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Die tragische Geschichte einer Weltstadt: Beirut und das Schicksal des Libanon vor und nach dem Kollaps
"In Beirut ist die Luft erfüllt von Poesie und Schießpulver, von Liebe und Verzweiflung." – Etel Adnan
Am 4. August 2020 fegte eine gewaltige Explosion vom Hafen Beirut aus über die Hauptstadt des Libanon. Über 200 Menschen starben, Tausende wurden verletzt, hunderttausende Wohnungen zerstört. Es war eine der gewaltigsten Explosionen in der modernen Geschichte – und eine Katastrophe für Beirut, das sich zu jener Zeit bereits in einer historischen Wirtschaftskrise befand.
Die Hafen-Explosion im August 2020 ist der Ausgangspunkt der Erzählung in "Beirut. Splitter einer Weltstadt". In dem Buch führt Meret Michel, die seit vielen Jahren immer wieder in Beirut lebt, durch die Stadtgeschichte. Sie beginnt im 19. Jahrhundert, als Beirut dank der ersten Welle der Globalisierung von einem Provinznest zur wichtigsten Handelsstadt der Region aufsteigt, führt weiter über die goldene Zeit der 1960er, als die Stadt zum intellektuellen Zentrum für linke Bewegungen wurde, über den zerstörerischen Bürgerkrieg, den Aufstieg der Hisbollah bis hin zum letzten Krieg zwischen Israel und der schiitischen Miliz.
Kern der Erzählung sind die Geschichten aus dem Alltag verschiedener Bewohnerinnen und Bewohner Beiruts: Der alteingesessenen Familie Sursock, die mit Beiruts Aufstieg zum Handelszentrum zu Reichtum und Einfluss gelangte. Von Bassam al-Sheikh Hussein, der seine Bank überfiel, um an sein eigenes Erspartes zu gelangen. Oder Monika Borgmann, die dafür kämpft, dass die Mörder ihres Mannes und Hisbollah-Kritikers Lokman Slims zur Rechenschaft gezogen werden. Dabei kehrt die Autorin stets zu derselben Frage zurück, die auch über Beirut hinaus von Bedeutung ist: Was macht einen Ort zu einem Zuhause?
Denn das Kuriose an Beirut ist, dass vermutlich eine Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner, selbst wenn sie hier geboren wurden und aufgewachsen sind, sich in Beirut letztlich nicht zu Hause fühlen. Die Suche nach Antworten führt zu den inneren Widersprüchen dieser Stadt, die einst als Schmelztiegel, als "Tor zwischen Ost und West" galt, und die heute gerade wegen der unterschiedlichen politischen Narrative so zerrissen ist. Dass die Erzählung dabei bis in die aktuelle Zeit führt, als der Konflikt zwischen Israel und Iran auf einem Höhepunkt steht, macht "Beirut. Splitter einer Weltstadt" zum hochaktuellen Buch – um nicht nur Beirut, sondern die gesamte Region des Nahen Ostens jenseits der Schlagzeilen zu verstehen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Meret Michel
Beirut
Splitter einer Weltstadt
Für Sama
Ein früher Sonntagmorgen. Ich schließe die Tür zu unserem Haus auf, hieve unseren Koffer über die Schwelle, wir treten ein. Die Wohnung wirkt merkwürdig leer. Den großen Teppich in der Mitte des Raumes hat meine Freundin, die sich in den letzten Monaten um das Haus gekümmert hatte, offenbar weggeräumt. Wie immer, wenn ich von einer Reise zurückkehre, gehe ich zuerst zu der Metalltür hinter dem dunklen Holzschrank im Wohnzimmer, die zur Terrasse hinausführt.
Draußen scheint die Morgensonne auf die gemusterten Keramikplatten. Die Terrasse sieht noch genau so aus, wie wir sie zurückgelassen hatten an jenem Vormittag im vergangenen Oktober, als wir mit unserem Koffer zum Flughafen fuhren und nicht wussten, wann wir wiederkommen würden. Der Holzstuhl, den wir in jenen Tagen des Kriegs vom Wohnzimmer auf den Balkon neben den runden Holztisch gestellt hatten, steht noch an der selben Stelle. Die Aussicht ist wie immer, als wäre nichts geschehen: das rosa gestrichene, alte Haus ein paar Dutzend Meter vor uns, die dicht bebaute Hügelflanke dahinter, links der wild gewachsene Wald an dem abfallenden Hang. Das war es, was ich an diesem alten, renovationsbedürftigen Haus immer so mochte: Es steht zwar mitten in Beirut, im Norden der libanesischen Hauptstadt, wenige Hundert Meter vom Hafen entfernt. Doch das Grün direkt vor uns, die Bäume rund um unseren Balkon und die Hügel dahinter lassen mich manchmal denken, dass wir tatsächlich in einem Haus irgendwo draußen in der Natur leben. Der Verkehr der Stadt ist hier nur ein entferntes Rauschen, unser Haus steht in einer Sackgasse, an deren unterem Ende eine Fußgängertreppe den Hang hinunterführt. Nur die verflossene Zeit hat in unserer Abwesenheit ihre Spuren hinterlassen: Der Plastikstuhl in der hinteren Ecke ist von einer Schicht Staub überdeckt, der Boden übersät von den Blüten und Blättern der Sträucher und Bäume, die vom Nachbarhaus zu uns hochwachsen und den Balkon wie ein Vorhang einrahmen.
Es ist Ende Januar 2025. Meine Tochter und ich sind nach fünf Monaten wieder nach Beirut zurückgekehrt, um unseren Alltag wieder aufzunehmen, den wir vor dem Krieg hatten. Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Als wir Anfang Oktober 2024 überstürzt ausreisten, hatte ich keine Ahnung, wann wir wiederkommen würden. Der Krieg zwischen der Hisbollah und Israel, der damals bereits seit einem Jahr andauerte, war zehn Tage zuvor eskaliert, die israelische Luftwaffe bombardierte nicht nur die südlichen Vororte Beiruts und andere Landesteile Libanons täglich, sondern zunehmend auch Ziele im Herzen der Hauptstadt. Die Intensität der Angriffe schraubte sich über wenige Tage so in die Höhe, dass mir bald klar war: Wir müssen raus. Wir buchten den nächstmöglichen Flug eine Woche später. Und wussten nicht: Würde dieser Krieg nach wenigen Wochen wieder enden oder Jahre dauern? Würde Beirut danach noch ein Ort sein, wo ich zusammen mit meiner Tochter leben könnte?
Die Ungewissheit ist etwas, was das Leben der Menschen in Beirut schon lange prägt. Und mit ihr der Widerspruch, den ich im Moment unserer Rückkehr zu spüren schien: der Widerspruch zwischen den großen politischen Entwicklungen, im Libanon wie in der ganzen Region, die auf so umfassende Weise das Leben der Menschen bis in ihren Alltag bestimmt, und jenem Alltag selbst, der mittendrin weiterläuft, an dessen Details man sich festklammern kann, und der immer wieder mal ein falsches Gefühl von Stabilität vorgaukelt, bevor dieses durch die Wucht plötzlicher Veränderungen weggefegt wird.
