Berlin Fidschitown - D.B. Blettenberg - E-Book

Berlin Fidschitown E-Book

D B Blettenberg

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Beschreibung

Atmosphärisch dicht, knappe Dialoge, rasant erzählt: Ein echter Blettenberg!Der Eurasier Surasak „Farang“ Meier erhält in Bangkok einen brisanten Auftrag, der ihn nach Deutschland – der Heimat seines Vaters – führt. In Berlin gerät der eigenwillige Ermittler schon bald zwischen die Fronten zweier rivalisierender vietnamesischer Banden, die das labyrinthartige System aus Bunkern, Tunneln und Stollen unter der Stadt beherrschen. Auf seiner Suche in der Berliner Unterwelt erhält Farang Unterstützung von zwei starken Frauen, der suspendierten Kripobeamtin Romy Asbach und der Journalistin Heliane Kopter. Doch auch auf die bewährte Hilfe seiner Bangkoker Freunde, dem Reporter Tony Rojana und der „Tunnelratte“ Bobby Quinn, kann Farang in der deutschen Hauptstadt zählen. In „Berlin Fidschitown“ nimmt D.B. Blettenberg die Leser mit auf eine faszinierende und abenteuerliche Reise ins ferne Thailand und in die (kriminelle) Unterwelt Berlins.„Ein Stoff für John Woo: Tunnelkämpfer unter einem Berlin, in dem die Orientierungspunkte den Stadtplänen Saigons und Hanois entnommen sind, schrille Charaktere, Waffen, Sex. Blettenberg schreibt wie eine Uzi, auf Einzelfeuer gestellt: mit kurzen trockenen Einschlägen. Unverblümt exotisch.“

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Seitenzahl: 485

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D.B. Blettenberg · Berlin Fidschitown

Der Eurasier Surasak „Farang“ Meier erhält in Bangkok einen heiklen Auftrag, der ihn in das Heimatland seines Vaters führt. In Berlin gerät er schnell zwischen die Fronten zweier rivalisierender vietnamesischer Banden, die das labyrinthartige System aus Bunkern, Tunneln und Stollen unter der Hauptstadt beherrschen. Bei seinen Ermittlungen in der Berliner Unterwelt findet Farang schon bald heraus, dass es in diesem Fall um weit mehr als nur um Zigarettenschmuggel geht. Unterstützung erhält Farang von zwei starken Frauen, der suspendierten Kripobeamtin Romy Asbach und der Journalistin Heliane Kopter. Doch ohne die bewährte Hilfe seiner Bangkoker Freunde, dem Reporter Tony Rojana und der „Tunnelratte“ Bobby Quinn, käme Farang in Berlin nicht über die Runden.

In „Berlin Fidschitown“ nimmt D.B. Blettenberg die Leser mit auf eine faszinierende und abenteuerliche Reise ins ferne Thailand und in die (kriminelle) Unterwelt Berlins.

Von Surasak „Farang“ Meier handelte bereits der Roman „Farang“, für den D.B. Blettenberg 1989 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde. Auch „Berlin Fidschitown“ erhielt 2004 diesen renommierten Krimipreis.

„,Berlin Fidschitown‘ ist solide, atmosphärisch dichte Unterhaltung mit gekonnt knappen Dialogen und lakonischem Witz. Am Ende gibt es einen furiosen Showdown.“

Der Tagesspiegel

„Gekonnte Unterhaltung mit knappen Dialogen und einem überraschenden Plot.“

Berliner Zeitung

D.B. Blettenberg

Berlin Fidschitown

PENDRAGON

Für Andrea

„Der Zeitgeist ist eine kurzlebige Ratte.“

Konfuzius, neu redigiert

Viele Jahre nach dem Fall der Mauer

und kurz vor Einführung des Euro

ereignete sich in Berlin folgende Geschichte ...

Teil eins

Im Osten lärmen, im Westen angreifen

1

Der Lärm des Schusswechsels hallte im Stollen nach, bis wieder Stille im Finstern herrschte.

Captain Nguyen Van Giang – alias „Anh Ham“ – kauerte regungslos im Durchgang zur Gasschleuse und nahm Witterung auf. Es roch nach Schießpulver, Abwasser und Rattenpisse. Der Duft der Berliner Unterwelt.

Über ihm schwamm die Oberwelt auf märkischem Sand und hohem Grundwasser. Und doch war ihr Unterbau solide. Rückgrat und Knochengerüst bildete ein stabiles Netz aus Tunneln und Bunkern, das die Deutschen im Laufe der Geschichte in die Erde getrieben hatten. Eine bizarre Mischung aus Lebensadern und Grabkammern, oft dem Verfall überlassen, dann wieder ausgebaut, ganz nach Laune von Geld und Politik, abhängig von Krieg oder Frieden.

Im Moment herrschte Krieg – auch ohne die Deutschen. Im Gang zwischen den Zellen der Luftschutzanlage lagen drei feindliche Soldaten. Sie gehörten zur Bande aus Saigon und waren tot. Das war so sicher wie die Gewissheit, dass während des kurzen Gefechts auch die letzte Ratte aus dem Bunker geflüchtet war. Aber einer der Feinde lebte noch. Irgendwo da vorne im pechschwarzen Nichts hatte er sich durch ein leises Geräusch verraten. Vielleicht war er verletzt. Der Captain lauschte und wartete ab.

Auf die beiden Mitstreiter, die hinter ihm lauerten, konnte er sich bedingungslos verlassen. Absolute Regungslosigkeit. Kein Ton. Geduld. Bis der Feind sich verriet.

Warten hatten sie beim Vietcong gelernt. Und es war nicht einmal besonders kalt unter der Erde. Die Temperatur lag deutlich über null. Ganz im Gegenteil zur Oberwelt, die bei minus fünfzehn Grad Celsius in Eis und Schnee erstarrte, während die Christen ihren dritten Advent feierten. Der Captain kannte den Brauch mit dem Kranz aus Tannenzweigen und den vier Kerzen. Er hatte den dazu passenden Spruch oft genug gehört. Advent,Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür ...

