ein Baby verändert die Dinge oft.“

Sie schüttelt den Kopf. „Es ist zu spät. Sie sind jetzt auf der anderen Seite der Welt. Sie haben ihr Leben und ich habe meins. Ich bin übrigens Sasha“, ruft sie und winkt. „Ich mag Ihr Armband.“

„Tori“, sage ich laut und winke zurück, als ich auf das Goldkettchen mit dem Sternanhänger an meinem Handgelenk schaue. „Meine armenische Großmutter hat es mir geschenkt, als ich sechzehn wurde. Ihre Mutter gab es ihr, als sie meinen Großvater heiratete.“

„Man sieht, dass es nicht von hier ist. Es ist ziemlich einzigartig.“

Wir verbringen die nächsten zwanzig Minuten damit, über Millionen verschiedene Dinge zu plaudern. Vom ganzen Hin- und Herrufen spüre ich meine Kehle langsam rau werden und schlage vor, dass wir enger zusammenrücken. Sie nickt und ich ziehe mein Handtuch zu ihr hinüber und wir sprechen über ihre Anstellungsperspektiven.

„Es gibt im Sommer hier eine Menge Jobs im Gastgewerbe“, sage ich. „Die Hamptons sind voll von Touristen mit viel Geld. Du solltest irgendwas finden können.“

Sie grinst. „Viel Geld? Vielleicht finde ich einen reichen Vater für Liam und einen Sugar-Daddy für mich.“

Ich frage mich, ob sie scherzt. „Ich bin mir sicher, dass es nicht einfach ist als alleinerziehende Mutter“, antworte ich.

„Du hast ja keine Ahnung. Kurz nachdem ich meinen Sohn bekommen habe, was ironischerweise am Valentinstag war, wurde ich so depressiv. Ich war komplett allein und die erste Zeit war furchtbar.“

„Fühlst du dich immer noch niedergeschlagen?“

„Es war nicht wirklich Niedergeschlagenheit, als mehr ein Gefühl des Nichts. Ich hatte dieses wunderschöne Baby, aber im Inneren war ich völlig leer. Die ersten paar Wochen nach seiner Geburt waren schrecklich. Mittlerweile geht es mir viel besser. Ich versuche, mich mehr um mich selbst zu kümmern, genug Schlaf zu bekommen und mich regelmäßig massieren zu lassen. Das hilft viel.“

Ich nicke. Ich liebe Massagen ebenfalls, das kann ich also nachvollziehen.

„Gestern“, sagt sie und wird lebendiger, „hatte ich die beste Massage in der ganzen Stadt von so einer Frau namens Chloe. Kennst du sie? Sie hat einen kleinen Laden in der Einkaufsmeile neben dem Bauernmarkt. Ich sage nur zwei Worte – magische Finger. Als ich aus ihrem Laden raus bin, war ich eine völlig neue Frau. Du musst dahin gehen.“

Ich mache mir eine mentale Notiz zu ‚Chloe mit den magischen Fingern‘ beim Bauernmarkt, weil ich immer auf der Suche nach einer guten Massage bin. Wir sitzen eine Weile schweigend zusammen und schauen aufs Meer. Dann breche ich die Stille.

„Also, morgen beginnst du mit der Jobsuche?“

„Erstmal muss ich einen Gebrauchtwagen kaufen. Dann suche ich nach einem Job. Man kann hier nicht ohne Auto arbeiten. Öffentliche Verkehrsmittel sind rar gesät.“

„Wie bist du heute hergekommen?“

„Wir sind mit dem Bus aus dem Ortskern gekommen.“

„Mit den ganzen Babysachen?“

Ihr Sohn beginnt zu quengeln. Sasha nimmt eine Flasche aus ihrer Tasche und hebt ihn aus seinem Tragekorb. Sie wiegt ihn in ihren Armen und steckt den Aufsatz in seinen gierigen Mund. Zum ersten Mal sehe ich ihn in seiner ganzen Pracht und er ist absolut zum Anbeißen.

„Er ist perfekt“, sage ich.

„Er ist ein leichtes Baby. Schläft die Nächte durch und alles. Willst du ihn halten?“

Entzückt nehme ich den kleinen Jungen in meine Arme und füttere ihm den Rest seiner Flasche. Als er ausgetrunken hat, wird er schläfrig. Ich reiche ihn seiner Mutter zurück, die ihn über die Schulter legt, wartet, bis er ein Bäuerchen gemacht hat, und ihn dann zurück in seine provisorische Strandkrippe zurücklegt.

Es ist jetzt Mittag, die Sonne steht hoch am Himmel und es wird heißer. Der Baum bietet nicht mehr so viel Schutz und es ist nur noch ein kleines Stück Schatten zwischen uns übrig.

„Kann ich dich um einen riesigen Gefallen bitten?“, fragt Sasha und wischt sich über die Brauen, während sie mich über den Rand ihrer Brille anschaut.

„Klar.“

„Ich bin am Verbrutzeln. Da Liam schläft, würde es dir etwas ausmachen, ein paar Minuten auf ihn aufzupassen, sodass ich kurz zum Abkühlen ins Wasser springen kann? Wäre das okay? Ich schwimme ein paar Bahnen und komme direkt zurück.“

Ihre Bitte verwundert mich ein wenig, immerhin kennt sie mich kaum. Was für eine Mutter lässt ihr Kind bei einer völlig Fremden am Strand zurück? Klar, wir haben uns fast zwei Stunden lang unterhalten, also bin ich, technisch gesehen, keine Fremde. Und, wenn ich ehrlich bin, war unsere Unterhaltung so vertraut, dass ich mehr über Sasha weiß als über einige Leute, die ich seit Jahren kenne.

„Kein Problem“, sage ich, erfreut, dass sie mir so vertraut. „Lass dir Zeit. Ich liebe Babys.“

Kapitel 2

Sasha steht auf, legt ihren Hut und die Sonnenbrille ab und wirft beides auf ihr Handtuch. Sie zieht ein pinkes Zopfgummi von ihrem Handgelenk und bindet ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. Dann zieht sie eine knallpinke Badekappe aus ihrer Tasche, unter der sie kunstvoll ihr Haar versteckt, setzt eine Schwimmbrille auf und rückt die Träger ihres Badeanzugs zurecht.

