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Ein Kriminalroman im Berlin der heutigen Zeit. Es geschieht ein Mord, der keiner sein sollte, an einem von zwei Münchner Freunden, die mitten im Neubeginn in der Hauptstadt stehen. Wer ist mit der Aufklärung des Mordes beschäftigt? Wie ist die Stadt, wie die näheren Umstände beschaffen? Auf der Suche nach Antworten wird man selbstverständlich einem Team von Kriminalpolizisten begegnen dazu einer Polizei- und Gerichtsjournalistin, die eigene Wege geht und individuelle, ungewöhnliche Quellen nutzt. Ein zweiter Mord mit denselben Mitteln wirft die berechtigte Frage auf, wer will zwei Mediziner und aus welchem Grunde aus der Welt schaffen und: Haben die Morde miteinander zu tun?
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Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Inhaltsverzeichnis
Berlin Zyankali1
1 - Zoller 1
2 - Katharina.8
3 – Die Pension.10
4 - Pension zum Zweiten.14
5 – Hausers Geheimnis.17
6 – Von oben betrachtet 20
7 – Der Notar 22
8 - Kriminalistik.25
9 - Husky.29
10 – Das Zyankali 34
11 - Kaffeedurst 38
12 – Bella Italia.44
13 – Im KaDeWe.51
14 – Bahnhof Zoo.54
15 – weibliche Logik.60
16 – Frühstück mit Zyankali 64
17- Der Professor 72
18 - Franky.75
19- Ein Unfall und die Folgen.83
20- Der Handel blüht 89
21- Die Schlinge zieht sich zu.95
22 - Panama Obligado.99
23 – Karneval der Kulturen.103
24 – Kreuzberger Finale.106
Berlin Zyankali
Das Geraune nahm zu. Die Gruppe Polizisten geriet in Bewegung und steuerte auf ein Ziel zu. Das Stimmengewirr wurde lauter, man hörte einzelne Rufe, es entstand ein allgemeines Gejohle und Getöse, aus dem Verbund hoben sich einzelne Arme und bald hörte man den einstimmigen, skandierten Ruf: „Zoller, Zoller, Zoller!“
Der so Gerufene ging bedächtig auf eine seltsame Gerätschaft zu. Er war einer der wenigen, der Zivil trug, schwarzes Hemd und schwarze Hose, darüber ein lockeres hellbeiges Jackett. Die Meisten hatten hier, im Hof des Berliner Polizeiausbildungsplatzes ihre Uniformjacken und Mützen abgelegt, der warme Mai-Abend und die gute Stimmung luden dazu ein. Die sich langsam senkende Sonne blitzte und reflektierte auf dem Rettungssimulator: Ein Polizeifahrzeug war derart in eine Apparatur eingespannt, dass man es 360° um die Längsachse drehen und es in jeder beliebigen Seitenlage, auch auf dem Kopfe stehend, arretieren konnte. Es diente zur Übung, wie man sich aus einem verunfallten Auto befreien konnte.
Hauptkommissar Hartwig Zoller war nicht –wie die anderen- für eine Übung an oder besser in diesem Gerät vorgesehen, er wollte lediglich auf seinem Weg in den Spätdienst einen Kollegen abholen.
Als man ihn entdeckt hatte, zündete sofort die Idee, ihn, den derzeit Ranghöchsten, in diesem fürchterlichen Gerät zu sehen, ihn zu beobachten bei seinen quälenden Versuchen, sich aus den Gurten zu befreien und aus dem Auto zu schlängeln.
Zoller versuchte sich zu erinnern, wie es damals war, als er das letzte Mal diese Übung absolviert hatte, an was zu denken, was zu vermeiden war. Doch schon hatte man ihn zum Auto gedrängt und ihm wurde heiß.
Er hatte für seine sechsundvierzig Jahre einen gut trainierten Körper zu bieten, ging gerade noch als schlank durch und selbst mit seinen kurzgeschnittenen, leicht angegrauten Haaren nahm man ihm den Mittdreißiger ab. Er galt als cool, weil selten die Pferde mit ihm durchgingen, man brachte ihm Achtung entgegen, da er nicht vorschnell zu urteilen pflegte und seine Maßstäbe den Situationen anzupassen in der Lage war.
Er blieb kurz vor der Maschinerie stehen, drehte sich zu seinen johlenden Kollegen um, hob die Hand und wartete, bis es still war. Dann sagte er: „Ich weiß, was ihr wollt. Gut, ihr sollt es haben!“ Das Zuschlagen der Tür schnitt den Applaus mit einem Schlage ab. Der Instrukteur war auf dem Beifahrersitz zugestiegen und bediente die Mechanik. Als der Wagen sich langsam zu drehen begann, hörten sie das Gejohle aufs neue und als der Wagen kopfüber stehen blieb und das Blut in die Köpfe der beiden Insassen schoss, brauste ein ungeheures Freudengeheul durch die geschlossenen Fenster. Dem Hauptkommissar im Inneren des Autos war durchaus nicht freudig zumute. Er hatte vergessen, wie die Drehung um die eigene Achse selbst einen gestandenen Seemann umwerfen konnte und rang mit dem Würgegefühl. Die zerrenden Gurte rissen grausam an seinem Schlüsselbein.
