Beijing Baby - Volker Häring - E-Book
Beschreibung

Karaoke, Kader, Karrieren – Ein faszinierender Ritt durch die Untiefen der chinesischen Gesellschaft Eine Schauspielstudentin wird tot im Innenhof des Zentralen Theaterinstitutes Peking aufgefunden. Zunächst deutet alles auf einen Selbstmord hin, doch dann tauchen Zweifel auf. Die junge Kommissarin Xiang, gerade frisch aus der Provinz nach Peking versetzt, stürzt sich in die Ermittlungen. Nach und nach gerät sie in einen Sumpf aus Macht und Intrigen. Denn schon bald stellt sich heraus, dass das Opfer ein gefährliches Doppelleben im Pekinger Nachtleben führte und Liebschaften zu hochrangigen Politikern unterhielt ... Beijing Baby nimmt Sie mit in das moderne Peking, wo Tradition und Reform unerbittlich aufeinanderprallen, Geld die Moral bestimmt und politischer Einfluss tödlich sein kann. Ein China jenseits aller Klischees.

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Beijing Baby

Die junge Kommissarin Xiang wurde gerade erst nach Peking versetzt, als sie schon mitten in einem Fall mit höchster politischer Brisanz steckt. Eine bildhübsche Schauspielstudentin liegt tot im Innenhof des Pekinger Theaterinstituts – und sie scheint Beziehungen zu hochrangigen Politikern gehabt zu haben.

Xiang Xia nimmt die Ermittlungen auf und schnell wird klar, dass die Spur ins Rotlichtmilieu führt. Doch die Kommissarin scheint gegen Windmühlen zu kämpfen. Und auch ihr altgedienter Kollege Inspektor Wang, dem das traditionelle Leben in den Pekinger Hutongs über alles geht, ist zunächst keine große Unterstützung.

Mithilfe des deutschen Austauschstudenten Phillip und ihrer gnadenlos modernen Schwester Xiang Mei gelingt es ihr schließlich, tief in das Pekinger Nachtleben einzutauchen. Doch niemand hätte ahnen können, welche dunklen Geheimnisse im Schatten dieser schillernden Halbwelt zwischen Karaokebars und Massagesalons lauern ...

Prolog

»Hi, Ha, Ho!«

Schlagartig war er wach.

»HoHOOOOHoHOHoHOOOOO!«

Er zählte die Pause.

»Hoooooooooooooo! Hooooooooooooo!«, kam es nun aus dem Dunkel.

Drei Sekunden!

»HuAHuAHuAHuAHuAHuAHuAHuAHuAHuAHuA!«, mischte sich dann eine Frauenstimme ein.

Phillip blickte auf die Uhr. Zehn nach sechs! Er stand auf und schaute aus dem Fenster. Meng Xiaonan marschierte über den Schulhof und stieß dabei spitze Laute aus. Ming Song wiederholte monoton sein »Hi, Ha, Ho«. Li Ke malträtierte die Silbe Ho in allen Variationen. Das Stimmtraining gehörte ab dem ersten Semester zum Kurrikulum am Zentralen Theaterinstitut in Peking.

Eine Weile schaute Phillip den Schauspielstudenten zu, dann legte er sich wieder ins Bett. Starrte an die Decke. Zählte weiterhin die Abstände zwischen den Lauten. Jetzt mischten sich weitere Stimmen in die allmorgendliche Übung. Jemand deklamierte Hamlet auf Chinesisch. Eine Frau zählte ohne Pause von eins bis sieben, immer wieder.

Phillip hatte sich auch nach zwei Monaten am Institut nicht daran gewöhnt, dass jeden Morgen um sechs Uhr über dreißig Chinesen ihre lautstarken Übungen mehr oder weniger direkt vor seinem Fenster absolvierten. Eine Nacht hatte er probeweise in einem Zimmer auf der anderen Seite des Studentenwohnheimes geschlafen. Da radelte der Alteisensammler bei Sonnenaufgang durch die Gasse und schlug mit einem Hammer auf ein Stück Blech. Auch nicht besser!

»Hoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo!!!! Hoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo!!!! Hoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo!!!!«

Die Nacht war endgültig vorbei, wenn der fette Chinese sang, dachte er. Wu Jun, 1,60 Meter im Quadrat, war nicht nur der Klassenclown des aktuellen Schauspiellehrganges, sondern auch der Student mit der sonorsten Stimme. Eigentlich eher Kung-Fu-Kämpfer als Schauspieler. Aber für die anvisierte Filmkarriere als heroischer Schwertkämpfer in einem der vielen Geschichtsepen brauchte er das Diplom und die Beziehungen. Da arrangierte er sich mit dem Studium – und den damit verbundenen Übungen.

»Hoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo!!!! Hoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo!!!! Hoooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo!!!!«

Der Kung Fu Panda des Institutes gab wirklich alles.

Dann ertönte aus dem Innenhof ein spitzer Schrei. Ein dumpfer Schlag folgte.

Jetzt übertrieben sie aber, dachte Phillip und drehte sich auf die andere Seite. Stopfte sich Ohropax in die Ohren. Und schlief wieder ein.

Erster Teil

1. Elfmeter

»Pijiuuuuuuuuuuu, Erguotouuuuuuuuu!« Der Getränkeverkäufer drehte auf seinem vollgepackten Lastenfahrrad die Morgenrunde und pries stimmgewaltig Bier und Schnaps an. Ein starker Westwind fegte den Staub durch die Pekinger Altstadtgassen. Glutrot ging die Sonne über den Hutongs auf und tauchte die grauen Mauern der niedrigen Hofhäuser in ein gleißendes Licht.

Kommissarin Xiang stellte ihre Espressotasse auf den Tresen und trat auf die Östliche Baumwollgasse. Die Nachricht von dem Todesfall hatte sie auf dem Weg zur Polizeistation erreicht. Eigentlich sollte ihr Dienst in Peking erst in einer Woche beginnen. Sie hatte sich für den heutigen Vormittag mit Dienststellenleiter Liu verabredet, um die letzten Formalitäten zu erledigen. Auf dem Weg dorthin wollte sie in der nahegelegenen Pass By Bar gemütlich frühstücken und den Rest des Tages nutzen, die Stadt ein wenig kennenzulernen. Daraus würde nun wohl nichts werden.

Vor einer Woche war sie nach Peking gekommen und musste sich immer noch an die Hektik und den Lärm der Hauptstadt gewöhnen. Kunming, ihre Heimat für die letzten fünf Jahre, und vor allem Dali, ihre Geburtsstadt, hatten einen deutlich langsameren Rhythmus. Ein ausführliches Frühstück mit dem einen oder anderen starken Kaffee schien ihr der perfekte Start in den Tag. Doch noch bevor sie ihr Frühstück hatte bestellen können, war der Anruf gekommen. Dienststellenleiter Liu betonte die Dringlichkeit der Angelegenheit und wies darauf hin, dass der Fall äußerst sensibel sei. »Es könnte sein, dass der Fall eine politische Ebene erreicht. Das müssen wir auf jeden Fall verhindern. Sie kommen mit den besten Empfehlungen, enttäuschen Sie uns nicht«, hatte er gesagt. »Die Partei zählt auf Sie!«

Xiang war sich nicht ganz sicher, was die Partei von ihr erwartete. Mit den parteiüblichen Floskeln war sie nicht allzu vertraut. Daher hatte sie nur kurz genickt und dann aufgelegt.

