Benjamino und die Leonardo-Maschine - Ulrich Th. Rath - E-Book

Benjamino und die Leonardo-Maschine E-Book

Ulrich Th. Rath

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Beschreibung

Der 15-jährige Benjamin (Autist, mit besonderer Visualisierungs-Begabung) hat in einer Skizze des Renaissance-Genies Leonardo den bislang unentdeckten Plan einer Wärmekraftmaschine entdeckt. Der notorische Einzelgänger, der in seiner Klasse manchmal gehänselt wird, akzeptiert allmählich die Mithilfe einer neuen Mitschülerin, Elif. Diese ist mit ihrer Mutter als Flüchtling nach Castrop gekommen und hat einen syrisch-italienischen Hintergrund. Nach mühsam-tastenden Versuchen, Leonardos Maschinenentwurf nachzuvollziehen, hat Benjamin schließlich sein AHA-Erlebnis im Schloss Chambord, wo Leonardo seine letzten Jahre am Hofe des französischen Königs Franz I. (FAKT) verbrachte. Der Bau des Schlosses, vor allem die berühmte zentrale Wendeltreppe gilt als Leonardos architektonisches Vermächtnis. So gelingt es ihm tatsächlich, die von Leonardo erdachte Maschine während eines Praktikumsaufenthalts in einer Maschinenbaufirma mit moderner Technik zu konstruieren. Allerdings hat ein Techniker der Firma Lunte gerochen und versucht, die geniale Konstruktion als seine eigene Erfindung zu deklarieren. Wird Benjamin beweisen können, dass er es war, der Leonardos Idee weiterentwickelt hat?

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Dramatis personae

erscheint zuerst auf

Benjamin Starcke

gen. Beniamino. Autist, inselbegabter

„Savant“, plant und baut Erstaunliches

LeonardoS. 3

gen. da Vinci (1452-1519), niversalgenie,

hinterließ manches auf Papier

Benjamins Familie

Mama Katrin, meist zu Hause, Papa

Rudolf, meist auf Montage,

Schwester Laura, meist zickig

Frau Stirlich

ist als Benjamins Klassenlehrerin

vielseitig gefordert

Elif

Wird Benjamins Freundin - stammt aus

Syrien und aus Italien

Elifs Familie

Mama Grazia stammt aus Bari, Nonna

Chiara-Maria und Nonno Paolo, leben in Bari

Gianni

gen. lo Zio. Elifs Mehr-Ecken-Onkel, lebt

im Ruhrgebiet, kann viel und kennt viele

Herr Lefebvre

Kommt als Lehrer neu in die Klasse und

erlebt eine Überraschung

Kevin, Dustin,

Benjamins Klassenkameraden; nette

sensible Jungs, mit besonderen

Motorradtalenten

Niko, Mike

Freunde der netten Jungs

Dr. Saalfeld

Ehrgeiziger Techniker, will viel und

verliert manches

Dr. Mittschler

muss am Ende teure Zugeständnisse machen

Für den Castroper Leonardo

und seine Oma

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Fingerübungen: Ein uralter Mechanismus

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Teil 2: Planungszeichnungen

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Teil 3: Konstruktion Hic Rhodos, hic salta

