Benedikt XVI. - Klaus-Rüdiger Mai - E-Book
Beschreibung

Joseph Ratzinger: Die Biogafie dieses außergewöhnlichen Mannes - angefangen von seinen Kindheitstagen in Bayern, seine frühen Jahre als Priester, sein rasanter Aufstieg in Rom bis in die ersten Jahre seines Pontifikats als Papst. Wer ist dieser Mann, was hat ihn geprägt, wie denkt er, woran glaubt er, was sind seine Ziele? Viel mehr als eine Biografie. Wer dieses Buch liest, der versteht.

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Seitenzahl:352

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Über den Autor

Klaus-Rüdiger Mai studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Halle-Wittenberg und arbeitete als Regisseur und Autor für das Theater. Über viele Jahre war er als Drehbuchautor, Dramaturg und Produzent von Fernsehproduktionen tätig. Im Gustav Lübbe Verlag erschien von ihm 2006 »Geheimbünde. Mythos, Macht und Wirklichkeit« und 2008 »Der Vatikan. Geschichte einer Weltmacht im Zwielicht«.

Klaus-Rüdiger Mai

BENEDIKT XVI.

Joseph Ratzinger: Sein Leben – sein Glaube – seine Ziele

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2010 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: HildenDesign, München

Titelbild: © dpa

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-0918-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

INHALT

Römisches Vorspiel

HABEMUS PAPAM

Weißer Rauch

Der Heilige Vater

Der Weg durchs Konklave

DAS GESCHENKTE LEBEN

Kindheit in Oberbayern

Im Krieg

Lehrling der Wahrheit

DER MOZART DER THEOLOGIE

Das Drama der Habilitation

Berater des II. Vatikanischen Konzils

Der Sturz in die Utopie

MITARBEITER DER WAHRHEIT

Kleine Eschatologie

In der Pflicht

HÜTER DER WAHRHEIT

Der Tagesablauf des Inquisitors

Der Präfekt bei der Arbeit

Abwicklung des Zeitgeistes

Dominus Jesus

AUF DEM STUHL DES FISCHERS

Der Name des Papstes

Auf dem weiten Ozean des dritten Jahrtausends

Das unterschätzte Pontifikat

ANHANG

Anmerkungen

Auswahlbibliographie

Lebenslauf

Bildnachweis

Register

RÖMISCHES VORSPIEL

April des Heiligen Jahres 2000. Rom zeigte sich von seiner schönsten Seite, mit einem blauen Himmel und freundlich warmen Temperaturen. Ich war wegen eines Filmprojekts in die Ewige Stadt gekommen, das spannend und aufregend war. Wochen zuvor erfuhr ich von einem Wissenschaftler, der in den gerade geöffneten Archiven der Kongregation für die Glaubenslehre forschte, um den Geheimnissen der Inquisition auf die Spur zu kommen. Das war möglich, weil der Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, im Nebenberuf selbst Wissenschaftler, das Archiv für die Forschung öffnete. Ich hatte mit dem Historiker Peter Godman, einem charmanten Neuseeländer, Kontakt aufgenommen, und so kam es, dass ich an diesem freundlichen Tag mich auf meine Audienz beim Präfekten der Glaubenskongregation vorbereitete. Zum ersten Mal betrat ich den Palast, der über Jahrhunderte die Inquisition beherbergt hatte, und genau genommen neben der Vatikanstadt stand, nicht mehr ganz drinnen und doch nicht draußen, ein eigenes und dazu noch recht selbstbewusstes Machtzentrum. Der Sekretär des Kardinals, Monsignore Clemens, hieß mich freundlich willkommen und bat mich, kurz im Vorraum Platz zu nehmen. Es war nicht das übliche und langweilige Spielchen von Leuten, die einen schon aus Prinzip warten ließen, um gleich von Anfang an die Spielregeln zu definieren. Nein, aus Sorge, zu spät zu kommen, war ich zu früh, und Clemens hatte wie immer seinem Kardinal einen eng terminierten Arbeitstag exakt geplant. So saß ich unter den gestrengen Augen des Heiligen der Inquisition, Pius V., der mich von seinem Gemälde herunter prüfend ansah, und wartete darauf, den Mann zu treffen, über den in Deutschland viel gesprochen, vor allem aber viel Negatives gesagt wurde, den Mann, den man für den Großinquisitor hielt.

