4,99 €
Der Autor schreibt unter dem Pseudonym Georg Griffin. Wer sich dahinter verbirgt ist unbekannt. Mit Ben Bolt erfand er einen Abenteurer, der in der ganzen Welt unterwegs ist. Manchmal ist es nicht ganz klar, wo die Abenteuer stattfinden, wenn z. B. Eingeborene in der Antarktis beschrieben werden. Eine frühe österreichische Abenteuerserie, deren Bände 1 bis 8 von insgesamt 21 Bänden, hier zusammengefasst sind.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2023
Herausgeber
Erik Schreiber
George Griffin
Ben Bolt
1 - 8
Scratch Verlag
e-book 211
George Griffin - Ben Bolt
Erstauflage: 1948
Neuauflage: 01.01.2024
© Scratch-Verlag
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.scratch-verlag.de
Titelbild: Archiv Andromeda
Lektorat: Peter Heller
Vertrieb: neobooks
Herausgeber
Erik Schreiber
George Griffin
Ben Bolt
1 - 8
Scratch Verlag
Inhaltsverzeichnis
Blut um Diamanten
Die weiße Mörderin
Die Stadt der Toten
Abenteuer am Pazifik
Piraten der Südsee
SOS aus dem Dschungel
Von Kannibalen gejagt
Banditen im Dschungel
Blut um Diamanten
Ein leichter Wind, der aus dem tiefblauen Himmel zu kommen schien, bewegte die Blätter der Palmen vor der Veranda des Hotels Accolada in San Fernando, der letzten Stadt Boliviens, hart am Dschungelrand. Wir saßen unter dem orangeroten Gartenschirm vor unsern Drinks, Ben Bolt und ich. Vor kaum drei Tagen waren wir aus dem Urwald zurückgekehrt und gedachten, um ein wenig von den durchlebten Strapazen zu erholen. Ruhig schaute mein Freund Ben über den Platz vor dem Hotel hin. Über seinem tiefbraunen, scharf geschnittenen Antlitz lag ein halbes Lächeln. Wenige Schritte von uns entfernt, mitten unter den schnatternden Indianerweibern und den Maultiergespannen mit dem grellroten Fransenwerk, hockte unser getreuer Weggefährte auf dem Pflaster, der Neger Morro, umgeben von einer Schar Farbiger. Ein Holzbrett, mit Kreisen bemalt, lag vor ihnen, die Messer wirbelten durch die Luft und fuhren mit der Spitze knackend ins Holz. Sie spielten „Jogo“, stundenlang, mit unversiegbarem Eifer.
Da bog aus der Via carvao ein dunkelblauer Studebakerwagen in den Hauptplatz ein und hielt vor dem Hotel. Alle kannten das vornehme Auto; es gehörte dem Diamantenhändler Senor Emanuel Sabata, dem Besitzer der alleinigen Schürfrechte der ganzen Südprovinz. Der Negerjunge, der, in seiner etwas schattigen grünen Uniform den Hotelboy zu spielen hatte, stürzte sich zum Auto und riss den Wagenschlag auf. Senor Sabata stieg behäbig aus, die fette, gepflegte Hand hielt dem Jungen ein Geldstück hin, dann schritt er zur Veranda empor, direkt auf uns zu. Ein kurzes Nicken, die üblichen Höflichkeitsfragen, dann ließ sich der Millionär schwerfällig in den Korbstuhl fallen und rührte gedankenvoll die Eisstückchen der Limonade um. Wir saßen schweigend. Was wollte der Mann? Wir brauchten nicht lange zu warten, da kam's.
„Mister Ben Bolt“, begann Don Sabata, „ich erfuhr gestern zufällig durch einen gemeinsamen Bekannten, dass Sie in San Fernando sind; und im selben Augenblick wusste ich: Sie sind der einzige Mann, der mir helfen kann, jawohl, Sie“, und der Zeigefinger des Millionärs mit dem riesigen Smaragd wies ausgestreckt auf Ben Bolts Brust. „Seit Wochen stürzen die Diamantenpreise in einer erschreckenden, unheimlichen Weise, die Sache beginnt immer weitere Kreise zu ziehen, schon reagiert der Weltmarkt auf diese Erscheinung. Senor Bolt, ich bin nicht müßig geblieben, wie Sie sich denken können und meine Recherchen — kostspielige, mühevolle Recherchen, Senor — bestätigten meine schlimmsten Befürchtungen. Meine mir allein zustehenden Schürfrechte, die jährlich ein Vermögen an Steuern kosten, werden von Unbefugten ausgebeutet. Es kann nicht anders sein, alle Unterlagen für diese Tatsache sind in meiner Hand!“
Nervös fuhr Senor Sabata mit dem Seidentaschentuch über die hochrote Glatze. Ben Bolt sog schweigend an der kurzen Pfeife. „Sie verstehen“, fuhr der Diamantenhändler erregt fort, „dass die unkonzessionierte Bande mit ihrer schwarzen Ausbeute die Preise spielend unterbieten kann und dabei noch ein Vermögen verdient; und ich? Jeder Peseta, den sie machen, sind zwei aus meiner Tasche! Das ist der Ruin, Senor Bolt!“ Wütend klopfte der Zeigefinger des Millionärs auf die bunte Tischdecke mit den indianischen Mustern.
Langsam nahm Ben Bolt die kurze Pfeife aus den Zähnen. „Es ist zu vermuten, dass die Spuren der wahrscheinlich sehr gut organisierten Bande von San Fernando ausgehen, der letzten Stadt am Dschungelrand; meinen Sie nicht auch, Senor Sabata?“, fragte er.
