Bella Calabria - Barbara Collet - E-Book

Bella Calabria E-Book

Barbara Collet

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Beschreibung

Antonio, Prior einer Karmeliter Bruderschaft in Südkalabrien, entdeckt dank seiner archäologischen Hobby-Recherchen das lang gehütete Geheimnis seiner Familie. Mit seinem Freund David, einem Spezialisten für phönizische Kultur, stößt er auf einen sensationellen Fund, der - besonders im Zusammenhang mit der zufälligen Freilegung einer der ältesten Synagogen des Landes - eine politische Dimension gewinnt: Kalabrien sei griechisch, so lautet die offizielle Lesart der staatlichen Institution. Antonio sieht sich daraufhin mit den Intrigen des Denkmalschutzes und einem von Rom entsandten Vertreter des Opus Dei konfrontiert. Der römische Priester soll das Terrain sondieren. Und so beobachtet der Spanier akatholische Prozesse mit Argusaugen. Im Blick hat der Orden auch ein Kloster im Aspromonte, das sich als Zwischenstation für Schwarzgelder eignet. Hier findet der römische Abgesandte zwar einen Ansatz, der ihm zur Machtübernahme verhelfen könnte, allerdings hat er nicht mit der Präsenz der 'Ndrangheta gerechnet.

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Seitenzahl: 202

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Barbara Collet

Bella Calabria

Mord inklusive

Copyright: © 2021 Barbara Collet

Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Titelbild: © PantherMediaSeller (depositphotos.com)

Die Handlung ist fiktiv, Ähnlichkeiten zu lebenden Personen wären reiner Zufall.

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

978-3-347-37142-2 (Paperback)

978-3-347-37143-9 (Hardcover)

978-3-347-37144-6 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

In memoriam

SRJ

Personenregister

Antonio: Chef der Bruderschaft, hat unkatholische Träume

•  seine Frau Lisabetta: ist skeptisch

•  Tochter Antonella, Sohn Orest: sind ein Problem

•  Vater Vittorio: todkrank, Mutter: dominante Herrscherin

•  Onkel Alberto: spielt eine besondere Rolle

•  Ciccio, Antonios Cousin und Barbesitzer: leidgeprüft

•  David: Antonios Freund und Pariser Archäologe

•  Roberto: rechte Hand Antonios an der Tankstelle

Pater Hernando: kommt aus Rom, ist auf Missionsreise für das Opus Dei, hat ehrgeizige Pläne

Die Karmeliter

•  Pino: investigativer Journalist

•  Pasquale: Verwaltung Reggio

•  Franco: Schmuckladen, Hobbyarchäologe

•  Carlo: Fremdsprachenlehrer

•  Giuseppe: Apotheker, steht auf weise Frauen

•  Raffaele: Reiseleiter, kennt sich gut aus

•  Annunziata: die Seele der Karmeliterkirche

Das Ausgrabungsteam

Antonio und David

Mimo: Gärtner, erfahren in archäologischen Projekten

Franco, Steinmetz, und sein Bruder Mario

Domenica, die Heilerin, bewegt das Paese

•  Ehemann Gianni: ist besorgt

•  Luca: wichtigster Mitarbeiter

•  Onofrio: beobachtet den ungebetenen Gast aus Rom

Kloster im Aspromonte

•  Paolo de Puglia: Oberer, Superior des Klosters

•  Tonio: seine rechte Hand

•  Filippo: ein umtriebiger Priester

•  Elena: die Schöne

Dottoressa Giovanna Ambrosia: Denkmalschutz

•  Signora Zacchini: ihre Chefin

•  Professore Andrea Ambrosia: emeritierter Wissenschaftlicher, Verfechter bemerkenswerter Hypothesen

•  Margherita: reiche Bourgeoise und Mäzenin

•  Matteo: ihr Gatte, spielt eine erste Geige außerhalb des heimischen Herdes

•  Professoressa Amanda: Mitglied der MSI, trauert griechischen Helden nach

•  Professore Lorenzo: Lokalforscher

•  Luca: verwegener Doktorand, tanzt ideologisch aus der Reihe

•  Dottore Tommaso: liberaler Denker

•  Baghalla: ist auch Besitzer eines archäologischen Areals

Prolog

Ein Priester im Talar, zierlich, Ende dreißig, kurzer Haarschnitt, blasses, faltenloses Gesicht mit schmalem Mund, eilt die Häuserfront der Chiesa Santa Maria Della Pace in Rom entlang, öffnet die schwere Eingangstür, betritt den Flur, steigt die Treppe zur Krypta hinab und wirft sich ausgestreckt vor dem Grab Escrivas, Begründer des Opus Dei, nieder.