Doch im Keller der Metropole ging es nicht auf das Fest der Liebe zu. Es gab keinerlei Grund zur Freude, und es brannte auch kein Licht. Die Hölle war so schwarz wie die Overalls, die er und seine Männer trugen. Für die Langnasen da oben mochten es nur noch eine Woche bis Heiligabend und noch eine mehr bis Silvester sein, für Vietnamesen dauerte es noch anderthalb Monate bis zum Tet-Fest. Vielleicht gab es dann – zum heimischen Neujahr – einen Sieg zu feiern.

Nicht weit entfernt ratterte ein Zug der U-Bahn-Linie 8 vorbei. Der Lärm schwoll an und ab, und dann herrschte wieder Stille – bis tief im Bunker ein einzelner Wassertropfen in einer Pfütze einschlug. Es hörte sich an, als sei ein Ball in einem Teich gelandet. Das Geräusch kam aus dem verfallenen Maschinenraum am Ende des Ganges, in dem es wie in einer Tropfsteinhöhle aussah. An der Decke hing ein gutes Dutzend Stalaktiten, und das Kalkwasser ließ sie beharrlich wachsen und arbeitete Tropfen für Tropfen an den Stalagmiten, die den Boden zwischen den verrosteten Aggregaten der Entlüftungsanlage zierten und wie Spiegeleier aussahen.

Da war wieder das leise Scharren.

Es genügte dem Captain als Orientierung. Er nahm die Stablampe in die Linke, das Kampfmesser in die Rechte und glitt in die Dunkelheit – wie ein Drache, der jeden Winkel seiner Höhle genau kennt und fest entschlossen ist, sie restlos und für immer von unerwünschten Eindringlingen zu säubern.

2

Der Mann mit den rosa Ohrwärmern und der weinroten Säufernase legte die abgezählten Münzen auf den Plastikteller mit der Doornkaat-Reklame, der zwischen den gestapelten Tageszeitungen stand.

Seine Finger zitterten nur leicht. Er agierte mit der angestrengten Sorgfalt des Alkoholikers. Die Frau im Kiosk sah geduldig zu. Das Ritual war eingespielt. Es bestand kein Grund zur Hektik. Mollen-Rudi brauchte Nachschub, und er zahlte immer auf Heller und Pfennig. Sie musterte die roten Äderchen unter seinen Tränensäcken.

„Weißte, wie man sowat in de Fachsprache nennt, Rudi?“

„Een Sechser.“ Er legte das letzte Fünfpfennigstück auf den Teller.

„Ick mein dein Zinken.“

Rudi sah sie aus wässrigen Augen an. „Wat hasse gen meine Nase?“

„Fuselrüssel nennt man det.“ Sie grinste.

Rudi zeigte seine angefaulten Zahnstummel. „Mach du ma nua imma Komplimente, Erna.“

Sie reichte ihm den Flachmann, während der Luftstrom über dem Bahnsteig einen Zug ankündigte und die Titelseiten zum Flattern brachte.

Er steckte die kleine Flasche Duscheleit Gold Brand in die Manteltasche. „Taxi kommt.“ Er hob die Hand zu einem müden Winken. „Also dann – ick muss jezz zum Aamndessen.“

Erna lächelte verständnisvoll. „Wat serviat de Heilsarmee denn heute?“

„Vonwejen Obdachlosenkost.“ Rudi wischte sich einen Tropfen von der Nase. „Ick jehe zu mein Chinesen. Janz wat Feinet.“

„Chinese?“

„Tschingis Khan. Mein neuet Stammlokal.“

„Und wo iss det?“

„Werde ick jerade dir verraten. Hätse wohl jerne, wa?“

Lauter werdendes Grollen kündete den einfahrenden Zug an, während ein Halbstarker mit breiten Schultern und Stiernacken Rudi ungeduldig zur Seite schob. „Jetzt mach endlich mal Platz, Mann.“

Rudi hielt die Stellung und sah dem Jungen trotzig ins Gesicht.

„Wenn du schwerhörig bist, nimm die Kopfhörer ab oder dreh die Musik leiser“, blaffte der Rabauke und wandte sich der Verkäuferin zu. „Ich krieg die neue ...“

„Det sinn Ohrwärmer“, unterbrach Erna. Der Zug donnerte in die Station, und Rudi war schon unterwegs zur Bahnsteigkante.

Der Halbstarke sah ihm nach und schüttelte den Kopf. „Rosa Ohrwärmer?“ Er sah die Frau im Kiosk an. „Na ja, muss ja wohl auch schwule Penner geben. Also, für mich einmal die neue Mega Fun.“

Die Bahnhofslautsprecher knackten laut, bevor eine scheppernde Durchsage erfolgte.

„Sehr verehrte Fahrgäste. Aufgrund technischer Probleme ist der Zugverkehr auf den Linien 1 und 2 zwischen Wittenbergplatz und Nollendorfplatz derzeit unregelmäßig. Wir bitten um Ihr Verständnis.“

„Hat sich ma wieda einer vorn Zuch jeworfen.“ Erna reichte die Zeitschrift nach draußen durch und sah, wie Mollen-Rudi ihr aus einem Wagon zuprostete, bevor er sich einen Schluck aus dem Flachmann genehmigte.

Die Türleuchten des Zuges blinkten orange auf, begleitet vom Hupen des Warntons. Mit einem Zischen schlossen die Türen, und der Zug verschwand ratternd im Tunnel.

3

Mit dem vierten Schuss erwischte Rojana nur noch die Knitterfalten in der braunen Uniformhose des Polizisten.

Er nutzte die Lücke zwischen dem Oberschenkel des Polizeioffiziers und der Taille des Ambulanzfahrers. Der Verschluss der Spiegelreflexkamera winselte dreimal, bevor die Schaulustigen beide Männer enger aneinander drückten. Die Menge war stumm vor Entsetzen, aber Sensationsgier trieb sie wie in Wellenbewegungen immer näher zum Opfer. Der Polizist winkte zum Tempeleingang. Vier Uniformierte kamen ihm zur Hilfe und trieben die Zuschauer mit Worten und ohne jeden Körpereinsatz auseinander.

