Beste Feindinnen - Katherine St. John - E-Book
SONDERANGEBOT

Beste Feindinnen E-Book

Katherine St. John

0,0
6,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wenn aus besten Freundinnen Tod-Feindinnen werden: ein spannungsgeladener Roman aus der Welt der Superreichen, bei dem eine Luxus-Jacht zum tödlichen Gefängnis wird Seit Kindertagen waren Belle und Summer beste Freundinnen – bis sie sich in den selben Mann verliebten. Doch seitdem sind viele Jahre vergangen, und als Belle von Summer zu einem luxuriösen Segeltörn an die Cote d'Azur eingeladen wird, den sie sich selbst niemals leisten könnte, sagt sie zu. Auf der Jacht von Summers steinreichem Freund John trifft Belle auf eine Gruppe vom Summers Freundinnen. Die Sonne scheint vom azurblauen Himmel, der Champagner fließt in Strömen und die Mädchen amüsieren sich prächtig. Bis eine der jungen Frauen im Streit mit Summer über Bord geht. Statt die Küstenwache zu rufen, lässt John lediglich seine Sicherheitsleute nach dem Mädchen suchen. Vergeblich. Plötzlich wirken Johns sonderbare Regeln für das Leben an Bord der Jacht ebenso bedrohlich wie Summers Launen. Viel zu spät begreift Belle, was für ein perfides Spiel ihre ehemalige beste Freundin spielt. Will Belle überleben, muss sie so schnell wie möglich von der Jacht entkommen … »Beste Feindinnen« ist das Roman-Debüt der amerikanischen Drehbuch-Autorin Katherine St. John. Atmosphärisch und hochspannend entführt der Roman in die luxuriöse Welt der Superreichen, wo keine Regeln zu gelten scheinen außer denen, die sie sich selbst geben. Für die Fans von "Big Little Lies" von Liane Moriarty.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 570

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


KatherineSt. John

Beste Feindinnen

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Constanze Wehnes

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Seit Kindertagen waren Belle und Summer beste Freundinnen – bis sie sich in den selben Mann verliebten. Doch seitdem sind viele Jahre vergangen, und als Belle von Summer zu einem luxuriösen Segeltörn an die Cote d’Azur eingeladen wird, den sie sich selbst niemals leisten könnte, sagt sie zu.

Auf der Jacht von Summers steinreichem Freund John trifft Belle auf eine Gruppe vom Summers Freundinnen. Die Sonne scheint vom azurblauen Himmel, der Champagner fließt in Strömen und die Mädchen amüsieren sich prächtig. Bis eine der jungen Frauen im Streit mit Summer über Bord geht. Statt die Küstenwache zu rufen, lässt John lediglich seine Sicherheitsleute nach dem Mädchen suchen. Vergeblich.

Plötzlich wirken Johns sonderbare Regeln für das Leben an Bord der Jacht ebenso bedrohlich wie Summers Launen. Viel zu spät begreift Belle, was für ein perfides Spiel ihre ehemalige beste Freundin spielt. Will Belle überleben, muss sie so schnell wie möglich von der Jacht entkommen …

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Tag 1

Zehn Jahre zuvor

Tag 2

Zwei Jahre zuvor

Tag 3

Zwei Jahre zuvor

Tag 4

Ein Jahr zuvor

Tag 5

Neun Monate zuvor

Tag 5

Sieben Monate zuvor

Tag 6

Sechsundzwanzig Tage zuvor

Tag 6

Zweiundzwanzig Tage zuvor

Tag 6

Einundzwanzig Tage zuvor

Tag 7

Zwanzig Tage zuvor

Tag 7

Zwanzig Tage zuvor

Tag 7

Zwanzig Tage zuvor

Tag 7

Neunzehn bis zwölf Tage zuvor

Tag 7

 

 

 

 

Für meine Mädchen

 

 

 

 

Der einzig bekannte Feind des Löwen ist der Mensch.

Tag 1

Samstagnachmittag – Los Angeles

Ich dachte immer, dass mich Reichtum völlig kaltlassen würde, ganz egal, wie unermesslich. Doch beim Anblick der schnittigen Jets, die nebeneinander auf der Rollbahn stehen, überkommt mich ein unerwartetes Schwindelgefühl. Wie frei man sich bestimmt fühlt, wenn man so einfach um die Welt reisen kann, ohne sich mit all den üblichen Unannehmlichkeiten herumschlagen zu müssen! Keine Schlange vor dem Check-in, niemand fordert einen auf, die Schuhe auszuziehen, oder will die Handtasche durchsuchen. Keine Körperscanner, keine eingeklemmten Beine, kein Gerenne zum nächsten Flieger, keine verlorenen Koffer.

Ja, daran könnte ich mich gewöhnen. Summer jedenfalls hat sich schon längst daran gewöhnt.

Ich erinnere mich an die schicke Dinnerparty vor ein paar Jahren, bei der ich zum ersten Mal Kaviar probierte. Meine Begleitung an dem Abend war ein großkotziger Langweiler, aber ich vergesse nie, was er sagte, während ich gespannt (und vielleicht ein wenig skeptisch) die kleine Glasschüssel betrachtete, in der die winzigen schwarzen Eier auf einem Bett aus Eis lagen.

»Natürlich kann man gut ohne Kaviar leben, wenn man ihn nie probiert hat«, bemerkte er.

Und während ich mir den Perlmuttlöffel in den Mund steckte, warnte er mich, dass man diesen feinen Geschmack nicht so leicht wieder vergessen würde. Er hatte recht. Vielleicht könnte ich auch nicht mehr ohne Kaviar leben, wenn er regelmäßig auf meinem Speiseplan stünde.

Aber ich bin in dieser Welt nur zu Gast, und innerhalb einer Woche werde ich wohl kaum von Glanz und Gloria abhängig werden. Darum werde ich den Kaviar gewiss nicht ablehnen.

Genauso wenig wie Brot, Käse, Butter, Schokolade oder Eis und all die anderen Leckereien, denen ich einen Monat lang entsagt habe. Ich habe mich in die beste Figur meines Lebens geschwitzt und gehungert, damit ich eine ganze Woche im Bikini verbringen kann, und dafür werde ich mich jetzt belohnen.

Ich reiße mich von dem blendenden Anblick auf der Rollbahn los und vergewissere mich ein letztes Mal, ob ich alles dabeihabe. Reisepass? Ja. Portemonnaie? Ja. Handy? Ja. Die Uhr? Shit.

»Was ist los?«, fragt meine Schwester, als ich mir den Inhalt meiner Tasche in den Schoß kippe.

»Meine Uhr«, stöhne ich. »Ich hatte sie doch heute Morgen noch, und jetzt ist sie weg.«

»Bei einem Segeltörn an der Riviera brauchst du doch keine Uhr!«

»Hilf mir einfach, sie zu finden«, bitte ich sie.

Sie streicht sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und wühlt in dem Durcheinander in der Mittelkonsole. Lauren kommt nach unserer Mutter, zierlich und blond, während ich eher aussehe wie unser Vater, hochgewachsen und brünett. Und doch sind unsere Gesichtszüge so ähnlich, dass sie problemlos meinen Ausweis benutzen konnte, bis sie einundzwanzig war. Allerdings hat sie ihn nicht besonders oft gebraucht – meine kleine Schwester hat sogar noch mehr Zeit in der College-Bibliothek verbracht als ich. Und es hat sich gelohnt, denn im Herbst wird sie mit dem Jurastudium beginnen. Ich bin wahnsinnig stolz auf sie.

Schließlich öffne ich das Seitenfach der kleinen, runden Gucci-Umhängetasche, die mir Summer geschenkt hat – und schließe meine Hand um die Uhr. »Oh«, seufze ich erleichtert. »Hab sie.«

Lauren sieht mich abschätzend an. »Du bist irgendwie aufgedreht heute. Zu viel Kaffee?«

Ich lege mir die Uhr um das Handgelenk. »Ich bin wirklich etwas aufgeregt«, gebe ich zu. »Ich weiß gar nicht, warum Summer mich eingeladen hat. Ich habe sie in letzter Zeit kaum gesehen.«

»Echt?«, fragt Lauren überrascht. »Aber ihr beide seid doch schon ewig befreundet. Hat sie dir nicht neulich erst diese übertrieben teure Tasche da geschenkt?«

Ich nicke und streiche mit dem Finger über den rot-grünen Streifen in der Mitte. Das ist die teuerste Tasche, die ich je besessen habe – und trotz allem liebe ich sie.

»Was ist denn passiert?«, fragt sie.

»Ich weiß auch nicht.«

Aber das stimmt natürlich nicht.

Ich hieve meinen Rollkoffer aus dem Kofferraum meines alten Prius und umarme Lauren zum Abschied durch das offene Fenster. »Danke, dass ich dein Auto haben darf, während du weg bist«, sagt sie lächelnd. »Und bitte komm nicht mit einem alten Knacker zurück.«

»Haha.« Ich verdrehe die Augen. »Ich bin doch nicht Summer.«

Sie schüttelt den Kopf. »Ich habe nie verstanden, was du an ihr findest. Aber was weiß ich schon, meine Freundinnen laden mich ja höchstens mal an den Michigansee ein …«

»Nun hau schon ab, bevor mich hier jemand mit dieser Schrottkiste sieht.« Ich gebe dem Auto einen Klaps aufs Dach. »Au!« Das Blech ist so heiß, dass ich die Hand schnell zurückziehen muss.

»Meld dich mal!« Lauren wirft mir einen Luftkuss zu.

»Grüß Grannie von mir«, bitte ich.

