Bevor ich verzeihe - Sophie Littlefield - E-Book

Bevor ich verzeihe E-Book

Sophie Littlefield

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Beschreibung

Seit dem schrecklichen Moment, in dem sie erfuhr, dass ihre Tochter ermordet wurde, will Maris sich immer mehr von der Welt zurückziehen. Daher geht sie nur wiederwillig ran, als das Telefon klingelt – und hört die vertraute Stimme des Mannes, dessen Sohn ihre Tochter umgebracht hat. Er fühlt sich zutiefst verantwortlich für das, was geschehen ist. So sehr, dass er jetzt auf der Golden Gate Bridge steht und Maris anbietet, sich von der Brücke zu stürzen. Und plötzlich hat sie es in der Hand. Will sie Vergeltung oder hat sie den Mut zur Vergebung? Eine Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern wird ...

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Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Seit dem schrecklichen Moment, in dem sie erfuhr, dass ihre Tochter ermordet wurde, will Maris sich immer mehr von der Welt zurückziehen. Daher geht sie nur widerwillig ran, als das Telefon klingelt – und hört die vertraute Stimme des Mannes, dessen Sohn ihre Tochter umgebracht hat. Er fühlt sich zutiefst verantwortlich für das, was geschehen ist. So sehr, dass er jetzt auf der Golden Gate Bridge steht und Maris anbietet, sich von der Brücke zu stürzen. Und plötzlich hat sie es in der Hand. Will sie Vergeltung oder hat sie den Mut zur Vergebung? Eine Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern wird …

Weitere Informationen zu Sophie Littlefield und ihren Werken finden Sie am Ende des Buches.

SOPHIE LITTLEFIELD

Bevor ich verzeihe

Roman

Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

»The Guilty One« bei Gallery Books, an imprint of Simon & Schuster, Inc., New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags für externe Links ist stets ausgeschlossen.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe September 2016

Copyright © der Originalausgabe 2015

by Sophie Littlefield

Copyright © dieser Ausgabe 2016

by Wilhelm Goldmann Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Published in agreement with the author

c/o BARER INTERNATIONAL, INC. Armonk, New York.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagbild: Scott Stulberg/Corbis

Redaktion: Sigrun Zühlke

LT · Herstellung: Str.

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-18863-4V001

www.goldmann-verlag.de

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Kapitel 1

Wie sollte sie sich zwischen diesen Schätzen entscheiden? Ein Foto in einem angelaufenen Rahmen. Ein Keramikteller, von kleinen Händen angefertigt, dick glasiert und signiert mit einem krakeligen C. Ein silberner Teelöffel mit Rosenmuster, Teil eines Bestecks, das ihre Schwester jetzt besaß, aber nie benutzte. Maris nahm einen Gegenstand nach dem anderen in die Hand und legte ihn wieder auf der glatten Marmorablage im Badezimmer des Hauses ab, das sie heute für immer verlassen würde.

»Mar?«

Die Stimme ließ sie zusammenzucken – sie gehörte nicht hierher. Schon seit Längerem nicht. Genau genommen seit zwei Wochen und fünf Tagen nicht: Er war am Dienstag gegangen, daran erinnerte sie sich genau, weil er die Mülleimer nicht ein letztes Mal auf den Gehweg getragen hatte. Als hätte seine Entscheidung ihn von jeglicher Verantwortung für das Leben entbunden, das sie einmal geteilt hatten. Während sie an dem Abend die Mülleimer nacheinander die Einfahrt hochgeschleppt hatte, hatte sie sich ihre Ehe wie einen alten Weidenkorb vorgestellt, dessen Flechtwerk an vielen Stellen gebrochen war und dessen Boden fast herausfiel. Aber im Gegensatz zu Jeff hatte sie damit gerechnet, dass ihre Ehe zerbrechen würde. Wäre euch das nicht genauso ergangen?, hatte sie voller Verzweiflung gedacht, wenn sie aus dem Schlafzimmerfenster auf die stille Straße hinausschaute und ihre Nachbarn von der Arbeit, vom Einkauf, vom Sport oder mit den Kindern im Schlepptau nach Hause zurückkehrten. Wärt ihr nicht auch daran zerbrochen?

»Ich wollte nur noch ein paar Sachen aus der Garage holen«, sagte Jeff verlegen, den Blick auf die Treppe geheftet, an deren Fuß sie stand. Er stand in der offenen Tür, durch die die Hitze hereinströmte. Sie dachte an die Klimaanlage: Sie durfte nicht vergessen, sie auszuschalten, ehe sie ging.

»Was für Sachen?«

»Na ja, du weißt schon. Meine Schläger, die Grillsachen.« Er hob die Schultern. »Ich wusste nicht, dass du zu Hause bist. Ich hab schon alles in den Wagen geladen.«

Eine Lüge, die er nicht einmal zu kaschieren versuchte. Ihr Wagen stand in der Garage, den konnte er gar nicht übersehen haben. Außerdem, wo sollte sie gewesen sein? Seit einem Jahr spukte sie wie ein Geist in diesem Haus herum; es war gedankenlos von ihm, so zu tun, als wäre es anders. Das Wort beschrieb treffend, wie Jeff geworden war. Gedankenlos. Gleichgültig. Nichts interessierte ihn mehr. Sie, das Leben, von dem sie geglaubt hatte, dass sie sich gemeinsam daran klammern würden, und nicht einmal mehr Calla – obwohl das nicht stimmen konnte, und eigentlich durfte sie so etwas nicht einmal denken.

»Ich fahre zu Alana«, sagte sie unvermittelt, zu erschöpft, um ihn zu korrigieren.

»Du meinst – du ziehst zu ihr?«

Sie zuckte die Achseln. Was sollte sie darauf antworten? Die Zukunft, die vor ihr lag, war unwägbar, unvorstellbar. Hätte sie eine andere Möglichkeit gehabt – zum Beispiel einfach zu verschwinden, sich mit einem Blinzeln in Luft aufzulösen –, hätte sie sich wahrscheinlich dafür entschieden. »Jedenfalls vorerst.«

»Heißt das, wir können den Hausverkauf in Angriff nehmen?«

In seiner Stimme lag keine Spur von Schuldbewusstsein mehr. Wut stieg in ihr auf – kalt und grell, realer als alles, was sie seit Langem empfunden hatte. Ihr Handy vibrierte; sie nahm es aus der Tasche und warf einen flüchtigen Blick aufs Display. »Ich muss das annehmen«, fauchte sie.