Mancher Theologe, der hier auf dem Stuhl saß, hatte schon auf ein Gespräch gewartet, um mit dem Präfekten die Positionen zu diskutieren, die er in einem Buch vertreten hatte und die der Präfekt und die Gutachter als nicht katholisch einstuften. Sicher keine angenehme Situation. Drewermann beispielsweise hatte von seinem Besuch in Worten und Attributen des tiefen Abscheus gesprochen. Es war für ihn, als sei er dem leibhaftigen Großinquisitor begegnet, dessen Parfüm aus falscher Freundlichkeit und aus Intoleranz Übelkeit bei ihm hervorgerufen hatte.

Die Tür wurde geöffnet und ein mittelgroßer, weißhaariger Mann, in einem schwarzen, eleganten Talar gewandet, mit einem großen Kreuz auf der Brust, das an einer Kette um den Hals hing, begrüßte mich freundlich: Kein Zweifel, das war Joseph Kardinal Ratzinger. Er führte mich in seinen prächtigen Audienzsaal und hieß mich auf dem mit rotem Samt bezogenen Stuhl Platz zu nehmen, während er sich selbst auf dem kleinen Sofa niederließ. Ich war zu ihm gekommen, um ihn zu bitten, uns bei einem Filmprojekt zu unterstützen, in dem wir anhand der neuen Forschung die Geschichte der Inquisition erzählen wollten. Er sagte zu. Der Film lief später erfolgreich als Dreiteiler im ZDF und im ORF.

In der Folgezeit hatte ich in der Vorbereitung des Projekts noch öfter die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, schließlich führten wir mehrere große Interviews mit ihm. Diese Interviews gehörten zum Aufregendsten der ganzen Arbeit. Da hatte sich niemand vorbereitet, da hatte auch niemand einen Kanon, den er mit den immer gleichen Phrasen herunterbetete, nein, man war eingeladen, einem Menschen beim Denken zuzusehen. Und das war höchst spannend. Mit unmissverständlicher Klarheit beschrieb er sein Amtsverständnis und seine Vorstellung über die katholische Kirche.

Auf der einen Seite erschien Joseph Ratzinger als ein kluger, freundlicher, charmanter und humorvoller Mann, der Priester und Theologe war, auf der anderen Seite sprach man von ihm als dem Exekutor der Glaubenslehre, als dem Großinquisitor, der rücksichtslos seine Vorstellungen durchsetzte? Wer ist er nun wirklich, der Mann, der jetzt Papst Benedikt XVI. ist?

HABEMUS PAPAM

»Du bist Petrus, und auf diese petra (Fels) will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben, und was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.«