Rojana schob sich mit dem leitenden Offizier, dem Arzt und der Ambulanz bis zur Leiche durch. Mit hundertzehn gut verteilten Kilo auf einen Meter neunzig war er ein Riese unter Zwergen. Aber nicht nur seine Gestalt bewahrte ihn vor Widerspruch. Die Thais kannten ihn. Als Reporter war er eine Institution. Diejenigen Gaffer, die ihn erst jetzt zu Gesicht bekamen, machten flüsternd Platz, und auch die Davids in Uniform nahmen Goliaths Erscheinen wie etwas Unvermeidbares hin und versuchten ihn, so gut es ging, zu ignorieren.

Es war wieder ein Mädchen.

Das vierte Opfer. Das gleiche Muster. Wieder in einem Tempel deponiert. Erneut in Chinatown. Rojana fotografierte den Leichnam aus verschiedenen Perspektiven. Die Beine der Toten waren auf dem Boden ausgestreckt. Ihr Rücken lehnte am Sockel einer der Buddhastatuen, die vergoldet und zahlreich die überdachten Außenwände des Innenhofs zierten. Die Position des Mädchens erinnerte Rojana an die Haltung, die drei Jahrhunderte zuvor siamesische Edelleute, die sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatten, bei ihrer Hinrichtung hatten einnehmen müssen: mit dem Rücken an einen Pfahl gefesselt. Immer wieder betätigte er den Auslöser und meinte dabei Schwertstreiche zu hören, die klebrige Luft und Nackenwirbel durchtrennten. Die beiden Scharfrichter tanzten um das jeweilige Opfer, das nicht einmal ahnen durfte, wer den Tod austeilte, damit es seinen Schlächter nicht noch in letzter Sekunde mit einem Fluch belegen konnte.

Der Singsang der Mönche, der aus dem Gebäude im Zentrum des Innenhofs herüberklang, holte Rojana in die Wirklichkeit zurück. Der Alltag im Wat Pathum Khongka ignorierte den Tod. Der Tempel war hundert Jahre älter als die Metropole, und im Laufe zweier Jahrhunderte war er zu einer Oase inmitten des Chaos geworden.

Die Offiziellen warteten geduldig, bis er seinen Job erledigt hatte. Dann gingen auch sie ihrer Routine nach. Tony Rojana wandte dem Goldbuddha und seiner Morgengabe den Rücken zu und wanderte durch die Stille zum Ausgang. Drei junge Thais in safrangelben Roben kamen vom Gebet und winkten ihm freundlich zu. Er erwiderte den Gruß mit einer Handbewegung und tauchte in das geschäftige Gewusel der Songwat Road ein, auf der er seinen Wagen geparkt hatte. Der modrige Geruch des Flusses sickerte in die schwüle Hitze. Vor einem Speditionsgebäude luden zwei Lagerarbeiter Säcke auf die Rücken einiger Kulis. Die Tagelöhner schienen nur aus Sehnen, Muskeln und Lederhaut zu bestehen. Die Arbeiter benutzten Stahlhaken, um die Lasten besser greifen zu können. In einem Verschlag standen Jutesäcke mit Reis und Plastiktüten mit Cashew-Nüssen neben Netzen voller Zwiebeln, Knoblauch und Chilischoten. Der Chef des Unternehmens, ein Chinese mit Bürstenfrisur, brüllte Kommandos in Taechiew.

Rojana versuchte, den Gestank von getrocknetem Fisch zu ignorieren, und bewegte sich behände zwischen Lastwagen und Sackkarren auf seinen Toyota zu. Das Keuchen der gebeugten Lastenträger rasselte ihm ins Ohr. Anliefern, abladen, aufladen, wegfahren. An den Fronten der alten Holzhäuser und der modernen Betonklötze von Sampeng, der Chinatown Bangkoks, verdichteten sich die Firmenzeichen zu einem Sammelsurium aus Co., Ltd. & Partners, und während Rojana in die Bruthitze des Wagens stieg, den Motor startete und die Klimaanlage einschaltete, sah er, wie im nächsten Hinterhof zwei uralte Chinesen Mah-Jongg spielten. Vorsichtig fädelte er sich mit dem Toyota in den Verkehr auf der Songwat ein, warf einen letzten Blick zu den Greisen hinüber und wurde Zeuge, wie einer der Männer in eine Blechschüssel spuckte.

Rojana bog nach rechts, in den Lärm der Ratchawong Road, ab. Der Verkehr kam nur schrittweise voran – vorbei an golden glänzenden Hausnummern auf roten Lackschildern – und so hatte er ausgiebig Muße, das Warenangebot auf dem Gehsteig zu begutachten. Für mehr als zwanzig Meter passierte der Toyota Läden und Stände mit Plastikartikeln. Hocker, Kleiderbügel, Tassen, Wäscheklammern, Eimer und Abfalltonnen. Es folgten einige Meter, die dem Angebot von Nähmaschinen vorbehalten waren. Dann ein Abschnitt exklusiv für Waagen. Und dazwischen immer wieder aufblasbare Weihnachtsmänner in allen Größen. Buddhisten waren tolerant, und der internationale Kommerz nutzte es. Bangkok im Vorweihnachtsrausch, das war nichts Ungewöhnliches für Rojana. Er war Buddhist, aber auch der Sohn eines Katholiken.

Mitten auf der Fahrbahn kämpfte ein Verkehrspolizist mit nervender Trillerpfeife und theatralischen Armbewegungen vergeblich um Ordnung. Ein Lastwagen blies seine Abgasfahne zwischen die Passanten, und für einen Moment verlor Rojana die Nudelküche aus den Augen, deren Anblick ihn hungrig gemacht hatte. Es war noch zu früh für ein Mittagessen. Außerdem musste er auf sein Gewicht achten – auch wenn sein Magen anderer Meinung war. Als der Dieselschleier sich auflöste, bemerkte er den Berg aus Plüschtieren, der direkt neben dem dampfenden Kessel aufragte. Bugs Bunny ließ ein Ohr in die Suppe hängen.

