Bevor ich mein Herz in deine Hände lege - Jody Hedlund - E-Book

Bevor ich mein Herz in deine Hände lege E-Book

Jody Hedlund

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Beschreibung

Britisch-Kolumbien 1862: Arabella Lawrence ist mit dem Brautschiff nach Kanada gekommen, um einen Neuanfang zu wagen. Obwohl sie aus einer wohlhabenden Familie stammt, hatte sie gute Gründe, ihre Heimat zu verlassen – ihre Narben erinnern sie jeden Tag daran. Als eine der wenigen noch unverheirateten Frauen in der Kolonie hat sie gleich zwei Verehrer, die nicht unterschiedlicher sein könnten: der eine ein angesehener Leutnant, der andere ein einfacher Bäcker. Allerdings gehen ihre Ansichten zum Umgang mit den Ureinwohnern während der Pockenepidemie weit auseinander. Als Arabella schließlich ein Mädchen findet, das von seinem Stamm zurückgelassen wurde, gerät sie in eine äußerst schwierige Lage …

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Jody Hedlund

Bevor ich mein Herz in deine Hände lege

Über das Buch:Britisch-Kolumbien 1862: Arabella Lawrence ist mit dem Brautschiff nach Kanada gekommen, um einen Neuanfang zu wagen. Obwohl sie aus einer wohlhabenden Familie stammt, hatte sie gute Gründe, ihre Heimat zu verlassen – ihre Narben erinnern sie jeden Tag daran. Als eine der wenigen noch unverheirateten Frauen in der Kolonie hat sie gleich zwei Verehrer, die nicht unterschiedlicher sein könnten: der eine ein angesehener Leutnant, der andere ein einfacher Bäcker. Allerdings gehen ihre Ansichten zum Umgang mit den Ureinwohnern während der Pockenepidemie weit auseinander. Als Arabella schließlich ein Mädchen findet, das von seinem Stamm zurückgelassen wurde, gerät sie in eine äußerst schwierige Lage …

Über die Autorin:Jody Hedlund lebt mit ihrem Mann, den sie als ihren größten Fan bezeichnet, in Michigan. Ihre 5 Kinder werden zu Hause unterrichtet. Die Zeit, die ihr neben dieser Tätigkeit noch bleibt, widmet sie dem Schreiben.

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96362-871-9 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2020 by Jody Hedlund Originally published in English under the titleThe Runaway Brideby Bethany House Publishers, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA All rights reserved. German edition © 2021 by Francke-Buch GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Silvia Lutz Cover design by Jennifer Parker Cover photography by Mike Habermann Photography, LLC Umschlagbild: © Dreamstime.com / Invictus999 Umschlaggestaltung: Francke-Buch GmbH / Christian Heinritz Satz und Datenkonvertierung E-Book: Francke-Buch GmbH

www.francke-buch.de

Seid mutig und stark! Habt keine Angst und lasst euch nicht von ihnen einschüchtern! Denn der HERR, euer Gott, geht mit euch. Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!

5. Mose 31,6

Kapitel 1

Vancouver Island 18. September 1862

Heute würde sie vielleicht ihrem künftigen Mann begegnen.

Aufrecht und äußerlich ruhig und beherrscht, wie es sich für eine Dame ziemte, stand Arabella Lawrence auf dem Hauptdeck des Schiffs, obwohl sie bei der Vorstellung, möglicherweise bald den Mann zu sehen, den sie heiraten würde, fast in Ohnmacht fiel. Genau wie die anderen Frauen warf sie verstohlene Blicke zu den obersten Sprossen der Leiter und wartete gespannt.

Nach gut hundert Tagen an Bord des Brautschiffs hätte sie für diesen Moment eigentlich gewappnet sein müssen. In den langen, eintönigen Tagen auf dem Meer hatte sie reichlich Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Aber jetzt, da sie vor Vancouver Island angelegt hatten, war ihre ganze Unsicherheit zurück.

Sie öffnete ihren Fächer und kühlte ihr Gesicht. Die Meeresluft war mild für September und immer noch vom starken Fischgeruch der Lachse durchdrungen, die die indianischen Ureinwohner am Vorabend verkauft hatten, nachdem das Schiff in der Esquimalt Lagoon vor Anker gegangen war.

In der Abenddämmerung war der Anblick der langen Einbäume, die über das Wasser geglitten waren, beängstigend gewesen, denn in jedem der langen Boote hatten mehrere dunkelhäutige Menschen mit langen schwarzen Haaren gesessen. Einige Damen hatten sich angsterfüllt zusammengekauert und befürchtet, sie wären um die halbe Welt gefahren, um jetzt von Kannibalen enthauptet und verspeist zu werden.

Die Schiffscrew hatte die Frauen beruhigt und ihnen erklärt, dass die Indianer keine bösen Absichten verfolgten. Wenn sie einen Angriff planen würden, säßen in den Einbäumen bis zu den Zähnen bewaffnete Männer mit schwarz bemalten Gesichtern. Doch die halb nackten Männer, Frauen und Kinder hatten das Schiff nicht mit Waffen, sondern mit Fisch begrüßt.

Jetzt war von den Indianern keine Spur zu sehen und die heutigen Besucher waren in Langbooten aus der Stadt gekommen und trugen elegante Anzüge und Zylinder.

»Sie müssen sich dem Begrüßungskomitee von Ihrer besten Seite zeigen«, ermahnte die Leiterin der Gruppe, Mrs Robb, die Frauen. Sie hatte am Morgen alle angewiesen, sich sauber anzuziehen und frisch zu machen, bevor sie den angesehenen Herren der Stadt vorgestellt wurden, die aus Victoria kamen, um die künftigen Bräute zu begrüßen und frische Lebensmittel zu bringen.

Auf der Backbordseite des Schiffs spiegelten sich der Pinienwald und die Felsen im glasklaren Wasser der Lagune. Auf der anderen Seite erhoben sich über der Juan-de-Fuca-Straße die schneebedeckten Gipfel der Olympic Mountains. Arabella war fasziniert von dem atemberaubenden Anblick. Sie hätte nichts dagegen, jeden Morgen von diesem Panorama begrüßt zu werden.

Ein lauter Ruf von Steuerbord und das metallene Klirren der Leiter ließen sie stockend einatmen.

»Stellen Sie sich bitte in einer ordentlichen Reihe auf!«, forderte Mrs Robb die Frauen auf und klatschte in die Hände. Die groß gewachsene, ernste Matrone war schon bei Antritt der Fahrt dünn gewesen, aber jetzt bestand sie nur noch aus Haut und Knochen; ihre Wangen waren eingefallen und ihr Haar wirkte stumpf und matt. Alle Passagiere hatten unter der langen Fahrt gelitten und Gewicht verloren.

Arabella berührte eine Strähne ihres langen kupferroten Haars. Jeden Abend vor dem Schlafengehen hatte sie es mit hundert Strichen gebürstet und sich auch sonst bemüht, während der Überfahrt auf ihre Körperpflege zu achten. Da sie sich in den letzten drei Monaten nur mit einem Schwamm hatte reinigen können und die Möglichkeiten zum Haarewaschen sehr eingeschränkt gewesen waren, waren ihre dichten Locken jedoch sehr widerspenstig geworden. Hinzu kam, dass sich ihre Sommersprossen trotz ihrer Bemühungen, die Sonnenstrahlen zu meiden, zahlreich auf ihrer Nase und ihren Wangen ausgebreitet hatten und deutlich zu sehen waren, obwohl sie Reispuder aufgetragen hatte.

Nicht nur ihr Haar und ihre Sommersprossen waren ein Problem, auch ihre Kleider standen ihr nicht mehr so gut wie noch vor der Reise. Sie war häufig seekrank gewesen und das hatte traurige Spuren hinterlassen: Die schönen Kreationen aus Organza, Seide und Grenadine, die ihr früher wie angegossen gepasst hatten, hingen jetzt viel zu weit an ihrem dürren Körper. Auf dem Schiff hatten alle Damen ihre umständlichen Reifröcke sehr bald abgelegt, aber heute hatten sie sie wieder hervorgeholt, da ihre Kleider durch die Stahlreifen darunter viel voluminöser wirkten.

Arabella reihte sich zwischen den anderen Damen ein. Ihr war bewusst, dass sie es ihnen nachtun und ein Lächeln aufsetzen sollte. Schließlich hatte sie sich schon immer danach gesehnt zu heiraten, auch wenn sie nicht mehr damit gerechnet hatte, noch einen Mann zu finden. Wenigstens keinen, den sie sich selbst aussuchen konnte.

Doch ihre aufgewühlten Nerven ließen sich genauso wenig bändigen wie das launische Meer.

Der Fähnrich beugte sich über die Reling und half dem ersten Mann, der die Leiter heraufkam. Als er auftauchte, kehrte auf dem Deck Schweigen ein. Arabella starrte den Neuankömmling genauso erstaunt an wie die anderen Frauen, auch wenn ein solches Verhalten natürlich wenig damenhaft war.

