Berliner Spiel - Len Deighton - E-Book

Berliner Spiel E-Book

Len Deighton

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Beschreibung

Ostberlin in den frühen achtziger Jahren; der Kalte Krieg ist in vollem Gange. »Brahms vier«, ein Topinformant des britischen Auslandsgeheimdiensts, was Wirtschaftsgeheimnisse der DDR angeht, beantragt, möglichst schnell aus seinem Einsatzgebiet evakuiert zu werden. Der KGB ist ihm auf den Fersen, und er ist überzeugt: In den eigenen Reihen, beim SIS, sitzt ein Maulwurf. Vor zwanzig Jahren hat »Brahms vier« Bernard Samson in Weimar das Leben gerettet, jetzt hat der Agent mittleren Alters, der seine Arbeitszeit inzwischen hauptsächlich hinter einem Londoner Schreibtisch verbringt, langsam einen Bauch ansetzt und seiner Frau, die auch beim Geheimdienst ist, dabei zusieht, wie sie Karriere macht, die Chance, sich zu revanchieren. Er reist nach Ostdeutschland, um »Brahms vier« die Flucht zu ermöglichen, und muss bald schmerzlich feststellen, dass der Verdacht seines Kollegen nicht unbegründet ist. Und der Maulwurf steht Samson näher, als er es für möglich gehalten hätte.

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Seitenzahl: 497

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Len Deighton

Berliner Spiel

Roman

Mit einem Nachwort von Paul Ingendaay

Aus dem Englischen von Hedda Pänke

Kampa

1

»Wie lange sitzen wir hier schon?«, fragte ich. Ich nahm das Fernglas und betrachtete den gelangweilten jungen amerikanischen Soldaten hinter den Scheiben des Kontrollhäuschens.

»Fast ein Vierteljahrhundert«, sagte Werner. Sein Kopf lag auf seinen Armen, die auf dem Lenkrad ruhten. »Der GI war nicht mal geboren, da haben wir hier schon gesessen und gewartet, dass die Hunde bellen.«

Wenn die Hunde in ihrem Zwinger hinter den Überresten des Hotels Adlon bellten, war das für gewöhnlich das Zeichen, dass sich drüben etwas tat. Die Tiere spürten, wenn etwas vor sich ging, lange bevor die Hundeführer kamen, um sie zu holen. Deshalb hatten wir die Fenster heruntergekurbelt. Deshalb froren wir uns fast zu Tode.

»Der amerikanische Soldat war noch nicht auf der Welt. Der Spionagethriller, den er liest, war noch nicht geschrieben. Und wir beide waren fest davon überzeugt, dass die Mauer in ein paar Tagen wieder abgerissen wird. Dumme Jungs waren wir damals. Aber irgendwie waren es bessere Zeiten. Oder, Bernie?«

»Wenn man jung ist, ist alles besser«, sagte ich.

Auf dieser Seite des Checkpoint Charlie hatte sich kaum etwas verändert. Hier war nie viel gewesen. Nur das Kontrollhäuschen und ein paar Schilder, die darauf hinwiesen, dass man dabei war, den Westsektor zu verlassen. Auf ostdeutscher Seite war jede Menge Neues entstanden. Mauern und Zäune, Schlagbäume und Sperren und endlose weiße Linien, die die Fahrbahnen markierten. Erst kürzlich hatten sie ein riesiges Gelände ummauert, in dem die Touristenbusse von finster blickenden Männern überprüft und durchsucht wurden. Sie rollten sogar Spiegel unter jedes Fahrzeug, um zu sehen, ob einer ihrer Landsleute darunter hing.

Es ist nie ganz still am Checkpoint. Die geballte Ansammlung von Lampen, die die ostdeutsche Seite erhellen, verursacht ein ständiges Summen wie von einem Insektenschwarm an einem heißen Sommertag. Werner hob den Kopf von den Armen und verlagerte sein Gewicht. Wir saßen beide auf Schaumstoffkissen. Das hatten wir vor fünfundzwanzig Jahren gelernt. Das und das Verkleben des Druckschalters in der Tür, damit nicht jedes Mal das Licht anging, wenn man den Wagen öffnete. »Wenn ich nur wüsste, wie lange Zena in München bleibt«, sagte Werner.

»Ich kann München nicht ausstehen«, sagte ich. »Überhaupt kann ich diese verdammten Bayern nicht riechen.«

»Ich bin nur einmal dagewesen«, sagte Werner. »Eilauftrag für die Amerikaner. Einer unserer Leute war schlimm zugerichtet worden, und die Polizei vor Ort war keine große Hilfe.« Werners Englisch hatte diesen starken deutschen Akzent, den ich kannte, seit wir zusammen zur Schule gegangen waren. Jetzt war Werner Volkmann vierzig Jahre alt und untersetzt. Mit seinem dichten schwarzen Haar, dem schwarzen Schnurrbart und den schweren Augenlidern hätte man ihn leicht für einen Berliner Türken halten können. Er wischte ein Guckloch in die beschlagene Windschutzscheibe, sodass er in den grellen Glanz der Lichter blicken konnte. Hinter der Silhouette des Kontrollhäuschens war die Friedrichstraße im Ostsektor taghell erleuchtet. »Nein«, sagte er, »ich mag München auch nicht.«

In der Nacht zuvor hatte mir Werner, nach etlichen Drinks, die Sache mit seiner Frau anvertraut, die mit einem Coca-Cola-Fahrer auf und davon war. Seit drei Nächten schlief ich auf einem durchgesessenen Sofa in Werners hübscher Dahlemer Wohnung am Rande des Grunewalds. Als wir wieder nüchtern waren, einigten wir uns auf die Version, dass seine Frau zu Besuch bei einer Verwandten sei. »Da kommt was«, sagte ich.

Werner machte sich nicht die Mühe, den Kopf von der Kopfstütze zu heben. »Ein brauner Ford. Er wird durch den Checkpoint kommen und da drüben parken, während die Männer drinnen Kaffee trinken und heiße Würstchen essen. Kurz nach Mitternacht kehren sie wieder in den Ostsektor zurück.«

Ich sah genauer hin. Wie er vorausgesagt hatte, war es ein brauner Ford, ein kleiner Pritschenwagen ohne Beschriftung, mit Westberliner Kennzeichen.

»Wir stehen auf dem Platz, wo sie gewöhnlich parken«, sagte Werner. »Es sind Türken. Sie haben Freundinnen drüben. Die Bestimmungen besagen, dass sie vor Mitternacht raus sein müssen. Nach Mitternacht fahren sie wieder rein.«

»Müssen ja ganz besondere Mädchen sein«, sagte ich.

»Eine Handvoll Westmark reicht lange da drüben«, sagte Werner. »Solltest du wissen, Bernie.« Ein Streifenwagen mit zwei Polizisten näherte sich langsam. Sie erkannten Werners Audi, und einer der Polizisten hob die Hand zu einem müden Gruß. Nachdem das Polizeiauto fort war, nahm ich mein Fernglas, um zu sehen, wie jenseits der Schlagbäume ein ostdeutscher Grenzposten mit den Füßen stampfte, um die Durchblutung anzuregen. Es war bitterkalt.

Werner sagte: »Bist du sicher, dass er hier durchkommt und nicht an der Bornholmer Straße? Oder Heinrich-Heine-Straße?«

»Das hast du mich schon viermal gefragt.«

»Weißt du noch, wie wir beim Geheimdienst angefangen haben? Dein Vater hatte damals das Sagen. Waren wirklich noch andere Zeiten. Kannst du dich an Mr Gaunt erinnern – den Dicken, der diese komischen Chansons konnte? Weißt du noch, wie er mit mir um fünfzig Mark gewettet hat, dass sie sie nie bauen würden … die Mauer, meine ich. Muss inzwischen ein alter Mann sein. Ich war damals achtzehn oder neunzehn, und fünfzig Mark waren eine Menge Geld.«

»Silas Gaunt. Er hatte einfach zu viele von diesen ›Orientierungshilfen‹ aus London gelesen«, sagte ich. »Eine Zeit lang hat er mir erfolgreich eingeredet, dass du nicht die geringste Ahnung hast – nicht nur, was die Mauer angeht.«

»Aber du hast nicht gewettet«, sagte Werner. Er goss schwarzen Kaffee aus seiner Thermosflasche in einen Pappbecher und reichte ihn mir.

»Ich habe mich dafür freiwillig gemeldet rüberzugehen – in der Nacht, als sie die Sektorengrenze geschlossen haben. Ich war auch nicht klüger als der gute Silas. Ich hatte nur keine fünfzig Mark, um sie zu verwetten.«

»Die Taxifahrer haben es als Erste mitgekriegt. So um zwei in der Nacht haben sie sich über Funk beschwert, dass sie angehalten und ausgefragt werden, wenn sie die Grenze passieren. Der Vermittler in der Taxizentrale hat den Fahrern daraufhin geraten, niemanden mehr in den Osten zu fahren. Und dann hat er mich angerufen und hat es mir erzählt.«

»Deinetwegen bin ich nicht gegangen.«

»Dein Vater hat gesagt, ich soll dich lieber nicht mitnehmen.«

»Aber du bist gegangen. Zusammen mit dem alten Silas.« Also hatte mein Vater dafür gesorgt, dass ich nicht in den Ostsektor fuhr, als sie die Grenzen dichtmachten. Das hatte ich bisher noch nicht gewusst.

»Wir sind gegen halb fünf am Morgen rüber. Vor der Charité standen russische Lastwagen, und Soldaten haben Stacheldrahtrollen abgeladen. Wir waren ziemlich schnell wieder zurück. Silas meinte, die Amerikaner würden Panzer schicken und den Zaun einreißen. Dein Vater war auch der Ansicht, oder?«

»Die hohen Herren in Washington hatten viel zu viel Angst. Die ganze Zeit haben sie befürchtet, dass die Russen kommen und auch den Westsektor übernehmen. Als die Mauer gebaut wurde, waren sie geradezu erleichtert.«

»Vielleicht wissen sie Dinge, die wir nicht wissen«, sagte Werner.