Nach seiner Meditation wird er im Arkadengang des Innenhofs vom Regionalvikar in Empfang genommen: »Gut, Hernando, dann haben wir alles besprochen. Dass wir dich für diese Mission aussuchten, darfst du als Ehre ansehen. Du giltst als einer der Diszipliniertesten. Wir setzen große Hoffnungen in dich. – Gehen wir noch einmal alles durch.«

»Ich reise morgen nach Kalabrien und nehme ein Zimmer bei den Karmelitern.«

»Weiter?«

»Ich beobachte sie und erstatte Bericht. Dann nehme ich mir das Kloster vor. Es wird unser heiliger Ort werden, das verspreche ich bei der heiligen Mutter Maria und unserem Vater.«

Der Vikar seufzt tief auf und hält die Hände gefaltet vor seine Brust. »In diesen schwierigen Zeiten brauchen wir solche Orte. Nicht nur, um Gott nahe zu sein. Wir müssen unsere Finanzen schützen. Nur so können wir uns unserer Aufgabe widmen. Ich sage nur Südamerika. Es gab auch viel zu viel Öffentlichkeit in letzter Zeit. Vielleicht können wir in Kalabrien eine neue Gemeinde gründen. Reggio Calabria ist von der ’Ndrangheta gebeutelt. Das treibt die verängstigten Schafe in unsere Mitte. Wenn es Probleme gibt, sag mir Bescheid. Du kannst dich immer im Ordinariat der Kathedrale in Reggio melden. In der erzbischöflichen Diözese gibt es Möglichkeiten, ungestört zu telefonieren. – Offiziell bist du nicht in Kalabrien. Ich habe von deiner Reise keine Kenntnis.«

Der Priester verbeugt sich und küsst die Hand des Vikars. »Ich habe verstanden.«

1

Die Prozession zu Ehren der Heiligen Maria vom Berg Karmel in diesem Jahr, 1985, rückte näher. Antonio, Prior der Bruderschaft des Karmeliterordens, parkte den Fiat auf dem Platz vor der Barockkirche und steuerte auf das Hauptportal zu. Schweiß lief ihm über die Stirn. Sein nasses Hemd klebte auf dem Rücken. Das gleißende Licht der Julisonne, reflektiert durch die weißen Marmorplatten des Vorplatzes, brannte in den Augen. Eine Meeresbrise streichelte sein Gesicht. Er drückte die Hand gegen das schwere Eingangsportal, das sich knarrend öffnete, und betrat das Mittelschiff der Kirche. Einen Moment genoss er die frische Luft, warf einen Blick auf den mit weißen Lilien reich geschmückten Altar. Aus der Sakristei drangen aufgeregte Stimmen. Neun Frauen, zur Verschwiegenheit verpflichtet, war der Zutritt zu dem gehüteten Geheimnis vergönnt: Die Madonna, dreihundertvierundfünfzig Tage umhüllt von einer Mönchskutte aus schwerem Baumwollstoff, wurde elf Sommertage lang zum Leben erweckt: Auf dem Podest stehend, von emsigen Händen menschengleich gestaltet, wandelte sie sich zum glänzenden Mittelpunkt der mehrtägigen Festlichkeiten ihres ehrfürchtigen Publikums. Die Attribute – in den Schatzkammern der Bruderschaft gehütet – bestanden aus einem goldenen Gürtel, passend zum Kleid aus kostbarem Stoff, einem goldbestickten Umhang, wallenden braunen Lockenhaaren, einer juwelenbesetzten Krone und dem Stoffskalupier um ihr Handgelenk. Das alles verwandelte sie in eine anbetungswürdige imposante Heilige. Ihr Kind hielt sie auf dem linken Arm. Die Finger der rechten Hand wie zur Segnung gespreizt, blickte dieses stoisch mit geneigtem Kopf herab – wie die Mutter. Der goldene Kopfschmuck, das Brokatkleid, das kunstvoll bestickte Kleinod um sein linkes Handgelenk ließen keinen Raum für Zweifel an der königlichen Herkunft. Das Skalupier – Zeichen ausgezeichneter Gläubiger, die vor mehr als achthundert Jahren die Verbrechen der christlichen Kreuzfahrer zum Anlass für einen asketischen Lebenswandel nahmen – versprach dem Träger Frieden, Gesundheit, Abwesenheit von Gefahr und den Tod ohne Angst.