Jeff hob die Hände, eine versöhnliche Geste; vielleicht hatte er gemerkt, dass er zu weit gegangen war. Er ging rückwärts hinaus, formte mit den Lippen die Worte »Bis bald« und lief zu seinem Auto wie ein Kind beim Pausenklingeln auf den Schulhof. Maris gab der Tür einen unnötig heftigen Schubs, sodass sie mit einem Knall zuschlug.

Es war eine Nummer mit 925er-Vorwahl, die sie nicht kannte. Normalerweise hätte sie den Anruf auf Voicemail umleiten lassen – das tat sie fast immer, selbst wenn Alana anrief –, doch der Nachklang der Wut auf Jeff ließ sie das Gespräch annehmen.

»Hallo?«

»Maris.« Eine Stimme, von der sie geglaubt hatte, sie nie wieder hören zu müssen. »Hier ist Ron. Ron Isherwood.«

»Du.« Ihre Stimme klang brüchig. Ein Schmerz, wie sie ihn seit der ersten Zeit nicht mehr empfunden hatte, durchfuhr sie, heiß und stechend. »Wie kannst du … was willst du …«

»Ich wollte dir nur sagen …«

Maris hörte ein Rauschen. Im ersten Moment dachte sie, es sei ihr Verstand, der sich am Ende doch noch aus seiner Verankerung riss und endlich, endlich zersplitterte. Es wunderte sie nur, dass es so lange gedauert hatte.

Doch dann konnte sie die Geräusche, die an ihr Ohr drangen, unterscheiden: Hupen, Reifenquietschen. Ron Isherwood rief sie vom Straßenrand aus an. Aber es klang nicht nur wie Reifen auf Asphalt, da war auch ein metallisches Zischen, das irgendwie nicht passte.

»Ich lege jetzt auf«, flüsterte sie. Durch die Glasbausteine zu beiden Seiten der Haustür sah sie wie in einem durch das Strukturglas wabernden Trugbild Jeffs Auto losfahren.

»Nein, warte.« Ron Isherwood räusperte sich. »Ich … ich … Es ist das Letzte, was ich noch sagen muss. Ich wollte dir sagen, dass es mir leidtut. Wie schrecklich leid es mir tut. Ich – ich tue das für dich.« Er weinte jetzt, auf diese Art, wie Männer schluchzen, wenn sie jede Silbe einzeln herauswürgen, sodass die Worte ineinander verschmelzen.

»Ron, nicht. Hör auf.« Maris hatte ihre Stimme wiedergefunden, und mit dem Verständnis kam die Wut. Ihr Vokabular zum Ausdruck von Gefühlen reduzierte sich auf Schattierungen von Wut und Trauer. Wie konnte er es wagen, ihr das anzutun? Jetzt, wo sie endlich, vielleicht genug abgestumpft war, um ein paar wackelige Schritte nach vorn zu machen und dieses Haus zu verlassen. Sich zu Alana zu flüchten, war feige, aber nach allem, was sie durchgemacht hatte, durfte sie auch mal ein bisschen feige sein, oder?

Aber offenbar war selbst das zu viel verlangt. Sie wusste, was Ron vorhatte – er wollte alles auf sie zurückwerfen, getarnt als Geschenk. Sein Leben als Wiedergutmachung. Weil er es nicht länger ertragen konnte. Er brach unter der übergroßen Last zusammen, und deswegen wollte er sie zur Komplizin machen.

Aber das war ihr Schicksal, ihr Schicksal als Mutter. Und zwar seit jener Nacht vor achtzehn Jahren in dem dünnwandigen kleinen Apartment in San Ramon, wo sie und Jeff nach ihrer Hochzeit gewohnt hatten, als Calla in einem von billigem Wein beflügelten hitzigen Anfall von Wollust gezeugt wurde. Sie holte tief Luft, schloss die Augen und stützte sich auf dem schmalen Tisch ab, der in der Diele unter dem Spiegel stand. »Wo bist du jetzt?«, fragte sie im entschlossenen, keine Widerrede duldenden Tonfall der Mutter, die sie einmal gewesen war.

»Ich.« Undeutliches Schniefen, Schluchzen. »Die Brücke. Ich bin auf der Brücke. Ich wollte … Ich tue alles, was du willst, Maris, egal was. Ich bin bereit. Wenn es hilft, wenn es doch nur …«

»Bleib, wo du bist.«

Maris öffnete die Augen und sah sich ihrem Spiegelbild gegenüber. Sie wirkte verbissen, erschöpft, am Ende – aber sie stand immer noch aufrecht. Man verbrachte nicht sein ganzes Berufsleben mit privilegierten Vorstadtjugendlichen, Null-Bock-Kids und dem eigenen Kind – ja, verdammt, sie hatte dieses Kind von Geburt an durch all die üblichen Existenzkämpfe begleitet und zu einer wunderbaren jungen Frau erzogen, das hatte sie getan, während Jeff erster Klasse geflogen war und Golf gespielt und alles darangesetzt hatte, sich von seiner Familie zu entfremden –, das alles tat man nicht, ohne eine Energiereserve aufzubauen, die man in genau solchen Situationen brauchte. Situationen, in denen die Schwachen versagten, die Abgekämpften aufgaben und die Gebrochenen nach jemandem riefen, der sie an die Hand nehmen konnte.

»Tu nichts, Ron, und ich meine das ernst.« Maris umklammerte das Telefon noch fester und nahm all ihre Kraft zusammen. »Bitte.«

Lange herrschte Schweigen in der Leitung, Autos fuhren vorbei, die Momente des Lebens, ihres und seines, verbunden im Gram, besudelt mit dem Blut von allem, was einmal kostbar gewesen war. »Ich wollte dir einfach etwas geben«, sagte er schließlich mit gepresster, brechender Stimme, dann legte er auf.