Als die Stiefel des Mannes einen festen Stand auf dem Deck gefunden hatten, richtete er sich auf und rückte seinen schwarzen Zylinder zurecht. Da er den Kopf schief legte, konnte sie seinen weißen Schnurrbart und seine langen weißen Koteletten sehen. Der Mann war um einiges älter, als sie erwartet hatte.

Vor ihrem geistigen Auge tauchte sofort ein anderes altes Männergesicht auf, aufgedunsen und mit borstigeren Koteletten. Harte, fordernde Augen. Schmale Lippen, die sich missbilligend verzogen.

Ein eisiger Schauer lief Arabella über den Rücken, auf dem die Narben für immer von der schlimmsten Zeit ihres Lebens erzählen würden. Bei der Erinnerung an die Schläge schloss sie die Augen, aber sie konnte den Schmerz, der sie wie ein Albtraum verfolgte, nicht ausblenden.

Es ist vorbei. So etwas wird nie wieder passieren.

Sie versuchte, sich selbst stumm Mut zuzusprechen, wie sie es immer wieder getan hatte, seit sie auf das Brautschiff gekommen war. In der Londoner Gesellschaft war sie mit ihren fünfundzwanzig Jahren eine alte Jungfer gewesen und der einzige Mann, der sie gewollt hatte, war mehr als doppelt so alt gewesen wie sie. Aber hier in diesem neuen Land, wo es angeblich zehnmal mehr Männer als Frauen gab …

Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, dass Kapitän Hellyer auf den älteren Herrn zugetreten war und ihm nun die Hand reichte. Gleichzeitig half der Fähnrich dem nächsten Mann aufs Deck. Kurze Zeit später war es förmlich von elegant gekleideten Herren überschwemmt. Einige trugen Zivilkleidung, andere die blauen Uniformen der Königlichen Marine. Sie begrüßten zuerst den Kapitän und dann mehrere wichtige Passagiere, einschließlich Lord Colville, den Schiffsarzt, und Pastor Scott, den zweiten Begleiter, den die Columbia-Missionsgesellschaft für die Frauen abgestellt hatte.

Die Frauen fanden allmählich ihre Sprache wieder und setzten ihre aufgeregten Gespräche fort.

Als alle Besucher an Bord waren, hielt Kapitän Hellyer eine kurze Begrüßungsrede. Anschließend stellte der ältere Herr, der als Erster aufs Schiff gekommen war, sich als Mr Edward Harris vor, der Bürgermeister von Victoria. Er richtete einige freundliche Worte an die Frauen und machte sie mit den wichtigsten Männern des Einwanderungskomitees bekannt: dem Leiter der Einwanderungsbehörde, dem Präsidenten der Handelskammer, dem anglikanischen Pfarrer der Christ Church Cathedral und einigen anderen, deren Namen Arabella sich nicht merken konnte.

Während er sprach, ließen etliche der Männer ihre Blicke ungeniert über die Frauen wandern. Angesichts dieser ungewohnten Aufmerksamkeit kicherten die jüngeren Waisenmädchen und tuschelten aufgeregt miteinander. Mercy Wilkins, eine der armen Frauen aus den Londoner Slums, versuchte, sie zu beruhigen. Sie war selbst nicht viel älter als sie, hatte sich aber während der Fahrt wie eine Mutter um die Mädchen gekümmert. Auch zu Arabella war sie immer sehr freundlich und hatte sie sogar gepflegt, als sie krank gewesen war.

Die Frauen aus der Unterschicht würden ihre künftigen Männer morgen finden, wenn sie an Land gingen und die Arbeiter, Händler und Goldgräber kennenlernten, die den Großteil der Stadtbewohner ausmachten. Falls man den Gerüchten glauben durfte, warteten Hunderte Männer in Victoria auf ihre Ankunft. Arabella und die anderen Damen der Mittelschicht hingegen würden ihre Gemahle in den gehobenen Kreisen finden, unter den wichtigen und führenden Männern der Stadt, zu denen ihre Besucher gehörten.

Ihre beiden Reisebegleiter hatten den Frauen versichert, dass ausnahmslos jede von ihnen, ob arm oder reich, die Gelegenheit bekommen würde, einen guten Ehemann zu finden.

Während unter den Herren Brandy und Sherry ausgeschenkt wurde, schlenderten sie ungezwungen zu den Damen. Arabellas Stiefmutter wäre entsetzt gewesen, hätte sie erlebt, wie sich diese Herren aus gutem Hause einfach selbst vorstellten, ohne sich an die Etikette zu halten. Aber unter den gegebenen Umständen gab es wohl keine andere Möglichkeit.

Arabellas Kehle war vor Nervosität wie zugeschnürt und sie schluckte schwer. Zum tausendsten Mal, seit sie weggelaufen war, quälten sie die Zweifel. War es die richtige Entscheidung gewesen, aus London wegzugehen? Sie hatte ihre Familie nicht verletzen wollen, aber durch ihr plötzliches Verschwinden hatte sie ihnen zweifellos große Probleme bereitet. Sie strich über die überlappenden Stoffschichten ihres Rocks und rang mit ihren Schuldgefühlen. Das elegante Kleid aus smaragdgrünem Musselin mit ebenholzschwarzen Samtbiesen erinnerte sie nicht nur an ihre Familie, sondern auch an den Lebensstandard, den sie aufgegeben hatte. Obwohl die Förderer dieser Reise den Damen versichert hatten, dass es in Victoria eine Oberschicht gebe, die sich nach der Pariser Mode kleidete, befürchtete Arabella, genauso wie viele der anderen Damen, dass sie sich mit einem hinterwäldlerischen Lebensstil und einer unattraktiven Mode würde abfinden müssen.

Sie schalt sich im Stillen für ihre Gedanken. Statt sich von Vorurteilen leiten zu lassen, sollte sie sich lieber darauf konzentrieren, wenigstens das Interesse eines der anwesenden Herren zu wecken. Nach all der Zeit in einer beengten Kajüte auf dem Meer war sie wirklich nicht in bester Verfassung, aber in einer Stadt, in der so viele Männer eine Frau suchten, hatte sie bestimmt eine Chance, einen Verehrer zu finden.

Die drei Marineoffiziere schlenderten zu Arabella und den Damen, mit denen sie sich ihre Kabine teilte, herüber. In ihren makellosen weißen Hosen und steifen blauen Jacken strahlten sie Autorität aus. Die goldenen Biesen an ihren Manschetten und ihre Schulterklappen wiesen auf ihren hohen Rang hin.

»Meine Damen«, sagte der größte der drei. Er neigte Kopf und Oberkörper zu einer leichten Verbeugung. »Wären Sie so freundlich, uns zu erlauben, uns vorzustellen?«

Nacheinander nannten die Männer höflich und selbstbewusst ihre Namen.

»Leutnant Drummond von der HMSFoxtail«, sagte der groß gewachsene Offizier und blickte zuerst Arabella und dann die anderen Damen an.

Das rabenschwarze Haar unter seiner Offiziersmütze war gewellt, aber ordentlich gekämmt. Mit seinen dunklen Koteletten und seinem gepflegten Schnurrbart sah er attraktiv aus, was durch die dunklen Brauen über seinen tief sitzenden Augen noch betont wurde.

Als sich die anderen Frauen vorstellten, antwortete ihnen Leutnant Drummond höflich, wie es die Etikette vorschrieb, aber seine Aufmerksamkeit wanderte immer wieder zu Arabella. Er verhielt sich dabei nicht gerade unauffällig und sie spürte, wie sie errötete.

»Das ist Miss Arabella Lawrence«, füllte Miss Spencer das Schweigen, das plötzlich eingekehrt war. Normalerweise trug die junge Frau hochgesteckte Zöpfe, doch heute hatte sie Arabella gebeten, ihr Haar eleganter zu frisieren, und sah nun wirklich sehr hübsch aus.

»Miss Lawrence«, sagte der Leutnant mit einer weiteren Verbeugung, »es ist mir eine Freude, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich hoffe, Vancouver Island hat Ihnen bisher gefallen?«

Da plötzlich aller Augen auf sie gerichtet waren, antwortete Arabella mit der beherrschten Würde, die ihre Stiefmutter ihr anerzogen hatte: »Ja, danke. Es ist sehr schön hier.«

Das leichte Lächeln auf seinen Lippen zeigte, dass sie so geantwortet hatte, wie es von ihr erwartet wurde.

»Wenn sich die Damen in Victoria eingerichtet haben, hoffe ich sehr, dass Sie uns erlauben, Ihnen mehr von der Gegend zu zeigen.« Die Einladung des Leutnants richtete sich an alle, aber sein Blick wich nach wie vor nicht von Arabella.

Sie sollte sich geschmeichelt fühlen. Das war es doch, was sie wollte, oder? Aber statt innerlich vor Freude zu jubeln, lief ihr ein Schauder über den Rücken, der sie an die Schmerzen erinnerte, die Männer Frauen zufügen konnten.

