Berlin Feuerland - Titus Müller - E-Book
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Beschreibung

Zwischen Schloss und Barrikaden: eine Geschichte voller Liebe und Abenteuer, minutiös recherchiert, packend und atmosphärisch dicht erzählt

Hannes Böhm lebt in dem Industrieviertel, das die Berliner Feuerland nennen, weil hier die Schornsteine der Industrie qualmen. Als eine Art selbst ernannter Fremdenführer verdient er sich ein kleines Zubrot, indem er neugierigen Bürgern die Armut und die Not in den Hinterhäusern zeigt. Bei einer solchen Gelegenheit lernt er Alice kennen, die als Tochter des Kastellans im Berliner Stadtschloss wohnt, der Frühlingsresidenz des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Alice ist schockiert über das Ausmaß der Verelendung – und zugleich tief beeindruckt von Hannes, der voller Ehrgeiz und Fantasie zu sein scheint.

Doch als die Märzunruhen 1848 ausbrechen, als sich der Konflikt zwischen dem preußischen König und den Aufständischen zuspitzt und gemäßigte Kräfte nur schwer Gehör finden, scheint es für die Gefühle, die Hannes und Alice füreinander entwickeln, keine Zukunft mehr zu geben.

Titus Müller entwirft in seinem neuen Roman ein großes Panorama der revolutionären Ereignisse und zeigt, dass die Zweifel an der Politik des Königs selbst in der Armee und im Polizeiapparat immer größer wurden.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:609


Das Museum für Post und Kommunikation in Berlin ist eines der wichtigsten Archive für Korrespondenzen des Zweiten Weltkrieges. Es ist in Besitz von 16000 Briefen, die deutsche Soldaten im Laufe des Krieges an ihre Verwandte daheim geschrieben hat. Oft konnten die Lebensläufe der Absender rekonstruiert werden.

Die Historikerin Marie Moutier hat eine Auswahl aus diesen Briefen getroffen. Chronologisch und nach Kriegsverlauf geordnet, zeigen sie, wie deutsche Soldaten den Einfall in Polen und Frankreich, das Unternehmen Barbarossa, Stalingrad, das Hitlerattentat oder die Landung der Alliierten in der Normandie wahrnahmen. In diesen Briefen stehen Privates und Politisches, Anteilnahme an dem Schicksal der Verwandten zu Hause und Rechtfertigungen von Kriegsverbrechen, krude nebeneinander.

Erahnbar wird so, was eine rassistische Ideologie und der Krieg aus Familienvätern, Studenten, Arbeitern, Künstlern, Bankiers, Pfarrern, Postangestellten oder Lehrer machten.

Die Briefe sind mit den jeweiligen Viten der Briefschreiber und Sachanmerkungen versehen. Die ausführliche Einleitung erläutert den besonderen Ansatz dieser Briefauswahl und legt unter anderem den Einfluss der Zensur auf die Feldpost dar.

Die Autorin

Marie Moutier studierte an der Sorbonne in Paris Geschichte und promoviert gegenwärtig an der Universität von Amiens. Als Archivleiterin der Organisation Yahad-In Unum (seit 2009) forschte sie über Massenexekutionen von Juden in den Jahren 1941–1944 auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und des heutigen Weißrusslands.

Die Historikerin Fanny Chassain-Pichon unterstützte sie bei ihrer Arbeit.

TITUS MÜLLER

Berlin

Feuerland

ROMAN EINES AUFSTANDS

Blessing

1. Auflage 2015

Copyright 2015 Karl Blessing Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Geviert Grafik & Typografie, München

Werbeagentur, Zürich

Bildredaktion: Annette Mayer

Abbildung auf dem Vorsatz:

Hof der Lokomotivfabrik am Oranienburger Tor, Berlin,

Postkarte, um 1840 © akg-images/arkivi UG

Abbildung auf dem Nachsatz:

W. Loeillot, Das Königliche Schloß,

Kreidelithografie, um 1850 © akg-images

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-12511-0

www.blessing-verlag.de

Saint-Germain-en-Laye, Freitag, 25. Februar 1848

Der Gefangene, ein dickleibiger Mann mit hängendem Augenlid, sah stur auf den Weg. Er wirkte abwesend, als sei er mit seinen Gedanken an einem anderen Ort. Hinter ihm folgten zwei Soldaten mit aufgesteckten Bajonetten, und am Schluss des Zuges trugen vier Füsiliere eine längliche Kiste. Trotz der Kälte schwitzten sie unter ihren Tschakos aus schwarzem Filz, und die Haare klebten ihnen an der Stirn. Unter ihren Schritten schwankte die Kiste wie ein klobiges Schiff bei Seegang.

An der alten Mauer unweit der Bahnstrecke nach Paris befahl der Capitaine, die Kiste abzusetzen und den Gefangenen mit dem Rücken zur Mauer aufzustellen. »Möchten Sie, dass wir Ihnen die Augen verbinden?«, fragte er.

Der Gefangene verneinte.