„Natürlich“, erwiderte der Händler lebhaft, „deshalb schien es mir eine besondere Gunst des Schicksals, als ich hörte, dass Sie in San Fernando seien, Senor Bolt, ich weiß, dass Sie den Teufel aus der Hölle holen, um einen Pappenstiel, um einer Laune willen! Hören Sie, Senor Bolt, ich brauche Sie, ich muss Sie haben, nennen Sie mir Ihre Bedingungen.“
Ben Bolt hob die sehnige braune Hand. „Stop, Senor Sabata, über das Geschäftliche können wir später reden; Sie kennen mich und ich kenne Sie. Jetzt interessiert mich etwas anderes. Sie waren doch auch mit dem Kautschukhändler Senor Rabanada in Geschäftsverbindung; wissen Sie etwas über seine Expeditionen in den Distrikt von Balo Escuro?“
Der Millionär schaute in Ben Bolts harte braune Augen. Vor Überraschung und Ärger zog er die Oberlippe hoch, die aufgerissenen Augen quollen aus dem kupferfarbenen Gesicht; er schnappte nach Luft, hässlich und komisch zugleich anzusehen, wie ein indianischer Götze.
„Nach Balo Escuro?“, fauchte er wütend, „wie kann er, wie darf er? Das Kautschukmonopol für diesen Distrikt hat die mir attachierte Firma Nabo ganz allein zugesagt. Sagen Sie, Senor Ben Bolt sind Ihre Informationen absolut zuverlässig?“
„Instante, Senor Sabata“, unterbrach Ben Bolt ruhig den aufgeregten Mann, ein Pfiff schrillte auf und gehorsam erhob sich Morro und kam auf uns zu. Unter dem mächtigen Sombrero grinste freundlich sein Gesicht, breit und rund. Die weiße Jacke spannte sich um die prachtvollen Schultern und zeigte, vorne lässig geöffnet, Brustmuskeln wie die einer antiken Athletenstatue.
„Was weißt Du vom Kautschukhändler Rabanada?“, fragte Ben Bolt den Nigger.
„Er sucht Leute Herr“, erwiderte dieser, „wieder für eine Fahrt den Rio Assado hinauf. Aber niemand will gehen. Schwere Arbeit. Herr, schwere Arbeit! Und gefährlich! Das Wasser ist voll von abgetriebenen, riesigen Bäumen, die sich im Grund verkeilt haben und unter Wasser liegen. Fährt man gegen die Krone, kentert das Boot. Und bei solchen Bäumen, Herr“, — und die Augen des Negers erweiterten sich — „da warten die Krokodile! Reißt die Strömung das Boot um, dann gibt es Menschenfleisch für sie, viel, viel.“ Seine Stimme wurde zu einem geheimnisvollen Flüstern: „Die Tiere wissen es, Herr, ganz genau, so wie die Haie es wissen, wenn ein Schiff untergehen muss.“
Wir hüteten uns, den Aberglauben des Schwarzen zu belächeln, um uns sein Zutrauen nicht zu verscherzen und er fuhr fort:
„Schwerbeladen ist das Boot und sie sollen nur vier Tage stromaufwärts fahren, bis zum Recollimento, einem kleinen Haus im Urwald. Aber wenn sie dort sind, müssen sie weiter und weiter, tagelang, die Leute suchen, denen sie die Bootladung bringen, zu den Arbeitern im Urwald.“
„Gut“, sagte Ben Bolt, „Senor Sabata weiß nun alles“, und er entließ den Neger mit einem Kopfnicken.
„Sehen Sie, Senor Sabata“, fuhr Ben Bolt fort, „das, was Sie eben hörten, weiß der Neger von den anderen Farbigen. Meine Beobachtungen sind folgende: Vor Monaten fuhren wir in einem kleinen Boot den Rio Assado hinauf, nur wir drei, mein Freund George Griffin, der Neger Morro und ich. Wir suchten nach einer bestimmten Orchidee, die der Gattung Cattlega angehört; ein Sammler hatte einen enormen Betrag für einige Wurzelknollen dieser Pflanze geboten. Sehen Sie, Senor Sabata, da wächst aus der riesigen Rinde eines alten Urwaldbaumes ein dürftiges, grünes Kraut, ganz unscheinbar; im Mulm des faulenden Holzes liegt die Knolle, unheimlich ähnlich einer kleinen schneeweißen Menschenhand; und selten, alle Dutzend Jahre vielleicht treibt dieses Händchen eine Blüte von einer unerhörten, unwahrscheinlichen Pracht; nur wenige Menschen sahen sie, in den Sagen der Eingeborenen taucht sie immer wieder auf.
Diese Knollen wollte ich finden. Zwei Tage waren wir den Rio Assado stromauf gefahren, am dritten Tag wollten wir zur Mittagsrast anlegen und sahen ein breites Rasenband am Ufer, dort steuerten wir hin; aber dort lag ein langes schmales Boot; ich kannte es, es gehörte dem Kautschukhändler Rabanada. Wir sprangen an Land; ein Lagerfeuer brannte dort, Geschirr stand herum, der Sack mit Maismehl lag offen auf dem Boden; aber wo war die Bootsmannschaft? Weg, verschwunden, eilig aufgebrochen, als sie uns herankommen sahen. Bloß einen Nigger hatten sie zurückgelassen, der sich schwerhörig stellte und dümmer, als er war. Er zuckte zu jeder Frage die Achseln und guckte mürrisch vor sich hin. Bloß wenn ich mich dem Boot näherte, das mit Lebensmittelvorräten bis zum Rande gefüllt war, begann er unruhig zu schnattern.
Ich hatte das Gefühl, dass die Bootsleute, die so gar nicht gesehen werden wollten, im Dschungel hockten, das Gewehr auf uns im Anschlag. Wir verzogen uns wieder. Und in der folgenden Nacht, Senor Sabata, hatte ich Wache und schaute auf den Strom hinaus, der im Mondschein funkelte. Da fuhr Rabanadas Boot an unserem Lager vorbei; ich kannte es, ein Irrtum war ausgeschlossen. Sieben Mann saßen darin und hatten die Ruder umwickelt; man sollte sie nicht hören und nachts fuhren sie an uns vorbei, um uns zu überholen. Wir blieben lange in unserem Lager und streiften die ganze Umgebung ab nach unsern Orchideen, fanden aber nichts. Zwölf Tage später lagen wir am Ufer, zerfetzt von den Dornen, zerstochen von den Moskitos, ohne eine einzige Knolle, eine höllische Wut in uns — wer fährt da an uns vorbei, stromab? Die Rabanadaleute! Und ihr Boot war ohne Ladung, es tanzte nur so übers Wasser. Nun brauchte man kein großer Geograph zu sein, um auszurechnen, aus der Reisezeit, wo die gewesen waren; im Distrikt von Balo Escuro! Und Kautschuk hatten sie keinen an Bord Senor Sabata!“ Ben Bolt schwieg, aus seiner kurzen Pfeife stieg der bläuliche Rauch.