In Gedanken kehrte sie zu dem Tag vor vier Monaten zurück, als ihr Vater sie in sein Büro gerufen hatte, um ihr mitzuteilen, dass er einen Mann für sie gefunden habe. Halb hinter den Papierstapeln auf seinem Schreibtisch versteckt, hatte er ihr diese Nachricht überbracht, ohne von dem Dokument, das vor ihm lag, aufzublicken. Sie hatte die kahle runde Stelle auf seinem Hinterkopf angestarrt, während ihr hundert Fragen durch den Kopf geschossen waren. Wer? Wann? Warum?

Arabella hatte jahrelang keinen Verehrer gehabt, während ihre jüngere Schwester Florence inzwischen längst geheiratet und ein Baby bekommen hatte. Im Stillen hatte sie ihren lebenslangen Traum von einem Mann und einer eigenen Familie traurig begraben. Sie hatte sich damit abgefunden, das Schicksal vieler Frauen ihres Standes zu teilen und allein zu bleiben. Es war kein Geheimnis, dass es in London nicht genügend geeignete Junggesellen gab, da in den letzten Jahren viele Männer ausgewandert waren.

Arabella stand im Büro ihres Vaters und wartete schweigend darauf, dass er weitersprechen würde, auch wenn in ihrem Inneren alles rumorte.

Nach mehreren endlos langen Momenten seufzte er schwer, steckte seine Feder ins Tintenfass und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er blickte ihr aber immer noch nicht in die Augen. »Arabella, es ist für alle das Beste«, setzte er an, brach dann aber wieder ab und fuhr mit der Hand über seinen gepflegten Bart. Das machte er immer, wenn er nervös war.

Wieder wartete Arabella, einen Knoten im Magen.

»Deine Stiefmutter denkt, du wirst zufrieden sein«, fuhr er fort, als wäre Elizabeths Meinung das Einzige, was zählte.

Arabella wünschte, sie könnte sich auf das Urteil ihrer Stiefmutter verlassen, doch sie hatte im Laufe der Jahre auf schmerzliche Weise gelernt, dass sich Elizabeth nur für zwei Menschen interessierte: für sich selbst und für ihren Sohn. Alles, was sie tat, einschließlich der Erziehung und Bildung, die sie Arabella und Florence hatte zuteilwerden lassen, hatte zum Ziel, ihren eigenen Status zu verbessern.

»Er wird gut für dich sorgen können«, schob ihr Vater nach.

»Wer, Vater?« Sie zwang sich, die Frage auszusprechen, obwohl sie nicht sicher war, ob sie die Antwort hören wollte.

Ihr Vater griff erneut zu seiner Feder, spielte damit herum und tauchte sie in die Tinte. »Mr Major.«

Arabella atmete scharf ein.

»Er besteht auf dich, Arabella.« In der Stimme ihres Vaters schwang eine ungewohnte Entschuldigung mit. »Ich habe vergeblich versucht, ihn umzustimmen.«

»Er ist älter als du, Vater!« Die Klage von ihrer Seite war genauso außergewöhnlich wie die Entschuldigung ihres Vaters. Arabella wusste, dass Damen wie sie ihre negativen Gedanken für sich behalten sollten, dass sie nur freundliche und positive Worte äußern sollte.

»Es gibt Wichtigeres als das Alter.« Ihr Vater starrte die Zahlen auf dem Blatt an, das vor ihm lag. »Deine Stiefmutter hat recht: Du wirst endlich deinen eigenen Haushalt führen und Kinder bekommen können und es wird dir in deinem ganzen Leben nie an etwas mangeln. Das gleicht doch etwaige Defizite aus, nicht wahr?«

Mr Major war nicht nur so alt, dass er ihr Großvater sein könnte, er war auch ein unangenehmer Mensch. Als Präsident der Bank, in der ihr Vater arbeitete, hatte er diesem schon oft Schwierigkeiten bereitet.

Vielleicht würde diese Verbindung ihren Vater in eine bessere Position bringen und ihm das Leben in der Bank erleichtern. Und vielleicht hatte er recht und die Vorzüge der Ehe würden Mr Majors unangenehme Eigenschaften wettmachen. Sie hätte ihr eigenes Haus, würde ihrem Vater nicht länger auf der Tasche liegen und Elizabeth nicht mehr zur Last fallen. Sie könnte selbst Kinder bekommen und müsste nicht mehr traurig zusehen, wie glücklich Florence mit ihrem Baby war. Außerdem könnte ihr Mr Major definitiv den Luxus bieten, den sie gewohnt war.

»Nun?«, fragte ihr Vater und schaute sie zum ersten Mal direkt an. Die tiefen Krähenfüße in seinen Augenwinkeln und die Sorgenfalten auf seiner Stirn zeigten, dass sie ihm nur eine einzige Antwort geben konnte.

»Natürlich, Vater.«

»Er will, dass die kirchliche Trauung in vier Wochen stattfindet.«

»So bald schon?«

»Er meinte, er sei zu alt, um sich mit einer langen Verlobungszeit aufzuhalten.«

Natürlich! Ein Mann in Mr Majors Alter verschob nichts auf später, da er befürchten musste, es sonst nicht mehr zu erleben.

»Gut, Vater. Ich werde sofort mit den Hochzeitsvorbereitungen beginnen.«

Sie sah den Stolz in seinen Augen. »Du bist ein gutes Mädchen, Arabella.«

Das Lob stärkte ihre Entschlossenheit, alles für das Gelingen dieser Ehe zu tun. Sie hatte ihren Traum von einer eigenen Familie aufgegeben. Jetzt schenkte ihr Gott großzügig eine Chance, ihn doch noch zu verwirklichen. Vielleicht würden Mr Major und sie keine tiefe Liebe zueinander empfinden, aber sie könnte wenigstens versuchen, eine gewisse Zuneigung zu ihm zu entwickeln.

»Das Begrüßungskomitee plant diese Woche eine Regatta«, sagte Leutnant Drummond und holte Arabella damit in die Gegenwart zurück. »Es wäre uns eine Ehre, wenn Sie uns bei dieser Veranstaltung Gesellschaft leisten würden.«

Arabella verdrängte das unheilvolle Gefühl, das sich in ihr regte, so gut es ging. Waren diese Männer vertrauenswürdig? Ihr Blick wanderte von einem zum anderen. Sie hatten sich sauber herausgeputzt und verhielten sich taktvoll und freundlich. Auf den ersten Eindruck schienen sie alle passable Ehemänner zu sein. Aber wie sollte sie wissen, wie sie wirklich waren? In ihren gesellschaftlichen Kreisen stand eine perfekte Fassade an erster Stelle und echte Gefühle und Ehrlichkeit wurden hinter starren Höflichkeitsfloskeln versteckt.

Wie hatte sie je glauben können, sie könnte hier ein neues Leben beginnen? War sie vor einer Notlage geflohen, nur um jetzt in eine ähnlich grauenhafte Situation zu schlittern? Kam sie vom Regen in die Traufe?

Arabellas Atem ging plötzlich schnell und flach und ihre Hände zitterten. Sie faltete sie, damit niemand etwas merkte. Suchend blickte sie sich nach einer Fluchtmöglichkeit um. Wenn sie bei diesen Herren keinen schlechten Eindruck hinterlassen wollte, brauchte sie unbedingt einen Moment, um sich wieder zu fassen. »Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment?«, sagte sie zu niemand Bestimmtem.

Leutnant Drummond streckte die Hand aus, als wollte er sie stützen. »Kann ich etwas für Sie tun?«

Sie neigte dankend den Kopf. »Nein danke, Sir. Ich bin gleich wieder zurück.«

Bevor jemand sie aufhalten konnte, huschte sie auf den Gang, der vom Hauptdeck zu den Kabinen führte. Sie brauchte nur einen Augenblick für sich, um ihre Gedanken zu ordnen und sich an die Gründe zu erinnern, aus denen sie auf das Brautschiff gekommen war.

Arabella entfernte sich viel zu eilig von den vielen Leuten, doch gerade, als sie ihre Schritte verlangsamen wollte, hörte sie jemanden hinter sich und lief schnell weiter.

Sie huschte durch die halb offene Tür zum Speisesaal des Schiffs und schloss sie leise hinter sich. Mit der Hand auf dem Griff lehnte sie sich an die Tür und spannte sich nervös an – die fremden Schritte kamen näher! Aber dann hörte Arabella die Person vorbeilaufen. Erleichtert lehnte sie die Stirn an die glatte Eichentür.

Sie atmete tief aus. »Gütiger Himmel, Arabella! Was machst du nur?« Ihr geflüsterter Tadel hallte in dem unbeleuchteten Raum wider. »Du kannst nicht jedes Mal weglaufen, wenn du Angst bekommst. Wo ist dein Mut?«

Obwohl sie in den letzten Monaten versucht hatte, tapfer zu sein, erlaubte sie ihren Ängsten viel zu oft, ihr Tun zu diktierten. Sie atmete mehrmals tief ein und hob dann das Kinn. Sie musste wieder dort hinausgehen, sich unter die Leute mischen und sich auf das Ziel konzentrieren, das sie hierhergeführt hatte.