Kapitel 2

Als er den Streifenwagen am Straßenrand halten sah, wusste er, dass es zu spät war. Gott, er hatte es gründlich vermasselt. Er hätte sie nicht anrufen dürfen, er hätte die Tat für sich sprechen lassen, sie alles sagen lassen, was alle hören mussten. Oder einen Brief schreiben. Ein Brief hätte funktioniert. Er hätte ihn abschicken können, bevor er in die Stadt gefahren war, hätte ihn auf dem Weg vom Büro zu seinem Wagen in den Briefkasten vor Noah’s Bagels werfen können. Maris hätte ihn am Mittwoch bekommen. Spätestens Donnerstag. Sie hätte den Brief in aller Ruhe lesen und sich überlegen können, ob sie ihn in den Papierkorb werfen sollte oder … oder ob er ihr geholfen hätte, wenigstens ein bisschen.

Zwei Polizisten stiegen aus dem Streifenwagen. Eine Frau, jung und hübsch, glattes Gesicht, und ein Mann. Der Mann war schneller, kam, eine Hand am Gürtel, entschlossen auf ihn zu. Wonach griff er? Nach seinem Funkgerät? Dem Elektroschocker? Vage fragte sich Ron, was das Protokoll für eine solche Situation vorsah, während er sich gleichzeitig dafür verfluchte, dass er nicht alles genau durchdacht hatte, dass er vermasselt hatte, was seine letzte Tat hätte werden sollen.

Er schaute an sich hinunter. Der Wind legte seine Hose um die Knöchel in Falten. Es war wirklich sehr windig hier oben, genau wie es in den Touristeninformationen stand. Ron hatte am Vorabend die Golden Gate Bridge gegoogelt, lächerlich. Seit wie vielen Jahren hatten er und Deb sich vorgenommen, einmal über die Brücke zu gehen? Mindestens seit Karl bei den Pfadfindern gewesen war, denn damals hätten sie es beinahe getan, der Pfadfinderführer hatte es organisiert. Aber dann hatte Karl Angina bekommen. Also hatte Ron im Internet nachsehen müssen: »Stellen Sie Ihren Wagen auf dem Parkplatz vor der Brücke ab … seien Sie darauf gefasst, dass es kalt und windig ist.« Und das hatte zu der vielleicht absurdesten Aktion der letzten vierundzwanzig Stunden geführt: Er hatte seine Windjacke aus dem Wandschrank geholt, obwohl draußen fünfunddreißig Grad herrschten und die Klimaanlage auf vollen Touren lief, und hatte die Jacke in seinem Auto versteckt, damit Deb sie nicht sah und sich womöglich wunderte. Während er die Jacke unter den Fahrersitz gestopft hatte, war ihm bewusst geworden, dass er bei der Planung der letzten Minuten seines Lebens auf sein körperliches Wohl bedacht war, ein Gedanke, so absurd, dass ihn schwindelte.

Aber jetzt war er froh, dass die Jacke ihn gegen den kalten Wind schützte. Der Schiebergriff am Reißverschluss schlug ihm so heftig gegen das Kinn, dass es wehtat. Immer mehr Autos verlangsamten ihr Tempo, bald würde es einen Verkehrsstau geben. Er fragte sich, ob jemand die Polizei gerufen hatte oder ob sie ihn einfach zufällig entdeckt hatten … irgendwo meinte er gelesen zu haben, dass die Polizei regelmäßig auf der Brücke Patrouille fuhr. Auf der Suche nach Springern. Nach Typen wie ihm.

»Hey, wie geht’s Ihnen?« Der Polizist schirmte seine Augen mit einer Hand gegen die Sonne ab und lächelte Ron freundlich an. Er sah gut aus. Um die vierzig, kantige Züge, ausgeprägter Unterkiefer und so weiter. Auch seine Partnerin war attraktiv, und sie lächelten Ron an, als wären sie alte Freunde.

Das war peinlich. Ron überlegte, ob er so tun konnte, als wäre er einfach nur stehen geblieben, um ein bisschen nachzudenken, als könnte er niemals … aber nein. Schließlich stand er auf der falschen Seite des roten Metallgeländers und klammerte sich an die kalten Stahlkabel. Er hatte diese Stelle ausgewählt, weil sie von der Fahrbahn aus kaum zu sehen war, dann war er hinter einem Pfeiler über das Geländer auf den ein Stück tiefer liegenden Stahlträger gestiegen. Man konnte ihn also eigentlich nur sehen, wenn man wusste, wonach man suchte. Am riskantesten war der Moment gewesen, als er über das Geländer geklettert war, aber obwohl er eine Lücke im Verkehr abgewartet und es erstaunlich schnell geschafft hatte, musste ihn irgendjemand beobachtet haben.

Was für ein dummer Fehler. Er hätte es anders machen sollen … Wenn er Maris schon anrufen musste, wenn er es schon nicht geschafft hatte, seine Gedanken in einem Brief zu formulieren – er hatte sich noch nie schriftlich ausdrücken können, so funktionierte er einfach nicht –, hätte er sie auf dem Weg über die Brücke anrufen sollen, ihr sagen, was er zu sagen hatte, dann über das Geländer klettern und es hinter sich bringen.

Jetzt sah es natürlich so aus, als hätte er gehofft, dass jemand ihn aufhielt. Entsprach das nicht der gängigen Auffassung? Er hatte den Risikofaktor absichtlich eingebaut in der Hoffnung, dass ihn jemand beobachtete und ihm sein Vorhaben ausredete. Und genau das hatte Maris ja getan. Hatte er damit gerechnet? War er tief in seinem Innern feiger, als er geglaubt hatte?

Er hatte schon seit einer Weile mit dem Gedanken gespielt, hatte verschiedene Methoden in Erwägung gezogen und sich schließlich für die Brücke entschieden, vor allem weil damit das Problem des Auffindens seiner Leiche gelöst wäre: Auf keinen Fall würde Deb ihn finden, wenn er sprang, und die Wahrscheinlichkeit war sehr hoch, dass seine Leiche nie geborgen werden würde. Sie konnte sich entscheiden, ob sie ihm ein Denkmal setzen wollte oder nicht. Sie konnte ihn in den Tiefen ihrer Erinnerung versinken lassen, genau wie sein Körper im eiskalten Wasser versinken würde, und ein neues Leben beginnen.