Matthäus 16, 17–19

WEISSER RAUCH

Es ist Dienstag, der 19. April 2005. Der zweite Tag des Konklaves, der zweite Tag, an dem sich 115 Kardinäle aus der ganzen Welt in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan versammeln, um einen neuen Papst zu wählen. Nirgendwo auf der Welt sind zweitausend Jahre christliche Überlieferung und künstlerische Vision so den Menschen zutiefst berührendes Ereignis geworden wie in dieser Kapelle inmitten des Apostolischen Palastes. In beeindruckender Weise verbindet sich an diesem Ort kunstgeschichtliche und geradezu mythische Bedeutung in den Deckenbildern Michelangelos. Szenen aus der Schöpfungsgeschichte, aus dem Leben Christi wechseln sich ab mit den Bildnissen vergangener Päpste. An diesem Ort den 265. Papst in der Geschichte der katholischen Kirche zu wählen bedeutet für den einzelnen im Diesseits verhafteten Menschen, der jeder Kardinal unabhängig von seinem Amt ja auch ist, sich in eine Kontinuität von Gottes Schöpfung und der zweitausend Jahre alten Geschichte der Kirche zu stellen. Trotz dieses gewaltigen Druckes muss er die Freiheit in seiner Entscheidung bewahren, den Mann zu küren, der die aktuellen Aufgaben der Kirche, die sich seiner Meinung nach in einer Krise befindet, bewältigen kann. Fast alle sind Erstwähler, von Johannes Paul II. in seinem sechsundzwanzig Jahre währenden Pontifikat erst in das Kardinalskollegium berufen und dadurch erst wahlberechtigt geworden. Es ist, es muss für die Wahlmänner so sein, als schaue der Heilige Geist den Kardinälen bei der Wahl über die Schulter, anders wäre der Verantwortungsdruck für einen Sterblichen nicht zu ertragen. Aber außer dem Heiligen Geist wirkt natürlich auch der Geist der Politik. Es gibt Favoriten, die seit Tagen von der Presse diskutiert werden. Jeder Kardinal hat seine Vorstellung, wie die Kirche geleitet werden und wie sie Stellung beziehen soll in der Gegenwart. Hinter den Kulissen werden Chancen für einzelne Kandidaten sehr diskret ausgelotet. Unterhändler sprechen in Halbsätzen, in Andeutungen, aber für die Eingeweihten sind die Botschaften eindeutig herauszuhören. So entstehen Fraktionen. Der Leitung und der Hilfe des Heiligen Geistes haben sich die Kardinäle in der Messe vor dem Beginn des Konklaves versichert. Joseph Kardinal Ratzinger hält die Predigt, die sich wie eine Ermahnung liest. Die Wahl des Papstes wird von existentieller Bedeutung für die Kirche sein. Die Kardinäle können sich keine Fehlentscheidung leisten, denn die Welt befindet sich in einem Umbruch, dessen Ausmaß von der Öffentlichkeit und vor allem vom handelnden politischen Personal in der kurzen Perspektive ihres tagespolitischen Agierens noch gar nicht in der Dimension wahrgenommen wird, und für die Kirche äußert sich der Paradigmenwechsel als Krise. Mit wachsender Spannung erwarten nicht nur die über eine Milliarde Katholiken aus der ganzen Welt den Ausgang der Wahl, sondern auch viele Menschen, die anderen Religionen angehören oder an keinen Gott glauben. Bei all den sehr ernsten Zeichen der Krise ist der Katholizismus immer noch eine Weltmacht, die sich weder auf Staatsgewalt, sieht man einmal vom kleinen Vatikanstaat ab, noch auf Armeen und schon gar nicht auf den weltweit agierenden Terror, sondern lediglich auf das Wort stützen kann. Aber das Wort hat immense Bedeutung. Eindrucksvoller als in diesen Tagen kann man das nicht erleben. Um wie viel größer aber ist deshalb auch die Spannung in diesen Stunden und Tagen gerade in Rom bei den Tausenden, die sich an diesem Dienstag wieder auf dem Petersplatz versammelt haben und dort ausharren, bis endlich der erlösende weiße Rauch aus dem Kamin steigen wird.

Die Kardinäle haben sich ins Konklave zurückgezogen, und kein Wort, kein Zwischenstand, wie wir es von unseren Wahlprognosen und Hochrechnungen gewohnt sind, wird aus der Abgeschirmtheit des Konklaves dringen. Den Vorsitz im Kardinalskollegium führt der Dekan, der Mann, der dafür verantwortlich ist, das Kollegium einzuberufen, der die Themen für die Sitzungen formuliert und die Sitzungen auch leitet. Vor drei Jahren wählte das Kollegium Joseph Kardinal Ratzinger zum Dekan. Der Dekan hat seine Kollegen nachdrücklich zum Schweigen gegenüber den Medien verpflichtet, wie es Johannes Paul II. 1996 festgelegt hatte. Nicht nur das. Die Sixtinische Kapelle wurde professionell und sehr gründlich nach Wanzen, also nach Abhörgeräten durchsucht und das Dienstpersonal mit dem Verlust des Arbeitsplatzes und der Exkommunikation bedroht, falls es jemand wagen sollte, auch nur die kleinste und unbedeutendste Information an eine dritte Person weiterzugeben, ganz gleich, ob es sich dabei um Medienvertreter handelt oder nicht. Sie wurden sogar vereidigt, die Diener, die Köche, die Reinigungsleute. Nur Geheimniskrämerei?