Im Supermarkt der Metrostation kaufte sie sich ein Sandwich mit Käse, das sie im Gehen verschlang. Sie wollte sich nicht gleich bei ihrem ersten Fall verspäten, vor allem, wenn stimmte, was Liu ihr über ihren neuen Kollegen Inspektor Wang gesagt hatte. Ein genialer Polizist sei er, aber auch ein ziemlicher Stinkstiefel. Und dazu noch ein Starrkopf. Keine gute Mischung, dachte Xiang.

Am Tor des Theaterinstituts wurde sie bereits erwartet. Während Xiang sich näherte, legte sie die Hand über die Augen, um gegen die aufgehende Sonne etwas zu erkennen. Der Mann trug eine blaue Buntfaltenhose, ein rot-blau-weiß gestreiftes Polohemd und ein eng anliegendes Jacket, ebenfalls blau. Seine Körperhaltung verriet regelmäßiges Kung-Fu-Training. Er war erstaunlich groß und hatte fast die Leibesfülle des späten Mao Zedong.

Xiang streckte ihm ihre Hand zur Begrüßung entgegen, doch er nickte ihr nur kurz zu. Vermutlich hielt er Händeschütteln für eine westliche Marotte, wie viele seiner Generation.

»Inspektor Wang?«, fragte sie ihn, ihre Hand immer noch frei in der Luft schwebend.

»Inspektor Wang, dienstältester Ermittler der Dienstelle 2 im Ostbezirk«, ratterte er herunter, ohne sie anzusehen. »In der Regel für alles Außergewöhnliche hier im Hutong zuständig!«

Dann blickte er auf und ihre Augen trafen sich für einen kurzen Moment. Sie hatte die Gereiztheit in seiner Stimme gemerkt. Nun sah sie sie auch in seinen Augen. Für den Moment beschloss sie, seine Laune zu ignorieren. Auf dem Papier war sie die ranghöhere Polizistin, und das gefiel einem alten Haudegen wie Inspektor Wang sicherlich nicht.

»Wie sieht es aus?«, fragte sie stattdessen, nachdem sie sich selbst vorgestellt hatte.

»Kommen Sie mit«, sagte er statt einer Antwort und führte sie über den Campus, vorbei an ein paar Basketball spielenden Studenten, bis sie schließlich in der hintersten Ecke vor dem Ausländerwohnheim standen. Auf dem durchbrochenen Asphalt fiel es Xiang mit ihren Plateauschuhen schwer, den großen Schritten Wangs zu folgen, der keinerlei Anstalten machte, auf sie zu warten.

»Na, schon gegessen?«, begrüßte ein schlaksiger Mann die beiden Polizisten, stellte sich Xiang als Doktor Fan vor und rückte seinen weißen Kittel zurecht, der ihm von der Schulter gerutscht war. Er war mindestens einen Kopf kleiner als Wang und wirkte in seinem viel zu großen Kittel etwas verloren. Xiang Xia musste schmunzeln. Die Kollegen von der Pathologie schienen überall einen gewissen Hang zur Skurrilität zu haben.

»Glücklicherweise nicht«, antwortete Inspektor Wang und fixierte mit seinem Blick den Körper der jungen Frau, die in einer großen Blutlache auf dem Sportplatz der Theaterhochschule lag. »Es ist definitiv zu heiß für September!«, sagte er und hielt sich die Nase zu.

»Multiple Brüche, Abschürfungen, Genickbruch«, zählte Fan auf. »Letzteres ist die Todesursache.«

»Ach, nicht die Abschürfungen?«

Doktor Fan schaute Inspektor Wang kurz an und suchte dann Xiangs Blickkontakt. In seinen Augen lag eine gewisse Resignation. Dem Vernehmen nach kannten sich die beiden schon sehr lange. Sonderlich eng schien ihr Verhältnis dadurch aber nicht geworden zu sein.

»Vielleicht ist sie auch an den inneren Blutungen gestorben. Näheres wird die Obduktion ergeben.« Doktor Fan ließ sich die Genervtheit nicht anmerken.

»Herzlichen Dank, Doktor Fan«, sagte Xiang und versuchte dabei aufmunternd zu klingen.

Inspektor Wang nahm eine zerknüllte Packung Zhong Nanhai aus seiner Jackentasche, zog zwei Zigaretten heraus und bot Doktor Fan eine an.

»Hab aufgehört«, lehnte dieser ab. »Ist nicht gut für die Gesundheit.«

»Dann kannst du auch gleich mit dem Atmen aufhören, so wie die Pekinger Luftqualität in den letzten Tagen ist!«, erwiderte Wang und steckte sich eine Zigarette an. »Also, wer liegt hier tot auf dem Boden?«

»He Lin, Spitzname Xiao Fang. 21 Jahre alt, Schauspielstudentin. Hübsch. Und tot!«

»Und gar nicht mehr so hübsch«, bemerkte Inspektor Wang.

Doktor Fan schien Wangs Bemerkung zu ignorieren, legte eine Plastikplane über die Leiche und schüttelte kurz den Kopf. Xiang wurde klar, warum die Partei den Fall nicht allein Inspektor Wang übergeben hatte. Diesem schien der notwendige Ernst für solch delikate Ermittlungen zu fehlen. Dass die Partei in die Entwicklungen involviert war, zumal zu solch einem frühen Zeitpunkt, hieß für alle Beteiligten, dass sie möglichst keinen Fehler machen sollten.

Dies galt wohl im besonderen Maße für Inspektor Wang und Doktor Fan. Bei ihrem ersten Besuch in der Dienststelle hatte der Kleine Shi, ein junger Kollege, Xiang einen kurzen Überblick über die sozialen Beziehungen in ihrer zukünftigen Arbeitsstelle gegeben. Wie Inspektor Wang hätte Doktor Fan eigentlich schon längst in Rente sein sollen und verdankte seinen Job nur seinem Dienststellenleiter. Der betrachtete die beiden altgedienten Kollegen wohl als eine Art Maskottchen, die das alte, längst verloren gegangene Peking aufrechterhielten. Dienststellenleiter Liu sei nur ein paar Jahre jünger als die beiden und fühle sich in ihrer Gegenwart deutlich wohler als mit den jungen Kollegen. »Unsere Revolutionsgarde!«, hatte der Kleine Shi seine drei Kollegen betitelt. Eine ziemliche Respektlosigkeit, wie Xiang fand. Aber wie sich herausstellte, waren sich die drei Herren ihres Spitznamens sehr bewusst und hielten ihn in einem seltenen Fall von Selbstironie hoch. Solange Wang und Fan ihre Arbeit gut verrichteten, konnte der Dienststellenleiter seine schützende Hand über die beiden halten, dachte Xiang.

»Hat sie knapp das Tor verfehlt«, bemerkte Inspektor Wang trocken und deutete auf das kleine Fußballtor, das am Campusrand stand. »Wie die chinesische Fußball-Nationalmannschaft!«

»Finden Sie das lustig?«, herrschte Xiang ihn an.

»Lustig genug«, antwortete er. »Waren ja schließlich elf Meter!«

»Elf Meter?«

»Vier Stockwerke zu je 2,80 Metern. Macht ungefähr elf Meter«, erklärte Wang und schnippte seine Zigarette auf den Boden.

»Ihnen ist schon klar, dass dies ein Tatort ist?« Die Heftigkeit ihrer eigenen Reaktion überraschte Xiang. Inspektor Wang schien sie provozieren zu wollen und sie hatte sich darauf eingelassen. Definitiv kein guter Beginn ihrer Zusammenarbeit.