Antonio betrachtete die nackte unscheinbare Figur, an der die Frauen inbrünstig arbeiteten. Warum waren Katholiken derart darauf bedacht, Bilder und Skulpturen zu berühren? Das war kindlich, einfältig. Als ob man zu Gott nicht ohne diesen Kitsch beten konnte. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erdeunten oder im Wasser unter der Erde. – Stand das nicht in der Bibel? Er lächelte in sich hinein. Jedes Jahr das gleiche Theater. Biedere Gläubige gerieten bei dem Anblick der sanften Madonna in Ekstase. Mit dieser ins Leere blickenden Heiligen, die aussah wie eine Königin, glaubten sie, Schutz vor der bedrohlichen Zukunft zu erlangen. Sie spenden Geld und sind in ihrer Nähe, wenn sie einmal im Jahr einen Spaziergang in die Öffentlichkeit unternimmt. Alle bewundern die Schönheit und wähnen sich in Sicherheit. Absurd. Er brauchte das nicht. Er war mit seinen Büchern nachts vereint. Unbemerkt. Solange man ihm wenigstens diese Erholung gönnte, war er bereit, die Aufgaben als Chef der Bruderschaft ernst zu nehmen.

Antonio sprach kurz mit den Frauen, die ihm ein Stück Gebäck anboten und ein Glas mit Wasser füllten. Sie berichteten von den Problemen der Vorbereitung und den Wächtern, die Neugierigen den Zutritt zur Sakristei verwehrten. Sein Sohn, zehn Jahre alt, war zum ersten Mal für die erste Nacht eingeteilt worden. Er habe die Wache klaglos überstanden. Antonio registrierte dieses Lob mit Genugtuung. Sein Sohn Orest schien wenig begabt. Er war ein gefräßiger dicker Junge, der für nichts zu begeistern war. In den Sommermonaten bevorzugte er das kühle Wohnzimmer und starrte stundenlang in die Kanäle privater Fernsehstationen. Antonio seufzte. Seine pubertierende Tochter Antonella, ebenfalls auf hilfsbedürftigem mentalen Niveau, brachte ihn auch zur Verzweiflung. Im Stillen hatte er die passende Erklärung für seine missratenen Kinder gefunden: Lisabetta. Die ausgebildete Grundschullehrerin, sie unterrichtete eine Dorfklasse in den Bergen, legte wenig Ehrgeiz bei der Erziehung seiner Kinder zu wissbegierigen Menschen an den Tag. Beim Anblick der Fachbücher, die regelmäßig aus Reggio und Catania angeliefert wurden, zeigte sie entweder höfliches Interesse mit verhaltenem Gähnen oder offene Verärgerung bei dem Gedanken an ihr vermindertes Haushaltsgeld. Nach zwanzig Ehejahren hörte sie immerhin auf, über seine elitäre Ausbildung bei den Jesuiten in Sizilien zu lästern. Sie verstand, dass der Graben zwischen ihnen weiter vertieft würde. Ihre in den Jahren angehäuften Minderwertigkeitsgefühle versuchte er in zärtlichen Nächten zu mildern. Seine Liebesbeweise genoss sie schweigend. Insgeheim gestand er sich ein, dass ihr Leben im Clan nicht sonderlich erfreulich war. Ihre bescheidene Behausung, der griesgrämige Vater, ein Despot, und seine ewig giftig dreinblickende Mutter gaben kein soziales Umfeld her, das zu Lebensfreude anregte.