Hinter ihr räusperte sich jemand.

Arabella wirbelte mit einem Keuchen herum und drückte die Hände gegen ihre Brust. An der anderen Seite des langen Esstisches stand ein Mann, in jeder Hand einen runden Brotlaib. Er war über eine Platte gebeugt, auf der sich in und neben einem Korb weitere Brote und kleine Brötchen befanden. Durch die Bullaugen an der Wand hinter ihm drang zwar nur spärlich Licht in den Raum, aber die Belustigung in seinen blauen Augen war nicht zu übersehen. Auf seinem Gesicht zeigte sich ein Bartschatten und seine dunkelbraunen Haare lockten sich auf seiner Stirn.

»Vielleicht kann ich Ihnen helfen, Ihren Mut wiederzufinden«, sagte er freundlich und bedachte sie mit einem Grinsen, bei dem sich ein Grübchen auf seinem Kinn bildete.

Arabella hatte es die Sprache verschlagen. Angestrengt versuchte sie, sich einen Ausweg aus dieser peinlichen Situation einfallen zu lassen.

Der Mann legte die beiden Brote neben die anderen Laibe auf die Platte, dann wischte er sich die Hände an seiner Schürze ab, die aussah, als müsste sie dringend gewaschen werden. »Arabella?« Er streckte den Arm über den Tisch und hielt ihr die Hand hin. »Ich bin Peter Kelly. Pete. Stets zu Ihren Diensten.«

Arabella konnte ihn nur entsetzt anstarren. Er besaß doch tatsächlich die Frechheit, sie bei ihrem Vornamen anzusprechen! Und glaubte er allen Ernstes, sie würde ihm die Hand geben? Im Umgang mit einer Dame war beides absolut inakzeptabel. Die Etikette gebot, dass sie diesem Mann den Rücken zukehrte und so tat, als würde sie ihn überhaupt nicht bemerken. Aber da sie mit ihm allein im Raum war, war sie nicht sicher, wie sie sich verhalten sollte. Eine solche Situation war in der Erziehung ihrer Stiefmutter nicht vorgesehen gewesen.

»Miss Lawrence«, sagte sie, um den nötigen Abstand wiederherzustellen.

Sollte sie ihn stehen lassen und einfach gehen? Immerhin verstieß sie gegen eine weitere Regel, wenn sie mit ihm allein blieb. Vielleicht brachte sie sich damit sogar in Gefahr. Dieser Mann war ein völlig Fremder.

Als spüre er ihre wachsende Besorgnis, ließ er die Hand sinken und grinste wieder. Es war ein schiefes Grinsen, das ihm ein jungenhaftes Aussehen verlieh. »Nun, Arabella«, sagte er, »darf ich hoffen, dass Sie in diesen Raum gekommen sind, um mich, den attraktivsten Mann auf der ganzen Insel, kennenzulernen?«

»Ich wusste doch gar nicht, dass Sie hier sind.« Sie hatte den ersten Gedanken ausgesprochen, der ihr in den Sinn gekommen war, bereute das aber sofort.

»Vielleicht hat Gott es so gefügt.« Seine Augen strahlten eine entwaffnende Freundlichkeit aus und sein Lächeln blieb neckend.

»Ich war beim Empfang des Begrüßungskomitees.« Ihre Zunge schien ihr nicht gehorchen zu wollen und machte sich schon wieder selbständig. »Ich brauchte einfach ein wenig frische Luft. Das ist alles.«

»Verstehe.« Er deutete um sich in den stickigen, halbdunklen Raum. »Und die Luft hier drinnen finden Sie gut?«

»Ich finde sie sehr erfrischend.« Bei dieser albernen Bemerkung hätte sie sich am liebsten an die Stirn geschlagen.

»Wenn das so ist, will ich Sie nicht davon abhalten, sie zu genießen. Vielleicht leiste ich Ihnen sogar ein wenig Gesellschaft.«

Als er vernehmlich ein- und wieder ausatmete, konnte sie ihn nur mit einer Mischung aus Verlegenheit und Faszination anstarren.

Er wiederholte das Ganze und atmete dieses Mal noch tiefer aus. »Die Luft ist süß«, sagte er und betrachtete ihr Gesicht. »Sehr süß.«

Flirtete dieser Mann mit ihr? Sie war den Umgang mit Männern nicht gewohnt, und schon gar nicht mit attraktiven jungen Männern. Sollte sie sich geschmeichelt oder beleidigt fühlen?

Arabella schüttelte den Kopf und straffte die Schultern. Welche Rolle spielte es schon, was sie fühlte? Dieser Mann brauchte sie nicht zu interessieren. Anders als Leutnant Drummond und die anderen Herren vom Begrüßungskomitee. Edle Männer, die hoffentlich immer noch auf sie warteten.

»Ich muss zum Empfang zurück.«

»Haben Sie nicht etwas vergessen?«, fragte er, als sie schon im Begriff gewesen war, die Tür zu öffnen. Als sie sich noch einmal zu ihm umdrehte, schaute er sie ernst an.

Ihre Hand stockte. »Wie bitte?«

Er kam um den Tisch herum und trat auf sie zu. Sie zog die Tür einen großen Spalt auf und ihr Herz hämmerte ihr in der Brust. Sie wollte auf den Gang flüchten, aber bevor sie sich in Bewegung setzen konnte, drückte er ihr etwas in die Hand.

»Ihr Mut.« Er schloss sanft ihre Finger um einen x-förmigen Gegenstand und trat dann einen Schritt zurück.

»Mein Mut?«

»Ja, den haben Sie doch gesucht?«

Sie öffnete die Hand und blickte auf ein silbernes Kreuz hinab. Es war schlicht, ohne irgendwelche Gravuren, vom vielen Tragen ganz glatt, aber massiv und fest.

»Gott wird Ihnen den nötigen Mut geben«, sagte er nahezu feierlich.

Sie zögerte. Ein solches Geschenk konnte sie nicht annehmen.

»Behalten Sie es«, sagte er.

Mut. Der fehlte ihr tatsächlich schon sehr lange. »Ich sollte nicht …«

»Ich nehme es nicht zurück«, sagte er bestimmt, bevor er wieder auf die andere Seite des Tisches zurückkehrte und seine Arbeit fortsetzte.

Ihre Finger glitten über das Kreuz. »Danke.«

Er hielt mit dem Brot in der Hand inne und blickte sie an. »Gerne.«

Die Wärme in seinen Augen und in seinen Worten löste ein ungewohntes Kribbeln in ihrem Magen aus. Sie senkte den Blick, nickte leicht und verließ den Raum.

Kapitel 2

Pete kniete neben dem alten Haida-Indianer, der auf einer zerschlissenen Decke lag, und reichte ihm ein Stück Brot. Der Mann nahm es mit seinen zitternden, von offenen und verschorften Wunden übersäten Händen entgegen.

»Ich muss dich bezahlen«, sagte der Indianer auf Chinook, einer Mischung aus Englisch, Französisch und der Sprache, die hier zuerst von den Einheimischen gesprochen worden war. Petes Freund Sque-is hatte ihn Chinook gelehrt und er hatte ihm als Gegenleistung Englisch beigebracht. Leider waren seine Kenntnisse nicht immer ausreichend, um alles auszudrücken, was Pete sagen wollte. Manchmal war er frustriert, weil er sich mit den Indianern nicht besser verständigen konnte.

Wie heute. Wie jede Woche, wenn er zum Lager der Nordstämme ruderte, um ihnen übrig gebliebenes Brot zu bringen.

»Wenn du wieder gesund bist«, sagte Pete, »kannst du mir dafür Lachse geben.«

Der alte Mann nickte und brach dann ein Stück von dem Brot ab.

Pete konnte nur beten, dass der Indianer am Leben bleiben würde, um seine Schulden zurückzahlen zu können. Dabei ging es ihm nicht um den Lachs; er verstand, wie wichtig es für den alten Mann war, ein gewisses Maß an Stolz und Würde zu behalten.

Pete griff nach seinen nun leeren Körben und stand auf. Dabei stieß er sich den Kopf an den Holzbrettern der Hütte. Die notdürftige Krankenstation war unter Führung von Mr Garrett nach dem Ausbruch der Pockenepidemie im Mai eingerichtet worden.

Obwohl in den beiden zugehörigen Hütten immer noch kranke Patienten lagen, verbreitete sich die Epidemie jetzt Gott sei Dank nicht mehr so schnell, da Mr Garrett und die anderen Missionare endlich Impfstoff bekamen und ihn den Überlebenden spritzen konnten.

Pete duckte sich, um durch die niedrige Öffnung ins Freie zu gelangen, und atmete tief ein. Die frische Luft war nach dem beißenden Gestank in der Hütte eine Wohltat. Er blinzelte in den Sonnenschein des frühen Nachmittags. Falls die Gerüchte stimmten und die Frauen vom Brautschiff heute Mittag an Land gingen, blieb ihm nicht mehr viel Zeit.