Rojana grinste noch über den Hasen, als er den Mann erkannte, der hastig die enge Soi Wanit ansteuerte, in der nur Fußgänger und Motorradfahrer vorankamen. Roger Wayday. Der lange Dürre. Der rotblonde Schopf des Kanadiers flackerte wie ein Irrlicht in der Masse der Passanten auf, durch die er sich schnellen Schrittes, aber ohne Rempelei vorankämpfte. Mit einer abrupten Lenkbewegung zog Rojana den Toyota an den Bordstein und rammte sich zwischen Reisstrohballen und Stapeln nagelneuer Autoreifen einen Parkplatz frei. Noch bevor die Protestrufe der Händler zu ihm durchdrangen, hatte er sich aus dem Wagen gewuchtet, ließ die Zentralverriegelung zuschnappen und nahm im Laufschritt die Verfolgung auf.

Als er den Rotblonden eingangs der Soi Wanit erneut im Blick hatte, fiel er ins Gehtempo und hielt ausreichend Abstand. Beiderseits der Gasse zweigten immer wieder neue Gässchen ab. Sie waren oft nur einen Meter breit. Schmale Spalte, die in die Häuserfront schnitten. Er war froh, dass der Dürre geradeaus lief, denn im engmaschigen Netz der Seitenwege hätte er keine Chance gehabt, dem Mann schnell genug zu folgen.

Eine Sackkarre und ein Motorroller blockierten den Weg. Rojana blieb einen Augenblick stehen, um im Stau nicht zu dicht auf den wartenden Kanadier aufzulaufen. Dann war die Soi wieder passierbar, und der Menschenstrom floss weiter. Ein Eisverkäufer bimmelte in das geschäftige Summen. Eine junge Frau bot den Vorbeiziehenden grüne und reife Mangos an. Der Dürre mit den rotblonden Haaren blieb vor einem Bettler stehen, der auf dem Boden hockte. Der Mann hatte beide Beine amputiert und spielte Flöte um ein Almosen. Rojana wartete ab. Eine kahl geschorene Nonne in weißer Robe trippelte vorbei, während der Dürre immer noch lauschte, als habe die Melodie des Bettlers ihn verzaubert.

„Gib ihm schon was, und beweg dich“, knurrte Rojana. Er trat in den Schatten einer Markise und sah zu, wie sich der Kanadier mit geschlossenen Augen langsam zum Klang der Musik wiegte und selig lächelte. Der Krüppel setzte das Instrument ab, und für einen Augenblick schien es, als bewege er die Lippen. Dann schob er das Mundstück erneut zwischen die Zähne und spielte weiter. Rojana konzentrierte sich wieder auf den Kanadier und dachte: Hoffentlich fängt er nicht noch an zu tanzen.

Als wolle er der Bitte Folge leisten, spendete Wayday eine Münze und setzte seinen Weg fort. Er passierte einen Laden für Geschenkschleifen und Wachspapierblumen und weitere Läden, die sich auf Knöpfe, Keramik, Porzellan, Hüfthalter und Fußmatten spezialisiert hatten. Rojana stieg der Duft von Essen in die Nase. Hungrig musterte er Früchte, Fleisch und Nudeln. Einfach köstlich! Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Er schluckte und sah gebannt zu, wie eine Matrone kleine Portionen Klebereis auf Bananenblätter verteilte. Es war die reinste Folter. Trotzdem gelang es ihm irgendwie weiterzulaufen und den Blick wieder geradeaus zu richten. Er spürte, wie ihm das Hemd am Körper klebte. Und zu allem Überfluss wurde nur wenige Meter weiter Nachtisch in Form von zuckerschweren Süßigkeiten und bunten Plätzchen angeboten. Er stöhnte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, sehnte sich nach klimatisierten Räumen und gepflegten Speisen. Vielleicht doch auf die Schnelle eine winzig kleine Delikatesse? Er riss sich zusammen.

Fuck Roger Wayday!

Diszipliniert schleppte er sich weiter. Nur Sekunden später wurde ihm klar, dass er den Kanadier aus den Augen verloren hatte.

4

„Wo ist der Penner denn jetzt abgeblieben?“

Der Zugabfertiger schob seine Schirmmütze ins Genick, schaute zum Ende des Bahnsteigs und dann weiter über die schneebedeckte Trasse der S-Bahn bis zu der dunklen Tunnelöffnung, von der aus die Strecke weiter unter der Erde verlief. „Eben war er noch da. Der Typ hängt in letzter Zeit häufiger da draußen, am äußersten Ende, rum. Ganz alleine. Ich habe Angst, er fällt mal auf die Gleise und kommt nicht mehr rechtzeitig vor dem nächsten Zug vom Schotter hoch.“

„Wenn er nicht vorher vom Starkstrom pulverisiert wird“, brummte einer der beiden Männer vom Sicherheitsdienst und kraulte seinem Rottweiler das Ohr.

Der Zugabfertiger zuckte mit der Schulter. „Tut mir leid Leute. Fehlalarm. Der Heini hat sich einfach in Luft aufgelöst.“

„Ich denke eher, der fährt inzwischen schwarz und wärmt sich auf“, sagte der Hundeführer.

„Wenn der eingestiegen wäre, hätte ich es mitgekriegt“, beharrte der Zugabfertiger auf seinen Überblick. „Die rosa Ohrwärmer sind nun wirklich nicht zu übersehen.“

5

Der Dürre hatte sich in Luft aufgelöst.

Rojana war wütend auf sich selbst. Das kam davon, wenn man mit leerem Magen arbeitete. Er musterte die Stelle, etwa dreißig Meter voraus, an der er den Kanadier zum letzten Mal gesehen hatte. Aber die Häuser, Läden und Menschen der Soi Wanit lieferten ihm keinerlei Hinweis, wo er hätte suchen sollen. Frustriert steuerte er den Stand mit den Süßigkeiten an und kaufte sich was zum Knabbern. Er naschte und lauschte dem entfernten Flötenspiel des Bettlers. Die Melodie hielt sich hartnäckig im Ohr – als wolle sie ihm etwas sagen. Der steigende Blutzuckerspiegel tat das Seine dazu. Im Slalom hastete er zurück, vorbei an Passanten und Motorradfahrern, bis er vor dem Mann mit den amputierten Beinen stand. Fahrig nestelte er drei Hundert-Baht-Scheine aus der Hemdtasche und hielt dem Bettler das Geld hin.