Antonio wartete auf den Tod des Vaters. Dann, so hoffte er, nähme das Leben eine positive Wendung. Auf dem Mahagonischreibtisch des Verblichenen würde er seine Bücher ausbreiten und Studien über semitische Siedlungen in Südkalabrien betreiben. Fragte man ihn, warum er sich hier engagiere, fiel ihm keine plausible Antwort ein. Vielleicht störte ihn einfach die Selbstverständlichkeit, mit der die katholische Kirche ihre dominante Stellung im Lande beanspruchte. Offiziell begründete er jedoch sein Interesse mit der Schönheit und der kulturellen Vielfalt der Stadt Jerusalem. Er stieg in den Fiat Cinque und fuhr zu der Stätte seines Broterwerbs, der Tankstelle. Roberto erwartete ihn.

2

»War was Besonderes?«, fragte Antonio den Jungen, der seit dem frühen Morgen die Stellung an der Agip-Tankstelle hielt.

Der Angesprochene schüttelte den Kopf. Er sah müde aus. Roberto hatte zwei Jobs: Er half seinem Vater, Inhaber eines florierenden Fischladens, wenn Not am Mann war. Dann verhandelte er frühmorgens vor Sonnenaufgang mit den Fischern am dörflichen Hafen den Preis der Ware. Ansonsten füllte er jeden Tag die Tanks der Last- und Personenwagen in Antonios Tankstelle auf.

Die Holzbank im ehemaligen Wartehäuschen einer nicht mehr existenten Bushaltestelle verhalf zu schattigen Ruhepausen. Robertos angepflanzter Efeu breitete sich inzwischen wie ein Teppich über das offene Kabuff aus. Wenn kein Kunde zu bedienen war, saßen die beiden schweigend rauchend auf der Bank und betrachteten das Straßengeschehen. Von diesem Platz behielten sie auch einen Überblick darüber, wer die Durchgangsstraße verließ und in den schmalen Sandweg dahinter einbog. Die Menschen dieser Siedlung gehörten zu Antonios und einem befreundeten Clan. Jeder im Paese kannte ihre Geschichte. Entweder waren sie, ins Alter gekommen, aus den Gefängnissen entlassen und genossen die wiedergewonnene Freiheit oder sie standen als schlummernde Mitglieder für Sondereinsätze zur Verfügung. Aktiv war zurzeit keiner von ihnen. Antonio hatte ein ganzes Waffenarsenal in seiner Garage im Sand vergraben. Nur er und ein paar Eingeweihte waren informiert. Auf den Ernstfall wartete eine Pistole, für das Auge Fremder unsichtbar unter der Bank deponiert.

Roberto sah auf die Uhr. »Mittagspause«, murmelte er und griff in seinen Lederbeutel, um Antonio die Geldscheine, die er inzwischen eingenommen hatte, zu überreichen.

Der steckte das dicke Bündel Lira-Scheine, kaum das Papier wert, auf dem sie gedruckt waren, in seine Hosentasche, wünschte ein angenehmes Mittagsmahl – buon Pranzo – und ging wieder.

Er sah zur Bar seines Cousins Ciccio hinüber und überlegte kurz, bei ihm einen Espresso zu trinken, verwarf den Gedanken aber wieder. Den Kaffee hob er sich für seine Abendschicht nach dem Mittagsschläfchen auf. Antonio streifte kurz die unscheinbare Eingangstür, rief einen Gruß ins Innere und setzte den Spaziergang fort.

Lisabetta hatte den Tisch auf der schattigen Terrasse hinter dem Haus gedeckt. Antonio bediente sich aus der prall gefüllten Salatschüssel, belud seinen Teller mit dem nach Basilikum duftenden Pastagericht, den Hackbällchen mit Minze und warf ihr einen anerkennenden Blick zu.

Er betrachtete seine Kinder: Orest widmete sich schweigend dem Essen, Antonella stocherte gelangweilt auf ihrem mit Pasta gefüllten Teller herum. Sie hat ein Essproblem, überlegte er. Bei dem Gedanken, dass er ihren Gesichtern in der Ferienzeit die nächsten Wochen pausenlos ausgeliefert war, schauderte es ihn.

Seine Frau warf ihm ein beruhigendes Lächeln zu. »Und? Geht es voran?«, fragte sie.

Sie kannten sich so lange, dass jeder sofort wusste, wovon die Rede war.