»Dann wollen wir mal hoffen, dass Ihre Hehlerware gut schießt.«

Die Füsiliere legten ihre gebrauchten Gewehre auf der Wiese ab und hoben den Deckel von der Kiste. Nacheinander entnahm ihr jeder ein fabrikneues Gewehr, während der Capitaine den Gefangenen mit der Pistole in Schach hielt. Sie bissen Papierpatronen auf, schütteten das Pulver in die Gewehrläufe und stopften eine Kugel darauf fest.

Der Capitaine sicherte die Pistole, steckte sie zurück ins Halfter und sagte: »Zur Zündung – fertig!« Die Füsiliere hoben die Gewehre. Sie spannten den Hahn und holten ein Zündhütchen aus der Tasche, um es auf den Zündkegel zu setzen.

»Legt an!«

Sie richteten die Gewehrmündungen geradeaus.

Unbeeindruckt blickte der Gefangene sie an. Ihr mit eurem kleinkarierten Leben, dachte er. Gefesselt an eine Frau, die euch aufmüpfige Kinder in die Welt setzt, Münder, die ihr zu stopfen habt, ob euch danach ist oder nicht. Unterdrückt von eurem Offizier. Der hält euch die Bratwurst an einer Angel vor die Nase, und ihr rennt ihr nach, jahrelang, ihr schuftet für eine armselige Beförderung, ein paar Francs, einen läppischen Blechorden auf der Brust. Nie werdet ihr den inneren Aufruhr kennenlernen und das Rieseln des Glücks in euren Gliedern, wenn ein Coup glückt und ihr im Alleingang Gendarmerie und Armee ein Schnippchen schlagt. Nie werdet ihr dem Duft des Abenteuers folgen. Schießt doch! Ihr könnt mich töten, aber im Gegensatz zu euch habe ich wenigstens gelebt und genossen.

Im Dachzimmer in Paris stand noch ein Paar feiner Schuhe, um die war es schade. Und um Lucienne, mit ihrem dichten schwarzen Haar, die hätte er gern noch mal besucht. Oder Julie, die frecher und frivoler war als alle anderen, die er kennengelernt hatte.

Die Füsiliere warteten. Lange Augenblicke verstrichen. Das Kommando »Feuer!« ertönte nicht. Wie ein Wolf, der auf der Lauer gelegen hatte, sprang der Überlebenswille in ihm auf.

»Hahn in die Ruh!«, befahl der Capitaine. »Schultert das Gewehr.« Er trat an ihn heran und verzog dabei sein Gesicht, als ziehe er eine Kakerlake am Hinterbein aus der Suppe. »Es gibt eine Möglichkeit, wie Sie Ihr Leben retten können. Ich habe einen Auftrag für Sie. Kommt von ganz oben.«

»Natürlich«, sagte er, als habe er nichts anderes erwartet.

»Nehmen Sie den Auftrag an, oder sollen wir das Urteil vollstrecken?«

Er sagte: »Gestern hätte ich zweitausend Francs verlangt. Jetzt ist der Preis gestiegen.«

Dem Capitaine entgleisten die Gesichtszüge. »Wie bitte?«

»Dreitausend Francs, und keinen Centime weniger.«

»Sie haben hier keine Forderungen zu stellen! Und bilden Sie sich ja nicht ein, wir würden Sie in Preußen nicht finden, wenn Sie versuchen sollten, sich abzusetzen. Die Republik hat Mittel und Wege.«

Preußen. Also stimmten die Gerüchte. »Die Republik hat vor allem ein Interesse daran, die preußische Geheimwaffe in die Hände zu bekommen.« Er musterte den Capitaine. »Ihre Vorgesetzten kennen mich«, sagte er. »Aber scheinbar nicht gut genug.«

1

Berlin, Montag, 6. März 1848

»Das sind die berüchtigten Familienhäuser?« Die Frauen sahen mit großen Augen an der Fassade hinauf.

Hannes machte eine Geste wie ein Zirkusimpresario. »Treten Sie näher, treten Sie ein, meine Damen! Dieses hier nennt man das Lange Haus. Das Souterrain wurde bereits vermietet, bevor das erste Obergeschoss fertig gebaut war. Damals war die Kellerdecke so nass, dass das Wasser herabtropfte. Heute enthält jedes Stockwerk dreißig elende Wohnungen.«

Sie spähten verunsichert in das dunkle Treppenhaus.

»Solange Sie sich nicht in eines der flohverseuchten Betten legen, ist der Besuch ungefährlich.« Er bugsierte die Damen durch den Flur in die Wohnung. Verschüchtert drückte sich eine schmutzige Kinderschar an die Wand. Ihre Kleider hätte man andernorts nur noch als Putzlappen verwendet. Ein Mann richtete sich vom Tisch auf. Hannes stutzte. Wer war das? Was war mit dem Scherenschleifer geschehen, mit dem er sich gestern verabredet hatte? Garnreste lagen auf dem Tisch, er improvisierte: »Das ist Lorenz. Er ist ein verarmter Weber. Tag für Tag sucht er sich bei anderen Webern unbrauchbares Garn zusammen und fertigt daraus Schürzenschnüre. Wie viele Kinder hast du, Lorenz?«

»Sieben«, antwortete der Weber.