Und davon gab es in Beirut viele in den letzten Jahren. Die Wirtschaftskrise, die 2019 im Libanon ausbrach, die Explosion am Hafen, die am 4. August 2020 über die Stadt hinwegfegte, oder der Krieg zwischen der Hisbollah und Israel, der vergangenen Herbst eskalierte: Die politischen Entwicklungen verlaufen nicht einfach stetig, sondern werden manchmal plötzlich aus der Bahn geworfen und schlagen eine andere Richtung ein. Die Erwartung, dass jeden Moment etwas geschehen könnte, womit man nicht gerechnet hat, beeinflusst auch die Art, wie man über die eigene Zukunft nachdenkt, die Pläne, die man zwar macht, die aber jeden Moment wieder über Haufen geworfen werden können. Die Frage, ob äußere Entwicklungen plötzlich den Lauf des eigenen Lebens ändern, ist keine vage Möglichkeit, sondern der Normalfall. Das Leben in Beirut, im Libanon, ja, in den meisten Ländern in dieser Region der Welt, steht auf dem wackligen Boden der politischen Erdbeben, die in regelmäßigen Abständen den eigenen Alltag erschüttern.
Vor allem seit 2011 sind die politischen Umwälzungen zum prägenden Merkmal der gesamten arabischen Region geworden, seit in fast allen Ländern im Zuge des sogenannten »Arabischen Frühlings« Massendemonstrationen ausbrachen, die den Sturz jener diktatorischen Regime forderten, die in vielen Ländern seit Jahrzehnten an der Macht waren. In Tunesien, Ägypten, Libyen und dem Jemen wurden die Autokraten Zine el-Abidine Ben Ali, Hosni Mubarak, Muammar Gaddafi und Ali Abdullah Saleh gestürzt. Es folgten Jahre politischer Unsicherheit, an vielen Orten wurde die Hoffnung auf einen demokratischen Wandel von Kriegen und Militärputschs zunichtegemacht. Millionen von Menschen wurden vertrieben, sei es innerhalb ihrer eigenen Länder oder über die Grenzen hinweg in die Nachbarstaaten und in die ganze Welt. Kaum eine Region wurde in den letzten 15 Jahren – bei allen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern – als Ganzes so nachhaltig erschüttert wie jene Länder zwischen Marokko und dem Oman.
Der Libanon liegt mittendrin. Zwar folgte die politische Entwicklung in den letzten 15 Jahren hier einem etwas anderen Verlauf. Doch das Land wurde stets mit erschüttert von den Umwälzungen rundherum. Der Krieg im Nachbarland Syrien ab 2011 zum Beispiel, der Millionen Menschen in die Flucht trieb, brachte auch Hunderttausende Syrerinnen und Syrer hierher. Die libanesische Hisbollah-Miliz trat an der Seite des Assad-Regimes in den Krieg ein und wurde dort zu einem entscheidenden Player. Wegen der prekären Sicherheitslage, in die der Syrien-Krieg auch den Libanon stürzte, blieben die Touristinnen und Touristen weg, die Investitionen in den lange boomenden Immobilienmarkt aus den Golfstaaten trockneten aus. Das Land rutschte in eine Rezession.
Dann überschlugen sich die Ereignisse. Im Oktober 2019 brachen Massenproteste aus, die sich gegen die Korruption der herrschenden Oligarchie richteten und einen politischen Wandel bis hin zur Abschaffung des konfessionellen politischen Systems forderten, das seit der Staatsgründung die Geschehnisse im Land prägt. Politisch konnten die Demonstrationen zwar wenig bewirken, auch wenn sie kurzfristig die damalige Regierung unter Ministerpräsident Saad Hariri zum Rücktritt zwangen. Fast zeitgleich aber geschah etwas anderes, das das Leben fast aller Menschen im Land auf den Kopf stellen würde: Der Bankensektor, der doch seit der Staatsgründung und länger als das Rückgrat der libanesischen Wirtschaft galt, kollabierte. Die Geldinstitute waren faktisch bankrott, sie führten Kapitalkontrollen ein, sodass die Kontoinhaber von einem Tag auf den anderen nur noch wenige Hundert Dollar pro Monat von ihrem Ersparten beziehen konnten. Zum Finanzkollaps kamen die Staatspleite und eine Währungskrise, die den Wert des libanesischen Pfunds, das fast zwei Jahrzehnte lang mit einem festen Wechselkurs an den US-Dollar gebunden war, in den Keller schickte. Hunderttausende Libanesen verloren ihre Ersparnisse und ihre Jobs; wer weiterarbeiten konnte, dessen Lohn war häufig nur noch einen Bruchteil dessen wert, was er vorher verdient hatte. Die Wirtschaftskrise war so umfassend, dass kaum jemand davon unberührt blieb; die Weltbank bezeichnete sie in einem Bericht als die drittschwerste Wirtschaftskrise weltweit in den letzten 150 Jahren.[1] Natürlich war das alles nicht die direkte Folge des Syrien-Kriegs; eher war dieser ein beschleunigender Faktor für einen Kollaps, auf den die jahrelang fehlgeleitete Wirtschafts- und Finanzpolitik irgendwann unausweichlich zusteuerte. Als ob das nicht genug gewesen wäre, erschütterte am 4. August 2020, gut ein Dreivierteljahr nach Ausbruch der Wirtschaftskrise, eine gewaltige Explosion im Hafen von Beirut die Hauptstadt. Über 7000 Menschen wurden dabei verletzt, 218 starben. 77 000 Wohnungen wurden zerstört oder beschädigt, 300 000 Menschen wurden vorübergehend vertrieben.[2] Es folgten Jahre der Krise, in denen es über Monate hinweg kaum Strom gab und sich aufgrund von Benzinmangel die Autos über mehrere Kilometer vor den Tankstellen stauten, und Zeiten, in denen sich die wirtschaftliche Situation zu stabilisieren schien. Bis hin zu jenem Moment im Oktober 2023, als plötzlich wieder Krieg herrschte im Libanon, nachdem die Hisbollah angefangen hatte, zur Unterstützung der Hamas im Gazastreifen Raketen Richtung Israel zu schießen, und damit die Unsicherheit, die Angst vor einer Eskalation plötzlich wieder das Leben bestimmten.
Es ist dieser Dauerzustand der Instabilität, die Art, wie politische und wirtschaftliche Entwicklungen das Leben der Menschen auf so einschneidende Weise prägen, die mich in meiner Arbeit als Journalistin im Libanon und den umliegenden Ländern immer wieder beschäftigte. Und es waren die eben beschriebenen Ereignisse der letzten fünf Jahre, die das Leben im Libanon und in Beirut so plötzlich und so umfassend veränderten, die mich 2022 erstmals dazu bewogen, ein Buch über Beirut schreiben zu wollen; jene Stadt, in der ich seit 2018 immer wieder längere Zeit gelebt hatte. Dabei sollte sich die ursprüngliche Skizze für das Buch im Verlauf der Recherche mehrmals verändern. Denn während ich mich zunächst darauf konzentrieren wollte, den Alltag der Menschen während der Krise der letzten fünf Jahre zu dokumentieren, war mir bald klar, dass man die Instabilität selbst heute nicht allein durch die jüngsten Ereignisse, die Wirtschaftskrise, die Revolution, die Explosion erzählen kann. Denn die Gründe für die systematische Ungewissheit, die das Leben in Beirut prägt, sind vielschichtiger und reichen viel weiter zurück.