»Sie haben alles im Griff.«

»Ich habe Gebäck vorbereitet. Für die Träger.«

Antonio nickte. Die Männer, die die Madonna mitsamt den tonnenschweren Aufbauten am Tag der Prozession stundenlang bergauf, bergab schleppten, erwartete ein Büffet mit Snacks und Wein, vorbereitet von den Frauen der Gemeinde.

Nach dem Mittagessen zog Antonio sich ins Schlafzimmer zurück. Schläfrig wartete er eine Weile auf seine Frau. Sie klapperte in der Küche mit dem Geschirr. Dann herrschte Stille im Haus.

Fast unhörbar öffnete Lisabetta die Tür. Er blinzelte sie fragend an und gab ihr ein Zeichen. Sie entkleidete sich lächelnd. Er warf Hemd und Hose auf den Boden und liebte sie. Wortlos. Leise stöhnend. Das Gesicht zwischen ihren Beinen. Sie riechen und liebkosen. Er fühlte sich besser.

Später legte sie den Kopf an seine Schulter und streichelte ihn. Sie ist doch nicht so unglücklich, seufzte er erleichtert. Irgendwann würde sie ein komfortableres Heim bekommen: das leere Haus seines Vaters.

Er küsste ihre Stirn. »Ich bin müde«, murmelte er und schlief auf der Stelle ein. Draußen zirpten die Grillen. Ihr Konzert begleitete ihn in seine Träume. Er sah Jerusalem mit den vier sephardischen Synagogen und die schmalen Gassen der Altstadt, nach Altertum riechend, und die prachtvolle Al-Aqsa-Moschee. Nächstes Jahr in Jerusalem, grinste er im Traum. Lisabetta erzählte später, er habe im Schlaf gelacht.

3

Nach der Siesta trank er einen Espresso in Ciccios Bar. Das höhlenartige Geschäft, Teil des Hauses seines wohlhabenden Clans, lag an der Nationalstraße, über die vor dem Autobahnbau der gesamte Fernverkehr gerollt war. Das schien wie in einem fernen Jahrhundert. Heutzutage hielten nur lokale Fahrer, die einen schnellen Kaffee tranken und Zigaretten, Zeitungen oder Eis kauften. Ciccio arbeitete achtzehn Stunden täglich hinter dem Ladentisch. Manchmal löste ihn eine der zwei Schwestern ab. Zwischen Mitternacht und dem frühen Morgen um sechs zog er sich in sein Zimmer zurück. Keiner kannte den Grund, weshalb alle jungen Leute der Familie unverheiratet geblieben waren. Mittlerweile schritten sie auf die vierzig zu und an den Wunsch, einen eigenen Herd zu gründen, war nicht mehr zu denken. Für die Schwestern bedeutete ihr Status de facto völlige Abhängigkeit. Der ledigen Frau war Eigenleben fremd. In der Öffentlichkeit trat sie nur im Schlepptau ihrer Familienmitglieder oder in Begleitung einer Vertrauensperson auf. Die Finanzen wurden bis ins Detail vom Familienoberhaupt, hier der Mutter, geregelt.

Antonios vielköpfiger Clan spielte eine seltsame Rolle im Dorf. Man zollte ihm Respekt, keine Zuneigung. Leidtragend war die nachrückende Generation. Sie hatte es nicht geschafft, sich durch Auswandern aus dem Machtbereich der Alten zu entfernen. Ciccio pflegte zu sagen, dass er dasselbe Schicksal wie der Hund im Garten des Hauses habe: angekettet, ohne Aussicht auf eine verheißungsvolle Perspektive. Der Klatsch aus dem Paese hielt ihn am Leben. Ciccio hörte viel und einiges war bedeutsam. Neue Informationen würzten die Attraktivität seiner Bar und bereicherten den Dorftratsch.