In diesem Moment ging sein Handy. Es spielte den Flohwalzer und steckte, von den Sicherheitsgurten gefesselt, unerreichbar in seiner Hosentasche. Er wechselte einen Blick mit dem Trainingsleiter, der wie er, kopfüber auf dem Beifahrersitz hing und rief gegen das Geschrei von draußen ihm zu: „Mein Chef!“ Worauf der Trainingsleiter zurückrief, ob er den Wagen aufrichten solle. „Nein!“, wehrte Zoller ab, „sagen Sie mir nur, wie ich an das Handy kommen kann.“
Den Kollegen, die draußen im Halbkreis um die Apparatur immer noch riefen und johlten, bot sich folgendes Bild: Der Hauptkommissar im Wagen stützte sich mit einer Hand über dem Kopf nach unten ab, entledigte sich des Gurtes, was einen Ruck durch den Wagen gehen ließ, stocherte in seiner Hosentasche und nahm dann langsam ein Handy ans Ohr. Das Gejohle steigerte sich. Der Trainingsleiter hatte sich in der Zwischenzeit befreit und war aus dem Wagen gesprungen, um dem Kommissar beim Aussteigen behilflich zu sein. Dieser rutschte hinter dem Lenkrad hervor, die Knie über dem Kopf gewinkelt, wand sich auf dem Innendach mit den Ellenbogen voran, bis er die Hand des Trainers erfassen konnte und zog sich hoch. Applaus ertönte, Zoller strich sich sein Jackett glatt, steckte das Handy in die Innentasche und ging langsam und nur für Leute, die ihn kannten, leicht hinkend auf seinen Kollegen Wanzke zu. Wanzke öffnete seinen Mund, aber Zoller schnitt ihm das Wort ab: „Los, zum Wagen. Anruf vom Chef, habe kein Wort verstanden. Fritz, tu mir den Gefallen und fahre du. Und bitte, gehe ganz langsam zum Wagen!“ Als sie eingestiegen waren und er sich den Sitz und die Rückspiegel richtete, hörte Wanzke seinen Vorgesetzten fluchen: „Verflixt und Doria! Meine Knie! Beim Losmachen des Gurtes!“ Er überließ es Wanzke, sich auszumalen, was im Wageninneren passiert war, holte das Handy aus der Tasche und während sie Richtung Dienststelle aufbrachen, telefonierte er mit Kriminaldirektor Hammann.
Wanzke schloss aus dem Wenigen, was er vom Zuhören vernahm, dass es sich um einen Einsatz handeln musste. „Kreuzberg, Großbeerenstraße!“, rief Zoller kurz angebunden, „ohne Sirene!“ Wanzke führte die Wortkargheit seines Kollegen auf dessen Schmerzen im Knie zurück. Und richtig, nach einem halben Kilometer kam ein nächstes Bruchstück: „Ungeklärter Tod in Pension.“ Und einen halben Kilometer weiter hieß es „Die Kollegen vom VB1 sind schon dort.“ Bei VB1 handelte es sich um die hiesige Bezeichnung für das Kripo-Team der Verbrechensbekämpfung, doch sobald Verdacht auf gewaltsamen Tod oder Mord steht, kommt die Mordkommission des LKA zum Einsatz und genau solch einen fuhren sie jetzt.
Sie befanden sich gerade auf der Bismarckstrasse in Charlottenburg und Zoller genoss den Blick abwärts, die Strasse des 17. Juni entlang auf die Siegessäule mit der Goldelse, die erst 1939 von ihrem ursprünglichen Standort zwischen Reichstag und Krolloper auf den Großen Stern verbracht und um das letzte Teilstück verlängert wurde. Es sollte der erste und letzte Schritt sein, den ein größenwahnsinniger, sich Führer nennender Despot zur Umbildung von Berlin in die ‚Reichshauptstadt Germania’ tat. Weit hinter der Siegessäule prangte das Brandenburger Tor und dahinter wiederum leuchtete das Rote Rathaus in einer Flucht.
Links davon glänzte der Fernsehturm am Alexanderplatz in der untergehenden Sonne. Da sie es eilig hatten, bog Wanzke an der Siegessäule rechts ab und fuhr am Landwehrkanal entlang bis Möckernstraße, machte dann die Schniepe Wartenburg- zur Großbeerenstraße. Zoller hatte bis hierher geschwiegen, wie er es während der Fahrten meist tat, um den Fahrer nicht abzulenken, vielleicht aber auch, um mit seinem schmerzenden Knie ins Reine zu kommen. Jetzt aber sagte er: „Rechts ab, und linker Hand ist die Pension. Sie hielten verkehrswidrig in der Einfahrt neben einem roten Porsche. „Ah, unser Doktor Nimrod hat Dienst“, sagte Zoller beim Aussteigen. Wanzke wusste sofort, was das zu bedeuten hatte: Doktor Nimrod gehörte zu den gefürchteten wie geachteten Ärzten, die sich der Polizei-Bereitschaft zur Verfügung stellten. Auf der anderen Straßenseite stand in zweiter Reihe der ‚Mordbus’ der Mordkommission, ein mit allen zur Spurensuche notwendigen Requisiten ausgestatteter Kleinbus des Tatorttrupps.