Während ich ihr nachsehe, spüre ich einen kleinen Stich, weil ich nicht mit zu Grannies neuem Seniorenheim in Lake Havasu fahren kann. Immerhin steht sie dort in der Titelrolle von Mame, dem alten Musical,auf der Bühne. Meine Leidenschaft für die Schauspielerei muss ich von ihr geerbt haben, und normalerweise würde ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie in ihrem Element zu sehen. Doch so traurig ich auch bin, dass ich ihren großen Auftritt in der Rolle ihres Lebens verpassen werde, manchmal muss man eben das Seniorentheater für einen Segeltörn im Mittelmeer opfern.

Ich ziehe meinen Koffer über den Parkplatz voller Luxuskarren, die in der prallen Sonne stehen, und drücke die Klingel an dem verputzten, zweistöckigen Gebäude, das als Warteraum für den kleinen Privatflughafen dient. Über die Gegensprechanlage informiert mich eine höfliche Frauenstimme, die Crew für mein Flugzeug sei noch nicht eingetroffen, die Passagierliste liege noch nicht vor, sie könne mich noch nicht hineinlassen. »Es tut mir leid«, sagt sie. »Neue Sicherheitsmaßnahmen. Bitte kommen Sie später wieder.«

Na toll. Ich bin nur drei Minuten zu früh und trotzdem die Erste. Außerdem schwitze ich jetzt schon in dem unpraktischen Vintage-Sommerkleid, das ich letzte Woche bei einem Garagenflohmarkt in Beverly Hills gefunden habe. Der Stoff ist zu dick für diese Hitze und das Oberteil zu eng. Ich wünschte, ich hätte etwas Legeres aus Baumwolle angezogen, aber ich wollte auch trotz meines begrenzten Budgets Stil beweisen. Zum Glück habe ich die Handtasche.

Ich muss dringend in den Schatten, also zerre ich meinen Koffer den Gehweg entlang bis zu einer einsamen Palme und schaue durch den Maschendrahtzaun dem Treiben auf dem Flugplatz zu. Hitze steigt vom Asphalt auf und lässt die Luft flirren. Hinter den aufgereihten Jets hebt eine gelbe Cessna 421 ab. In der Ferne sehe ich mehrere Hubschrauber starten und landen.

Auf der Rollbahn kommen gerade zwölf Anzugträger eine Gangway hinunter. Ein Basketballspieler, dessen Name mir nicht einfallen will, steigt in einen Jet ein. Ihm folgen eine Frau, wohl die Ehefrau, drei Kinder, zwei Personen, die seine Assistenten sein könnten, und vier große Hunde.

Ich frage mich, ob die Frau wohl glücklich ist. Zumindest angenehm muss sie es ja haben. Jedenfalls viel angenehmer als ich hier, die ich langsam mit meinem blöden Kleid verschmelze. Geld hat für mich bei der Partnerwahl nie eine Rolle gespielt, aber plötzlich frage ich mich: Was, wenn ich damit falschliege? Was, wenn Liebe eben nicht alles überwindet und Geld eben doch all deine Probleme lösen kann? Summer jedenfalls scheint darauf zu wetten.

Meine eher glanzlose Schauspielkarriere besteht bisher vor allem aus Nebenrollen und Kellnerjobs, bei denen ich schon dem einen oder anderen Frauenschwarm über den Weg gelaufen bin. Hin und wieder ehrten mich diese Typen sogar mit ihrer flüchtigen Aufmerksamkeit, aber ich habe mich nie richtig auf so etwas eingelassen. Ich hatte immer Angst, dass ich eines dieser austauschbaren, dummen Dinger werde, die am Arm irgendeiner Berühmtheit hängen, bis sie für das nächstbeste Model fallen gelassen werden. Ich kann förmlich Summers Stimme hören: »Du musst nur endlich an dich selbst glauben, dann findest auch du den Richtigen.«

Ich lache laut auf. Wenn mich hier jemand beobachtet, hält er mich sicher für bescheuert. Vermutlich steigt mir die Hitze zu Kopf. Oder vielleicht sind es die Jets. Aber ich bin eben nicht Summer. So weit wie sie würde ich niemals gehen, egal, für wie viel Geld.

Da rollt ein silberfarbenes BMW-SUV in die Parklücke neben mir. »Hey, was machst du denn hier draußen?«, ruft eine fröhliche Stimme.

Ich winke und ziehe meinen Koffer zu dem Wagen hinüber. Wendy steigt auf der Fahrerseite aus und wirft einen Blick auf ihre schmale goldene Uhr. »Lass mich raten: Summer ist noch nicht da.«

»Wir sind die Ersten«, bestätige ich. »Und die lassen mich noch nicht rein.«

»Die lassen dich einfach hier draußen schmelzen?«, fragt Wendy, während wir uns mit Luftküsschen begrüßen.

Wendy hat schwarze, vollkommen ebenmäßige Haut, dunkle Augen wie eine Disney-Prinzessin, gekrönt von perfekt geschwungenen Augenbrauen. Sie sieht immer stylisch aus, und ihr heutiges Outfit schreit förmlich: Ich fliege mit einem Privatjet nach Südfrankreich! Eine völlig knitterfreie, weiße Leinenhose und ein luftiges, goldfarbenes Oberteil umhüllen ihre zierliche Statur. Dazu trägt sie sandfarbene Wedges, deren Absätze mit geflochtenem Stroh besetzt sind, und einen weißen Sonnenhut mit breiter Krempe, unter dem ihr die langen, schwarzen Locken über die Schultern fallen.

Mein unbequemes Vintage-Kleid kommt mir plötzlich nur noch altbacken vor. Neben Wendy und Summer bin ich mir meiner Erscheinung immer besonders bewusst. Das ist nicht ihre Schuld; sie sehen scheinbar mühelos immer elegant aus. Bei mir ist Eleganz dagegen mit jeder Menge Aufwand verbunden. Mein Gehirn funktioniert einfach anders. Für mich ist ein Kleid schon ein Outfit. Aber die beiden stellen immer einen ganzen Look zusammen.

Wendys Mitbewohnerin Claire steigt auf der Beifahrerseite aus, und ich gebe auch ihr ein paar Luftküsschen. Offenbar hat sie einen Friseur an ihre dunkle Mähne gelassen, denn sie trägt jetzt einen welligen Longbob mit karamellfarbenen Highlights, die ihre blauen Augen richtig zum Strahlen bringen. »Neue Frisur? Sieht toll aus«, sage ich.

»Danke!« Sie bekommt Grübchen beim Lächeln. »Hab ich aber schon länger.«

»Dann haben wir uns wohl ewig nicht gesehen, ich glaube, das letzte Mal bei Wendys Geburtstagsfeier im Juni.«

»Claire ist auch überhaupt nicht mehr da, seit sie mit Mr Spitzenliga zusammen ist«, stichelt Wendy.

»Mein Freund wohnt in Chicago, deshalb bin ich jetzt häufiger dort«, erklärt Claire. »Er ist Baseballspieler.«

»Wie schön«, sage ich begeistert.

Claire ist eine total liebe Grundschullehrerin aus Miami und spricht sehr leise, wenn überhaupt. Aber sonst weiß ich ehrlich gesagt nicht viel über sie. Wir kennen uns bestimmt schon seit vier Jahren, aber ich muss zugeben, dass wir noch nie ein richtiges Gespräch zustande gebracht haben – vermutlich, weil sie immer in Wendys Schatten steht, die das genaue Gegenteil ist: Eine derart offene, energiegeladene und allseits beliebte Person gibt es kein zweites Mal. Als wir uns an der UCLA kennenlernten, war Wendy die Präsidentin ihrer Schwesternschaft und des Griechischklubs. Sie organisierte Spendenaktionen und Verschönerungsprojekte für den Campus und konnte nebenher immer noch ihren Einserschnitt halten. Nach ihrem Abschluss hat sie zunächst Events geplant. Jetzt arbeitet sie als Pressesprecherin und kennt wirklich jeden in Los Angeles, und das ist nicht übertrieben. Na ja, zumindest jeden, der einen gewissen Status hat. Leute, die zu extravaganten Anlässen eingeladen werden und Publicity brauchen. Und offenbar sind das eine Menge Leute. Wenn man mit Wendy spricht, vermittelt sie einem außerdem das Gefühl von aufrichtigem Interesse – genau wie eine Politikerin. Das hat sie wohl von ihrem Vater, der in Ohio Senator ist.

Einmal habe ich sie nach dem Geheimnis ihres umwerfenden Charmes gefragt. Ich dachte natürlich, er sei im »Wendy-Paket« einfach mit drin gewesen, aber er stellte sich als Methode heraus. Das Wichtigste dabei sind leichte Berührungen und Blickkontakt. Sie hat versucht, es mir beizubringen, aber bei mir kam es so rüber, als hätte ich ganz andere Absichten. Man sollte doch annehmen, als Schauspielerin würde ich die Manipulation perfekt beherrschen, aber eigentlich habe ich immer nur versucht, ein anständiger Mensch zu sein – und vollkommen blauäugig angenommen, alle anderen wären genauso. Das ist unrealistisch, schon klar. Ich arbeite dran.

»Ich habe gestern im Cove gegessen und war danach auch noch kurz in der Bar, aber ich habe dich nicht gesehen«, sagt Wendy.

»Ich hatte mir zum Packen freigenommen«, flunkere ich. Eine Casting-Direktorin, bei der ich schon diverse Male erfolglos vorgesprochen habe, hat dort ihren Geburtstag gefeiert, und ich wollte nicht, dass sie mich hinter dem Tresen sieht. Aber Wendy hat mir den Job besorgt (wofür ich ihr sehr dankbar bin), also kann ich ihr das schlecht erzählen. Nicht dass ich mich für die Arbeit als Barkeeperin schäme, aber immerhin konnte ich schon ein ganzes Jahr lang all meine Rechnungen mit Schauspielgagen bezahlen … Okay, vielleicht ist es mir doch ein wenig peinlich, dass noch nicht alles dauerhaft so gut klappt, wie ich es mir vorgestellt habe. Es läuft halt gerade etwas holprig. Eine kleine Durststrecke, nichts weiter. Aber sobald ich zurück bin, werde ich mich richtig reinhängen, und dann wird sich alles ändern.