Antonio trank den Espresso im Schatten des Maulbeerbaumes, der seine Äste weit ausspannte und für Erfrischung sorgte. Er beobachtete Kunden, die ihren Wagen mit laufendem Motor dicht neben dem Bareingang parkten. Man hat hier keine Ruhe. Diese Rücksichtslosigkeit ist ein Teil unserer Kultur. Jeder ist sich selbst der Nächste und er macht, was ihm gerade einfällt. Antonio schloss die Augen. Er träumte vom Mittelmeer, das er wie ein Vogel überflog. Er sah die Inseln von oben, das glitzernde Nass in seinen changierenden blau-grünen Farben, die Küsten Nordafrikas, roch den Duft uralter Kulturen aus engen Straßen mittelalterlicher, ockerfarbener Häuser, vermischt mit dem Parfüm von Lorbeer, Myrrhe, Minze, Thymian, Rosmarin, Lavendel, Jasmin und Oleander. Ein Bild aus dem Paradies. Neben diesem Garten der Natur sah er archäologische Ausgrabungsstätten und sich selber – den Kopf mit seinem Stetson-Filzhut bedeckt –, eine Tonscherbe analysierend. Er drehte sie sanft mit den Fingern, betrachtete Dekor und Farbe und überlegte, zu welchem Objekt sie gehörte. Amphore? Vase? Tasse?

»Sehen wir uns heute Abend noch einmal, um zu checken, ob alles für die Prozession in Ordnung ist?«, fragte Carlo, Mitglied der Bruderschaft.

Antonio öffnete die Augen, verärgert über die Störung des Tagtraums: »Mhm, ja, okay. Gegen zehn?«, murmelte er. »Sagst du den anderen Bescheid?«

4

Spät abends hielt ein Auto vor der Tankstelle, das Antonio nur zu gut kannte. »Voll«, hörte er die Anweisung aus dem Inneren der schwarzen Limousine. Sein Onkel Alberto, Mitte fünfzig, schlank, gepflegt, wohlhabend, unverheiratet, war neben vielen Nebentätigkeiten auch Arzt. Hin und wieder verirrten sich Patienten in sein Kabinett.

Alberto war selten in der Praxis anzutreffen. Das Geld verdiente er auf eine Weise, die Antonio zu ignorieren gelernt hatte. Seine Besuche im Nachbardorf an der Küste trugen auch den Nimbus des Mysteriösen. Sie hingen, so munkelte man, mit der regelmäßigen Abwesenheit eines gehörnten Ehemanns zusammen. Nicht einmal hinter vorgehaltener Hand debattierte das Dorf die näheren Umstände seines Lebens. – Es kümmerte keinen. Es hatte niemanden zu interessieren.

Antonio seufzte. Wie immer bezahlte er das Benzin für den Tank aus eigener Tasche oder mithilfe einer unauffälligen Korrektur an den Abrechnungen mit Agip. Diese Manipulationen waren nichts Ungewöhnliches. Seine Konkurrenten in der Stadt verloren nach jahrelangen verschleiernden Abrechnungen die Konzession der Erdölgesellschaft, zu viele Parasiten waren auf Dauer nicht tragbar. Antonio hatte das bislang verhindert.

»Wie laufen die Vorbereitungen für die Prozession?«, erkundigte sich sein Onkel.

»Alles gut. Wie immer.«

»Das freut mich. Unsere Reputation hängt von deiner Arbeit ab. Nicht umsonst will ich alles getan haben, damit du Chefprior wirst«, kommentierte Alberto und entschwand.

Wenig später schlurfte sein Vater am Kabuff vorbei und steuerte die Bar Ciccios an. Seine Mutter trank eine erfrischende Limonade unter dem Maulbeerbaum neben der Eingangstür. Sie hob nicht einmal den Kopf zur Begrüßung.

Der Alte stützte seinen Arm auf den Stock und schwieg verdrossen. Keiner kam auf die Idee zu fragen, ob er durstig sei. Niemand sprach ihn an. Der Patron war da und duldete masochistisch seine Einsamkeit. Antonio beobachtete das Schauspiel. Wie lange noch würde der Alte die Krankheit besiegen? Ärztliche Hilfe lehnte er nach wie vor ab. Nur die Schmerztherapie akzeptierte er, lethargisch und schweigsam. Antonio überlegte einen Moment, ob er Gefühle für den Alten verspürte. Er horchte in sich hinein. Weder Mitleid noch Hass empfand er. Die Wunden der Kindheit und Jugend waren vernarbt. Wie ein Augenzeuge beobachtete er den zunehmenden Verfall seines Erzeugers. Vermutlich erlebte der Alte nicht einmal das Weihnachtsfest. Im Dezember würde er umziehen. Mit Glück pünktlich zum Fest.