Eine selbstlose Haltung für einen Selbstmörder – wenn er es denn ernst meinte. Aber das tat er nicht. Er war ganz einfach feige. Er war nur hier, weil er eine weitere endlose Diskussion mit Deb darüber, ob ihr Sohn schuldig oder unschuldig war, nicht durchstehen könnte. Der schreckliche Tag vor anderthalb Monaten, an dem das Urteil verkündet wurde – es hatte Ron fertiggemacht, aber gleichzeitig auf seltsame Weise erleichtert. Weil es endlich vorbei gewesen war. Weil sie diesen Gerichtssaal nie wieder würden betreten müssen. Er konnte wieder ins Büro gehen und sich jeden Tag für ein paar Stunden in seiner Arbeit verlieren. Endlich konnte er in seinem Haus wieder atmen, weil Debs verbissene, verzweifelte Hoffnung nicht länger in der Luft lag.

Ein solches Leben war alles andere als perfekt. Es würde nie wieder gut werden. Aber Ron hatte geglaubt, ihre Beziehung hätte sich irgendwie eingependelt und sie hätten endlich zu einer neuen Normalität gefunden. Er hatte sich der Hoffnung hingegeben, dass sie das alles überstehen würden. Und dann war der verdammte Arthur Mehta am vorvergangenen Abend mit seinem lächerlichen Mercedes-Sportwagen – und einer Frau auf dem Beifahrersitz, die nicht seine Frau war – an der North Main auf den Mittelstreifen gebrettert, woraufhin ein Reifen geplatzt und ein Polizist auf ihn aufmerksam geworden war. Da Mehta sich damit die dritte Anzeige wegen Trunkenheit am Steuer eingehandelt hatte (Ron verfluchte sich dafür, dass er das Problem nicht bedacht hatte, als er ihn als Karls Verteidiger angeheuert hatte), hatten die Medien sich wie die Geier auf die Sache gestürzt, und als die Bilder gestern immer und immer wieder in den Nachrichten gezeigt wurden, hatte Deb sich in einen Hoffnungsrausch hineingesteigert. Das ist ein Grund, Berufung einzulegen, hatte sie mit dunklen Rändern unter den Augen gezetert und dabei nervös am Saum ihres Pullovers herumgezupft. Grobes Fehlverhalten. Aber während Ron so tat, als würde er ihr zuhören und ihr zustimmen, dass sie schnell handeln mussten, hatte er nur noch denken können: Das stehe ich nicht noch mal durch.

Gott, wie sollte er dieses Chaos in seinem Kopf in den Griff kriegen? Vor allem, wo diese beiden Polizisten ihn die ganze Zeit so erwartungsvoll ansahen. Und dann das zuckende Blaulicht … musste das sein? Wahrscheinlich hatten sie es aus Sicherheitsgründen eingeschaltet, aber es sorgte nur dafür, dass er noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zog. Verdammter Mist.

»Hey.« Seine Stimme wurde vom Wind verschluckt. Er stopfte das Handy in die Jackentasche, das er immer noch in der Hand hielt, hustete und versuchte es noch einmal. »Hey.«

»Tolle Aussicht, was?« Der Polizist lächelte. Esteban – auf dem kleinen, rechteckigen Namensschild an seinem Hemd stand Esteban. Ron musste die Augen gegen das Sonnenlicht zusammenkneifen, um den Namen der Polizistin zu lesen: Dane. Officer Dane wirkte in Anbetracht der Situation wesentlich weniger entspannt als ihr Partner. Es würde ihr nicht schaden, ein paar Seiten in Rons Lieblingsbuch zu lesen, von dem nur Deb wusste, die das Taschenbuch in der ersten, mittellosen Zeit ihrer Ehe in einem Antiquariat entdeckt hatte. Es trug den Titel Sell, Sell,Sell:Die wichtigstenGeheimnisseerfolgreicher Verkaufsgespräche. Ron hatte das Buch studiert, als wäre es die Bibel, und es hatte mehr zu seinem beruflichen Erfolg beigetragen als alle Karriereberater und Strategieseminare und Betriebsweiterbildungen zusammen. Vor ein paar Jahren, vor dem Verkauf der Produktionsfirma für Photovoltaik, die er – eigentlich mehr zum Spaß – gegründet und aufgebaut hatte, war er losgegangen, um sich das Buch noch einmal zu kaufen, aber es wurde längst nicht mehr aufgelegt.

Und jetzt klammerte sich Ron, der wahrscheinlich mehr als jeder andere von diesem längst vergessenen Business-Ratgeber profitiert hatte, von außen ans Geländer der Golden Gate Bridge, Sekunden vom Tod entfernt. Eine Schande eigentlich, dass F. R. MacAuliff (niemals würde Ron den Namen des Autors auf dem Umschlag vergessen oder dessen rundes, grinsendes Gesicht über dem zu eng sitzenden Hemd und der breiten, glänzenden Krawatte) nie erfahren würde, wie sehr er seinen Protegé beeinflusst hatte. Wahrscheinlich war der Mann längst tot. Ron warf einen Blick auf das Wasser tief unter ihm – trüb und kabbelig heute –, dann schaute er wieder zu seinen potenziellen Rettern hinüber. Esteban und Dane – wie Figuren aus einer Polizeiserie der Siebziger, mit gerade genug Multikulti-Charme, um nicht bedrohlich zu wirken. Noch dazu eine Polizistin mit hübschen Titten!

MacAuliff, Esteban, Dane. Die Siebziger – sollte das ein Wink des Schicksals sein? Ron schwirrte der Kopf. Er war in den Sechzigern geboren, aber die Siebziger hatten ihn geprägt. Sein Vater hatte zum ersten Mal die Hand gegen ihn erhoben, als er acht war. Magnus Isherwoods Zorn hatte seinen Höhepunkt erst erreicht, als Ron ein Teenager war, aber Rons Erinnerungen an jene Zeit waren trotzdem geprägt von den Wutausbrüchen seines Vaters, dem Schmerz, der ihn durchzuckte, wenn sein Vater ihm beinahe den Arm auskugelte, der Demütigung, durch einen Tritt in die Kniekehle zu Fall gebracht zu werden, vom Lachen seines Vaters, wenn Ron nach einem Schlag in die Magengrube nach Luft rang. »Da bleibt dir wohl die Luft weg, was?«, hatte Magnus höhnisch geknurrt, als wäre sogar das ein Beweis für Rons Schwäche.