Wendy öffnet den Kofferraum, der bis zum Rand vollgepackt ist. »Bisschen viel, oder?«, frage ich.

»In dem großen sind Klamotten, in dem mittleren Schuhe und Taschen, und in dem kleinen ist alles drin, was ich für meine Haare brauche«, erklärt Wendy, während sie auf das kastanienbraune Kofferset deutet. »Du weißt ja, da bin ich anspruchsvoll.«

»Heute sehen deine Haare auf jeden Fall schon mal großartig aus«, sage ich lachend.

»Danke. Hab ich frisch machen lassen für den Trip«, sagt sie lächelnd und wirft sich die Haare über die Schulter.

»Und ich hatte eigentlich nur einen kleinen Koffer gepackt. Den hier habe ich Wendy zu verdanken«, verteidigt Claire sich, während wir zu dritt ihren gigantischen Koffer aus dem Auto hieven.

»Das glaube ich gern«, sage ich und werfe ihr ein verständnisvolles Lächeln zu.

Gerade als wir Wendys Koffertrio ausladen, biegt ein schwarzer Chevrolet Suburban mit Chauffeur auf den Parkplatz. Summers Mutter Rhonda, ihre Schwester Brittani und ein weiteres Mädchen, das ich nicht kenne, steigen aus, jede beladen mit Kaffeebecher, Handy, Hut und Handtasche.

Jetzt geht’s los.

»Wir mussten noch beim Outlet anhalten«, verkündet Rhonda temperamentvoll. Wie aufs Stichwort fällt eine Einkaufstasche aus dem Auto, bevor der Fahrer sie auffangen kann. Drei Schuhkartons landen auf dem Asphalt. »Schließlich braucht man eine angemessene Garderobe in Südfrankreich!«

Brittani und ihre Mutter klatschen sich ab und schwingen die Arme wie Cheerleader.

Rhonda hat ein paar Pfunde mehr auf den Rippen als vor zehn Jahren, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Und offenbar hat sie was machen lassen, denn ihre Mimik wirkt in ihrem aufgedunsenen Gesicht wie eingefroren. Aber ansonsten scheint sie sich kaum verändert zu haben. Die blond gesträhnten Haare auf dem Kopf aufgetürmt, etwas zu viel Farbe im Gesicht und die ausladende Oberweite in ein Top mit Leopardenmuster gezwängt.

Brittani habe ich genauso lange nicht gesehen, aber trotz der unterschiedlichen Väter sieht sie ihrer Schwester verblüffend ähnlich – blond und hübsch, beneidenswerte Wangenknochen, perfekt geschwungene Lippen und lange Beine. Doch während Summer immer aussieht, als käme sie gerade vom Brunch in der Upper East Side, trägt Brittani das perfekte Outfit für eine Collegeparty in Cancún. Auf ihrem engen, rosafarbenen T-Shirt steht in Glitzersteinen WAS IN VEGAS PASSIERT …. Dazu trägt sie kurze Jeans-Shorts, und ihr Haar hat vom Blondieren einen leichten Stich ins Orange. Das Stilgefühl hat sie eindeutig von ihrer Mutter geerbt.

»Mädelsausflug!«, ruft Brittani und stürzt sich auf uns.

Ich setze ein Lächeln auf. »Brittani, Rhonda! Wie schön, euch zu sehen!«

»Wie redest du denn? ›Wie schön, euch zu sehen‹? Mach dich mal locker, du kommst doch aus dem Süden«, sagt Brittani in gespieltem Südstaatenakzent und stupst mich mit der Hüfte an, sodass ich fast gegen einen Porsche stolpere.

Ich fange mich wieder und bemühe mich um einen freundlichen Tonfall. »Wow, du siehst toll aus. Ich glaube, du warst zwölf, als ich dich zum letzten Mal gesehen habe.«

»Tja, jetzt bin ich zweiundzwanzig. Whoooo!« Wieder dieses Cheerleader-Wedeln. »Willst du immer noch Schauspielerin werden?«

Ich unterdrücke einen Anflug von Ärger. Das war bestimmt nicht böse gemeint. »Ja, ich arbeite noch als Schauspielerin«, antworte ich und zwinge mich, erneut zu lächeln.

»Was hast du denn bisher so gespielt?«, fragt sie.

Die Frage musste ja kommen, und sie sollte mich eigentlich nicht besonders stören, aber ich habe keine gute Antwort darauf. Völlig ausgeschlossen, dass sie einen meiner Filme kennt, denn keiner davon hat besonders viel Aufmerksamkeit erhalten. Und meine Fernsehrollen waren so klein, dass sie mich wahrscheinlich gar nicht bemerkt hätte. Also erzähle ich von der einen Sache, auf die ich wirklich stolz bin und die sie vermutlich todlangweilig findet. Hoffentlich hält sie dann die Klappe. »Ich bin für einen Webby Award nominiert, für eine Webserie«, sage ich. »Sie heißt Junk, und es geht um …«

… na bitte. Sie lässt mich nicht mal ausreden und winkt ihre Freundin zu sich. »Hier, das ist Summers Sidekick!«

Ihre Freundin hat lange, dunkle Haare mit lilafarbenen Strähnchen und würde von der Kleidung her eher auf ein Rockkonzert passen als an die Riviera. Ein Minirock aus schwarzem Jeansstoff sitzt tief auf ihrer Hüfte und wird von einem schweren Nietengürtel an Ort und Stelle gehalten, der zu ihren schwarzen, ebenfalls nietenbesetzten Plateau-High-Heels passt. Ihre Arme und Beine sind mit Tattoos bedeckt, und unter ihrem hautengen, schwarzen Top trägt sie keinen BH, allerdings benötigen ihre üppigen Brüste auch keinen.

Aus der Nähe bestätigt sich, dass sie wirklich hübsch ist. Ihre Haut ist ebenmäßig gebräunt, und ihr fein geschnittenes Gesicht hat etwas Exotisches und Rebellisches an sich. Aber vor allem fallen mir ihre grellvioletten Kontaktlinsen ins Auge.

Merkwürdig. Ich wusste zwar, dass Brittani eine Freundin mitbringen durfte, »damit sie beschäftigt ist«, aber ich hätte nicht erwartet, dass Summer diese Freundin genehmigt. Ihr Image war Summer schon immer sehr wichtig, und seit sie mit John zusammen ist, achtet sie noch mehr darauf und pflegt akribisch die Fassade von Kultiviertheit, hinter der sie ihre bescheidene Herkunft verbirgt. Wendy und ich passen in ihr Schema: Wir sind ansehnlich und wohlerzogen genug, um sie nicht zu blamieren, aber nicht schön oder kultiviert genug, dass wir ihr den Rang ablaufen könnten.

Warum Claire eingeladen wurde, verstehe ich auch, obwohl Summer sie kaum kennt – sie ist umgänglich und brav und, obwohl sie hübsch ist, völlig ungefährlich. Wenn man eigentlich nur zwei Freundinnen hat, kann man an Claire ruhigen Gewissens einen von sechs Plätzen auf einer Jacht vergeben. Brittani und Rhonda gehören nun mal zur Familie und hätten es Summer garantiert nie verziehen, wenn sie nicht eingeladen worden wären (Summer hat mir übrigens schon verraten, dass sie sich mal ihre Garderobe vornehmen wird, sobald wir auf dem Boot sind). Aber dieses Mädchen … Das Styling wird Summer ihr vielleicht verzeihen. Aber ganz bestimmt nicht, wie sündhaft sexy sie ist.

Ich lächle und strecke ihr die Hand entgegen. »Ich bin Belle.«

Ihre Armreifen klimpern, als sie unsicher meine Hand ergreift. »Amythist.«

»Wie der Stein?«, wirft Wendy ein.

»Aber anders geschrieben«, stellt sie klar.

Ich frage mich, was wohl zuerst da war: der Name oder die Kontaktlinsen.

Rhonda zieht am Ausschnitt ihres Oberteils und pustet hinein. »Ziemlich heiß hier.«

Ich umarme sie und bleibe kurz kleben. »Ja, es ist furchtbar. Das sind Wendy und Claire.«

»Oh, Wendy, ich habe schon so viel von dir gehört!«, sagt Rhonda.

Wendy rückt ihren Hut zurecht und lacht. »Nur Gutes, hoffe ich.«

»Summer schwärmt immer richtig von euch, es ist so schön, euch endlich kennenzulernen.« Rhonda wendet sich an Claire. »Wie heißt du noch mal?«, fragt sie und legt Claire den Arm um die Schultern.

Als Claire gerade antworten will, schneidet Rhonda ihr das Wort ab. »Nein, warte, ich weiß schon … Abby!« Claire schüttelt den Kopf. »Amy! Ashley! Amber!«

»Claire«, sagt Claire leise.

»Komisch, ich dachte, es wäre irgendwas mit A. Und woher kennst du –«

Wendy nimmt Rhondas Arm, als würden sie sich schon ewig kennen, und befreit dadurch Claire aus Rhondas Krallen. »Wir werden bestimmt viel Spaß haben!«

Kurz darauf gewährt man uns endlich Zutritt in das auf arktische Temperaturen heruntergekühlte, winzige Terminal, wo unsere Pässe mit der Passagierliste abgeglichen werden. Dann geht es durch eine große Glastür auf die glühend heiße Rollbahn. Die Crew des Jets nimmt uns freundlicherweise das Gepäck ab, doch eine stämmige Flugbegleiterin in einem khakifarbenen Kleid, die kaum älter sein kann als wir, informiert uns höflich, dass niemand das Flugzeug betreten darf, bis Mr Lyons eintrifft.