Da ist zunächst der wirtschaftliche Aufstieg der Hafenstadt Beirut im 19. Jahrhundert, der die Stadt erstmals zu jenem »Tor zwischen Ost und West« machen sollte, als das die Stadt später bekannt wurde. Er sollte nicht nur die Wirtschaftspolitik der Jahrzehnte danach prägen, sondern auch ganz entscheidend den Charakter der Stadt: Beirut ist so verwestlicht wie keine andere in der Region. Doch während dieser westliche Einfluss in Teilen der Bevölkerung euphorisch begrüßt wurde, stieß er bei anderen auf vehemente Ablehnung – ein Konflikt, der entscheidend zum widersprüchlichen Wesen dieser Stadt beitrug. Da ist das politische System, das seit Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Libanon von Frankreich in seine heutigen Grenzen gegossen wurde, entlang konfessioneller Linien organisiert ist und das damit wesentlich für die inhärente Spannung in der libanesischen Politik verantwortlich ist, die sich ab 1975 in einem 15 lange Jahre andauernden Bürgerkrieg entladen sollte. Und da sind natürlich die zahlreichen anderen Länder, Israel, Syrien, der Iran, die USA, Saudi-Arabien oder Frankreich, die sich immer wieder in die politischen Entwicklungen im Libanon einmischten und versuchten, diese in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Im Lauf der Arbeit an diesem Buch zerbrach ich mir lange den Kopf darüber, wie man die komplexe Geschichte dieser Stadt erzählen kann, ohne dabei die Menschen aus dem Blick zu verlieren, und wie man ein Porträt Beiruts schreiben müsste, das dem vielschichtigen Charakter dieser Stadt gerecht würde. Viele journalistische Bücher, die eine Stadt versuchen zu porträtieren, suchen sich einen anschaulichen Aufhänger, einen geografischen roten Faden. Das Buch »Stadt der Lügen« von Ramita Navai etwa über den Alltag der Gesellschaft in Teheran, spielt ausschließlich an der Valiasr-Straße, die die Stadt von Norden nach Süden durchquert. Ein bekannter Reporter gab mir den Tipp, mir doch einen Ort zu suchen, sei es ein Wohnblock, ein Kaufhaus, ein Platz in einem Viertel oder eine kleine Straße, an der man sozusagen die Stadt »im Kleinen« antreffe, einen Ort, an den man heranzoomen könnte und anhand dessen man die Stadt als Ganzes verstehen würde.
Ich dachte lange über die Idee nach. Wo in Beirut könnte ich einen Ort finden, der die Komplexität und Widersprüchlichkeit, die zahlreichen Gesellschaftsgruppen, die hier aneinander vorbeileben, zusammenbringt? Das Stadtzentrum auf jeden Fall nicht. Dieses galt zwar noch vor dem Bürgerkrieg, der 1975 ausbrach, als Treffpunkt für alle Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt – als einziger, denn Beirut war schon damals an den meisten Orten nach Konfession und Klasse segregiert. Wenn es vor dem Bürgerkrieg noch manche gemischten Viertel gab, hat sich die Politik der Trennung der Menschen nach dem Krieg nur noch weiter verstärkt, sodass es bis heute keine Seltenheit ist, dass etwa ein Taxifahrer im Osten der Stadt sich weigert, an bestimmte Orte im Westen zu fahren. Als hätte er noch immer die »Grüne Linie« im Kopf, die während des Bürgerkriegs die Stadt in einen (mehrheitlich) christlichen Osten und einen (mehrheitlich) muslimischen Westen teilte.
Auch die eine Straße gibt es in Beirut nicht, die sich auf eine bestimmte Weise so durch die Stadt ziehen würde, dass man alle Mosaiksteine dieses Gebildes einmal abfahren könnte. Die Ringstraße, die in den Fünfzigerjahren gebaut wurde, führt zwar rund um das Innere der Stadt, allerdings führt sie nicht in die südlichen Vororte, nicht in die »Dahiyeh«, wo ein Großteil der schiitischen Bevölkerung im Großraum Beiruts lebt und wo die Hisbollah ihr Hauptquartier hat, ohne die man die jüngere Geschichte dieser Stadt nur schwer erzählen kann. Die Damaskusstraße, die vom Hafen Richtung Südosten quer durch die Stadt führt und die einst die Trennlinie während des Bürgerkriegs war, lässt Hamra rechts liegen, das Viertel, das vor dem Krieg wesentlich dafür verantwortlich war, dass Beirut zum intellektuellen Zentrum der Region wurde, während einer Zeit, in der politische Visionen noch mit der Überzeugung geschaffen wurden, dass sie auch Realität werden könnten.
Auch einen Wohnblock zu finden, in dem man die Komplexität dieser Stadt in den verschiedenen Wohnungen und Familien abgebildet sehen würde, war schwierig. Allein die Frage, in welchem Stadtteil man dieses Gebäude suchen will, würde in dieser Stadt, wo so viele widersprüchliche Erzählungen und politische Visionen an verschiedenen Orten existieren, zu einer Verortung Beiruts in einem einzelnen, ganz bestimmten Narrativ führen. Die Suche nach einem Kaufhaus oder Markt, wo alle Bewohnerinnen und Bewohner aufeinandertreffen, schien mir aussichtslos. Während dies für die christliche Oberschicht in den gehobenen Vierteln im Osten der Stadt vielleicht die ABC-Mall in der Nähe des Sassine-Platzes ist, wäre es für die wohlhabenden Bewohner im Westen der Stadt wahrscheinlich die gleichnamige Mall in Verdun in der Nähe der Küste. Wer sich die teuren Shoppingcenter nicht leisten kann oder will, geht auf den Suk al-Ahad, den Sonntagsmarkt. Doch auch dieser ist kein Markt, an dem sich die Menschen vom Nordende der Stadt bis in den Süden treffen würden. Viele ziehen es vor, die Alltagsgegenstände und Gebrauchtkleider, die man hier findet, in ihren eigenen Vierteln zu kaufen.