Sie will gerade gehen, da schaut sie auf zum Himmel und zieht eine Grimasse. „Mist, ich habe meine Sonnencrème vergessen.“

„Ich habe welche“, sage ich und reiche ihr eine blaue Flasche mit Lichtschutzfaktor siebzig. Sie verteilt die Crème auf ihrem Gesicht, ihrem Nacken, den Armen und den Handrücken und wirft sie mir dann zurück.

„Danke, Tori. Du bist meine Rettung. Ich bin in zehn Minuten zurück“, bedankt sie sich, als sie sich auf den Weg zum Wasser macht.

Von meinem Sitzplatz etwas abseits, leicht erhöht bei den Dünen, habe ich eine gute Aussicht auf das Wasser und den gesamten Strand. Mein Blick folgt Sasha in die Ferne, während sie ins Wasser geht. Dann schaue ich hinab auf den immer noch schlafenden Liam und lächle.

Als ich wieder aufschaue, ist Sasha bis zu den Knien im Wasser und watet tiefer hinein. Sobald es ihre Taille erreicht, taucht sie in eine sich leicht kräuselnde Welle und beginnt zu schwimmen. Weil das Meer heute ein bisschen aufgewühlt ist, sind die gelben Flaggen aufgestellt. Ich beobachte, wie sie über die Stelle hinausschwimmt, wo sich die Wellen brechen, damit sie ungestört parallel zum Strand ihre Bahnen ziehen kann. Ihre Badekappe hüpft rhythmisch über das Wasser und ich bemerke ihre gute Technik und die starken, gleichmäßigen Züge ihrer Arme. Sie schwimmt bis ganz ans linke Ende des Strands, wendet und nimmt den gleichen Weg zurück nach rechts. Ich beobachte ihr Hin und Her mehrere Minuten lang, bis Liam ein Geräusch von sich gibt. Er ist wach. Ich krame den Schnuller aus Sashas Tasche hervor, den ich ihm geben soll. Vorsichtig hebe ich das Baby hoch und wiege es in meinen Armen. Er öffnet seinen Mund und wird sofort ruhig, sobald sich seine Lippen um das Silikon schließen.

Ich begutachte sein Gesicht und bewundere, wie perfekt er ist, als ein langer lauter Pfiff gefolgt von vier kurzen die Luft zerfetzt. In der Ferne sehe ich die Rettungsschwimmer von ihren hohen weißen Stühlen springen und mit den Armen winken. Ich schaue hinaus aufs Meer. Einige Leute kommen aus dem Wasser, aber die pinke Badekappe kann ich nicht entdecken. In einem Versuch, meine Augen vom grellen Sonnenlicht abzuschirmen, hebe ich eine Hand und suche das Wasser ein zweites Mal ab, aber ich sehe keine pinke Kappe. Während einer der Rettungsschwimmer den Menschen signalisiert, aus dem Weg zu gehen, schnappen sich die anderen ihre Schwimmbretter und hasten in die Brandung. Überall am Strand stehen die Leute auf und bewegen sich auf das Meer zu. Sie bilden eine Mauer entlang des Ufers und blockieren damit meine Sicht. Ich kann die pinke Kappe nicht finden. Ich kann Liams Mutter nicht finden.

In dem verzweifelten Versuch herauszufinden, was los ist, hebe ich das Baby hoch und nehme es fest in die Arme, während ich mich auf das Ufer zubewege. Unterwegs versuche ich von den anderen Strandgästen Informationen zu bekommen. Als ich näherkomme, herrscht im Wasser pures Chaos. Die Rettungsschwimmer suchen verzweifelt nach jemandem. Neben mir telefoniert ein Mann und ich spreche ihn an.

„Ist jemand ertrunken?“, frage ich und schließe meine Arme fester um das Baby.

„Sieht so aus“, antwortet er nur und wendet sich wieder seinem Telefonat zu.

Eine Welle der Übelkeit überkommt mich, als ich das zunehmende Chaos im Wasser beobachte. Inzwischen ist jeder am Strand dicht herangekommen und mehrere Zuschauer waten ins Wasser, um bei der Suche zu helfen. Wie festgefroren klammere ich mich an dem Baby fest.

„Sehen Sie die Felsenzunge da drüben?“, spricht mich eine ältere Dame an und zeigt auf eine eindrucksvolle Steinformation. „Wenn die Strömungen sehr stark sind, kann der Sog hier so heftig sein, dass er eine Person genau gegen diese Steine schleudert. Ich wette, das ist mit ihr passiert.“

Mit wem passiert? Mit Sasha? Wo zur Hölle ist Liams Mutter?

Als die Minuten verstreichen und Sasha nicht auftaucht, werde ich panisch. Es ist bestimmt eine Viertelstunde her, seit ich ihre pinke Badekappe zuletzt in den Wellen sah. Das Baby windet sich jetzt in meinen Armen. Seine weiche Haut fühlt sich so schön an, als er sich an meinen Hals schmiegt. Falls es Sasha gut geht, sucht sie mich und das Baby jetzt gerade. Aber ich kann sie nicht entdecken und so langsam befürchte ich das Schlimmste.

Eine junge Frau, die versucht hatte, den Rettungsschwimmern zu helfen, verlässt die Brandung und läuft den Strand hinauf auf mich zu.

„Was ist los?“, rufe ich, als sie an mir vorbeikommt.

„Nichts Gutes. Ich weiß nur, dass irgendeine Frau mit pinker Kappe untergegangen ist. Die Strömung ist schlimm heute, hat mich auch fast runtergezogen. Deswegen bin ich raus. Sie muss ertrunken sein.“

Meine Beine scheinen unter mir nachzugeben und meine Arme fühlen sich auf einmal zu schwach für das Gewicht des Babys an. Ich muss ihn absetzen oder ich kippe um und lasse ihn womöglich noch fallen. Eine Million verrückte Ideen kreisen in meinem Kopf. Ich zwinge mich dazu, zu meinem Handtuch zurückzugehen, während ich versuche, meine Gedanken zu ordnen.

Meine Augen füllen sich mit Tränen, als ich das süße Baby in seinen Tragekorb setze. Am Kopfende des tragbaren Autositzes ist ein Schirm, den ich herunterziehe, um ihn vor der Sonne zu schützen. Er schaut mit unschuldigen, vertrauensvollen Augen zu mir auf. Er weiß nicht, dass er gerade seine Mutter verloren hat.