„Und Sie meinen ...“, begann Senor Sabata.
„Natürlich“, unterbrach Ben Bolt. „Rabanada hat ein heimliches Lager im Dschungel, das nach Diamanten schürft, nach Ihren Diamanten Senor Sabata! Und dem Jungen werden wir das Handwerk legen!“
Übermütig blitzten die braunen Augen Ben Bolts auf, als er dem Millionär die Hand über den Tisch hinstreckte.
„Abgemacht, Senor Sabata?“, fragte er. Freudig schlug der Händler ein. Sein nächster Griff galt dem Scheckbuch und der breiten Goldfüllfeder. Leicht knirschend flog die goldene Spitze über das Papier. Dann reichte er uns den Bon; auf ihm stand ein Betrag, den man wohl als königlich bezeichnen musste. Ben Bolt faltete das weiße Papier und steckte es sorgfältig in seinen breiten Ledergürtel. Sein fröhliches Bubenlachen flog über sein Gesicht, als er Senor Sabata die Hand reichte.
„Sie haben das Ihrige getan, alles andere lassen Sie unsere Sorge sein!“
Senor Sabata verabschiedete sich und wir sahen zu, wie sein riesiger dunkelblauer Wagen majestätisch die Via Caracao hineinrollte, dann stand Ben Bolt auf und reichte mir den Scheck.
„Geh Du zur Bank“, sagte er, „ich schaue zu Senor Rabanada.“
„Wozu?“, fragte ich.
„Anheuern lassen für den nächsten Transport nach Balo Escuro; kommst Du mit?“ Empört schüttete ich den Rest meines Drinks nach ihm. „So eine Frage — natürlich!“ In bester Laune sprang Ben Bolt die Stufen der Hotelveranda hinab. „Wir reisen, Morro!“, rief er, indem er den Neger übermütig auf den breiten Rücken schlug.
„Wann, Mistuh?“
„Bald!“, rief Ben Bolt und federnd schritt er davon. Nach kaum einer Stunde kam er. Rabanada hat zugesagt. Am nächsten Tag sollten wir abfahren.
Im Dschungel
Der Morgentau lag noch wie ein dichter silbergrauer Schleier auf dem Gras, als wir, Ben Bolt, Morro und ich, zum Ufer des Rio Assado hinabschritten, unsere ledernen Reisesäcke über die Schultern gelegt. Die drei Neger, die noch mitkommen sollten, waren schon beim Boot. Wir warfen unsere Säcke unter die Ruderbank. Senor Marsano überprüfte noch einmal Boot und Ladung, dann setzte er sich ans Steuer und gab das Zeichen zur Abfahrt. Langsam glitt das Boot unter unseren Ruderschlägen auf das silbrige, träge fließende Wasser hinaus. Der Nebel lag so dicht, dass man das gegenüber befindliche Ufer nicht sah.
Als die Sonne hervorkam, waren wir schon im Urwald und das Gekreisch der Affen, die den auftauchenden Sonnenball begrüßten, mischte sich mit den misstönenden Schreien der Papageien. Mittags legten wir an, aßen und hielten Siesta. Als wir wieder ins Boot gingen, blieb mein Blick an meinem Ledersack hängen. Ich hatte die Gewohnheit, die Schnüre des Reisebeutels in einer ganz bestimmten Weise zu knoten. Ich sah sofort, dass der Sack von jemandem andern geöffnet und dann wieder verschlossen worden war, während ich geschlafen hatte. Denn nun war der Knoten in anderer Art geschürt. Dies beunruhigte mich sehr. Wer konnte das gewesen sein? Ich war seit Jahren an den Umgang mit Negern gewohnt und wusste, dass sie den Weißen nur selten bestahlen. Sie fürchteten die geistige Überlegenheit des Europäers und waren meist überzeugt, dass er den Diebstahl sofort entdecken und den Schuldigen finden würde. Wer blieb also? Nur unser Steuermann und Bootskommandant, Senor Marsano, im Übrigen ein wenig sympathischer, verschlossener Geselle. Ich hatte keine Gelegenheit, unauffällig mit Ben Bolt zu sprechen; als ich aber um 2 Uhr nachts die Lagerwache übernahm, ging ich leise zum Boot und im grellen Mondlicht öffnete ich meinen Sack und suchte nach der automatischen Pistole, denn dieser galt meine Hauptsorge. Die Waffe lag, zusammen mit den Magazinen, sorgfältig in der Wäsche versteckt und machte einen so völlig unberührten Eindruck, dass meine Besorgnisse schwanden. Wahrscheinlich hatte einer der Neger, den mein Spezialknoten interessierte, diesen gelöst und dann nicht mehr zusammengebracht. Die ganze Sache war deshalb von Wichtigkeit, weil uns der Kautschukhändler Rabanada, gelegentlich unserer Anheuerung ausdrücklich verboten hatte, Schusswaffen mitzunehmen, um, wie er sich ausdrückte, die „ohnehin misstrauischen Eingeborenen vom Distrikt Balo Escuro nicht zu beunruhigen.“ An Bord befand sich offiziell nur eine recht mäßige Jagdflinte und der Colt, den der Steuermann am Gürtel trug. Ich war überzeugt, dass niemand unsere Waffen gesehen hatte, und vergaß die Kleinigkeit.
Wir waren nun schon den vierten Tag unterwegs und das etwas gespannte Verhältnis, das anfangs zwischen uns Dreien und den übrigen Expeditionsteilnehmern geherrscht hatte, besserte sich allmählich. Die Neger wurden zutraulicher. Senor Marsano, anfangs misstrauisch gegen uns Weiße, wurde freundlicher, als er sah, dass wir seine Stellung als Bootskommandant anerkannten und ihm keine Schwierigkeiten machten. Die Ruderarbeit war sehr anstrengend doch hielten unsere trainierten Körper durch.