»Vermutlich«, sagte ich. »Vermutlich wissen sie, dass der Dienst von Idioten geleitet wird. Aber das hat sich inzwischen ja wohl rumgesprochen.«

Werner gestattete sich ein dünnes Lächeln. »Und dann, gegen sechs Uhr morgens, hast du das Brummen von Lastwagen und Baukränen gehört. Weißt du noch, wie du auf meinen Motorradsattel geklettert bist und zugesehen hast, wie sie quer über den Potsdamer Platz Stacheldraht gezogen haben? Mir war klar, dass es so weit kommen würde. So leicht habe ich noch nie fünfzig Mark verdient. Keine Ahnung, warum Mr Gaunt auf die Wette eingegangen ist.«

»Er war neu in Berlin«, sagte ich. »Hatte vorher ein Jahr in Oxford Vorlesungen gehalten, in Politologie und diesem ganzen Statistik-Kram, mit dem die Neuen immer ankommen, wenn sie bei uns anfangen.«

»Vielleicht solltest du mal Vorlesungen halten«, sagte Werner mit einer Spur Ironie. »Du hast nicht studiert, Bernie, oder?« Es war eine rein rhetorische Frage. »Ich auch nicht. Aber dafür hast du es weit gebracht.« Ich reagierte nicht, aber Werner war in Plauderstimmung. »Siehst du Mr Gaunt noch manchmal? Was für ein wunderbares Deutsch er gesprochen hat. Nicht so wie du und ich. Geradezu bühnenreif.«

Werner, der es mit seinem Import-Export-Unternehmen ganz offensichtlich weiter gebracht hatte als ich, sah mich an und wartete auf eine Antwort. »Ich habe seine Nichte geheiratet«, sagte ich.

»Ich hatte ganz vergessen, dass der gute alte Silas Gaunt mit Fiona verwandt ist. Ich habe gehört, dass sie neuerdings in der Abteilung eine wichtige Rolle spielt.«

»Sie ist sehr erfolgreich«, sagte ich. »Aber sie arbeitet zu viel. Wir haben kaum Zeit für uns und die Kinder.«

»Ihr müsst gut verdienen«, sagte Werner. »Beide in leitenden Positionen, und du mit deiner Außendienstzulage … Aber Fiona hat ihr eigenes Geld, oder? Ist ihr Vater nicht irgend so ein Großindustrieller? Könnte er dir nicht einen netten, ruhigen Bürojob besorgen? Wäre doch besser, als hier rumzusitzen und sich den Hintern abzufrieren.«

»Er kommt nicht«, sagte ich, als ich sah, wie der Schlagbaum sich wieder senkte und der Posten in seine Baracke zurückging. Die Windschutzscheibe war inzwischen erneut beschlagen. Der Grenzübergang hatte sich in eine weißgetupfte Winterlandschaft verwandelt.

Werner reagierte nicht. Ich hatte ihm nicht gesagt, aus welchem Grund wir in seinem Auto am Checkpoint Charlie saßen, mit einem an die Autobatterie angeschlossenen Tonbandgerät, einem an die Sonnenblende geklebten Mikrophon und einem geliehenen Revolver, der unter meinem Arm den Mantel unangenehm ausbeulte. Wenige Minuten später beugte er sich vor und wischte erneut die Scheibe frei. »Das Büro hat keine Ahnung, dass du Kontakt zu mir aufgenommen hast«, sagte er.

Er hätte mich so gern sagen hören, dass die Berliner Außenstelle ihm seine Sünden vergeben hätte. »Sie werden kaum etwas dagegen haben«, log ich.

»Die haben ein gutes Gedächtnis«, klagte Werner.

»Du musst ihnen Zeit lassen«, sagte ich. Tatsache war, dass Werner im Computer unter »Nur für unbedenkliche Aufträge einsetzbar« geführt wurde – eine Klassifizierung, die praktisch verhinderte, dass er Aufträge erhielt. In diesem Geschäft war alles »bedenklich«.

»Ich habe also nicht ihr Okay?«, fragte Werner, der plötzlich zu begreifen schien: dass ich in die Stadt gekommen war, ohne die Außenstelle davon in Kenntnis zu setzen.

»Was kümmert es dich?«, sagte ich. »Du verdienst doch wohl genug.«

»Ich könnte ihnen nützlich sein. Und die Abteilung könnte mir mehr unter die Arme greifen. Aber das habe ich dir alles schon gesagt.«

»Ich rede mit London«, sagte ich. »Mal sehen, was ich tun kann.«

Werner reagierte verhalten. »Die leiten die Sache nur nach Berlin weiter, und wie deren Antwort ausfällt, kannst du dir denken.«

»Deine Frau«, sagte ich, »ist sie Berlinerin?«

»Sie ist erst zweiundzwanzig«, sagte Werner versonnen. »Die Familie stammt aus Ostpreußen …« Er langte in seinen Mantel, offensichtlich, um nach Zigaretten zu suchen, aber er wusste, dass ich das nicht gestatten würde – Zigaretten und Feuerzeuge sind in der Dunkelheit verräterisch –, also schloss er den Mantel wieder. »Vielleicht hast du ihr Foto auf der Anrichte gesehen – zierlich, sehr hübsch, mit langen schwarzen Haaren.«

»Das ist also deine Frau«, sagte ich, obwohl ich das Foto nicht gesehen hatte. Wenigstens hatte ich das Thema gewechselt. Ich hatte keine Lust auf Fragen nach dem Büro. Er hätte es eigentlich wissen sollen.

Armer Werner. Warum gab ein betrogener Ehemann immer eine lächerliche Figur ab? Warum war es nicht der untreue Partner, der den Spott erntete? Es war alles ungerecht. Kein Wunder, dass Werner vorgab, seine Frau würde Verwandte besuchen. Er sah durch die Windschutzscheibe. Seine dichten schwarzen Augenbrauen senkten sich, als er den Grenzübergang in den Blick nahm. »Ich kann nur hoffen, dass er nicht versucht, mit gefälschten Papieren rüberzukommen. Neuerdings halten sie alles unter UV-Licht, und die Markierungen werden jede Woche gewechselt. Sogar die Amerikaner verzichten mittlerweile auf falsche Papiere – es wäre glatter Selbstmord.«

»Davon weiß ich nichts«, sagte ich. »Ich soll ihn lediglich hier treffen und mit ihm sprechen, bevor ihn das Büro wieder woanders hinschickt.«

Werner wandte den Kopf. Das dichte schwarze Haar und der dunkle Teint ließen seine Zähne wie auf einer Zahnpastareklame erstrahlen. »London würde dich doch nicht mit diesem Kinderkram beauftragen. Dafür haben sie Botenjungen. Leute wie mich.«

»Wir werden jetzt erst mal was essen gehen«, sagte ich. »Kennst du ein ruhiges, kleines Restaurant, wo man Würstchen und Kartoffelsalat und ein gutes Berliner Bier bekommt?«

»Ich kenne eins, das dir gefallen wird. Immer die Friedrichstraße runter und beim Brückenbogen am S-Bahnhof links. Am Spree-Ufer. Weinrestaurant Ganymed.«

»Sehr komisch«, sagte ich. Zwischen uns und dem Ganymed waren die Mauer, Maschinengewehre, Stacheldraht und ein Heer von schwerbewaffneten Staatsbeamten. »Wende die Karre, und dann nichts wie weg.«

Er drehte den Zündschlüssel und startete. »Im Grund bin ich froh, dass sie gegangen ist«, sagte er. »Wer braucht schon eine Frau, die zu Hause auf einen wartet und fragt, wo man gewesen ist und warum man so spät kommt?«

»Da hast du wohl recht«, sagte ich.

»Sie ist zu jung für mich. Ich hätte sie nie heiraten dürfen.« Er wartete, bis das Gebläse die Scheiben getrocknet hatte. »Versuchen wir es morgen wieder?«

»Keine weitere Kontaktaufnahme, Werner. Das war der letzte Versuch. Ich fliege morgen nach London zurück. Ich werde in meinem eigenen Bett schlafen.«

»Deine Frau … Fiona … sie war sehr nett zu mir, damals, als ich Innendienst machen musste.«

»Ich weiß«, sagte ich. Werner war von zwei ostdeutschen Agenten, die er in seiner Wohnung ertappt hatte, aus dem Fenster geworfen worden. Sein Bein war dreifach gebrochen, und es hatte Monate gedauert, bis er völlig wiederhergestellt war.

»Und sag Mr Gaunt, dass ich oft an ihn denke. Wahrscheinlich ist er längst im Ruhestand, aber ich nehme an, dass du ihn von Zeit zu Zeit siehst. Sag ihm, wenn er wieder einmal wetten will, was der Iwan als Nächstes vorhat, dann soll er vorher mich fragen.«

»Ich sehe ihn am Wochenende«, sagte ich. »Ich werde es ihm ausrichten.«

2

»Ich dachte schon, du hättest das Flugzeug verpasst«, sagte meine Frau und knipste die Nachttischlampe an. Sie hatte noch nicht geschlafen, ihr langes Haar war kaum in Unordnung und das Rüschennachthemd nicht zerknüllt. Anscheinend war sie früh zu Bett gegangen. Im Aschenbecher lag eine brennende Zigarette. Wahrscheinlich hatte sie in der Dunkelheit gelegen und über ihre Arbeit nachgedacht. Auf dem Nachttisch lagen dicke Bände aus der dienstlichen Leihbücherei und ein dünner blauer Bericht des Sonderausschusses für Wissenschaft und Technologie mit Notizbuch und Stift und dem notwendigen Vorrat an Benson & Hedges, von dem sich ein beträchtlicher Teil inzwischen in Form von Kippen in dem großen geschliffenen Glasaschenbecher tummelte, den sie sich aus dem Wohnzimmer geholt hatte. Sie lebte ein anderes Leben, wenn ich weg war. Es war, als käme ich in ein anderes Haus, ein anderes Schlafzimmer, zu einer anderen Frau.