Rechts neben der Einfahrt, deren eine hölzerne, mit gelber und brauner Farbe gestrichene Flügeltüre offen stand, führten einige Stufen abwärts in ein Kellerlokal, worüber in großen Buchstaben ZYANKALI-BAR prangte und aus dessen Kellerfenstern breit grinsende Totenschädel die Besucher spöttisch anlächelten. Wie sinnig, dachte Zoller und ging in die Einfahrt. Am Fuße der Treppe lümmelte ein Schutzpolizist, der sofort versuchte, eine gewisse Haltung einzunehmen. „Zweiter Stock rechts!“, rief er, und leiser werdend „Guten Abend!“ Wanzke vernahm die Etagenangabe mit Schaudern, Treppensteigen lag nicht unbedingt im Bereich seiner bevorzugten Hobbys, geriet er auch sofort nach wenigen Stufen ins Schnaufen. Auf dem Absatz vor dem zweiten Stockwerk blieb Zoller stehen und schaute aus dem Fenster in den Hof, als ob er sich ein Bild machen wollte. In Wirklichkeit hatte er selbst mit seinem Knie große Malesche. Es war noch hell genug, um im hinteren Teil des Hofes den Garten zu erkennen, in dem eine Gruppe Anwohner zueinandergebeugt stand und tuschelte.
Die alten Mietshäuser in Kreuzberg aus der Gründerzeit hatten besonders hohe Wohnungen. Sie waren damals als Offizierswohnungen geplant und gebaut und die Offiziersfamilien hatten zu dieser Zeit mindestens ein Hausmädchen, welches in einer sogenannten ‚Mädchenkammer’ hauste. Diese Mädchenkammern befanden sich in der Regel über dem Bad, halbierten also die Höhe des Badezimmers. Eine steile Holztreppe führte in diese Verschläge, die gelegentlich auch ein Fenster aufwiesen, aber durchaus keine Stehhöhe. Diese aufgesetzten Mädchenkammern bedingten die Raumhöhe der gesamten Wohnung und somit auch die Stufenzahl im Treppenhaus. Schnaufend stellte sich Wanzke neben Zoller und beide blickten hinaus in den Abend. „Und ich dachte immer, Rezeptionen befänden sich im Erdgeschoß“, pfiff Wanzke.
Nachdem sie die letzten Stufen in neuer Frische hinter sich gebracht hatten, standen sie vor der kurzen, hölzernen Empfangstheke mit einer Klingel darauf. Kein Mensch war zu sehen. Die Böden waren mit dicker Auslegeware belegt, die jeden Schritt schluckte. Zoller ging an der Klingel vorbei und winkte Wanzke, ihm zu folgen.
Am Kopfende des Ganges sahen sie eine geöffnete Tür. Am linken Pfosten gelehnt, rauchte eine langbeinige Frau in burgunderrotem Kleid eine Zigarette, am rechten Pfeiler lehnte ein uniformierter Beamter.
Stumm näherten sie sich der Tür und den beiden Personen, die sehr interessiert in den Raum starrten. Die Dame in graziöser Haltung, der Beamte recht lässig dafür, dass er den Tatort eigentlich abzusperren hatte. Als Zoller kurz hinter der Dame stand, deren langes, schwarzes Haar zu einem vollen, breiten Pferdeschwanz zusammengerafft war, fragte er: „Sie sind wohl die Wirtin?!“
Erschrocken fuhr der Beamte herum und versuchte, irgendeine Haltung einzunehmen. Die Dame drehte nur leicht ihren Kopf, als wäre sie nicht im Geringsten überrascht, nickte sanft und antwortete „Ja. Und Sie?“ Augen, tief wie die Nacht, blickten ihn leicht spöttisch unter schwarzen Augbrauen an.
„Hartwig Zoller, der zuständige Kommissar, dies hier ist Kommissar Fritz Wanzke.“ Er deutete hinter sich. Sie lächelte geheimnisvoll. Ein Lächeln wie damals, dachte er. „Angenehm, Hartmann, Isabel Hartmann“, sagte sie und reichte ihm die Hand. Leicht irritiert nahm er sie, um sie schnell wieder loszulassen und ging stracks ins Zimmer hinein. Er hörte sich hüsteln und grüßte den Arzt, der sich über das Bett beugte.
„Guten Abend Doktor Nimrod! Wieder auf der Jagd nach Todesmerkmalen?“
„N’Abend Hauptkommissar!“, antwortete dieser stramm, ohne sich umzusehen. Im Hintergrund sah Zoller einen weiß gekleideten Beamten der PTU, der dabei war, noch Fingerabdrücke von Koffern abzunehmen und nickte ihm zu.
Doktor Nimrod richtete sich auf und wandte sich an die beiden Kommissare, wobei er die Sätze abgehackt sprach wie man es von preußischen Offizieren aus Filmen kannte: „Also, erstens: Eindeutiges Ergebnis, zweitens: Bestätigung gewiss durch Obduktion. Mors anomalis, deutsch: kein normaler Tod. Grausam, grausam. Schätze Digitalis. Heilmittel fürs Herz. Oder Gift. Wie belieben. Morgen mehr, meine Herren!“
Damit zog er sich mit einem flapsenden Geräusch die Gummihandschuhe von den Händen.
„Kann man schon sagen“ begann Zoller, „wie er das Gift zu sich genommen hat und wann?“
„Rigor Mortis gleich null“, schoss Dr. Nimrod zurück, „würde sagen Exitus vor maximal vier Stunden, Einnahme höchstwahrscheinlich oral. Perfide, perfide.“
„Selbstmord?“ Zoller wunderte sich über seine plötzliche Einsilbigkeit.