Und es war Magnus’ Stimme, die ihm jetzt hämisch und anmaßend ins Ohr flüsterte: Nicht mal das hast du hingekriegt, was? Wie schwer kann das schon sein– du hättest einfach nur zu springen brauchen!

»Interessieren Sie sich für Sport? Sind Sie ein Fan der Giants?«, fragte Esteban jetzt. Dane kam von links ganz langsam näher. »Mann, der Wind geht mir ganz schön auf die Nerven, Ihnen nicht?«

Ron schluckte. Seine Hand umklammerte das Geländer. Von dem Stahlträger, auf dem er stand, blätterte die Farbe ab. Unter dem Rot kam Rost zum Vorschein. Ron rieb mit der Schuhspitze darüber, ein Stückchen Farbe löste sich und segelte träge ins Wasser hinunter. Bei dem Anblick drehte sich ihm der Magen um. Er wandte sich ab und umklammerte das Geländer noch fester, während er seine potenziellen Retter betrachtete.

»Schöner Tag heute«, sagte Esteban, plötzlich ganz ernst. »Ich meine, jeder Tag hat seine schlechten, aber auch seine guten Momente. Darüber würde ich gerne reden. Wollen Sie nicht rüberkommen, damit wir uns unterhalten können? Wir könnten irgendwohin gehen und uns Zeit nehmen.«

»Sie müssen sich nicht sofort entscheiden«, meldete Dane sich zu Wort. Sie klang noch jünger, als sie aussah. »Es ist eine schwere Entscheidung. Wir können ja auch hier oben darüber reden, was halten Sie davon?«

Ron hätte gern geantwortet, aber er bekam die Worte nicht zusammen. Irgendwie hatte er sich in seinen Gedanken verheddert. Er sah nicht nur das Gesicht seines Vaters vor sich … er sah auch Karls. Karls Gesicht war wutverzerrt gewesen, als Ron ihn das letzte Mal gesehen hatte. Voller Hass. Und irgendwie wusste Ron, dass er schuld war. Karl hatte allen Grund, ihn dafür zu hassen, dass er ihm seine Gene vererbt hatte, denn schließlich war Karl es gewesen, der dafür bezahlt hatte.

»Ich bin immer damit davongekommen«, presste er durch die klappernden Zähne hervor. War ihm kalt? Ja, er fror wie ein Schneider.

Die Polizisten blickten sich an. Einen Sekundenbruchteil lang entglitten Esteban die Gesichtszüge, dann war das Lächeln wieder da. »Tja, dazu kann ich nichts sagen, aber eins weiß ich, und zwar, dass die Zukunft Ihnen offensteht, mein Freund. Aber vielleicht können Sie das jetzt nicht …«

»Womit sind Sie immer davongekommen?«, schaltete Dane sich ein. Sie schloss die Lücke, stand plötzlich an dem Geländer, die Unterarme aufgestützt, ihre Hände schon fast in Reichweite. Er schaute nach unten, erwog, sich mit den Füßen abzudrücken und sich so schnell in die Tiefe zu stürzen, dass sie nicht mal mehr Zeit hätte, die Hände nach ihm auszustrecken.

Hinter sich hörte er Esteban irgendetwas grummeln. Wahrscheinlich war Dane vom Drehbuch abgewichen. Aber sie hatte Rons Aufmerksamkeit.

»Wenn Sie hier raufkommen, höre ich Ihnen zu«, sagte sie langsam und ernst. Nur er konnte es hören. »Sie können mir sagen, womit Sie davongekommen sind. Lassen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen.«

Und Ron glaubte ihr tatsächlich, dass sie ihm helfen wollte. Aus irgendeinem Grund – vielleicht war es das billige, mit Strasssteinchen besetzte Kreuz, das sie um den Hals trug, oder die Lücke zwischen ihren Schneidezähnen oder vielleicht auch die Art, wie sie so tat, als wären sie beide allein, obwohl Esteban offensichtlich das Sagen hatte – vertraute er ihr. Später würde sich das sicher wieder ändern, wenn das mit den Protokollen und dem ganzen Papierkram losging – vielleicht würden sie sogar ein psychiatrisches Gutachten verlangen –, aber jetzt, in diesem Augenblick, vertraute er ihr.

»Schon in Ordnung«, sagte er. »Ich muss es nicht tun, wissen Sie? Ich meine, ich weiß, was ich bin.«

»Was sind Sie denn?«

Sie hatte braune Augen und eine winzige Narbe in einer Braue, die sich wie ein weißer Strich abhob. Sie trug einen feinen, königsblauen Lidstrich, der aussah, als würde es ewig dauern, ihn aufzutragen. Debs Haut war früher genauso perfekt gewesen wie die dieser jungen Polizistin.

Nichts hielt ihn davon ab, ihr zu erzählen, was er war: ein Ungeheuer, Erbe der Wut seines Vaters, ein Strafgewitter, das nur darauf wartete, entfesselt zu werden. Die Wut war jetzt vielleicht nicht mehr so kolossal. Es war viele Jahre her, seit sie ausgebrochen war.

Aber sie war nur deshalb nicht mehr so groß, weil er sie weitervererbt hatte. Die Wut hatte einen neuen Wirt gefunden.

»Wir hätten ihn nie in die Welt setzen dürfen«, sagte er klar und deutlich über den heulenden Wind hinweg.

»Gut.« Dane nickte. »Also gut. Geben Sie mir jetzt Ihre Hand.«

Und das tat er.

Kapitel 3

Um drei Uhr herrschte stadtauswärts dichter Verkehr, aber da Maris in die entgegengesetzte Richtung fuhr, kam sie gut voran. Während sie durch die Stadt raste, hielt sie die ganze Zeit ihr Handy in der Hand und dachte, dass sie Alana oder Jeff oder irgendjemanden anrufen sollte, wagte es aber nicht, sich die Zeit zu nehmen oder auch nur die Nummer zu wählen. Das wäre vielleicht die Strafe für ihre Hybris, wenn sie telefonierte und deswegen einen Unfall baute und nicht rechtzeitig auf die Brücke gelangte. Ihre Leiche eingeklemmt zwischen verbogenem Metall und Glasscherben, während Rons Leiche sich auf halbem Weg aus der Bucht hinaus in irgendwelchem Treibgut verhedderte. Ein Ende, das dem einer griechischen Tragödie würdig wäre.