Marsano hatte es als Steuermann nicht leicht. Seine Augen suchten rastlos das Wasser ab, ob nicht ein kleiner Wirbel einen der gefürchteten im Grundschlamm steckenden Bäume verriet. Fuhren wir dagegen, stand es schlecht um uns.
Auf den Sandbänken lagen die Krokodile im grellen Sonnenschein, mit offenem Rachen schienen sie die flimmernde Tropenluft in sich einzusaugen und mit unsagbar tückischen, gelbgrünen Augen beobachteten sie uns beim Vorbeifahren. Reiher spazierten zwischen ihnen und flogen bei unserer Annäherung auf, die dunklen Echsen ließen ihre riesigen Leiber träge ins Wasser gleiten. Oft tauchten die Krokodile unmittelbar vor unseren Rudern auf und das Wasser, das sie mit dem zackigen Schwanz schlugen, überspritzte uns.
Am Abend des vierten Reisetages, als wir das Lagerfeuer anzündeten, holte Marsano ein Fässchen Schnaps aus dem Bauch des Bootes. Er schickte sich an, eine Rede zu halten, in der er unsere Ruderleistung lobte und uns einlud, den Abend mit ihm im „recollimento“ zu verbringen.
Dies war eine ziemlich geräumige Hütte im Urwald, von einer alten Indianerin bewohnt; Schnaps konnte man dort bekommen und wenn sich eine Bootsmannschaft, oder etliche Jäger und Platinsucher dort trafen, ertönte das wüste Gejohle der Betrunkenen weithin in den nächtlichen Urwald. Wir nahmen die Einladung lachend an, den Schwarzen leuchteten die Augen; dann wurde gegessen und das Schnapsfässchen angezapft. Marsano erzählte schaurige Geschichten von Leuten, die sich im Urwald verirrt hatten, immer im Kreise gegangen waren, weil ein Bein des Menschen immer stärker sei als das andere, so dass bei vielen tausend Schritten diese geheimnisvolle Drehung zustande kommen müsste; dann hätte man sie gefunden, die Knochen blank gefressen von den Termiten, die selbst die Kleider verzehrten; nur die Stiefel blieben übrig, in denen steckte dann das Gerippe.
Wir sahen über die tanzenden Flammen des Lagerfeuers gegen die drohende Mauer des tropischen Dschungels und dachten mit leichtem Grauen an die furchtbaren Gefahren dieser grünen Hölle.
Senor Marsano mochte unsere Gedanken erraten haben. Er lachte und zeigte uns ein neues Kunststück.
Er nahm einen Schluck Schnaps in den Mund und sprühte, mit den Lippen prustend, über das Feuer hin; eine prachtvolle bläuliche Flamme, fast zwei Meter hoch, die aus seinem Munde zu kommen schien, stieg aus dem aufprasselnden Feuer. Die Nigger johlten Beifall. Jose, der kleine Basuto, selbst für einen Neger auffallend unintelligent, bekam von mir zwei englische Zigaretten geschenkt, mit hochrotem Mundstück und parfümiert, was ihm der Gipfelpunkt an Luxus zu sein schien. Er legte Maisbrei auf einen Blechteller, steckte Erdnüsse hinein, goss Schnaps darüber und zündete ihn an. Dieses phantastische Gegengeschenk überreichte er mir. Ich kramte in meinen Taschen, fand einen zerknitterten blauen Briefumschlag, füllte ihn mit feinem, hellgelben Tabak und reichte ihn ihm — eine wahrhaft königliche Geste, denn niemals konnte der armselige Nigger ein gleichwertiges Geschenk machen. Wir ließen zwei Neger beim Lager zurück und gingen im grellen Mondschein das Ufer entlang zum „recollimento“. Die Alte wurde wach getrommelt, brachte Schnaps und Maiskuchen, der Steuermann, der schon einen mächtigen Rausch zu haben schien und ununterbrochen gröhlte, holte ein Grammophon hervor, das ein unwahrscheinliches Gekrächze ausstieß; wir tanzten sogar mit der kichernden Alten. Johlend kehrten wir zum Lager zurück; ich fühlte mich, obwohl an gelegentliche Alkoholexzesse gewöhnt, todmüde und wie gebrochen, wie ich meinte, durch den reichlichen Schnapsgenuss und schlief, kaum dass ich mich in die Decke gerollt hatte. Gegen Morgen quälte mein schweres Gehirn ein Traum, dass ich mich nicht bewegen könnte und plötzlich wusste ich im Halbschlaf, dass dies Wirklichkeit war. Entsetzt riss ich die Augen auf und erkannte, dass ich an Armen und Beinen gefesselt auf dem Boden lag. „Ben“, schrie ich, „Ben!“
„Halts Maul, Idiot!“, knurrte Senor Marsano, der plötzlich neben mir stand, „den andern geht es nicht besser als Dir, die können Dir nicht helfen.“
„Senor Marsano“, sagte ich und versuchte mein schmerzendes Hirn zum Denken zu bringen, „was soll das heißen?“
„Und was soll das heißen, he?“, schrie Marsano zurück. Er hielt mir einen blauen, zerknitterten Briefumschlag vor die Nase, ein Firmenkuvert; in der Ecke oben stand: Emanuel Sabata, Bogota, Via de bolsa 24. Ich hätte brüllen können; ich hatte einen furchtbaren, nicht wieder gut zu machenden Fehler begangen. In jenem Umschlag war die Anzahlung für unser Honorar enthalten gewesen. Senor Sabata hatte mir's überreicht. Ich trug's zur Bank, das Kuvert steckte ich gedankenlos in die Tasche und — wenn Pech kommt dann kommt es dick — ich gab es Jose mit dem Tabak; bei ihm hatte es der Steuermann gesehen.