Inzwischen hat sich das große Publikum in der westlichen Welt an Wahlsendungen gewöhnt, die zu Wahlshows, zu einem durchkalkulierten Unterhaltungsevent geworden sind, bestehend aus einer Unmenge statistischen Materials, das scheinbar analysiert wird, und dem rasanten Wettrennen der Hochrechnungen. Warum also nicht einfach ein paar Kameras in die Sixtinische Kapelle montieren? Big Brother zog schließlich inzwischen auch ins Allerheiligste der deutschen Demokratie, in einen Untersuchungsausschuss des Parlaments ein. Weshalb nicht statt Visa-TV Konklave-TV? Warum also diese wichtigtuerische und antiquierte Heimlichtuerei des Vatikans fortsetzen? Wäre jetzt nicht der geeignete Moment gekommen für mehr Transparenz, für Glasnost im Kirchenstaat? Oder ist der Kardinaldekan, der im Hauptberuf »Großinquisitor« war, ein Mann von gestern, ein Mann, dessen Modernität bei der Erfindung des Buchdrucks endet? Es heißt, dass er nicht einmal in der Lage sei, ein Auto zu steuern?

Für die Kardinäle und für die Kirche ist die Papstwahl zu wichtig, zu einzigartig, um sich den Spielregeln der Mediengesellschaft zu unterwerfen. Ihre Spielregeln für die Wahl sind älter, beinah eintausend Jahre alt. Nicht die geringste Information gelangt an die Öffentlichkeit. So steigt die Spannung ins Unermessliche. Die Wetten in den Wettbüros laufen heiß. Dabei ist voraussichtlich erst die Hälfte der Zeit herum, denn Vatikanexperten schätzen, dass am Donnerstag die Kardinäle sich geeinigt haben werden, also vier Tage nach dem Einzug ins Konklave. In der Geschichte gab es Papstwahlen, die sich über Wochen, manche über Monate, im Mittelalter sogar einige über Jahre hingezogen hatten. Und heute ist erst Dienstag, zwei Tage und zwei Wahlgänge sind erst vergangen. Doch daran denken die harrenden Menschen auf dem Petersplatz nicht. Sie warten auf das Ende des vierten Wahlganges. Sie warten auf das Ende der papstlosen Zeit, der so genannten Sedisvakanz, der Zeit des leeren Stuhls Petri, der Zeit, in der es keinen Heiligen Vater gibt und die katholische Kirche seltsam verwundbar wirkt, weil alles plötzlich zum Provisorium geworden ist, bis ein neuer Stellvertreter Christi nach außen die Richtung bestimmt und die Katholiken in sein Amtscharisma hüllt wie in einen schützenden Mantel. Zweimal haben die Menschen auf dem Petersplatz bereits schwarzen Rauch gesehen, zweimal mussten sie feststellen, dass die Kardinäle sich nicht auf einen Kandidaten einigen konnten. Und für einen der Favoriten läuft unerbittlich die Zeit davon, denn Joseph Kardinal Ratzinger hat von Anfang an durchblicken lassen, dass er nicht beliebig oft und nicht für beliebig viele Wahlgänge zur Verfügung stünde. Anders als man es von weltlichen Politikern kennt, hält er sich an das, was er sagt. Das »was kümmert mich mein Geschwätz von vor einer Stunde« ist ihm zutiefst fremd. Man kann das konservativ nennen, aber vor allem ist es verlässlich. Ist Joseph Kardinal Ratzinger überhaupt ein Favorit? Kann ein Deutscher denn Papst werden? Ein Italiener ist wahrscheinlich, ein Südamerikaner möglich, ein afrikanischer Papst wünschenswert. Immer wieder bringen die Medien die Namen von papabili ins Spiel, d.h. von Kardinälen, die über genügend Rückhalt in der Kurie und über ein klares Profil verfügen, um zum Papst gewählt werden zu können. Sei es der brasilianische Kardinal Cláudio Hummes oder der Argentinier Jorge Mario Bergoglio, seien es die Italiener Scola, Tettamanzi oder Martini. Obwohl Ratzinger eine natürliche Autorität unter seinen Kollegen ausstrahlt, wirkt die Idee eines deutschen Papstes so fern, dass selbst Bruder Georg am Vortag noch der Münchener Abendzeitung sagte: »Mein Bruder wird bestimmt nicht Papst.«

Die Stimmung auf dem Petersplatz verändert sich spürbar. Erst entdecken es einige, dann mehr Menschen auf dem Platz, dass Rauch aufsteigt. Endlich. Sie weisen sich gegenseitig darauf hin.