Von den Lagerfeuern stieg dünner Rauch auf. Verkohlte Aschehaufen waren überall über das kahle Gelände verteilt. Die meisten anderen Hütten waren bei dem vergeblichen Versuch, die Ausbreitung der Pocken aufzuhalten, niedergebrannt worden.

Das Lager nördlich von Victoria hatte früher aus über hundert Hütten mit zweitausend Indianern aus den Stämmen Tsimshian, Haida, Stikine Tlingit und Heiltsuk bestanden. Die Gruppen hatten sich in Small Bay zusammengetan und ein Handelszentrum gebildet. Hier hatten sie untereinander und mit den Bewohnern von Victoria Geschäfte gemacht.

Jetzt waren von dem Dorf nicht viel mehr als ein Dutzend Hütten übrig geblieben, in denen nur noch schwer kranke Menschen lagen.

Ein gleichmäßiges Hämmern lenkte Petes Aufmerksamkeit auf die andere Seite der Krankenstation. Rupert war über einen halb fertigen Sarg gebeugt und schlug den nächsten Nagel ein, bevor er den Blick hob. Trotz des Schattens waren die Pockennarben im Gesicht des alten Matrosen deutlich zu sehen.

Pete tippte an seine Hutkrempe. »Sag Mr Garrett, dass ich nächste Woche wiederkomme.«

»Wird gemacht.« Rupert schaute mit zusammengekniffenen Augen auf den Uferstreifen, der mit Miesmuscheln und braunem Seegras überzogen war. Sein gebräuntes ledriges Gesicht war ernst. Sah er im Geiste die aufgedunsenen Leichen, die in den ersten Tagen am Ufer gelegen hatten, als die Indianer so schnell gestorben waren, dass man nicht genug Särge hatte bauen und Gräber hatte ausheben können?

Pete wurde in seinen Träumen immer noch von diesen Bildern und den entsetzlichen Anblicken verfolgt, die er bei seinen Bemühungen, den Kranken zu helfen, zu sehen bekommen hatte. Solche Bilder ließen einen Menschen wahrscheinlich sein ganzes Leben lang nicht mehr los, besonders einen Mann wie Rupert, der zu den wenigen gehörte, die freiwillig mit Mr Garrett hier lebten. Rupert war als Zimmermann und Koch eingestellt worden, hatte aber viel mehr Arbeit, als er vermutlich erwartet hatte.

»Ich muss jetzt zurück, um meine Braut zu treffen.« Pete schob die Träger der leeren Brotkörbe auf seine Schultern.

»Braut?« In Ruperts normalerweise teilnahmslosem Tonfall schwang ein Anflug von Interesse mit.

»Ja. Nächste Woche um diese Zeit steht vielleicht schon ein verheirateter Mann vor dir.« Pete rechnete nicht damit, dass er so schnell heiraten würde, aber er hätte fast alles gesagt, um Rupert aus seinem persönlichen Grab herauszuholen.

Rupert schob sich auf eine provisorische Bank, lehnte sich mit dem Rücken an die Hütte und legte den Hammer über seine staubige Cordhose. »Und wer ist die Glückliche?«

Pete freute sich über dieses seltene Gespräch. »Ich habe eine hübsche Frau kennengelernt, die mit der Tynemouth nach Victoria gekommen ist.«

Sekundenlang waren über dem stillen Wasser in der Bucht nur die Rufe der Turmfalken und Fischadler zu hören.

»Du verdienst eine nette Frau«, sagte Rupert schließlich, während er den Hammer zwischen seinen vernarbten Händen drehte.

Trotz seiner prahlerischen Worte wusste Pete, dass er froh sein könnte, wenn ihn überhaupt irgendeine Frau heiraten würde. Er bemühte sich dennoch um einen lockeren Tonfall: »Du sagst es, Rupert. Jetzt müssen wir nur beten, dass der Herr das auch so sieht.« Er hatte vor einem Jahr sein Leben von Grund auf geändert und hoffte, dass Gott mit seinem neuen Ich zufrieden war.

Pete verabschiedete sich von Rupert und ging zu seinem Kanu, verstaute die Körbe darin und beeilte sich dann, das Boot vom Ufer abzustoßen und nach Victoria zurückzukommen. Erst als er vom Lager aus nicht mehr zu sehen war, ließ er die Schultern unter der erdrückenden Last sinken, die sich jedes Mal auf ihn legte, wenn er von der Krankenstation wegruderte.

Wenn er nur mehr hätte tun können, um die Ausbreitung der Pocken zu verhindern!

Ein Goldgräber aus San Francisco war mit der hochansteckenden Krankheit nach Vancouver Island gekommen. Sobald die Verantwortlichen in der Stadt das erfahren hatten, hatten sie schnell alle Betroffenen unter Quarantäne gestellt und angefangen zu impfen.

Pete und einige andere hatten gefordert, dass auch die Indianer geimpft werden sollten, da sie schon in der Vergangenheit besonders anfällig für die Krankheiten, die die Kolonisten in die Neue Welt brachten, gewesen waren. Zu seiner Erleichterung hatte der Gouverneur Douglas Dr. Helmcken mit dieser Aufgabe betraut. Anfangs hatte der freundliche Arzt die Songhee-Indianer, deren Hauptdorf auf der anderen Seite der Meerenge lag, behandelt. Er hatte mit dem Impfen begonnen, aber es war zu wenig und zu spät gewesen. Die Krankheit hatte sich bereits ausgebreitet.

Als der anglikanische Missionar Mr Garrett den Pockenausbruch im Nordlager gemeldet hatte, war Pete mit dem Kanu nach Small Bay gerudert, wo alle in Panik gewesen waren. Unzählige Indianer hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits infiziert und waren in Hütten oder Zelten unter Quarantäne gestellt worden, um dort ganz allein zu sterben.

Um Mr Garrett zu helfen, sich um die Kranken zu kümmern und die Toten zu begraben, hatte Pete vorübergehend seine Bäckerei geschlossen und war im Lager geblieben. Da nur so wenige Helfer da gewesen waren, hatte er bis zur Erschöpfung geschuftet.

Schließlich hatte Mr Garrett Pete ermutigt, sich eine Pause zu gönnen, und Pete war nach Victoria zurückgefahren, um Vorräte zu holen und sich auszuschlafen. Während seiner Abwesenheit hatte die Königliche Marine den Indianern befohlen, das Nordlager zu räumen und in ihre Dörfer zurückzukehren. Mit den Kanonenbooten der Marine hatten die Soldaten dieser Aufforderung den nötigen Nachdruck verliehen. Die Stämme hatten ihre Einbäume bestiegen und die Krankheit mit in ihre Dörfer genommen.

Als Pete in das fast verlassene Lager zurückgekommen war, war er außer sich vor Wut gewesen. Er war zur Marinebasis in Esquimalt gefahren und hatte seine Beschwerde lautstark vorgebracht. Bei jenem ersten Besuch im Stützpunkt hatte er sich mit Leutnant Drummond angelegt, einem der verantwortlichen Offiziere auf den Kanonenbooten.

Der Befehl hatte verheerende Folgen gehabt. Innerhalb weniger Wochen waren Berichte nach Victoria durchgesickert, dass Tausende Indianer den Pocken zum Opfer gefallen waren und ihre Leichen an der ganzen Küste und in den verlassenen Dörfern lagen.

Bei jeder Fahrt, die er seitdem ins Nordlager unternahm, wünschte Pete, er könnte mehr tun. Er machte zwar weiterhin Druck, dass die Beteiligung der Marine an der verhängnisvollen Entscheidung, die Indianer in ihre Dörfer zurückzuschicken, untersucht wurde, aber im Moment konnte er nichts anderes tun, als den Betroffenen Trost zu spenden und ihnen Essen zu bringen.

Als Pete den Stadtrand von Victoria erreichte, zog er sein Kanu an Land und lief zur James Bay. Trotz seiner Niedergeschlagenheit warf er seine Sorgen über Bord und mischte sich unter die vielen Menschen, die zum Ufer drängten. Erleichtert, dass er den Moment, in dem die Frauen an Land kamen, nicht verpasst hatte, bahnte er sich einen Weg durch die Menge. Er bedachte einige der Leute, an denen er vorbeikam, mit einem Kopfnicken und einem Gruß.

»Mach den Mund zu, Hank!«, rief er einem seiner Kunden grinsend zu. »Du sabberst!«

Seine Bemerkung löste ein wieherndes Gelächter und gut gelaunte Witze aus.

Die gespannte Aufregung unter den Männern steckte auch Pete an, als er zum Kai kam und die Szene auf sich wirken ließ. Jeder Platz am Ufer war besetzt. Die Männer hockten auf Bäumen und Masten, einige waren sogar hüfttief ins Wasser gewatet.