»Nicht so bescheiden! Du musst dich vor den Damen nicht genieren. Er hat dreizehn Kinder«, sagte Hannes, »aber er schämt sich, denn von der achtjährigen Pauline bis zum vierzehnjährigen Emil arbeiten sie alle in der Fabrik. Nur die Jüngsten sind hier und quälen sich im Hungerfieber durch den Tag.«

Die Frauen seufzten vor Mitleid. Die Rothaarige nestelte einen Silbergroschen aus ihrer Börse und legte ihn auf den Tisch. »Für die Kinder«, hauchte sie. Die drei anderen folgten ihrem Beispiel.

Der Weber verbeugte sich. »Meinen aufrichtigen Dank.«

Die mädchenhaften Gesichter der Besucherinnen glühten vor Zufriedenheit, während Hannes sie in die nächste Wohnung führte. »Dieses Zimmer wird von zwei Familien bewohnt. Sie sehen es am Strick, der quer hindurch gespannt ist und den Raum in zwei Hälften teilt. Meist hängt eine graue, filzige Decke darüber.« Er wies auf den schlafenden Säufer, der hier jeden Tag die Morgenstunden verdämmerte. »Das ist Ulrich. Er ist zweiundachtzig Jahre alt und vollständig gelähmt.«

»Zwei Familien in dieser engen Kammer?«, fragte eine der Frauen erstaunt. »Aber wo sind die Schlafgemächer und die Küche?«

Beinahe hätte Hannes laut aufgelacht. Er hatte Jahre seines Lebens in einem ähnlichen Raum verbracht, und am Abend, wenn sie die Strohsäcke auf den Boden legten, war kaum genug Platz gewesen für alle. Aber das band er den Frauen gewiss nicht auf die Nase. Nichts Persönliches, war seine Devise. »Die gesamte Wohnung besteht aus diesem Zimmer. So sind die meisten Wohnungen hier. Es gibt auch welche mit einer kleinen Küche, aber die kosten einen ganzen Taler mehr im Monat, das kann sich kaum jemand leisten.«

Die Damen tauschten betroffene Blicke aus.

Er führte sie nach draußen. An der Haustür lauerte, wie verabredet, Pelle mit der Kinderschar. Die Kinder umringten die Besucherinnen und reckten ihnen bettelnd die Hände entgegen. Sie befühlten den zarten Stoff ihrer Kleider, was die Damen empört aufschreien ließ. Nach einer Weile nickte ihm Pelle zufrieden zu und spazierte in Richtung des Querhauses davon, offenbar hatte er etwas stibitzen können. Hannes verscheuchte die Kinder und führte die Damen zu den Toilettenverschlägen. »Ursprünglich kam eine Toilette auf fünfzig Bewohner. Die Senkgruben sind regelmäßig übergelaufen. Sie können sich nicht vorstellen, wie das gestunken hat!«

»Doch, doch.« Die Damen hielten sich parfümierte Seidentücher vor das Gesicht und baten ihn, diesen Ort nicht weiter zu erläutern, sie würden stattdessen gern noch die Armenschule besichtigen und, wenn er für ihre Sicherheit garantieren könne, eine Kneipe, in der sich Räuber trafen.

Am späten Nachmittag brachte er sie in einer Droschke ins Stadtzentrum zurück und ließ es sich nicht nehmen, sie bis vor ihre stuckgeschmückten Häuser Unter den Linden zu geleiten. Solche Gefälligkeiten waren es, die weitere Aufträge einbrachten.

Den Heimweg trat er zu Fuß an, um die fünf Groschen zu sparen. Als er durch das Oranienburger Tor trat, sah er seinen Freund in die Chausseestraße einbiegen.

»Kutte, du alte Sau«, rief er.

Kutte trug einen länglichen Gegenstand, in schmutzig weiße Lumpen eingewickelt. »Tagchen, Sackfratze«, erwiderte er. »Kommst du nachher mal bei mir vorbei?«

An Kuttes Unterlippe klebte Blut. Wenn er sich so ausdauernd auf die Unterlippe biss, bedeutete das, er heckte etwas aus. Hannes nahm sich vor, zu allem Nein zu sagen. Er grüßte mit zwei Fingern an der Mütze und folgte der Gartenstraße zu den Familienhäusern. Sie prunkten in der Oranienburger Vorstadt wie fünf heruntergekommene Schlösser, erbaut, um die Wohnungsnot der Ärmsten auszubeuten. Ihre zweieinhalbtausend Bewohner waren genauso mittellos wie die Hüttenbewohner ringsum und standen außerdem unter der Fuchtel der strengen Hausinspektoren. Hier wohnte nur, wer kurz davor war, auf der Straße zu landen.

Hannes betrat wieder das Lange Haus. Die Tür zur Wohnung des Webers stand offen. Er klopfte kurz und trat ein. »Gestern hat ein Scherenschleifer hier gewohnt. Wo ist er?«

Der Weber zuckte die Achseln. »Im Gefängnis. Er konnte seine Schulden nicht bezahlen. Oder er hat geklaut. Irgendwas in der Art. Wir enden doch alle dort, früher oder später.«

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