Überrascht setzte der Mann die Flöte ab. Er starrte erst das Geld und dann den Riesen an, der es ihm offerierte.

„Das kannst du dir verdienen.“

„Was soll ich spielen?“

„Das Konzert kannst du dir sparen. Vor etwa zehn Minuten hattest du einen Zuhörer. War wohl ein Fan von dir. Er konnte gar nicht genug von deinen Weisen bekommen, war richtiggehend entzückt ...“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Lang, dürr, Haare wie Feuer.“

Auch das schien dem Flötenspieler nicht weiterzuhelfen.

„Was hast du dem Mann ausgerichtet?“

„Welchem Mann?“

Rojana schnaufte und zwang sich zur Geduld. Er spürte, wie sein Blutzuckerspiegel wieder absackte. „Wie viel?“

Langsam erholte sich der Bettler vom Gedächtnisschwund, und sein Lächeln wurde zum Grinsen. „Fünfhundert!“

Rojana holte noch zwei Hunderter aus der Tasche und zeigte dem Bettler die fünf Scheine. „Fünfhundert. Und wenn ich zufrieden bin, leg ich noch einen drauf.“

„Okay“, lenkte der Bettler ein. „Ich weiß aber nicht, wer er ist ...“

„Mach dir darum keine Sorgen. Ich kenne den Typ. Was hast du ihm gesagt? Du hast deine Flöte aus dem Mund genommen und ihm was geflüstert. Ich habe es genau gesehen.“

Der Bettler schluckte und starrte auf die Baht-Noten. „World Hotel. Erster Stock. Zimmer zwölf.“

„Hier in der Soi?“

Der Bettler nickte und gab mit dem Daumen die Richtung an. „Fast am Ende der Gasse. Direkt neben der New Gold Jewelry.“ Vorsichtig nahm er die Scheine an sich.

Rojana zückte noch einen Hunderter und winkte damit. „Und wer hat ihm das ausrichten lassen?“

Für einige Sekunden hatte Geldgier das Gesicht des Bettlers zum Leuchten gebracht, aber kaum war die Zusatzfrage gestellt, erstarrte es in Todesangst.

Tony Rojana hatte ein Gespür für Limits. Mehr war aus dem Mann nicht rauszuholen. Der Krüppel zitterte. Rojana verzichtete auf die Antwort und warf den Bonus neben die Beinstümpfe, bevor er dem Ende der Gasse zustrebte.

World Hotel!

Die Robe des Mannes hinter dem Empfangstisch war mit Abstand das Eleganteste, was die Absteige zu bieten hatte.

Rojana schloss für einen Augenblick die Augen. Ein Mönch an der Rezeption? Als er erneut hinsah, war der Schädel des Mannes immer noch rasiert. „Vielleicht können Sie mir weiterhelfen, ich ...“

Der Mönch war jung und lächelte verlegen, als er unterbrach. „Ich bin nur der Bruder.“

„Bruder?“

„Mein Bruder holt sich was zu essen. Er ist gleich wieder hier.“

Wieder das Lächeln. „Ich besuche ihn nur.“

„Dann muss ich mir den Weg wohl alleine suchen.“ Rojana nahm die Treppe.

Im ersten Stock stand ein leerer Vogelkäfig. Aus einem der Zimmer tönte klebriger Thai-Pop, bis jemand das Radio leiser stellte. Das schlierige Gelb, in dem die Wände gestrichen waren, und die braunen Flecken im Putz, vermittelten den Eindruck, der ganze Gang sei mit räudigem Leopardenfell tapeziert.

Rojana schnupperte. Er kannte den Geruch. In allen Varianten. Abgestanden, parfümiert, frisch verspritzt, wie auch immer: Schweiß und Sperma. Er war in einem Puff. Das war sicher. Ein heruntergekommenes Bordell mit einem Mönch als Aushilfe am Empfang. Das war Bangkok. Und einer der Gründe, warum er diese Stadt so liebte. Nichts war unmöglich. Alles war entschuldbar. Toleranz war Gesetz.

Er hörte ein lautes Japsen, gepaart mit Stöhnen, unterlegt vom Pochen eines Bettgestells und quietschenden Sprungfedern. Die Geräusche führten ihn zu einem Zimmer am Ende des Ganges.

Nummer 12.

Rojana verharrte vor der Tür, starrte auf die 12 und konnte sich alles genau vorstellen.

Die Nutte, wahrscheinlich noch ein halbes Kind, auf Ellenbogen und Knien. Der Kanadier wie ein Bock über ihr, sein Schwanz so dürr und lang wie Roger Wayday himself. Ekelhaft. Und dann dieses Gegrunze. Die Nutte tat ja nur so. Die Mädels sangen so hoch, wie der Einsatz war. Ab und zu bettelten sie sogar: Fick mich, fick mich oder Jaaahhh, tiefer! Die da drinnen nicht. Trotzdem. Alles schon gehört. Immer dieselbe Platte. Die Braut auf der anderen Seite der Tür hörte sich etwas unnatürlich an. Ihr Japsen klang eine Spur zu metallisch. Auch der Dürre grunzte ziemlich tief.

Was sollte das Ganze? Rojana wandte sich ab.

Insgeheim hatte er gehofft, den Kanadier endlich bei einem wichtigen Kontakt mit seinen Auftraggebern überraschen zu können. Wayday war kein Großer. Aber auch kleine Fische verhalfen einem gelegentlich zu einem großen Fang. Der Kanadier hatte Dreck am Stecken. Eindeutig. Aber anstatt den besten Reporter in der Stadt direkt zur Quelle eines Aufmachers zu lotsen, ging der Kerl einfach zum Vögeln. Es war nicht zu fassen. Verplemperte Tony Rojanas Zeit. Hurte rum. Trieb es mit einer gemieteten Puppe. Nicht mal zum Essen kam man wegen dem Typ.