„Nun“, knurrte Marsano drohend, „Du redest ja nichts; und eure Pistolen in den Ledersäcken? Spione seid ihr, nun will ich mit Euch abrechnen!“
„Senor Marsano“, sagte ich, „in San Fernando weiß jeder, dass wir mit Ihnen wegfuhren ...“
„Sind schon viele in den Dschungel gegangen und nicht wieder gekommen. Kein Hahn kräht danach! Ist eben ein kleines Unglück geschehen; seid über Bord gefallen, die Krokodile haben euch gefressen. Die reine Wahrheit werden wir sagen, die reine Wahrheit! Wenn uns wirklich jemand fragt! Die Krokodile zerbissen euch vor unsern Augen. Ist schnell geschehen, so ein Unglück, besonders wenn man ein wenig nachhilft. Ihr seid doch nicht die Ersten!“
Die Krokodile! Während der Fahrt sahen wir immer ihre dunklen Rücken aus dem Wasser tauchen, oft zu Dutzenden. „Ben“, rief ich verzweifelt auf englisch, „Ben, ich bin an allem schuld!“
„Shut up!“, schrie Marsano zurück und ein derber Tritt traf mein Schienbein. „Caballeros“, brüllte er dann, „es ist Zeit, die Krokodile wollen ihr Frühstück!“ Die drei Neger packten Morro und hoben den Gefesselten auf. Plötzlich entglitt ihnen Morro und schnellte seinen Körper, allein mit der furchtbaren Kraft seines Rückgrats, in die Höhe; er hüpfte, mit den gefesselten Beinen, die Augen weit aufgerissen im Bestreben das Gleichgewicht zu halten; sein Körper flog empor wie da Fisch, der im Wasser hochspringt und sein runder, eisenharter Ncgerschädel traf mit aller Gewalt Marsanos Magengrube; es gab einen Laut, als würfe man eine saftige Frucht gegen eine Mauer. Marsano überschlug sich und lag regungslos au dem Rücken. Unterdessen hatte sich Ben Bolt trotz der Fesseln ganz allein aufgerichtet. Morro wälzte sich auf dem Boden, verzweifelt bemüht, hochzukommen und schrie in seinem Niggerenglisch: „Mistuh Ben, Mistuh Ben, nimm den Kleinen, ich den Großen!“
Die drei Neger standen verdutzt, ich hatte mich glücklich aufgesetzt unser Schicksal stand auf eines Messers Schneide. Da rief Ben Bolt und der metallische Lauf seiner Stimme prallte gegen das Blätterdach des Urwaldes, sodass die Papageien kreischend aufflogen.
„Vorwärts, Jose, schneid' mir die Fesseln durch!“ Und wirklich, der kleine Basuto, ganz im Bann dieser nervenzerreißenden Stimme, zog, ehe die beiden andern Neger ihn hindern konnten, sein Messer aus dem Gürtel und gehorchte. Im nächsten Augenblick sprang Ben Bolt zum bewusstlosen Marsano und riss ihm die Pistole aus dem Halfter.
„Trumpfass!“, lachte er und schwang fröhlich die Waffe. Sogleich waren unsere Fesseln gelöst, die drei Nigger standen scheu beim Boot beisammen. Morro lachte, während ihn Ben Bolt anerkennend in die Seiten puffte.
Schnell sprang ich zum Boot hinunter, öffnete unsere Ledersäcke und kramte die automatischen Pistolen aus; die drei Neger machten große Augen, als wir uns bewaffneten. Wir ließen Morro bei Ihnen, der sie ins Boot steigen hieß und ihnen befahl, dort ruhig sitzen zu bleiben. Ben Bolt und ich gingen zu Marsano; er lag tief bewusstlos auf dem Rücken, sein Atem ging pfeifend und stoßweise, kleine Schweißperlen bedeckter seine Stirn. Ben Bolt durchsuchte ihm die Taschen und hielt mir eine kleine Glasphiole hin, die er darin befunden hatte. Sie enthielt den Rest eines weißen, etwas klebrigen Pulvers. Wir zweifelten nicht daran, dass uns Marsano, der seinen Rausch nur simuliert hatte, dieses betäubende Gift, wahrscheinlich indianischer Herkunft, heimlich ins Getränk gegeben hatte, damit er uns gefahrlos fesseln konnte.
Wir berieten, was wir mit ihm tun sollten. Sicher war dieser Mann für Wochen unschädlich. Wir packten ihn und trugen ihn ins „recollimento“, wo wir die Nacht zuvor so wüst gezecht hatten. Der Indianerin erzählten wir, dass dieser Senor über eine Baumwurzel gestürzt sei und sich verletzt habe; sie solle ihn pflegen, bis wir zurückkämen.
Vorwärts!
Ben Bolt meinte, es müsste uns ein Leichtes sein, die drei Neger für uns zu gewinnen. Im Urwald wären sie auf uns angewiesen, denn wir hätten das Boot und damit die Schlüsselstellung. Im Lager der Diamantenräuber aber hätten sie keine Bekannten, würden also, wenn sie mit uns kämen, vom ersten Augenblick der Kampfhandlungen als Feinde angesehen werden, ihr Instinkt würde ihnen sagen, dass nur ein festes Anschließen an uns sie retten könne. Auch wüssten sie ja gar nicht, worum es gehe. Das gebe uns ein gewaltiges Übergewicht.