Also zurück zum Terminal. Doch bevor wir die vollklimatisierte Oase erreichen, fängt sie uns ab. »Entschuldigung, nur zu Ihrer Information: Mr Lyons wünscht, dass seine Gäste bereitstehen, damit wir starten können, sobald er eintrifft.«

»Okay, kein Problem. Wir sind jederzeit bereit.« Rhonda zeigt mit dem Daumen nach oben, und wir gehen weiter Richtung Terminal.

»Von wegen Mädelsausflug«, sagt Wendy seufzend.

Ich lache. »Er lässt sie doch kaum aus den Augen. Hast du wirklich geglaubt, er würde Summer allein mit seinem Jet an die Riviera fliegen lassen?«

Die Flugbegleiterin überholt uns und ruft aufgeregt: »Nein, nein, tut mir leid!« Der Schweiß glänzt auf ihrer Stirn. »Ich meinte, Sie sollten hier warten. Die beiden kommen jeden Moment.«

Wir bleiben wie angewurzelt stehen. »Sie meinen hier? In der Sonne?«, fragt Brittani ungläubig.

»Ja, das wäre das Beste«, erwidert die Flugbegleiterin und klingt jetzt ein wenig verzweifelt. »Bitte, hier entlang, Sie können sich hier in den Schatten stellen.«

Und so schmachten wir fast eine Stunde lang im Schatten der Flugzeugnase vor uns hin.

 

Als der weiße Bentley endlich vorfährt, habe ich einen wahnsinnigen Druck auf der Blase, und in meinem Bügel-BH steht der Schweiß. Summer steigt auf der Fahrerseite aus, als komme sie geradewegs aus einem Schwarz-Weiß-Film. Sie war schon immer meine glamouröseste Freundin, aber diesmal hat sie sich wirklich selbst übertroffen. Sie trägt ein beigefarbenes Wickelkleid, eine große, dunkle Sonnenbrille, ein Tuch von Chanel über dem geschmackvoll blondierten Haar, ein geradezu strahlendes Lächeln und ist sich offenbar überhaupt nicht bewusst, dass wir uns ihretwegen gerade eine Stunde lang die Beine in den Bauch gestanden haben.

Während sie unbeschwert zu uns herüberschaut, spüre ich Ärger in mir aufwallen. Noch ist es nicht zu spät. Ich könnte immer noch abspringen. Ich könnte sagen, dass es mir nicht gut geht, und wahrscheinlich würde ich sogar ein paar meiner Schichten in der Bar zurückbekommen. Nach dem, was Summer abgezogen hat, würde sie niemand, der noch bei Verstand ist, auf diesen Trip begleiten. Aber nein, ich muss das jetzt durchziehen, egal, was passiert ist. Ich zwinge mich, nicht auf die Uhr zu sehen, ersticke die Wut und schalte mein Lächeln ein.

Auf der Beifahrerseite steigt ein schmächtiger, drahtiger Mann in einem maßgeschneiderten Anzug aus. Summers Freund John ist keinen Tag älter als dreiundsechzig. Seine gerade noch sechsundzwanzigjährige Freundin übertrifft er somit in Jahren deutlich, allerdings nicht in Zentimetern. Immerhin, seine perfekt frisierten, silbergrauen Haare und die Absätze an seinen handgemachten italienischen Lederschuhen geben ihm bestimmt noch einmal fünf Zentimeter dazu, sodass sie fast gleich groß sind. Mir fällt auf, dass sie flache Schuhe von Chanel trägt, die zu ihrem Schal passen. High-Heels sind jetzt wohl tabu, damit er neben ihr nicht wie ein Zwerg aussieht.

»Schaut mal, was John mir zum Geburtstag geschenkt hat!«, ruft sie. Sie schiebt die Sonnenbrille hoch, und ihre grünen Augen strahlen im Sonnenlicht. »Los, kommt! Mein Name ist sogar in das Leder gestickt!«

Ihre Begeisterung ist ansteckend. Wir scharen uns um den maßlos teuren Schlitten und machen »Ah« und »Oh«, wie es sich gehört – schließlich ist es wirklich ein prachtvolles Geschoss –, während das Gepäck aus dem Kofferraum in das Flugzeug geladen wird.

Ich umarme Summer und bemühe mich um unsere frühere Vertrautheit. »Es ist wunderschön, genau wie du.«

»Ich bin so froh, dass du da bist.« Sie drückt meine Hand. »Schöne Sonnenbrille.«

»Danke!« Ich fummele an der großen, schwarzen Billigbrille herum. »Ich dachte mir, dass sie dir gefällt. Ich hab sie –«

»Heißt das, ich kann den Mercedes haben, Schätzchen?«, unterbricht Rhonda mich.

Summer lächelt, aber ihre Augen verraten ihre wahren Gedanken. »Mom«, sagt sie im mahnenden Tonfall und schüttelt leicht den Kopf.

»War doch nur ein Witz! Sagen Sie meiner Tochter, sie soll nicht so hart zu ihrer alten Mom sein«, richtet sie sich an John. Summers Blick ruht noch immer auf ihrer Mutter. Sie bereut eindeutig, sie eingeladen zu haben.

»Sie sind doch nicht alt, Rhonda.« John lächelt und sieht dabei aus wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland. »Und der Mercedes gehört Ihnen.«

Rhonda fällt die Kinnlade herunter, und sie sieht ihn über den Rand ihrer Sonnenbrille ungläubig an, unsicher, ob das ernst gemeint war. Doch John hat sich bereits dem Parkdienst zugewendet, der fragt, ob das Auto an dem üblichen Ort abgestellt werden soll.

Während der Bentley davonfährt, legt Wendy John die Hand auf den Arm. »Summer hat mit Ihnen echt das große Los gezogen. Vielen Dank für diese Reise. Wir freuen uns alle sehr darauf.«

Ich lächle noch etwas breiter. »Ja, vielen Dank.«

»Danke«, sagt auch Claire leise und schaut zu Boden.

Er nickt großzügig. »Ist mir ein Vergnügen. Schön, dass ihr alle dabei seid.«

Und damit geht er auf das Flugzeug zu und löst eine Welle von Geschäftigkeit aus, weil sich die Crewmitglieder jetzt zur Begrüßung aufstellen.

Ich habe John erst ein paar Mal getroffen. Er war immer sehr freundlich, vermutlich absichtlich, und hin und wieder blitzte auch dieser Charme auf, den man bei einem Mann erwartet, der es im Leben zu etwas gebracht hat. Unsere bisherigen Unterhaltungen waren nicht besonders tiefgründig, und ich hatte auch nichts anderes erwartet. Worüber spricht man mit einem Milliardär, der fast dein Großvater sein könnte? Ich bin mir nicht sicher, ob er es überhaupt bemerken würde, wenn ich mitten im Gespräch tot umfiele und eine andere junge Frau meinen Platz einnähme.

Als ich klein war, hatten wir einen Goldfisch mit hervorquellenden Augen. Er hieß Eddie, und hin und wieder starb er, und meine Eltern ersetzten ihn durch einen neuen Eddie. Das ging jahrelang gut, bis ich Eddie eines Tages selbst mit dem Bauch nach oben im Aquarium fand. Daraufhin gestanden meine Eltern mit Tränen in den Augen (Lachtränen, wie ich heute weiß), dass dies tatsächlich schon Eddie VI. war.

Wenn Summers Freunde für John lauter Eddies sind, wie sieht er dann Summer selbst? Ist sie genauso ersetzbar? Sie hat zugegeben, dass er schon öfter junge Geliebte hatte, und auch schon andere Gruppen junger, hübscher Dinger auf Luxusreisen mitgenommen hat (angeblich ist das gut fürs Geschäft). Aber sie scheint überzeugt, dass er keine von ihnen so geliebt hat wie sie. Und sie behauptet, sich Hals über Kopf in ihn verliebt zu haben. Hat ihn auch kein einziges Mal betrogen. Zumindest seit Eric.

Jede, wie sie mag, denke ich. Ich kann schließlich nicht behaupten, dass ich mich bisher nur mit Märchenprinzen abgegeben hätte.

Brittani schiebt Amythist zu Summer hinüber. »Das ist Amythist«, sagt sie. »Sie ist toll, du wirst sie mögen.«

Moment mal. Summer hätte Brittani doch niemals erlaubt, eine Freundin mitzubringen, die sie gar nicht kennt!

»Hallo.« Summer lässt sich nichts anmerken und streckt Amythist lächelnd die Hand entgegen, doch ich sehe genau, wie sie die Plateau-Stilettos, die violetten Kontaktlinsen und die schwarz umhüllten Rundungen mustert.

Amythist lächelt ebenfalls und nimmt Summers Hand. Kurz denke ich, sie wolle tatsächlich einen Knicks machen, aber sie steht nur auf einem großen Riss im Asphalt, der sie in den hohen Schuhen ein wenig aus dem Gleichgewicht bringt.

Summer sucht Brittanis Blick. Sie hat ein perfektes Pokerface, aber ich kenne sie zu gut. »Kann ich mal mit dir sprechen, Schwesterherz?«

Sie packt Brittani am Ellenbogen und führt sie hinüber zur Gangway, wo John gerade mit zwei Männern in Anzügen spricht. Er wendet sich von den Anzügen ab, legt beiden Frauen eine Hand auf die Schulter und hört aufmerksam zu. Summer redet leise auf ihn ein, und wir anderen tun so, als würden wir nicht versuchen, jedes Wort zu verstehen. Amythist fummelt an ihren Armreifen herum und schaut zu Boden. Kurz darauf ruft Brittani Amythist zu sich und stellt sie John vor. Er sagt etwas zu ihr, worauf sie in ihrer Tasche kramt. John winkt einen der Anzüge zu sich, Amythist überreicht ihm ihren Reisepass, und er springt die Stufen zum Flugzeug hinauf. Dann unterhält sie sich mit John und wickelt sich dabei eine lange lila Strähne um den Finger.