Mit einem tiefen Atemzug lasse ich den Blick erneut über das Wasser gleiten, immer noch auf der Suche nach dem hüpfenden pinken Kopf. Wo bist du, Sasha? Du hast mir deinen Sohn anvertraut. Was soll ich jetzt tun?

Ich werde aus meiner Trance gerissen, als das Baby anfängt zu weinen. Ich lehne mich hinunter und hebe ihn hoch. Mit Sashas Kind im Arm beobachte ich weiter die offenbar erfolglosen Rettungsversuche in den Fluten. Da trifft mich die schreckliche Realität – Sasha ist wahrscheinlich tot, was bedeutet, dass das Baby, das ich halte, eine Waise ist.

Während mein Gehirn noch die entsetzlichen Ereignisse zu verarbeiten versucht, läuft mein Körper auf Autopilot. Ohne es zu realisieren, habe ich bereits Sashas und meine Handtücher in die Strandtaschen gestopft. „Was tust du da?“, fragt eine Stimme in meinem Kopf, als ich mir ihren Schlapphut und ihre Sonnenbrille aufsetze. Was tue ich da? Es ist, als würde jemand anderes mich steuern und ich nur Anweisungen befolgen. Gleichzeitig pocht mein angeblich so schwaches Herz so verdammt heftig, als wollte es meine Rippen sprengen. Schweiß tropft von meiner Stirn, als ich weiter zusammenpacke. Habe ich eine Wahl? Sasha muss tot sein. Ich kann das Baby nicht hierlassen. Sie hat ihn mir anvertraut.

Für den Bruchteil einer Sekunde halte ich inne und lasse mein Leben Revue passieren. Drei Jahre lang haben Daniel und ich versucht, schwanger zu werden. Als mir die Ärzte letztendlich mitteilten, dass eine erneute künstliche Befruchtung wegen meiner medizinischen Situation nicht zu verantworten sei, waren wir am Boden zerstört. Die einzige Möglichkeit, die wir noch hatten, war, unsere Namen auf eine Warteliste für eine Adoption zu setzen. Das taten wir, aber die Agentur sagte uns, dass es Jahre dauern könnte.

Ich sammele alles vom Sand auf und schaue hinüber zum entfernten Parkplatz hinter mir. Tue ich das hier gerade wirklich? Was, wenn Sasha doch nicht tot ist? Vielleicht ist sie eine der Personen, die im Wasser helfen, eine andere Vermisste zu finden? Vielleicht ist sie am Leben?

In der vagen Hoffnung, doch noch ihre hüpfende pinke Kappe zu entdecken, lasse ich meinen Blick ein letztes Mal über das Meer gleiten. Ich finde sie nicht. Ich will mich gerade auf den Weg zu meinem Auto machen, als ein junges Paar ins Gespräch vertieft an mir vorbeikommt.

„Sie ist sicher tot“, sagt der junge Mann laut zu seiner Freundin. „Sie kann nicht mehr am Leben sein. Ist zu lange her.“

Ich überlege, bevor ich weitergehe.

Ich habe Sasha versprochen, mich um ihren Sohn zu kümmern. Daran muss ich mich halten, oder? Dieses Baby hat keine Familie. Wenn ich ihn der Polizei übergebe, wird er direkt in ein Heim gesteckt. Das kann ich nicht zulassen.

Ich hänge Sashas Wickeltasche an den Griff des Tragekorbs und schaue hinab. Liam lächelt mich an, als ich ihn hochhebe.

„Ich werde nicht zulassen, dass sie dich holen“, versichere ich ihm sanft, als ich die kurze Wanderung zum Auto in Angriff nehme. Sekunden später stürmt die Polizei auf den Strand und ich verliere beinahe die Fassung. Ich atme tief durch. Jede Faser in meinem Körper ist angespannt, aber ich gehe weiter an ihnen vorbei zu meinem Wagen.

Als ich endlich auf der Straße bin, verfalle ich schließlich komplett in Panik und mir kommen erste Zweifel. Ich könnte immer noch das Jugendamt verständigen. Es wäre kein Verbrechen begangen worden. Ich hätte ein verlassenes Baby vom Strand gerettet und wäre eine Heldin, eine gute Samariterin.

Ich fahre weiter den Highway entlang, von gegensätzlichen Gefühlen hin- und hergerissen. Dieses wundervolle Kind hat niemanden. Sein Vater und seine Großeltern wissen nicht, dass er existiert. Die Verwaltung von Suffolk County wird ihn definitiv ins Heim stecken, was lebenslanges Leid bedeutet. Ich kann nicht zulassen, dass das diesem süßen kleinen Jungen widerfährt.

Ein Auto überholt mich und hupt. Ich bin weit unter der Geschwindigkeitsbegrenzung, also drücke ich aufs Gas. Ich will keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen.

Es ist meine moralische Verpflichtung, ihn mit nach Hause zu nehmen. Ich kenne die Geschichten darüber, was mit Waisen in diesem Land geschieht. Wenn dieses süße Kind in das System rutscht, wird er von einem schrecklichen Ort an den nächsten verfrachtet. Er wird vernachlässigt werden oder Schlimmeres. Was für ein Monster wäre ich, ihn diesem Schicksal auszusetzen.

Gurrende Geräusche kommen vom Rücksitz und ich schaue in den Spiegel. Als ich sein kleines Gesicht sehe, schmilzt mir praktisch das Herz. Ein paar Blöcke vom Haus meiner Eltern entfernt halte ich am Straßenrand und schalte den Motor aus. Daniel und ich haben so viel durchgemacht – die ganzen künstlichen Befruchtungen, nur um dann bitter enttäuscht zu werden, als nichts daraus wurde. Nach all den Tests und dem Herumgestochere in meinem Körper sagten mir die Ärzte, dass die dazugehörigen Medikamente bei meinem Herzfehler zu riskant wären. Scheiß auf mein blödes Herz.

Eine Träne rinnt aus meinem rechten Auge auf meine Wange. Ich wische sie weg, hole mein Handy heraus und tippe hastig die Nummer meines Mannes ein. Es klingelt viermal, bevor er rangeht.