»Irgend so ein dämlicher Streik auf dem Flughafen«, erklärte ich. Auf dem Radiowecker balancierte ein Glas Whisky. Ich nippte daran. Die Eiswürfel waren längst zu einer faden Plörre geschmolzen. Das war typisch für sie: Bereitete alles vor für einen Willkommenstrunk – weiße Leinenserviette, Cocktailstäbchen, ein paar Käsestangen –, um die Sache dann völlig zu vergessen.

»Auf dem Londoner Flughafen?« Sie drückte ihre halbgerauchte Zigarette aus und wedelte den Rauch fort.

»Wo streiken sie sonst jeden Tag?«, fragte ich gereizt.

»Es war aber nichts darüber in den Nachrichten.«

»Streiks haben keinen Neuigkeitswert mehr«, sagte ich. Offenbar nahm sie an, dass ich nicht direkt vom Flughafen kam. Ihr Versäumnis, mich wegen der drei vergeudeten Stunden zu bemitleiden, verbesserte meine miese Laune nicht gerade.

»Alles gut gegangen?«

»Werner lässt dich grüßen. Er hat mir die Geschichte von deinem Onkel Silas und der Wette um fünfzig Mark erzählt.«

»Nicht schon wieder!«, sagte Fiona. »Er kann diese verdammte Wette einfach nicht vergessen.«

»Er mag dich«, sagte ich. »Er lässt dich herzlich grüßen.« Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber ich wollte, dass sie ihn genauso gern hatte wie ich. »Und seine Frau hat ihn verlassen.«

»Armer Werner«, sagte sie. Fiona war sehr schön, besonders wenn sie dieses Lächeln zeigte, das Frauen für Männer übrighaben, die ihre Frauen verloren haben. »Ist sie mit einem anderen durchgebrannt?«

»Nein«, sagte ich unwahrheitsgemäß. »Sie konnte Werners viele Affären nicht mehr ertragen.«

»Werner!«, sagte meine Frau und lachte dann. Sie glaubte nicht, dass Werner was mit anderen Frauen hatte. Ich fragte mich, warum sie zweifellos recht damit hatte. In meinen männlichen Augen war Werner ein attraktiver Bursche. Ich glaube, ich werde die Frauen nie verstehen. Das Dumme ist nur, dass die Frauen mich verstehen. Sie verstehen mich sogar verdammt gut. Ich zog meinen Mantel aus und hängte ihn auf einen Bügel. »Häng deinen Mantel nicht in den Schrank«, sagte Fiona. »Er muss gereinigt werden. Ich bringe ihn morgen weg.« So beiläufig wie möglich fügte sie hinzu: »Ich habe versucht, dich im Steigenberger Hotel zu erreichen. Danach habe ich es beim diensthabenden Offizier am Olympia-Stadion versucht, aber niemand wusste, wo du warst. Billy hatte geschwollene Lymphknoten. Ich habe schon befürchtet, es wäre Mumps.«

»Ich habe nicht dort gewohnt«, sagte ich.

»Aber das Büro hat dir doch ein Zimmer reserviert. Du hast gesagt, es sei das beste Hotel in Berlin. Du hast gesagt, ich könne dort eine Nachricht hinterlassen.«

»Ich habe bei Werner gewohnt. Er hat ja jetzt Platz, da seine Frau weg ist.«

»Und seine ganzen Liebschaften, die habt ihr euch geteilt?«, fragte Fiona. Sie lachte wieder. »Ist das Teil des großen Plans, mich eifersüchtig zu machen?«

Ich beugte mich vor und küsste sie. »Du hast mir gefehlt, Liebling. Wirklich. Ist Billy okay?«

»Billy geht’s gut. Aber dieser verdammte Kerl in der Werkstatt hat mir eine Rechnung über sechzig Pfund vorgelegt.«

»Wofür?«

»Er hat alles aufgeführt. Ich habe ihm gesagt, dass du dich darum kümmern würdest.«

»Aber das Auto hat er dir gegeben?«

»Ich musste doch Billy von der Schule abholen. Und das wusste er, bevor er mit der Reparatur begann. Also habe ich ich ihn angebrüllt, und er gab mir das Auto.«

»Du bist eine wunderbare Frau«, sagte ich. Ich zog mich aus und ging ins Bad, um mich zu waschen und mir die Zähne zu putzen.

»Und – hat alles geklappt?«, rief sie mir nach.

Ich betrachtete mich im Spiegel. Nur gut, dass ich ziemlich groß war, denn ich hatte zugenommen, und das Berliner Bier hatte gewiss auch seinen Teil dazu beigetragen. »Ich habe getan, was man mir aufgetragen hat«, sagte ich und beendete das Zähneputzen.

»Du doch nicht, Liebling«, sagte Fiona. Ich stellte die Munddusche an und hörte trotz des Ratterns Fionas Nachsatz: »Du tust doch nie, was man dir sagt.«

Ich ging ins Schlafzimmer zurück. Sie hatte sich die Haare gekämmt und das Laken auf meiner Bettseite glattgezogen. Auf dem Kissen lag ein Pyjama. Er bestand aus einer roten Jacke und einer farbenprächtigen, wild gemusterten Hose. »Soll das meiner sein?«

»Die Wäsche ist diese Woche nicht geliefert worden. Der Fahrer ist krank … Also, ich verlange eine Erklärung.«

»Ich habe mich nicht im Berliner Büro gemeldet – wenn es das ist, was dich bedrückt«, gab ich zu. »Da sind noch alle grün hinter den Ohren, haben von Tuten und Blasen keine Ahnung. Mit einem Oldtimer wie Werner fühl ich mich einfach wohler.«

»Und wenn etwas Unvorhergesehenes passiert wäre? Was, wenn es Probleme gegeben hätte, und der Diensthabende hätte nicht mal gewusst, dass du in Berlin bist? Kapierst du nicht, dass es ziemlich dumm war, ihnen nicht mal die kleinste Nachricht zu hinterlassen?«

»Ich kenne von den Leuten am Olympia-Stadion niemanden mehr, Liebling. Es ist alles anders geworden, seit Frank Harrington dort das Kommando übernommen hat. Da sind jetzt junge Kerle. Die haben keinerlei Außendiensterfahrung, dafür jeder Menge Theorien im Kopf, die man ihnen in der Ausbildung beigebracht hat.«

»Aber die Person ist aufgetaucht?«

»Nein.«

»Du hast also drei Tage umsonst gewartet?«

»Vermutlich kann man es so sehen.«

»Sie werden dich losschicken, damit du ihn dir schnappst. Das ist dir doch wohl klar, oder?«

Ich legte mich ins Bett. »Unsinn. Sie werden einen der Westberliner Leute nehmen.«

»Das ist doch der älteste Trick der Welt, Liebling. Sie schicken dich rüber, und du wartest auf ihn. Aber nach allem, was du weißt, hat er mit ihnen nicht mal in Kontakt gestanden. Nun musst du ihnen sagen, dass der Kontaktversuch gescheitert ist, und du wirst derjenige sein, den sie losschicken, um ihn zu schnappen. Mein Gott, Bernie, wie naiv du manchmal bist.«

So hatte ich das noch nicht gesehen, und es war mehr als nur ein Körnchen Wahrheit in Fionas Worten. »Nun, sie können sich einen anderen suchen«, sagte ich verärgert. »Soll einer von den Leuten vor Ort ihn schnappen. Mein Gesicht ist da drüben viel zu bekannt.«

»Sie werden sagen, dass die Leute dort zu jung sind und keine Außendiensterfahrung haben. Das hast du mir doch gerade eben erklärt.«

»Es geht um Brahms Vier«, sagte ich.

»Brahms – diese Agentennetz-Namen klingen einfach albern. Mir hat es besser gefallen, als sie Codenamen wie ›Trojaner‹ oder ›Wellington‹ oder ›Burgunder‹ verwendet haben.«

Die Art, wie sie das sagte, verstimmte mich. »Nach dem Krieg sind die Codenamen so ausgewählt worden, damit keine Nationalität erkennbar war«, sagte ich. »Und Nummer Vier im Brahms-Netz hat mir mal das Leben gerettet. Er war es, der mich aus Weimar herausgebracht hat.«

»Der Mann, um den so ein verdammt großes Geheimnis gemacht wird. Ich verstehe. Und du wunderst dich, warum sie gerade dich hingeschickt haben? Und ist nicht völlig klar, dass Sie dich und niemanden anderen schicken werden, um ihn zu da rauszuholen?« Neben dem Bett starrte mich mein Foto aus einem Silberrahmen an. Dieser Bernard Samson, ein ernsthafter junger Mann mit Bubigesicht, gewelltem Haar und Hornbrille, sah ganz und gar nicht so aus wie der zerknitterte alte Narr, den ich jeden Morgen rasierte.