Selbst in der Freizeit sucht man den einen Ort, an dem sich alle treffen, vergebens. Das musste ich zusammen mit meiner Tochter feststellen. Öffentliche Plätze oder Parks mit Spielplätzen gibt es ohnehin kaum, abgesehen vom Horsh Beirut, einer riesigen Grünfläche mitten in Beirut, wo man durch den Pinienwald schlendern und für eine Weile durchatmen kann vom Lärm der Stadt. Der Horsh ist meistens spärlich besucht. Der Sanayya-Park im Westen der Stadt ist zwar der größte und wunderschön mit den zahlreichen Bäumen und Sträuchern, doch auch hierher kommen vor allem die Bewohner aus den umliegenden Vierteln sowie Syrerinnen und Syrer, denen in anderen Parks, etwa jenem in unserem Viertel im Osten der Stadt, der Zutritt verboten ist. Beirut ist eine Stadt des Kommerzes, das Freizeitangebot ist weitgehend privatisiert. Wer sich die dröhnenden Indoor-Spielplätze nicht leisten kann, geht zum Picknick an die Dalieh, die Felsen, die an der Westküste Beiruts Richtung Meer abfallen. Es ist ein Beispiel dafür, wie die Trennlinie der Klasse in dieser Stadt beinahe so prägend ist wie jene der Konfession.
Ich sah mich in meiner Suche nach einem erzählerischen Bogen schon an den Widersprüchen dieser Stadt scheitern, an dem Anspruch, ein Buch über eine Stadt zu schreiben, und ihrem Charakter, dem, was sie ist, so nahe wie möglich zu kommen. Wie sollte man das tun in Beirut, wo so viele Realitäten parallel existieren, so viele Welten, die auf den ersten Blick wie unterschiedliche Planeten wirken? Wie kann man all diese Gemeinschaften, die hier aneinander vorbei leben, die Narrative, die sich gegenseitig widersprechen, unter ein gemeinsames Dach stellen?
Doch im Lauf meiner Recherchen drängte sich neben der Frage, wie die Instabilität das Leben und den Alltag in dieser Stadt prägt, noch eine andere auf. Denn ein Thema zog sich tatsächlich wie ein roter Faden durch meine Gespräche mit den unterschiedlichsten Bewohnerinnen und Bewohnern Beiruts: Dass viele von ihnen, selbst, wenn sie in Beirut geboren und aufgewachsen waren, die libanesische Hauptstadt letztlich nicht vorbehaltlos als ihr Zuhause bezeichnen würden. Die Syrer sind in Syrien zu Hause. Die meisten von ihnen besitzen im Libanon keinen legalen Aufenthaltsstatus und sehen in diesem Land keine Zukunftsperspektive. Auch die Palästinenser und Palästinenserinnen, die doch schon so viele Jahrzehnte hier leben, die jedoch seit ihrer Ankunft als Aussätzige, als »Feind im Inneren«, wie Jihane Sfeir schreibt, gesehen werden. Aber auch die Libanesinnen und Libanesen selbst: Während die älteren Generationen, selbst wenn auch sie ihr ganzes Leben in Beirut verbracht haben, sich letztlich im Dorf ihrer Vorfahren noch immer mehr zu Hause fühlen, sehnen sich die Jüngeren danach, den Libanon so schnell wie möglich zu verlassen und ihre Zukunft anderswo aufzubauen. Wenn man die Menschen nach den schönen Seiten Beiruts fragt, nach dem, was diese Stadt für sie ausmacht, erzählen viele von einer Stadt, die sie aus ihrer Kindheit oder Jugend kennen: Als das Zentrum Beiruts noch ein Zentrum war, mit Märkten und einem gepflegten Platz mitten in der Stadt. Oder sie sehnen sich in die Zeit der Sechzigerjahre zurück, als Beirut ein Hafen für arabische Intellektuelle der ganzen Region und ein Motor für politische Ideen war, von denen ihre Schöpfer damals hofften, dass sie die Welt radikal verändern könnten. Beirut aber als eine Stadt, die im Hier und Jetzt existiert, mit einer Identität, auf die sich alle einigen könnten, gibt es nicht. Dieser Frage gehe ich in diesem Buch nach: Warum so viele Menschen in Beirut, ja die Mehrheit seiner Bewohner, eine so komplizierte Beziehung zu ihrer Stadt haben – und was dieses Gefühl mit ihrem eigenen Leben macht, mit ihrem Alltag und darüber hinaus mit der Stadt als Ganzes.
Natürlich ist diese Feststellung, dass sich die meisten Bewohner Beiruts hier nicht oder nur eingeschränkt zu Hause fühlen, keine absolute; natürlich gibt es Menschen, die diese Stadt ohne zu zögern als ihr Zuhause bezeichnen würden. Aber ich würde behaupten, dass selbst unter ihnen die wenigsten ein widerspruchsfreies Verhältnis zu Beirut haben. Dass selbst jene, die aus voller Überzeugung sagen, sich in Beirut zugehörig zu fühlen, letztlich immer nur einen Teil von Beirut meinen. Nicht nur im Alltag, in dem sie sich in der Stadt bewegen, sondern auch in ihrer Idee, mit welchem Teil Beiruts, mit welchem Narrativ über die Identität dieses Ortes sie sich verbunden fühlen. Wie man es auch dreht und wendet – ein Beirut, zu dem die Menschen hier bedingungslos stehen und zu dem sie ein ungetrübtes Verhältnis hätten, gibt es nicht. Tatsächlich habe ich keine andere Stadt kennengelernt, in der so viele ihrer Bewohnerinnen und Bewohner ihr Verhältnis zu ihr mit einer Art »Hassliebe« beschreiben würden. Beirut ist eine Stadt, die bei aller Faszination für ihre Vielfalt und ihre phänomenale Geschichte auch immer eine Provokation bleibt. Weil sie es einem so schwer macht, in ihren dichten, meist vom Verkehr vollgepackten Straßen, zwischen den hoch aufragenden Wohnblocks, zwischen heruntergekommenen historischen Gebäuden und schicken Glasfassaden Orte der Ruhe und der Entspannung zu finden. Weil das Leben in dieser Stadt so unverschämt teuer ist, wo doch gleichzeitig nicht einmal die Strom- und Wasserversorgung richtig funktionieren. Aber auch, weil man ständig das Gefühl hat, dass es vor allem der Stress ist, der das Leben hier vorantreibt, der Stress, genug zu verdienen, um an diesem unwirtlichen Ort überleben zu können, und weil schon so oft in dessen Geschichte die Hoffnung und Zuversicht der Menschen auf bessere Zeiten durch die politischen Entwicklungen in und außerhalb der Stadt wieder zunichtegemacht worden sind. Beirut ist heute, für so viele, vor allem ein Ort der Enttäuschung.
Doch dieses Buch soll kein Abgesang auf eine Weltstadt sein, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Kein Buch der Nostalgie – auch wenn diese darin durchaus thematisiert wird. Mein Ziel war es, dem Gefühl dieser fehlenden Zugehörigkeit nachzugehen, dieser ständigen Unsicherheit, die das Leben hier prägt. Denn vieles davon ist auch über das Leben in Beirut hinaus gültig: Ein politischer Diskurs, der von zunehmend polarisierten Narrativen bestimmt wird, die sich grundlegend widersprechen. Ein Alltag, der an so vielen Orten der Welt zunehmend von Kommerz geprägt ist, von individualistischen Lebensstilen, die zwar nebeneinander existieren, jedoch von grundlegend unterschiedlichen Weltanschauungen ausgehen. Und schließlich eine Geschichte, die nie richtig aufgearbeitet wurde – und die das gesellschaftliche und politische Leben bis in die Gegenwart hinein verfolgt.