„Weniger. Präferiere Mord!“ Er schüttelte den Kopf. „ Digitalis. Pfui! Gibt bessere Mittel. Pistole, Strick, Sprung aus dem Fenster. Digitalis! Deibel, Deibel!“
Als der Arzt an Zoller vorbei ging, zog ein schwerer Duft nach starken Zigarren in seine Nase. Havanna und Porsche, edel, edel, dachte er. Dann blickte er auf das Bett und sah eine männliche Gestalt, völlig bekleidet, in einer seltsam verkrampften Haltung, als ob sie im Sitzen zur Seite gekippt sei. Mund und Augen standen offen und sprachen von der Überraschung des Augenblicks des Todes.
„Jung gestorben, der Herr.“ Wanzke reichte ihm eine Brieftasche, die er zuvor vom Beamten an der Türe erhalten hatte, obenauf der Personalausweis. Zoller blätterte kurz in den Papieren und steckte sie in seine Jackentasche. Die schwarzen Inseln von Ruß rundherum zeigten ihm, dass das Meiste bereits untersucht war und er näherte sich dem Nachttisch, auf dem neben dem Telefon eine umgekippte Tasse auf ihrer Untertasse lag. Eine zähe, durch Zuckerreste verdickte Kaffeespur war aus der Tasse auf die Untertasse gelaufen und hatte ein goldfarbenes Papierknöllchen umkreist. Auf einem abseits stehenden Tisch befand sich eine Vase mit echten Maiglöckchen und ein fast geleertes Glas. Zoller roch daran. Whisky. Auf dem Bett hinter dem Toten lag neben einem aufgeschlagenen Berlinführer eine angebrochene Schachtel Mozartkugeln in goldenen Papierhüllen, wie eine davon sich auf der Untertasse befand. Das Cellophan war bereits von der PTU vereinnahmt worden wegen der Fingerspuren. Ansonsten herrschte im Raume eine absonderliche Sterilität. Nichts stand oder lag herum, kein Kleidungsstück eben mal über den Stuhl geworfen, keine Socke am Boden.
Zoller meinte, alles Wichtige gesehen zu haben. „Gut, dann überlassen wir Ihnen weiterhin das Feld“ rief er dem jetzt am Fenster hantierenden Beamten im weißen Overall zu. „Komm, Fritz, befragen wir die Dame des Hauses, vielleicht gibt es dazu ja einen Kaffee mit Mozartkugeln.“ Hartwig Zoller ging voraus, ihm folgte Fritz Wanzke zur Rezeption. Sie nickten dem Beamten vor der Türe zu, der nach Beendigung der Durchsuchung und Abtransport der Leiche den Raum versiegeln würde.
Am schwach erleuchteten Empfang herrschte Leere.
„Suchen Sie mich?“ Die Stimme kam von der Seite. Zoller und Wanzke wandten sich um und blickten durch leicht geöffnete Flügeltüren in das Stockdunkel eines angrenzenden Raumes. Das Leuchten einer aufglühenden Zigarette verriet die Richtung, aus der die Stimme der Wirtin gekommen sein musste.
„Rechts neben der Türe ist ein Lichtschalter.“
Wanzke eilte sich, diesen zu finden. Zoller stand und beobachtete das rote Glühwürmchen, bis der Raum erleuchtet vor ihm lag. Es handelte sich offenbar um das Frühstückszimmer. Die Mehrzahl der Tische war bereits mit Frühstücksgeschirr eingedeckt. Am hinteren Ende lagerte die Dame des Hauses überaus ladylike in einem großen roten Fauteuil, den Kopf hinten angelehnt. Neben ihr stand ein scheinbar antiker Beistelltisch mit silbernem Aschenbecher, einer Glasschale mit Mozartkugeln und einem Glas Portwein. „Nehmen Sie doch Platz, meine Herren“, sagte sie in ruhigem Ton und wies auf die zwei kleineren ebenfalls roten Sessel, die diese Sitzecke abrundeten. Zoller setzte sich auf den Sessel ihr gegenüber. Wanzke zog es vor, sich in der Nähe von Zoller stehend aufzuhalten, Block und Bleistift in der Hand.
„Nun“ sagte Isabel Hartmann, „fragen Sie!“ Zoller, der es gar nicht mochte, wenn ihm die Regie aus der Hand genommen wurde, zog langsam die Brieftasche aus dem Jackett und blätterte schweigend einige Zeit darin herum, als ob er etwas bestimmtes suchte, dann fragte er bedächtig: „Wie viele Gäste haben Sie derzeit?“
Mit dieser Frage hatte Isabel Hartmann nicht gerechnet. „Hm, lassen Sie mich überlegen – neun.“
„Seit wann war Herr -“, hier schaute Zoller auf den Ausweis, „Herr Mandelstein hier Gast?“ Mit spitzem Munde blies sie den Rauch der Zigarette aus, bevor sie antwortete: „Seit Montag letzter Woche.“
„War er öfter hier Gast?“
„Nein, das erste Mal. Ich hatte ihn zuvor nie gesehen.“
Zoller blickte sie direkt an: „Ist Ihnen heute irgend etwas Besonderes aufgefallen, hatte er Besuch?“
Sie antwortete rasch: „Kann ich nicht sagen, ich war heute tagsüber nicht im Hause; ich kam vor halb sechs und schickte Olga und Ursula nach Hause.“
„Wer sind Olga und Ursula?“
„Olga ist meine Tagesvertretung und Ursula ist der gute Engel, für Wäsche, Reinigung und diese Sachen zuständig.“
„Wann können wir die Damen hier antreffen?“
„In der Regel vormittags ab sechs.“
„Auch morgen?“
„Auch morgen.“
Zoller sah aus den Augenwinkeln, dass Wanzke sich Notizen machte.
„Sie haben Herrn Mandelstein aufgefunden. Schildern Sie mir bitte, wie das ablief.“
Isabel Hartmann drückte geübt ihre Zigarette aus, während sie nachdachte. „Ja, es kam ein Anruf für ihn. Dr. Mommsen, der Notar, hatte versucht, ihn über Handy zu erreichen, mehrfach. Und als das ständig fehlgeschlagen war, rief er hier an, ich solle ihn verbinden, es sei sehr dringend. Aber Herr Mandelstein nahm nicht ab. Da ging ich ins Zimmer. Und da lag er, wie Sie ihn gesehen haben. Dann rief ich sofort die Polizei.“
Wieder sah sie ihn mit ihren tiefdunklen Augen an und wartete, welche Frage nun folgen würde. Zoller wusste nicht genau, warum, aber irgendwie schien sein Puls schneller zu gehen.
„Hatte er sonst irgendwelchen Besuch?“ Die Frage sollte routiniert klingen.
„Ja, bis heute noch von seinem Freund Benny, aus München, der hier ein paar Tage bei ihm übernachtete, ansonsten ein-, zweimal von Dr. Mommsen.“
„Dieser Benny aus München, hatte der sich als Gast eingetragen?“
„Ja, die Daten kann ich Ihnen geben. Eigentlich wollte er länger bleiben, doch die beiden stritten sich wohl wieder einmal und heute zog Benny aus.“
„Woher wissen Sie das mit dem Streit?“
„Das hat Olga mir erzählt. Und Herr Hauser.“
Auf seinen fragenden Blick sagte sie: „Ein Gast hier. Dauergast.“ Wanzke machte sich Notizen. „War er während des Nachmittags anwesend?“
„Ich glaube schon, Olga machte so eine Bemerkung.“
„Was ist er von Beruf?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Er erzählt nicht viel von sich, aber fragen Sie mal Olga, oder besser ihn selbst.“
„Was wissen Sie über Herrn Mandelstein, zum Beispiel: Was machte er in Berlin, war er Tourist?“
Isabel nahm einen Schluck Portwein, bevor sie antwortete. „So weit ich weiß ist er Krankenpfleger und angehender Arzt und wollte nach Berlin ziehen. Er ist wohl hier geboren und aufgewachsen. Sie suchten eine Wohnung und Geschäftsräume. Sie wollten zusammen eine Ambulanz oder Physiotherapie aufmachen, etwas Medizinisches.“
„Wer - sie?“
„Nun ja, er und der Benny und wohl noch eine Dame aus München. Es war auch schon notariell geregelt.“
„Ah, deswegen Dr. Mommsen.“
„Ja. Ich glaube, sie haben eine GmbH gegründet oder vorbereitet.“
„Was war Herr Mandelstein für ein Mensch, wie hat er auf Sie gewirkt?“
Isabel blickte zu Boden, als ob sie dort die Antwort fände und sagte: „Oh!“ Sie zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch zur Decke, bevor sie fortfuhr: „Arrogant, aufgeblasen. Ein Macho der Sonderklasse. Er nahm sich sehr wichtig, kam sich vor wie in einem Sechssternehotel. Solche Gäste liebt man nicht, man behandelt sie sehr zuvorkommend, wenn Sie wissen, was ich meine.“
Zoller ahnte entfernt, was sie meinen könnte. Er stand auf und ging ein paar Schritte, dann fragte er: „Haben Sie irgendwelche Medikamente im Hause?“
„Gift? Ja sicherlich. Unten, in der Zyankali-Bar!“, antwortete sie prompt und lächelte breit. Dann plötzlich ernst: „Ist er vergiftet worden?“
„Es sieht so aus.“
„Dann muss er jemanden sehr geärgert haben“, sagte sie voller Sarkasmus, „kein Wunder! Es gibt eben Leute – “, sie unterbrach sich.
„Ja-?“, hakte Zoller nach, aber sie zuckte die Achsel. Zoller blickte ihr in die Augen: „Selbstmord würden Sie also ausschließen?“
„Der und Selbstmord? Niemals! Eher würde er seine gesamte Umwelt umbringen, als sich selbst.“
Zoller reichte ihr die Hand: „Vielen Dank! Geben Sie meinem Kollegen bitte noch die Daten von Benny und den Angestellten. Ich denke, wir sehen uns morgen noch einmal, wenn ich Ihre Angestellten und diesen Hauser befrage.“
„Gerne!“, antwortete sie lächelnd und sandte ihm einen Blick zu, den er von irgendwo her sehr genau kannte.
Im Wagen knipste er das Leselicht an und besah sich die Brieftasche des toten Herrn Mandelstein. Neben dem Personalausweis fand er eine Karte, die ihn als Krankenpfleger in einem Krankenhaus in München auswies, einen Führerschein, einen Studienausweis des Medizinstudiums, eine Kreditkarte in Gold, die Visitenkarte von Dr. Mommsen und einen fein zusammengelegten Zettel mit verschiedenen Notizen, untereinander gegliedert wie ein Einkaufszettel, in Kleinstbuchstaben und in der ziselierten Handschrift eines Pedanten. Das mehrere Male auftauchende B. konnte Benny bedeuten, das M. Mommsen, dann waren dort einige Anschriften und weitere Abkürzungen, die derzeit noch nichtssagend für ihn waren.
Als Wanzke den Wagen bestieg und Zoller sein Lächeln sah, sagte er mit Nachdruck: „Bitte, Fritz, sag es nicht!“ Fritz sah verständnislos zu ihm herüber: „Tolle Frau! Erinnert mich an Deine Eva.“ Beim Blick in Zollers Augen sagte er leise: „Tschuldige!“
Hinter ihnen lärmten übermütig jugendliche Besucher der Zyankali-Bar.
Im Kommissariat war es still, die Tagesschicht hatte ihren Bericht abgelegt und Zoller besah ihn sich, ohne recht aufzunehmen, was er las. Mit den Gedanken war er bei schwarzem Haar, schwarzen Augbrauen und tiefdunklen Augen, bei Eva, seiner Frau.
Auch der neue, sonnige Tag tat dem Wonnemonat Ehre; schon früh hatten die Zeitungsjungen die Mütze tief ins Gesicht ziehen und die letzten Zecher hatten sich blinzelnd zur nächsten U-Bahn tasten müssen. Jetzt, kurz vor acht Uhr früh dampften Berlins Strassen vor Hitze und Verkehr, als Zoller sein Büro betrat. Um neun sollte die Dienstbesprechung stattfinden und er wollte seinen Bericht noch etwas überarbeiten. Kriminaldirektor Hammann war als Pedant bekannt und er wollte jede mögliche Frage von ihm vorausschauend beantwortet haben, bevor er ihm Rede und Antwort stand. Die Befragung der Pensionsgäste war inzwischen durch die Schutzpolizei durchgeführt worden und hatte – wie zu erwarten war – keinen brauchbaren Hinweis ergeben, da die Gäste zum Todeszeitpunkt des Opfers nicht im Hause waren und in keinem Zusammenhang mit dem Toten standen. Mit Olga, der Angestellten von Isabel Hartmann wollte er heute persönlich reden. Auf der anderen Seite hatte er noch letzte Nacht Informationen aus München von diesem Benny angefordert. Die Bayern waren nicht unbedingt die Kooperativsten, doch kannte Zoller den Kommissar Alois Kammerlander persönlich, mit dem er einige Lahrgänge zusammen feucht und fröhlich abgefeiert hatte. An ihn konnte er sich immer wenden, wenn er Amtshilfe benötigte.
Er legte seinen Bericht offen auf den Rand seines Schreibtisches und ging an die Durchreiche, wo seine Post und Faxe abgelegt waren. Er nahm den Bericht aus München zur Hand, setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl, schlug die Beine übereinander und begann zu lesen.
Niemand hätte zu sagen gewusst, ob das kurze Anklopfen oder das schwungvolle Türöffnen zuerst kam: „Einen wunderschönen, guten Morgen!“ Ein Sopran schwirrte gutgelaunt durch den vorwiegend Bariton und Bass gewohnten Raum. Zoller hob, ohne aufzusehen, die Hand und grüßte wortlos. Wie selbstverständlich zog sie sich einen Stuhl zurecht und schaute mit großen Augen ob sie etwas in dem geöffneten Aktendeckel am Schreibtischrand erkennen könnte. Während Zoller noch seinen Satz zuende las, lehnte er sich weit über den Schreibtisch und klappte mit der freien Hand den Aktendeckel zu. Erst jetzt sah er auf: „Du sollst nicht immer in fremde Aktendeckel schauen, Katharina!“
„Neugier ist mein Job, Hartwig, ich wäre sonst nicht Journalistin geworden, sondern Beamter, wie Du. Es gibt also einen neuen Fall!“, kam sie zur Sache.
„Ja, in Kreuzberg, ein Mediziner aus München.“
„Ein Tourist?“
„Eher nein, er wollte sich hier niederlassen.“ Zoller wollte den Bericht aus München zuende lesen.
„Und da kam ihm WAS in die Quere? Lass Dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, drängte sie.
Zoller gab das Lesen auf. „Möglicherweise ein Mörder?“, grinste er sie an.
„Oder eine Mörderin!“, konterte Katharina.
„Du meinst, weil es Gift war?“
„Aha! ‚Giftmord in Kreuzberg!’“, sie betonte es wie eine Schlagzeile.
„Ach, nun ist es mir doch rausgerutscht,“ er zwinkerte ihr zu, „aber es ist noch nicht amtlich! Der Befund steht noch aus, also keine Zeile von dir, bis es offiziell geworden ist!“
„Aber Herr Hauptkommissar Zoller“, schmollte sie ihn an, „habe ich jemals etwas vor der Pressemitteilung und ohne deine Zustimmung veröffentlicht? Darüber hinaus: Mir fehlen doch noch fast alle Fakten.“
„Die kriegst du nach der Dienstbesprechung und Studium des Befundes.“
„Mit Dienstbesprechung meinst du wohl Euren allmorgendlichen Appell?“
„Liebe Katharina Berger, wir sind hier nicht beim Kommiss, sondern in einer ‚Staatlichen Institution zur kriminologischen Investigation’, wie es Hammann ausdrücken würde.“
„Verrätst du mir noch, wann und in welchem Hotel das passierte?“
„Damit du wieder Deine Nase in den Fall steckst, bevor wir ausermittelt haben?“
„Ohne Recherche kein guter Artikel“, schoss sie zurück.