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Teil 4: La Macchina

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Teil 5: Endspiel

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Nachschrift

Teil 1

Fingerübungen: Ein uralter Mechanismus

Kapitel 1

Draußen flogen Bäume, Zäune, Häuser und Tiere dahin; außerdem waren seit Norddeich 138 Signale, 3 Tunnel und 2 Brücken an ihm vorübergezogen. Seine Mitreisendenden mochten den Eindruck haben, dass der etwa 13-jährige Junge durch das Abteilfenster verträumt und schläfrig die Weiten der münsterländischen Landschaft musterte; tatsächlich aber markierte er jedes Detail tief in den Gedächtnisfalten seines jugendlichen Hirns. Nach einer solchen Bahnreise hatte Benjamin seinerzeit – er ging damals noch in den Kindergarten – eine alte Tapetenrolle aus dem Keller geholt und hatte die Route mit ihren Landmarken nachgezeichnet. Bis kurz vor Emden hatte das lange Papierband ausgereicht. Bei Kilometer 229 hatte Benjamin noch den letzten Bahnübergang und eine kleine Herde schwarz-weißer Kühe zu Papier gebracht. Dabei hatte er sich auch den einzigen Fehler zugestanden: Denn eine der Kühe, die nur noch halb auf das Blatt gepasst hätte, hatte er ein wenig näher heran geschoben, so dass er sie nicht abschneiden musste. Als er fertig war, hatte er sein Panoramabild in sein persönliches Archiv gelegt und es seither nur noch einmal, nach einer nächtlichen Zugfahrt nach Norddeich im gleichen Winter, wieder angeschaut. Er war zufrieden mit dem Ergebnis gewesen, auch wenn die Kuhherden diesmal nicht aufgetaucht waren; aber damit hatte er ja auch nicht gerechnet. Seine Eltern sollten und mussten nichts von seinen Zeichenkünsten wissen; sie reagierten häufig merkwürdig auf Dinge, die dem schmächtigen Jungen vollkommen normal erschienen.

Dass seine Eltern ein bisschen komisch waren, das hatte er schon als 6-Jähriger gemerkt. Er rechnete so gerne Zahlen im Kopf. Und irgendwann hatte sein Vater ihm während der langen Autofahrten Rechenaufgaben gestellt. 4 plus 9, 9 plus 26, 35 und 67. Benjamin hatte die Aufgaben mit Feuereifer gelöst; aber bald wollte er mehr und mehr und dann immer noch mehr. Malaufgaben wurden zu seiner Passion. »Papa, stell mir Rechenaufgaben!«, und schon waren die Fahrten nicht mehr langweilig. 9 mal 4, 8mal 11, 14 mal 18: Benjamin hatte seinen Spaß mit den Zahlenwirbeln. Immer und immer wieder hatte er seinen Vater um weitere und schwierigere Aufgaben gebeten: »Bis Tausend, bis Zehntausend, bis Hunderttausend!« Aber was ihm Spaß machte, schien seinen Vater zu nerven. Irgendwann hatte Papa in einem heftigen Ton ihn angeblafft: »Also gut: Was ist 634 mal 7.124?« Benjamin hatte nur kurz überlegen müssen, dann aber mit lauter Stimme geantwortet: Also, das sind 4 Millionen 580 Tausend und 732!« – was natürlich richtig war. Seine Eltern hatten laut gelacht bei seiner Antwort, so als wäre es ein Scherz; aber damit war das Rechenspiel vorbei. Erst als Benjamin seinen Vater am Abend gefragt hatte, warum Mama und Papa denn so einen Spaß gehabt hätten, wurde Papa ein wenig nachdenklich. Erstaunlicherweise wusste Papa die Zahlen nicht, dabei hatte er sie sich doch ausgedacht. Auch das erstaunte Benjamin immer wieder: Der Papa, der doch so viel weiß und so viel erklären kann, der erinnerte sich auf einmal nicht mehr an diese einfachsten Zahlen! Aber wahrscheinlich sind Papa-Gedächtnisse voll von anderen und viel wichtigeren Dingen, so dass nicht genug Raum da ist für eine simple Rechenaufgabe. Das erschien schon dem kleinen Benjamin die richtige Erklärung zu sein, so dass er nicht weiter nachfragte.