»Tatort hin oder her«, mischte sich Doktor Fan ein. »Hier sind heute früh schon ein gutes Dutzend Studenten rumgerannt und haben ihre Sprechübungen gemacht. Einer ist über die Leiche gestolpert, als er gerade Hamlet rezitierte.«

»Wozu die den scheiß Shakespeare überhaupt aufführen, ist mir ein Rätsel.« Inspektor Wang schien den Ball gerne aufzunehmen, den Doktor Fan ihm zugespielt hatte. »Als ob es keine guten chinesischen Dramaturgen gäbe!«

»Wen denn zum Beispiel?«, fragte Xiang Xia.

»Lao She geht immer!«, erwiederte Inspektor Wang.

»Lao She ist seit 50 Jahren tot«, erwiderte Xiang. Sie hatte nach dem Abitur mit dem Gedanken gespielt, Literatur zu studieren. Ihre Eltern, die gerade einmal die Mittelschule besucht hatten, hätten dafür aber keinerlei Verständnis gehabt. Ihr Großonkel, eine Revolutionslegende in der Region, hatte sie schließlich davon überzeugt, Polizistin zu werden.

»Aber Shakespeare lebt noch?« Inspektor Wang schien sich tatsächlich in das Thema hineinsteigern zu können. Xiang schaute ihn entgeistert an. Wahrscheinlich hielt er sie für engstirnig und humorlos.

»Das rote Frauenbataillon ist auch ein gutes Stück«, murmelte Inspektor Wang.

Doktor Fan blickte die beiden irritiert an, hob dann die Hand und verabschiedete sich, ohne dass einer der beiden reagiert hätte.

Xiang verstand die Anspielung auf die Musteroper sofort. Während der Kulturrevolution waren in den Theatern der Volksrepublik China nur acht sogenannte Musteropern erlaubt gewesen, mit denen der revolutionäre Geist in die klassische Pekingoper Einzug gehalten hatte. Vor allem das Rote Frauenbataillon, worin sich die weibliche Hauptfigur Wu Qinghua vom einfachen Bauernmädchen zur Revolutionsheldin mauserte, erfreute sich großer Beliebtheit und war unter anderem beim ersten Chinabesuch des amerikanischen Präsidenten Nixon aufgeführt worden. In gewisser Weise war Xiang eine Inkarnation von Wu Qinghua. Auch sie kam aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern waren Bauern aus Yunnan, der Grenzprovinz im Südwesten des Landes. Xiang Xia war die beste Abiturientin ihrer Schule gewesen und hatte ihr Stipendium mit Auszeichnung abgeschlossen. Vermutlich hatte Inspektor Wang die Oper deswegen angesprochen, als weitere Provokation. Für ihn, dessen Leben von wechselnden Machtverhältnissen und Unsicherheiten geprägt war, musste Xiangs Karriere einfach zu makellos, zu glatt wirken.

Inspektor Wang zog intensiv an seiner Zigarette und hielt sie dabei mit allen Fingern seiner rechten Hand, wie man es inzwischen nur noch selten sah. Auch so ein Brauch, der langsam verschwand. Allein schon deshalb, weil immer mehr Chinesen mit dem Rauchen aufhörten.

»Die Tote hatte also Freunde in der Partei?«, stellte er mehr fest als dass er fragte.

»Das ist eine Möglichkeit!«, antwortete Xiang, die froh war, dass das Gespräch wieder zurück auf den Fall kam.

»Freunde, die ein Interesse an der Aufklärung haben. Oder darauf achten, dass gewisse Details nicht bekannt werden?«

Xiang nickte unbewusst. Ihr ging das alles viel zu schnell. Kaum in Peking angekommen, steckte sie bereits in einem Fall, der ihre Karriere maßgeblich beeinflussen konnte. In die eine oder andere Richtung. An ihrer Seite ein alter Griesgram, der mit den Pekinger Verhältnissen um Längen besser vertraut war als sie. Und der Xiang wohl eher als Last denn als Hilfe betrachtete.

»Und deshalb sind Sie nun hier?«, fuhr Inspektor Wang fort. »Im Klartext bedeutet das, dass dies nur bedingt mein Fall ist, oder? Das muss die Reform- und Öffnungspolitik sein! Alles ist möglich und nichts macht Sinn!« Inspektor Wang räusperte sich und spuckte aus. Dann zündete er sich eine weitere Zigarette an.

»Inspektor Wang, ich garantiere Ihnen, dass ich nicht die Absicht habe, Ihnen Probleme zu bereiten.« Der Inspektor mochte ein Stinkstiefel sein, Xiang war jedoch klar, dass sie ohne seine Hilfe keine Chance hatte, die Ermittlungen zu führen. Wang kannte die Pekinger Altstadt offenkundig wie seine Westentasche. Vor allem kannte er die Menschen und ihre Macken. In Yunnan, ihrer Heimat, hatten die Hauptstädter, vor allem die alteingesessenen, den Ruf, schroff und stur zu sein.

»Früher gab es solche Fälle jedenfalls nicht!« Inspektor Wang ging einen Schritt nach vorne, hob die Plane und warf einen letzten Blick auf die Tote. »Wenn jemand vom Dach sprang, war das Selbstmord. Und wenn jemand tot in einer Blutlache lag, hatte das auch einen logischen Grund!«

»Ist Hamlet noch irgendwo?« Xiang stellte sich neben den Inspektor, in der Hoffnung, das Gespräch wieder in sachliche Bahnen zu lenken.

»Wer?« Inspektor Wang zog geistesabwesend an seiner Zigarette.

»Der Student, der die Leiche gefunden hat.«

»Ist im Probenraum und übt für die West Side Story.«

»West Side Story?«

»Wird von der Ford Foundation gesponsert. Seit zwei Wochen laufen deshalb ein gutes Dutzend Schauspielstudenten mit gebleichten Haaren über den Campus. Soll ja authentisch sein!«

2. Sein oder nicht sein

Hamlet schlurfte langsam über den Hof. In seiner Hand hielt er ein Smartphone und ein Manuskript. Als er Xiang und Inspektor Wang erreichte, schaute er kurz auf und vertiefte sich dann wieder in sein Telefon. »Tamade! –Scheiße!«, fluchte er und klappte es zu.

Xiang war seit ihrer Ankunft in Peking von der Rohheit der hiesigen Sprache schon mehrmals überrascht worden. Sicher, in Yunnan wurde auch gerne und ausgiebig geflucht. Tamade jedoch rekurrierte auf das mütterliche Geschlechtsorgan und klang in ihren Ohren sehr extrem. Im chinesischen Südwesten wurde der Ausdruck eher selten und nur in wirklich verfahrenen Situationen gebraucht. Hier schien es einfach nur ein Füllwort zu sein, das eigentlich nur die Bedeutung des Satzes unterstreicht. Hamlets tamade bezog sich offensichtlich auf seinen fast leeren Akku. Umständlich kramte er einen externen Akku aus seiner Umhängetasche, schloss ihn an und vertiefte sich dann wieder in sein Mobiltelefon.

»Gao Liang, Kommissarin Xiang und ich haben da noch ein paar Fragen an dich«, sagte Inspektor Wang ruhig. Hamlet zuckte nur mit den Schultern.

»Wann hast du die Leiche gefunden?«

»Ich habe sie nicht gefunden, ich bin über sie gestolpert!«, sagte er, ohne aufzuschauen. Seine Lippen formten ein weiteres tamade. Durch die Ablenkung hatte er wohl sein Videospiel verloren.

»Also, wann bist du über die Leiche gestolpert?«, hakte Inspektor Wang nach.

»Als ich meinen Hamlet geübt habe.«

»Uhrzeit?«

»Gegen sieben Uhr heute Morgen.«

»Sicher?«

»Wujun war fertig mit seinem HOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOH, da wird es sieben Uhr gewesen sein. Danach pfeift er sich immer ein paar Jiaozi bei der Großen Schwester rein.«

»Mit Schweinefleischfüllung?« Inspektor Wang schien langsam Hunger zu bekommen.