Der gusseiserne Ofen, in dem der Rauch erzeugt wird, wurde zum ersten Mal im März 1939 benutzt, als das Kardinalskollegium Eugenio Pacelli, der sich dann Pius XII. nannte, zum neuen Papst wählte. Der Ofen ist in der Mitte der Sixtinischen Kapelle aufgestellt. Angestellte montierten auf das Dach der Kapelle einen Blechkamin. Ein zweiter gusseiserner Ofen dient dazu, den Kamin zu erwärmen, so dass der Rauch besser aufsteigen kann. Anschließend werden bereitstehende Chemikalien beigemischt, um den Rauch weiß oder schwarz erscheinen zu lassen. Davor benutzte man nasses oder trockenes Stroh. Die alte Mär, dass der schwarze Rauch zu Stande kommt, weil die Wahlzettel bei einer erfolglosen Wahl verbrannt werden, entspricht, so ökologisch und romantisch sie klingen mag, leider nicht der Realität, denn die Wahlzettel werden auch bei geglückter Wahl verbrannt. Doch trotz der gründlichen Vorbereitungen können die vielen Beobachter auf dem Petersplatz nicht eindeutig erkennen, ob der Rauch wieder schwarz oder endlich weiß ist. Die Stimmung erreicht ein Höchstmaß an Konzentration, an Spannung, an Erwartung: Es ist, als ob die Christenheit in dieser Minute auf dem Petersplatz den Atem anhält. Die nicht unwahrscheinliche Möglichkeit, dass die richtige Farbe des Rauchs nicht sofort zu erkennen sein könnte, wurde von vornherein berücksichtigt, deshalb sollte das Aufsteigen des weißen Rauches mit dem Läuten der Glocken verbunden werden. Doch die Glocken schweigen. Und die Gläubigen beginnen sich zu fragen, ob sie einen neuen Papst haben oder auf den morgigen Tag warten müssen.