„Daniel, du wirst nicht glauben, was passiert ist. Ich habe großartige Neuigkeiten“, sage ich. „Die Adoptionsvermittlung hat angerufen. Sie haben ein vier Monate altes Baby für uns. Ich bin gerade auf dem Weg, ihn abzuholen. Daniel, hörst du das? Du wirst Vater.“

Kapitel 3

Ich fahre auf das Stoppschild zu, das an der Kreuzung zu der Straße steht, in der meine Eltern wohnen, und biege scharf links ab. Dort, auf einem Hügel, befindet sich ihr charmantes, altes, weitläufiges Landhaus. Von ihrem Garten aus kann man den Ozean sehen. Mein Wohlfühlort.

Gerade, als ich in ihre Einfahrt abbiegen will, sehe ich einen leeren, blauen Toyota-Zweitürer rechts neben der Garage stehen. Ich bremse abrupt. Meine Eltern sind nicht da und haben auch kein solches Auto. In meinem Kopf klingeln die Alarmglocken.

Jemand sucht nach dem Baby. Sie wissen Bescheid.

Ich fahre links auf die Einfahrt und schalte den Motor ab. Unsicher, was mich erwartet, rufe ich aus dem offenen Autofenster. „Hallo?“, sage ich mehrmals, aber niemand antwortet mir.

Ich steige aus dem Auto und hole meine besondere Fracht von dem Rücksitz. Vorsichtig trage ich das Baby den Fußweg hinauf. Die Haustür ist angelehnt und ich spüre, wie mein kaputtes Herz stärker schlägt. Das Geräusch eines laufenden Motors kommt aus dem Inneren des Hauses. Ich sollte umdrehen, mich wieder ins Auto setzen und die Polizei rufen, schließlich habe ich keine Ahnung, wer da im Haus meiner Eltern ist. Aber ich kann nicht die Polizei rufen. Nicht jetzt. Niemals. Nicht nachdem, was ich gerade getan habe. Ich drücke die Tür auf.

„Hallo?“, frage ich, als ich durch das Foyer gehe und dem dröhnenden Geräusch folge. Als ich zum Durchgang ins Wohnzimmer komme, sehe ich eine blonde Frau mittleren Alters, die den Teppich staubsaugt. Der Motor ist zu laut, als dass sie mich hören könnte. „Hallo“, rufe ich erneut und winke, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Sie zuckt zurück, als sie mich entdeckt, und schaltet das Gerät aus.

„Wer sind Sie?“, frage ich.

„Ich bin Eva. Ich bin die Reinigungskraft. Wer sind Sie?“, fragt sie mit einem misstrauischen Blick und macht einen weiteren Schritt zurück, um den Abstand zwischen uns zu vergrößern.

Ich zeige auf ein altes Familienfoto auf dem Kaminsims. Es ist ein achtunddreißig Jahre altes Bild von mir im Alter von fünf Jahren mit meinen Eltern in ihren Dreißigern. Mom ist wie immer gestylt wie das Model, das sie mal war – aschblondes Haar und perfekte Knochenstruktur. Mein Vater sieht nur ernst aus. Er ist kein gut aussehender Mann, aber macht es damit wieder wett, dass er eine Naturgewalt ist, die anziehend auf Frauen wirkt. Er ist kleiner als meine statuenhafte Mutter und hat eine mediterrane Bräune, Schlupflider und eine Menge speckiger Haut in seinem Gesicht.

„Ich bin Tori Petrosian, mittlerweile Tori Fowler. Die Petrosians sind meine Eltern.“

Eva nimmt das Bild in die Hand und studiert es, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Schließlich entspannen sich ihre Gesichtszüge erleichtert. Ich nehme an, sie ist zu dem Schluss gelangt, dass ich nicht ins Haus gekommen bin, um sie umzubringen.

„Ich sehe die Ähnlichkeit jetzt. Sie sehen wie Ihr Vater aus“, sagt sie, während sie mich mustert.

Eva trifft den Nagel auf den Kopf. Ich bin meinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Nicht eines der äußerlichen Merkmale habe ich von der deutsch-italienischen Schönheit geerbt, die meine Mutter ist. Ich bin zu einhundert Prozent Petrosian. Die Leute sagen mir zwar immer, dass ich attraktiv bin und schöne Haare habe. Aber Attraktivität und Schönheit sind zwei verschiedene Dinge. Nach jahrelanger Therapie habe ich endlich eingesehen, dass ich dafür andere Vorzüge habe, die meine Mutter nicht hat. Es ist nicht leicht, durchschnittlich gutaussehend zu sein, wenn die eigene Mutter so bildschön ist. Mittlerweile komme ich damit klar, aber es hat lange gebraucht.

„Meine Eltern haben mir nicht gesagt, dass jemand hier vorbeikommen würde“, sage ich, noch nicht ganz überzeugt von ihr.

„Ich putze jeden zweiten Mittwoch, egal ob bei Regen oder Sonnenschein.“

„Aber sie sind den ganzen Sommer weg.“

„Ich gieße die Pflanzen, prüfe, dass nichts ausläuft, und wische Staub. Es wird sehr staubig hier. Ihre Mama mag es, wenn alles perfekt aussieht.“

Jemanden ein leeres Haus putzen zu lassen, erscheint mir doch ein wenig extravagant. Aber meine Eltern haben inzwischen mehr Geld, als sie ausgeben können. Wenn es sie glücklich macht, ein sauberes Haus zu haben, wenn sie nicht da sind, sollen sie es doch machen.

„Ich wusste nicht, dass Mr und Mrs Petrosian Enkelkinder haben.“

Ich lächle. Sie denkt, dass das Kind meins ist und meine Eltern seine Großeltern sind. Das wird funktionieren.