Im Lager aßen wir gemeinsam, Marsanos Neger blieben scheu und ängstlich. Nach der Mahlzeit steckte Ben Bolt die Pfeife an und winkte den Dreien zum feierlichen Palaver. Eine Weile saßen wir schweigend ums Feuer, dann begann Ben Bolt:
„Marsano, Euer Herr, liegt krank im Bett. Wir werden die Reise flussaufwärts fortsetzen, um die Vorräte denen zu bringen, die darauf warten. Es steht Euch frei mit uns zu kommen, oder aber nach San Fernando zurückzukehren; wenn Ihr Letzteres wählt, habt Ihr den schweren und gefährlichen Weg zu Fuß durch dem Dschungel; auch wird Euch Senor Rabanada keine Heuer auszahlen, wenn Ihr zurückkehrt, ohne seinen Auftrag ausgeführt zu haben. Wenn Ihr aber mit uns geht und treu zu uns haltet, was auch immer geschehen möge, dann wird Euch Senor Sabata, in dessen Diensten wir stehen, so reichlich belohnen, dass Ihr Euch Euer Leben lang nie mehr als Ruderknechte in den Dschungel verdingen müsst.“
Und Ben Bolt behielt recht: Freudig erklärten sich die Neger bereit, mit uns zu gehen und die geräuschvolle Dienstfertigkeit, die sie beim Flottmachen des Bootes zeigten, bewies ihre Zufriedenheit mit der Lösung. Wir fuhren langsam stromauf, Ben Bolt saß am Steuer, Jose hockte auf dem Bootskiel und hielt eine lange Stange vor sich ins Wasser, wenn er gegen einen Widerstand stieß, ertönte sein, warnender Ruf, wir setzten mit dem Rudern aus und trieben langsam stromab, bis wir uns wieder die Fahrrinne hinauf tasteten. Langsam veränderte sich die Landschaft, Berge stiegen aus dem Grün des Urwaldes auf, zerklüftete Felsen gaben der Szenerie das Gepräge phantastisch schöner Wildnis. Die Mangroveküste der Flussufer boten zahllosen Wasservögeln einen Unterschlupf und bei Sonnenuntergang war die Luft erfüllt von ihren geheimnisvollen Stimmen. So oft eines der dunklen Krokodile vor uns auftauchte, begrüßten wir es mit Gott wenig wohlgefälligen Äußerungen und uns allen schauerte ein wenig beim Gedanken an die Gefahr, der wir entronnen waren. Am sechsten Tage unserer Fahrt mussten wir nach Ben Bolts Berechnung in ziemlicher Nähe des Lagers der Diamantenräuber sein.
Das Lager
Wir sahen einen Flaschenkork auf dem Wasser treiben und Jose erklärte, er rieche Rauch. Da ließ Ben Bolt das Boot ans Ufer bringen und wir verschlüpften uns im Gewirr der meterhohen Baumwurzeln. Prachtvoll gefärbte Wasserschlangen schwammen davon, als wir ins sumpfige Dickicht eindrangen. Das überhängende Grün war so dicht, dass unser Fahrzeug vom Strom aus unmöglich gesehen werden konnte. Nun entwickelte Ben Bolt seinen Plan. Er und ich sollten zunächst auf Kundschaft ausgehen. Jose gedachten wir mitzunehmen, Morro aber und die zwei anderen Neger beim Boot zurückzulassen.
„Ihr kümmert Euch um nichts“, befahl Ben Bolt, „Eure ganze Arbeit besteht darin möglichst unsichtbar zu bleiben.“
Dann traten wir, wohlbewaffnet den Marsch durch den Urwald an. Wir waren kaum eine Stunde durch das Dickicht gekrochen, als wir ein Maultier in unmittelbarer Nähe schreien hörten.
Wir mussten ganz nahe beim Lager sein. Vorsichtig krochen wir gegen das Flussufer hin und sahen bald das Wasser durch das Laubwerk glitzern. Menschliche Stimmen ertönten und der Geruch von Tabakrauch war in der Luft. Ich lag hinter einem Strauch mit stacheligen Blättern, der grellrote, glänzende Beeren trug. Vorsichtig richtete ich mich auf. Das Ufer zeigte ein schmales Rasenband, zwei Indianer lagen dort an einer glimmenden Feuerstelle und rauchten. Sie warteten offenbar auf das Boot Marsanos. Ein schmaler Pfad, kaum zu erkennen, führte flussaufwärts in das Dickicht hinein.
Wir hatten genug gesehen und krochen zurück, erreichten den Pfad, der von der Feuerstelle abging, erst im Dschungel und pirschten vorsichtig den Weg entlang der, wie wir meinten, zum eigentlichen Lager führte. Nach kaum zehn Minuten lag ein weiter Talkessel vor uns. In das üppige Grün des Grundes waren Pflöcke eingerammt, an denen einige Maultiere angebunden waren. Ein etwa elfjähriger Mestizenknabe, nur einen zerfetzten, dunkelblauen Poncho über den bloßen Leib geworfen, saß in der gelben, späten Nachmittagssonne, monoton singend warf er kleine Erdklumpen nach den weidenden Tieren. Vier Männer, drei Indianer und ein dicker, gelbhäutiger Mestize saßen vor einer grasbedeckten Hütte. Das Flussufer war mit wahrscheinlich absichtlich hineingestürzten Bäumen so überfüllt, dass es wie ein überschwemmter Wald aussah, und kein Boot, das nicht den geheimen Einschlupf kannte, konnte beim Talkessel anlegen.
Ein Maultierpfad führte bergan in die Felsen hinein. Das war eine schwere Enttäuschung für uns. Das Lager befand sich in den Bergen, vielleicht viele Tagereisen vom Fluss entfernt. Der Talkessel diente nur als Verladestation. Wir schlichen in den Dschungel zurück, um einige Stunden zu ruhen. Nachts wollten wir den Maultierpfad entlang gehen, um vielleicht das Lager zu finden. Ich hatte fest geschlafen, als mich Ben Bolt wachrüttelte. Der Mond stand hoch, Affen schrien irgendwo im Dschungel. Leise machten wir uns auf den Weg. Steil stieg der Pfad in die Felsen hinein. Baumhohe Kakteen, im Mondlicht gespensterhaft wie riesige Totenkerzen aussehend, überragten die zerklüftete Landschaft. Wir stiegen langsam, spähend, stets auf Deckung bedacht, die schussbereiten Pistolen in der Hand, weiter.
Gegen Morgen, die Sterne begannen bereits zu verbleichen, hörte der Pfad zu steigen auf und mündete in eine Ausweitung. Ein schmaler Wasserlauf ging durch sandigen Grund. Um ein erloschenes Lagerfeuer lagen mehrere Männer in ihre Decken eingehüllt, wie riesige Fledermäuse anzusehen. Grasgedeckte Hütten standen gegen die Felswände gedrückt. Wasserkessel und Geräte lagen umher. Lange Gräben durchzogen systematisch den bläulichen Schlick des Grundes, primitive Holzrinnen und Bottiche zeigten uns, dass wir zweifellos das Lager der Diamantenschürfer vor uns hatten. Fröstelnd hockten wir in den Felsen und sehnten die Sonne herbei. Ein leichter Wind trieb Nebelfetzen vom Tal herauf, das ganz in milchigen Dunst gehüllt, unter uns lag. Was hatten wir gegeben für einen Schluck heißen Tee, als wir den harten Zwieback knackten!