Doch wenige Minuten später wird der Rauch eindeutig weiß, und schließlich erklingen auch die Glocken des Petersdoms, mächtig und für die Wartenden erlösend. Was anfangs lediglich Hoffnung war, wird nun auf dem Petersplatz schöne Gewissheit: Die Kardinäle haben den 265. Papst in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche gewählt. Die Nachricht verbreitet sich dank der Medien in urbi und orbi, in der Stadt und im Weltkreis gleichermaßen rasant, und immer mehr Menschen drängen zum Petersplatz, um den neuen Papst zu erblicken. Doch noch müssen sie sich gedulden, seinen Namen zu erfahren und ihn zu sehen. Getreu des alten Brauchs wird der neue Papst vom Zeremonienmeister und dem Kardinalkämmerer in das Tränenzimmer des Apostolischen Palastes geführt. In diesem Zimmer befinden sich drei Papstsoutanen in verschiedener Größe. Das war nicht immer so. Als Roncalli, der sich Johannes XXIII. nannte, den Ornat anlegen sollte, stellte sich heraus, dass er zu klein dafür war, und brachte deshalb die Schneider erst in arge Verlegenheit, dann ins Schwitzen. Seitdem gibt es drei Ornatsgrößen. Kein Amt auf dieser Welt steht in einer annähernd großen historischen Tradition und verlangt mehr an Verantwortung. Nach katholischer Lehrmeinung ist der Papst der Stellvertreter Christi auf Erden. Ist es da nicht nur zu natürlich, dass der Kardinal, der aus dem Kreis seiner Kollegen zum Mittler zwischen Himmel und Erde, zumindest für 1,1 Milliarden Katholiken auf der ganzen Welt wird, überwältigt ist von der Größe der Aufgabe, der Schwere der Verantwortung und schließlich im Gemüt tief bewegt in Tränen ausbricht. Deshalb trägt dieses Zimmer, in dem der neue Papst die Kardinalskleider ab- und das Papstornat anlegt, diesen auf den ersten Blick merkwürdigen, bei genauerem Hinsehen aber sehr verständlichen Namen: Tränenzimmer. Es ist inzwischen 18.40 Uhr, und die Menschen auf dem Petersplatz rufen in aufbrausenden Sprechchören »Viva il Papa« (»Lang lebe der Papst«). Keine vier Minuten später erscheint auf dem Mittelbalkon des Petersdoms der Kardinalprotodiakon Jorge Arturo Medina Estévez. Nun erreicht die Spannung den Siedepunkt. Und Estévez genießt es augenscheinlich, den Gläubigen die frohe Botschaft zu bringen. Immer wieder lässt er zwischen den einzelnen Wörtern und Wortgruppen der traditionellen und sehr alten Formel wirkungsvolle Pausen, die den Menschen die Gelegenheit geben zu jubeln, ihre Freude auszudrücken, die ungeheure Spannung des Augenblicks zu erleben: »Annuntio vobis gaudium magnum. Habemus papam: Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Josephum, Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger qui sibi nomen imposuit Benedictum XVI« Wie ein überwältigender Chor antworten die Menschen mit Jubel und mit Benedetto-Rufen. Tremoliert hatte Estévez: »Ich verkünde Ihnen eine große Freude. Wir haben einen Papst. Einen hervorragenden und höchstzuverehrenden Herrn, Herrn Joseph der Heiligen Römischen Kirche Kardinal Ratzinger, der sich den Namen Benedikt XVI. gegeben hat.«

Das Undenkbare ist geschehen, ein deutscher Kardinal wurde zum ersten Mal seit 500 Jahren zum Papst gewählt, genau genommen seit 900 Jahren, denn jener Hadrian VI. war im strengen Sinne ein Niederländer, der nur im Jurisdiktionsbereich des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation gelebt und gewirkt hatte.

Nach Estévez’ Verkündigung betritt der neue Papst Benedikt XVI. den Mittelbalkon, und die Welt sieht einen gelösten, einen glücklichen Mann, der die Hände hebt und segnet und alle in seinen Segen einbeziehen möchte. Sein ganzes Wesen wird in diesen Minuten auf dem Balkon von einer großen Freude ausgefüllt, aber es ist eine sehr menschliche Freude, die er mit allen teilen möchte. Dieser eher scheue Mensch genießt die Euphorie der Massen, weil darin für ihn das Wesen der Kirche besteht, in dem Eins-sein. Was ihm niemand, der ihn nicht näher kennt, zugetraut hätte, dieser als kühl geltende Gelehrte erobert die Herzen der Menschen auf dem Petersplatz im Sturm. Seine ersten Worte bringen die Gefühle der Zuhörer zum Klingen: »… nach dem großartigen Papst Johannes Paul II. haben die Herren Kardinäle mich, einen einfachen und demütigen Arbeiter im Weinberg des Herren, zum Diener der Kirche gewählt. Mich tröstet, dass der Herr auch mit unzureichenden Mitteln regieren und arbeiten kann.«