»Brittani sollte eigentlich eine andere Freundin mitbringen«, flüstert Rhonda unüberhörbar. »Aber die ist krank geworden.«

Wendy und ich tauschen amüsierte Blicke. »Wusste Summer denn, dass jemand anderes mitkommt?«, fragt Wendy.

Rhonda schmunzelt und sieht Brittani fast bewundernd an. »Madame Schlauberger hat nicht gefragt, weil sie wusste, dass Summer Nein sagen würde. Ich wusste auch nichts davon, bis wir Amythist abgeholt haben.«

»Mutig«, sage ich. Brittani scheint doch gar nicht so dumm zu sein.

Der Anzug ist wieder da und spricht mit John, der dann etwas zu den drei Frauen sagt, Amythist ihren Reisepass zurückgibt und die Stufen hinaufsteigt.

»Sie wurde wohl genehmigt«, raunt Wendy.

»Aber ich glaube, das hat John entschieden, nicht Summer«, antworte ich.

Summer kommt mit düsterem Blick auf uns zu, während Brittani und Amythist hinter ihr miteinander tuscheln.

»Alles in Ordnung?«, fragt Wendy.

Summer sieht ihre Mutter mit schmalen Augen an. »Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?«

»Ich wusste es doch selbst nicht«, erklärt Rhonda. »Du weißt doch, wie viele Freundinnen sie hat. Ich dachte, das wäre die, die du kennst.«

»Nein«, presst Summer hervor. »Aber John hat entschieden, dass sie mitkommen darf, also haben wir sie jetzt an der Backe. Vielen Dank auch.«

»Tut mir leid …« Rhonda will ihre Tochter umarmen, aber Summer macht auf dem Absatz kehrt und marschiert auf den Jet zu.

Eine ältere Flugbegleiterin mit kurzen, grauen Haaren geleitet uns zur Gangway – wo Wendy unbedingt noch ein paar Schnappschüsse machen muss –, und dann gehen wir endlich an Bord. Doch als ich oben ankomme und die Kabine betreten will, bleibe ich mit meiner Sandale an irgendetwas hängen. Wie bei Dominosteinen taumele ich zuerst gegen John, John gegen die junge Flugbegleiterin, und die Tasse Kaffee, die sie ihm gerade reichen wollte, landet natürlich auf meinem Kleid.

»O nein«, sage ich. »Verdammt. Tut mir echt leid.«

Großartig, das fängt ja toll an. Die Flugbegleiterin ist genauso erschüttert wie ich, schnappt sich eine Serviette und tupft auf Johns Anzug herum.

»Schon gut.« Er schiebt sie von sich. Sein Charme ist verflogen. »Kümmern Sie sich um die junge Frau. Sie tropft ja den ganzen Boden voll.«

Die Flugbegleiterin drückt mir die Serviette in die Hand, und ich wische mir über die Beine und tupfe mein Kleid ab. Immerhin habe ich jetzt einen Grund, in das viel bequemere Outfit zu schlüpfen, das sich in meinem Handgepäck befindet. Summer fragt John, was passiert ist, und entschuldigt sich für mich.

Wendy packt mich am Arm. »Alles okay?«

Ich nicke und folge ihr mit glühenden Wangen in die Kabine.

Die Inneneinrichtung ist Luxus pur in Beige- und Cremetönen. Nach dem Hochofen, in dem wir die vergangene Stunde gebraten haben, ist es hier außerdem angenehm kühl.

Meine Mutter hatte früher einen alten Kombi mit Sitzen im Kofferraum, und schon damals musste ich feststellen, dass mir furchtbar schlecht wird, wenn ich entgegen der Fahrtrichtung sitze. Also suche ich mir einen Sessel, der nach vorn zeigt, und lasse mich in das weiche Leder sinken. Gegen diese Ausstattung sieht wirklich jede erste Klasse wie Economy aus. Ich nehme einen Schluck kaltes Wasser aus der Flasche, die in meinem Getränkehalter bereitsteht.

Ja, daran könnte ich mich wirklich gewöhnen.

Gerade will ich mich nach den Toiletten umsehen, als mir die beiden Anzüge auffallen, die vorhin draußen mit John gesprochen haben. Einer sieht aus wie ein Mafioso, bullig und um die fünfzig, der andere wirkt ungefähr so alt wie John, hat eine Glatze und setzt Bauch an. »Vinny«, flüstert Wendy mir ins Ohr und deutet auf den Mafioso. »Und der mit der Glatze heißt Bernard.«

Ich wusste, dass John immer mit Bodyguards unterwegs ist, und die Glatze habe ich auch schon einmal flüchtig kennengelernt, aber Vinny ist neu. »Freunde von dir?«, frage ich grinsend.

»Das sind Johns Sicherheitsmänner. Ich habe sie letzte Woche bei dem Dinner kennengelernt.«

Bei dem Dinner, zu dem ich offenbar nicht eingeladen wurde. Das versetzt mir einen kleinen Stich, immerhin haben Summer und Wendy sich über mich kennengelernt. Aber eigentlich überrascht es mich auch nicht, nach dem, was passiert ist … Wir trauen uns ja nicht einmal, darüber zu sprechen, obwohl es eine tiefe Kluft in unsere Beziehung gerissen hat.

Vinny und Bernard beraten sich mit John, dann hebt Bernard seine Hand und bedeutet uns so, still zu sein. Wir gehorchen. Summer steht pflichtgemäß neben John. Ihr Lächeln sitzt wieder, und der kanariengelbe Klunker an ihrem Finger glitzert im Sonnenlicht, das durch die Fenster fällt, und wirft kleine Lichtflecke an die Wände. Ich habe keine Ahnung, wie viel ein Karat ist, aber das Ding muss viele haben. John räuspert sich und lächelt. »Ladys, ich danke euch, dass ihr uns auf Summers Geburtstagstrip begleitet. Wenn ihr bitte alle aufstehen würdet, die Crew wird euch jetzt eure Plätze zuweisen.«

Gehorsam erheben wir uns, und er fährt fort: »Jede von euch erhält eine Willkommenstüte, in der ihr eine Schlafmaske, Ohrenstöpsel und eine Schlaftablette findet. Nach dem Start wird der Nachtmodus eingeschaltet, und wir nehmen ein leichtes Abendessen zu uns. Dann werden Summer und ich uns in das Schlafabteil hinten im Flugzeug zurückziehen.«

Vielleicht bilde ich es mir ein, aber Summers Lächeln sieht ein wenig entschuldigend aus. Dann nimmt John ihre Hand und führt sie nach hinten, während die Crew jeder von uns einen Platz zuweist. Zwei glückliche Gewinner dürfen rückwärtsfliegen – Amythist und natürlich ich. Warum nur habe ich die Reisetabletten in meinen Koffer gepackt und nicht ins Handgepäck?

Sobald wir alle sitzen, winke ich die junge Flugbegleiterin zu mir. »Tut mir leid, aber mir wird schlecht, wenn ich so rum sitze. Kann ich vielleicht einen anderen Platz bekommen?«

»Ich darf leider keine anderen Plätze zuweisen«, sagt sie in entschuldigendem Ton. »Aber wenn eine Ihrer Freundinnen mit Ihnen tauschen möchte, ist das sicher kein Problem.«

Ich sehe zu Rhonda und Brittani auf, die uns gegenübersitzen. Sie haben natürlich zugehört. »Sorry, aber das ist mein Platz«, sagt Brittani.

»Und ich muss doch neben meinem Baby sitzen.« Rhonda tätschelt Brittanis Hand. »Wir haben uns so viel zu erzählen.«

Das hätte ich mir denken können. Ich stehe auf und gehe zu Wendy und Claire in der Reihe hinter uns. »Tut mir leid, Leute, aber mir wird total schlecht, wenn ich falsch herum sitze. Würde eine von euch mit mir tauschen?«

Sie sehen mich mitfühlend an, und ich fürchte schon, sie lassen mich auch abblitzen. Doch dann streckt Wendy die Hand aus und kratzt mir mit ihren aufgeklebten Nägeln über den Arm – eine blöde Angewohnheit, die wohl in ihrer Theorie begründet liegt, dass leichte Berührungen einnehmend wirken. »Nicht dass du den ganzen Jet vollkotzt«, stichelt sie. »Mir wird rückwärts auch ein bisschen duselig, aber du kannst Claires Platz haben. Oder, Claire?«

Claire zuckt mit den Schultern. »Klar.«

»Sicher?«, frage ich.

Sie lächelt und sucht ihre Sachen zusammen. »Natürlich, kein Problem.«

»O Mann, ich danke dir. Das ist wirklich nett. Tut mir echt leid, du hast was gut bei mir.«

»Mach ich doch gern. Außerdem fliege ich hier mit einem Privatjet. Mir doch egal, wo ich sitze.«

Gerade mache ich es mir in meinem Sessel neben Wendy bequem, da hastet die ältere Flugbegleiterin auf mich zu. »Entschuldigung, aber Sie müssen bitte Ihren zugewiesenen Platz einnehmen.«

»Ist schon in Ordnung«, erklärt Wendy. »Claire hat mit ihr getauscht.«

Die Frau lächelt gequält. »Ich weiß. Aber ich muss Sie trotzdem bitten, Ihren zugewiesenen Platz einzunehmen.«

Ich blinzle verständnislos. »Aber die andere Dame sagte doch …«

»Mr Lyons wünscht, dass alle Gäste für den Start ihre zugewiesenen Plätze einnehmen.« Sie deutet auf meinen Platz. »Bitte.«

Wow. Okay. Ich löse den Gurt und sammle erneut meine Habseligkeiten zusammen. Ich komme mir vor wie ein Kleinkind, das in einem schicken Restaurant die Erbsen auf den Boden geworfen hat und nun in die Ecke geschickt wird.