»Lamm, er liebt die Lamm-Zwiebel-Kombination«, antwortete Hamlet.

»Gute Wahl!«, bestätigte Inspektor Wang.

»Kanntest du die Tote?«, mischte sich Xiang in die Vernehmung ein.

»Xiao Fang? Jeder kannte sie!« Hamlet schaute sie an, als hätte sie ihn nach Deng Xiaoping gefragt. Oder wer augenblicklich chinesischer Präsident sei.

»Was heißt das?« Xiang nahm ihr Smartphone aus der Tasche und öffnete die Notiz-App.

»Dass sie bekannt war.«

»Bekannt oder beliebt?«

»Eher bekannt ... Sie hat kürzlich eine Rolle in der Neuverfilmung von Die Räuber vom Liangshan Moor bekommen.«

»Ein Kinofilm?«, sie öffnete den Browser und suchte nach dem Titel und dem Namen der Toten.

»Fernsehen«, antwortete Hamlet knapp, der die Gelegenheit nutzte, ebenfalls einen Blick auf sein Telefon zu werfen.

Xiang fand bei Baidu keinen Eintrag und machte sich dann ein paar Notizen auf ihrem Smartphone.

»In den Räubern vom Liangshan Moor gibt es Frauenrollen?«, intervenierte Inspektor Wang.

»Nicht der Rede wert«, Hamlet winkte ab.

»Also ein Fernsehsternchen«, stellte Xiang fest.

»Weit mehr als das!«, sagte Hamlet.

Eigentlich hieß er Gao Liang, wie Xiang der Akte entnahm. Entweder seine Eltern waren Alkoholiker oder hatten einen schrägen Sinn für Humor. Wahrscheinlich handelte es sich aber um einen Künstlernamen, den Hamlet sich gegeben hatte. »Hirseschnaps« hieß man in China nicht ohne Grund.

»War sie schon tot, als du sie gefunden hast?«, fragte Xiang und steckte ihr Telefon wieder in ihre Tasche.

»Wie soll ich das denn wissen?«, antwortete Gao Liang gernervt. »Sie lag da, ich bin über sie gestolpert, hab mir meinen Schlafanzug mit Blut versaut und verpasse gerade meine Probe.«

»Warum läufst du überhaupt im Schlafanzug durch die Gegend?«, fragte Inspektor Wang beiläufig.

»In Shanghai laufen die Menschen doch den ganzen Tag im Schlafanzug durch die Gassen«, antwortete Gao Liang. »Da kann ich doch früh morgens im Schlafanzug proben!«

Inspektor Wang murmelte etwas, was wie »heutige Jugend« und »keine Kultur« klang. Dabei betraf das längst nicht nur die Jugend. Die Unsitte, Tag und Nacht im Schlafanzug durch die Straßen Shanghais zu laufen, hatte die Shanghaier Regierung ihren Einwohnern sogar zur Expo 2010 trotz gewaltiger Anstrengungen nicht austreiben können.

»Glaubst du, es könnte Selbstmord gewesen sein?«, fragte Xiang unbeirrt weiter.

»Schon möglich. Xiao Fang ist in den letzten Tagen immer so deprimiert über den Campus geschlurft.«

»Wenn ich etwas von Shakespeare gelernt habe, dann, dass alle Realität einen doppelten Boden hat«, mischte Inspektor Wang sich wieder ein.

»Sie haben Shakespeare gelesen?«, fragte Xiang. Als Kenner westlicher Literatur konnte sie sich Inspektor Wang beim besten Willen nicht vorstellen.

»Damals, in der Kulturrevolution, als wir aufs Land verschickt waren, hatte eine Kommilitonin Macbeth mit auf den Bauernhof geschmuggelt. Hat uns über manch einen langweiligen Abend hinweg geholfen!« Inspektor Wang zog lange an seiner Zigarette, bis nur noch der Filter übrig blieb.

»Shakespeare im Schweinestall. Sie sind ja ein richtiger Intellektueller!« Xiang gab sich nur wenig Mühe, ihre Ironie zu verbergen. Andererseits waren Chinesen in Wangs Generation erstaunlich ironieresistent.

»Ich war tatsächlich ein Intellektueller, dann war ich ein aufs Land verschickter Intellektueller und schließlich bin ich Polizist geworden.« Inspektor Wang schien Xiangs Unterton nicht nur zu verstehen, aber er besaß offenbar die typische Selbstironie der alteingesessenen Pekinger. Zum ersten Mal war er ihr sympathisch.

»Und warum mögen Sie dann Shakespeare nicht?«, fragte Xiang, nun mit echtem Interesse.

»Hamlet, ich mag den Hamlet nicht. Macbeth finde ich klasse, das erinnert an unseren großen Epos Die Drei Reiche.«

»Inwiefern?«

»Manches Schicksal ist vorbestimmt und kann nicht verändert werden!«

»Und Macbeth ist wer? Liu Bai, Cao Cao oder gar Sun Quan?«

»Cao Cao ist der Schurke, Sun Quan der Intrigant und Liu Bai der Idealist. Wie bei Shakespeare verschwimmen jedoch die Grenzen zwischen Gut und Böse. Mal sind die Hauptfiguren bewusst handelnde Personen, mal treibt sie das Schicksal vor sich her.« Er blickte Xiang an, als würde er sich vergewissern wollen, dass sie ihm noch folgen konnte. »Wissen Sie, chinesische Politiker bis hin zu Mao Zedong konnten selbst dem Erzschurken Cao Cao etwas abgewinnen. Schließlich ging es auch diesem nur um die Einheit Chinas und da war jedes Mittel erlaubt. Für Mao war Cao Cao ein Idealist, der für das höhere Ziel bereit war, über Leichen zu gehen. Ein Vorbild.«

Xiang nickte, fasziniert von Wangs Vortrag. In der Schule hatte sie Die Drei Reiche immer nur als heroisches Ringen um die Einheit Chinas behandelt. Durch Wangs Ansichten hatte das Stück etwas Frisches, Subversives.

»Kurz: Macbeth hat von jedem ein bisschen.« Er schien in seinem Element. »Wissen Sie, was mich am meisten an dem Stück fasziniert hat? Die Parallele zur modernen chinesischen Geschichte! Mao als Macbeth und Jiang Qing als die intrigante Königin, die ihren Mann ins Verderben treibt. Das wäre mal eine Adaption gewesen, die sich gelohnt hätte! Hat sich bloß keiner getraut!«

Langsam wurde Xiang der Inspektor ein wenig unheimlich. An ihm war anscheinend ein Literat verloren gegangen. Was trieb jemanden wie Inspektor Wang zur Polizei? Andererseits hatte ja auch sie eine ähnliche Karriere gewählt, trotz ihrer Liebe zur Literatur.

»Und als nostalgischer Kulturrevolutionär haben Sie wahrscheinlich den Popsong Xiao Fang als Klingelton?!« Xiang konnte nicht widerstehen, den Inspektor noch ein wenig aus der Reserve zu locken.

»Nee, ich habe kein Mobiltelefon. Wenn ich eins hätte, wäre der Klingelton wohl von Deng Lijun«, knurrte Wang.

»Na, fast! Also eher Romantiker als Nostalgiker!«

Inspektor Wang murmelte etwas, das wie »geht dich gar nichts an« klang.