Benjamin jedenfalls wusste das Zahlenpaar, genauso wie die anderen Aufgaben, die Papa ihm gestellt hatte. Also wiederholte Benjamin – etwas gelangweilt - die Rechenaufgabe: 634 mal 7.124, das macht 4 Millionen 580 Tausend und 732! Papa hatte dann so einen Taschenrechner geholt und die Zahlen eingetippt. Erwachsene können wohl wirklich nicht so gut rechnen: Immer wieder hatte Benjamin gestaunt, dass sie diesen komischen Rechen-Kästchen mehr vertrauen als ihrem eigenen Kopf. Aber als er das einmal sagte, da hatten Mama und Papa ihn so komisch angeschaut, und seitdem behielt er solche Überlegungen besser für sich. Und Papa war dann tatsächlich richtig überrascht gewesen, als das Gerät genau das Ergebnis anzeigte. Abermals fragte sich Benjamin, wieso sein Vater wirklich meinen konnte, dass seine Rechenmaschine genauer rechnete? Was war so besonders daran, dass seine Eltern sich noch tagelang darüber unterhielten und ihn wieder mal so merkwürdig ansahen?

Als Benjamin heute am Bahnhof in Wanne-Eickel ankam, regnete es, wie so oft in diesem Jahr. Seine Mutter war wieder in höchster Aufregung, als sie ihn abholte – gerade so, als wäre er noch ein dummes Kind. Sicher, vor zwei Jahren hatte sie ihn lange im Bahnhof suchen müssen, dabei hatte er die ganze Zeit auf dem Bahnsteig gestanden und nur die Regentropfen gezählt, die dort in die große Pfütze fielen. Er wusste noch, er war bis 237.654 gekommen, als seine Mutter ihn aufgeregt an sich gezogen hatte. Aber er war doch genau dageblieben, so wie seine Eltern es ihm eingeschärft hatten. Warum wollte Mutter einfach nicht einsehen, dass er gut alleine zurechtkam? Und was war daran schlimm, dass ihn so vieles interessierte? Er wollte doch nur die Dinge auf dieser Welt besser verstehen!

Sicher, er war noch so klein wie ein Zwölfjähriger, aber er verstand mehr von der Erwachsenenwelt als seine ältere Schwester. Und eine Zugfahrt ist doch kein Abenteuer! Immerhin: Mama hatte seine Lieblings-Gnocchi mit Tintenfisch vorbereitet, das wusste Benjamin sicher.

Mama drückte ihn auf dem Bahnsteig so heftig, dass es Benjamin peinlich war. »Ich habe mir solche Sorgen gemacht!«, sagte sie aufgeregt, während sie ihn umarmte. »Und jetzt schnell nach Hause. Es gibt Gnocchi mit Tintenfisch!«

Kapitel 2

Als Benjamin am nächsten Morgen seine Klasse betrat, schien alles wie zwei Wochen zuvor. Sein Name war in seiner Klasse Programm geworden. Er war einer der Jüngsten und mit großem Abstand auch der Kleinste und Zarteste. Seine jetzige Klassenlehrerin hatte lange geglaubt, dass Benjamin sich nur deswegen aus den Händeln der verschiedenen Gruppen heraushielt. Aber andererseits vertrat er mitunter sehr vehement seine eigene Meinung, ohne sich um andere und deren Größe zu scheren. Seine Zurückhaltung hatte ihm einen gewissen Sonderstatus in seiner Klasse beschert, so dass die anderen selbst seine schulterlange blonde Haartracht, seinen Karo-Pullover und seine altmodischen Hosen akzeptierten, ohne ihn aufzuziehen.

So murmelte er sein: »Guten Morgen!«, und stapfte gemessenen Schrittes durch die Klasse zu seinem Platz am Fenster. Lange hatte er für seinen Einzeltisch kämpfen müssen. Erst nach und nach hatten Frau Stirlich und die anderen akzeptiert, dass er niemanden auf dem freien Platz neben sich duldete. Die dauernde Nähe eines Anderen machte ihn unruhig und zappelig. Seit mehr als anderthalb Jahren hatte ihm niemand mehr das Recht auf seine Einzelbank streitig gemacht. Aber, um ehrlich zu sein: Eigentlich gab es auch niemanden in seiner Klasse, der sich gerne neben ihn gesetzt hätte. Nicht, dass er aggressiv oder gar böse gegen andere gewesen wäre. Im Gegenteil: Benjamin war stets die Rücksicht und die formale Höflichkeit in Person. Aber er war wortkarg und zeigte wenig Interesse, wenn jemand ihn ansprach.

Hinzu kam, dass Benjamin als Klassenkleinster noch niemals hinzugeholt wurde, wenn die anderen auf dem Hof Fußball spielten oder sich in Balgereien miteinander maßen. Man kann es nicht anders sagen: Benjamin war ein ausgesprochener Einzelgänger; und wie es schien, war er das auch sehr gerne. Immerhin hatte er einen Spitznamen, was ja zeigt, dass er für seine Klassenkameraden nicht vollkommen uninteressant war. Wegen seiner Vorliebe für alles Italienische hatten ihn seine Mitschüler den respektvoll abschätzigen Spitznamen »Piccolino« verliehen.

Doch heute lag irgendetwas anderes in der Luft, das spürte Benjamin. Und kaum hatte er sich auf seinem Platz niedergelassen, kam Frau Stirlich durch die Tür. Ihr folgte ein Mädchen. Schon an ihrer Hautfärbung erkannte Benjamin unschwer die Fremde. Große schwarze Augen beherrschten ihr Gesicht, das von schwarzen Haaren eingerahmt war. In merkwürdig bunten Kleidern war sie erschienen. Die Bluse war nach hiesiger Mode zu weit und der bunte Rock viel zu lang. Sie mochte einen Kopf größer sein als er, aber damit gehörte sie immer noch zu den Kleineren seiner Klasse. Als sie neben Frau Stirlich vor der Klasse stand, knetete sie ihre langen Finger ineinander. Ihre Fingernägel schienen abgeknabbert und endeten in einem schwarzen Rand, so wie er es bei den Töchtern der Bäuerin in Ostfriesland gesehen hatte.

Frau Stirlich zog das fremde Mädchen heran, stellte sich stumm vor die Tafel und wartete eine Weile. Schließlich war Ruhe eingekehrt und Frau Stirlich begrüßte ihre Klasse: »Guten Morgen, wie schön, dass ihr alle wieder heil aus den Herbstferien zurück seid. Wir wollen gleich darüber sprechen.«

In diesem Augenblick fuhr der Finger von Sülal, einem nicht ganz einfachen Mädchen aus türkischem Elternhaus, laut schnipsend in die Höhe. Sülal gehörte zu Frau Stirlichs Sorgenkindern; im Deutschen hinkte sie noch hinterher, so dass sie nicht alles richtig mitbekam. Da sie aber andererseits mit einem recht starken Selbstbewusstsein auftrat, stand Frau Stirlich immer wieder vor der Aufgabe, Sülals unbedarfte Einwürfe in den Unterricht abzufedern und vorsichtig umzumoderieren. »Da ist eine Maus die Mauer hochgeklettert, große Maus!«, rief das Mädchen aufgeregt. »Da, an Fenster!« Bei dem Wort „Maus“ waren sämtliche Mädchen aus der Klasse von ihren Stühlen aufgesprungen und zum Fenster gelaufen und riefen etwas von „Maus, ihh Maus, fürchterlich, ne Maus …« wild durcheinander. Die Jungen mussten Coolness den Tag legen und sich bedächtiger bewegen, damit man ihnen die Neugier nicht sofort ansah. Frau Stirlich nahm ihre indische Klangschale vom Pult auf und stieß mit dem Klöppel an die Schale. Ein heller feiner, aber durchdringender Klang ließ die Kinder verstummen. »Eins, zwei, drei,« zählte Frau Stirlich in die Schreipause. Schlagartig löste sich der aufgeregte Haufen auf, und die Kinder schlurften zurück an ihre Bänke. Langsam kehrte Ruhe ein. Frau Stirlich legte ihre Klangschale bedächtig auf das Pult zurück und wandte sich dann betont ernsthaft an Sülal: »Ja, Sülal, das kann schon mal sein, dass eine Maus nach oben klettert, wenn eine Katze hinter ihr her ist. Aber jetzt haben wir eigentlich etwas Wichtigeres zu besprechen. Ich muss euch nämlich erst eine neue Mitschülerin vorstellen.« Frau Stirlich wandte sich von Sülal ab und drehte sich zu dem Mädchen, das unruhig hin und her wankte. »Nun, willst du dich nicht selber vorstellen?! « Das Mädchen wich zwei Schritte zurück. Benjamin spürte ihre Aufregung. Ihr Gesicht war rot angelaufen. Die Klasse war mucksmäuschenstill. Das Mädchen öffnete ihren Mund, ohne ein Wort herauszubringen. Erst nach einer quälend langen Pause sagte sie leise: »Binne ich Elif. Ich geboren in Syria. Mein Sprachen Arabische unde Italienische. Wir haben Flucht vor Krieg. Mit meine Familie ich lebe zwei Jahre in Italien – Bari, mit mein Vater. Seit zwei Monade wir sinde inne Casdorf-Rauxel, wohne ich in Onkel-Hause.«

Bei ihren ersten Worten hatte Benjamin von seinem Notizbuch aufgeschaut: Die Neue sprach ja fast so wie die Bedienung in der Pizzeria: Wie diese hatte Elif die deutschen Wortsilben aufgeweicht und ein fast stummes –e an die Wortenden angehängt. Bei ihr war aus dem harten »Monat« ein weiches »Monad(e)« geworden, und auch dem scharf gesprochenen »Haus« hatte sie ein weiches »Haus(e)« gemacht. Gespannt hatte Benjamin ihren Vortrag verfolgt.

Während ihrer kurzen Rede hatte die Neue ihre Hände ineinander geknetet und war von einem Bein auf das andere getreten. Aber schon bei ihren ersten Worten gibbelten einige der anderen Schüler leise. Als sie „Casdorf(e)“ sagte, hatten sie angefangen, laut zu lachen. Besonders der dicke Kevin tat sich dabei hervor. »Casdorfe, Casdorfe«, rief er und ließ eine laute Lachsalve folgen. »Casdorf! «, brüllte er wieder in die Klasse und schaute sich nach hinten um, ob denn auch alle mitlachten.

Wenn Benjamin jemanden nicht leiden konnte, dann war es eben Kevin. Kevin war einfach nur unangenehm, aufdringlich und dumm. Einer von denen, die ihre Körperstärke nutzen, um andere schlecht zu machen. Ohne Zweifel war Kevin der Kräftigste in der Klasse, was bei seiner Größe auch nicht verwundern konnte. Einen guten Teil seiner Körperfülle verdankte Kevin seiner Vorliebe für Pommes und für Cola, von der er regelmäßig eine Dose in die Pause mitbrachte. Schon vor vier Jahren hatte er mit seinem aufwändigen I-Phone geprahlt. Und die neuesten Modetrends konnte man selbstverständlich an ihm ablesen. Seine kurzgeschorenen Haare verliehen ihm ein aggressives Äußeres, das er durch seine laute Stimme und entsprechende Sprüche zu unterstreichen suchte: So ein richtiger Kevin halt eben, pflegte Frau Bläuel, die Religionslehrerin zu sagen.

Natürlich hatte sich Kevin von Anfang an dem »Piccolo“ zu reiben versucht. Meist wurde er dabei sekundiert von Dustin, der ihm in Vielem ähnelte, aber selten von sich aus die Initiative ergriff. Doch Benjamin hatte sich Kevins Respekt (und damit seine Ruhe vor den Gemeinheiten der beiden Klassenrüpel) erkauft, indem er Kevin gelegentlich einen Blick auf seine Lösungsblätter gestattete. So konnte Kevin sich mit »ausreichend« durch die Klassenarbeiten hangeln. Ansonsten hielt Benjamin einfach nur Distanz zu den beiden.

Kevin und Dustin waren auch die ersten in der Klasse gewesen, der motorisiert zur Schule kamen. Da Kevin, zusammen mit seinem Busenfreund Dustin, bereits in der 7. Klasse eine „Ehrenrunde“ gedreht hatte, waren die beiden fast zwei Jahre älter als Benjamin. Denn seine Eltern wollten, dass der Inselbegabte möglichst früh in die Schule kommen solle. An seinem 16. Geburtstag kam der dicke Kevin mit stolz und angeberisch auf seinem neuen Kleinmotorrad angefahren, knatterte ein paar Runden über den Schulhof und nahm, ganz in Sebastian-Vettel-Pose, seinen Helm vom Kopf, schloss mit einem gigantischen Schloss sein Gefährt ab. Auf dem Weg in die Klasse vergaß er nicht zu erzählen, dass sein Helm ein Original-Sebastian-Vettel-Helm sei, wie man an den Werbeinschriften erkennen könne. Es war Benjamin, der in seiner Ahnungslosigkeit Kevin am Ende die Schau stahl: Warum Kevin denn Werbung trage für ein Antivirenprogramm? Ob er denn Angst habe, die Elektrik seines Brummers sei virenverseucht? Das trug er dermaßen ernst vor, dass sich die Mitschüler vor Lachen bogen und Kevin sich blamiert fühlte.

Als sechs Wochen später Dustin seinen 16. Geburtstag feierte, was stand wohl in der Pause neben Kevins Gefährt? Klar, Dustin musste nachziehen. Immerhin kam er in einem unauffälligen Helm zur Schule. Von nun an fuhren die beiden einträchtig zu zweit auf ihren Knattermaxen zur Schule, und immer wieder versuchten sie sich mit riskanten Fahrmanövern zu übertreffen.

Und jetzt, als sich die kleine Neue radebrechend vorstellte, da stand Kevin breitbeinig und mit wabbelnden Bauch in der Klasse und lachte affektiert über das »Casdorfe, Casdorfe«. Dustin hatte inzwischen beeilt, in das Spottgelächter miteinzustimmen.

Da aber platzte Benjamin, dem Winzling in der Klasse, der Kragen. Bei Kevins letztem Lachruf hatte Benjamin sich von seinem Stuhl erhoben. Man musste schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass Benjamin vor seinem Tisch stand. Als Kevin in seinen Lachsalven einmal Luft holen musste, rief Benjamin mit leiser und gedämpfter, aber vernehmlicher Stimme in die Klasse: »Halts Maul, du Dämlack!«

Mit einem Mal war es totenstill im Klassenraum. So etwas hatte es noch nicht gegeben: Piccolinchen legte sich mit dem starken Kevin an. Und er sagte Dämlack, nicht Arschloch oder eines der Worte, die Kevin geläufiger waren. Selbst bei Piccolinchens Beleidigungen musste Kevin nachdenken, und das fuchste ihn umso mehr. Der wandte sich verblüfft um zu dem Störenfried und holte tief Luft, wohl um eine laute Antwort zu brüllen. Aber Benjamin ließ sich die Rede nicht abschneiden. Mit raschen Schritten war er auf Kevin zugelaufen, hatte sich vor dem 30 cm größeren Jungen aufgestellt und sprach ihn mit leiser, aber böser Stimme an: »Du bist ein Hohlkopf! Jetzt sag du doch mal auf Arabisch oder auf Italienisch, wie du heißt und wo du herkommst!« Benjamin starrte Kevin von unten scharf ins Gesicht. Irritiert suchte der den Blickkontakt zu seinen Mitstreitern, aber die meisten wichen aus. Die Klasse war absolut still; man hätte die buchstäbliche Nadel im Heuhaufen fallen hören können, nach einer Weile zog Frau Stirlich, die von dem Wortwechsel überrumpelt worden war, die Fäden wieder an sich. »So, jetzt beruhigen wir uns alle wieder und dann schauen wir mal wo Elif einen Platz finden kann! «, beendete sie den Streit zwischen den beiden Jungen, wobei sie Kevin einen harten Blick zuwarf. Dann wandte sie sich an Benjamin: »Du, Benjamin, darf ich dich bitten, dass du unsere neue Mitschülerin für ein paar Tage neben dir sitzen lässt?«