Er stieß einen leisen Pfiff aus. Anscheinend war jeder Mann aus dem Umkreis von hundert Meilen heute nach Victoria gekommen. Er kam sich irgendwie albern vor, weil er auch hier war, aber andererseits hatte er einfach nicht wegbleiben können.

»Wie lange noch?«, fragte er, als er neben Dodge stehen blieb, der sich auf die Zehenspitzen stellte, um etwas sehen zu können. Der Junge war nur 1,55 Meter groß und klapperdürr. Viel mehr als die Hinterköpfe der Männer vor ihnen bekam er trotz seiner Bemühungen nicht zu sehen.

»Ich habe gerade gehört, dass die ersten Frauen an Land kommen.«

Pete streckte sich. Viele der Männer hatten gestern im Hafen übernachtet, um sich einen Platz in der ersten Reihe zu sichern.

»Siehst du sie?«

Pete ließ seinen Blick über die Frauen wandern und hielt nach einer ganz bestimmten Ausschau. Arabella Lawrence. Die Frau, die er heiraten wollte.

»Ist sie dabei?« Dodge packte Pete am Arm, um sich hochzuziehen. »Welche ist es?«

Einige der umstehenden Männer warfen ihm neugierige Blicke zu. Für einen kurzen Moment fragte sich Pete, ob er nicht lieber sein großes Mundwerk hätte halten sollen, als er gestern von der Tynemouth in die Bäckerei zurückgekommen war. In seinem Eifer war er in die Backstube gestürmt und hatte verkündet: »Ich habe meine Frau kennengelernt!«

Dodge und Blind Billy hatten gerade den Vorteig angesetzt. Bei Petes kühner Ankündigung hatte Dodge Mehl auf dem Boden verschüttet und Blind Billy wäre beinahe in den Backtrog mit dem Vorteig gefallen.

Pete hatte über ihre Reaktionen herzhaft gelacht. Während er zusammen mit seinen beiden Gehilfen die Mittagsarbeit zu Ende gebracht hatte, hatte er ihnen von seiner Fahrt zur Tynemouth und seiner Begegnung mit Arabella Lawrence erzählt.

»Vielleicht war das Gottes Führung«, hatte er gescherzt.

»Es sieht eher so aus, als hättest du dich selbst zu ihr geführt«, hatte Blind Billy mit seiner gewohnt mürrischen Stimme trocken erwidert. Seine Schulterblätter waren hervorgetreten, während er über den Trog gebeugt das Mehl von Hand unter den Vorteig gemengt hatte.

»Ich habe mir vielleicht einen Weg auf das Schiff erschlichen, aber Gott hat mir diese Schönheit praktisch in die Arme geworfen.«

»Es klingt eher so, als hättest du dich ihr vor die Füße geworfen«, konterte Blind Billy weiter.

Die Männer vom Begrüßungskomitee hatten Pete gern erlaubt, an Bord der Tynemouth zu gehen, als er angeboten hatte, kostenlos frisch gebackenes Brot zu bringen. Als Arabella in den Speisesaal geplatzt war und angefangen hatte, Selbstgespräche zu führen, war er sofort hin und weg gewesen. Wer konnte schon einer Frau widerstehen, die mit sich selbst sprach? Besonders wenn sie das faszinierendste rote Haar hatte, das er je gesehen hatte.

»Sie hatte natürlich keine Ahnung, dass ich da war und ihr zugehört habe. Ich habe erst überlegt, ob ich mich vielleicht unter dem Tisch verstecken soll, bis sie wieder fort ist.«

Dodge hatte an seinen Lippen gehangen.

»Aber dann hat sie sich umgedreht und ich war verloren. Ich bin fast tot umgefallen.«

»Leider nur fast«, brummte Blind Billy.

»Dann war sie ein Hingucker?«, fragte Dodge und sein Lächeln wurde breiter.

»Unbedingt. Sie war die schönste Frau auf dem ganzen Schiff.«

Blind Billy schüttelte verächtlich den Kopf, während Dodge wehmütig seufzte.

»Ich hätte sie auf der Stelle bitten sollen, mich zu heiraten, um sie von Drummond fernzuhalten.« Bei der Erinnerung, wie Leutnant Drummond Arabella umgarnt hatte, zog sich Petes Magen hart zusammen. Dieser unsympathische Widerling war kaum von Arabellas Seite gewichen und hatte die rothaarige Schönheit deutlich als sein Revier markiert.

»Auf den Leutnant fliegen die Frauen einfach«, bemerkte Dodge und verstärkte Petes Unbehagen noch mehr.

»Drummond kann von mir aus von den Klippen springen …« Pete brach abrupt ab, als er Dodges bewundernden Blick bemerkte.

»Eher müsstest du springen«, brummte Blind Billy.

»Dieses Mal lasse ich nicht zu, dass sich Drummond durchsetzt.«

Die ganze Nacht hindurch hatte Pete die Zutaten vermengt, geknetet, gewogen und die vielen Brotlaibe geformt, in den Ofen geschoben und danach abkühlen lassen, um sie am Morgen frisch gebacken auszuliefern. Während der ganzen Zeit hatte er an nicht viel anderes gedacht als an Arabella Lawrence und wie er ihr Herz erobern könnte, bevor ihm Drummond oder irgendein anderer von den vielen Hundert Männern, die eine Frau suchten, zuvorkommen konnte.

»Hast du sie schon gesehen?«, fragte Dodge wieder und zupfte an Petes Ärmel. Das Gesicht des Jungen war mit Kohlenruß und Mehl bestäubt. Sie hatten das Brot am Morgen verteilt und sollten es eigentlich Blind Billy gleichtun und ein paar Stunden schlafen. Aber stattdessen standen Dodge und er mit den anderen Bewohnern der Kolonie hier im Hafen und begafften eine Schiffsladung Frauen.

Pete ließ seinen Blick erneut an der Schlange der Damen entlanggleiten, die vorsichtig aus dem Langboot stiegen und über den Kai gingen. Nirgendwo sah er Arabellas rotes Haar. Er schaute zur HMSForward im Hafen hinüber. Das kleinere Kanonenboot der Königlichen Marine hatte die Frauen von der Tynemouth, die in Esquimalt vor Anker lag, in die James Bay gebracht, da das Wasser in Victorias Hafen für große Segelschiffe nicht tief genug war.

Suchend ließ Pete den Blick nun über das Deck der Forward wandern. Aber auch unter den vielen Leuten, die sich an der Reling drängten, war Arabella nirgends zu sehen. Drummond entdeckte er zu seiner Erleichterung auch nicht. Hoffentlich war er keiner der Marineoffiziere, die die Frauen heute begleiteten.

Der Leutnant könnte jede Frau bekommen, die er wollte, wenn er nach der Beendigung seines Dienstes auf Vancouver Island nach England zurückkehrte. Er brauchte weder Arabella noch eine der anderen vom Schiff. Aber natürlich glaubten Männer wie Drummond, dass ihnen die ganze Welt gehörte, und nahmen sich, was sie wollten, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen.

Petes Blick fiel auf eine Frau am Bug. Sie stand etwas abseits von der Gruppe, die darauf wartete, ans Ufer gebracht zu werden. Obwohl ihr Haar von einem eleganten Hut bedeckt war, hatten sich einige rote Strähnen gelöst und wehten im Wind.

»Ich habe sie gefunden«, sagte er zu Dodge. »Sie steht am Bug. Die Frau in dem blauen Kleid.«

Dodge stützte sich auf die Schultern der zwei Männer, die direkt vor ihm standen, schob sich hoch und suchte das Kanonenboot jetzt ebenfalls mit den Augen nach Arabella ab. Als die Männer Dodge knurrend von sich abschüttelten, landete er wieder auf dem Boden. »Ich glaube nicht, dass sie das war.«

»Doch, das ist sie.« Petes Blick wich nicht von ihr. Sie fächerte sich Luft zu, ein Zeichen, dass sie nervös war. Das hatte sie gestern auf der Tynemouth auch gemacht. Als er seine Brote und Brötchen abgeliefert hatte, hatte er sich unter die Matrosen gemischt und Arabella aus der Ferne beobachtet. Früher hätte er nicht gezögert, auf sie zuzugehen und sie erneut anzusprechen. Er scheute sich auch heute nicht, gegen die nicht ausgesprochene Regel zu verstoßen, die Männern aus der Arbeiterschicht verbot, gesellschaftlichen Kontakt zu Menschen einer höheren Schicht zu haben. Aber er hatte keine unangenehme Szene heraufbeschwören und auf keinen Fall riskieren wollen, zum Langboot zurückgeschickt zu werden. Deshalb hatte er einfach gewartet und gehofft, sie würde wieder vom Deck fliehen. Aber das war sie nicht. Hatte sein spontanes Geschenk – das Kreuz seines Vaters – ihr tatsächlich den nötigen Mut gegeben?

»Die hübsche Frau mit dem roten Haar?«, fragte Dodge.