Um so nahe wie möglich bei den Menschen und ihrem Alltag zu bleiben, beginnt diese Erzählung in der Gegenwart, die Beirut seit sechs Jahren prägt: Mit dem großen Bruch in der jüngsten Geschichte der Stadt, mit den Massenprotesten, die im Oktober 2019 ausbrachen, mit der Ernüchterung, die auf die Euphorie folgte, als die Banken im Land kollabierten, und mit der gewaltigen Hafenexplosion, die Monate später die Stadt erschütterte. Die ersten drei Kapitel erzählen von dieser Gegenwart, in der nichts mehr normal zu verlaufen scheint, und davon, wie die Menschen trotz aller Unsicherheit mit ihrem Alltag weitermachen.
In den folgenden Kapiteln geht es um die Frage, was Beirut zu dem machte, was die Stadt heute ist. Die Erzählung beginnt im 19. Jahrhundert, als die Entwicklung der Dampfschifffahrt den Welthandel revolutionierte und Beirut, die Küstenstadt, zum Zentrum der ganzen Region katapultiert wurde. Sie führt weiter über die französische Mandatszeit, die Unabhängigkeit, die Sechzigerjahre und über den Bürgerkrieg, den Aufstieg der Hisbollah und die Ankunft der syrischen Flüchtlinge – bis hin zum jüngsten Krieg zwischen der Hisbollah und Israel. Auch wenn die Erzählung chronologisch voranschreitet, gehen die Kapitel stets von der Gegenwart aus und drehen sich letztlich um die Ausgangsfrage nach einem Zuhause, nach Zugehörigkeit und Identität: So beginnt etwa das Kapitel »Die gütige Mutter«, das von der Rolle Frankreichs handelt, im Stadtviertel Monot, wo Sandra Khawam die Kita »Les Citronniers« leitet – eine Kita, in deren Einzugsbereich viele libanesische Eltern mit ihren Kindern bis heute Französisch sprechen. Das folgende Kapitel erzählt von der Sehnsucht Mona Issas, die ihr ganzes Leben in Beirut gelebt hat, nach ihrem Dorf – und was das mit dem Wirtschaftssystem des Landes zu tun hat, das Beirut als Dienstleistungszentrum der gesamten Region zu etablieren versuchte. Das nächste Kapitel handelt von den Linken im Hamra-Viertel wie Abboudi Bou Jaoude, der jener Generation angehört, die heute voller Nostalgie von den Sechzigerjahren schwärmt, als Beirut das intellektuelle Zentrum der gesamten Region war. Anschließend erzählt der Palästinenser Mohammad von den Entbehrungen, die er im Libanon erleidet, und die Syrer Sahar und Osama, die in einem kleinen Zimmer mit ihren drei Kindern leben, davon, wie sie ohne Aufenthaltspapiere der Ausbeutung durch ihren Arbeitgeber ausgeliefert sind. Im Folgekapitel geht es um Monika Borgmann, die Witwe des bekannten Hisbollah-Kritikers Lokman Slim, die für eine juristische Aufklärung seiner Ermordung kämpft und darin die einzige Chance sieht, um die Gewaltspirale, die sich im Libanon schon so lange dreht, zu beenden. Im letzten Kapitel schließlich geht es darum, was der Krieg mit Lama Dirani gemacht hat, deren Elternhaus in der südlichen Dahiyeh liegt, und wie ein Bombenangriff Israels, bei dem ihre Wohnung beschädigt wurde, ihr Heimatgefühl zerstört hat.
Dieser Krieg, der im September 2024 eskalierte und damals mich und meine Tochter zur Ausreise zwang, endete zwei Monate später. Die Hisbollah wurde durch ihn so sehr geschwächt wie noch nie in ihrer Geschichte. Und das war nicht die einzige folgenschwere Entwicklung: Nur zwei Tage, nachdem im Libanon der Waffenstillstand in Kraft trat, begannen islamistische Rebellen in Syrien eine Großoffensive gegen das Regime des Diktators Bashar al-Assad, rückten in nur zehn Tagen Richtung Damaskus vor und nahmen die syrische Hauptstadt beinahe kampflos ein. Nach 50 Jahren Assad-Herrschaft begann in Syrien damit eine neue Ära.
Ich und meine Tochter kehrten schließlich Ende Januar wieder nach Beirut zurück. Die folgenden Monate war ich mit den Recherchen für dieses Buch beschäftigt. Es schien, als würde das Land im Aufbruch stehen: Die neue Regierung unter Präsident Joseph Aoun und Ministerpräsident Nawaf Salam hatte zum ersten Mal keine Minister der Hisbollah in ihren Reihen. Ein Zeichen dafür, dass die bisher so mächtige Miliz nun nicht mehr alle Geschicke im Land bestimmen würde. Der gleichzeitige Machtwechsel in Syrien ließ bei vielen die Hoffnung auf jene Stabilität aufkeimen, die sie in den letzten Jahren so sehr vermisst hatten.
Der spektakuläre Vormarsch der Rebellen in Syrien und schließlich der Sturz des Assad-Regimes kamen so unerwartet und waren von einer so historischen Tragweite, dass sie den zweimonatigen Krieg im Libanon aus meinem Gedächtnis fegten. Obwohl nur wenige Monate vergangen waren, schien es, als sei die Erinnerung an jene Tage des Kriegs Jahre in die Vergangenheit gerückt. Erst, als wir an jenem Januarmorgen zurückkehrten in unser Haus und ich die Metalltür zum Balkon aufschloss, als ich den mit Staub übersäten Plastikstuhl sah, kehrten die Erinnerungen jener Tage des Kriegs zurück und tauchten wie abgeschnittene Szenen aus einem Film vor meinem inneren Auge auf. Dabei war es paradoxerweise gerade die Ruhe, die fehlende Veränderung in der Aussicht auf die gegenüberliegenden Hügel, die mich wie ein Schock traf. Plötzlich schien die Gleichung jener Kriegstage wie umgedreht: Während ich mich damals an den kleinen Details der Natur wie dem leichten Rauschen in den Blättern der Bäume in der Nacht festhielt, um mir zu versichern, dass es neben dem Krieg, der damals alles zu dominieren schien, doch noch etwas gab, was größer war als diese Gewalt und die Unsicherheit; etwas, das weiter Bestand hatte, wenn plötzlich alles aus den Fugen geraten schien, verwirrte mich nun die Ruhe – weil sie so gar keinen Hinweis zurückließ auf jene Tage, in denen uns die Unsicherheit des Kriegs im Griff hatte.