Die Fahrt, einige Tage später, nach der Messe zur Amtseinführung, in der offenen Limousine durch die Menge, wird zum Triumphzug, und Ratzinger kommt den Menschen, die ihn begeistert als neuen Papst begrüßen, nahe, sehr nahe. Die Nähe, die er zu den Menschen sucht, ist eines seiner ersten Zeichen als Papst. Diese Nähe genießt er, er saugt sie mit allen Poren auf, denn so zurückgezogen er auch leben mag, so ist er auch Priester und will wirken. Das darf man bei ihm nicht unterschätzen. Immer wieder hat er sich gewünscht, nach seiner Pensionierung als Präfekt der Glaubenskongregation endlich längst geplante Bücher schreiben zu können, am Abend des Lebens noch einmal Zeit für die innig geliebte Wissenschaft zu haben. Nun wird es dazu nicht mehr kommen, denn Joseph Aloysius Ratzinger ist nun Benedikt XVI., der Papst der katholischen Kirche, ein Amt, das man üblicherweise bis zu seinem letzten Tag auf Erden wahrnimmt. Die Geschichte kennt nur einen einzigen Rücktritt, und zwar von Coelestin V., der eigentlich ein weltabgeschiedener Eremit auf dem Berg Morone war und den die Kurie holte, weil sie sich moralisch so diskreditiert hatte, dass sie ihr Glück darin suchte, einen heilig lebenden Mann einzusetzen. Dieser kannte sich weder in der Verwaltung aus, noch sprach er Latein, auch wusch er sich nicht. Er ernannte ständig neue Kardinäle, stimmte in seinen Entscheidungen mal dem einen, mal dem anderen zu, so dass ein großes Chaos entstand. Ein Zeitgenosse bemerkte: »Er regiert nicht aus der Fülle seine Macht, sondern aus der Fülle seiner Einfalt.« Nach fünf Monaten trat er zurück. Die Kurie hielt ihn dann in einem Kloster gefangen, so dass sich niemand seiner Einfalt bemächtigen konnte.

Seine Kirche hat Benedikt XVI. das höchste Amt gegeben, das sie zu vergeben hat. Der Stellvertreter Christi auf Erden und somit auch Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sein muss notwendigerweise die Kraft eines Menschen übersteigen. Deshalb kokettierte der neue Papst nicht, als er sich damit tröstete, dass Gott auch mit unzureichendem Werkzeug arbeiten kann. Dieser totale Anspruch, mit dem der neue Papst von nun an täglich konfrontiert wird, erklärt das tiefe menschliche Mitgefühl, die Sorge seines Bruders Georg Ratzinger, der ihn verschont von dem Amt wissen wollte. Denn im Verständnis der Kirche hat Gott durch die Wahl der Kardinäle diesen Mann zum Papst bestimmt, und er wird dieses Amt so lange ausführen, bis Gott ihn abberuft.

Aber was macht dieses Amt so einzigartig? Warum diese Begeisterung, warum dieses Warten so vieler Menschen? Was macht dieses Amt so wichtig, dass Menschen dafür alles stehen und liegen lassen und zur Beerdigung oder Wahl des neuen Papstes nach Rom pilgern? Vergleicht man die öffentliche Wahrnehmung des Todes von Johannes Paul II. und der Wahl Benedikts XVI., erkennt man sehr deutlich, dass auch die katholische Kirche im Medienzeitalter angekommen ist, dass sie die Medien bewusst und geschickt nutzt, um ihre Botschaften zu übermitteln. Als Joseph Kardinal Ratzinger am 19. April gegen 18.30 Uhr die Gewänder anlegt, die ihn als Papst kenntlich machen, übernimmt er ein zweitausend Jahre altes Amt und stellt sich in die Kontinuität einer ungeheueren, einer einzigartigen Geschichte.