Allmählich begann sich der Himmel zu verfärben, ein brennendes Rot übergoss die Felsen, der Tag brach an. Das Lager begann lebendig zu werden. Wir zählten vierzehn, wahrscheinlich gut bewaffnete Männer, meist Indianer und Mestizen, auch einige Frauen waren da. Zählte man die sechs Leute am Fluss unten dazu, hatten wir zwanzig Männer gegen uns. Teufel, das würde ein harter Strauß!
Wir wussten, was wir brauchten und zogen uns behutsam in die Felsenwildnis zurück. Allmählich wurde es heiß, kleine schwarze Eidechsen huschten über das Geröll, die Kakteen rochen in der glühenden Sonne. Tief im Tal, im grünen Meer des Urwalds blitzte der Fluss, ein Kondor zog langsame Kreise und bei jeder Wendung leuchtete sein Gefieder goldbraun auf. Welch ein wildes, welch ein herrliches Land! Wir suchten eine schattige Stelle und legten uns schlafen, trotz aller Müdigkeit gut gelaunt. Hatten wir doch das Lager schneller gefunden, als wir anfangs dachten. Nun wollten wir die Nacht abwarten, im Dunkeln zurückwandern, einen Tag rasten und dann — ja dann losschlagen.
Alles ging nach Wunsch, wir gelangten ohne Zwischenfälle zurück zum Lagerplatz, den wir bei Tagesanbruch mit Boot und Mannschaft wohlbehalten antrafen. Der Tag verging mit Schlafen und Essen, die Nacht wich und wir begannen unser Boot flott zu machen.
Bei hellem Sonnenschein ruderten wir dem Lager der Rabanada-Leute entgegen. Ein scharfer Ruf vom Ufer ließ uns halten. Wir spielten die Ahnungslosen.
„He! Senor!“, rief Ben Bolt und drehte das Boot bei. Am Ufer, an dem schmalen Rasenband, das wir von vorgestern kannten, stand der dicke, gelbhäutige Mestize und drei Indios.
„Wo ist Senor Marsano?“, fragte der Dicke und schaute uns voll tiefen Misstrauens an. Ben Bolt sprang ans Ufer und schwang feierlich den Sombrero voll spanischer Höflichkeit.
„Senor!“, rief er, „Senor Marsano lässt Sie grüßen. Er musste unterwegs zurückbleiben und schickte uns allein weiter.“
Der Mestize überlegte; seine gelben, bösartigen Augen musterten uns von oben bis unten.
„Senor Marsano ist erkrankt, an einem plötzlichen Bauchübel“, fügte Ben Bolt mit feinem Humor hinzu.
„Steigt aus dem Boot“, sagte der Mestize endlich, „nehmt Eure Säcke und wartet. Wir haben die Maultiere weiter oben stehen. Wenn wir ausgeladen haben, bringen wir Euch das Boot zurück.“
Die Männer stiegen ein und begannen das Boot durch die Wirrnis der überfluteten Baumkronen hindurchzusteuern. Bald mussten sie das Rudern aufgeben und stießen das Fahrzeug, am Grunde stochernd, weiter. Wir hatten unterdessen unsere ledernen Tabaksbeutel mit Flusssand prall gefüllt und liefen, kaum dass das Boot außer Sicht war, den Pfad, der in den Dschungel flussaufwärts führte, entlang. Als wir den Maultieren so nahe waren, dass wir ihren Geruch spürten, schlichen wir vorsichtig durch das Gestrüpp dem Rasenplatz zu.
Zwei der Männer, die zurückgeblieben waren, standen, kaum zehn Schritt von uns entfernt beim Ufer und warteten auf das Boot. Der Mestize hatte seinen Poncho abgelegt und hockte splitternackt beim Wasser. Die grelle Sonne lag auf seinem kräftigen Rücken. Ben Bolt gab uns ein Zeichen und wir stürzten aus dem Dickicht. Unsere Sandsäcke klatschten den Männern über die Schädel. Sie fielen lautlos um. Morro hatte den Jungen gepackt und ihm die mächtige Tatze über Mund und Nase gelegt, um ihn am Schreien zu hindern. Da stieß Morro einen leisen Schmerzensschrei aus und schwenkte die blutende Hand. Das Kind hatte ihn heftig in den Daumenballen gebissen. Im Nu hatten wir den Ungebärdigen in eine Decke gerollt, die sein Schreien erstickte, schleppten ihn davon und fesselten und knebelten ihn. Dann trugen wir die beiden bewusstlosen Männer außer Sicht und banden sie. Wir waren kaum in Deckung, knapp beim Ufer, als auch schon das Boot auftauchte und sich langsam näherte.
Lautlos kauerten wir im Gebüsch, als der Kiel des Schiffes im Sand knirschte. Wir sahen, wie der Mestize ausstieg und plötzlich wie gebannt stehen blieb. Das Gras war blutbespritzt von Morros Hand. Mit dem Aufzucken eines Raubtieres überflog sein Blick den Rasenplatz; friedlich weideten die Maultiere, sonst war niemand zu sehen.
„He, Avallo!“, rief er und griff in den Gürtel nach der Pistole; er allein trug eine Schusswaffe. Von dieser Sekunde hing alles ab. Selbstverständlich konnten die Vier im Boot gegen uns nichts ausrichten, aber ein einziger Schuss hätte unseren ganzen Plan zunichtegemacht. Er wäre zweifellos im Lager in den Bergen gehört worden, ein Signal für die Männer oben, das Gefahr bedeutete.