5

Domenica stand an ihrer Staffelei und malte. In der Wohnung herrschte eine unerträgliche Hitze. Scirocco lastete seit zwei Tagen auf dem Dorf. Fliegen belagerten das Haus. Wüstensand klebte überall auf dem Fußboden und den Möbeln. Eine Grundreinigung kam erst nach Abzug des afrikanischen Windes in Betracht. Trotz der heißen Luftzüge zog sie es vor, für Durchzug zu sorgen, um wenigstens die Illusion einer erfrischenden Meeresbrise zu genießen.

Am geöffneten Fenster blickte sie auf den Strand und die drei Schiffe für die Schwertfischjagd, die Passarelle. Ihre Antenne, fünfundzwanzig Meter hohe Masten mit Sitzplatz für den Späher, ragten in die Luft, als warteten sie auf einen neuen Einsatz. Ihre metallenen Wanten klapperten mit jeder Bö. Die dreißig Meter langen Brücken vor dem Bug wippten im aufkommenden Wind aus Afrika. Das aufgewühlte Meer besprühte mit der Gischt heranrollender Wellen den Schiffskörper.

Domenica stand fast nackt an der Staffelei. Die dunkelbraunen gelockten Haare, mit einem Tuch zum Knoten zusammengebunden, thronten auf dem Kopf. Keiner störte. Gianni, ihren Mann, erwartete sie nicht vor Mitternacht.

Früher malte sie Landschaften. Seit ein paar Monaten begeisterte sie sich für religiöse Motive aus dem Neuen Testament. Ihre aktuelle Arbeit stellte Jesus mit Dornenkrone dar, wie er die Erde umarmte. Domenica war gläubige Katholikin. In der Kirche sah sie eine autoritäre frauenfeindliche Institution. Sie verachtete sie. Als Heilerin – eine von der Mutter geerbte Gabe – pflegte sie ihre eigene Auffassung von Religion. Bislang empfing sie hilfesuchende Bekannte und Freunde ohne Honorar. Sie stellte Diagnosen, die kein Arzt fand, stoppte Krankheiten und gab Ratschläge zur Genesung. Den Durchbruch hatte sie bei ihrer Pilgerreise nach Lourdes vor zwei Jahren erlebt. Jedem erzählte sie diese Geschichte: Sie sei in einen unscheinbar aussehenden Laden für Touristen gestolpert, habe die Madonnenfigur herausgegriffen, sie erworben und wenig später festgestellt, dass diese aus Marmor gefertigte Figur ein mysteriöses Eigenleben offenbarte: Manchmal weinte die Madonna. Domenica interpretierte es als Zeichen des Auserwähltseins und notierte dieses Phänomen, wann immer es auftrat, im Tagebuch. Fortan stand die Figur bei ihren Konsultationen neben dem Ort des Geschehens. Sah sie Tränen auf den Wangen der Skulptur, wusste sie dies zu deuten.

Als sie neue Farbe anrührte, um das Universum in Azurblau zu malen, kam ihr die Idee: Warum sich weiter vor den Pfaffen und Nonnen verstecken? Was konnte ihr geschehen? Sie beschloss, ihre Gabe einem größeren Kreis der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Unter dem Schutz der heiligen Maria würde sie Menschen um sich sammeln, die dringend Hilfe benötigten. Sie, eine kalabresische Jeanne d’Arc, Beschützerin vieler Kranker. Nebenbei stiege das Ansehen ihrer Familie. Ein paar Mitglieder – sie verbüßten jahrelange Gefängnisstrafen – waren landläufig bekannt. Sie vertraute nicht darauf, die nächsten Jahre in Ruhe mit ihrem Ehemann leben zu können. Ein Blick in die Tagespresse bewies, wie aktiv der Staat Mafiamitglieder jagte. Jeden Tag füllten Fotos Verhafteter die Seiten der regionalen und nationalen Zeitungen. Eine Bewegung gründen – welch fantastische Idee!

Sie legte Pinsel und Mischpalette fort und griff nach dem Telefonbuch. Die nächsten Stunden war sie damit beschäftigt, Dutzende Menschen anzurufen und ihren Plan zu erklären.