»Kann ich jetzt gehen?«, mischte sich Gao Liang ein. Er gab sich Mühe, gelangweilt zu klingen, konnte aber eine gewisse Faszination nicht verbergen. Die Polizisten schienen ihn vor allem zu amüsieren.

»Nein!«, riefen Xiang und Wang unisono.

»Lass uns bitte noch deine Mobilnummer und deine persönlichen Daten hier, dann kannst du gehen«, fügte Xiang hinzu. »Ist das eigentlich ein Xiaomi, das du da in der Hand hältst?«

»Ein Xiaomi Mi5, das beste Smartphone, das es gibt. Noch dazu in China hergestellt! Da kann das iPhone einpacken.«

»Das ja nicht in China hergestellt wird ...«, murmelte Wang, während Gao Liang Xiang sein Mobiltelefon zeigte.

Dann tauschten sie Visitenkarten aus, Gao Liang zwinkerte Xiang noch kurz zu und lief dann langsam über den Institutshof. Dabei sang er die Anfangszeile von Xiao Fang.

»Im Dorf gab es ein Mädchen, das hieß Xiao Fang, hübsch anzusehen und nett, Augen zum Verlieben und Zöpfe voll und lang!« Gao Liang drehte eine Pirouette auf dem linken Schuhabsatz, verbeugte sich in Xiangs Richtung und winkte ihr zu.

»Schwul«, bemerkte Inspektor Wang lakonisch.

»Egal«, erwiderte Xiang.

Die beiden schauten sich an. Zwei alte Frauen kehrten mit großen Reisigbesen den Staub von einer Seite des Campus auf die andere. Aus der Mensa wehte der Duft von gekochtem Reis, Knoblauch, Ingwer und Chili herüber. Einige Studenten liefen mit silbernen Aluboxen über den Hof. Xiang lächelte bei dem Anblick, der sie an ihre Studienzeit erinnerte. Der Lehrstoff am Institut war sicherlich ambitioniert und die meisten Studierenden holten sich daher mittags das Essen aus der Mensa, um es dann zwischen ihren Lehrbüchern zu essen. So anders, wie sie befürchtet hatte, war das Leben in der Hauptstadt also gar nicht.

»Der Fall wird schwierig«, sagte sie.

»Das können Sie laut sagen!«, bestätigte Inspektor Wang und zündete sich eine Zigarette an. »Die Jugend hat heutzutage keinen Respekt mehr vor dem Alter!«

3. Maultaschen

Xiang Xia und Inspektor Wang traten durch das große Eisentor des Institutes auf den Dong Mianhua Hutong, das Östliche Baumwollgässchen. Für einen Moment überlegte Xiang, wie die Gasse wohl zu ihrem Namen gekommen war. Sie nahm ihr Smartphone aus der Jackentasche und gab den Namen bei Baidu ein.

»Wie bei so vielen Pekinger Hutongs reicht die Geschichte so weit zurück, dass der Ursprung nicht mehr sinnvoll nachzuverfolgen ist«, stand dort. Vielleicht waren einfach nur die entsprechenden Quellen in den Wirren der chinesischen Geschichte verloren gegangen, dachte sie und machte einen Schritt nach vorne.

Ein lauter Schrei riss sie aus ihren Überlegungen. Dann fühlte sie Inspektor Wangs große Pranken auf ihrer Schulter, die sie zur Seite rissen. Sie spürte einen Luftzug und sah dann ein großes Lastenfahrrad mit Schrottteilen, das sie nur um ein paar Zentimeter verfehlt hatte.

»Shabi!«, herrschte der Fahrer sie an. Hier in Peking schien »Dumpfmöse« ein geläufiges Schimpfwort zu sein. In Yunnan hielt man sich da, jedenfalls jungen Frauen gegenüber, ein wenig zurück.

»Liumeng – Spinner!«, schrie sie zurück.

»In den Gassen der Hauptstadt gibt es anscheinend mehr Verkehr als auf den Ausfallstraßen von Kunming«, stellte Inspektor Wang nüchtern fest. Sie war sich nicht sicher, ob er das ironisch meinte oder ob Kunming, immerhin Hauptstadt der Provinz Yunnan, für ihn wirklich der Inbegriff von Rückständigkeit war. Vielleicht nahm er aber auch nur den Verkehr in Peking ironisch auf die Schippe.

Die Zusammenarbeit mit Inspektor Wang würde eine harte Nuss werden. Er erinnerte sie ein wenig an einen ihrer Großonkel, der sich während des Langen Marsches den Truppen Maos angeschlossen hatte und davon noch immer zehrte. Den ganzen Tag saß er in den Straßen Kunmings, zog an seiner Bambuswasserpfeife und kommentierte das Straßengeschehen. Um ihn wurde die Altstadt von Kunming immer kleiner, ganze Straßenzüge wurden abgerissen, ein Holzhaus nach dem anderen musste »architektonischen Widerlichkeiten« weichen, wie er zu sagen pflegte. Seine Ausführungen unterbrach Onkel Yang nur, um zu essen, am liebsten in seinem Stammlokal, das sich auf Maos Heimatküche spezialisiert hatte. Da saß Onkel Yang dann vor einer Portion mariniertem Schweinebauch, einer Flasche Dali-Bier und einem Glas Kräuterschnaps nach Art des Hauses. Erzählte, wie stattlich Mao war, wie Deng Xiaoping die Revolution verraten hatte und dass nun alles vor die kapitalistischen Hunde gehen würde. Meinte das dann aber immer nur bedingt ernst, brach seine Aussagen ironisch und gefiel sich darin, bewusst zweideutig zu sein. Oder eben unangreifbar, wie jeder, der in den letzten 80 Jahren alle Irrungen und Wirrungen, alle Kampagnen und Verfolgungen der verschiedenen politischen Strömungen miterlebt hatte. Der dadurch über die Jahre hinweg großen Einfluss in der KP gehabt hatte und sogar jetzt, fast 20 Jahre nach seiner Pensionierung, immer noch als graue Eminenz im Hintergrund wirkte. Manchmal fragte sich Xiang, wie viel ihrer Karriere auf ihrer Verwandtschaft zu Onkel Yang beruhte. Sicherlich, sie war immer die Beste ihres Jahrgangs gewesen. In der Oberstufe, bei der Aufnahmeprüfung zur Uni und in ihrem Studienjahrgang. Nur wegen guter Noten machte man in China aber noch lange keine Karriere.

»Lassen Sie uns etwas essen gehen«, schlug sie vor. »In der Pass By Bar gibt es einen guten Brunch!«

»Ich wäre eher für Maultaschen, wenn Sie nichts dagegen hätten«, erwiderte Inspektor Wang.

»Geht schon. Kennen Sie ein gutes Restaurant?«

»Ein Restaurant nicht, aber eine Garküche!«

»Gibt es da einen Unterschied?«

»Im Restaurant ist es teuer und in der Garküche schmeckt es!«

»Und in der Maultasche steckt dann Rattenfleisch?«

Vor ein paar Wochen hatte mal wieder ein Lebensmittelskandal Peking erschüttert. Stichproben in Grillrestaurants hatten ergeben, dass drei Prozent der Lammspieße in Wahrheit aus Rattenfleisch, zehn Prozent aus Schweinefleisch und ein Prozent »unklarer Herkunft« waren.

Inspektor Wang blieb stehen und schaute Xiang lange an.

»Vertrauen Sie einem alten Pekinger! Die Maultaschen in der Alten Heimat sind frisch und lecker!«

»Sie suchen den Ort aus und ich bezahle!«, rief Xiang.

»Passt!«, erwiderte er.