„Können Sie etwas für sich behalten? Die Wahrheit ist, Eva, meine Eltern wissen noch nichts. Ich habe ihn heute von der Adoptionsvermittlung abgeholt. Es kam wie aus dem Nichts. Mein Mann wusste es auch nicht. Er ist geschäftlich in Kalifornien. Ich hab ihn gerade angerufen und ihm gesagt, dass er Vater ist.“

Sie lächelt und geht auf uns zu, um meinen Sohn zu bewundern. „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“

„Ein Junge.“

„Er ist sehr hübsch. Herzlichen Glückwunsch. Wie heißt er?“

Ich lächle erneut. „Ich weiß es nicht. Es ist alles so schnell gegangen. Natürlich werde ich mit meinem Mann über seinen Namen sprechen müssen, aber ich denke, dass ich ihn Jonah nennen werde. Was meinen Sie? Jonah Fowler. Das klingt doch sehr gut, oder nicht?“

„Das ist ein guter, starker Name aus der Bibel.“

Nach einigen weiteren Minuten höflicher Unterhaltung wendet sich Eva wieder ihrer Arbeit zu und ich bringe das Baby in die Küche. Das Erste, was ich mache, ist durch Sashas Windeltasche zu wühlen, um zu sehen, was sie mir hinterlassen hat. Drei saubere Windeln sind da, was gut ist, denn meine Nase sagt mir, dass Jonah eine neue Windel braucht, und zwar zügig. In einer der Seitentaschen finde ich ein Glas Babynahrung, einen Löffel, eine Packung Feuchttücher, ein paar leere Babyflaschen und einige Rasseln und sonstige Spielzeuge.

Ich nehme das Strandtuch raus, falte es in der Mitte, breite es auf dem Küchentisch aus und lege meinen Sohn vorsichtig darauf ab. Ich knöpfe seine Hose auf, entferne die benutzte Windel, säubere ihn, binde ihm eine neue um und knöpfe die Hose wieder zu. Er schaut zu mir auf und lächelt. Er weiß schon, dass ich seine Mutter bin. Ich lege ihn mir auf die Schulter. Sein weicher, kleiner Körper fühlt sich so wunderbar an.

„Ich werde immer auf dich aufpassen und dich beschützen, süßer Jonah. Egal, was passiert“, wispere ich ihm ins Ohr. Während ich ihn sanft wippe, mache ich im Kopf eine Liste mit all den Dingen, die ich für ein Baby besorgen muss. Ich habe kein Kinderbett, Babynahrung oder sonst etwas. Ich google „Babymöbel Verleih“ und innerhalb von zehn Minuten habe ich arrangiert, dass heute Nachmittag eine Krippe, ein Wickeltisch, ein Hochstuhl und eine Schaukel geliefert werden.

Ich bin selbst sehr zufrieden mit meinem Einfallsreichtum, bis Jonah anfängt zu weinen. Außer der halbvollen Flasche mit Babymilch und einem Glas pürierter Pfirsiche habe ich keine Nahrung für ihn. Und nach draußen an die Öffentlichkeit kann ich mit ihm nicht gehen. Was, wenn ihn jemand erkennt? Der Staubsauger wird wieder eingeschaltet, diesmal in einem anderen Teil des Hauses, und erinnert mich daran, dass die Reinigungskraft immer noch hier ist.

Mit Jonah auf meiner Schulter begebe ich mich auf die Suche nach Eva und finde sie unter dem Esszimmertisch. Ich winke ihr zu, dass sie das Gerät ausschaltet.

„Eva, ich habe einen kleinen Job für Sie, wenn das okay ist. Wie Sie wissen, war die Adoption sehr plötzlich. Da meine Eltern und mein Mann nicht da sind, muss ich einmal ins Dorf fahren und das Wesentliche einkaufen wie Windeln und Babynahrung. Das sollte nur etwa eine Stunde dauern. Könnten Sie wohl auf Jonah aufpassen? Ich zahle Ihnen einhundert Dollar dafür.“

Ihre Augen leuchten auf und sie streckt die Arme aus. „Geben Sie ihn mir und erledigen Sie, was Sie erledigen müssen. Ich habe keine Eile.“

Eine Sekunde lang zögere ich. Ich händige mein Baby einer Fremden aus, aber ich habe nicht wirklich eine Wahl. Er benötigt Essen und Windeln, also muss ich die Gelegenheit nutzen. Ich küsse Jonah auf den Schopf und lege ihn in ihre Arme. Als sie ihn umarmt, schwinden meine Ängste … ein wenig.

„Ich werde mich so gut es geht beeilen“, sage ich, greife nach meinem Portemonnaie und den Autoschlüsseln und reiche ihr die halbleere Flasche mit Babymilch, sein letztes Essen.

„Keine Sorge, es wird alles gut gehen“, sagt sie und setzt sich mit Jonah auf ihrem Schoß in einen Lehnsessel im Wohnzimmer. Ich gebe ihr zwei der Rasseln aus der Windeltasche und gehe zur Haustür. „Meine Handynummer liegt auf dem Küchentisch. Wenn es irgendein Problem gibt, rufen Sie mich an und ich komme sofort zurück.“

Ich fahre zu unserem örtlichen Gemischtwarenladen mit Drogerieabteilung und mache eine grobe Liste in meinem Kopf mit allen Dingen, die man für ein Baby braucht. Wie sehr sich doch mein komplettes Leben in den letzten Stunden verändert hat, staune ich, als ich auf den Parkplatz fahre. Heute Morgen war mein einziger Plan, den ganzen Tag am Strand zu liegen und ein schlüpfriges Buch zu lesen. Stattdessen traf ich auf Sasha. Ich mochte sie sofort und dachte, wir könnten vielleicht Freundinnen werden. Dass sie ertrunken ist, tut mir wirklich leid. Sie war so jung. Ich tat, was ich musste. Ich konnte nicht zulassen, dass Jonah ins Kinderheim geht.

Eine Mutter zu sein verändert alles. Mit Jonah ist unsere Familie komplett. Nun können Daniel und ich glücklich und zufrieden leben, mit unserem neuen Sohn.

Kapitel 4

In der Drogerie scannt der Kassierer meine Einkäufe. Ich gebe fast siebenhundert Dollar für Babysachen aus. Wer hätte gedacht, dass Säuglingsmilch und Windeln so teuer sind? Glücklicherweise bin ich in Sashas Wickeltasche auf einen alten Beleg gestoßen, auf dem die Marke der Nahrung steht, die er bekommt. Ich habe so viel eingekauft, dass der Angestellte mir anbietet, meine Tüten zum Auto zu tragen. Ich besitze nun Rasseln, Flaschen, Feuchttücher und Schnabeltassen. Ich weiß noch nicht einmal, ob Jonah schon mit so einem Becher umgehen kann, aber trotzdem bin ich schon mal versorgt.