Zoller lenkte ein: „Nun gut, das ist ja kein Geheimnis: ‚Pension Am Kreuzberg’ nennt sich das Etablissement, in der Großbeerenstrasse.“ Unbemerkt hatte sich die Türe geöffnet und ein grauhaariger Mann in den Fünfzigern in perfekt sitzendem Anzug (höchstwahrscheinlich Armani) trat ein: „Was höre ich? Großbeerenstrasse? Geben Sie etwa noch nicht freigegebene Informationen an die Dame des Gazettengewerbes preis?“ Übergangslos wandte er sich an Katharina: „Seien Sie gegrüßt, Frau Schriftstellerin! Die Zeit der Information ist noch nicht gekommen, ich muss Sie leider vertrösten bis nach der Dienstbesprechung. Wollen Sie danach nicht zu mir in mein Büro kommen, oder lieben sie es, die Auskünfte über die niederen Chargen zu empfangen?“
Ohne auf Antwort zu warten, blickte er auf Zoller: „Sagen Sie, Hauptkommissar Zoller, in welcher Situation hatte ich Sie gestern am Handy eigentlich überrascht? Sie klangen de facto etwas gestresst.“ In das Zögern Zoller’s befahl er: „Nichtsdestotrotz! Auf zu neuen Taten! Dienstbesprechung Punkt neun!“, kehrte auf dem Absatz um und prallte mit Kommissar Schneider zusammen, der, einen Aktendeckel in der Hand, dem Direktor vergeblich versuchte auszuweichen und leise „Entschuldigung!“ murmelte.
Katharina zog die Brauen hoch: „Was für ein Auftritt!“
„Was für ein Abgang!“, echote Zoller. Kommissar Schneider setzte noch einen drauf: „Was für ein Rasierwasser!“ und übergab Zoller die Papiere. „Gerichtsmedizin, der Fall Mandelstein.“
„Und?“ Zoller sah ihn an.
„Digitoxin in Marzipan-Schokolade. Ein süßer Tod.“
„Kommt immer auf die Dosis an“, meinte Zoller.
„Selbstmord?“, fragte Katharina.
„Dann hätte er nicht auf dem Bett gesessen, einen Stadtplan neben sich. Und warum sollte er vorher das Herzmittel in eine Mozartkugel geben?
„Wenn es doch aber seine Lieblingspralinen waren?“, vermutete Katharina.
„Genau das hat jemand ausgenutzt.“ Schneider war von der Idee entzückt.
„Habt ihr schon Verdächtige?“
„Es wird wohl eine Frau sein, bei Giftmord.“ Schneider gefiel auch diese Idee.
„Pauschalurteile!“, rief Katharina, „Allerdings naheliegende“, gab sie zu.
„Wetten, dass es eine Frau war?“ Zoller klang sehr überzeugt, „Gegen Statistik ist kein Kraut gewachsen.“
„Gut, aus Spaß an der Sache. Ich halte dagegen!“
„Schon verloren!“ Schneider war heute gut drauf.
„Wir werden ja sehen!“
Zoller schilderte Katharina in kurzen Worten die Vernehmung der Pensionswirtin, bevor Kollege Schneider ihm per Handzeichen klar machte, die Dienstbesprechung sei in Kürze.
„OK! Ich lass von mir hören.“ Damit verabschiedete sich Katharina.
Wenn Katharina die Wahl hatte zwischen Bus und U-Bahn, gewann immer der Bus, der zwar etwas länger für dieselbe Strecke benötigte als die Bahn, dafür aber dem Blick die Möglichkeit gab, an Farben, Sonne und dem turbulenten Leben auf Berlins Strassen teilzuhaben. Und so hatte sie sich in den großen Gelben mit der Nummer 119 Richtung Kreuzberg gesetzt und genoss die fünfzehn Minuten Fahrt. Dabei kamen ihr Bilder von anderen Großstädten in den Sinn wie München, Köln, Frankfurt und Hamburg, in denen sie jeweils kürzere oder längere Zeit gelebt hatte, doch dieses Berlin mit seinen quicklebendigen Menschen und ihrer einfallsreichen Sprache, seinen breiten, meist baumbestandenen Strassen, aus denen Geschichte atmet, hatte sie in ihren Bann gezogen, die alte, neue Hauptstadt, die große Kurtisane der kleinen und großen Herrscher Berlins. Und wie jede wirklich große Stadt zog sie ständig neue Abenteurer und Kaufleute, Künstler und Verbrecher an, bot ihnen großzügig unter ihren vielfältigen Röcken Unterschlupf. Den einen kleidete sie in ersehnte Bekanntheit, den anderen in manchmal ebenso erwünschte Anonymität. Und im Schatten dieser Rockfalten gedieh das wuchernde Unkraut des Verbrechens und der Vergehen gegen die Menschenwürde im Großen wie im Kleinen.
Giftmorde waren selten geworden, lag es an der Schwierigkeit, an Gifte heran zu kommen oder daran, dass nur die wenigsten Delikte auffällig waren und entsprechend untersucht wurden, oder lag es an den Frauen, denen man den Giftmord im allgemeinen zusprach, die neue, unentdeckbare Mittel gefunden hatten? Jedenfalls führten derzeit «männliche» Straftaten direkter Gewalt wie Totschlag oder Mord durch Schuss- und Schlagwaffen die Mord-Statistik an. Besonders auffällige Bezirke waren Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Wedding und Mitte, doch kein Bezirk enthielt sich gänzlich solcher Verbrechen, wie wohlklingend auch der Name, keine Gesellschaftsschicht fehlte in den Statistiken, kein Bildungsgrad, der nicht doch in ihnen auftauchen wollte.