Das machte Rojana nun wirklich zornig.

So zornig, dass er am oberen Treppenabsatz kehrt machte, den Gang hinunterstürmte und Selbstgespräche führte.

„Ich muss diesem gelbrot behaarten Knochengerüst wenigstens den Fick vermiesen!“

Rojana starrte erneut auf die Zimmernummer.

Dann trat er mit dem rechten Fuß zu. Die Tür knallte in den Raum, schlug hart gegen die Innenwand und gab den Blick auf das Bett frei. Es war frisch bezogen und leer. Kein nacktes Paar. Keine Frau. Nur drei bekleidete Männer. Sie saßen auf Klappstühlen vor einem Fernseher, ohne dem Programm weiter Beachtung zu schenken. Stattdessen sahen sie dem Eindringling entgegen.

Rojana blieb konsterniert stehen.

Roger Wayday stand zunächst der Mund offen, dann grinste er und rubbelte sich mit einer Hand nervös die Karottenhaare. Der ältere Chinese trug einen konservativgrauen Einreiher zu weißem Hemd und dunkler Krawatte und zeigte ein ernstes Gesicht. Die Brille mit dem schweren Hornrahmen machte die Miene noch düsterer. Der jüngere Chinese hatte etwas Modernes von Armani an, machte schmale Lippen und zielte mit einem Revolver auf den unerbetenen Besucher.

Rojana nahm die Hände hoch, grinste kurz in die Mündung und schaute dann auf den Bildschirm über dem Videogerät. Die Stellung stimmte. Ansonsten entsprach der Porno nicht den Fantasien, die er auf dem Flur entwickelt hatte. Laut genug ging es immer noch zu.

„Stell den Ton leiser“, sagte der ältere Chinese zum Kanadier.

Der Dürre war dankbar für die Vorgabe. Fahrig machte er sich am Lautstärkeregler zu schaffen, bis das Paar auf dem Bildschirm seiner Beschäftigung stumm nachging.

„Machen Sie die Tür zu, und setzen Sie sich“, sagte der Senior und deutete zum Bett.

Rojana kam der Aufforderung nach. Widerspruch war in dieser Situation nicht das Richtige. Mit Bedauern dachte er an den Toyota. Der Wagen war sein Werkzeuglager. Ein Schnellfeuergewehr, eine Magnum, drei Handgranaten, Tränengas. Selbst der Spaten hätte jetzt nützlich sein können. Aber er hatte ja nichts Besseres zu tun, als unbewaffnet hinter diesem Kleinkriminellen herzurennen. Nicht mal Kamera und Tonband waren dabei.

„Wir hatten bislang noch nicht die Ehre“, sagte der ältere Chinese. „Ich darf mich vorstellen. James Yang. Sie werden noch nicht von mir gehört haben – hoffe ich.“ Er lächelte sparsam. „Sie hingegen sind uns natürlich ein Begriff.“ Er ließ das Kompliment einige Sekunden auf den Eindringling einwirken und fuhr dann mit amüsiertem Unterton fort: „Der große Tony Rojana. Der erfolgreichste Bluthund, den Thailands größtes Boulevardblatt aufzubieten hat. Angeblich ständig im Einsatz und auf alle Eventualitäten vorbereitet. Umso erstaunter bin ich, Sie weder angemeldet noch bewaffnet zu sehen ...“

Rojana schnaubte ergeben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als weiter zuzuhören.

Der Armani-Chinese versuchte, sich am Gespräch zu beteiligen. „Deine Mutter hat’s wohl mal mit ’nem Neger gemacht“, kommentierte er Rojanas dichtes Kraushaar und den üppigen Hängeschnäuzer.

„Lass die Sprüche, Richy, und steck den Revolver weg. Wir wollen uns doch bitte wie Gentlemen benehmen“, befahl James Yang, bevor er Rojana zulächelte. „Entschuldigen Sie bitte sein Benehmen.“ Dann wieder zu Richy: „Der Mann ist so sehr Thai wie du und ich – auch wenn sein Vater Amerikaner war.“ Er sah Rojana an, als erwarte er Beifall.

Rojana betastete die Narbe über seiner linken Augenbraue. „Er war aus Puerto Rico.“ Er hatte gute Lust, Richy zu tranchieren.

Einige Zimmer weiter sülzte erneut Popmusik aus dem Radio und untermalte die Aktionen auf dem Bildschirm. Rojana konnte gut erkennen, was das Paar trieb. Es inspirierte ihn zu einer kleinen Provokation. Irgendwie musste er Bewegung in die Sache bringen. Er grinste dem Kanadier dreist ins Gesicht und deutete zum Bildschirm. „Da kannst du genau sehen, was du bist, Roger: Ein mieser Schwanzlutscher!“

Noch bevor Wayday darauf reagieren konnte, befahl ihm Yang: „Schalt das Zeug ab.“

Der Dürre gehorchte. Mehr als einen beleidigten Gesichtsausdruck hatte er Rojana sowieso nicht entgegenzusetzen.

James Yang befingerte seine Krawatte. „Dies ist wohl nicht der angemessene Ort für ein wichtiges Gespräch. Ich schlage vor, Sie gehen jetzt und ...“, der Blick, den er auf seine goldene Armbanduhr warf, war lang genug, um alle Brillanten zu zählen, „... in einer Stunde treffen Sie mich im Ming Palace im Indra Hotel. Ich lade Sie zum Jam Cha ein, und wir lernen uns bei der Gelegenheit ein wenig besser kennen.“

Der kleine Mittagsimbiss, der ihm in Aussicht gestellt wurde, lockte Rojana mehr als mögliche Informationen. Mit hungrigem Magen war schlecht arbeiten. Er erhob sich und nickte.

Yang deutete zur Tür. „Ich wusste, wir verstehen uns.“

Bevor der Reporter das Zimmer verließ, musterte er Armani-Richy noch einmal, um ihn an die offene Rechnung zu erinnern. Dann sah er Wayday in die Augen, schüttelte den Kopf und sagte: „Roger, Roger ... Ich bin enttäuscht. Dachte wirklich, du schiebst hier eine ganz große Nummer.“

6

Mollen-Rudi schwebte wie ein Schlafwandler die Trasse entlang.