»Genau die.« Pete grinste. »Ich habe dir ja gesagt, dass sie schön ist.«

Dodges Lächeln verschwand. Der Junge runzelte die Stirn. »Du kannst sie nicht heiraten.«

»Natürlich kann ich das.«

»Nein, kannst du nicht«, erklärte Dodge sachlich. »Sie ist eine vornehme Dame. Und du bist … na ja, eben du.«

»Der charmanteste Mann weit und breit.« Er fuhr Dodge mit der Hand über den Kopf und zerraufte dessen struppiges strohblondes Haar noch mehr.

Sein Humor und diese liebevolle Geste brachten ihm ein Lächeln ein. Trotzdem schüttelte Dodge den Kopf. »Wenn du glaubst, dass sie dich nimmt, bist du verrückt.«

»Oh, sie wählt ganz sicher keinen anderen. Ich werde sie so umwerben, dass sie mich bitten wird, sie zu heiraten, und nicht umgekehrt.«

Dodge lachte ungläubig.

Trotz Petes großspuriger Behauptung beschlich ihn eine ungewohnte Unruhe. Setzte er sich mit Arabella Lawrence ein zu hohes Ziel? Hatte Dodge recht und sie würde einen Mann wie ihn nie in Betracht ziehen? Tief in seinem Inneren meldeten sich alte Unsicherheiten, die ihn spöttisch daran erinnerten, dass er nicht gut genug und nichts weiter als ein armer Bäcker sei. Vielleicht sollte er sich unter den armen Frauen umsehen, die nicht so vornehm und eitel waren und nichts gegen einen gewöhnlichen Arbeiter als Ehemann hatten. Er wollte sich die Chance, endlich eine Frau zu finden und zu heiraten, nicht entgehen lassen.

Sein Mentor, Pastor Abe, hatte ihn ermutigt zu heiraten. Er hatte gesagt, dass Gott den Menschen nicht dazu geschaffen habe, allein zu sein, und dass eine Ehe Petes Leben reicher machen würde. Das Gleiche hätte ihm wahrscheinlich auch sein Vater geraten, hätten zwischen ihnen nicht ein großer Ozean, ein ganzer Kontinent und viele Verletzungen gelegen.

Das Problem bei Pastor Abes Rat war, dass es in Victoria keine Frauen gab, die Pete heiraten könnte, wenigstens kannte er keine. Die wenigen ehrbaren unverheirateten waren die Töchter von englischen Kolonialbeamten oder hochrangigen Mitarbeitern der Hudson’s Bay Company. Als Angehörige der Oberschicht bewegten sich diese Frauen in engen gesellschaftlichen Kreisen und nur Offizieren der Königlichen Marine und vermögenden Herren war der Kontakt zu ihnen erlaubt.

Als ihm Pastor Abe erzählt hatte, dass die Columbia-Missionsgesellschaft auf die Bitte seines Kollegen, Bräute zu schicken, reagiert hatte, war Pete genauso aufgeregt gewesen wie alle anderen. Pastor Lundin Brown, ebenfalls ein Missionar, der von der Kirche von England ausgesandt worden war, arbeitete unter den Goldgräbern in Lillooet und hatte nach England geschrieben, um sich dafür einzusetzen, dass christliche Frauen in die Kolonie geschickt wurden.

Vor einigen Wochen hatte Pete zusammen mit den anderen Männern auf die Ankunft des ersten Brautschiffs, der Seaman’s Bride aus Australien, gewartet, aber sie waren bitter enttäuscht worden, da die rund dreißig Frauen in San Francisco von Bord gegangen waren, wo die wartenden Yankees sich die Frauen geschnappt hatten.

Als letzte Woche die Nachricht in Victoria eingetroffen war, dass die Tynemouth noch vor Monatsende einlaufen würde, hatte Pete beschlossen, dass er bei diesem Schiff zu den Glücklichen gehören wollte, die eine Braut abbekamen. Und wenn sich Peter Kelly ein Ziel setzte, erreichte er es auch.

Er konzentrierte sich wieder auf die schöne Frau mit dem roten Haar. Von allen Frauen, die er gestern gesehen hatte – und er hatte sich jede genau angesehen –, war sein Blick immer wieder zu ihr gewandert. Sie war in seinen Augen nicht nur die schönste, ihm gefielen auch ihre bescheidene und sanfte Art, ihr freundlicher Umgang mit den anderen Frauen und ihre Bemühungen, Haltung zu bewahren, obwohl sie unübersehbar nervös gewesen war.

Am meisten hatte ihn Arabellas Reaktion fasziniert, als eine der ärmeren jungen Frauen vor aller Augen gestolpert und gestürzt war. Während die anderen noch überrumpelt dagestanden hatten, war Arabella sofort zu ihr geeilt und hatte ihr wieder auf die Beine geholfen. In diesem Moment hatte er gewusst, dass er sie heiraten wollte. Sie und keine andere.

Die Chancen, eine vornehme Dame wie Arabella Lawrence zu erobern, standen zwar schlecht, aber er war es gewohnt, schlechte Chancen zu haben, und hatte sich davon noch nie aufhalten lassen. Irgendwie würde er einen Weg finden, ihr Herz zu gewinnen.

Zuerst musste er jedoch eine Möglichkeit finden, sie wiederzusehen. Und er hatte auch schon eine Idee, wie er das bewerkstelligen könnte.

Kapitel 3

Arabella öffnete die Ofentür und starrte in das dunkle Loch. Kein Wunder, dass das Wasser in dem Topf, den sie auf die Platte gestellt hatte, immer noch kalt war. Das Feuer war aus.

Vielleicht sollte sie lieber wieder nach oben gehen und versuchen, noch ein wenig zu schlafen.

Sie bewegte ihren Kopf von einer Seite zur anderen, um die Verspannungen aus ihrem Nacken und ihren Schultern zu vertreiben. Obwohl sie noch müde war, wusste sie, dass sie jetzt genauso wenig schlafen könnte wie vor einer Stunde, als die schrecklichen Träume sie wieder geplagt hatten. Sie hatte eine Weile gebetet, und als die Morgendämmerung angebrochen war, hatte sie beschlossen, sich eine Tasse Kaffee zu kochen. Aber in der Küche hatte sie ein furchtbares Chaos vorgefunden.

Sie stemmte eine Hand in die Seite und betrachtete die Spuren des Abendessens, die in der ganzen Küche verteilt waren: verklebte Teller und schmutziges Besteck, fettige Pfannen und sogar einige Reste, die nicht ordentlich zugedeckt waren.

Gestern Abend war sie zu müde gewesen, um sich wegen des schmutzigen Geschirrs Gedanken zu machen. Genauso wie die anderen reichen Damen in ihrer Gruppe hatte sie immer Dienstboten gehabt, die das Kochen und Putzen übernommen hatten, und sich nie vor Augen geführt, welche Arbeit es bedeutete, Mahlzeiten zu kochen und danach die Küche sauber zu machen.

Natürlich hatten sie auf dem Schiff ohne die Hilfe von Dienstboten zurechtkommen müssen und Arbeiten wie einfache Mahlzeiten zuzubereiten, ihre Kleidung zu waschen und sich die Haare zu bürsten, selbst erledigen müssen. Aber ihr war nicht bewusst gewesen, dass sie auch nach ihrer Ankunft in Victoria ohne Dienstboten auskommen mussten. Sie hatte gehofft, das Fraueneinwanderungskomitee würde ihnen für die Küchenarbeit ein Hausmädchen zur Verfügung stellen oder eine der ärmeren Frauen aus ihrer Gruppe würde diese Aufgaben übernehmen. Aber nichts dergleichen war geschehen, wenigstens bis jetzt nicht. Höchstwahrscheinlich mussten die Frauen die Küchenarbeit unter sich aufteilen und einen entsprechenden Plan erstellen, wie ihnen Mrs Moresby vom Komitee gestern geraten hatte, nachdem sie Arabella und die anderen zu ihrer vorübergehenden Unterkunft in der Marine-Kaserne begleitet hatte.

Mrs Moresby war eine einschüchternde Frau, etwas rau und nicht so vornehm, wie man es von einer Dame erwarten würde. Arabella fragte sich mittlerweile, ob alle Damen in ihrer Gruppe ein wenig verrohen würden, nachdem die gewohnten feinen Umgangsformen nun schon seit einer ganzen Zeit nicht mehr gefragt gewesen waren.

Arabella hatte beschlossen, auf keinen Fall so weit zu sinken, sondern die Manieren beizubehalten, die man sie gelehrt hatte. Laut den Männern vom Begrüßungskomitee war das einer der Gründe, warum die Frauen nach Vancouver Island gebracht worden waren: Sie sollten die britische Kultur und ihre Sitten bewahren und einen positiven Einfluss auf die Kolonie nehmen.