Auf dem Weg zurück zum Haus meiner Eltern schaue ich auf die Uhr. Es ist fast fünf und die Möbellieferung kommt um sechs. Ich will unbedingt meinen Eltern die großartigen Nachrichten mitteilen, also berechne ich im Kopf den Zeitunterschied zwischen New York und Paris. Dort ist es fast elf.

In der Einfahrt angekommen rufe ich meinen Vater an, während ich das Auto entlade.

„Was ist passiert, Tori?“, fragt er. „Warum rufst du so spät noch an?“

„Nichts Schlimmes, Dad. Eigentlich ganz im Gegenteil.“

„Lässt du dich scheiden?“

Ich verdrehe die Augen. „Nein, Dad, bei Daniel und mir ist alles gut. Ich habe riesige Neuigkeiten. Schalt mich auf laut, damit Mom auch mithören kann.“

Mein Vater gehorcht und ich fange an. „Was ist das, das ihr euch beide mehr als alles andere auf der Welt wünscht?“

„Dass der Börsenmarkt sich erholt“, antwortet mein Vater. „Ich hatte einen schrecklichen Monat.“

„Sam, lass Tori ausreden“, sagt meine Mutter. „Mach weiter, Liebes.“

„Mom, Dad, ihr beide seid nun offiziell Großeltern.“

„Was?“, fragen beide gleichzeitig.

„Es ist heute Morgen passiert. Ich habe ein bisschen im Strandhaus gearbeitet und bekam einen Anruf von der Adoptionsvermittlung. Sie hatten ein Baby, das zu einer anderen Familie sollte. Irgendwas ist passiert und sie konnten ihn doch nicht nehmen und irgendwie sind wir weiter oben in der Liste gelandet. Ich habe es nicht hinterfragt. Ich bin einfach so glücklich, dass wir die nächsten waren.“

„Hast du ‚ihn‘ gesagt?“, fragt meine Mutter fast schon quietschend vor Freude. „Ich habe einen Enkelsohn?“

„Sein Name ist Jonah. Und Mom, er ist wunderschön. Als sie sagten, dass ich ihn heute abholen könnte, bin ich direkt ins Auto gestiegen und losgefahren. Ich habe ihn heute Nachmittag abgeholt. Es ist wie ein Wunder.“

„Weißt du irgendwas über die echten Eltern des Babys?“, fragt mein Vater.

„Ich bin seine echte Mutter“, fauche ich als Antwort.

„Süße, natürlich bist du das“, stimmt meine Mutter mir zu und schnieft ein bisschen. „Wir freuen uns so für dich. Wir freuen uns so für uns. Du hast dir das schon so viele Jahre lang gewünscht. Dein Vater und ich werden den nächsten Flug zurück nach New York nehmen.“

„Das müsst ihr nicht. Außerdem wird Daniel nicht vor morgen Abend hier sein.“

Es gelingt mir, meine Eltern davon zu überzeugen, ihren Urlaub nicht abzubrechen.

„Daniel und ich brauchen erstmal ein bisschen Zeit mit unserem neuen Baby. Jonah ist immer noch hier, wenn ihr zurück seid.“

Nach weiteren Freudentränen meiner Mutter zusammen mit einer langen Liste von Dingen, die sie alle für ihren Enkel kaufen will, lege ich auf und gehe ins Haus.

Eva sitzt immer noch an der gleichen Stelle mit dem schlafenden Jonah in ihren Armen. „Ich habe ihm den Rest seiner Flasche gegeben, ihn ein Bäuerchen machen lassen und dann war er sofort weg“, erzählt sie lächelnd. „Sie haben hier einen wunderschönen kleinen Jungen. So perfekt.“

Ich frage sie, ob sie noch ein bisschen länger bleiben würde, bis die Möbel geliefert werden. Sie willigt ein, noch ein wenig auf ihn aufzupassen, damit ich meine ganzen Einkäufe auspacken kann. Kurz nach sechs klingelt es an der Haustür. Zwei Männer kommen herein und bauen das Kinderbett und den Wickeltisch in meinem Schlafzimmer auf. Ein Hochstuhl und eine Schaukel kommen in die Küche.

Nachdem sie gegangen sind, gebe ich Eva hundertfünfzig Dollar und frage sie, ob sie kommende Woche wohl noch mal Zeit hat, mir zu helfen.

„Sicher“, sagt sie, als ich sie mit Jonah auf dem Arm zur Tür begleite. „Rufen Sie mich jederzeit an.“

Ich will gerade die Tür schließen, als sie innehält. „Das hätte ich fast vergessen“, meint sie und greift in ihre Tasche. „Als Sie einkaufen waren, habe ich nach einem anderen Spielzeug für Jonah gesucht. Ich habe in der Wickeltasche geschaut und Ihr Handy in einer Reißverschlusstasche gefunden. Ich dachte, Sie hätten es vielleicht vergessen.“ Ich schaue hinab auf ihre Hand. Sie hält ein Android Smartphone, das ich noch nie zuvor gesehen habe. „Ich schätze, Sie haben nicht daran gedacht, als Sie losgefahren sind. Gut, dass ich Sie nicht erreichen musste, während Sie weg waren, denn …“

Während sie spricht, fällt ihr Blick auf das iPhone in meiner rechten Hand.

„Aber Sie haben ja schon Ihr Handy. Wem gehört dieses denn dann?“, fragt sie und hält Sashas Gerät hoch, um es genauer zu begutachten.

Ich bemühe mich, ruhig zu bleiben. Meine Antwort muss glaubwürdig klingen, damit sie keine weiteren Fragen stellt. Sasha hat ihr Handy in der Tasche gelassen.

„I-ich … habe tatsächlich zwei Handys“, stammele ich, pflücke Sashas Smartphone aus der Hand der Reinigungskraft und stopfe es umgehend in meine Hosentasche. „Eins für die Arbeit und ein Privates. Ist dann geordneter.“

„Oh“, macht sie, immer noch mit verwirrtem Gesichtsausdruck. „Was arbeiten Sie denn?“

„Ich leite eine Kunstgalerie in der Stadt. Die Pierce-Woolsey Gallery, haben Sie davon gehört?“

Sie schüttelt den Kopf und sagt im Hinausgehen, dass sie sich darauf freut, das Baby und mich wiederzusehen. Ich zwinge mich zu einem Lächeln und schließe hinter ihr ab, wohl wissend, dass ich sie niemals wieder herkommen lassen kann. Sie stellt zu viele Fragen und das kann ich nicht riskieren.