Mit einem einzigen Satz schnellte Morro aus dem Gebüsch und stieß dem gelbhäutigen Diamantenräuber das Messer in die Kehle, so dass er gurgelnd zusammenbrach; ein furchtbarer Faustschlag hieb einen der Indios nieder, während ich den Zweiten zu Boden zwang und Ben den Dritten unschädlich machte. In drei Sekunden war der Kampf entschieden. Wir halfen nun Morro, der stark blutete. Einem seiner Gegner war es gelungen, das Messer zu ziehen und wenn auch Morro durch eine schnelle Wendung des Körpers den Stoß abschwächte, so war doch die Klinge gegen die Achselhöhle hin abgeglitten, eine lange, bös aussehende Wunde verursachend. Wir verbanden ihn, die Gefangenen und Verwundeten brachten wir in die Holzhütte, wo sie apathisch auf den Pritschen lagen, der Mestize war tot. Dann holte Ben Bolt den Jungen her, in dessen Gesichtszügen Angst und Trotz miteinander kämpften. Er begann ihn auszufragen, doch der Knabe schwieg finster.
„Du redest nichts“, sagte Ben Bolt ruhig, „und das ist dumm von Dir. Denn ich werde Dich so lange prügeln lassen, bis Dir die Haut in Fetzen vom Leibe hängt. Dann wirst Du reden und doch alles sagen, was wir von Dir wissen wollen. Wozu also die Tracht Prügel, die Du Dir ersparen kannst. Siehst Du das nicht ein?“
Ich wusste, dass Ben Bolt dem Knaben bestimmt nichts zuleide tun würde. Um aber den Jungen, dessen Aussagen für uns wichtig waren, womöglich einzuschüchtern und zum Sprechen zu bringen, holte ich einen der derben Zügel der Maultiere, als wäre es ernst mit den Schlägen.
Und wirklich, es half. Der Junge begann zu reden, vom Lager zu erzählen und da wir Entfernung, Belegstärke und andere Einzelheiten aus unserem Kundschaftsgang wussten, konnten wir feststellen, dass seine Angaben im Wesentlichen wahrheitsgetreu waren. Es stellte sich heraus, dass er der Sohn des Chefs der Bande war. Sein Vater hieß Carimbo, ein Freund Rabanadas und ein Weißer wie dieser. Ich ging nun mit Morro den Maultierpfad entlang; an einer günstigen Stelle legten wir uns in den Hinterhalt, falls jemand vom Lager herunterkäme. Unterdessen entluden die Neger das Boot, um es für eine eventuelle rasche Flucht bereit zu haben.
Die Stunden verrannen, der Abend nahte; wir kehrten zu den Gefährten zurück, Ben Bolt hatte die Schiffsladung untersucht. Sie enthielt in erster Linie Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände, etwas Munition und eine filzüberzogene feste Holzkiste mit Sprengstoff. Die Dynamitpatronen lagen in runden braunen Pappendeckelhülsen vor uns, jede mit einer langen Lunte versehen, als wir den Behälter öffneten. Wir aßen und machten die Gefangenen frei, damit auch sie ihre Mahlzeit einnehmen könnten, dann sah Ben Bolt noch einmal nach den Verwundeten und wir rüsteten uns zum nächtlichen Marsch nach dem Lager. Jose ließen wir, mit zwei automatischen Pistolen bewaffnet bei den Gefangenen zurück, deren menschliche Behandlung ihm Ben Bolt eingeschärft hatte. Dem Mestizenjungen legte Morro einen starken Lederriemen um das rechte Handgelenk und befestigte das andere Ende an seinem Gürtel. Der Knabe sollte mit uns kommen. Als der Mond hochkam, brachen wir auf. Schweigend stiegen wir in die Felsenwildnis empor. Nichts regte sich, die Sterne leuchteten grell im Mondlicht. Gegen Morgen, es war schon dämmerig, erreichten wir das Lager. Vorsichtig umschlichen wir es, zwischen den Felsen durchspähend, die da unten lagen, noch in schwerem Schlaf.
„Führ' uns zum Haus Deines Vaters“, flüsterte Ben Bolt dem Jungen zu, den wir geknebelt hatten, als wir uns dem Lager näherten.
Der Kampf
Es war fast schon ganz hell. Wir standen vor der grasgedeckten, ziemlich großen Hütte. Die Tür war zu, die winzigen Fensteröffnungen durch Läden fest gegen die nächtliche Kälte verschlossen. Ben Bolt pochte an eines der Fenster.
„Senor Carimbo“, rief er halblaut. Wir andern standen hinter dem Haus gedeckt. Ein grunzender Laut war drinnen zu hören, das Fenster wurde geöffnet und ein wahres Banditengesicht guckte heraus. Ein dicker, runder Kopf saß auf einem feisten Nacken. Das offene schmierige Hemd ließ einen mächtigen Brustkasten sehen, so dicht behaart, dass er etwas Affenartiges hatte. Träge blinzelten die Augen aus dem toten, stoppelbärtigen Gesicht.
„Machen Sie auf. Senor Carimbo“, sagte Ben Bolt, „ich bringe Nachricht aus San Fernando.“
Wir hörten, wie der Hüne drinnen in die Hosen fuhr und seine Frau aus dem Bett jagte. Dann wurde die Tür geöffnet und Ben Bolt trat ein. Im nächsten Moment hatte er zwei Pistolen aus den Taschen gezogen und gegen Senor Carimbo und seine indianische Frau gerichtet. Wir kamen herein und verschlossen die Tür von innen. Carimbo saß seelenruhig beim Tisch. Einen ersten entsetzten Blick hatte er nach seinem Sohn geworfen, sich aber sofort beruhigt, als er den Knaben unversehrt sah.
„Caballeros“, rief er uns zu, „nehmt Platz und Du“, wendete er sich an sein Weib, einer auffallend großen Indianerin, „bring zu essen und zu trinken.“
Die Frau, die uns mit feindseligen Blicken maß, verschwand und Ben Bolt fing an:
„Wir sind im Auftrage Senor Sabatas hier. Sie wissen, dass die Schürfrechte nach Diamanten in Balo Escuro ausschließlich ihm zustehen. Die von Ihnen hier vorgenommene Ausbeute, die, wie wir wissen, auf Betreiben Senor Rabanadas erfolgt, ist glatter Raub an Senor Sabata; er ist nicht gewillt, diese Verletzung seiner Rechte zu dulden.
Carimbo winkte ab:
