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Eigentlich sollte es für die Geologin Hannah und ihre 9-jährige Nichte ein schöner Ausflug ins Salzbergwerk werden, doch plötzlich ist alles anders. Nach einem Stromausfall steht die Gruppe im Dunklen. Hinzukommen gesundheitliche Probleme ihres Bergführers. Wie gut, dass Hannah sich in den vielen Stollen auskennt. Sie übernimmt kurzerhand die Führung und bringt die Menschen unter einigen Widrigkeiten aus dem Berg, wo sie von Beamten eines SEK empfangen wird. Da es keine genauen Pläne des Bergwerkes gibt und Hannah die Einzige ist, die sich im Berg auskennt, treten die Polizisten mit einer ungewöhnlichen Bitte an sie heran: Sie soll ihnen helfen, denn im Berg befinden sich nicht nur fast 50 Besucher, sondern auch Terroristen.
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2022
Natascha Hohneder-Mühlum
Bergwerk
Prinzengarten Verlag
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Copyright 2022 by Prinzengarten Verlag
Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 32756 Detmold
Foto Umschlag: KaninRoman von iStock
ISBN 978-3-89918-509-6
Prolog
Der Plan klang gut. Allerdings war er gleichzeitig riskant und komplett verrückt.
»Und du meinst, dass das funktioniert?« Wenn alles so ablaufen würde, wie sie sich das vorgestellt hatten, wären sie gemachte Leute und müssten in ihrem Leben nie mehr einen Finger krumm machen.
»Wieso sollte es nicht funktionieren?«, entgegnete sein Gegenüber und sah ihm dabei tief in die Augen. »Auf so einen irrsinnigen Plan ist bis zum heutigen Tage noch niemand gekommen und wenn ihn einer durchführen kann, dann sind das wir beide.« Damit könnte er natürlich recht behalten. Niemand war auf so eine ausgefallene Idee gekommen. Aber vielleicht funktionierte es gerade deshalb, weil es so absurd und abwegig war.
Kapitel 1
Es war ein warmer, sonniger Tag, was für diese Jahreszeit nicht selbstverständlich war. Die Tage wurden immer länger und der April war inzwischen weit vorangeschritten. Nach einem anstrengenden Arbeitstag trat Marco aus der Eingangstür und war froh, seinen wohlverdienten Feierabend antreten zu können. Auf der obersten Treppenstufe blieb er für einen Moment stehen, schloss die Augen, atmete tief durch und genoss die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht.
»Schläfst du im Stehen?«, foppte Bastian, der hinter ihm durch die Tür getreten war und ihn beinahe angerempelt hätte.
»Nicht ganz«, antwortete Marco und ging mit seinem Arbeitskollegen zusammen zum Parkplatz. Sie beide kannten sich seit mehreren Jahren und waren weit mehr als nur Kollegen. Freunde war das falsche Wort. Sie waren eher wie eine Familie, wie Brüder, um genau zu sein. Jeder im Team war für den anderen da und würde sich, ohne mit der Wimper zu zucken, für seinen Kollegen eine Kugel einfangen.
»Tamara kocht heute dein Lieblingsessen«, begann Bastian seinem Kollegen Hunger zu machen.
»Mhhh. Gulasch mit Spätzle.« Allein beim Gedanken an das leckere Essen, das Bastians Frau immer kochte, lief Marco das Wasser im Munde zusammen.
»Du kennst sie. Sie hat bestimmt wieder für eine komplette Fußballmannschaft gekocht. Willst du mitkommen?« Bastians Frau kochte gerne und meistens viel zu viel und freute sich daher immer über Besuch, der half, die Töpfe leerzuessen.
»Ich würde gerne«, begann Marco und dachte für einen Moment daran, seine Planungen für den Abend zu ändern, schließlich ließ man Tamaras Essen nicht gerne kalt werden. »Allerdings habe ich bereits etwas vor«, erklärte er zum Bedauern seines Freundes.
»Du? Und etwas vorhaben?«, fragte Bastian skeptisch nach und lachte auf. Das hörte sich nicht nach dem Marco an, den er kannte. »Wie heißt die Holde denn?«, versuchte er nähere Einzelheiten zu erfahren.
»Das hat rein gar nichts mit einer Frau zu tun«, entgegnete Marco.
»Das würde ich auch sagen«, erklärte ihm sein Freund und legte ein breites Grinsen auf, das seine eigene Sprache sprach. Marco wurde unter den Kollegen als der wohl heißeste Typ gehandelt, den keine Frau von der Bettkante werfen würde. Dennoch interessierte ihn das nicht. Er war nicht schwul, auch wenn das einige der Kollegen glaubten. In seinem Leben hatte eine Frau einfach keinen Platz und Liebe war für ihn ein Fremdwort.
»Du weißt doch, der Job beansprucht mich zu sehr«, versuchte Marco sich zu erklären, auch wenn das nicht der einzige Grund war.
»Na, die alte Leier kennen wir schon«, erklärte Bastian und zog eine Grimasse, bevor er die Autotür öffnete. »Du solltest dir endlich jemanden suchen, mit dem du eine Familie gründen kannst, sonst sitzt du in ein paar Jahren allein im Altersheim, wartest auf den Sensenmann und ärgerst dich, nicht früher auf mich gehört zu haben.« Marco winkte ab. Sein Freund hatte ihn so oft verkuppeln wollen, was waren da nicht alles für Gestalten dabei gewesen. Am Anfang hatte er das alles über sich ergehen lassen, war jedes Mal, wenn Bastian ein Date für ihn arrangiert hatte, hingegangen. Es resultierte sogar der eine und andere One-Night-Stand daraus. Aber nicht mehr, was Marco niemals leidgetan hatte.
»Ich bin nicht der Typ zum Heiraten«, erklärte er seinem Freund zum wiederholten Male.
»Das musst du auch nicht. Hab‘ einfach ein wenig Spaß«, forderte Bastian ihn auf und meinte damit nicht die abendliche Session im Fitnessstudio. Immerhin war, so viel er wusste, das letzte Date seines Freundes schon zig Monate her.
»Den habe ich heute auf jeden Fall«, grinste Marco, ohne weiter zu erörtern, was genau er vorhatte.
»Ja dann, viel Spaß«, rief Bastian ihm noch hinterher, obwohl Marco bereits in seinem Wagen saß und die Tür geschlossen hatte. »Und falls du doch noch Hunger bekommst, kannst du gerne vorbeikommen.« Marco machte eine lustige Bewegung, die ein Salutieren nachahmen sollte, startete den Wagen und fuhr davon.
Er wusste nicht, weshalb seine Freunde ihn immer verkuppeln wollten. Durfte ein Mann nicht einfach Single sein und damit keine Probleme haben?
Ungeduldig stand Emilie in der Schlange an der Kasse und wartete darauf, endlich an die Reihe zu kommen. Wie lange hatte sie sich auf diesen Ausflug mit ihrer Tante Hannah gefreut. Immer wieder hatten sie das aufgeschoben, doch heute durfte sie endlich in das alte Salzbergwerk, das nur noch für Besucher geöffnet war.
»Freust du dich?«, erkundigte sich Hannah und sah dabei auf ihre neunjährige Nichte, die etwas in die Luft hüpfte, damit sie mehr erkennen konnte.
»Und wie. Vor allem auf die lange Rutschbahn, die du mir versprochen hast.« Sofort, als ihre Tante ihr von dem geplanten Ausflug erzählt hatte, war Emilie zu ihrem Computer gerannt und hatte begonnen im Internet zu recherchieren. Seit einigen Monaten interessierte sie sich für alles, was mit Steinen zu tun hatte. Da war dieser Ausflug natürlich das perfekte Geschenk zu ihrem Geburtstag gewesen. Emilie hatte alle Informationen förmlich aufgesaugt, hatte alles gelesen, was es zu lesen gab. Sie wusste, welche Gesteinsarten man hier finden konnte, wusste, wie lange das Bergwerk bereits nicht mehr zum Abbau genutzt wurde und sie wusste sogar, wie lange die beiden Rutschen waren, über die man in die unteren Etagen gelangte.
Sie bezahlten den Eintritt und wurden in einen Raum geführt, in dem sie sich ein paar typische Bergwerkskleider anziehen sollten.
»Meinst du, die haben auch etwas für Kinder?«, fragte Emilie und sah sich nach etwas Passendem in ihrer Größe um. Es gab weite Hosen und Oberteile, die man über die eigenen Kleider anzog, allesamt in einem dunklen Blau gehalten.
»Aber sicher mein Schatz. Es kommen oft Kinder, die sich das alles ansehen wollen.« Emilie war nicht unbedingt die typische Neunjährige. Sie war immer an allem interessiert, wollte alles ganz genau wissen und stellte dazu Fragen, die Erwachsene oft nicht beantworten konnten. Teilweise waren ihre Eltern damit komplett überfordert und freuten sich daher umso mehr, wenn Hannah ein paar der Erklärungen oder solche Ausflüge übernahm.
Es dauerte nicht lange, bis sie etwas Passendes zum Anziehen gefunden und angezogen hatten. Sie mussten nur noch warten, bis genügend Leute für eine Gruppe zusammengekommen waren, damit es endlich losgehen konnte und diese Zeit war für Emilie überaus langweilig.
»Schau dir den Typ da drüben an«, begann das Mädchen nach einiger Zeit und zeigte auf einen großen muskulösen Braunhaarigen, den Hannah auf Anfang 30 schätzte. Schnell griff sie nach Emilies Finger und drückte sie nach unten.
»Emilie«, sagte sie streng und sah auf ihre Nichte, nachdem sie den Mann etwas länger, als es sich gehörte, angesehen hatte.
»Ich weiß«, lenkte diese gleich ein und lachte. »Mit einem nackten Finger zeigt man nicht auf angezogene Menschen.«
»Und wieso tust du es dann?«, hakte ihre Tante ermahnend nach und blickte immer wieder für einen Sekundenbruchteil auf den Mann, der sehr attraktiv war. Vor allem das Grübchen auf seiner linken Wange wirkte sehr sexy.
»Weil ich mir eine kleine Cousine wünsche und wenn du das mit einem Mann allein nicht schaffst, muss ich vielleicht nachhelfen.« Nach dieser Aussage musste Hannah schwer schlucken. Röte stieg ihr ins Gesicht. Sie traute sich kaum aufzublicken. Verstohlen sah sie den Mann an, der sie mit einem breiten Lächeln angrinste. Eindeutig hatte er jedes Wort verstanden.
»Meine Damen, meine Herren.« Wie froh war Hannah, dass ausgerechnet in diesem Moment ihr Bergführer kam, um die Gruppe willkommen zu heißen. »Mein Name ist Wolfgang Eberle und wir werden die nächsten anderthalb Stunden zusammen verbringen. Hat jeder etwas Schönes zum Anziehen gefunden?« Er blickte sich in der Runde um. Einige bejahten die Aussage, andere wiederum nickten. »Wunderbar, dann können wir gleich loslegen. Sie müssen nur noch ihr Ticket hier abscannen«, er zeigte, wie das ablaufen sollte, »und dann können wir gleich los.« Der Bergführer blieb an einem Rondell stehen, durch das alle hindurchmussten und gab Hilfestellung, wenn das mit dem Abscannen nicht funktionierte.
»Hallo Wolfgang«, begrüßte Hannah den Bergführer. Man konnte eine gewisse Vertrautheit aus dieser Begrüßung heraushören.
»Hallo Hannah, schön dich wiederzusehen. Lass mich raten«, sagte er dann zu Emilie. »Knapp ein Meter vierzig, braune, geflochtene Haare und Zahnspange, das kann doch nur die kleine Emilie sein.« Etwas erstaunt sah Emilie den Mann an.
»Sind Sie ein Hellseher?«, fragte sie ihn überrascht.
»Nein, meine Kleine«, lachte er sogleich. »Deine Tante hat mir bereits verraten, dass ihr heute kommt.« Mit dem linken Auge zwinkerte er ihr zu und kümmerte sich dann um die restlichen Personen.
»Gut, nachdem wir alle zusammen haben, fahren wir ein ganzes Stück in den Berg hinein.« Die Gruppe ging in eine kleine Kabine, die der eines Zuges glich. Der Mann, den Emilie als den Vater ihrer Cousine auserkoren hatte, stand hierbei Hannah gegenüber. Grinsend blickte er sie an, was ihr erneut die Röte ins Gesicht trieb. Verlegen starrte sie zu Boden. Das fehlte ihr gerade noch. Wieso musste ihre Nichte auch immer so vorlaut sein? Dieser Ärger verschwand jedoch relativ schnell, als die Kabine im Berg angekommen war und sie alle ausstiegen.
»Wahnsinn«, rief Emilie laut und brachte dadurch alle aus der Gruppe dazu, sie anzusehen. »Das ist der Hammer. Ich war noch nie so tief im Berg. Danke für den großartigen Ausflug.« Glücklich trat die Kleine auf Hannah zu und umarmte sie.
»Das habe ich doch gerne gemacht«, freute sich Hannah, die solche Ausflüge mit ihrer Nichte viel öfters unternehmen wollte, nur leider fehlte ihr oftmals die Zeit dazu.
Als der Bergführer mit seinen Erzählungen begann, war Emilie mucksmäuschenstill. Obwohl sie das meiste bereits im Internet nachgelesen hatte, war es noch einmal etwas komplett anderes, es hier direkt vor Ort zu sehen. Dazu die teils hohen Räume und der Berg rings um sie herum. Der Geruch nach Salz und die karge Beleuchtung, die immer wieder dunkle Ecken entstehen ließ. Das war alles mehr als faszinierend.
»Wir werden gleich über einen See fahren«, erklärte der Bergführer. Mit offenem Mund starrte Emilie ihre Tante an.
»Das ist wirklich wahr? Ich dachte, das ist ein Scherz«, rief sie zur Belustigung aller Anwesenden und rannte voraus, um als Erste bei den Booten zu sein.
»Nicht so schnell«, versuchte Hannah sie zu bremsen. Emilie interessierten die Worte ihrer Tante allerdings nicht im Geringsten.
»Lassen Sie sie doch«, hörte Hannah auf einmal eine tiefe Stimme neben sich und dreht sich zu dieser hin. Es war der attraktive Mann, der sie erröten ließ. »Ich glaube, Sie haben Ihrer Tochter heute eine große Freude bereitet.« Hatte er vorhin doch nicht alles mitbekommen, als Emilie von einer Cousine sprach, die sie unbedingt haben wollte?
»Sie ist nicht meine Tochter. Sie ist meine Nichte«, rechtfertigte sich Hannah sofort. Vielleicht etwas zu schnell. Würde dieser Mann durch diese Aussage glauben, sie wäre auf Männersuche und wollte etwas von ihm?
»Sie sieht Ihnen aber trotzdem ähnlich«, sagte der Mann und lief weiterhin neben Hannah her. Emilie hatte zwischenzeitlich eins der Holzboote erreicht, war bis nach vorne gerannt und sah dort ins Wasser, in dem sich ihr Gesicht spiegelte.
»Pass auf«, schrie Hannah, die bereits sah, wie Emilie kopfüber ins Wasser fiel und sie ihre Nichte aus dem See fischen musste.
»Seien Sie nicht so ängstlich. Ihr wird schon nichts passieren.« Mit einem wütenden Blick sah Hannah den Mann an. Wahrscheinlich hatte er recht und ihr würde nichts geschehen. Dennoch war sie für ihre Nichte verantwortlich und wollte keinen Ärger mit ihren Eltern haben.
Nachdem der Mann neben Hannah hergelaufen und nur noch die letzte Bankreihe frei war, setzten sie sich nebeneinander. Kurz bevor die Fahrt losging, rannte Emilie zu ihnen und sprang auf Hannahs Schoß, auf dem sie es sich gemütlich machte.
»Hallo«, begrüßte sie den Mann. »Ich bin Emilie. Das ist meine Tante Hannah, sie ist Single und somit noch zu haben. Und wer bist du?« Emilies Aussage war Hannah mehr als peinlich. Am liebsten hätte sie sich in diesem Moment in Luft aufgelöst oder in den See gestürzt.
»Emilie«, ermahnte Hannah ihre Nichte sogleich. Man sollte schließlich keinen Fremden ansprechen und gleichzeitig solche Details ausplaudern.
»Freut mich, dich kennenzulernen«, entgegnete der Mann freundlich und gab Emilie die Hand. »Ich bin Marco.«
Mit knurrendem Magen fuhr Bastian auf den Stellplatz vor seiner Garage. Seine Gedanken weilten bei Marco. Wieso wehrte dieser sich so dagegen, eine Familie zu gründen? Lag es nur an ihrem gemeinsamen Job? Natürlich war er mit enormen Risiken behaftet. Aber konnte nicht immer etwas passieren?
»Hallo Schatz«, rief Bastian, als er den Flur betrat, warf die Schlüssel auf die Kommode und ging in Richtung Küche, aus der es gut duftete.
»Na, da bist du endlich. Ich habe schon so lange auf dich gewartet.« Bastian ging auf Tamara zu und gab ihr einen Kuss auf die Lippen, die köstlich nach Gulasch schmeckten.
»Was heißt denn lange gewartet?«, fragte er, bevor er die blonde Schönheit näher an sich zog und erneut küsste. Dabei hielt er nur ein Auge geschlossen, mit dem anderen sah er auf die Uhr an der Wand. »Es ist so spät wie angekündigt.«
»Schon«, entgegnete Tamara, die sich endlich von ihm trennen konnte, nach dem Kochlöffel griff und das Gulasch umrührte. »Aber ich habe dich so vermisst.« Und genau mit dieser Aussage hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Tamara und Bastian vermissten sich in jeder Sekunde, die sie nicht zusammen waren. Sollte Marco die richtige Frau finden, würde es nicht anders sein. Warum nur verstand sein Freund dies nicht?
»Ich habe dich auch vermisst«, hauchte Bastian sanft, zog Tamara erneut an sich und gab ihr einen weiteren Kuss.
»Wo ist eigentlich Marco?« Normalerweise schlug dieser sein Lieblingsessen nie aus.
»Das fragst du, während ich dich küsse?«, gluckste Bastian, und machte ein entrüstetes Gesicht.
»Ja klar. Sonst kommt doch immer ein: Habt ihr kein Schlafzimmer?« Das war einer von Marcos Lieblingssprüchen. Bastian musste grinsen. Da hatte er schon ein besonderes Stück als besten Freund.
Entrüstet sah Hannah ihre Nichte an. »Emilie«, brummte sie, damit sie endlich aufhörte, fremde Männer anzusprechen.
»Lassen Sie sie doch. Sie ist ein nettes Mädchen«, beschwichtigte Marco sie. »Aber deine Tante hat recht«, meinte er schließlich an Emilie gewandt. »Sei vorsichtig, wen du ansprichst, nicht dass einmal der falsche Mann dabei ist.«
»Wie meinst du das?«, fragte Emilie in ihrem jugendlichen Leichtsinn nach. Mit einem strengen Blick sah Hannah Marco an. Er würde dem kleinen Mädchen doch wohl nichts von Entführungen oder Vergewaltigungen erzählen? Für so etwas war Emilie eindeutig noch zu klein.
Zum Glück fing in diesem Moment die Lichtshow an und Emilie hatte das ganze Thema schnell vergessen, zu sehr war sie von den Effekten und den Spiegelungen auf dem Wasser begeistert.
Erst als sie das Boot wieder verlassen hatten und Emilie sich abermals an die Spitze der Gruppe gesetzt hatte, griff Hannah das Gespräch von zuvor wieder auf.
»Vielen Dank, dass Sie auf die bösen Männer nicht weiter eingegangen sind.« Bei diesem Satz betonte sie besonders die Worte: die bösen Männer.
»Gern geschehen. Ich glaube, dafür ist sie noch etwas zu jung.« Zum Glück dachte der Mann genauso wie sie. In der Welt passierte so viel Schreckliches, damit würde Emilie mit Sicherheit früher als gewollt zu tun haben.
Die Gruppe war in der nächsten großen Halle, wie man das unter Tage nannte, angelangt.
»Wir sind hier 150 Meter unter der Erdoberfläche.« Ein Raunen ging durch die Gruppe. »Dieser Stollen wurde …« In der nächsten Sekunde ging das Licht aus und es wurde stockdunkel. Einige der Frauen schrien. Panik brach aus.
»Emilie«, rief Hannah für die Situation relativ gelassen. Wieso nur hatte sie ihrer Nichte erlaubt, sich so weit von ihr wegzubewegen?
»Bitte beruhigen Sie sich doch«, hörte man den Bergführer in der Dunkelheit sagen. »Gleich wird es wieder hell. Es müsste jeden Moment das Stromaggregat anspringen.« Hannah und ein paar andere zogen ihre Handys heraus und schalteten die Taschenlampenfunktion ein.
»Wir werden alle ersticken«, kreischte eine Frau, die um ihr Leben bangte und bereits zu hyperventilieren begann.
»So beruhigen Sie sich doch«, schaltete sich Hannah ein, um den Bergführer zu unterstützen. »Wir benötigen in diesem Bergwerk keinen Strom zur Sauerstoffversorgung.« Erstaunt über diese Aussage blickten einige der Besucher zu ihrem Bergführer. Sie wollten den Worten dieser Frau nicht glauben.
»Hannah hat recht. Die Gänge sind mit ihren Wettertüren so angelegt, dass immer frische Luft hereinkommt und zirkuliert«, erklärte er ihre Worte etwas genauer und hoffte so die Gruppe zu beruhigen.
»Aber warum geht das Licht nicht mehr an?« Alle sprachen wild durcheinander. Wolfgang Eberle versuchte die Gruppe mit fadenscheinigen Aussagen zu beruhigen. In dem ganzen Durcheinander kam Emilie wieder zu ihrer Tante gelaufen und griff mit ängstlichem Blick nach ihrer Hand.
»Gehört das zu der Führung dazu?«, flüsterte sie leise. Das wäre schließlich cool. Das glaubte ihr keiner, wenn sie das in der Schule erzählen würde.
»Nein, mein Schatz«, erklärte Hannah und beugte sich zu ihrer Nichte hinunter.
»Wird es dann gleich wieder hell?« Nach wie vor stand Marco neben Hannah und hörte dem Gespräch angespannt zu, was in dem Lärmpegel, den die restlichen Personen von sich gaben, nicht einfach war.
»Normalerweise hätte es schon lange wieder angehen sollen. Aber keine Angst, wir werden wieder nach Hause kommen.« Marco wusste nicht, woher Hannah diese Gelassenheit und vor allem diese Erkenntnis nahm. Ihre Nichte fest an der Hand haltend, damit sie ihr nicht wieder entwischen konnte, ging Hannah auf Wolfgang zu.
»Ich glaube, wir sollten die Leute herausbringen«, schlug sie ihm leise vor. Zustimmend nickte Wolfgang.
»Wir werden einfach weitergehen. Ich hole nur noch eine Taschenlampe, die für Notfälle immer hier unten steht.« Leider trug diese Aussage nicht zur Beruhigung bei. Im Gegenteil. Als die Gruppe das Wort Notfall hörte, wusste sie, dass etwas überhaupt nicht stimmte.
Wolfgang verließ die Gruppe, um seine Taschenlampe zu holen. Nur wenige Sekundenbruchteile später hörte man etwas poltern, einen Schlag und danach einen Schrei.
»Wolfgang«, schrie Hannah und ging an die Stelle, an der er verschwunden war. Er war an einer der Absperrungen hängen geblieben und gestürzt.
»Mein Bein«, jammerte er und hielt sich dabei seinen Unterschenkel. »Ich glaube, es ist gebrochen.« Ein Raunen ging durch die Gruppe. Sie waren verloren! Würden sie jemals wieder lebend aus diesem Stollen kommen?
»Haben wir einen Arzt oder einen Sanitäter in der Gruppe?«, erkundigte sich Marco, der nach wie vor nicht von Hannahs Seite gewichen war und mit einem Bedauern auf den Bergführer sah. Leider befand sich keine der besagten Berufsgruppen unter ihnen. »Können Sie laufen?«, fragte Marco bei dem Verletzten nach. Dieser hob mit schmerzverzerrtem Gesicht die Schultern.
»Ich weiß nicht. Ich kann es probieren.« Unglücklicherweise scheiterte es bereits bei dem Versuch allein aufzustehen. Selbst als Hannah und Marco ihm unter die Arme griffen, konnte er keinen Schritt machen.
»Mist«, fluchte Marco. »Ich glaube, da ist wirklich was gebrochen.«
»Was machen wir jetzt?«, schrie ein Mann panisch.
»Wir werden alle sterben«, röchelte eine ältere Dame, die inzwischen kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.
»So beruhigen Sie sich doch«, begann der Bergführer, der mittlerweile wieder auf dem Boden saß und sein Bein hob. Die Schmerzen konnte man an seinem Gesichtsausdruck genauestens erkennen. »Wir haben heute großes Glück. Das hier ist Hannah Maurer. Sie ist Geologin und kennt die Stollen wie ihre Westentasche«, erklärte er und hoffte so die Gruppe etwas zu beruhigen.
»Ist das wahr?«, fragte Marco nach und sah sie mit skeptischem Blick an. Oder war das nur eine Ausrede des Bergführers, um die anderen zu beruhigen?
»Ja, das stimmt«, erklärte sie und kniete sich neben den Bergführer. »Ich werde Sie alle hinausbringen. Aber zuerst müssen wir uns um unseren Bergführer kümmern.« Nur ungern wollte sie Wolfgang zurücklassen. Der Boden war kalt und ihn hier sitzenzulassen, war für sie keine Option.
»Es geht nicht«, flüsterte Wolfgang. »Ich schaffe das mit dem Bein nicht. Lass mich hier«, flehte er. Er stellte das Wohl seiner Gruppe über sein eigenes.
»Nein. Das werde ich nicht«, beschloss Hannah und stemmte die Hände in die Hüften. Sie würde ihren Freund nicht allein in der Dunkelheit zurücklassen.
»Ich kann bei ihm bleiben«, bot Emilie ihre Hilfe an. So war sie: hilfsbereit und großherzig.
»Nein. Ich lasse auch dich auf keinen Fall zurück.« Sie würde keinen in dieser Dunkelheit lassen und Emilie schon zwei Mal nicht. Hannah spürte einen festen Griff an ihrem Oberarm und stand auf. Damit die anderen das folgende Gespräch nicht hören konnten, zog Marco sie etwas zur Seite.
»Hör zu.« Obwohl sie sich nicht kannten, duzte er sie. »Herr Eberle hat recht. So wie die Lage im Moment ist, können wir ihn nicht mitnehmen. Laufen kann er nicht und wenn wir ihn tragen, verletzten wir das Bein womöglich noch mehr. Ohne eine stabile Trage können wir ihn nicht schonend transportieren. Ich glaube, es ist das Beste, ihn vorerst hierzulassen und die Leute zurück an die Oberfläche zu bringen. Dann schicken wir einen Sanitätstrupp, um ihn zu holen.« Fassungslos starrte Hannah ihn an. Wie konnte er das Kommando übernehmen? Er kannte sich in diesen Stollen absolut nicht aus und trotzdem versuchte er den Chef zu spielen. Tief atmete Hannah aus. Schnell durchdachte sie ihre Möglichkeiten und stellte augenblicklich fest, wie wenige Optionen sie hatten.
»Gut. Du hast recht.« Sie ging wieder zu Wolfgang und kniete sich neben ihn. »Ich werde jemanden bei dir lassen.«
»Nein. Bitte. Bring alle heil heraus. Ich kann allein zurückbleiben.« Skeptisch sah sie ihn an. »Wirklich. Es macht mir nichts aus«, beruhigte Wolfgang sie. Hannah bekam ein schlechtes Gewissen. Sie konnte ihn doch nicht zurücklassen!
»Nun geht schon«, beschwichtigte er sie. Abermals atmete Hannah tief aus und nickte schließlich. Sie holte die Notfalltaschenlampe und drückte sie Wolfgang in die Hand, damit er nicht komplett im Dunkeln sitzen musste.
»Wir werden jetzt zusammen nach draußen gehen«, erklärte sie der Gruppe. »Dazu nehmen wir den Weg, den wir weiter gehen wollten«, beschloss sie.
»Aber wir haben doch erst angefangen. Wäre zurückgehen dann nicht kürzer?«, mischte sich ein Mann ein, der ihren Plan nicht verstand.
»Da haben sie vollkommen recht«, begann sie. »Allerdings müssten wir dann schwimmen, denn die Boote kann man ohne Strom nicht steuern. Wenn wir den längeren Weg gehen, haben wir keinerlei Probleme trockenen Fußes wieder ans Tageslicht zu gelangen«, erklärte sie überzeugend.
»Und Sie kennen sich wirklich aus?«, fragte eine junge Brünette skeptisch nach. Sie wollte nicht jemandem folgen, der sie noch weiter in den Berg hinein brachte.
»Ja. Seien Sie beruhigt«, mischte sich Wolfgang in das Gespräch ein. »Wenn einer Sie herausbringen kann, dann ist es Frau Maurer.« Dankend nickte Hannah Wolfgang zu. Es war gleichzeitig die Verabschiedung.
»Kommen Sie bitte. Wir müssen hier lang«, führte Hannah die Gruppe an. Emilie hielt sie fest an ihrer Hand und Marco wich ebenfalls nicht von ihrer Seite. Anscheinend hatte er Angst, er könnte sich verlaufen.
Das dampfende Gulasch stand gerade auf dem Tisch, als das Telefon läutete.
»Bastian«, sagte Tamara mit einem gewissen Unterton. Sie wollte in Ruhe essen, da konnte der Anrufer es auch später nochmals versuchen.
»Ich schau nur schnell, wer es ist«, beschloss Bastian, stand auf und ging zu seinem Handy, das er neben den Schlüsseln auf die Kommode gelegt hatte. Stöhnend las er die Nummer. Er hatte für heute mehr als genug. Musste sein Chef ausgerechnet noch während des Abendessens anrufen?
»Bastian Körner«, meldete er sich und hoffte, es würde sich nur um eine Lappalie handeln. Lächelnd sah er zu Tamara, die die letzten Spätzle aus dem Wasser nahm. »Oh Scheiße!«, fluchte er laut, rannte mit dem Telefon am Ohr zurück zu seiner Frau und schrie: »Es ist ein Notfall, ich muss sofort los.« Ohne zu sagen, um was genau es ging, rannte er zu seinem Wagen und fuhr davon.
Stöhnend setzte Tamara sich an den Essenstisch und schöpfte sich Spätzle und Gulasch heraus. Einen Abend, nur einen Abend hätte sie gerne wie ein normales Ehepaar verbracht.
»Du machst das gut«, sagte Marco und sah Hannah dabei an. Hannahs neuer Begleiter hatte eine Knickleuchte aus seiner seitlichen Hosentasche gezogen, um den Weg noch etwas zu erhellen.
»Hast du mit so etwas gerechnet oder weshalb trägst du einen Leuchtstab bei dir?« Einen Moment überlegte er, was er antworten sollte, doch durch die Rufe ihres Vordermannes kam es nicht so weit.
»Wir kommen hier nicht weiter«, rief dieser und drehte sich zu Hannah um, die in der zweiten Reihe lief. Marco und sie hatten Emilie in der Mitte genommen, damit das Mädchen keine Angst bekam. Allerdings war es für die Kleine eher ein Abenteuer. Wahrscheinlich war sie diejenige, die von allen Anwesenden am wenigsten Angst hatte.
»Was soll das heißen?«, erkundigte sich Hannah, die nicht sofort verstand, was los war.
»Die Tür«, er zeigte auf eine große Holztür, durch die sie hindurchmussten. »Sie ist verschlossen.«
»Verschlossen?« Mehr als verwundert sah Hannah den Mann an. Das konnte nicht sein. Diese Tür war nie verschlossen! Sie hatte noch nicht einmal ein Schloss, das man hätte zuschließen können. »Lassen Sie mich mal«, sagte sie daher gleich zu dem Mann, ging zwei Schritte auf die Wettertür zu und versuchte sie zu öffnen. Normalerweise konnte man die Tür in beide Richtungen schwingen, aber weder das eine noch das andere funktionierte. Das gab es doch alles nicht! Hannah zog und drückte, beides ohne Erfolg.
»Darf ich mal?«, fragte Marco nach. Aber auch er konnte die Tür keinen Millimeter bewegen. »Was machen wir jetzt?«, fragte er daher leise bei ihr nach, da er nicht wollte, dass erneut Panik ausbrach. Hannah schloss die Augen und dachte darüber nach. Zurückgehen konnten sie nicht. Durch die Tür kamen sie nicht hindurch. Es musste ein anderer Weg her.
»Ich habe eine Idee. Allerdings ist der Weg nicht für Touristen ausgebaut«, gab sie zu bedenken, da er beschwerlich werden würde.
»Aber frei ist er?«, hakte Marco nach.
»Ja. Wir können allerdings nur einzeln hindurch.« So schonend es ging, brachte man den Menschen der Gruppe bei, dass sie ein beträchtliches Stück zurückgehen mussten, damit sie einen anderen Weg einschlagen konnten. Anscheinend war die Gruppe müde, zumindest nahmen alle diese Nachricht relativ ruhig und gefasst auf.
»Weshalb könnte die Tür versperrt sein?«, fragte Marco nach einer Weile bei Hannah nach. Diese hatte sich dazu schon ihre Gedanken gemacht. Kein normaler Mensch würde die Tür verriegeln, zumal das auch nicht so einfach wäre oder versehentlich passiert sein könnte. Die einzige Möglichkeit, die ihr daher einfiel, war ein Steinschlag. »Aber der Stollen ist doch freigegeben. Kann da einfach so ein Stück Decke herunterbrechen?« Sie sprachen leise, damit die anderen nicht in Panik verfielen.
»Eigentlich nicht. Vielleicht wurde bei den Kontrollgängen geschlampt«, sprach Hannah ihre Gedanken aus. Marco war sich nicht sicher, ob die Kontrollen nicht richtig durchgeführt worden waren. Was wäre, wenn die Tür aus voller Absicht verbarrikadiert worden wäre, damit sie nicht herauskamen? Was, wenn hinter all dem mehr steckte? Was wäre, wenn Terroristen am Werk waren? Diesen Verdacht hegte er bereits, seit das Licht ausgefallen war und das Notstromaggregat nicht ansprang. Normalerweise wurden immer wieder Tests gemacht, damit so etwas nicht passieren konnte. Auch der TÜV hatte ein Auge auf solche Anlagen. Das alles war mehr als suspekt. Aber das war im Moment egal, zunächst hieß es, aus den Stollen herauskommen und die Zivilisten in Sicherheit bringen.
Bastian hatte so ziemlich alle Geschwindigkeitsbegrenzungen übertreten, um rechtzeitig vor Ort zu sein. Seine Kollegen waren versammelt und warteten auf nähere Informationen.
»Wo ist Marco?«, erkundigte sich der große, hagere Ralf bei Bastian.
»Wie? Ist er nicht da?«, fragte Bastian ziemlich verwundert. Normalerweise war Marco immer der Erste, der bei einem Notfall vor Ort war. »Hast du ihn erreicht?« Wieso nur hatte er nicht gesagt, was er heute vorhatte? Ralf schüttelte den Kopf.
»Das Handy ist aus.« Marco und das Handy aus? So etwas gab es in tausend kalten Wintern nicht. Schnell zog Bastian sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte Marcos Nummer.
»Das ist der Anschluss von Marco Schettler. Leider bin ich zurzeit nicht zu erreichen. Versuchen Sie es später …«, weiter hörte sich Bastian die Mailboxansage nicht an. Nachdenklich kaute er für einen Moment auf der Lippe herum.
»Jungs, zieht euch an«, beschloss er im nächsten Moment und übernahm damit gleichzeitig die Führung und den Job seines Freundes. »Wir müssen das wohl ohne Marco schaffen.«
Immer wieder blickte Marco auf das Handydisplay.
»Hier unten gibt es keinen Empfang«, erklärte Emilie altklug.
»Das habe ich auch schon festgestellt, aber es hätte sein können.« So freundlich er diese Worte auch sagte, so wütend war er innerlich. Etwas stimmte nicht und er musste herausfinden, was es war. Nur bedauerlicherweise war er im Moment auf die Hilfe von Hannah angewiesen und hatte zudem noch die Gruppe am Hals. Wenn er doch nur einen Notruf hätte absetzen können!
Panisch hatte Emilies Mutter Kathrin das Radio lauter gestellt.
»… leider gibt es noch keine genaueren Angaben. Wir wissen nur von einem Ausfall der Stromversorgung. Nach Zeugenaussagen befinden sich zurzeit noch drei Besuchergruppen im Bergwerk, denen allerdings keine Gefahr droht.« Inzwischen war Kathrin kurz davor, auszuflippen. Beruhige dich, schimpfte sie sich selbst. Vielleicht waren Hannah und Emilie schon draußen.
Wo um alles in der Welt war ihr Handy? Suchend rannte sie durch die Wohnung, bis sie es schließlich auf dem Couchtisch fand. Mit zittrigen Fingern wählte sie die Nummer ihrer Schwester. »Dies ist die Mailbox …«
»Verdammter Mist«, schrie Kathrin laut, steckte ihr Handy in die Hosentasche, griff sich ihre Jacke und rannte zur Haustüre.
Mittlerweile stand die Gruppe vor der Gabelung in dem schmalen Stollen, den Hannah erwähnt hatte, und schmal traf die Beschreibung zu hundert Prozent. Er war gerade so breit, damit eine Person durchlaufen konnte. Dies allerdings auch nur in gebückter Haltung, da die Höhe lediglich ein Meter fünfzig und betrug.
»Ich geh da nicht rein«, kreischte eine ältere Dame. Sie war nicht gerade die Schlankeste und hatte anscheinend Angst, sie könnte stecken bleiben.
»Sie schaffen das. Der Stollen ist nicht lang. Vielleicht hundert Meter«, sprach Hannah beruhigend auf sie ein. Es war dunkel und kalt, dazu die Gefahr, nicht mehr herauszukommen. Wenn einem das keine Angst einjagte, dann konnte es wohl nichts mehr.
»Nein. Ich kann das nicht«, murmelte die Frau unter Tränen.
»Sie brauchen keine Angst zu haben. Das ist doch gar nicht weit. Nur so weit wie halb um unseren kleinen Sportplatz in der Schule. Schauen Sie«, sagte Emilie und trat in den Stollen ein.
»Stopp, junge Dame«, befahl Marco und packte sie, damit sie nicht weiterkonnte. Er wollte sie nicht als Erste gehen lassen, schließlich wusste er nicht, was sie am Ende des Stollens erwarten würde.
Wortlos formten Hannahs Lippen Danke, was Marco trotz der Dunkelheit erkennen konnte.
»Sehen Sie, selbst meine Nichte hat keine Angst davor«, begann Hannah wieder. »Wir haben nur diese Möglichkeit. Wir werden das zusammen schaffen.«
»Ich nehme Ihre Hand«, schlug ein älterer Herr vor. Alle sprachen freundlich auf die Frau ein, die sich letzten Endes überzeugen ließ. Hannah ging voraus, dicht gefolgt von Marco, der Emilies Hand hielt. Auch wenn Hannah nicht sagen konnte, weshalb, so vertraute sie diesem Mann, den sie seit weniger als zwei Stunden kannte.
Die Luft in dem schmalen Stollen war wesentlich stickiger, dennoch gab es keinen Grund, in Panik zu verfallen. Waren es wirklich nur hundert Meter? Es kam Hannah, die trotz ihrer Handylampe nur knapp einen Meter weit sehen konnte, wesentlich länger vor und sie war froh, als der Stollen endlich wieder breiter wurde. Dort wartete sie, bis alle zu ihr aufgeschlossen hatten.
»Na? War doch nicht so schlimm, oder?«, sagte Emilie, die das alles einfach nur supergeil fand. Mit aufgeblasenen Backen atmete die ältere Dame aus. Zuerst war sie ziemlich blass, bekam dann aber nach und nach wieder etwas Farbe ins Gesicht.
Zusammen ging die Gruppe weiter.
»Ist es noch weit?«, erkundigte sich ein Vater, der mit seinem bereits erwachsenen Sohn unterwegs war.
»Nein«, beruhigte Hannah ihn. »Wir haben das meiste geschafft und das Schlimmste bereits hinter uns.« Mit jedem Schritt, den sie weiter Richtung Ausgang gingen, beruhigte sich Hannah mehr. Bald konnte sie einen Trupp zu Wolfgang schicken. Vielleicht würde demnächst auch das Licht wieder angehen. Diese Hoffnung hatte sie die ganze Zeit und war fest davon überzeugt, dass sich ein Techniker längst um das Problem kümmern würde.
»Wie kommt es, dass du so ruhig bist?«, fragte Marco nach einer Weile bei ihr nach. Normalerweise waren es immer die Frauen, die in Panik ausbrachen. Wieso hatte sie sich voll im Griff oder war das nur oberflächlich?
»Weil ich weiß, dass uns nichts passieren kann«, antwortete sie ruhig. Man hörte, dass sie das, was sie sagte, auch glaubte. »Ich kenne diese Stollen seit meinen Kindertagen«, erzählte sie weiter. »Mit meinem Vater war ich das erste Mal in den Tunneln, da war ich sechs oder sieben. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich in meinem Leben bereits hier unten verbracht habe.« Nein, zählen konnte sie diese schon lange nicht mehr. Diese Stollen waren fast wie ihr zweites Zuhause. »Die meisten Gänge würde ich blind finden.«
»Eine Frau, die am liebsten im Berg rumkriecht. So etwas habe ich noch nicht erlebt.« Marcos Worte kränkten Hannah, was sie sich allerdings nicht anmerken ließ. Durfte eine Frau nicht machen, was sie wollte? Oder weshalb war er dem Ganzen so negativ gegenübergestellt?
In Wirklichkeit meinte Marco dies nicht negativ. Es war eher bewundernd. So eine Frau hatte er noch nicht kennengelernt. Normalerweise kümmerten sich die Damen, die er kannte, eher um ihr Aussehen oder wie ihre Nägel lackiert waren.
Nervös ging Bastian auf und ab. Wo in alles in der Welt steckte Marco? Immer wieder hatte er seine Nummer gewählt, nur um jedes Mal an die Mailbox zu gelangen. Als sein Freund so geheimnisvoll getan hatte, hatte er geglaubt, Marco würde nur wieder ins Fitnessstudio gehen und wollte nicht, dass jemand mitbekam, wie langweilig sein Abend verlief. Doch selbst dort hatte Marco sein Handy immer am Mann und auch ein Anruf im Studio hatte nicht helfen können, da er heute noch nicht dort gewesen war.
»Verdammt Marco«, fluchte er leise, damit seine Kollegen es nicht hören konnten. Sollte Marco nicht noch wie aus dem Nichts auftauchen, wäre er für alles verantwortlich und das wollte er beim besten Willen nicht sein.
Zuerst war es nur ein leichter Schein, der dann immer heller wurde.
»Licht«, schrie einer der Männer und zeigte den Stollen entlang. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie endlich draußen waren, und das hatten sie alles nur Hannah zu verdanken. Erleichtert atmete diese auf. Sie hatte es trotz der Probleme, die sich unterwegs ergeben hatten, geschafft. Sie würde sich als Nächstes um ein Rettungsteam für Wolfgang kümmern und dann sofort zu ihrer Schwester fahren, um Emilie abzugeben.
»Ich freue mich auf eine heiße Dusche«, sprach sie ihre Gedanken laut aus.
»Mir geht es ähnlich«, antwortete Marco mit einem Lächeln. »Ich muss mich bei dir bedanken. Das war eine Bergwerksführung der ganz besonderen Art.« Als der Stollen fast drei Meter breit war, wurden sie von den meisten Personen ihrer Gruppe überholt, die sich anschließend durch die schmale Tür vor dem Ausgang quetschten. Dies war natürlich nicht der Hauptausgang und so standen sie schließlich auf dem Innenhof des Besucherbergwerkes, zu dem im Normalfall nur der Hausmeister Zutritt hatte.
»Sie müssen nach rechts, dann kommen Sie zu den Parkplätzen«, rief Hannah der Gruppe hinterher, die in die letzten Strahlen des Tageslichtes hinausrannten. Mit einem Lächeln auf den Lippen trat auch sie hinaus und blieb auf einmal wie angewurzelt stehen. Grelles Scheinwerferlicht drang ihr entgegen. Seit wann hatte der Hausmeister hier solch helle Strahler?, war ihr erster Gedanke. Erst als bewaffnete Männer auf sie zustürmen, bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte. Die Männer trugen schwarze Sturmhauben, darüber Helme. Gewehre hingen ihnen um ihren Hals und auf den schusssicheren Westen stand in großen weißen Buchstaben: Polizei.
Die Polizisten führten die Menschen ihrer Gruppe schnell vom Hof und auch sie wurde am Arm gepackt und von den Männern weggezogen.