Eingehüllt in seinen abgewetzten Armeemantel und eine dichte Alkoholfahne strebte er vorwärts, jenem süchtigmachenden Duft entgegen, der ihn Monate zuvor zum ersten Mal zur Futterkrippe gelotst hatte. Die Fidschis hatten ihn zwar eine – ihm endlos erscheinende – Weile lang gemustert, als er damals überraschend und unerwartet in ihrer Küchenrunde aufgetaucht war, hatten ihn aus schmalen Augen wie einen möglichen Todeskandidaten abgeschätzt, dann jedoch auf seine Hinrichtung verzichtet und eine Schüssel Nudelsuppe für ihn abgezweigt, wie einen Knochen, den man einem streunenden Köter überlässt. Seitdem war er immer wieder zurückgekommen, um seine Brühe zu löffeln und dabei dem seltsamen Gezwitscher zu lauschen, in dem sich die Asiaten unterhielten. Bislang war es ihm nicht gelungen, sich auch nur einen Brocken der fremden Sprache anzueignen. Dafür war er inzwischen ein überzeugter Anhänger der vietnamesischen Küche.

Rudi kam für einen Moment ins Stolpern, fing sich und hastete weiter.

Currywurst und Asyleintopf waren nur noch zweite Wahl für ihn. Er fühlte sich zunehmend wohler im Kreis der kleinen Männer aus der Fremde. Im Ernstfall war sicher nicht mit ihnen zu spaßen. Manchmal hatte er die eine oder andere Waffe zu Gesicht bekommen. Trotzdem fühlte er sich nicht bedroht. Vermutlich handelten sie mit geschmuggelten Zigaretten. Die Fidschis waren gut im Geschäft. Das stand jeden Tag in der Zeitung. Doch so genau wollte er es gar nicht wissen. Obwohl – nach seinem ersten Besuch hatte er für einen Augenblick daran gedacht, die Männer zu verpfeifen. Aber was brachte das? Er hatte schon genug Probleme. Außerdem hatte er selber hier unten auch nichts mehr zu suchen. Gut, ab und zu spielte er noch mit dem Gedanken, die Truppe um ein paar Stangen zu erpressen – aber das war ihm dann doch zu gefährlich. Regelmäßig warmes Essen war nicht zu verachten, und von seinem Schnaps wollten die Gastgeber auch nichts abhaben. Sein Magen knurrte, und das Vibrieren in der Bauchdecke trieb ihn weiter vorwärts.

Er erreichte die Schienengabelung. Ein hell erleuchteter Zug ratterte heran, vorbei und davon, während er nach links abbog und die nur selten genutzte Betriebsstrecke entlanglief, an der auch das blinde Tunnelstück lag, in dem seine Fidschis Quartier bezogen hatten. Er kannte sich gut hier unten aus. Was hieß gut? Hervorragend! Schließlich war Rudi Koslowski in seinen besten Zeiten einer der herausragenden Streckenläufer der Berliner Verkehrsbetriebe gewesen. Offiziell und mit orange leuchtender Signalweste. Heutzutage schlich er in gedecktem Grau aus ausgemusterten Beständen der Nationalen Volksarmee durch die Unterwelt, und auch die rosa Ohrwärmer trug er nicht wegen der Sicherheitsvorschriften. Aber damals, das waren noch Zeiten gewesen!

Bis der Suff ihm auch das vermasselt hatte. Zunächst wurde er von seinen Vorgesetzten zur Betreuung gelegentlicher Besuchergruppen abgeschoben. Journalisten, Politiker und Touristen. Dann feuerte man ihn, weil er diese Gruppe aus Bonn, darunter auch einige Bundestagsabgeordnete, in einen nicht gesicherten Waisentunnel geführt hatte. Ein übergewichtiger Politiker war dabei durch die angefaulte Stufe einer Holztreppe gebrochen und hatte sich fünf Meter tiefer auf dem Betonboden einer verlassenen Schildvortriebskammer das Wadenbein gebrochen. Er erinnert sich noch ganz genau: Er hat den Fettwanst nicht im Auge, weil er selber gerade damit beschäftigt ist, mittels dramatischer Gesten und Worte zu verdeutlichen, wie dazumal bei den Tunnelbauarbeiten die riesige Schildvortriebsmaschine in die offene Kammer hinabgelassen wurde. Er zeigt dabei auf die Fläche in der Decke, die man später wieder zubetoniert hat, und versucht, die enorme Bohrmaschine für die Nichttechniker vorstellbarer zu machen, indem er das bewährte Bild vom mechanischen Maulwurf strapaziert, der langsam eine Röhre durch die Erde frisst – da passiert plötzlich dieser blöde Unfall. Bei anschließenden Rechtfertigungsversuchen war seine legendäre Schnapsfahne wenig hilfreich gewesen. Na ja, das war alles Geschichte. Die neuen Kollegen kannten ihn gar nicht mehr. Das hatte auch seine Vorteile.

Er konnte das Streckentelefon erkennen, das zwanzig Meter voraus im Schein der Neonleuchten an der Tunnelwand hing. Ab und zu juckte es ihn, den Hörer abzuheben und sich beim zuständigen Stellwerk zu melden. Der Hunger trieb ihn vorwärts. Der gut begehbare Betonstreifen, der neben dem Gleistrog verlief und im Ernstfall genügend Platz für eine Person zwischen Zug und Tunnelwand bot, ging zu Ende. Er wechselte zwischen die Schienen und lief über die Holzschwellen weiter. Es war mühsam, denn der Schwellenabstand lag knapp unter normaler Schrittweite, dadurch kam man ins Trippeln. Die engen Gefahrenstellen waren mit weiß-rot-weißen Wandstreifen markiert, die jedem Fußgänger signalisierten, in dieser Zone besser nicht stehen zu bleiben.