DER HEILIGE VATER

Der theologische Schriftsteller Johann Auer hat in der »Kleinen Katholischen Dogmatik«, die er gemeinsam mit Joseph Ratzinger verfasst hat, die Besonderheit des Papsttums zu fassen gesucht. Das Geheimnis »des Petrusamtes und des Papsttums ist, dass es in dieser Welt und für diese Welt und doch nicht von dieser Welt ist.«1 In diesem Satz findet sich das ganze Amtsverständnis des Papsttums wieder. Es soll und es muss in der Welt wirken, dazu ist es da, es ist gleichzeitig auch den speziellen Anforderungen der jeweiligen Zeit ausgesetzt und darf sich dennoch nicht ganz auf diese Zeit einlassen, denn es ist nicht ganz von dieser Welt. In vielen Jahrhunderten haben Menschen an der Gestalt des Papsttums gearbeitet, immer wieder Erfahrungen einfließen lassen und die Mechanismen verfeinert. Wie ein selbst lernender Organismus hat es über die lange Zeit an seiner heutigen Gestalt gefeilt. Aber damit nicht genug. Richtung und Kontinuität des Gestaltens wurden gewährleistet durch die Fixpunkte katholischen Denkens: die Bibel einerseits und andererseits die Überlieferung der katholischen Kirche, die erstens in der Praxis katholischen Lebens, wie sie in der Liturgie ausgebildet ist, besteht und zweitens in der sehr langen Geschichte katholischen Denkens, die in dem Bemühen der Theologie, Gott zu verstehen, von den Kirchenvätern seit den Tagen des Paulus Gestalt annahm. Diese Fixpunkte sind dem Priester und dem Professor der katholischen Dogmatik, Joseph Ratzinger, geläufig, gehören für ihn zum Einmaleins. Im Matthäusevangelium verkündet Jesus dem Jünger Simon: »Du bist Petrus, und auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen.« So wird Simon zu Petrus, zum Stellvertreter Christi auf Erden, zum Mittelpunkt der Kirche, zum Vermittler zwischen Gott und Mensch, zum Wahrer des Glaubens. Begründet wurde diese lückenlose Kontinuität durch den Bischof Irenäus aus Lyon, der ein bedeutender Theologe des 2. Jahrhunderts war und als erster eine Papstliste veröffentlichte, die lückenlos von Petrus beginnend bis zur Zeit des Irenäus die Namen und Pontifikate der Päpste aufzählte. Damit stellte er die Kontinuität des Papsttums her, von Petrus, der das Amt von Christus selbst übernahm, bis in seine Zeit und schuf damit die Basis, auf der die Chronologie der Pontifikate bis heute aufbaut. So verheißt es eine höchst umstrittene Tradition. 263 Päpste vor Benedikt XVI. übernahm Linus von Petrus selbst die Nachfolge Christi, zu einer Zeit, als es in Rom vermutlich der lebensgefährlichste Job war, den man annehmen konnte. Christ zu sein bedeutete damals, ein sicheres Recht darauf zu besitzen, grausam gefoltert, gekreuzigt und quälend getötet zu werden. Die ersten Päpste sind auch als Märtyrer für ihren Glauben gestorben. Diese martyrologische Erfahrung des Amtes darf man nicht unterschätzen. Ein Amt, das mit so enormen persönlichen Risiken für seine Träger verbunden war, dennoch dem Zeitgeist und der Gewalt getrotzt hat, entwickelt ein eigenes Selbstverständnis und eine eigene historische Perspektive. Diese Komponente ist Benedikt XVI. ausgesprochen präsent. Wie wenige ist er mit der Frühzeit der Kirche vertraut, ein exzellenter Historiker, der in der Überlieferung der Kirche den Willen Gottes entdeckt. Für ihn verkörpert diese Überlieferung einen Teil des geschichtlichen Handelns Gottes. Bereits als junger Theologe befragte Joseph Ratzinger die Kirchenväter, die Männer, die der jungen Kirche Theologie und Verfassung gaben. Den tiefsten und nachhaltigsten Eindruck machte dabei Augustinus auf ihn, über den er auch promovierte und den er seit den Anfängen seiner wissenschaftlichen Beschäftigung seit nunmehr fast fünfzig Jahren immer wieder befragt. Über die Jahrzehnte wird für ihn aus dem Bezug eine Gewissheit, in dem Maß, wie zu eigenen Erfahrungen Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Arbeit stoßen und umgekehrt. Joseph Ratzinger hat immer wieder gesagt, dass er sich in seinen Ansichten über die Jahre nicht verändert habe, seine Kritiker behaupten das Gegenteil, indem sie den jungen Theologen, den Reformer auf dem II. Vaticanum gegen den kompromisslosen Konservativen, den Präfekten der Glaubenskongregation stellen. Lassen wir einstweilen noch offen, wer Recht hat, unbestritten aber und wichtig zum Verständnis des Papstes ist, dass die Erfahrungen der frühen Kirche und der Kirchenväter für ihn geistig und geistlich prägend geworden sind, ja mehr noch, dass sie das große geistige und seelische Abenteuer seines Lebens bedeuten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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