Sie hatte mit Krankenwagen gerechnet, mit einem Verkehrsstau, mit Gaffern, die aus ihren Wagen gestiegen waren und die Augen mit einer Hand gegen die grelle Sonne schützten, um besser sehen zu können. Aber da war nichts. Nichts außer dem üblichen sommerlichen Wochentagsverkehr und den Schlangen an den Mauthäuschen. Sie wechselte auf die äußere rechte Spur, schaute sich um, sah jedoch nur den atemberaubenden Ausblick. Am Ende der Brücke musste sie vom Highway abbiegen und auf der anderen Seite wieder auffahren, um den Rückweg anzutreten. Auch hier dasselbe Bild: nur ein paar Touristen, die über die Brücke spazierten und die Aussicht genossen.

Am gegenüberliegenden Ende fuhr sie auf den winzigen Parkplatz neben dem Gebäude, in dem ein Andenkenladen und ein Café untergebracht waren. Ein Fahrradpolizist setzte gerade seinen Helm auf, während ein zweiter einen Pappbecher in einen Mülleimer warf.

Sie musste schreien, um sich Gehör zu verschaffen. »Ein Freund von mir – er hat gesagt, er wollte von der Brücke springen.«

Der Polizist, ein dunkelhäutiger Mann mit Vollbart, schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. Der Verkehrslärm war ohrenbetäubend. Sie versuchte es noch einmal, zeigte vorbei an dem Andenkenladen auf den Verkehr, der langsam über die Brücke kroch.

»Ich fürchte, mein Freund könnte springen!«

Diesmal verstand der Polizist. Er nickte und winkte sie auf die andere Seite des Gebäudes, wo es windgeschützt und stiller war. Maris folgte ihm, den Blick auf das Abzeichen auf seiner Windjacke und das Pistolenhalfter an seinem Gürtel geheftet.

»Ihr Freund ist erwachsen?«

»Ja …«

»Er ist nicht gesprungen. Er war hier, die Kollegen von der Frühschicht haben bei ihm gewartet, bis seine Frau …« Der Mann unterbrach sich und musterte Maris eindringlich. Sie war sich bewusst, dass sie ihn erschüttert anstarrte, dass sie ungeschminkt und unfrisiert war. »Bis eine Frau kam, um ihn abzuholen. Wissen Sie, wer das gewesen sein könnte?«

Die Erleichterung war überwältigend. »Es ist also heute niemand gesprungen?«, fragte sie.

»Nein. Da war nur dieser eine Mann. Er ist in der Mitte der Brücke über das Geländer geklettert, aber er hat mit den Kollegen gesprochen und ist dann zurückgekommen.«

»Und die haben ihn nach Hause gehen lassen?« In Debs Begleitung. Natürlich war Deb sofort hergekommen. Sie war eine gute Ehefrau, die zu ihrem Mann hielt, egal, was passierte.

»Ja. Ich kann die Kollegen bitten, Sie anzurufen, wenn Sie wollen …«

»Nein, nein. Danke. Nicht nötig. Ich musste mich nur vergewissern, dass er … dass ihm nichts passiert ist.«

Maris war bereits auf dem Rückzug. Ihr war bewusst, dass sie sich nicht angemessen bedankt, dass sie ein falsches Bild von sich abgegeben hatte. Sie eilte zurück in den Lärm und den Wind, rannte fast schon zu ihrem Auto. Zitternd ließ sie den Motor an. Sie fuhr langsam und vorsichtig wie nach einer Verkehrskontrolle.

Die Luft im Auto war kalt und schal, denn auf der Herfahrt hatte sie die Klimaanlage voll aufgedreht. Dieses Wetter heute mochte Maris am wenigsten, heiß und windstill bei verhangenem graublauem Himmel. In Kansas, wo Maris mit ihrer Mutter und ihrer Schwester bis zum Ende der Highschool gelebt hatte, lastete häufig ein solcher Himmel über dem Augustweizen, bis er von Blitzen aufgerissen wurde, auf die ein Platzregen folgte. Aber hier in Kalifornien gab es weder Blitze noch Regengüsse, nur endloses Gerede von Dürre und Ruin, verbrannte Hügel und unbestellte Felder. Im Haus, wo Maris sich verkroch, gab es keine Geräusche außer dem Summen der Klimaanlage und dem Knarzen von Eis im Gefrierschrank. Nachdem Jeff ausgezogen war, hatte sie Alana gefragt, ob sie für eine Weile bei ihr unterkommen konnte, aber sie war sich nicht sicher gewesen, ob sie es würde durchziehen können, ob sie es fertigbringen würde, ihre Sachen tatsächlich ins Auto zu packen. Tatsächlich wegzufahren.

Womöglich hätte sie sich am Ende davor gedrückt, zu Alana zu ziehen. Vielleicht hätte sie es vorgezogen, abgestumpft zu bleiben, einfach aufzugeben und in ihrem Haus zu sterben, anstatt sich zurück in die Welt zu wagen. Doch dann hatte Ron angerufen, und seine Drohung, sich umzubringen, hatte sie aus ihrem selbstauferlegten Exil gerissen. Vielleicht sollte sie ihm dafür dankbar sein. Andererseits – wie hatte er es wagen können?

Maris umklammerte das Lenkrad, der zäh fließende Verkehr, der sich durch Presidio wälzte, war erdrückend. Wie konnte Ron annehmen, dass sein Leben ihr irgendetwas bedeutete? Selbst wenn er tausendmal starb, würde ihr das Calla nicht zurückgeben, nicht wiedergutmachen, dass sein Sohn ihre Tochter getötet hatte. Vielleicht hätte sie ihn auffordern sollen zu springen – zur Strafe für seine Frechheit, seine Selbstsucht. Nein, für seine Hemmungslosigkeit. Was sonst hätte ihn zu dem Anruf bewegen sollen? Ach, ich Armer. Sie stellte sich vor, wie er in Selbstmitleid schwelgte. Ein Mann, der echte Reue empfand, wäre einfach gesprungen – und hätte sich nicht einen Rettungsring in Gestalt dieses Anrufs besorgt.

