Benjamin geht ein Licht auf - Stefan Gemmel - E-Book

Benjamin geht ein Licht auf E-Book

Stefan Gemmel

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Beschreibung

24 Geschichten zum Advent 24 Redewendungen aus dem Mittelalter Stefan Gemmel hat sich für seinen literarischen Adventskalender eine spannende, zu Herzen gehende Geschichte ausgedacht, deren Kapitel jeweils auf einer anderen Redewendung basieren. Dem (Vor-)Leser begegnen verschiedenste Wendungen, die heute noch in aller Munde sind, von denen aber nur wenige wissen, woher sie stammen. So macht das Lesen doppelt Spaß: Wissenswertes rund um die deutsche Sprache vermischt sich mit der fesselnden Geschichte um den Königsjungen Benjamin, der langsam dem Geheimnis auf die Spur kommt, warum im Schloss seiner Eltern niemand Weihnachten kennt. Sein Weg führt ihn dabei zu liebevollen Familien, grimmigen Schurken und sogar einer hinterhältigen Hexe. Doch Benjamin glaubt fest an sich und an die Bindung zu seiner Mutter, die stets ein Licht für ihn in das Turmfenster stellt, sodass Benjamin gut nach Hause finden kann.

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Seitenzahl: 92

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Ein Adventsbuchvon Stefan Gemmelillustriertvon Lena Winkel

edition zweihorn GmbH & Co. KG

Riedelsbach 46

D-94089 Neureichenau

Tel: +49 (0) 8583 2454, Fax: +49 (0) 8583 91435

E-Mail: [email protected]

Internet: www.edition-zweihorn.de

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Copyright © 2019 edition zweihorn GmbH & Co. KG, Neureichenau

Umschlaggestaltung und Illustration: Lena Winkel

ISBN: 978-3-943199-48-2

eISBN: 978-3-943199-54-3

Inhalt

1. Dezembertag

2. Dezembertag

3. Dezembertag

4. Dezembertag

5. Dezembertag

6. Dezembertag

7. Dezembertag

8. Dezembertag

9. Dezembertag

10. Dezembertag

11. Dezembertag

12. Dezembertag

13. Dezembertag

14. Dezembertag

15. Dezembertag

16. Dezembertag

17. Dezembertag

18. Dezembertag

19. Dezembertag

20. Dezembertag

21. Dezembertag

22. Dezembertag

23. Dezembertag

24. Dezembertag

In diesem Buch werden mittelalterlichen Redewendungen verwendet. Die Bedeutungen werden am Ende jedes Kapitels erklärt.

Redewendung Buchtitel:

Jemandem geht ein Licht auf

Wenn man etwas versteht, das einem zuvor sehr verwirrend oder schwierig erschienen ist, dann geht einem ein Licht auf.

Schon vor dem Mittelalter hat es diese Redewendung gegeben. Etwas nicht zu durchschauen wird mit Dunkelheit verbunden. Sobald also jemand etwas versteht, geht ihm ein Licht auf, denn das, was er zuvor nicht verstanden hat, erstrahlt jetzt klar und deutlich.

Die Hoffnung wird dich nie enttäuschen.

(Afrikanische Redensart)

1. Dezembertag

Eigentlich wollte Benjamin kichern. So wie jeden Morgen. Sich ans Fenster stellen und sich in den Tag hineinkichern. Sich einfach daran erinnern, wie sein Bruder neulich rückwärts in die Wassertonne gestolpert war. Oder an etwas anderes Kichernswertes. Das tat immer gut und war die beste Übung für jeden Tagesbeginn.

Doch heute war es ganz anders.

Benjamin seufzte. Ganz tief und ganz laut.

Er ging zum Fenster seines Zimmers, hoch oben, im Turm der Ritterburg, und schaute über das Land seines Vaters, des Königs. Es war Anfang Dezember. Also die Zeit, in der das Königreich grau wirkte und dunkel. Die riesigen Wälder zeigten keinerlei Grün. Die Wiesen und Weiden waren matschig-braun und sogar die Wolken zogen tiefgrau über das Reich dahin.

Alles wirkte betrübt. Gerade so, wie sich Benjamin in diesem Moment fühlte.

Obwohl heute ein großer Tag war. Eigentlich einer der wichtigsten Tage im Leben eines Königssohns, doch Benjamin schüttelte es, wenn er nur daran dachte.

Erst zog er sein Nachthemd über den Kopf und stieg in seine Hosen, bevor er sich vor die Waschschüssel stellte. Das Wasser darin war eiskalt. Genau das Richtige zum Wachwerden. Er schnappte sich die Schüssel, ging damit zum Fenster, lehnte sich weit hinaus, um dann die Schüssel hochzuheben und das eiskalte Wasser über seinen Kopf zu gießen.

Ja, das tat gut. Sofort fühlte er sich wach und erfrischt. Aber dann schrie eine Stimme von weiter unten: „Igitt!“ Benjamin sah nach. Unter ihm legte gerade eine der Zofen Wäsche auf dem Balkon aus. Sie hatte Benjamins Wasserladung abbekommen. „Oh, ´tschuldigung!“, rief Benjamin nach unten und zog den Kopf zurück. Er kicherte, obwohl die Zofe ihn laut ausschimpfte. Aber sie hatte zu witzig ausgesehen.