Als ich an der Flugbegleiterin vorbeigehe, formt sie mit den Lippen ein stummes Sorry, aber gerade kriege ich kein Lächeln zustande.

Ich lasse mich wieder in meinen Sessel neben Amythist sinken und frage mich noch einmal, warum ich überhaupt hier bin. Leicht benommen schnalle ich mich an und nehme vorsorglich schon mal die Kotztüte aus der Armlehne. Immerhin habe ich einen Fensterplatz. Rhonda und Brittani haben die Köpfe hinter einer Illustrierten versteckt und kichern über die Cellulitis von irgendeinem Reality-Star.

Amythist tätschelt meine Hand, und ihre violetten Augen sehen mich mitfühlend an. »Tut mir leid«, flüstert sie. »Das ist echt Mist.«

»Mir tut’s auch leid …«, sage ich und wedele mit der Kotztüte.

»Ach, kein Ding. Ich halte immer Brittanis Haare, jeden Samstag. Manchmal auch Freitag. Und Donnerstag. Und … Na ja, jedenfalls habe ich da viel Übung.«

Sie spielt an einem ihrer vielen silbernen Ohrringe herum, und mein Blick fällt auf das Tattoo auf der Innenseite ihres Unterarms: TO THINE OWN SELF BE TRUE – sei dir selber treu.

»Polonius«, sage ich und lächle. Sie sieht mich verwirrt an, und ich deute auf das Tattoo. »Aus Hamlet?«

»Ach so, nein, aus dem Song von Reba, ›Fancy‹.«

Na klar. »Ach, stimmt. Der ist klasse. Bist du schon einmal mit einem Privatjet geflogen?«

Der kleine lila Stein in ihrem Nasenflügel glitzert in der Sonne, als sie den Kopf schüttelt.

Und dann startet das Flugzeug. Der Boden saust immer schneller unter uns dahin, und gleich darauf sind wir in der Luft. Mit schwitzigen Händen sehe ich aus dem Fenster.

Unter uns liegt Los Angeles in seiner ganzen Pracht, und die unzähligen Straßenquadrate werden immer kleiner. Es sieht so aus, als würde nur eine dünne Linie aus Sand die Stadt vor dem dunkelblauen Meer schützen. Endlose Häuserreihen erstrecken sich über das gesamte Becken und die grünen Hügel hinauf, die zur Spitze hin immer brauner werden.

»Von oben sieht es so aus, als hätten alle in L. A. einen Pool«, sage ich. »Aber bei manchen ist es wohl doch nur blaue Folie.«

»Ich wollte immer einen Pool«, sagt Amythist. »Aber ich kann gar nicht schwimmen.«

Zehn Jahre zuvor

Georgia

Ich lag auf einer Plastikliege in der heißen Sonne von Georgia und starrte durch meine zerkratzte Sonnenbrille in den milchig blauen Himmel. Nichts regte sich, und das rhythmische Zirpen der Zikaden wurde nur hin und wieder vom Glucksen des Poolfilters unterbrochen. Wasser schwappte gegen den Beckenrand und färbte den Beton kurz dunkel, bevor es verdunstete.

Wegen der drückenden Mittagshitze hatte ich den Pool gerade für mich allein. Wenn ich mir den Maschendrahtzaun wegdachte und das Schild, auf dem NEWBURY COMMUNITY POOL stand, konnte ich mir fast vorstellen, dass es mein eigener Pool wäre.

Nun, irgendwann mal.

Schweißperlen glitzerten zwischen meinen Brüsten, die in dem neuen, knappen Bikini steckten, den mein Vater nicht sehen durfte. Ich war gerade sechzehn geworden, und obwohl ich schon mit zwölf einen Kopf größer gewesen war als die meisten Jungs in meiner Klasse, hatte sich mein Körper mit der weiblichen Entwicklung Zeit gelassen. Diesen Sommer konnte ich mich endlich über richtige Rundungen freuen.

Ich setzte mich auf, nahm einen großen Schluck von meinem Himbeerslushy, der fast kein Eis mehr enthielt, und überlegte, wie heiß der Boden wohl war. Füße verbrennen oder Flip-Flops anziehen? Ich entschied, dass die eineinhalb Meter den Aufwand nicht wert waren, sprintete auf Zehenspitzen zum Pool und sprang hinein.

Das Sonnenlicht tanzte im türkisfarbenen Wasser, und ich tauchte ab, um auf dem Beckenboden einen Handstand zu machen. Plötzlich hörte ich gedämpft meinen Namen und schwamm zurück zum Beckenrand. Im grellen Sonnenlicht blickte ich auf knallrosa Zehennägel in glitzernden Flip-Flops.

»Du brauchst dringend eine Pediküre«, sagte Summer. »Und eine Maniküre.«

»Ich weiß.« Ich sah auf meine Fingernägel hinunter, unter denen immer noch Erde klebte, weil ich meiner Mutter morgens im Garten geholfen hatte. »Eigentlich wollte ich mir gestern die Nägel machen, aber mein Vater wollte Schach spielen.«

»Ihr seid solche Nerds. Echt süß.« Summer setzte sich auf eine Liege, nahm sich eine Zigarette und sah mit gerunzelter Stirn zu meinem Haus auf der anderen Straßenseite hinüber. »Deine Mutter ist nicht da, oder?«

»Arbeiten.«

Sie zündete die Zigarette an und zog daran. »Sie ist immer arbeiten.«

»Stimmt.«

Meine arme Mutter war als Krankenschwester in einem Krankenhaus tätig und hatte sich Doppelschichten aufgehalst, um Geld anzusparen. Das Studium würde nämlich doch etwas teurer sein, als meine Eltern erwartet hatten, und sie verdienten gerade eben so viel, dass ich für mein Studium keine finanzielle Unterstützung erhalten würde. Aber Bildung war ihnen sehr wichtig, und sie wollten ihren Kindern unbedingt einen höheren Abschluss ermöglichen, ohne dass wir uns dafür einen Schuldenberg aufladen mussten. In der Hoffnung auf ein Stipendium gab ich mir also in der Highschool besonders viel Mühe, und meine Eltern arbeiteten immerzu, damit ich auch ohne Stipendium ein Schauspielstudium an einer meiner Wunschuniversitäten machen könnte.

Summer atmete aus, und der Rauch blieb schwer in der Luft hängen. »Mann, ist das heiß hier.«

»Komm doch ins Wasser, es ist fast kühl.«

Sie schüttelte den Kopf. »Hab mir grade die Haare gemacht. Ich muss eh los, ich gehe mit Rhonda und Drei im Club Mittagessen. Willst du mitkommen? Wir könnten danach noch Tennis spielen.«

Rhonda hatte gerade zum dritten Mal geheiratet, unseren Nachbarn von nebenan, einen Anwalt. Schon mehr als einmal hatte mein Vater ihn als Unfallkrähe bezeichnet, der Krankenwagen hinterherjagte, um den Unfallopfern seine Visitenkarte zuzustecken, damit er einen Teil ihres Schmerzensgeldes kassieren konnte. Auch Summer benutzte nie seinen richtigen Namen, außer er stand direkt vor ihr.

»Ich kann nicht. Ich muss auf meine Schwester aufpassen, wenn sie nach Hause kommt.«

Summer klopfte die Asche von ihrer Zigarette. »Sie kann doch zu uns und bei meiner Schwester bleiben.«

»Ich hab versprochen, mit ihr ins Kino zu gehen.«

Unsere Schwestern waren beide elf, und meine Mutter wollte immer noch, dass ich auf Lauren aufpasste. Rhonda hingegen ließ Brittani nicht nur allein zu Hause, sondern auch Horrorfilme gucken. Meine Mutter hatte das natürlich herausgefunden, und so durfte Lauren Brittani nur besuchen, wenn ich auch dort war. Aber das musste Summer ja nicht wissen.

»Ich habe übrigens überlegt, mir später die Haare rosa zu färben«, sagte ich.

Summer rümpfte ihre perfekt geformte Nase. »Warum?«

»Weiß nicht. Wollte ich immer schon mal machen.« Ich stemmte mich aus dem Wasser und ließ mich auf die Liege neben Summer fallen.

»Schöner Bikini«, sagte sie. »Mann, ich wünschte, meine Brüste wären so groß wie deine. Wenn ich achtzehn bin, kaufe ich mir ein neues Paar.«

»Na ja, dafür sind die Mädels nicht exakt gleich groß«, gab ich zu. »Rechts ist ein bisschen langsamer als links.«

Sie starrte mir auf die Brust. »Sieht man überhaupt nicht.«

»Weil ich es ausgestopft habe, mit einem Kissen aus meinem Push-up.« Ich zog es aus dem rechten Körbchen hervor und hielt es ihr hin.

Summer lachte, und ihre leuchtend grünen Augen strahlten. Sie nahm noch einen Zug von der Zigarette und hielt sie dann mir hin. Ich rauchte nicht, aber manchmal zog ich an Summers Zigarette, weil man das eben so machte. »Geht nicht«, sagte ich. »Lauren petzt, wenn sie das riecht.«

Summer zuckte nur mit den Schultern. Dann drückte sie die Zigarette aus, spülte den Fleck mit Wasser aus dem Pool weg, schnipste den Stummel in die Büsche und warf noch eine Handvoll Erde darauf. »Oh, fast vergessen.« Sie holte ein Buch aus ihrer Handtasche und legte es auf die Liege. »Habe ich gestern Abend zu Ende gelesen. Ist echt gut.«

»Danke! Ist es das mit den Kindern, die ihren Freund ermorden?«

»Verrat ich nicht!«

Summer war ein echter Bücherwurm, genau wie ich. Die meisten Mädchen in unserer Klasse schafften nicht mal die Bücher für die Schule, aber ein richtig gutes Buch verschlangen Summer und ich in wenigen Tagen.