Tu’s doch!, hätte sie ihm sagen müssen. Spring! Dann hätte sie zu seiner Beerdigung gehen und sich an Debs Schmerz und Trauer weiden können. Nicht, dass der Verlust eines Ehepartners dem Verlust eines Kindes gleichkam. Aber es wäre wenigstens etwas gewesen.

Jemand hupte, dann noch jemand. Ein ganzes Hupkonzert ertönte, weil ein Laster, der aus einer Einfahrt zurücksetzte, die Spur stadteinwärts blockierte. Lächerlich, um diese Tageszeit ein solches Manöver durchzuführen, wo sowieso in der Stadt kein Durchkommen und die Bay Bridge vom Pendlerverkehr verstopft war. Zumindest hatte es einen Vorteil, von der Trauer stadtauswärts nach Hause getrieben zu werden: kein Stau.

Während sie sich in den zähflüssigen Verkehr vor dem Tunnel einfädelte, wo der Zubringer aus Berkeley einmündete, klingelte ihr Handy. Sie warf einen Blick aufs Display: ihre Schwester. Am liebsten hätte sie den Anruf ignoriert, aber sie konnte Alana nicht den ganzen Abend abwimmeln.

»Hallo.«

»Hallo, Mar.« Zurückhaltung lag in ihrer Stimme, so untypisch für Alana. »Ich wollte nur mal hören, ob du losgefahren bist.«

»Alana, hör zu.« Maris überlegte kurz, ob sie ihr erzählen sollte, was passiert war – Rons Anruf, die Verkehrsgeräusche im Hintergrund, der Polizist in der schwarzen Windjacke. »Ich … ich glaube, ich komme lieber erst morgen früh. Irgendwie kann ich mich nicht entscheiden, was ich mitnehmen soll.«

»Wirf einfach ein paar Sachen in eine Reisetasche! Wir können am Samstag noch mal zu dir fahren und mehr holen, wenn du willst. Ich helfe dir.«

Allein die Vorstellung, dass ihre Schwester ihren Kleiderschrank durchging und entschied, was sie einpacken sollte und was nicht, raubte Maris jede Energie. »Ja, ich wollte nur … ich weiß, Alana. Und ich bin dir sehr dankbar, wirklich. Aber ich müsste jetzt mindestens bis sechs warten, bis der schlimmste Berufsverkehr vorbei ist, und ich wäre frühestens um halb acht bei dir.«

»Ach Mensch.« Selbst durchs Telefon konnte Maris hören, wie Alana tief ausatmete. »Bist du dir sicher? Die Vorstellung, dass du ganz allein bist, gefällt mir gar nicht. Ich habe Wein besorgt. Einen guten, einen Pinot gris. Wir könnten uns nach draußen setzen, wenn es ein bisschen abkühlt.«

»Ja, ich bin mir sicher.« Maris entspannte sich ein bisschen, ihre Schwester hatte eingelenkt. »Lass uns morgen über alles reden. Ich will nur noch duschen und früh ins Bett.«

Aber als sie sich um neun in das Bett legte, das sie mit Jeff geteilt hatte, hatte sie immer noch nicht geduscht. Heute nicht, und sie konnte sich auch nicht daran erinnern, ob sie es gestern getan hatte. Das musste sich ändern. So konnte sie Alana nicht unter die Augen treten, mit fettigen Haaren und abgekauten Fingernägeln. Sie musste ihre Schwester davon überzeugen, dass sie zurechtkam, wenigstens halbwegs.

Ab morgen würde sie sich wieder einer gründlichen Körperpflege unterziehen, wie es sich gehörte. Und sich bewegen – sie würde ihre Laufschuhe und Sportklamotten einpacken und jeden Tag auf dem Laufband ihrer Schwester trainieren. Sie würde sich einen Frisörtermin besorgen und sich die Ansätze färben lassen. Und sie würde sich eine Maniküre gönnen.

Maris rechnete gar nicht damit, schnell einzuschlafen. Sie hatte gelernt, die mitternächtlichen Stunden, in denen sie wach lag, die leeren Stunden, die sich endlos bis zum Morgengrauen dahinschleppten, als Teil ihrer Buße zu akzeptieren. Aber diesmal gelang es ihr überhaupt nicht, den Gedankenfluss zu stoppen, auch nicht mit den Atemübungen, die Nina ihr beigebracht hatte.

Hätte sie leichter Schlaf gefunden, wenn er gesprungen wäre?

Hätte sie etwas – irgendetwas – empfunden, wenn die Nachrichtenkameras ihre unersättlichen Linsen auf Rons Begräbnis gerichtet und all die Trauernden gezeigt hätten, so wie sie es bei Callas Beerdigung getan hatten, an der fast tausend Menschen teilgenommen hatten? Würde sie sich besser fühlen, wenn sie Deb irgendwann auf der Straße begegnen und die vertrauten Qualen auch in ihren Augen sehen könnte?

Kapitel 4

Deb weinte. Ron wusste, dass sie dagegen ankämpfte, so sehr, dass er die Anstrengung regelrecht spüren konnte, mit der sie die Zähne aufeinanderbiss und das Steuerrad umklammert hielt.

Während des Gesprächs mit den Polizisten hatte sie die Nerven behalten. Ron hatte etwas abseits gestanden wie ein gemaßregelter Schüler, der im Schulbus die Notbremse gezogen hatte und von seiner Mutter abgeholt wurde. Die Ungeheuerlichkeit dessen, was er beinahe getan hätte, war bereits verblasst, die Entscheidung, zu der er am Vortag gelangt war, nur noch eine vage Erinnerung, als wäre alles nur ein dummes Missverständnis gewesen. Und doch saß dort seine Frau in ihrer ärmellosen Bluse, mit den weißen Sandalen, aus denen ihre rot lackierten Zehennägel hervorlugten, und wickelte sich eine Strähne ihres blonden Haars um den Finger.