Jetzt ist das Haus still. Zum ersten Mal bin ich komplett allein mit meinem Sohn. Mein ganzer Körper kribbelt. Ich erlebe einen Moment absoluter Normalität – eine Mutter, die ihr Kind hält, während ich mich durch das Haus bewege und seinen kleinen Körper sanft schaukele.

Ich öffne eine Dose Muttermilchersatz, schütte ihn in eine Flasche und erwärme ihn in der Mikrowelle. Zwischendurch prüfe ich, dass er nicht zu heiß wird. Dann mache ich es mir mit dem Baby auf einem Sessel gemütlich. Innerhalb weniger Minuten hat er die ganze Flasche leergetrunken und ich fühle mich seltsam stolz.

Ich bringe ihn hinüber zum Wickeltisch und ziehe ihn aus. Glücklicherweise hat Sasha ein Wechseloutfit für ihn in der Tasche. Ich muss mir merken, das auch so zu machen. Man weiß nie, wann ein Baby mal spuckt.

Sobald Daniel wieder da ist, werde ich zum nächsten Geschäft fahren und Jonah neue Klamotten kaufen. In ein oder zwei Tagen wird meine Mutter ein kleines Vermögen für Babymode und anderen Krimskrams bei Bloomingdale’s und Saks ausgeben. Aber erst einmal muss Target ausreichen.

Ich ziehe meinem Sohn eine frische Windel an und wische ihm sanft das Gesicht, den Nacken und die Ohren mit einem feuchten Tuch ab. Schon jetzt spüre ich, wie die Liebe für dieses Kind mein Herz und meinen Körper erfüllt. So fühlt es sich an, Mutter zu sein. Hierfür wurde ich geboren. Als ich mit dem Windelwechsel fertig bin, beuge ich mich hinab, atme seinen süßen Duft ein und küsse ihn auf die Nase, was ihn zum Lachen bringt. Er gurgelt und das Geräusch bringt mein Herz schon wieder zum Schmelzen.

Es ist Zeit zum Schlafen, also lege ich ihn in das gemietete Bettchen. Einen kurzen Moment lang weint er, als ich ihn ablege, also bleibe ich bei ihm stehen und reibe sanft über seinen Bauch. Sobald er sich endlich beruhigt hat, schleiche ich mich aus dem Zimmer. Es ist fast halb zehn, als ich die Küche betrete. Seit heute Morgen hatte ich nichts mehr zu essen oder zu trinken. Im Kühlschrank ist noch Pizza vom Vorabend, die ich mir aufwärme. Zur Feier des Tages schenke ich mir dazu ein Glas Wein ein. Ich setze mich an den Küchentisch und denke darüber nach, was für einen großartigen Tag ich hatte. Morgen wird noch besser. Dann begegnet Jonah zum ersten Mal seinem Vater.

Kapitel 5

In dieser ersten Nacht wacht mein kleiner Engel nur einmal auf, um drei Uhr morgens. Ich erwärme ihm eine Flasche und nehme ihn zu mir ins Bett. Um halb vier ist er wieder eingeschlafen und ich lege ihn zurück in seine Krippe. Ich sollte völlig erschlagen sein, angesichts dessen, was in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert ist, aber aus irgendeinem Grund bin ich hellwach und aufgekratzt.

Wie ich so im Bett liege, springen meine Gedanken von einem Thema zum nächsten. Als ich an Sasha denke, beginnt mein Herz zu rasen. So schlimm ihr Tod auch ist, es gibt immer einen kleinen Lichtblick, wie es so schön heißt. Ich werde sicherstellen, dass Sashas Sohn ein großartiges Leben bei mir hat. Das Leben ist so unvorhersehbar. Kaum einen Tag ist es her, als Sasha und ich lachten und plauderten, nur zwei Frauen am Strand. Jetzt ist eine von uns tot und die andere eine frischgebackene Mutter.

Ich frage mich, ob die Polizei ihren Leichnam gefunden hat. Ich greife nach meinem iPhone auf dem Nachttisch, stecke meine Kopfhörer rein, sodass ich Jonah nicht aufwecke, und google ‚Frau ertrunken heute Hamptons New York‘. Eine Reihe an Schlagzeilen ploppt auf und ich klicke auf eine nach der anderen. Alles, was ich finden kann, scheint das Gleiche zu sein:

Eine Frau mit einer pinken Badekappe wurde von mehreren Leuten und einem Rettungsschwimmer am Strand gesichtet, bevor sie unterging.

Ich klicke auf den Link zur Lokalzeitung News12, die auch Suffolk County abdeckt. Dort gibt es ein Video, in dem die Polizeipräsidentin eine Pressekonferenz gibt.

„Zwei Augenzeugen bestätigen, dass sie gestern eine Frau mit einer pinken Badekappe sahen, die im Wasser Bahnen schwamm. Der diensthabende Rettungsschwimmer sagte, die Schwimmerin sei weit draußen gewesen, wo die Wellen brechen. Weil sie so weit draußen war, habe er ein Auge auf sie gehabt. Irgendwann sah er, wie ihr Kopf untertauchte. In dem Moment blies er in seine Pfeife und lief ins Wasser. Zwei andere Rettungsschwimmer und mehrere Zuschauerinnen und Zuschauer versuchten, die vermisste Frau zu finden, aber gestern sei die Strömung sehr stark gewesen. Die Küstenwache wurde gerufen, aber bisher waren die Taucher in ihrer Suche nach ihr erfolglos. Aufgrund der Gegebenheiten in der Brandungszone ist es denkbar, dass sie ins offene Meer gezogen wurde. Zum bestehenden Zeitpunkt konnten wir das Opfer noch nicht identifizieren. Der Strand wurde abgesucht und niemand konnte Angaben zur Identität der Unbekannten machen. Keines ihrer Besitztümer konnte gefunden werden und auf dem Parkplatz stand kein Auto. Offensichtlich wird sie nicht nur mit ihrem Badeanzug an den Strand gekommen sein, also bitten wir die Öffentlichkeit um Hilfe. Vielleicht erinnert sich jemand daran, sie zum Strand gefahren zu haben? Oder vielleicht hat jemand sie zum Strand begleitet, ist aber später mit ihren Besitztümern gegangen. Wenn Sie irgendwelche Informationen zu dieser Person und ihrer Identität haben, melden Sie sich bitte unter der Telefonnummer …“