Weiter voraus leuchtete ein königsblaues Signallicht, das einen Notausstieg markierte. Während auf der inzwischen weit zurückliegenden Hauptstrecke ein Zug vorbeirumpelte, passierte er eine Treppe, die, wie er wusste, nach oben, in den verlassenen Rohbau einer geplanten Station mit einem nie in Betrieb genommenen Kassenhäuschen, führte. Es war jetzt nicht mehr weit bis zum blinden Tunnel. Hinter der an dieser Stelle ein Meter dreißig dicken Betonmauer lag eine weitverzweigte Bunkeranlage. Aber das alles interessierte ihn im Moment nicht sonderlich. Er hatte nur Hunger.

7

Als Tony Rojana aus der Soi Wanit auf die Ratchawong Road kam, sah er zwei Gestalten, die sich an seinem Toyota zu schaffen machten.

Er bewegte sich bereits im Laufschritt, denn um es zu dieser Tageszeit im Wagen in einer Stunde von Chinatown zum Indra Hotel zu schaffen, brauchte es nicht weniger als ein Wunder. Wie eine Dampflock schob er sich auf die Ganoven zu. Den Mittelgewichtler, der das Schloss der Beifahrertür untersuchte, rammte er mit einem Bodycheck, der dem Mann den Seitenspiegel in die Nieren trieb. Den Hänfling am Kofferraumschloss schickte er mit einem Schwinger in die Reisstrohballen. Der Mittelgewichtler gab nicht auf, und Rojana erledigte ihn mit einem Aufwärtshaken. Der Schlag warf den Mann gegen einen Stapel Autoreifen, der bedrohlich wankte, dann kippte und den Geschlagenen unter sich begrub. Dazu war das laute Jammern des Händlers zu vernehmen, der sich nicht aus seinem Laden traute.

Rojana würdigte keinen der Männer eines weiteren Blickes und ging zur Fahrertür. Dort wartete schon der Verkehrspolizist und lächelte ihm selbstzufrieden entgegen, ohne dabei die Trillerpfeife aus den Zähnen zu lassen.

„Verpiss dich“, knurrte Rojana.

Die nikotingelben Zähne des Uniformierten gaben die Pfeife frei, und sie fiel, bis die Kordel sie vor der Brust stoppte. „Falsch geparkt“, stellte er fest. Den Autostrom, der mit gellendem Hupkonzert zum Stillstand kam, ignorierte er, und den Diebstahlversuch hielt er wohl für erledigt.

Rojana baute sich vor dem Uniformierten auf und deutete mit dem Daumen in den Stau. „Kümmer dich um die Blechlawine.“

Der Polizist blieb gelassen. „Ich habe Feierabend. Vielleicht kannst du mich ein Stück mitnehmen?“ Er rückte den Revolver an seiner Hüfte zurecht.

Um keine weitere Zeit zu verlieren, beschränkte Rojana sich auf ein knappes Nicken zur Beifahrertür. Der Typ wollte geschmiert werden. Das konnte er ihm auch unterwegs ausreden. Mit Hilfe eines Verkehrspolizisten kam er sogar schneller durch den Mittagsverkehr. Noch bevor sein Beifahrer Platz genommen hatte, ließ er die Sirene des Toyota aufjaulen, zauberte ein Megafon aus dem Fußraum hinter seinem Sitz hervor und drückte es dem Mann in die Hand.

Verblüfft glotzte der Polizist das Megafon an.

„Bringt mehr als deine Pfeife.“ Rojana öffnete die Scheibe auf der Beifahrerseite per Knopfdruck. „Los, mach deinen Job!“ Zur Bekräftigung ließ er die Sirene erneut aufheulen.

Zögernd schob der Uniformierte das Sprachrohr ins Freie und brüllte – erst verhalten, dann mit zunehmender Freude – die Normalsterblichen in bester Konvoibegleitermanier an, links ranzufahren.

„Say-say-say!“, quäckte es aus dem Megafon.

Rojana ließ die Sirene jubeln.

Nach zwanzig Minuten brachte der Toyota es immerhin auf vierzig Kilometer pro Stunde.

Rojana sah auf die Uhr und grinste den Polizisten aufmunternd an. Der Mann arbeitete gut. Normalerweise hätte er die Kröte direkt zum nächsten Revier gefahren, um dort Anzeige zu erstatten. Unter den gegebenen Umständen zog er eine angemessene Entschädigung in Betracht.

Die Psyche eines Polizisten gab Rojana keine Rätsel auf.

8

Das alte Gemäuer in der Keithstraße 30 sah an diesem hellen Wintertag einigermaßen freundlich aus, auch wenn die Nachmittagssonne langsam an Kraft verlor.

Romy Asbach stand auf dem gegenüberliegenden Gehsteig und starrte auf die Front mit den grob behauenen Steinen und den altmodisch hohen Fenstern. Unter der Hausnummer hing das grüne Schild mit dem Wappen des Berliner Bären im goldenen Polizeistern. Delikte am Menschen. Ihr ehemaliger Arbeitsplatz. Wie oft hatte sie die Eingangshalle betreten und den vertrauten Zivilisten im Auskunftsschalter gegrüßt, bevor sie die Freitreppe in den ersten Stock hinaufgestiegen war? Wie oft hatte sie einen Blick auf die runde Uhr geworfen, die mit ihren goldenen Zahlen auf einem schwarzen Ziffernblatt wie ein Symbol unter der Decke hing? Was trieb sie her? Die Erinnerung daran, ein gut Teil ihres Handwerks in dieser Dienststelle gelernt zu haben oder die Bitterkeit darüber, gerade hier eine erste empfindliche Niederlage erlitten zu haben? Damals war ihr kein Fehler unterlaufen. Sie war an der Politik gescheitert. Die Amis hatten sie an das Besatzungsrecht erinnert, das in Westberlin galt. Eine Deutsche war von einem GI vergewaltigt und erwürgt worden. Nicht von dem Schwarzen, der lange unter Verdacht stand. Und kaum hatte sie den weißen Täter überführt, nahm ihr die Militärpolizei den Fall aus der Hand und setzte den Mann in einen Flieger nach Frankfurt am Main und weiter nach New York.

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