Ein paar Stunden lang an jenem Sonntag ließ ich den Balkon so, wie ich ihn vorgefunden hatte. Dann begann ich aufzuräumen. Am nächsten Tag brachte ich meine Tochter, wie jeden Morgen vor dem Krieg, in die Kita. Ich kehrte nach Hause zurück und machte mich wieder an die Recherche zu diesem Buch über Beirut, die, zusammen mit unserem Alltag, durch den Krieg und unsere Ausreise die letzten Monate unterbrochen worden war.
Die Eingangstür ist verschlossen. Ich suche die zwei Spalten Klingelschilder rechts von der Tür ab. Die Namen sind noch dieselben: Sleiby, Nassif, Diab. Ich klingle ganz oben links.
Es ist merkwürdig ruhig an diesem regnerischen Januarmorgen 2025. Vielleicht kommt es auch nur mir so vor, vielleicht, weil der Kontrast so groß ist zum letzten Mal, als ich vor diesem Eingang stand. Damals, im Herbst 2020, war es heiß, die Straße vor dem Haus voller Menschen. Die Eingangstür zum Torossianhaus stand den ganzen Tag über offen, freiwillige Helferinnen und Helfer, meist junge Männer und Frauen, gingen ein und aus, trugen Fensterscheiben hoch und zerborstene Rahmen und kaputte Möbel wieder hinunter. Jetzt ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Abgesehen davon hat sich das Antlitz der Straße kaum verändert. Sie ist noch immer gesäumt von denselben schlichten zwei- bis dreistöckigen Wohnhäusern. Keine Neubauten. Dafür ist der Schutt von den Straßenrändern verschwunden, die aufgetürmten Zementsäcke hier und da. Der Staub hat sich gelegt. Statt Bohren und Hämmern hört man nur das entfernte Rauschen der Autobahn.
Ich bin seither nie mehr zum Torossianhaus zurückgekehrt. Zwar hatte ich mit einigen Bewohnerinnen und Bewohnern noch sporadisch Kontakt, nachdem ich damals eine Reportage über ihr Haus geschrieben hatte. Das war im September 2020, gut einen Monat nachdem eine Explosion am Hafen wie die Apokalypse über Beirut hereingebrochen war. Der Knall war so gewaltig, dass auch Kilometer weiter noch Fensterscheiben zu Bruch gingen. Das Torossianhaus im Karantinaviertel, das direkt an den Hafen angrenzt, befand sich nur wenige Hundert Meter vom Epizentrum entfernt.
Damals habe ich die Bewohnerinnen und Bewohner über mehrere Wochen regelmäßig besucht. Die meisten von ihnen sind längst in Rente oder zumindest in dem entsprechenden Alter, auch wenn manche von ihnen bis heute nicht aufgehört haben zu arbeiten. Immer wieder drehten sich die Gespräche damals darum, was die Explosion so anders, so traumatisierend machte. Fast alle verglichen jenen Moment am frühen Abend des 4. August 2020 mit der Zeit des libanesischen Bürgerkriegs, der 1975 begann und 15 Jahre lang andauern sollte. Und alle sagten: Die Explosion war viel schlimmer als der Krieg. Der Krieg, so die Erzählung, sei berechenbar gewesen, die Menschen wussten, welche Ecken im Haus im Falle eines Raketenangriffs sicher waren und wann jeweils der Zeitpunkt gekommen war, zu fliehen. Auf die Explosion jedoch konnten sie sich nicht vorbereiten. Sie kam aus dem Nichts. Die Menschen waren ihr ausgeliefert, insbesondere an jenem Ort, der doch wie kein anderer Sicherheit und Geborgenheit bieten sollte: ihr eigenes Zuhause.
Der Kontakt verlor sich. Erst jetzt, im Rahmen meiner Recherchen für dieses Buch, hatte ich mir vorgenommen, nochmals nach Karantina, ins Torossianhaus zu gehen. Jetzt, wo der Schutt längst von den Straßen geräumt, die Fenster und Türrahmen ersetzt worden sind. So vieles ist seither in Beirut geschehen, ja im ganzen Land, die Wirtschaftskrise, der Krieg in Gaza und im Libanon, der schließlich im September 2024 auch Beirut erreichte, so viel, dass sich die damalige Explosion aus der Ferne betrachtet einzureihen scheint in eine Kette von Krisen und Katastrophen, die seither über das Land gekommen sind. Spielt die Explosion von 2020 hier in diesem Haus, das schlimmer getroffen wurde als viele andere Häuser in der Stadt, überhaupt noch eine Rolle im Alltag?
Aus der Sprechanlage ertönt eine Stimme. Die Hausangestellte von Dolly Hajj, die im obersten Stock lebt, öffnet mir die Tür. Der Eingang ist nur schwach beleuchtet, immerhin geht der Fahrstuhl wieder. Ich drücke den Knopf und fahre hoch in den achten Stock.
Oben öffnet mir Dolly Hajj mit einem Strahlen die Tür. Hajj, eine untersetzte Frau mit rundem Gesicht, trägt ihre Haare heute braun getönt. Sie sieht entspannter aus als damals. Nicht mehr so erschöpft. Während sie an der Sprechanlage einen Moment überlegen musste, wer da vor der Tür steht, erkennt sie mich nun offenbar sofort wieder. Sie bittet mich herein mit ihrer herzlichen Art, und wir setzen uns ins Wohnzimmer.
Auf den ersten Blick deutet nichts auf die Zerstörung hin, die die Explosion hier angerichtet hatte. Die rechte Wand des Wohnzimmers ist ausgefüllt von einem Schrankkomplex aus hellem Holz, mit einem meterhohen Spiegel in der Mitte. Auf der Ablage stehen ein paar eingerahmte Fotos – neben dem von Hajjs Mann eins von ihrer Mutter Araxy, die letztes Jahr verstorben ist. Der runde Esstisch davor ist mit einem weißen Tischtuch bedeckt. Draußen vor dem Fenster liegt der Hafen. Jene Hälfte des Getreidesilos, die nicht von der Explosion weggerissen worden war, steht noch immer wie ein Mahnmal auf der anderen Seite des Geländes.