Ich lasse mein Handy sinken. Ich habe alles erfahren, was ich wissen musste. Die Polizei hat keine Ahnung, wer Sasha ist, was bedeutet, dass sie nicht wissen, dass sie eine Mutter war, und sie suchen nicht nach einem verschwundenen Baby. Wenn sie aufs offene Meer hinausgetrieben wurde, werden sie sie möglicherweise niemals finden oder herausfinden, wer die Frau mit der pinken Badekappe war. Ich bin womöglich die einzige Person auf dem Planeten, die die wahre Geschichte kennt, und so wird es auch bleiben. Die Wahrheit wird sie auch nicht zurückbringen.

Ich kuschle mich in meine frische Baumwolldecke, wohlwissend, dass mein Geheimnis, zumindest fürs Erste, in Sicherheit ist. In diesem Bewusstsein bete ich, dass mein übliches, lautes Schnarchen mein Baby nicht aufweckt. Langsam schlafe ich ein.

***

Drei Stunden später wecken mich die Schreie meines Sohnes auf. Ich bin sowohl emotional als auch körperlich ausgelaugt und der Gedanke daran, jetzt aufzustehen, scheint unmöglich. Ich schlafe grundsätzlich nicht gut. Seit meiner Kindheit habe ich keine Nacht durchgeschlafen. Daniel und meine Eltern haben mich zu verschiedenen Ärzten geschleppt, die sich auf Schlafprobleme spezialisiert haben. Einer wollte mir alle möglichen Drogen verschreiben und eine andere bestand darauf, dass ich eines dieser schrecklichen Nacht-Atemgeräte trage. Natürlich habe ich höflich abgelehnt und jetzt kämpfe ich mich stattdessen durch die müden Morgenstunden mit extra Kaffee. Nach dem gestrigen Tag und allem, was passiert ist, bin ich allerdings mehr neben der Spur als sonst.

Jonah hört nicht auf zu weinen, und ich rüttle mich mit einigen strengen Worten an mich selbst wach. Du bist jetzt eine Mutter. Jonah kommt an erster Stelle. Du schläfst, wenn er schläft. Ich zwinge mich aus dem Bett, schleife meinen müden Körper durchs Zimmer und hebe Jonah aus seiner Krippe. In dem Moment, als ich ihn aufnehme, hört er auf zu weinen. Er weiß bereits, dass ich seine Mutter bin.

Während meines ersten Tages allein mit meinem neuen Sohn lerne ich seine Routine kennen. Er schläft viel, was mir alle paar Stunden eine Pause gibt. Ich nutze die Zeit, um aufzuräumen. Ich will, dass alles perfekt ist, wenn Daniel heimkommt und seinen Sohn das erste Mal trifft.

Es ist früher Abend und Jonah schläft wieder. Ich muss eingedöst sein, denn ich werde von der Türklingel wach. Ich schaue auf meine Armbanduhr. Es muss Daniel sein. Ich eile zur Haustür und öffne sie. Mein Mann steht im Türrahmen, in der Hand einen riesigen Strauß Sommerblumen. Er hat ein riesiges Grinsen auf seinem Gesicht, als ich in seine Arme springe. Dann küsst er mich lange und fest.

„Hallo, Mamacita“, sagt er, als er meinen Hals in einer übertriebenen Geste mit Küssen übersät. „Jede Minute im Flugzeug fühlte sich wie eine Stunde an.“

„Hey, Daddy-O“, sage ich mit einem ebenso breiten Grinsen.

Wir lachen beide, weinen und reden durcheinander, als wir ins Haus gehen. Als ich die Tür schließe, lässt er seine Taschen fallen. „Wo ist mein Sohn?“

Ich nehme seine Hand und führe ihn in unser Schlafzimmer. Wir hören Jonah leise schnarchen, als wir uns auf Zehenspitzen seiner Krippe nähern. Ich halte mich zurück, um Daniel die Zeit und den Raum zu geben, alles aufzunehmen. Er beugt sich über das Kinderbett und küsst unseren kleinen Jungen zum ersten Mal. Mein Herz ist so voll, dass ich mir sicher bin, dass es explodiert. Als Daniel sanft über den Kopf unseres Babys streichelt, kann ich seine Liebe für Jonah spüren. Sie ist beinahe greifbar. Ich taste nach seiner Hand und er drückt meine. Ich habe mich nie so mit Daniel verbunden gefühlt wie in diesem Moment.

„Ich liebe dich“, sagt er, als wir uns mit einem Glas Merlot an den Küchentisch setzen. Ich sage ihm dasselbe und wir stoßen an.

Er kann niemals die Wahrheit erfahren. Er darf es niemals herausfinden.

Wir leeren unseren Wein und gehen in unser Zimmer, um unseren schlafenden Sohn zu beobachten. Jonah gibt zauberhafte, leise Atemgeräusche von sich, die mein Herz mit jedem weiteren Atemzug erwärmen. Daniel legt seinen Arm um meine Taille und wir stehen in ehrfürchtigem Schweigen um unseren schlafenden Sohn herum.

„Wir sind endlich Eltern“, flüstere ich. „Wir sind jetzt eine Familie.“

Er drückt meine Taille, gähnt und nickt in Richtung Bett. Ich bin ebenfalls müde. Die letzten Tage waren chaotisch. Was als ein gewöhnlicher Strandtag begann, verwandelte sich in eine Schreckensgeschichte, die genauso schnell zum glücklichsten Tag meines Lebens wurde.

Wir steigen ins Bett, geben uns einen Gutenachtkuss und schlafen ein. Eine Stunde später rüttelt Daniel mich wach.

„Du schnarchst wieder“, sagt er. „Du weckst das Baby noch auf.“