Sie überquerten den Nan Luogu Xiang, durch den sich die Touristenmassen schoben. Während im Östlichen Baumwollgässchen die grau getünchten, einstöckigen Ziegelhäuser dominierten, die immer ein wenig eingestaubt aussahen und hinter unscheinbaren Eingängen prachtvoll verzierte Hinterhöfe freigaben, war hier, im Südlichen Gong-und-Trommelgässchen, von der eigentlichen Bausubstanz nicht mehr viel zu sehen. Hier hatte man den grauen Hofhäusern bunte Hosen angezogen und ihnen Terrassen aufgesetzt, die wie Geschwüre aus den Häusern quollen.

»Essen aus Sichuan, lecker und billig!« schrie eine Dame im Qipao und versuchte, Kunden in ihr Restaurant zu locken. Gegenüber versprach die Konkurrenz »Essen aus der Provinz Hunan, nach traditioneller Art zubereitet«. Riesige bebilderte Speisekarten lagen auf massiven Holzpulten vor den Eingangstüren. Einige der Besucher blieben davor stehen und blätterten durch die Gerichte, kommentierten lautstark das eine oder andere Angebot und gingen dann meist weiter zum nächsten Restaurant, wo sich das Prozedere wiederholte. Trotzdem waren die Restaurants voll. Touristen gab es ja genug. Und irgendwann gaben sich wohl die meisten ob der Auswahl geschlagen und gingen ins nächstbeste Restaurant.

»Was haben Sie denn überhaupt so auf Ihr Smartphone gestarrt?«, fragte Inspektor Wang und wich für seine Körperfülle erstaunlich geschickt einer jungen Chinesin aus, die sich rückwärtsgehend mit einem Selfie-Stick filmte.

»Ich wollte wissen, warum dieser Hutong Östliches Baumwollgässchen heißt. Scheint wohl nicht klar zu sein.« Xiang zeigte ihm den Baidu-Eintrag.

»Warum fragen Sie nicht mich? Oder noch einfacher: Lesen dieses Schild?« Inspektor Wang deutete auf eine große, neu aussehende Plakette an der Hauswand. »In den letzten Monaten hat die Pekinger Stadtverwaltung viel Geld ausgegeben, um alle noch erhaltenen Altstadtgassen mit aufwändigen Schildern auszustatten, die die Geschichte des jeweiligen Hutongs erklären. Wissen Sie, von der Pekinger Altstadt ist inzwischen so wenig übrig geblieben, da wollte man den kläglichen Rest wenigstens für die Touristen freundlich gestalten. Ich vermute ehrlich gesagt eher, dass jemand in der Stadtregierung jemanden kennt, der historische Infotafeln herstellt. Oder beides trifft zu!«

Wenigstens wortkarg war der Kollege nicht, dachte Xiang und ging zur Infotafel.

»Die Östliche Baumwollgasse hieß früher schlicht Baumwollgasse und war Wohnort der Gelben Banner der Qing-Dynastie mit gleichem Namen. In der Kulturrevolution wurde es ›Dritter Abschnitt der Straße des Großen Sprungs nach Vorne‹ genannt«, las Xiang. »In den 2000er-Jahren wurde die Baumwollgasse aufwändig restauriert und erstrahlt heute wieder in altem Glanz.« Viel klüger war sie jetzt allerdings nicht. »Spannend!«, sagte sie trotzdem.

»Ich kenne sie noch als recht baufällige Gasse, auf der sich eher der Müll als die Touristen stapelten«, gab Inspektor Wang weiter den Fremdenführer. »Dann kam die Pass By Bar, das war noch ganz nett. Wenn man davon absieht, dass es hier für eine Zeit mehr Langnasen als Einheimische gab. Inzwischen sind die chinesischen Touristen deutlich in der Überzahl. Dafür hat mit der Zeit auch der letzte Alteingesessene aufgegeben.«

Inspektor Wang verzog das Gesicht und zeigte auf ein auf alt getrimmtes Gebäude, in dem sich ein Laden für Bubble Tea befand. Daneben vertrieb eine schicke Boutique Designerkleidung zu utopischen Preisen.

»Das war mein Stammrestaurant! Das Wenxiang Ju! Der Chef, Liu Tietui, ist hier aufgewachsen. Hat den Tante-Wang-Laden an der Ecke geführt, genug gespart und dann das Restaurant aufgemacht. Fantastisches Essen und dabei nicht teuer! Die Stammkneipe der Schauspielstudenten, die selbst dann noch hierher kamen, als sie Karriere gemacht hatten.« Inspektor Wang hatte ein Glänzen in den Augen, das Xiang so noch nicht von ihm kannte.

»Nur dass der gute Liu nicht der Hellste ist. Bauernschlau, ja. Aber eben kein Intellektueller. Jetzt haben sie ihn um Haus und Hof gequatscht und er betreibt einen Snackstand am Östlichen Dritten Autobahnring.«

Xiang schaute auf das bunte Treiben auf dem Hutong und fand es eigentlich ganz sympathisch. Die meisten Touristen waren tatsächlich Chinesen, in der Regel nicht älter als 25.

»Ich wäre vor zehn Jahren froh gewesen, wenn es so etwas in Kunming gegeben hätte«, sagte sie.

»Ich bin froh, dass ich den alten Nan Luogu Xiang als Kind gekannt habe«, erwiderte Wang. »Der Nan Luogu Xiang ist etwas Besonderes! Zur Kaiserzeit haben hier viele kaiserliche Familien und hohe Beamte gelebt. Mit fast 800 Metern ist es zudem einer der längsten Hutongs, und sicherlich einer der schönsten.« Wang warf einen abschätzigen Blick in eine der Bars, in der ein Sänger mit Gitarre einen aktuellen Popsong massakrierte.

»War eine der schönsten Altstadtgassen«, Wang räusperte sich, zog den Schleim nach oben und spuckte aus. »Die nächste Gasse links und dann sind wir auch schon da!«

Ein paar Minuten später betraten sie einen kleinen Raum im Erdgeschoss eines baufälligen Hauses, in das sich sicherlich kein Tourist verirrt hätte. Der Putz blätterte von der Wand, die bis zur halben Höhe mit hellgrüner Sanitärfarbe gestrichen war. Selbst in Yunnan gab es solche Garküchen nur noch selten. Die Küche bestand aus nicht mehr als einem gusseisernen Wok auf einem weiß gekachelten Kohleofen, der notdürftig überdacht durch einen wackeligen Holzverschlag vom Gastraum getrennt halb auf der Gasse stand. Daneben stapelte sich in einem Waschbecken das dreckige Geschirr. Im Restaurant standen drei kleine Resopaltische mit niedrigen grauweißen Metallhockern, von denen der Lack bröselte. Auf jedem Tisch stand ein Becher mit Einwegstäbchen aus Bambus, einem Schälchen mit eingelegtem Knoblauch sowie jeweils ein Porzellankännchen mit Essig und Sojasoße. Dazu eine Schüssel mit Chilipaste.

»Hallo, Große Schwester!«, grüßte Inspektor Wang die Chefin, eine drahtige Frau Mitte 50, die gerade auf einem der Tische den Maultaschenteig mit einem großen Nudelholz ausrollte.

»Hallo, Großer Bruder!«, antworte sie und zwinkerte ihm zu. »Eine große Schüssel Maultaschen mit Lammfleisch-Bärlauch-Füllung?«

»Ja, und für das Fräulein einmal mit Pilz-Tofu!« Inspektor Wang setzte sich an einen der Tische. Der Metallhocker knarzte unter seinem Gewicht.

»Sie haben mich nicht gerade xiaojie genannt?«, blaffte Xiang ihn an und blieb unschlüssig im Eingang stehen.