Es war genau die Zofe, die sonst stets hohen Wert auf ihr Äußeres legte. Wie sie dagestanden hatte, in ihrem nassen Kleid – das war schon sehr ulkig gewesen!

Nun ging es Benjamin etwas besser. Er schlüpfte in sein Hemd und ging nach unten, in den riesigen Rittersaal. Vom Schlafzimmer der Eltern her konnte er seine Mutter singen hören. Sie sang sehr oft und Benjamin freute sich jedes Mal, ihre Stimme zu hören. Auch dieses Lied, mit dem sie ihn beinahe jeden Morgen aus dem Schlaf …

„Na endlich!“ Es war die harte Stimme des Königs, die Benjamin aus den Gedanken riss. „Da bist du ja. Hast du vergessen, was heute für ein Tag ist?“

Sofort verschwand alle gute Laune aus Benjamin und er trat in den Rittersaal ein. „Nein, Vater, gewiss nicht.“

„Heute ist der Tag der Tage“, sagte der König. „Ein Höhepunkt im Leben eines Königssohnes. Das ist dir doch bewusst und du freust dich darauf, oder?“

„Ja, schon“, gab Benjamin zur Antwort. „Oder eher: Nein, eher nicht. Also, äh, eigentlich weiß ich das gar nicht …“

„Nun verhaspel dich doch nicht“, rief ihm der Vater ungeduldig zu. „Beeil dich lieber!“

Denn: Eine Entscheidung stand bevor! Eine, die Benjamins ganzes Leben beeinflussen sollte.

Eine Entscheidung, so bedeutend, dass er schon seit Wochen an nichts anderes denken konnte.

Und heute also – heute, sollte er alles erfahren.

Benjamin seufzte und trat auf seinen Vater zu. Er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache.

Ganz und gar nicht.

Aber dennoch: Ein wenig Hoffnung flammte in seinem Inneren auf. Und so drückte er seinen Rücken durch und sah seinem Vater voller Interesse entgegen.

Redewendung Tag 1:

Sich verhaspeln

Wenn sich jemand „verhaspelt“, dann kann er sich nicht konzentrieren oder bringt alles durcheinander und stellt Chaos an.

Eine Haspel ist ein Teil eines Spinnrades. Früher wurde unbearbeitete Wolle mithilfe eines Spinnrads zu Garn gesponnen und dann auf einer Haspel aufgerollt. Wenn man diese Haspel verlor, dann hatte man nur noch Knoten und ein riesiges Wirrwarr in der Wolle – man hatte sich also verhaspelt.

2. Dezembertag

Benjamin stand im großen Rittersaal vor seinem Vater und war überaus aufgeregt. Er war so angespannt, dass ihm sogar die Knie zitterten. Und er hoffte, dass es niemand bemerken würde.

In diesem Moment gab es einen lauten Knall. Die Türen zum Rittersaal wurden aufgestoßen und Berthold trat ein. Wie immer hatte er keine Türklinke gedrückt. Nein, für Berthold reichte es aus, seinen mächtigen Körper gegen die Türen zu wuchten, um sie zu öffnen.

Die Rüstungen an den Seiten fielen scheppernd zu Boden, doch das war Berthold egal.

Für Berthold war nur wichtig: Er war jetzt hier an Benjamins Seite. Wie befohlen!

„Bin da!“, knurrte er, denn Berthold sprach selten ganze Sätze. Berthold brauchte keine ganzen Sätze. Für ihn war nur wichtig: Er war da. „Wie befohlen“, knurrte er knapp hinterher.

Benjamin sah an seinem Bruder hinauf. Sein älterer Bruder. Sein großer Bruder. Und die Bezeichnung „großer Bruder“ konnte man wörtlich nehmen. Er überragte Benjamin um einiges. Benjamin war gerade mal so groß wie das Schwert, das Berthold an seinem Gürtel trug. Berthold war drei Jahre älter, zehnmal mutiger und hundertmal stärker als Benjamin.

Berthold! Benjamin verdrehte die Augen und dachte nur: Unhold würde besser zu ihm passen. Benjamin seufzte. Berthold war ganz gewiss nicht aufgeregt. Berthold war nie aufgeregt. Niemals.

Aber dennoch: Beide schauten völlig gespannt zu ihrem Vater, dem König. Sie erwarteten seine Entscheidung.

Denn beide Königssöhne waren jetzt im richtigen Alter und es war die Aufgabe ihres Vaters, den tapfersten der beiden zum Ritterschüler zu ernennen. Ihm – und nur ihm – wurde eine erstklassige Ritterausbildung zuteil. Zehn Jahre lang sollte er lernen, was er können und wissen musste. Und schließlich würde er in die höchste königliche Rittergarde aufgenommen und später dann auch König werden.

Sowohl seine Söhne als auch der König selbst wussten, wie überaus wichtig und von welcher Bedeutung diese Entscheidung war.