Sie winkte und zog das Tor hinter sich zu. »Wir sehen uns morgen in der Schule. Und lass die Finger von deinen Haaren! Jungs stehen nicht auf Rosa.«

 

Als ich am nächsten Morgen die Treppe hinunterstürzte, saß meine Mutter mit einer Tasse Kaffee in der Hand und der Zeitung vor sich an der Kücheninsel. Sie war noch im Morgenmantel und hatte ihre welligen, blonden Haare mit einem großen Haargummi zurückgebunden. Sie hätte eigentlich eher Summers Mutter sein können. Selbst mit vierundvierzig und ohne Make-up sah sie immer noch super aus. Ich selbst habe natürlich die Gene meines Vaters geerbt.

Sie schaute auf und lächelte mich an. »Guten Morgen, Schatz.«

»Morgen. Hab gleich Französisch. Muss schnell los.«

Ihr Blick streifte mein zusammengewürfeltes Outfit und die ungekämmten Haare, aber sie konnte sich offenbar beherrschen. »Nimm wenigstens eine Banane mit. Ich habe heute Spätschicht, also sehen wir uns wohl nicht. Aber es sind noch Reste im Kühlschrank. Kriege ich einen Kuss?«

Sie hielt mir ihre Wange hin, und ich drückte einen Kuss darauf.

Bei offenen Fenstern und Snoop Dogg auf voller Lautstärke fuhr ich mit dem alten Kombi meiner Mutter auf den Parkplatz der Newbury Highschool, hastete durch die Glastüren und den breiten Flur entlang zu dem einzigen geöffneten Klassenzimmer. Seltsam, wie ruhig die Schule im Sommer war. Der neue Lehrer stand mit dem Rücken zur Klasse und schrieb französische Verben an die Tafel.

Schnell setzte ich mich auf einen leeren Platz vor Summer. »Du bist im Weg«, flüsterte sie und heftete ihren Blick an mir vorbei auf den Lehrer, der sich gerade umdrehte. O Mann. Er sah aus wie ein junger Johnny Depp, aber sportlich und ohne die komischen Haare und Klamotten. Angesichts so vieler Mädchen in der Klasse knisterte es merklich, als er uns in seinem Kurs begrüßte – auf Französisch. Aufpassen würde ich diesen Sommer also auf jeden Fall.

»Guten Morgen. Willkommen im Kurs Französisch Drei, in dem wir nur Französisch sprechen werden.«

Die Klasse stöhnte auf.

»Mein Name ist Mr Stokes, und ich werde mein Bestes geben, euch den Sommer trotz Summer-School nicht zu verderben.«

Eine Stunde später klingelte es, und ich packte meine Bücher ein. Als Hausaufgabe sollten wir uns den Film Die fabelhafte Welt der Amélie ansehen, total easy. »Wenn alle unsere Lehrer so heiß wären, würde ich bestimmt nur noch Einsen schreiben«, flüsterte ich Summer zu.

»Machst du doch eh schon«, gab sie zurück. »Kannst du mich mitnehmen? Es ist schon nach zwölf, also ist Rhonda wahrscheinlich schon betrunken.«

»Klar.«

Sie schlängelte sich durch die Pulte hindurch nach vorn, wo Mr Stokes gerade die Tafel wischte.

»Hey, Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.« Summer sprach ihn so locker an, als wäre er nicht unser Lehrer. »Spielen Sie Tennis im River Run Club?«

Er drehte sich um und lächelte. »Ja. Aber ich glaube, ich kann es nicht mehr gut.«

»Ah, dann habe ich Sie da letztens gesehen. Da haben Sie sich aber ganz gut geschlagen. Ich bin Summer.«

»Summer Sanderson, richtig.« Sein Blick wanderte zu mir. »Und du bist … Moment, ich hab’s gleich … Isabella Carter?«

Ich lächelte. »Isabelle. Schön, Sie kennenzulernen. Ihr Unterricht war toll.«

Ihr Unterricht war toll? Was redete ich da?

Summer hielt ihn mit ihren grünen Augen fest im Blick. »Nicht mehr?«

»Was?«, fragte er.

»Tennis. Sie sagten, Sie können es nicht mehr gut«, erklärte sie.

»Ach so. In der Highschool habe ich viel gespielt.«

»Und wann war das?«, fragte sie.

»Vor fünf, sechs Jahren.«

Sie lächelte. »Dann werde ich Sie wohl mal herausfordern müssen, wenn ich Sie im Club treffe. Mal sehen, was Sie noch so draufhaben.«

Er lachte, aber ich konnte genau sehen, wie es in seinem Kopf ratterte. Wie angemessen war es wohl, mit einer sechzehnjährigen Schülerin Tennis zu spielen, ganz gleich, wie blond ihre Haare und lang ihre Beine waren? Summer winkte ihm unbekümmert zu und tänzelte bereits zur Tür hinaus, also lief ich ihr schnell hinterher.

Erst als wir in meinem Auto saßen, brach ich in Gelächter aus.

»Was?«, fragte Summer unschuldig.

»Du hast voll mit dem geflirtet, als wäre er so alt wie wir!«

»Meinst du, er fand es gut?«

»Aber so was von! Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als du davonstolziert bist. Unbezahlbar.«

»Bieg da ab.« Sie deutete auf ein Einkaufszentrum vor uns. »Wir lassen uns die Nägel machen. So können wir ja nicht herumlaufen.«

 

Der Rest der Woche verflog in einem Nebel aus Französischvokabeln und Nachmittagen am Pool, wo meine nassen, manikürten Fingernägel die Seiten des Buches umblätterten, das Summer mir geliehen hatte.

Am Freitag vor dem Unabhängigkeitstag am vierten Juli spielte ich mit Summer im River Run Club eine späte Partie Tennis. Es herrschte eine unglaubliche Hitze, und nach einer Stunde waren meine Sporthose und mein T-Shirt schon komplett durchgeschwitzt. Summer hingegen sah in ihrem weißen Tenniskleid immer noch taufrisch aus.

Ich schlug den Ball über das Netz. »Sag mal, schwitzt du eigentlich nicht?«

»Das macht der Stoff. Der trocknet irgendwie total schnell.« Sie schlug den Ball auf die andere Seite des Spielfelds, und ich erwischte ihn nicht mehr.

»Ich bin völlig fertig«, sagte ich. »Und ich muss zu Grannie zum Abendessen.«

»Die Klamotten habe ich hier im Club-Store gekauft«, sagte sie beiläufig, als wir unsere Schläger einpackten. »Mit der Kreditkarte von Drei.«

»Das ist aber nett von ihm.«

»Ach Quatsch, der weiß doch gar nichts davon. Er überprüft aber auch nie, was abgebucht wird. Wir könnten dir auch ein Outfit besorgen«, schlug sie vor.

»Nein danke.«

»Im Ernst, das merkt der nicht.«

»Nein, das finde ich nicht in Ordnung«, wehrte ich ab.

»Dann nicht.« Sie legte sich den Schläger über die Schulter. »Ist das Ryan?« Mit zusammengekniffenen Augen sah sie an mir vorbei.

»Wer ist Ryan?« Ich drehte mich um. »Sieht aus wie Mr Stokes.«

Mr Stokes und ein anderer gut aussehender Typ in seinem Alter standen ein paar Plätze weiter und machten eine Trinkpause. Summer war bereits auf dem Weg zu ihnen.

Schnell holte ich sie ein. »Du darfst unseren Lehrer also schon beim Vornamen nennen?«

»Tu so, als würdest du ihn nicht sehen«, flüsterte sie.

Als wir näher kamen, wandte sie sich demonstrativ ab und schaute mich an. Ich lachte nervös.

»Isabelle, Summer!«, rief er.

Summer tat überrascht, während ich erfolglos versuchte, mich natürlich zu verhalten. »Oh, hi«, antwortete sie fröhlich. »Ich wusste doch, dass ich dich hier schon einmal gesehen habe.«

Der süße Typ streckte mir die Hand entgegen. Er hatte breite Schultern, und sein hellbraunes Haar fiel ihm lässig in die Stirn. »Hi, ich bin Tyler.«

»Isabelle.« Ich nahm seine Hand, und er sah mir in die Augen und lächelte. Fand der mich etwa hübsch? Dann wurde mir plötzlich bewusst, dass er uns wahrscheinlich für Studentinnen hielt.

»Ich bin Summer«, sagte Summer.

»Ihr Mädels kennt Ryan aus einem Kurs?«, fragte Tyler.

»Sozusagen«, wich Summer der Frage aus. Sie nickte zum Spielfeld hinüber. »Ryan behauptet, er hätte nichts drauf. Wie steht’s mit dir?«

»Vielleicht sollten wir mal ein Doppel spielen, dann kannst du es selbst herausfinden«, schlug Tyler vor.

»Klingt gut«, stimmte Summer zu. »Montag?«

»So um fünf?«, fragte Tyler.

»Gern – dann bis Montag!«

Summer hob die Hand zum Abschied und ging gelassen und mit schwingendem Röckchen davon. Ich folgte ihr die Stufen zum Clubhaus hinauf. »Willst du wirklich mit denen spielen?«, flüsterte ich, als die Tür hinter uns zugefallen war.