»Alte Gewohnheit«, erwiderte Wang, ohne dass ihn Xiangs Ausbruch sonderlich beeindruckt hätte. »In meiner Generation hatte xiaojie noch keinen anrüchigen Unterton.«

»In Ihrer Generation gab es auch noch keine Prostitution! Außerdem mag ich keinen Tofu!« Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust, eine mädchenhafte Geste, von der sie wusste, dass sie so gar nicht zu ihr passte. Die sie sich trotzdem nicht abgewöhnen konnte. Sie schaute ihn an und war sich inzwischen sicher, dass er sie bewusst provozierte. Wahrscheinlich überlegte er sich gerade, ob er den naheliegenden Witz mit dem »Tofu essen« bringen sollte. Chi doufu hatte neben dem Offensichtlichen vor allem die Bedeutung »fummeln«. Wirklich lustig fand das inzwischen keiner mehr, es war eben ein typischer Altherrenwitz.

In der Dienststelle hatte der Kleine Shi Andeutungen gemacht, dass der Inspektor es gar nicht schätzte, bevormundet zu werden. Schon gar nicht von einer jungen Frau. »Genial, aber ein alter Stinkstiefel«, hatte der junge Kollege den Inspektor beschrieben. »Hätte eigentlich schon lange pensioniert sein müssen, hat es aber immer wieder geschafft, sich unentbehrlich zu machen.« Dass er »schwierig« war, darüber waren sich alle einig.

»Glauben Sie mir, die Pilz-Tofu-Maultaschen sind exzellent!«, rief die Chefin aus der Küche.

Xiang warf einen kurzen Blick auf die mit Kreide an eine Wandtafel geschriebene Speisekarte, was ihr schwerfiel, weil ihre Kontaktlinsen ihr durch all den Staub in Peking Probleme bereiteten. Schließlich bestellte sie eine Schüssel mit kalten Nudeln in Sojasoße und Gurken.

»Das ist übrigens der Laden, in dem Wu Jun sein tägliches Frühstück einnimmt«, sagte Inspektor Wang. »Und setzen Sie sich bitte!«

»Wer?« Xiang nahm sich einen Hocker, rückte ihn ein Stück von Wang weg und setzte sich. Selbst bei ihrer zierlichen Statur wackelte der Hocker bedenklich.

»Wu Jun, der fette Pekingoperclown«. Inspektor Wang zeichnete Wu Juns Leibesfülle mit seinen Händen nach.

»Spielt er in dem Fall eine Rolle?«, fragte Xiang.

Wang nahm ein Paar Einmalstäbchen aus dem Holzgefäß auf ihrem Tisch, entfernte die Plastikfolie, brach sie auseinander und rieb sie ausgiebig gegeneinander. Der Inspektor sah mit den recycelten Bambusstäbchen in den Händen ein wenig unbeholfen aus. Für seine Pranken waren sei einfach zu klein. Auch Xiang trauerte den lackierten Holzstäbchen hinterher, die aus Hygienegründen nur noch in größeren Restaurants benutzt wurden, wenn sie eine gründliche Reinigung gewährleisten konnten. In den Garküchen gab es fast nur noch Einmalstäbchen.

»Wahrscheinlich nicht«, sagte er schließlich. »Aber er hat sehr viele Freunde am Institut und weiß vermutlich mehr als die Pförtner. Und die wissen eigentlich schon fast alles.«

»Dann sollten wir ihn vorladen!« Xiang machte sich eine Notiz in ihrem Smartphone.

»Dann wird er Sie nur verarschen«, sagte Inspektor Wang und zündete sich eine Zigarette an. »Der Mann mag zwar Student sein«, fuhr er fort, »aber er hat sich schon einen Namen gemacht. Beim letzten Frühlingsfest hat eine der Hauptrollen in dem zum Neujahr obligatorischen Historien-Fernsehdrama gespielt. Man sagt, Tsui Hak will ihn für Once upon a time in China 12 besetzen! Dem können Sie nicht einfach drohen und er erzählt Ihnen alles, was Sie wissen wollen.«

»Was schlagen Sie vor?«, fragte Xiang und beschloss, auf Wangs Erfahrung zu bauen. Vielleicht konnte sie so seine Vorbehalte gegen sie ausräumen.

»Sie sprechen Englisch, nehme ich an?«, fragte er. Xiang nickte. »Dann könnten Sie sich um die ausländischen Studenten kümmern und ich knöpfe mir Wu Jun vor.«

Die Große Schwester brachte zwei Schüsseln mit Maultaschen. »Lamm-Bärlauch für meinen alten Freund und Pilz-Tofu für das hübsche Mädchen, das ihn begleitet.«

Meinü – hübsches Mädchen –, das gefiel Xiang noch weniger als xiaojie. Meinü hatte zwar nicht wie xiaojie den Beiklang eines leichten Mädchens, wurde aber eigentlich nur von Männern benutzt, die Frauen als potentielle Betthäschen sehen. Und zuweilen von älteren Frauen mit Geld, die neidisch auf jüngere Frauen waren.

»Kalte Nudeln mit Sojasoße und Gurke sind aus«, sagte die Chefin, bevor Xiang sich beschweren konnte. »Und die Pilz-Tofu-Maultaschen musst du wirklich probieren!«

»Probieren Sie auch mal von den Lammfleisch-Maultaschen!«, mischte sich Inspektor Wang ein. Er nahm eine Maultasche zwischen die Stäbchen und legte sie Xiang auf den Teller. Dann zündete er sich eine weitere Zigarette mit dem Stummel der alten an.

4. Lose Enden

Phillip hatte verschlafen. Das morgendliche Gestöhne führte, so er denn überhaupt wieder einschlafen konnte, zu einem unruhigen Schlaf, der mit lebhaften und recht realistischen Träumen durchsetzt war. Nicht selten wachte er komplett gerädert gegen Mittag auf und verpasste seinen Unterricht. Heute hatte er glücklicherweise frei.

Als er gerade schlaftrunken in Unterhose vor seiner Garderobe stand, klopfte es an der Tür. Für einen Moment überlegte er, sich schnell noch eine Hose anzuziehen. Er schaute auf die Uhr: Viertel vor eins, für die Putzfrau war es zu früh. Besuch erwartete er aber auch nicht. Es würde ein Kommilitone sein, der sich etwas ausleihen wollte, dachte er und öffnete die Tür. Vor ihm stand eine attraktive Chinesin Ende 20 und schaute ihn entgeistert an.

»Immerhin nicht ganz nackt«, kommentierte die Frau und schob sich an ihm vorbei durch die Tür, ging weiter zum Fenster und schaute auf den Hof. Sie trug einen eng anliegenden, knielangen Rock und ein dazu passendes Jackett. Die Haare hatte sie am Hinterkopf zu einem Dutt zusammengesteckt.

Phillip zog sich eine Hose und ein T-Shirt über. Fast wie in einem Philip-Marlowe-Film, dachte er. Die unbekannte Schöne, die unvermittelt in der Story auftaucht.

»Ich bin Kommissarin Xiang und ermittle im Mordfall He Lin«, sagte sie.

Dann war er wohl eher Lauren Bacall, dachte Phillip, bevor ihm bewusst wurde, was die Kommissarin gesagt hatte.

»Sa... sagen Sie das noch mal!«, stammelte er.

»Was genau meinst du?«, antwortet sie.

»Das mit dem Mordfall!«

»Der Mordfall He Lin. Man hat sie heute früh tot im Hof gefunden.«

Wäre das nicht zu klischeehaft, hätte er sich jetzt gesetzt. Aber Phillip wollte kein Klischee sein. Vor allem wollte er nicht, dass die Kommissarin, die ihm außergewöhnlich gut gefiel, merkte, dass ihm der Tod He Lins naheging.