Und so zitterte Benjamin noch ein bisschen mehr, als der König die Stimme erhob: „Heute also werde ich den neuen Ritterschüler benennen“, brüllte der König in die Halle, dass es von den Wänden herabschallte. „So, wie ich es seit Jahren vorausgesagt habe.“

„Ja“, seufzte Benjamin flüsternd. „Und ich werde das leider nicht sein.“

„Genau!“, brummte Berthold siegessicher neben ihm. „Nicht du. Ich!“

Benjamin verdrehte die Augen. Er hätte gar nicht herkommen müssen. Er war erst zehn Jahre alt. In Sachen Kraft und Mut konnte er seinem Bruder nicht das Wasser reichen.

Er wäre besser im Bett geblieben und hätte diesen Tag verschlafen. Natürlich wäre er sehr gern ein Ritterschüler geworden. Doch es war doch völlig klar, dass … dass …

Benjamin riss verblüfft die Augen auf, denn plötzlich geschah etwas, das alle erstaunte, sogar Berthold: Der König ging nicht zurück zu seinem Thron, um endlich den Namen des Ritterschülers zu verkünden. Nein, er schickte alle Wachen hinaus, verscheuchte das Dienstpersonal und schloss sogar die Fenster. Dann verriegelte er selbst die Türen zum Rittersaal und trat dicht an Benjamin und Berthold heran.

„Meine Söhne“, sagte er schließlich geheimnisvoll. „Wir müssen sprechen!“

Benjamin starrte erst den König an, dann Berthold, dann wieder den König.

Berthold hingegen wusste gar nicht, wohin er starren sollte. Er schien noch verwirrter zu sein als sein kleiner Bruder.

„Sprechen? Aber was … aber wie …?“, stammelte er und verstummte.

Benjamin hielt die Anspannung kaum noch aus. So hatte er seinen Vater noch nie erlebt und seinen großen Bruder ebenfalls nicht. Etwas Großes schien hier vorzugehen. Und während der König die beiden Jungen schweigend musterte, dachte Benjamin fieberhaft darüber nach, was das alles zu bedeuten hatte: Ihnen stand wohl eine große Überraschung bevor.

Redewendung Tag 2:

Jemandem das Wasser nicht reichen können

Diese Redewendung will verdeutlichen, dass jemand nicht so gut in einer Sache ist als andere oder ein anderer.

Im Mittelalter aß man nicht mit Besteck, sondern mit den bloßen Fingern. In vornehmen Häusern wurde aus Gründen der Sauberkeit vor und nach dem Essen eine Schale mit Wasser gereicht, mit dem sich die Gäste die Finger waschen konnten. Derjenige, der den Gästen dieses Wasser reichte, war natürlich stets ein Diener des Hausherrn.

Wenn man das Wasser also nicht reichen durfte, dann war man nicht einmal wert, diesen geringen Dienst zu leisten – dann zählte man zu den untersten Dienern.

3. Dezembertag

Noch immer stand der König vor seinen beiden Söhnen: Benjamin und Berthold. Und noch immer hatte er nicht verraten, wer von den beiden zum Ritterschüler ernannt werden sollte.

Benjamin wunderte sich. Für ihn war die Sache klar: Sein riesiger Bruder war an Kraft kaum zu überbieten. Schon im Alter von sechs Jahren hatte er ganze Bäume fällen können. Und vergangene Woche hatte er ganz allein den Haufen mit den riesigen Steinen für die Steinschleuder von der linken Seite des Burghofes auf die rechte Seite getragen. Niemand hatte verstanden, warum er das getan hatte. Auch Berthold selbst wusste es nicht. Aber er hatte es geschafft! Und darauf kam es doch an, oder?

Er hatte Kräfte wie ein riesiges Maultier – und ganz ehrlich: Er sah auch so ähnlich aus! Es fehlten bloß die langen Ohren, aber im Gesicht sah Berthold einem Esel ähnlicher als …

Der König räusperte sich, dann begann er endlich zu sprechen.

„Meine Söhne“, wiederholte er. Eigentlich begann er seine Ansprachen immer auf diese Art. Nur wenn etwas wirklich wichtig war, dann sagte er es zweimal.

„Meine Söhne“, setzte der König nun zum dritten Mal an und Benjamin seufzte. Das alles konnte nichts Gutes bedeuten. „Ich habe mit euch zu reden.“

„Schon klar, Vater“, raunte Berthold mit seiner brummigen Stimme. „Du wolltest uns sagen, dass ich Ritterschüler … äh … also, wer von uns beiden Ritterschüler werden soll.“

Der König verzog das Gesicht. „Nun, ganz so einfach ist es nicht“, sagte er und verzog das Gesicht noch weiter. „Erst müssen wir … ich meine …“

Benjamin und Berthold beugten sich gespannt vor. „Ja?“, fragten sie wie aus einem Mund.

Der König schüttelte den Kopf und ging vor den beiden auf und ab. „Lasst es mich anders ausdrücken. Ihr wisst, ein Ritter braucht bestimmte Fähigkeiten. Zum Beispiel braucht ein Ritter Mut.“