»Na klar.« Sie zuckte mit den Schultern und sah die Bikinis auf der Stange durch. »Und du auch.«

»Aber er ist unser Lehrer. Wenn die Schule das rausbekommt, kriegen wir bestimmt Ärger.«

»Es ist doch nur Tennis. Und sie sind gar nicht so viel älter als wir. Komm schon.« Sie klimperte mit den Wimpern. »Lass mich jetzt nicht im Stich. Das wird lustig.«

Ich musste lachen. Tyler war süß, und sie hatte ja recht. Sie waren wirklich nur ein paar Jahre älter. Und vielleicht würde es wirklich Spaß machen. »Ich denk drüber nach«, sagte ich.

Sie packte mich am Ellenbogen und nickte zur Kasse hinüber, wo eine kurvenreiche Blondine gerade eine schwarze American Express zückte, um ihren Rieseneinkauf zu bezahlen. Ein gigantischer Klunker funkelte an ihrem Ringfinger, als sie das Portemonnaie wieder in ihre Designertasche steckte. Dann sammelte sie ihre vielen Tüten ein, setzte eine dunkle Sonnenbrille auf und rauschte aus der Tür.

»Haley Youngblood«, flüsterte Summer. »Das war die neue Dior-Tasche, und hast du diese Sonnenbrille gesehen? Das ist die neue von Chanel, mit echten Diamanten.«

Wir beobachteten die Frau durch das Fenster. Sie startete gerade einen weißen Range Rover mit Händlerkennzeichen.

»Kein Wunder«, sagte ich. »Ihrem Vater gehört ja auch die halbe Stadt.«

»Ihrem Ehemann«, korrigierte Summer mich.

»Was, im Ernst? Iiih!«

Sie nickte. »Sie kommt aus irgendeinem Kaff, wo er eine Farm besitzt. Angeblich war sie seine Angestellte. Glück gehabt.«

Ich dachte an den ausladenden Körper ihres Ehemannes. »Wenn man das so nennen möchte.«

»Sie kann alles haben, wann immer sie will.«

»Außer Liebe«, sagte ich.

Summer legte den Kopf schief und dachte darüber nach. »Liebe ist nicht gleich Liebe, Belle. Und irgendwann wird jeder Pimmel mal alt.«

»Wortwörtlich«, gab ich zu.

 

Der besagte Montag war schwül und heiß. Als Summer und ich uns in dem roten Mitsubishi ihrer Mutter auf den Weg machten, ballten sich am Horizont bereits dunkle Gewitterwolken zusammen und verdeckten die Sonne. Ich sah in den Himmel und hoffte auf Donner. »Wir sollten absagen. Das wird ungemütlich.«

»Zu spät.« Summer bog ab und fuhr den Hügel hinauf, der vom Club wegführte.

»Wo fährst du hin?«

»Silver Creek.«

»Warum?«, fragte ich. »Ich dachte, wir treffen uns im River Run.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ryans Idee. Will wahrscheinlich nicht mit uns gesehen werden. Die beiden wohnen dort, und die Tennisplätze sind ganz gut.«

Mein Magen zog sich zusammen. »Ach so«, sagte ich.

Sie sah mich an, als ob sie meine Gedanken gelesen hätte. »Hab ich dir doch gestern gesagt, als ich dir die Klamotten vorbeigebracht habe. Du meintest, es sei in Ordnung, sonst hätte ich nicht zugesagt.«

Ich konnte mich nicht daran erinnern, aber ich hatte auch noch einen dreiseitigen Französischaufsatz schreiben müssen, also hatte ich es vielleicht nicht mitbekommen.

»Danke noch mal.« Ich strich über das makellos weiße Tenniskleid, das Summer bei unserem Spiel in der vergangenen Woche getragen hatte. Ich wollte mir von ihr kein Outfit kaufen lassen, also hatte sie sich selbst ein neues gekauft und mir dieses geschenkt. Kurz hatte ich mich gefragt, ob ihr mein üblicher Sportaufzug peinlich war. Aber meine Mutter hatte mir beigebracht, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul schaut, und außerdem war Summer meine Freundin, also schob ich den Gedanken beiseite.

»Wenn du doch nicht willst, fahre ich dich nach Hause«, bot sie an. »Ich möchte ja nicht, dass du dich unwohl fühlst.«

»Nein, schon in Ordnung.« Über uns grollte der Donner. »Macht bestimmt Spaß.«

Im Radio fing ein neues Stück an, unser derzeitiger Lieblingssong von Madonna, und Summer drehte die Lautstärke auf. »Das ist ein Zeichen: You’re frozen.« Sie sang mit, und ich stimmte ein und versuchte, mich zu entspannen.

Gerade als wir in Silver Creek ankamen und aus dem Auto stiegen, fielen die ersten dicken Tropfen. Es waren nur ein paar hundert Meter vom Besucherparkplatz zu Ryans und Tylers Wohnung, und obwohl wir rannten, wurden wir nass bis auf die Knochen.

Es donnerte krachend, als Ryan die Tür öffnete. Schnell huschten wir hinein und tropften den ganzen Teppich voll.

»Tut mir leid«, sagte ich. In der klimatisierten Wohnung fing ich sofort an zu zittern.

»Tyler, Handtücher!«, rief Ryan über die Schulter.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, denn mein weißes Oberteil war vollkommen durchnässt und damit durchsichtig. Summer war gelassen wie immer und küsste Ryan auf die Wange, als wäre sie ständig bei ihrem Lehrer zu Gast.

Tyler brachte uns Handtücher, und sofort wusste ich wieder, warum ich mich auf dieses Treffen eingelassen hatte. Er lächelte mich verschmitzt an, warf mir ein großes Handtuch über die Schulter und drückte mich dabei kurz gegen seine muskulöse Brust. Er roch nach Drakkar Noir. Ich spürte seine starken Arme, und sein Dreitagebart kratzte über meine Stirn. Keiner der Jungs in meiner Klasse war so stark oder hatte solche Bartstoppeln.

»Also dann wohl kein Tennis heute«, sagte ich dämlich und sah zu ihm hoch.

»Wohl nicht.«

»Ich habe Pizza bestellt«, warf Ryan ein.

»Und wir haben Bier und Bourbon«, fügte Tyler hinzu.

»Perfekt«, sagte Summer. »Normalerweise trinke ich eher Scotch, aber zum Aufwärmen könnte ich einen Bourbon jetzt gut gebrauchen. Wer noch?«

Ich brauchte ihn vor allem zum Auflockern.

»Ich auf jeden Fall«, sagte Tyler, und wir folgten ihm durch das spartanisch eingerichtete Wohnzimmer in die Küche. Er nahm eine halb leere Flasche Bourbon vom Kühlschrank und schenkte großzügig in vier rote Plastikbecher ein.

»Wir sind nicht so für Geschirr.« Er zwinkerte. »Ex die Pfütze.«

Summer stürzte sofort den Inhalt ihres Bechers hinunter und erschauerte, als der Bourbon ihr durch die Kehle floss. Tyler sah beeindruckt aus, Ryan hingegen fast besorgt.

Tyler prostete mir zu, und wir tranken gleichzeitig. Der Alkohol traf mich wie ein Feuerball. Ich hatte noch nie Bourbon getrunken, und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich ihn nicht mochte.

»Uäh!«, stieß ich aus. »Igitt.« Ich schnappte mir Tylers Bier und trank ein paar große Schlucke, um den Geschmack wegzuspülen.

Tyler lachte. »Du magst wohl keinen Bourbon?«

»Das war das Ekelhafteste, was ich je getrunken habe!«

»Aber ich wette, dir ist jetzt wärmer«, bemerkte Summer.

Und sie hatte recht. Ich hatte bestimmt 100 Milliliter Bourbon und ein halbes Bier auf nüchternen Magen getrunken, und mir war wirklich viel wärmer. So warm, dass ich gar nicht gemerkt hatte, dass mein Handtuch auf den Boden gefallen war.

»Wollt ihr eure Klamotten in den Trockner werfen?«, fragte Ryan. »Wir können euch Pullis geben, bis sie trocken sind.«

»Ihr müsst natürlich nichts anziehen«, warf Tyler mit einem überdeutlichen Zwinkern ein.

»Pulli klingt gut.« Summer wandte sich an Ryan. »Wo finde ich denn einen?«

Sie folgte ihm in sein Schlafzimmer, und ich hörte, wie die Tür hinter ihnen zufiel.

»Soll ich dir auch einen holen?«, fragte Tyler.

Ich hätte gern etwas Trockenes angezogen, aber mein Kleid hatte einen integrierten BH, und ich hatte mal wieder die rechte Seite ausgestopft. Ohne BH wollte ich auf gar keinen Fall in irgendeinem seiner Pullis herumlaufen, da sah man doch sofort, wie ungleich meine Brüste waren. »Nein, geht schon.« Ich hob das Handtuch auf und legte es mir wieder um die Schultern. »Der Stoff trocknet sehr schnell.«

»Okay.« Er machte ein neues Bier auf und reichte es mir. »Wir könnten in meinem Zimmer einen Film gucken oder …«

Er setzte sich auf das große, braune Sofa, und ich hockte mich neben ihn auf die Armlehne. »Müsste nicht gleich die Pizza kommen?«

»Na und?«

Er trank einen Schluck Bier. Ich starrte die eingerahmte Texasflagge an, die über der Couch hing. »Du kommst aus Texas?«

»Jep.«

»Cool.« Ich nahm ebenfalls einen Schluck Bier und versuchte, nicht das Gesicht zu verziehen. »Schmeckt gut.«

»Ja«, stimmte er mir zu. »Es ist zwar billig, aber ich mag es am liebsten, weil man ziemlich viel davon trinken kann. Es füllt nicht so.«