»Was ist passiert?«, fragte er, nachdem er sich wieder gefangen hatte.

»Das wüsste ich auch gern! Vielleicht kannst du uns ja weiterhelfen.«

»Ich kannte sie ja kaum. Eher aus dem Fernsehen.« Phillip vermied es, die Kommissarin anzusehen.

»Ihr seid euch nie auf dem Campus begegnet?« Kommissarin Xiang nahm eines der Bücher, die auf seinem Schreibtisch lagen, schaute auf den Titel und nickte. Wang Shuos Oberchaoten. Er hatte es als Vorbereitung auf seinen Pekingaufenthalt gelesen.

»Selten«, antwortete Phillip. Er nahm der Kommissarin das Buch aus der Hand und legte es wieder auf den Schreibtisch. »Für einen armen Studenten wie mich hatte sie ja keine Augen. Selbst wenn der arme Student aus dem Ausland kommt, bleibt er dennoch arm und Student.« Phillip ging an seine Garderobe, zog ein Hemd über das T-Shirt, um es gleich darauf wieder auszuziehen. Für September war es erstaunlich heiß.

»Haben Ausländer denn etwas Besonderes?«, fragte Xiang. Phillip war sich nicht sicher, ob sie die Frage ernst meinte. Er zog das T-Shirt aus und das Hemd an, nahm das Buch vom Schreibtisch und stellte es ins Regal.

»In der Regel finden Chinesinnen ausländische Männer ziemlich geil«, erwiderte er. Versuchte, ihr dabei nicht in die Augen zu schauen, was ihm schwerfiel. Für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke.

»Hat er wirklich niubi gesagt? Ist ja drollig!«, amüsierte sich Xiang Xia und grinste ihn an.

Phillip rollte mit den Augen. Niubi, was wörtlich übersetzt »Kuhmöse« bedeutete, war inzwischen ein dermaßen hipper Begriff für etwas, das interessant, geil oder einfach erstaunlich ist, dass ihn selbst die Chinesischstudenten im ersten Semester inflationär benutzten. Die Kommissarin schien sich über ihn lustig zu machen, und das gefiel ihm gar nicht. Auch nicht, dass sie in der dritten Person über ihn sprach. Auch so eine chinesische Unsitte, die ihn nervte. »Er spricht echt gut Chinesisch!«, raunten sich Chinesen zuweilen zu, während er daneben stand. »Wo kommt er denn her?« »Aus Deutschland.« »Tolles Land! Beckenbauer! Benz!« Meistens beendete er dann das Gespräch oder ging einfach. Spätestens aber dann, wenn das Gespräch auf Hitler kam, den viele Chinesen ziemlich gut fanden.

»Auf jeden Fall hatte ich nicht viel mit He Lin zu tun«, sagte er betont sachlich.

»Nicht viel oder gar nichts?« Kommissarin Xiang nahm ein weiteres Buch aus dem Regal und blätterte geistesabwesend darin. Stellte es dann wieder zurück.

»Eher gar nichts.«

»Interessant. Der Pförtner meinte nämlich, dass He Lin regelmäßig im Wohnheim aus und ein ging.«

»Davon habe ich nichts mitbekommen.« Phillip entschied sich nun endgültig gegen das Hemd und für ein ärmelloses Shirt.

»Wen hätte sie denn besuchen können?«, hakte Xiang Xia nach.

»Keine Ahnung. Seit die Wohnheimtür nicht mehr um 23 Uhr abgeschlossen wird, herrscht hier ein ständiges Kommen und Gehen. Morgens wundere ich mich manchmal, wer so alles aus dem Bad kommt.«

»He Lin zum Beispiel?«

»Wie ist sie denn gestorben?«, versuchte Phillip das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Er goss Wasser aus einer großen Plastikflasche in den Wasserkocher und stellte ihn an. Er brauchte dringend einen Kaffee.

»Vom Dach gefallen. Gestoßen oder gesprungen. War sie denn depressiv oder wirkte sie traurig?« Die Kommissarin nahm sich Phillips Schreibtischstuhl, rückte ihn in die Mitte des Zimmers und setze sich. Mangels Alternativen und um nicht dumm im Raum rumzustehen, setzte sich Phillip auf die Kante seines Bettes.

»Xiao Fang oder He Lin, wie hat sie sich denn eigentlich genannt?«, fragte die Kommissarin, während sie wieder aufstand und langsam zur Tür ging.

»Na, Xiao Fang«, antwortete er, ohne viel nachzudenken, und blickte ihr nach. Sie hatte wirklich eine tolle Figur.

»So unbekannt scheint sie dir ja doch nicht zu sein«, bemerkte Xiang und ging aus dem Zimmer, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Phillip zog sie zu und drehte den Schlüssel um. Offene Türen waren eine Unsitte, die ihn an China fast am meisten nervte. Dann setzte er sich zurück auf die Bettkante und dachte an den letzten Abend mit He Lin.

Sie hatte auf seinem Bett gesessen und an die weiße Wand gestarrt, auf der sich kleine schwarze Schimmelflecken bildeten. Zusammen hatten sie eine Flasche Rotwein geleert und ein wenig gekuschelt. Er hätte gern mit ihr geschlafen, aber sie war abrupt aufgestanden, als er sie gefragt hatte.

»Könnt ihr Männer mal an etwas anderes als Sex denken?«, hatte sie gerufen und dann mit verschränkten Armen und Schmollmund vor seinem Bett gestanden. Chinesische Frauen hatten wirklich etwas Kindlich-Theatralisches.

»Manchmal schon«, versuchte er, die Stimmung aufzuheitern.

»Lass mich allein, bitte!«, sagte sie und ließ sich bäuchlings auf das Bett fallen.

Er musste lachen. »Das ist mein Zimmer. Wenn, dann musst schon du schon gehen.« Phillip hatte keine Lust auf diese infantilen Spielchen.

He Lin richtete sich auf und sah ihn entgeistert an. Sie schien es gewohnt zu sein, dass die Männer ihr aus der Hand fraßen. Ihren Launen folgten. Phillip hatte sie hingegen behandelt wie jede andere Frau, ja sogar wie jeden anderen Menschen.

»Ausländer!«, sagte sie. »Keine Manieren und vor allem furchtbare Stoffel, was Frauen angeht.«

»Nicht alle Ausländer sind gleich.«

»Stimmt, ihr Deutsche seid besonders schlimm! Kein Wunder, dass ihr so viele Philosophen hervorgebracht habt. Zu viel Intellekt und zu wenig Romantik!«

Phillip war sich sicher, dass Romantik für He Lin vor allem bedeutet hatte, dass Männer jeden Wunsch von ihren Lippen ablesen sollten.

»Was ist jetzt?«, fragte Phillip und versuchte, ihre Hände aus der Verschränkung zu lösen.

»Was soll sein, wir gehen jetzt was essen und du lädst mich ein!« Ehe Phillip reagieren konnte, hatte sie ihre Handtasche genommen und war zur Tür gegangen.

»Na gut«, sagte er und folgte ihr aus dem Zimmer.

Sie waren ins Duo Wei Ju gegangen, ein kleines Restaurant im Fuxue Hutong, das Sichuan- und Yunnan-Küche servierte. He Lin hatte sich beschwert, dass es hier nur das einfache Yanjing-Bier gab. »Billige Plörre«, meinte sie.

»Das beste Bier Chinas«, gab Phillip zurück.

»Ausländischer Spinner!«, rief sie und lachte.