Gewalttätige Vergehen und Verbrechen wurden zwar vorzugsweise von ausländischen mafiosen Vereinigungen verübt, doch auf Morde wollte keine soziale Schicht verzichten. Raub und Erpressungen wurden angeführt von den zunehmend stärker gewordenen arabischen Clans, gefolgt von polnisch-russischen Verbänden, den geringsten Anteil daran hatten die zahlenmäßig überlegenen Türken. Und die teilten sich den Wedding und Kreuzberg.
Auch Katharina wohnte in Kreuzberg. Vor einigen Jahren war sie nach Berlin gekommen, um am Aufbau einer neuen Hauptstadtzeitschrift mitzuwirken. Der Konzern, der sie von Hamburg nach Berlin schickte, wollte mit dem Magazin eine derzeit offene Nische schließen und bot ihr die Redaktion der Polizei- und Gerichtsreportage an. Da die Delikte von der Staatsanwaltschaft und somit von der Polizei untersucht wurden, lag es nahe, zu beiden Institutionen einen guten Draht zu ziehen, um an möglichst viele und möglichst ungeschminkte Informationen aus erster Hand zu kommen.
Im Zuge dieser Kontaktaufnahme hatte sie den Hauptkommissar Zoller kennen gelernt und sie hatten sich auf kriminalistischer Ebene gleich und gut verstanden. Sie mochte seine eher ruhige, überlegte Art, wenn es um Einschätzungen und Entscheidungen ging, gepaart mit einem rauen, männlichen Charme, der nichts von dem Chauvinismus hatte, wie er oft leitenden männlichen Individuen zu eigen schien.
An der Kreuzung Yorck- Großbeerenstrasse stieg sie aus, überquerte den Mittelstreifen und entschied sich sogleich, im Biergarten des Yorckschlösschens einen Capuccino zu trinken, wobei sie Gelegenheit nehmen wollte, ihre spärlichen Notizen über diesen Fall durchzugehen. Das Lokal hatte gerade geöffnet und ein schlaksiger Mann mit roter Schirmmütze stellte ein Klappschild auf, von dem es rief: ‚Essen kommen!’. Wie früher bei Muttern, dachte Katharina, setzte sich an einen der noch leeren Tische unter den Kastanien und griff automatisch zur Speisekarte mit der Auswahl an Tagesmenues, Hinweisen auf Zigarren, Musik und Hausverbote. Das bestellte Getränk kam prompt und sie blätterte in ihren Notizen und schrieb dazu einige Fragen auf.
Gestärkt vom Capuccino und dem obligatorischen Plätzchen verließ sie den Garten. Schräg gegenüber befand sich die Pension Am Kreuzberg. Beim Überqueren der Straße las sie das am Hause groß angebrachte Schild ZYANKALI. Wie passend, dachte sie.
Die Einfahrt zum Aufgang der Pension stand sperrangelweit offen und auf dem Fußweg warteten einige Gepäckstücke auf das Taxi zum Flughafen. Die dazugehörigen englischen Touristen standen in einer Gruppe vor der Auslage eines Geschäftes für mittelalterliche Utensilien und unterhielten sich über die seltsamen Auslagen in den Fenstern.
Oben angekommen, fand sie die Rezeption verlassen vor. Sie benutzte die Tischklingel, um sich bemerkbar zu machen und während sie wartete, schaute sie sich um. Tiefblaue, dichte Veloursware stand in angenehmem Kontrast zu den indisch-gelben Wänden und dem Mahagoni-Tresen. Sie ging langsam in den von Gästen leeren Frühstücksraum. Die Tische waren alle abgeräumt und die Tagesdekoration aufgelegt. Auf Vitrinen, an den Wänden und in Nischen entdeckte sie recht ausgefallene, wertvolle Dekorationsartikel. Ein italienischer Service-Mohr hielt ein Silbertablett in den Raum, an den Wänden hingen echte Delerue’s, in der Anrichte leuchteten ihr fein geschliffene Murano-Gläser entgegen und manch besonderes Stück zog Ihre Aufmerksamkeit auf sich. Über allem schwebte eine weibliche Note, die sich besonders in den Kleinigkeiten wie den frischen Blumen auf den Tischen und den silbernen Serviettenringen zeigte. Alles recht exklusiv und teuer. Und das in einer Pension in Kreuzberg, wo die Preise doch eher moderat waren, wunderte sich Katharina. Isabel Hartmann musste eine Frau mit ausgesuchtem Geschmack und dem dazugehörigen Geldbeutel sein. Katharina war gespannt, sie kennen zu lernen.
Ein Prusten und Schnaufen riss sie aus ihren Gedanken. Die Geräusche kamen aus Richtung der Rezeption und hinter der Türe zum Frühstücksraum erschien ein unförmiger weißer Klos, aus dem ein wuscheliger blonder Schopf blickte. Der Klos zerfiel in zwei Teile, wobei dem einen dicke weiße Arme entwuchsen und der andere als Wäscheklops zu Boden fiel. „Und det wieder mal mir! An einem Abreisetag ganz alleene“, keuchte es, und „Ick bin doch nicht Schwarzenegger und neh’m die ganze Pension uff’n Puckel.“