Benjamin stand immer noch neben seinem Stuhl und funkelte Kevin wütend an. Dann drehte er sich zu seiner Lehrerin um und sagte in großzügigem Ton: »Na ja, für ein paar Tage wird’s wohl gehen!«, und ein leises Raunen des Erstaunens ging durch die Klasse. »Aber in der nächsten Woche soll eine andere Lösung gefunden werden«, hatte Benjamin noch leise hinzugefügt, aber ob irgendjemand ihn gehört hatte, dessen war er sich nicht sicher.

Kapitel 3

Die weiteren Schulstunden verliefen zäh wie eingetrockneter Honig. Immer wieder warf Elif einen kurzen Blick auf ihren Banknachbarn, der sie so energisch verteidigt hatte. Doch Benjamin schien keine Notiz von ihr zu nehmen. Er nahm offenbar von seiner ganzen Umgebung überhaupt keine Notiz mehr und wirkte, als wäre er in einer anderen Welt versunken. Doch wenn Frau Stirlich ihn ansprach, fiel sein Traumblick ganz ab und er gab eine kurze präzise Antwort. Als es zur großen Pause klingelte, verließ Benjamin langsamen Schrittes die Klasse. Elif hielt sich hinter ihm und musste darum ungeduldig abwarten, bis sie auf den Pausenhof gelangte. Insgeheim war ihr etwas mulmig: Da draußen warteten ein paar unangenehme Typen, und sie verließ sich jetzt auf jemanden, der noch einen halben Kopf kleiner war als sie selbst und der sie kaum wahrzunehmen schien.

Benjamin steuerte einen Findling-Stein unter einem der Obstbäume an, die am Rand des Schulhofs standen. Ruhig und sorgfältig packte er dann sein Pausenbrot aus einer Dose aus und zwinkerte dabei Elif zu. Aber sie hatte keine Zeit zu überlegen, was diese Geste wohl bedeuten mochte. Denn schon hatte sich vor Benjamin jener Kevin aufgebaut, umgeben von vier ebenso üblen Jungen. »Du hast mich beleidigt!«, schrie Kevin los. Benjamin hatte gerade in sein Brot gebissen und blickte sein Gegenüber wortlos kauend ins Gesicht. »Pass ja auf, einen Winzling wie dich stecke ich locker in die Hosentasche!«, drohte Kevin nun. Dessen Freunde johlten laut »Winzling, Winzling!« und umtanzten Benjamin. Der aber nahm nur noch einen Bissen, dann legte er seinen Kopf leicht schräg und sagte vollkommen ruhig und ziemlich leise: »Na ja, du meinst wohl, wenn du schon nichts weiter im Kopf hast, so kann dir ein wenig Grips in der Hosentasche nicht schaden!«. Kevin sah Benjamin verblüfft und verständnislos an. Auch seine Freunde stutzten, fingen dann aber allmählich an zu gibbeln. Aber Kevin fand immer noch keine geeignete Antwort. »Das wirst du bereuen!« stieß er noch durch die Zähne, drehte sich um und machte sich davon. Seine Freunde, immer noch lachend, folgten ihm.

Benjamin biss ein weiteres Mal in sein Pausenbrot. Elif hatte die Auseinandersetzung mit angehaltenem Atem verfolgt. Benjamins Ruhe irritierte sie. Schließlich sagte sie mit ihrem weichen Akzent: »Die nicht mögen diche!«. Benjamin schien zu nicken, dann sagte er. »Aber es ist genau anders herum: Ich mag sie nicht, und das wissen sie. Ob sie mich mögen, das ist mir vollkommen egal.«. Dann vertiefte er sich in sein Pausenbrot, ohne noch etwas zu sagen.