Über zwei Jahre lang traute sich Dolly Hajj nicht mehr auf den Balkon. Der Anblick des Hafens, sagt Hajj, erinnert sie bis heute an das, was sie damals erlebte. Den Kaffee, für den sie sich zuvor jahrzehntelang jeweils morgens und abends auf den Balkon setzte, trank sie im Wohnzimmer. Erst vergangenen Sommer hätten sie und ihr Sohn wieder angefangen, sich nach draußen zu setzen. So lange habe es gedauert, bis die Aufräumarbeiten am Hafen so weit waren, dass er nicht mehr wie die Ruinenlandschaft nach einem Krieg aussah. Und dennoch, die Angst hat sie bis heute nicht losgelassen. Dieses diffuse Gefühl, dass jeden Moment wieder etwas Schreckliches geschehen könnte. Selbst hier, in der Wohnung, in der sie seit fast einem halben Jahrhundert lebt. Vielleicht deswegen hat sich das Trauma von damals so nachhaltig eingebrannt: »Wir saßen zu Hause, haben geduscht, gekocht, Fernsehen geschaut. Wir haben unser Leben gelebt. Und dann ist die Explosion passiert.«
Wenn man genauer hinschaut, sind die Spuren der Explosion noch immer in der Wohnung zu finden: An dem Stuhl, auf dem Hajj jetzt sitzt, sieht man noch immer die kleinen Löcher im Holz, die die Glassplitter gerissen hatten. Die Stühle waren von der Druckwelle auf den Balkon geschleudert worden. Die Sofas sind noch immer dieselben wie vor fünf Jahren. Die Vorhänge, ihre schönen, beigen Vorhänge, die bei der Explosion heruntergerissen wurden, hat Hajj nicht mehr ersetzt. Zum einen, weil das Geld knapp ist. Den Stromgenerator, das Trinkwasser, das sie separat zum Leitungswasser kaufen muss, kann sie sich nur leisten, weil ihr Sohn und ihre Tochter, die in den USA leben, sie finanziell unterstützen. Doch es ist mehr als das. Warum sollte sie alles ersetzen, sich die Mühe machen, die Wohnung wieder perfekt herzurichten, wenn sie noch immer fürchtet, dass die nächste Katastrophe vielleicht schon vor der Tür steht? »Besser, wir lassen alles so, wie es ist«, sagt sie. »Wir sind im Libanon. Wer weiß, was noch passiert.«
Es ist bezeichnend dafür, wie sich Trauma und Verunsicherung über die Zukunft in ihren Worten verzahnen. Wenn sie versucht, ihr Unwohlsein in Worte zu fassen, schwankt Hajj hin und her zwischen der Erinnerung an die Explosion, die sie mitten in ihrem Alltag traf – dazu kehrt sie in dem Gespräch immer wieder zurück. Und dem Unbehagen über die politische Situation im Libanon, bei der man nie wissen könne, ob sie sich nicht in zwei, drei Jahren plötzlich wieder rapide verschlechtert. »Du sitzt zu Hause und denkst, jeden Moment kann etwas passieren. Das ist unser Land. Es muss jemand kommen, der es gut regiert. Hoffentlich.«
Am 4. August 2020 deutete nichts darauf hin, dass sich eine der größten Katastrophen in der Geschichte Beiruts anbahnte. Zwar waren es alles andere als normale Zeiten: Der Libanon befand sich seit mehreren Monaten in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die Banken hatten ein halbes Jahr zuvor den Zugriff auf die Konten massiv eingeschränkt. Der Staat war pleite. Das libanesische Pfund, das über 22 Jahre an den US-Dollar gekoppelt war, verlor innerhalb von Monaten dramatisch an Wert. Die Sicherheitslage aber war, gemessen an allen anderen Unsicherheiten, stabil. Es gab keinen Krieg, keine Anzeichen dafür, dass eine gewaltvolle Eskalation bevorstehen könnte.
Es war ein heißer Sommertag. Die Schwüle an der Küste erreicht in dieser Zeit des Jahres ihren Höhepunkt. Der Alltag in jenen Wochen war diktiert durch die Pandemie: Wenige Tage zuvor hatte die Regierung das Lockdown-Regime gelockert, die Menschen gingen wie gewohnt zur Arbeit. Die Restaurants in der Stadt, die Bars und Cafés in Mar Mikhail und Gemmayzeh in der Nähe des Hafens waren geöffnet, auf dem Meer draußen kurvten Jetskis hin und her. Dolly Hajj trank an jenem Morgen, wie jeden Morgen, ihren Kaffee auf dem Balkon ihrer Wohnung. Hier, vom achten Stock dieses unscheinbaren Wohnblocks im Karantina-Viertel ganz im Norden Beiruts aus, hatte sie eine prächtige Aussicht: Auf der linken Seite erstreckte sich die Silhouette der Hochhäuser, die sich die Nordküste Beiruts entlangzogen. Direkt vor ihr, wenige Hundert Meter von ihrem Balkon entfernt, lag der Hafen. Unten konnte Hajj die Lastwagen hin und her fahren sehen, die Schiffe, die an den Piers vertäut waren, die Ansammlung bunter Container auf den Docks, die weißen Warenhäuser und das imposante Getreidesilo am anderen Ende des Hafens.
Der Tag verlief wie immer. Hajj putzte die Wohnung, wusch Wäsche, bereitete das Essen vor. Sie half ihrer Mutter beim Duschen, wie jeden Tag bei dem heißen Wetter. Die 91-Jährige konnte sich kaum noch selbst bewegen, nachdem sie sich vor rund einem halben Jahr die Hüfte gebrochen hatte. Gegen Abend kam ihr Sohn Jean Nassif von der Arbeit nach Hause. Hinter dem Getreidesilo ging langsam die Sonne unter, es war kurz vor 18 Uhr, Hajj überlegte, ob sie selbst noch duschen wollte. Da bemerkten sie und ihr Sohn den Rauch, der vom Hafen aufstieg. Nassif ging auf den Balkon und zückte sein Handy, um die Funken zu filmen, die wie von einem Feuerwerk aus der dichten Rauchwolke sprühten.
Um 18 Uhr fiel der Strom aus. Hajj rief ihren Sohn nach drinnen. Wie immer in der kurzen Zeit, bevor der Generator ansprang, mussten die beiden die Klimaanlage abstellen und den Kühlschrank ausstecken. Kurz darauf hörten sie ein Dröhnen, wie von einem Kampfflugzeug, direkt über ihnen. Hajj eilte zu ihrer Mutter, hob sie hoch und trug sie zur Tür. Falls dies ein Raketenangriff ist, dachte sie, müssen wir so schnell wie möglich runter ins Erdgeschoss. Am Hafen stieg der Rauch immer höher und dichter in die Luft.
Um 18.07 Uhr ertönte ein ohrenbetäubender Knall. In Sekundenbruchteilen brach ein gigantischer, schwarz-roter Rauchpilz Hunderte Meter in den Himmel, und eine Druckwelle wie von einer Atomexplosion breitete sich über die ganze Stadt aus. Auf den Videos, die man bis heute im Internet findet, kann man sehen, wie sie auf die Filmenden zurast: Fensterscheiben bersten, Möbel werden durch Räume geschleudert, Türen aus den Angeln gerissen.[3] Häuser stürzen ein. Am Hafen wird die Hälfte des Getreidesilos weggerissen, obwohl dessen Betonwände meterdick sind. Von den Lagerhallen bleiben nur Schrotthaufen. Weil der Rauch schon Minuten vor dem Knall über dem Hafen aufgestiegen war, hatten zahlreiche Menschen, so wie Nassif, die Szenerie am Hafen gefilmt. In manchen Videos hört man Schreie des Entsetzens, kurz bevor die Druckwelle die Filmenden erfasst, das Telefon durch die Luft fliegt und liegen bleibt.