Als Arabella jetzt mit knurrendem Magen in der unaufgeräumten Küche stand, begriff sie, dass sie ihren Beitrag für das Wohl der Gruppe leisten musste. Bis sie heiratete und wieder Dienstboten hätte, könnte sie sich eine Zeit lang an dieser Stelle einbringen. Außerdem hatte sie viel Zeit in der Küche verbracht, bevor ihr Vater ihre Stiefmutter geheiratet hatte. In jenen Jahren hatte Hayward Arabella wie eine Mutter aufgezogen.

Am Anfang der Karriere ihres Vaters bei der Bank hatten sie sich nur eine einzige Bedienstete leisten können. Deshalb hatte Hayward den gesamten Haushalt geführt, gekocht, geputzt, genäht und sich auch noch um Arabella und ihre Schwester gekümmert, während Arabellas Mutter immer mehr Schmerzmittel genommen und kaum noch das Bett verlassen hatte.

Arabella war damals noch zu jung gewesen, um zu verstehen, welche Probleme ihre Mutter gehabt hatte. Sie hatte sich schon lange vor ihrem Tod von ihr schmerzlich im Stich gelassen gefühlt.

Haywards Liebe und Aufmerksamkeit hatten diese schmerzliche Lücke gefüllt. Die liebe Frau hatte Arabella in die Arme genommen und in ihr Herz geschlossen. Von Hayward hatte Arabella gelernt, was es bedeutete, zu lieben und geliebt zu werden. Hayward hatte sie auch gelehrt, was es hieß, ihrem Erlöser wirklich zu vertrauen, nicht nur mit Worten, sondern genauso mit Taten. Außerdem wusste Arabella dank ihr, wie man backte.

Zumindest hatte sie oft an Haywards Arbeitstisch gesessen und kleinere Schritte übernommen, wie Nüsse zu mahlen oder Käse zu reiben. Nach diesen Erfahrungen und nachdem sie Hayward so viel zugesehen hatte, könnte sie jetzt doch bestimmt einige einfache Arbeiten bewältigen.

Arabella ließ ihren Blick über die Lebensmittel wandern, die ihnen das Fraueneinwanderungskomitee zur Verfügung gestellt hatte, und ging dann zum Küchenschrank. Darin entdeckte sie Grundnahrungsmittel wie Salz, Mehl, Kaffeebohnen und Zucker, aber abgesehen von einigen bunt zusammengewürfelten Tellern und Schüsseln war die Küche nicht besonders gut ausgestattet. Vielleicht sollte sie Mrs Moresby um einige Dinge bitten. Fürs Erste wollte sie wenigstens Wasser für Kaffee und zum Geschirrspülen aufheizen.

In dem schwachen Licht, das durchs Fenster fiel, durchsuchte Arabella die Schubladen, bis sie Streichhölzer fand. Sie hatte zwar in ihrem ganzen Leben noch nie Feuer gemacht, aber so schwer konnte es ja nicht sein.

Eine Viertelstunde später war die Streichholzschachtel leer und die Küche voller Rauch, der Ofen jedoch immer noch kalt. Hustend wedelte sie mit der Hand vor ihrem Gesicht. Arabella trat zum Spülbecken auf der anderen Seite der Küche und rüttelte an dem Fenster darüber. Der Rahmen bewegte sich keinen Millimeter. Sie fuhr mit den Fingern darunter entlang und suchte einen Riegel, konnte aber nichts finden.

»Arabella, gib es zu: Du kannst nichts richtig machen.« Sie starrte das eigensinnige Fenster an und Tränen schossen in ihre Augen – aus Frustration und wegen des Rauchs.

»Du kannst nichts richtig machen.« Die scharfen Worte ihrer Stiefmutter hallten in ihrem Kopf wider.

Florence hatte alles, was ihre Stiefmutter sie beide gelehrt hatte, sehr schnell beherrscht: das Sticken, Malen, Tanzen, Klavierspielen und sogar Französisch. Arabellas Leistungen waren immer hinter denen ihrer Schwester zurückgeblieben. Sie hatte nie etwas gut genug gekonnt, hatte keine nennenswerten Talente oder Fertigkeiten.

Aus diesem Grund hatte sie gestern, als sie an Land gegangen waren, auch nicht zu den Damen gehört, die sofort eine Stelle als Gouvernante gefunden hatten. Diese Frauen waren intelligenter und besser gebildet; sie würden bei den besten Familien in Victoria leben und Kontakt zu den begehrtesten Männern der Stadt haben. Auf sie wartete ein angenehmes Leben, sie brauchten sich keine Sorgen um ihre Zukunft zu machen und konnten sich in aller Ruhe einen passenden Ehemann aussuchen.

Obwohl auch andere Frauen aus der Mittelschicht keine Stelle als Gouvernante bekommen hatten, konnte sich Arabella des Gefühls nicht erwehren, wieder einmal versagt zu haben. Resigniert ließ sie die Schultern hängen, obwohl auch das zu den Dingen gehörte, die eine Dame unterlassen sollte.

In diesem Moment räusperte sich jemand hinter ihr.

Sie zuckte zusammen und suchte am Spülbecken hinter sich nach Halt.

Am Türrahmen lehnte derselbe Mann, der sie vor zwei Tagen im Speisesaal auf der Tynemouth auf dieselbe Weise erschreckt hatte.

Mit rasendem Herzen steckte Arabella die Hand in ihre Rocktasche und berührte das glatte Silberkreuz, das sie ständig bei sich trug, seit er es ihr geschenkt hatte. Sie hatte gestern nur einen einzigen hysterischen Anfall gehabt. Gott sei Dank war Lord Colville, der Schiffsarzt, in der Nähe gewesen und hatte ihr geholfen. Er hatte ihren Ohnmachtsanfall auf die Aufregung und den Stress wegen all der neuen Eindrücke und Zukunftsängste geschoben.

Nach diesem Vorfall hatte sie jedes Mal, wenn ihre Sorgen überhandgenommen hatten, die Finger um das Kreuz geschlossen. Als sie an Land gekommen waren, wo sich Hunderte Männer gedrängt hatten, und dann durch die jubelnde und pfeifende Menge hatten schreiten müssen, um zum Regierungsgebäude zu gelangen, hatte sie es so fest gedrückt, dass es tiefe Abdrücke auf ihrer Handfläche hinterlassen hatte.

Mut. Irgendwie hatte diese kleine Erinnerung an Gottes Stärke ihre Seele so weit beruhigt, dass sie den Rest des Tages ohne weitere hysterische Anfälle überstanden hatte.

Am Abend hatte sie das Kreuz aus ihrer Tasche geholt und kurz überlegt, wie sie sich bei dem Mann, der es ihr geschenkt hatte, bedanken könnte. Doch sie hatte diesen Gedanken schnell wieder verworfen. In einer Stadt, in der es vor Männern nur so wimmelte, könnte sie ihn unmöglich finden. Außerdem hatte sie seinen Namen vergessen.

Und jetzt stand er hier!

Er lehnte lässig am Türrahmen, seine blauen Augen funkelten vergnügt und seine Lippen waren zu diesem schiefen Grinsen verzogen, bei dem das Grübchen an seinem Kinn erschien.

Wie lang stand er schon da? Offenbar lang genug, um sich über ihre missliche Lage zu amüsieren.

»Sie können es richtig machen«, sagte er, »wenn ihnen jemand zeigt, wie es geht.«

Und offenbar auch lang genug, um schon wieder mitzubekommen, wie sie mit sich selbst sprach! Sie bemühte sich um eine möglichst würdevolle Miene. »Sie sollten sich wirklich abgewöhnen, andere Leute so zu überraschen, Mr …«

»Sie werden feststellen, dass ich voller Überraschungen stecke, Arabella.« Er betonte ihren Namen schon wieder so provokant!

»Ich mag keine Überraschungen.«

Sein Grinsen wurde breiter, was sie gleichzeitig reizvoll und irritierend fand. Er stieß sich von der Tür ab und kam näher.

Etwas in ihr warnte sie, aus der Küche zu fliehen, da sie erneut mit einem Mann allein war, den sie nicht kannte. Aber sie spürte, dass er ihr nichts antun würde. Ein Mann, der ihr sein Silberkreuz geschenkt hatte, konnte eigentlich nicht gefährlich sein.

Außerdem machte es sie neugierig, dass er so ganz anders war als alle Männer, denen sie bis jetzt begegnet war.

Als er vor ihr stehen blieb, stellte er sie mit seinem schiefen Lächeln auf die Probe, ob sie es schaffte, nicht davonzulaufen.

Ihr Griff um das Spülbecken verstärkte sich, aber sie wollte ihm beweisen, dass er sie nicht aus der Fassung brachte. Doch als er sich vorbeugte und beide Arme ausstreckte, atmete sie scharf ein. Er war ihr so nahe, dass sie sich instinktiv nach hinten beugte, um etwas Abstand zu ihm aufzubauen.

Einen Moment lang jagte ihr die Erinnerung an Arme, die sich unnachgiebig um sie legten, und an einen Körper, der sich an sie presste, Angst ein. Sie schloss die Augen. Was machte sie hier nur? Warum war sie nicht vorsichtiger?