Als Gianni spät in der Nacht zurückkam, fand er eine zufriedene, entspannte Ehefrau vor. Er küsste sie zärtlich auf den Nacken und lobte ihre neueste Produktion. Eigentlich hatte ihn Kunst bislang nicht interessiert. Domenica zuliebe begann er, sich mit Bildern zu beschäftigen, und fand zu seinem Erstaunen Freude daran.

»Nächste Woche organisiere ich eine Prozession zu Ehren der heiligen Maria. Meine Madonnenfigur aus Lourdes wird mir dabei helfen«, verkündete sie. Dann schlief sie ein.

Morgen wird sie mir erklären, was das zu bedeuten hat, dachte er und schon fielen seine Augen zu. Er hatte Vertrauen in sie.

6

Die Nachricht, eine neue Heilerin – von der Madonna unterstützt – helfe den Kranken, sprach sich im Paese in Windeseile herum. Domenicas Telefon klingelte im Minutentakt.

Am dreizehnten Juli begleitete Gianni seine Frau zum Treffen mit den Gläubigen. Voll besetzte Busse aus dem gesamten Kalabrien, sogar aus Rom, rollten den schmalen Weg zu der verabredeten Stelle neben der Bahnhofsstation hinab. Domenica begrüßte selbstbewusst lächelnd die Pilger.

Gianni suchte unter den Gesichtern der Anwesenden nach möglichen Störenfrieden. Beruhigt stellte er fest, dass keine Gefahr drohte. Die Carabinieri nahm er flüchtig zur Kenntnis. Woher wussten die schon wieder von der Prozession?, fragte er sich. Hatte Domenica Ordnungskräfte bestellt?

Die älteren Frauen trugen das Bild Padre Pios auf Transparenten. Wegen der Stigmata, die er vor den Augen der Öffentlichkeit versteckte, seiner Lebensweise in Armut und der Legenden, die um die Rettung Kranker rankten, erwarb er den Ruf eines Heiligen. Als er 1968 starb, hatte er so viele Anhänger wie selten jemand aus der Vatikanstadt. Hunderttausend drängten sich bei seiner Beerdigung. In abgelegensten Bergdörfern des Aspromonte errichtete man Kapellen mit einer täuschend echten Pio-Figur, zu der alte und junge Frauen zum Gebet pilgerten und sie mit Blumen schmückten. Den Wahrheitsgehalt der in den Medien gerühmten Wunder oder die Biografie des Kapuzinermönches in den Jahren der Herrschaft Mussolinis zu überprüfen, würde den Gläubigen angesichts der trostlosen Realität das Letzte nehmen, was ihnen verblieb: Hoffnung.

Domenica hielt die Madonnenfigur inbrünstig singend vor ihre Brust und führte den Zug, umgeben von Pio- Transparenten, an. Es schien, als begleite er seine Pilger, heute von einer Frau geleitet. Die Prozession bewegte sich langsam auf den Sandweg zu, der durch ein grünes Paradies voller uralter Aleppokiefern, Oleanderbüschen, Olivenbäumen, Mastixbüschen und hohen wildwuchernden Dornen und Gräsern führte. Links lagen die Villen verschiedener Reicher, in der Öffentlichkeit wegen ihrer schillernden Existenz bekannt, hinter schützenden Anlagen mit beweglichen Kameras. Auf protzigen Anwesen verlebten hier, Tür an Tür, ein stadtbekannter Mafiaanwalt und diverse christdemokratische Politiker ihre geruhsamen Wochenenden. Das Dunkelblau des Mittelmeers schimmerte durch die grünen Schutzwälle der Villen.

Der Menschenzug, versunken in die heutige Mission, schritt langsam den Sandweg hinauf. Gianni fragte sich im Stillen, ob alle Teilnehmer Leidende waren oder die Pilger seine Frau bereits als potenzielle Nachfolgerin Padre Pios anerkannt hatten. Unbehagen ergriff ihn.

Nach einer knappen Stunde erreichten die Gläubigen die Grotte Tràchina. Seit Archäologen Spuren aus der Bronzezeit fanden, war sie – zu Ruhm gekommen – Zeugnis einer prähistorischen Kultur. Ihr Eintritt lag dreißig Meter in steiler Höhe oberhalb des Weges. Dornenbüsche überwucherten den schmalen, kaum erkennbaren Zugang.