Hätte Nassif von seinem Balkon aus weitergefilmt bis zum Knall, wäre er heute vermutlich nicht mehr am Leben. Doch weil er kurz davor ins Innere der Wohnung ging, wurden er, seine Mutter und seine Großmutter stattdessen ins Treppenhaus geschleudert. Auf dem Dach barst der Wassertank und verwandelte die Treppe in einen reißenden Bach. Stufe um Stufe trugen Hajj und Nassif die Großmutter hinab in den siebten Stock, wo die Nachbarin aus dem zweiten zusammen mit der Familie in der linken Wohnung hinter der blockierten Tür gefangen war. Weiter in den sechsten, wo die Mutter von zwei Kindern blutüberströmt am Boden lag. Das Ehepaar im fünften war verletzt, er hatte eine Platzwunde am Kopf, sie ein gebrochenes Bein. Alle riefen nach dem Roten Kreuz, dem Zivilschutz. Nach irgendjemandem, der helfen konnte.
Von unten kam den dreien Wisam Diab entgegen. Der Mittvierziger saß zum Zeitpunkt der Explosion im Auto in einer Seitenstraße. Er war auf dem Weg zu seinen Eltern, die noch immer in der Wohnung im dritten Stock lebten, wo Diab aufgewachsen war. Er wollte seine Kinder abholen, die den Tag bei ihren Großeltern verbracht hatten. Ein Glück, dass die Klimaanlage in seinem Auto nicht funktionierte und er deshalb mit offenen Fenstern fuhr. So fegte die Druckwelle über sein Auto hinweg, während um ihn herum die Scheiben barsten.
Zusammen brachten sie die Großmutter Araxy in die Wohnung von Diabs Eltern. Dort fanden sie dessen Vater Joseph vor. Auch er saß während des Knalls im Auto, er war auf dem Rückweg von seinem Werkatelier, in dem er Elektrogeräte repariert, und auf dem Weg nach Hause. Sein einziger Gedanke war, ob seiner Frau und den Enkelkindern etwas zugestoßen war, die eigentlich in der Wohnung hätten sein müssen. Pures Glück, dass sie außer Haus waren. Die jüngste Tochter sollte bald heiraten, und die ganze Familie war zum Einkaufen unterwegs. Später wird Joseph mit Überzeugung sagen, dass das nichts anderes gewesen sein könnte als Gott, der seine schützende Hand über die Familie gehalten haben musste.
Sie räumten ein Sofa frei, das von Schutt und Glassplittern übersät war, und betteten die Großmutter Araxy darauf. Noch immer hatten Jean Nassif und Dolly Hajj keine Ahnung, was passiert war. Sie dachten, das Haus sei bombardiert worden. So, wie sie es kannten; wie sie es während 15 Jahren im libanesischen Bürgerkrieg so oft erlebt hatten. Nassif sagte, er wolle das Auto holen, um seine Mutter und die Großmutter wegzufahren. »Vergiss es«, antwortete ihm Wisam Diab. »Unten sind keine Autos mehr.«
Die Explosion am 4. August 2020 war anders als alles, was die Menschen in Beirut je erlebt hatten. Später wird man über sie schreiben, es sei eine der größten nicht-nuklearen Explosionen in der Geschichte der Menschheit gewesen. Noch heute fällt es selbst mir schwer, mir die Videos von dem Knall anzuschauen. Zwar hatte ich die Explosion selbst nicht miterlebt – ich hatte meinen Flug nach Beirut kurz davor und rein zufällig auf den 6. August, zwei Tage nach der Explosion, gebucht. Doch die drei Monate danach, die zahlreichen Interviews, die ich mit Überlebenden führte, hatten auch bei mir Spuren hinterlassen.
Über 7000 Menschen wurden verletzt, mehr als 300 000 verloren vorübergehend ihr Zuhause. Rund 77 000 Wohnhäuser wurden durch die Detonation beschädigt oder zerstört, die Hälfte aller Krankenhäuser in der Stadt außer Betrieb gesetzt. 218 Menschen verloren ihr Leben. Dass es nicht viel mehr waren, liegt einzig daran, dass die Explosion sich nach Feierabend ereignete, die meisten Hafenangestellten das Gelände bereits verlassen hatten und auf dem Weg nach Hause waren. Am gefährlichsten aber war die Explosion für jene, die in ihren Häusern getroffen wurden – die meisten, die dabei getötet wurden, wurden von Glassplittern der zerborstenen Fensterscheiben tödlich verletzt.
Zum ersten Mal besuchte ich das Torossianhaus einen Monat nach der Explosion. Es war Zufall. Ich hatte mich mit Wisam Diab verabredet, der damals als Freiwilliger einsprang, um den Wiederaufbau in seinem Stadtviertel Karantina zusammen mit der libanesischen Hilfsorganisation »Offre Joie« zu koordinieren. Als Diab kam, hatte er keine Zeit. Statt dass wir uns fürs Interview hinsetzten, lief er los durch die Straßen, ich hinterher, während er dabei unentwegt erzählte. Immer wieder wurde er von Menschen angehalten, die ihn etwas fragten. »Abdullah, wenn er kommt, sag ihm, dass ich ihm den Projektor unten hingestellt habe«, sagte er zu einem Mann. »Bonjour, wie geht es dir?«, grüßte er eine Frau. Im Minutentakt klingelte sein Telefon. Vor einem Hauseingang schlug er vor, dass wir auf einen Kaffee zu seiner früheren Nachbarin hochgehen. Wir betraten das Torossianhaus und gingen die Treppe hoch bis in den achten Stock, wo Dolly Hajj uns die Tür öffnete.
Hajj, damals noch mit blondierten Haaren und tiefen Ringen unter den Augen, ließ uns eintreten und setzte sich gegenüber der Tür auf einen Stuhl. Auf einer Kommode an der Wand standen Marienbilder neben gerahmten Fotografien ihres Mannes, der vor fast dreißig Jahren an Krebs starb. Die restlichen Familienfotos bewahrte sie damals noch im Schrank auf, nachdem das Glas der Rahmen bei der Explosion zu Bruch gegangen war: Bilder von ihren Kindern, als sie klein waren, eine alte Fotografie ihrer Mutter Araxy, mit einer Zigarette in der Hand auf einem Stuhl posierend. Als Hajj sich setzte, brachen die Worte aus ihr heraus, sie erzählte unter Tränen, was an jenem Tag passiert war: Vom Moment um 18 Uhr, als der Strom ausfiel, vom Geräusch, das sie für ein Kampfflugzeug hielt, wie sie durch die Wohnung geschleudert wurden und schließlich ihre Mutter die Treppe hinuntertrugen. Wenn Menschen Traumatisches durchmachen, reagieren sie auf unterschiedliche Weise. Dolly Hajj, die ganz offensichtlich noch immer traumatisiert war von jenem Tag, konnte gar nicht aufhören zu reden.
Cover
Einleitung
Die Katastrophe
Der Maidan
Der große Betrug
Damaskus – Beirut
Die gütige Mutter
Das Dorf und die Stadt
Die Welt von gestern
Das Lager
Im Limbo
Unter Feinden
Krieg
Epilog
Danksagung
Die Autorin
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