»Ich war damals in der Klemme. Er hätte sich absetzen können, hätte nicht nach Weimar zurückfahren müssen.« Ich machte es mir auf dem Kissen bequem. »Wie lange ist das jetzt her? Achtzehn Jahre? Zwanzig?«

»Versuch zu schlafen«, sagte Fiona. »Morgen früh rufe ich im Büro an und sage, dass du dich nicht wohlfühlst. Das wird dir ein bisschen Zeit zum Nachdenken geben.«

»Du solltest die Berge von Arbeit sehen, die auf meinem Schreibtisch liegen.«

»Ich war mit Billy und Sally in dem griechischen Restaurant – zu Billys Geburtstag. Die Kellner haben ihm ein Ständchen gebracht und applaudiert, als er die Kerzen ausgepustet hat. Es war ganz reizend von ihnen. Ein Jammer, dass du nicht da warst.«

»Ich werde nicht gehen. Ich spreche morgen mit dem Alten. Solche Aufträge kann ich nicht mehr übernehmen.«

»Ach übrigens – Mr Moore von der Bank hat für dich angerufen. Aber er hat gesagt, es sei nicht dringend.«

»Und wir wissen beide, was das heißt«, sagte ich. »Es heißt: Rufen Sie mich unverzüglich zurück, oder …!« Ich war ihr jetzt ganz nahe und roch ihr Parfüm. Ich fragte mich, ob sie es eigens für mich aufgetragen hatte.

»So ist Harry Moore nicht. Zu Weihnachten hatten wir um fast siebenhundert Pfund überzogen, und auf der Party meiner Schwester hat er mir zugeflüstert, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen …«

»Brahms Vier hat mich zur Wohnung eines Mannes namens Busch gebracht – Karl Busch –, der dieses Zimmer in Weimar hatte …« Alles stand mir plastisch vor Augen. »Drei Tage sind wir dort geblieben, und danach ist Busch noch einmal zurückgekehrt. Sie haben ihn zu den Kasernen der Staatssicherheit in Leipzig mitgenommen. Er wurde nie wieder gesehen.«

»Du gehörst jetzt zum leitenden Personal, Liebling«, sagte sie und unterdrückte ein Gähnen. »Du musst nirgendwohin gehen, wenn du nicht willst.«

»Ich habe gestern Nacht bei dir angerufen«, sagte ich. »Um zwei Uhr morgens, aber du bist nicht rangegangen.«

»Ich war hier, habe geschlafen«, sagte sie. Ihre Stimme verriet, dass sie plötzlich hellwach war.

»Ich habe es eine halbe Ewigkeit klingeln lassen«, sagte ich. »Hab’s zweimal versucht.«

»Dann stimmt vielleicht irgendwas nicht mit diesem verdammten Telefon. Ich habe gestern versucht, die Kinderfrau zu erreichen, bin aber nicht durchgekommen. Ich rufe morgen die Störungsstelle an.«

3

Richard Cruyer, der Verbindungsführer der deutschen Außenstellen, war der Mann, dem ich Bericht zu erstatten hatte. Er war zwei Jahre jünger als ich, und wenn er sich dafür entschuldigte, gab ihm das die Gelegenheit, sich an seinen schnellen Aufstieg in einer Dienststelle zu erinnern, die für schnelle Aufstiege nicht gerade berühmt war.

Dicky Cruyer hatte lockiges Haar, trug bevorzugt Hemden mit offenem Kragen zu ausgewaschenen Jeans und spielte zwischen all den dunklen Anzügen und Eton-Krawatten gern den Wunderknaben. Aber hinter den flotten Sprüchen und dem lässigen Auftreten verbarg sich der größte Wichtigtuer der ganzen Abteilung.

»Die glauben, ich schieb hier eine ruhige Kugel, Bernard«, sagte er, während er in seinem Kaffee rührte. »Die ahnen nicht, dass mir pausenlos der Verbindungsführer Europa im Nacken hockt, nicht zu reden von den endlosen Sitzungen mit allen möglichen Ausschüssen hier im Hause.«

Auch Cruyers Klagen dienten nur dazu zu demonstrieren, wie wichtig er war. Aber er lächelte, um mir zu zeigen, dass er sein Kreuz geduldig trug. Sein Kaffee war ihm in Spode-Porzellan serviert worden, und er rührte ihn mit einem silbernen Löffel um. Auf dem Mahagonitablett standen eine weitere Spode-Tasse mit passender Zuckerdose und ein silbernes Sahnekännchen in Form einer Kuh. Es war ein kostbares altes Stück – Dicky hatte mir das viele Male erzählt – und wurde nachts zusammen mit dem Diensttagebuch und den letzten Durchschlägen der Briefe im Aktensafe eingeschlossen. »Die glauben, ich esse jeden Mittag im Mirabelle und trinke eine fine mit dem Chef.«

Dicky sagte fine statt Cognac oder Brandy. Fiona hatte mir erzählt, dass er das tat, seit er als junger Student Präsident der »Oxford University Food and Wine Society« gewesen war. Dickys Image als Gourmet war mit seiner Figur nur schwer in Einklang zu bringen: Er war ein dünner Mann mit dünnen Armen, dünnen Beinen, dünnen, knochigen Händen und Fingern, mit denen er ständig seine dünnen, blutleeren Lippen berührte. Eine nervöse Geste, von der manche behaupteten, sie sei eine Folge der ihn umgebenden Feindseligkeit. Das war natürlich Unsinn, aber ich gebe zu, dass ich den kleinen Mistkerl nicht leiden konnte.

Er nippte an seinem Kaffee, kostete ihn aufmerksam, während er seine Lippen bewegte und mich anstarrte, als wäre ich gekommen, um ihm die Jahresernte zu verkaufen. »Eine Spur bitter – findest du nicht auch, Bernard?«

»Nescafé schmeckt für mich immer gleich«, sagte ich.

»Das ist reiner Chagga, frisch gemahlen, bevor er gebrüht wurde.« Er sagte das ganz ruhig, nickte aber, um anzudeuten, dass er meinen Versuch, ihn zu ärgern, bemerkt hatte.

»Nun, er ist nicht aufgetaucht«, sagte ich. »Wir können hier den ganzen Tag sitzen und Chagga trinken, aber das würde Brahms Vier nicht herzaubern.«

Dicky sagte kein Wort.

»Hat er wieder Verbindung aufgenommen?«, fragte ich.

Dicky stellte seine Tasse auf dem Schreibtisch ab, um in einer Aktenmappe zu blättern. »Ja, wir haben einen Routinebericht von ihm erhalten. Er ist in Sicherheit.« Dicky kaute an einem Fingernagel.

»Warum ist er nicht aufgetaucht?«

»Darüber weiß ich nichts Genaues.« Er lächelte. Er sah auf genau die Art gut aus, wie Ausländer englische Börsenmakler mit Melone für gutaussehend halten. Sein Gesicht war hart und knochig, und die Bräune vom Weihnachtsurlaub auf den Bahamas war noch nicht ganz verblasst. »Er wird es schon erklären, wenn er den Zeitpunkt für richtig hält. Rück den Agenten im Außendienst nicht allzu sehr auf den Pelz – das ist schon immer meine Devise gewesen, stimmt’s, Bernard?«

»Die einzig richtige Art, Dicky.«

»Großer Gott! Was gäbe ich darum, noch einmal losziehen zu dürfen! Ihr Burschen seid wirklich zu beneiden.«

»Ich stehe seit fast fünf Jahren nicht mehr auf der Liste für Außeneinsätze, Dicky. Ich bin jetzt ein Schreibtischhengst wie du.« Wie du immer einer gewesen bist, hätte ich sagen sollen, unterdrückte es aber. »Captain« Cruyer hatte er sich genannt, als er von der Armee zurückgekommen war. Aber schon bald sah er ein, wie lächerlich das in den Ohren eines Vorgesetzten klingen musste, der selbst die Generalsuniform getragen hatte. Und er sah auch ein, dass »Captain« Cruyer ein eher unwahrscheinlicher Kandidat für diesen illustren Posten gewesen wäre.

Er stand auf, zog sein Hemd glatt und nippte erneut an seinem Kaffee, indem er eine Hand unter die Tasse hielt, um eventuelle Tropfen aufzufangen. Er bemerkte, dass ich meinen Chagga nicht getrunken hatte. »Möchtest du lieber Tee?«

»Ist es noch zu früh für einen Gin-Tonic?«

Er reagierte nicht auf die Frage. »Wie es aussieht, fühlst du dich unserem Freund B Vier eng verbunden. Du bist ihm immer noch dankbar, dass er dir in Weimar zu Hilfe gekommen ist.« Er begegnete meinem überraschten Blick mit wissendem Nicken. »Ich habe die Akten gelesen, Bernard. Ich weiß Bescheid.«

»Es war sehr anständig von ihm, das zu tun«, sagte ich.

»Das war es«, sagte Dicky. »Es war wirklich aller Ehren wert. Aber er hat es nicht nur darum getan.«

»Du warst nicht dabei, Dicky.«

»B Vier ist in Panik geraten, Bernard. Er hat sich abgesetzt. Er war irgendwo in Grenznähe, in irgendeinem gottverlassenen Nest im Thüringer Wald, zu dem Zeitpunkt, als unsere Leute ihn aufgriffen und ihm sagten, dass ihn der KGB gar nicht verhören will – oder irgendjemand anders, was das anbetraf.«

»Alte Geschichten«, sagte ich.

»Wir haben ihn umgedreht«, sagte Cruyer. Ich stutzte. Nun hieß es also »wir«. »Wir haben ihm irgendwelche Lappalien anvertraut und ihm geraten, zurückzugehen und die gekränkte Unschuld zu spielen. Wir haben ihm erklärt, er solle mit ihnen zusammenarbeiten.«

»Lappalien?«

»Namen von Leuten, die bereits entkommen waren, konspirative Wohnungen, die längst aufgegeben waren … Kleinkram, der Brahms Vier beim KGB gut aussehen ließ.«

»Aber sie haben Busch geschnappt, den Mann, der mich beschützt hat.«

Ohne Hast trank Cruyer seinen Kaffee aus und wischte sich mit einer Leinenserviette die Lippen. »Wir haben zwei von euch rausbekommen. Kein schlechter Schnitt in der schwierigen Situation – zwei von dreien. Busch ist zu seiner Wohnung zurückgegangen, um seine Briefmarkensammlung zu holen … Eine Briefmarkensammlung! Was soll man mit so einem Mann machen? Natürlich haben sie ihn eingesackt.«

»Die Briefmarkensammlung war vermutlich seine einzige Rücklage.«

»Kann sein, aber so haben sie ihn geschnappt, Bernard. Diese Schweine geben einem keine zweite Chance. Ich weiß das, du weißt es, und er wusste es auch.«

»Also deshalb mögen unsere Leute draußen Brahms Vier nicht.«

»Ja, aus diesem Grund haben sie etwas gegen ihn.«

»Sie glauben, er hat sie über das Erfurter Netz informiert.«

Cruyer zuckte mit den Schultern. »Was hätten wir tun sollen? Wir hätten kaum rumerzählen können, dass wir diese Geschichte nur erfunden haben, um den Burschen beim KGB zur persona grata zu machen.« Cruyer ging zu seinem Barschrank und goss Gin in ein großes Waterford-Glas.

»Viel Gin, wenig Tonic«, sagte ich. Cruyer drehte sich um, sah mich verblüfft an. »Wenn das für mich sein sollte«, fügte ich hinzu. Sie hatten also einen Fehler gemacht. Sie hatten Brahms Vier gestattet, die Adresse vom alten Busch preiszugeben, und dann war der arme Trottel wegen seiner Briefmarken zurückgegangen. Und in die Arme des KGB gelaufen.

Dicky goss noch ein bisschen mehr Gin ins Glas und fügte mit großer Vorsicht die Eiswürfel hinzu, damit es nicht spritzte. Er brachte es mir zusammen mit einer kleinen Flasche Tonic, die ich nicht anrührte. »Mach dir darüber keine Sorgen mehr. Du hast deinen Teil beigetragen, indem du nach Berlin gefahren bist. Alles Übrige werden jetzt andere erledigen.«

»Ist er in Schwierigkeiten?«

Cruyer ging zum Barschrank zurück und beschäftigte sich damit, mehrere Kronenkorken und Cocktailstäbchen wegzuräumen. Dann schloss er die Schranktüren und sagte: »Weißt du über die Art der Informationen Bescheid, die Brahms Vier uns beschafft hat?«

»Wirtschaftsspionage. Er arbeitet bei einer ostdeutschen Bank.«

»Er ist die bestgehütete Quelle, über die wir in der DDR verfügen. Du bist einer der wenigen, die ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen haben.«

»Und das war vor fast zwanzig Jahren.«

»Er arbeitet auf dem Postweg. Nur einheimische Adressen, um die Zensur und die Staatssicherheit zu umgehen. Er schickt sein Material an die verschiedenen Mitglieder des Brahms-Netzes. In Notfällen benutzt er tote Briefkästen. Aber das ist auch schon alles – keine Mikrobilder, keine Einmalverschlüsselung, keine Codes, keine Mikrosender, keine Geheimtinte. Ziemlich altmodisch.«

»Aber ziemlich sicher«, sagte ich.

»Altmodisch, aber so weit sicher«, stimmte Dicky zu. »Selbst ich habe keinen Zugang zur Brahms-Akte. Niemand weiß etwas über ihn, bis auf die Tatsache, dass er seine Informationen von irgendwo ganz oben bekommt. Wir können da nur spekulieren.«

»Und du hast spekuliert«, soufflierte ich, wohl wissend, dass Dicky es mir ohnehin erzählen würde.

»Von B Vier erhalten wir Informationen über wichtige Entscheidungen der Deutschen Investitionsbank. Und der Deutschen Bauernbank. Diese Staatsbanken gewähren der Industrie und der Landwirtschaft langfristige Kredite. Beide Banken werden von der Deutschen Notenbank kontrolliert, über die alle Zahlungen, Überweisungen und der gesamte Abrechnungsverkehr für das ganze Land laufen. Hin und wieder erhalten wir auch Hinweise auf Transaktionen der Moskauer Narodnij-Bank, außerdem regelmäßig Berichte über die COMECON-Sitzungen. Ich persönlich glaube, Brahms Vier ist der Sekretär oder ein persönlicher Assistent eines der Direktoren der Deutschen Notenbank.«

»Oder womöglich einer der Direktoren?«

»Alle Banken haben eine Abteilung für Wirtschaftsspionage. Leiter dieser Abteilung zu sein, ist nicht gerade die Art von Job, um die sich ein Banker mit auch nur einem Funken Ehrgeiz reißt. Also müssen alle mal ran. Brahms Vier hat uns mit dieser Art von Informationen viel zu lange versorgt, um etwas anderes als ein Angestellter oder Assistent sein zu können.«

»Du wirst ihn vermissen. Zu dumm, dass du ihn abziehen musst«, sagte ich.

»Ihn abziehen? Ich will ihn nicht abziehen. Ich will, dass er genau da bleibt, wo er ist.«

»Ich dachte …«

»Es war seine Idee, in den Westen zu kommen, nicht meine! Ich will, dass er bleibt. Ich kann es mir gar nicht leisten, ihn zu verlieren.«

»Vielleicht hat er kalte Füße bekommen.«

»Am Ende bekommen sie alle kalte Füße«, sagte Cruyer. »Der Druck ist auf Dauer nicht auszuhalten. Sie werden alt, sie werden müde, und sie halten Ausschau nach einem Sack voll Geld und einem Haus auf dem Land mit Spalierrosen vor der Tür.«

»Sie sehnen sich nach den Dingen, die wir ihnen vor zwanzig Jahren versprochen haben. So ist es doch.«

»Wer weiß schon, warum diese Verrückten tun, was sie tun?«, sagte Cruyer. »Mein halbes Leben habe ich damit verbracht herauszufinden, was sie antreibt.« Er sah aus dem Fenster. Grelles Sonnenlicht streifte die Linden. Darüber dunkelblauer Himmel mit sehr wenigen, sehr hohen Zirruswolken. »Aber ich begreife es nicht.«

»Irgendwann kommt der Punkt, wo du sie gehen lassen musst«, sagte ich.

Er berührte mit den Fingerspitzen seine Lippen. Küsste er seine Finger? Oder leckte er sie ab, weil Gin draufgetropft war? »Du sprichst von Lord Morans Theorie. Ich glaube mich zu erinnern, dass er die Männer in vier Kategorien eingeteilt hat. In die, die nie Angst haben. Die, die Angst haben, es aber nicht zeigen. Die, die Angst haben und es auch zeigen, aber ihre Arbeit tun. Und schließlich die vierte Gruppe – Männer, die Angst haben und versagen. Zu welcher Kategorie gehört Brahms Vier?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich. Wie zum Teufel will man einem Kerl wie Cruyer erklären, was es bedeutet, Tag und Nacht mit der Angst zu leben, Jahr für Jahr? Was hatte Cruyer schon groß zu befürchten, außer einer strengen Prüfung seiner Spesenabrechnungen?

»Wie auch immer. Für den Augenblick muss er drüben bleiben. Aber ein Ende ist in Sicht.«

»Warum bin ich dann geschickt worden, um ihn abzuholen?«

»Er hat die Pferde scheu gemacht, Bernard. Hat ein bisschen verrückt gespielt. Du weißt doch, wie sie manchmal sind. Er hat gedroht auszusteigen. Aber die Krise ist überstanden. Er hat gedroht, mit einem alten gefälschten US-Pass über die Grenze zu marschieren.«

»Also war ich da, um ihn aufzuhalten?«

»Wir mussten jedes Aufsehen vermeiden. Wir konnten weder der Polizei seinen Namen geben noch die Häfen und Flugplätze per Fernschreiber informieren.« Er entriegelte das Fenster und bemühte sich, es hochzuschieben. Es war den ganzen Winter über geschlossen gewesen, und nun bedurfte es Cruyers ganzer Kraft, es wieder aufzubekommen. »Ah, Londoner Diesel. Schon besser«, sagte er, als ein Schwall kalter Luft hereinzog. »Aber er ist immer noch ein schwieriger Fall. Er liefert nur noch sporadisch Informationen. Er droht sogar, ganz damit aufzuhören.«

»Und du? Womit drohst du ihm?«

»Drohungen sind nicht mein Stil. Ich habe ihn lediglich gebeten, noch zwei Jahre zu bleiben und uns dabei zu helfen, einen Ersatz für ihn zu finden. Großer Gott! Weißt du, wie viel Geld er in den vergangenen fünf Jahren aus uns herausgequetscht hat?«

»Solange du nur nicht verlangst, dass ich gehe«, sagte ich. »Mein Gesicht ist da drüben viel zu bekannt. Und für irgendwelche halsbrecherische Aktionen bin ich nicht mehr fit genug.«

»Keine Angst, wir haben genug Leute zur Auswahl, Bernard. Es gibt keinen Grund, leitendes Personal einer Gefährdung auszusetzen. Und sollten die Dinge brenzlig werden, brauchen wir ohnehin jemanden aus Frankfurt.«

»Das klingt nicht gut, Dicky. An was für eine Art von Jemand denkst du?«

Cruyer rümpfte die Nase. »Sollte B Vier tatsächlich daran denken, den Jungs in der Normannenstraße Geheimnisse anzuvertrauen, müssten wir unverzüglich handeln.«

»Ausschaltung?«, sagte ich mit bemüht gleichmütiger Stimme.

Cruyers Miene verriet Unbehagen. »Wir müssten unverzüglich handeln, und wir werden tun, was das Team vor Ort für notwendig erachtet. Du weißt, wie diese Dinge laufen. Eine Ausschaltung kann nie ausgeschlossen werden.«

»Es handelt sich um einen unserer Leute, Dicky. Er ist ein alter Mann, der der Abteilung mehr als zwanzig Jahre gedient hat.«

»Alles, was wir verlangen«, sagte Cruyer mit einem Anflug von Verzweiflung in der Stimme, »ist, dass er der Abteilung weiter dient wie bisher. Zu überlegen, ob er womöglich den Kopf verliert und uns verrät, ist müßig. Nichts als Spekulation.«

»Wir verdienen unsere Brötchen mit Spekulationen«, sagte ich. »Und vielleicht sollte ich darüber spekulieren, was ich anstellen muss, damit ein Jemand aus Frankfurt kommt und mich zur letzten großen Lagebesprechung ins Jenseits befördert.«

Cruyer lachte. »Immer einen Scherz auf den Lippen«, sagte er. »Muss ich unbedingt dem Alten erzählen.«

»Ist noch was von dem köstlichen Gin da?«

Er nahm das Glas aus meiner ausgestreckten Hand. »Überlass die Sache Frank Harrington und der Außenstelle Berlin, Bernard. Du bist kein Deutscher und nicht mehr im Außendienst. Und du bist viel, viel zu alt.«

Er goss ein wenig Gin in mein Glas und gab mit einer klauenförmigen Silberzange einige Eiswürfel dazu. »Lass uns lieber über etwas Erfreulicheres reden.«

»Wie du meinst, Dicky. Reden wir über die Bewilligung für meinen neuen Wagen. An der Kasse wollen sie ihn ohne die nötige Unterschrift nicht rausrücken.«

»Sag es meiner Sekretärin.«

»Ich habe die Formulare bereits ausgefüllt«, erklärte ich. »Und wie es der Zufall will, habe ich sie sogar bei mir. Du musst nur noch unterschreiben … in dreifacher Ausfertigung.« Ich platzierte sie auf der Ecke seines Schreibtisches und reichte ihm den Füllhalter aus der schmucken Schreibtischgarnitur.

»Dieser Wagen ist doch viel zu groß für dich«, murrte er, während er so tat, als würde der Füller streiken. »Es wird dir noch leidtun, dich nicht für ein kompakteres Modell entschieden zu haben.« Ich half ihm mit meinem Kugelschreiber aus. Als er fertig war, betrachtete ich die Unterschriften und steckte die Formulare in die Innentasche meiner Jacke. Perfektes Timing, würde ich sagen.

4

Wir hatten vor, am Wochenende Fionas Onkel Silas zu besuchen. Der alte Silas Gaunt war nicht ihr richtiger Onkel. Er war ein entfernter Verwandter ihrer Mutter. Fiona war Silas nie begegnet, bevor ich sie kurz nach unserem Kennenlernen zu ihm mitnahm, um Eindruck bei ihr zu schinden. Sie hatte Oxford mit den erwarteten exzellenten Resultaten in Philosophie, Politologie und Ökonomie absolviert – den »Modern Greats«, wie sie in Oxford hießen – und sich dann Dingen zugewandt, die bei ihren Altersgenossen gerade angesagt waren: Sie studierte Russisch an der Sorbonne und vervollkommnete nebenbei ihr Französisch – für eine junge Engländerin der Oberschicht einfach unerlässlich. Sie absolvierte einen Kochkursus am Institut Le Cordon Bleu, arbeitete bei einem Kunsthändler, nahm an einer Transatlantikregatta teil und schrieb Reden für einen Mann, der dann nicht für die Liberal Party ins Parlament einzog. Kurz nach diesem Fiasko lernte ich sie kennen. Der alte Silas war von seiner verlorenen und wiedergefundenen Nichte von Anfang an begeistert. Wir sahen ihn häufig, und unser Sohn Billy wurde sein Patenkind.

Silas Gaunt war eine Legende. Er hatte für den Geheimdienst gearbeitet, als der noch wirklich geheim war. In jenen Zeiten wurden die Berichte in gestochen sauberer Handschrift abgeliefert und die Agenten im Außendienst in Sovereigns bezahlt. Als mein Vater die Außenstelle Berlin leitete, war Silas sein Chef.

»Er ist ein lächerlicher Wicht«, sagte Fiona, als ich ihr von meinem Gespräch mit Dicky Cruyer berichtete. Es war Sonnabendvormittag, und wir befanden uns auf dem Weg zu Silas’ Anwesen in den Cotswolds.

»Er ist ein gefährlicher Wicht«, sagte ich. »Wenn ich daran denke, dass dieser Idiot Entscheidungen über Agenten im Außendienst trifft …«

»Du denkst an Brahms Vier«, sagte Fiona.

»›B Vier‹. Dickys neueste Wortschöpfung. Tja, die Leute mögen so etwas«, sagte ich. »Mich überläuft eine Gänsehaut.«

»Er will die Brahms-Quelle nicht verlieren«, sagte sie. Wir hatten die Autobahn verlassen und fuhren auf der Suche nach Elizabeth-Arden-Gesichtswasser durch Reading. Sie saß am Steuer des roten Porsche, den ihr Vater ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Sie war fünfunddreißig geworden, und ihr Vater hatte gemeint, sie könne etwas Aufmunterung gebrauchen. Ich fragte mich, womit er mich zu meinem Vierzigsten aufmuntern würde, der in zwei Wochen fällig war. Vermutlich mit der üblichen Flasche Rémy Martin, und fragte mich, ob ich in dem Karton wieder die Grußkarte irgendeiner Firma für Büroausstattungen finden würde, die sie ihm geschenkt hatte.

»Der Ausschuss für Wirtschaftsspionage ist auf die Bankinformation angewiesen, die Brahms Vier beschafft«, fügte sie nach einem langen, nachdenklichen Schweigen hinzu.

»Und ich bin immer noch der Meinung, wir hätten auf der Autobahn bleiben sollen. Die Drogerie im Dorf hat doch sicherlich Gesichtswasser«, sagte ich. Allerdings hatte ich nicht die leiseste Ahnung, was Gesichtswasser eigentlich war. Ich wusste nur, dass meine Haut es geschafft hatte, jahrzehntelang ohne auszukommen.

»Aber nicht von Elizabeth Arden«, sagte Fiona. Wir steckten mitten in Reading in einem Stau, und keine Drogerie in Sicht. Der Motor war heißgelaufen, und sie machte ihn für einen Augenblick aus. »Vielleicht hast du recht«, gab sie schließlich zu und beugte sich zur mir herüber, um mir einen flüchtigen Kuss zu geben. Sie wollte mich bei Laune halten, denn ich würde derjenige sein, der aus dem Auto sprang und auf der Suche nach diesem verdammten Wundermittel davonstürzte, während sie mit dem Verkehrspolizisten flirtete.

»Habt ihr genug Platz da hinten, Kinder?«, fragte sie.

Die Kinder waren links und rechts von einem Koffer eingezwängt, aber sie beschwerten sich nicht. Sally brummte leise und las weiter in ihrem JustWilliam-Buch, und Billy fragte: »Wie schnell kannst du auf der Autobahn fahren?«

»Und Dicky sitzt mit im Ausschuss«, sagte ich.

»Ja. Er behauptet sogar, er sei seine Idee gewesen.«

»Ich habe längst den Überblick verloren, in wie vielen Ausschüssen er ist. Nie ist er in seinem verdammten Büro, wenn man ihn braucht. Sein Terminkalender sieht aus wie ein Restaurantführer. Seit Neuestem gibt es bei ihm ›Frühstücks-Besprechungen‹. Jetzt isst und trinkt er den ganzen Tag. Keine Ahnung, wie er es schafft, so dünn zu bleiben.«

Der Verkehr geriet wieder in Bewegung, und Fiona ließ den Motor an. Vor uns fuhr ein altersschwacher roter Doppeldecker-Bus. Der Schaffner stand auf der Plattform und starrte Fiona und das Auto mit unverhohlener Bewunderung an. Sie lächelte ihm zu, und er lächelte zurück. Es war albern, aber ich verspürte einen Stich der Eifersucht. »Ich werde hin müssen«, sagte ich.

»Nach Berlin?«

»Dicky weiß, dass ich gehen muss. Das ganze Gespräch zielte nur darauf ab, mir das klarzumachen.«

»Was kannst du denn ausrichten?«, fragte Fiona. »Brahms kann nicht zum Weitermachen gezwungen werden. Wenn er sich entschlossen hat, nicht mehr für uns zu arbeiten, wird die Abteilung kaum etwas dagegen unternehmen können.«

»Nein?«, sagte ich. »Wenn du da mal nicht täuschst.«

Sie sah mich an. »Aber Brahms Vier ist alt. Er muss schon im Rentenalter sein.«

»Dicky droht ihm.«

»Er blufft.«

»Vielleicht«, gab ich zu. »Aber Dicky deutete auf seine Art an, dass andere vielleicht zu grob vorgehen könnten. Bei Dicky kann man leider nie sicher sein. Besonders, wenn es um seine Stellung geht.«

»Du musst das nicht machen, Liebling.«

»Es würde vermutlich nichts ändern, ob ich gehe oder nicht.«

»Nun, dann …«

»Wenn aber jemand anders fährt – irgendein Bursche aus dem Berliner Büro – und die Sache läuft schief … Wie soll ich ausschließen, dass ich es nicht besser gemacht hätte?«

»Selbst dann nicht, Bernard. Ich möchte einfach nicht, dass du fährst.«

»Wir werden sehen.«

»Du bist Brahms Vier nichts schuldig«, sagte sie.

»Doch, das bin ich«, erklärte ich. »Ich weiß es und er auch. Darum vertraut mir auf eine Weise, wie er anderen nicht vertraut. Er weiß, dass ich ihm etwas schuldig bin.«

»Das Ganze ist zwanzig Jahre her«, sagte sie, als wären Versprechen Hypotheken, deren Belastung mit den Jahren abnimmt.

»Es ist völlig unwichtig, wie lange es her ist.«

»Und bist du mir nicht auch etwas schuldig? Oder Billy und Sally?«

»Sei nicht ungerecht, Liebling«, sagte ich. »Es ist so schon schwer genug. Denkst du, ich habe Lust dazu, wieder Pfadfinder zu spielen?«

»Wer weiß?«, sagte sie. Sie war wütend, und als wir auf der Autobahn waren, trat sie so heftig aufs Gaspedal, dass die Tachonadel heftig ausschlug. Wir waren so schnell bei Onkel Silas, dass er nicht einmal Zeit gefunden hatte, die Schampusflaschen für den Aperitif zu öffnen.

Whitelands war ein Gehöft mit zweihundertvierzig Hektar Land in den Cotswolds – dem großen Kalksteinplateau, das das Themse-Tal von dem des Severn trennt –, und das Wohnhaus aus honigfarbenem Stein der Region mit seinen Koppelfenstern und der schiefen Tür hätte einen fast zu perfekten Eindruck gemacht – wie die Kulisse für einen Hollywoodfilm –, wenn es denn Sommer gewesen wäre. Aber der Himmel war grau, der Rasen gelb, und die Rosensträucher standen beschnitten und blütenlos da.

Neben der großen Scheune parkten, kreuz und quer, mehrere Autos, ein Pferd stand angepflockt am Zaun, und an dem Metallgitter der Veranda klebten frische Schlammklümpchen. Die alte Eichentür war unverschlossen, und Fiona betrat die Diele auf jene besitzergreifende Art, die Familienmitgliedern vorbehalten ist. Mäntel hingen an der Wand oder waren über ein Sofa drapiert.

»Dicky und Daphne Cruyer«, sagte Fiona, die einen Nerzmantel identifizierte.

»Und Bret Rensselaer«, sagte ich und berührte einen weichen Kamelhaarärmel. »Ist das komplette Büro da?«

Fiona zuckte mit den Schultern und drehte sich so, dass ich ihr aus dem Mantel helfen konnte. Aus dem hinteren Teil des Hauses drangen Stimmen und unterdrücktes Gelächter. »Nicht nur das Büro«, sagte sie. »Der Range Rover draußen gehört dem alten General, der unten im Dorf wohnt. Seine Frau hat die Reitschule – erinnerst du dich? Du konntest sie nicht leiden.«

»Ob die Cruyers über Nacht bleiben?«, fragte ich.

»Nicht, wenn ihre Mäntel in der Diele hängen«, erklärte Fiona.

»Du hättest Detektiv werden sollen«, sagte ich. Sie verzog das Gesicht. Derartige Bemerkungen fasste sie nicht als Kompliment auf.

Nirgendwo in England finden sich hübschere Dörfer, nirgendwo eine solche Bilderbuchlandschaft wie in den Cotswolds, und doch ist an dieser Perfektion etwas, das ich beunruhigend finde. In den beengten Cottages der Arbeiter leben Börsenjobber und Immobilienmakler, und der Wirt des altehrwürdigen Dorf-Pubs entpuppt sich als Airline-Pilot zwischen zwei Flügen. Die eigentlichen Dörfler wohnen in der Nähe der Hauptstraße in hässlichen, flachen Backsteinhäusern, und ihre Vorgärten sind mit ausrangierten Autoteilen vollgestellt.

»Wenn ihr zum Fluss runtergeht, denkt dran – das Ufer ist schlammig und rutschig. Und putzt um Gottes willen die Schuhe ab, bevor ihr zum Mittagessen wieder ins Haus kommt.« Die Kinder reagierten mit Freudengeheul. »Ich wünschte, wir hätten auch einen Ort, an den wir uns an den Wochenenden zurückziehen können«, sagte Fiona zu mir.

»Wir haben doch einen Ort«, sagte ich. »Den hier. Dein Onkel hat gesagt, du kannst kommen, wann immer du möchtest.«

»Das ist nicht dasselbe«, erklärte sie.

»Da hast du allerdings recht, es ist nicht dasselbe«, sagte ich. »Wenn es dein Haus wäre, würdest du nicht in der Diele herumstehen und ein Glas Chamapagner vor dem Essen leeren. Du würdest in der Küche Gemüse putzen.«

»Fiona, mein Liebling! Und Bernard!« Silas Gaunt kam aus der Küche. »Dacht ich mir’s doch, dass ich die Kinder kenne, die da eben durchs Gebüsch geklettert sind.«

»Entschuldige«, sagte Fiona, aber Silas lachte und schlug mir auf den Rücken.

»Wir werden zwar bald essen, aber es ist noch Zeit für einen kleinen Schluck. Ein paar Nachbarn waren da, aber ich konnte sie leider nicht überreden, zum Essen zu bleiben.«

 

Silas Gaunt war ein großer Mann mit einem enormen Bauch. Er war schon immer korpulent gewesen, aber nachdem seine Frau gestorben war, hatte er zugenommen – wie reiche alte Männer zunehmen, die ungehindert ihren Gelüsten freien Lauf lassen können. Er kümmerte sich weder um seine Figur noch darum, dass seine Hemden so prall saßen, dass die Knöpfe abzuspringen drohten. Es war ihm auch gleichgültig, dass die Hängebacken ihn wie einen traurigen Bluthund aussehen ließen. Sein Schädel war fast kahl, und die schweren Augenbrauen sackten ihm so tief in die Augen, dass es aussah, als runzele er ständig die Stirn. Dieser Eindruck wurde durch sein lautes Gelächter wettgemacht, für das er den Kopf in den Nacken warf, den offenen Mund gegen die Decke gerichtet. Onkel Silas wachte über seine Mittagsgesellschaft wie ein Gutsherr über das Hofgesinde. Aber das das störte niemanden, weil so offensichtlich war, dass er es nur zum Spaß tat, genau wie sein Gehabe als Bauer, mit den vielen Gummistiefeln in der Diele und der alten Heugabel auf dem Rasen, die dort ausgestellt war wie eine moderne Skulptur.

»Alle kommen sie zu mir«, sagte er und goss seinen Gästen 64er Château Pétrus ein. »Manchmal wollen sie, dass ich irgendeine dumme Entscheidung zurücknehme, die die Abteilung in den sechziger Jahren getroffen hat, oder sie wollen, dass ich meinen Einfluss bei irgendeinem hohen Tier geltend mache, oder sie erwarten, dass ich eine schauderhafte viktorianische Kommode, die sie geerbt haben, für sie verkaufe.« Silas blickte in die Runde, damit sich auch jeder am Tisch daran erinnerte, dass er Teilhaber eines Antiquitätengeschäfts in der Bond Street war. Der wortkarge Amerikaner Bret Rensselaer drückte den Arm der vollbusigen Blonden, die er mitgebracht hatte. »Aber sie kommen alle. Glaubt nicht, dass ich einsam wäre.« Ich hatte Mitleid mit dem alten Silas. Denn es war genau das, was nur einsame Menschen von sich behaupten.

Mrs Porter, seine Köchin und Haushälterin, trug einen Lendenbraten aus der Küche herein. »Gut. Ich mag Rindfleisch«, sagte mein Sohn Billy.

Mrs Porter lächelte verständnisvoll. Sie war eine Frau im fortgeschrittenen Alter, die wusste, was vom Dienstpersonal erwartet wurde: nichts hören, nichts sehen und wenig sagen. »Ich mag keine Stews und Pies und all diesen Mischmasch«, erklärte Onkel Silas, als er die zweite Flasche Limonade für die Kinder öffnete. »Ich habe gern ein Stück Fleisch auf dem Teller. All diese Soßen und Pürees finde ich abscheulich. Die Franzosen können mit ihrer Küche bleiben, wo der Pfeffer wächst.« Er goss ein wenig Limonade für meinen Sohn ein und wartete ab, bis Billy Farbe und Bouquet begutachtet hatte, einen Schluck nahm und dann zustimmend nickte, wie Silas es ihm beigebracht hatte.

Mrs Porter stellte die Fleischplatte vor Silas hin und legte das Vorlegebesteck daneben, bevor sie wieder in die Küche ging, um das Gemüse zu holen. Dick Cruyer tupfte sich mit der Serviette Wein von den Lippen. Die Worte des Gastgebers schienen auf ihn gemünzt gewesen zu sein. »Ich kann es nicht zulassen, dass du von der cuisine française derartig geringschätzig spricht, Silas.« Dicky lächelte. »Paul Bocuse wäre mir ewig gram.«

Silas bediente Billy mit einer dicken Scheibe rosafarbenen Fleisches und fuhr dann fort mit dem Tranchieren. »Fangt an zu essen!«, befahl er. Dickys Frau Daphne reichte die Teller herum. Sie arbeitete in der Werbebranche und kleidete sich gern im Großmutterlook, mit schwarzem Samtstehkragen, Kameebrosche und Nickelbrille. Sie bestand auf einer hauchdünnen Scheibe Fleisch.

Dicky sah, dass mein Sohn Bratensaft auf sein Hemd kleckerte, und lächelte mir mitfühlend zu. Die Cruyer-Jungen waren im Internat. Ihre Eltern sahen sie nur in den Ferien. Es sei die einzige Möglichkeit, nicht durchzudrehen, hatte mir Dicky mehr als einmal gesagt.

Silas tranchierte mit fachmännischer Konzentration das Fleisch. Die Gäste gaben Ahs und Ohs von sich. Dick Cruyer erklärte, das Fleisch sei einfach »köstlich«, und nannte Silas einen »edlen Wirt«. Fiona sah mich warnend an, damit ich Dicky nicht zu weiteren Kommentare provozierte.

»Kochen«, sagte Silas, »ist die Kunst des Möglichen. Die Franzosen ernähren sich von Resten. Sie hacken sie klein, mischen sie und übertünchen das Ganze mit Soßen. Ich esse diesen Fraß nicht. Nicht, solange ich mir ordentliches Essen leisten kann, und niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, sollte das tun.«

»Du solltest es einmal mit der nouvelle cuisine versuchen«, sagte Daphne Cruyer, die auf ihre französische Aussprache stolz war. »Leichte Kost, und jeder Teller wie ein Gemälde.«

»Ich will aber kein kalorienarmes Essen«, sagte Silas und schwang das Messer in ihre Richtung. »Nouvelle cuisine«, grollte er. »Große bemalte Teller mit einem Klacks Essen in der Mitte. Als das in den Hotelrestaurants aufkam, nannten wir das ›Rationierung‹. Aber man muss nur die Jungs von der PR-Front ranlassen. Schon stehen in den Frauenzeitschriften lange Artikel über die nouvelle cuisine. Wenn ich für gutes Essen gut bezahle, erwarte ich, dass mich der Kellner von einem Servierwagen bedient, dass er mich fragt, was ich möchte und wie viel ich möchte. Es gefällt mir nicht, wenn Teller mit Fleisch und zwei Sorten Gemüse aus der Küche gebracht werden, von Kellnern, die eine Makrele nicht von einer Makrone unterscheiden können.«

»Dieses Rindfleisch ist perfekt gebraten, Onkel Silas«, sagte Fiona, die erleichtert zur Kenntnis nahm, dass er es geschafft hatte, seine leidenschaftliche Rede ohne die üblicherweise eingestreuten Flüche zu Ende zu bringen. »Aber für Sally bitte nur eine dünne Scheibe … und durchgebraten, wenn möglich.«

»Du liebe Zeit!«, sagte er. »Deine Tochter muss ein ordentliches Stück Fleisch essen, damit Blut in ihre Adern kommt. Durchgebraten! Kein Wunder, dass sie so anämisch aussieht.«

»Was ist anämisch?«, fragte Billy, der rosafarbenes Fleisch mochte und bewunderte, wie Silas mit dem rasierklingenscharfen Tranchiermesser hantierte.

»Käsig, kränklich, abgehärmt, blass«, sagte Silas. Er legte Sally ein Stück rosafarbenes Fleisch auf den Teller.

»Sally geht es bestens«, sagte Fiona. Es gab nichts, was sie schneller in Erregung versetzte als die Andeutung, ihren Kindern könnte es an irgendetwas fehlen. Vermutlich war das die Art Schuldgefühl, die sie mit allen berufstätigen Müttern teilte. »Sally ist die beste Schwimmerin ihrer Klasse«, sagte Fiona. »Stimmt’s, Sally?«

»Nur im letzten Halbjahr«, flüsterte Sally.

»Iss Rindfleisch!«, sagte Silas. »Davon kriegst du Locken.«

»Ja, Onkel Silas«, sagte Sally. Er ließ sie nicht aus den Augen, bis sie einen Bissen in den Mund steckte und ihn anlächelte.

»Du bist ein Tyrann«, sagte meine Frau, aber Silas reagierte nicht darauf. Er wandte sich an Daphne: »Nun sag du nicht auch noch, dass du durchgebratenes Fleisch willst.«

»Bleu für mich«, sagte sie. »Avec un petit peu de moutarde anglaise.«

»Gebt Daphne den Senf«, sagte Silas. »Und reicht ihr die pommes de terre – sie könnte auch ein wenig zulegen. Ein Mann will doch was zum Festhalten haben«, sagte er zu Cruyer und fuchtelte mit der Vorlegegabel vor seiner Nase herum.

»Ich muss doch sehr bitten!«, sagte Cruyer, der persönliche Bemerkungen in Bezug auf seine Frau gar nicht schätzte.

 

Dicky Cruyer lehnte die charlotte russe mit der Bemerkung ab, er sei »voll bis oben hin«, und so teilten Billy und ich uns Dickys Portion. Charlotte russe war eine von Mrs Porters Spezialitäten. Nach dem Essen nahm Silas die Herren mit ins Billardzimmer. Zu den Damen sagte er: »Geht runter zum Fluss oder setzt euch in den Wintergarten – und wenn euch kalt sein sollte, im Salon ist der Kamin an. Mrs Porter bringt euch Kaffee – oder Brandy, wenn ihr wollt. Aber Männer müssen nun mal von Zeit zu Zeit fluchen und rülpsen. Wir werden spielen, rauchen und über Cricket fachsimpeln. Das wäre für euch nur langweilig. Geht und kümmert euch um die Kinder. Das ist es, wofür euch die Natur geschaffen hat.«

Die Damen fügten sich nicht gerade damenhaft – wenigstens nicht Daphne und Fiona. Daphne nannte Silas einen alten Chauvi, und Fiona drohte, die Kinder in seinem Arbeitszimmer – seinem Heiligtum – spielen zu lassen. Aber es half alles nichts. Er drängte die Herren ins Billardzimmer und schloss die Damen aus.

Das düstere Billardzimmer mit seiner Mahagonitäfelung sah noch immer so aus, wie es im 19. Jahrhundert nach dem Geschmack eines reichen Bierbrauers eingerichtet worden war. Selbst die Geweihe und Familienporträts waren an ihren Plätzen geblieben. Die Fenster gingen auf den Rasen hinaus, aber der Himmel draußen war dunkel, und der Raum wurde nur von dem grünen Licht erhellt, das vom Tuch des Billardtisches reflektiert wurde. Cruyer bereitete den Tisch vor, und Bret suchte sich ein Queue aus, während Silas das Sakko ablegte und mit seinen hellroten Hosenträgern schnippte, bevor er Getränke und Zigarren herumgehen ließ. »Brahms Vier macht sich also zum Narren?«, sagte Silas unvermittelt, als er sich eine Zigarre genommen hatte und nach den Streichhölzern griff. Er schüttelte die Schachtel, ließ die Hölzer klimpern. »Hm? Hat es euch die Sprache verschlagen?«

»Nun, was soll ich sagen?«, begann Cruyer und ließ fast das Kolophonium fallen, mit dem er die Spitze des Queues einrieb.

»Spiel nicht den Dummkopf, Dicky«, sagte Silas. »Der Chef ist höchst beunruhigt. Die Vorstellung, dass der Informationsfluss aus der Bank abreißen könnte, gefällt ihm gar nicht. Er sagte, du hast Bernard ins Spiel gebracht, um die Sache zu klären.«

Davon hatte Cruyer mir gegenüber nichts erwähnt. Er spielte mit seinem Queue, offenbar um sich eine Taktik zu überlegen. Schließlich sagte er wie beiläufig: »Bernard? Sein Name ist zwar gefallen, aber ich bin dagegen. Bernard hat seine Pflicht getan. Das habe ich ihm auch schon gesagt.«

»Rede nicht um den heißen Brei herum, Dicky. Spar dir das für deine Ausschusssitzungen auf. Sir Henry hat mir aufgetragen, euch an diesem Wochenende die Köpfe zurechtzurücken, damit ihr am Montag ein paar vernünftige Vorschläge unterbreiten könnt … spätestens am Dienstag. Diese verdammte Sache kann euch sehr schnell um die Ohren fliegen, das ist euch wohl klar.« Er sah erst auf den Tisch, dann blickte er seine Gäste an. »Wie wollen wir’s machen? Bernard ist nicht gerade ein Weltmeister, also wird er mit mir zusammen gegen euch beide spielen.«

Bret Rensselaer sagte nichts. Dick Cruyer sah Silas mit neu erwachtem Respekt an. Vielleicht hatte er bis zu diesem Nachmittag den Einfluss unterschätzt, den der alte Mann immer noch ausübte, oder er hatte sich nicht klar gemacht, dass Silas noch immer der abgebrühte Hund war, der er innerhalb des Dienstes gewesen war, der rücksichtslose Manipulator von Menschen, der Dicky Cruyer gerne wäre. Onkel Silas war aus jeder Krise wie neugeboren hervorgegangen, wie Phönix aus der Asche – etwas, das Dicky Cruyer nicht immer gelungen war.

»Ich bleibe dabei, dass Bernard nicht fahren muss«, beharrte Cruyer, jedoch schon weniger überzeugt. »Sein Gesicht ist zu bekannt. Man würde ihm sofort auf die Schliche kommen. Eine falsche Bewegung, und wir finden uns im Innenministerium wieder und überlegen, wen wir gegen ihn austauschen können.« Wie Silas bemühte er sich um jenen gleichmütigen Ton, mit dem Engländer bevorzugt sprachen, wenn es um Leben und Tod ging. Er beugte sich derweil über den Tisch, und es entstand ein Schweigen, während er zu seinem Eröffnungsstoß ansetzte.

»Und wer sollte sonst gehen?«, fragte Silas und musterte Cruyer wie ein Lehrer, der einem begriffsstutzigen Schüler eine mehr als einfache Frage stellt.

»Wir haben eine Liste mit fünf oder sechs Leuten zusammengestellt, die infrage kämen«, sagte Cruyer.

»Leute, die Brahms Vier kennen? Leute, denen er vertraut?«

»Brahms Vier traut niemandem«, sagte Cruyer. »Du weißt, wie Agenten sind, wenn sie sich mit dem Gedanken an Ausstieg tragen.« Er trat zurück. Bret Rensselaer betrachtete die Lage auf dem Spielfeld, um dann die von ihm gewählte Kugel ohne viel Federlesens im Loch zu versenken. Bret war Dickys Vorgesetzter, ließ aber Dicky die Fragen beantworten, als sei er lediglich Zuhörer. Es war so seine Art.

»Guter Stoß, Bret«, sagte Silas. »Also ist niemand von euch jemals mit ihm zusammengetroffen?« Er zog an seiner Zigarre und blies den Rauch in Cruyers Richtung. »Oder habe ich das falsch verstanden?«

»Bernard ist der Einzige, der jemals mit ihm zusammengearbeitet hat«, gab Cruyer zu, legte sein Sakko ab und hängte es sorgfältig über eine Stuhllehne. »Ich bin nicht mal in der Lage, ein neueres Foto von ihm aufzutreiben.«