Nachdem sie die Polizei schließlich davon überzeugt hatten, dass es nicht nötig war, Ron in die psychiatrische Notaufnahme zu schicken, waren sie Hand in Hand zum Auto gegangen. »Ich fahre«, hatte Deb erklärt, und aus lauter Gewohnheit hätte Ron beinahe Nein gesagt – Deb fuhr so langsam und vorsichtig, dass es ihn immer nervös machte –, hatte aber dann den Mund gehalten. Es war das erste diverser Zugeständnisse, die er würde machen müssen, nachdem er diesen Mist gebaut hatte, und er spürte, wie eine grimmige Bußfertigkeit von ihm Besitz ergriff.

Das Vernünftigste wäre gewesen, wenn jeder von ihnen mit dem eigenen Wagen nach Hause gefahren wäre, aber er wusste, dass er das gar nicht erst vorzuschlagen brauchte. Deb hatte bekräftigend genickt, als er den Polizisten versprechen musste, vorerst das Alleinsein zu vermeiden, sein Auto von jemandem abholen zu lassen und sich umgehend einen Therapeuten zu suchen.

Aber Ron wusste, dass er nicht verrückt war. Und er würde sich niemals das Leben nehmen, das war ihm inzwischen klar. Weshalb es auch kein Fehler gewesen war: Er hatte bis an die Grenze gehen müssen, um zu erkennen, wo er stand, was er zu opfern bereit war. Er hatte nicht mehr viel, für das es sich zu leben lohnte – abgesehen von Deb –, und er hatte immer noch diese Schuld, die er nie würde wiedergutmachen können, eine negative Lebensbilanz.

Aber er hatte pflichtbewusst Maris angerufen, und Maris hatte ihn abblitzen lassen, damit musste er sich abfinden. Sie beide waren jetzt Mitglieder einer erlesenen Gruppe. Vielleicht war es unverzeihlich von ihm, sich in dieselbe Kategorie einzuordnen wie Maris – ihr Kind war tot und seins nicht –, aber Karls Leben war dermaßen auf den Kopf gestellt worden, dass es sich für Ron anfühlte, als hätte er seinen Sohn verloren. Der Mensch, der in der Panamint Correctional Institution für Männer einsaß, nur zweieinhalb Autostunden entfernt, war nicht Karl, jedenfalls nicht der Karl, der er einmal gewesen war. (Was kein Grund war, ihn nicht zu besuchen, das wusste Ron. Dafür hatte er andere Gründe, andere Ausreden.)

Aber er und Maris sahen sich jeden Morgen beim Aufwachen derselben Qual des Verlusts gegenüber. In gewisser Weise war das Gefühl jedes Mal neu, jedes Mal wieder schockierend. Deb litt natürlich auch, aber sie hatte ihren Glauben an Karls Unschuld – so absurd und bemitleidenswert er auch sein mochte. Dieser Glaube war ihr erster Gedanke am Morgen und ihr letzter am Abend, er schien ihr zu geben, was sie brauchte, um die Tage zu überstehen. Und sie fand Trost in der Hausarbeit, etwas, was Ron noch nie begriffen hatte, auch nicht, bevor das alles passiert war: dass sie den Sinn ihres Lebens durch ihn fand, durch ihren Sohn, ihr Heim, dass sie ihren Wert danach bemaß, wie gewissenhaft sie für sie alle sorgte.

Debs Liebe zu ihm war nie erlahmt, sie schöpfte Kraft aus ihrer Ehe. Ron wünschte, er könnte das auch – wenn es irgendein Elixier gäbe, das ihn so abhängig von Deb machte, wie sie es von ihm war, er würde es nehmen. Nur damit er nicht mehr so allein sein musste. Aber das war nicht möglich. Er liebte Deb so sehr wie immer, vielleicht noch mehr, aber er brauchte sie nicht. Er stellte sich den schrecklichen Momenten allein, so war er nun mal, daran ließ sich nichts ändern.

Nicht, dass es letztlich eine Rolle spielte. Der Schuldspruch war unausweichlich gewesen, das war bereits klar gewesen, nachdem die Zusammensetzung der Jury feststand und Karl zum ersten Mal in den Gerichtssaal geführt worden war, damit die Geschworenen sich ein Bild von ihm machen konnten. Er hatte durch sein Verhalten das Urteil selbst gefällt, mit seiner undurchdringlichen Miene, seiner spürbaren Gleichgültigkeit, der gelangweilten Verachtung, mit der er jede Geste, jeden Seufzer und jede seiner Unschuldsbeteuerungen begleitet hatte.

In all den langen Stunden im Gerichtsgebäude hatten Ron und Maris kein Wort gewechselt. Ohne sich abzusprechen, hatten beide Familien sich auf ein Muster eingependelt, wie sie das Gebäude betraten und verließen: Die Vacantis trafen stets früh ein, um Plätze in der ersten Reihe zu bekommen, während Ron und Deb so spät wie möglich kamen, froh – auch das blieb unausgesprochen –, sich in letzter Minute irgendwo hineinzuquetschen und so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Gegen Ende der Sitzung dagegen war es umgekehrt, da hatte Deb stets darauf gedrungen, dass sie versuchten, Karls Aufmerksamkeit zu erlangen, ihm in ein paar Worten Mut zuzusprechen, Gesten, die selten erwidert oder auch nur zur Kenntnis genommen wurden.

Ron hingegen hatte möglichst oft heimlich zu Maris hinübergeschaut, bis er jede Einzelheit an ihr auswendig kannte. Wie ihr mit Strähnchen aufgehelltes Haar sich über den Schlüsselbeinen nach innen drehte. Wie ihre Schulterblätter sich scharf und kantig unter der Kleidung abzeichneten. Ihre weichen Pullover in gedeckten Farben wie Grau und Stahlblau.

Jedenfalls musste sie inzwischen wissen, dass er nicht tot war, also war sie von jeder Verantwortung (die genaugenommen keine war), seinen Selbstmord zu verhindern, befreit. Er war immer noch der Vater des Mörders ihrer Tochter. Vielleicht würde sie ihn ja gern selbst umbringen.

Das Problem war, dass er jetzt noch mehr Grund hatte, sich bei ihr zu entschuldigen. Ihr noch mehr Schmerz zu bereiten, sie an seine Existenz zu erinnern, indem er drohte, diese auszulöschen – dazu hatte er kein Recht gehabt. Verdammt, er würde sie dafür um Verzeihung bitten, dass er überhaupt auf der Welt war, wenn er die richtigen Worte fände.

»Wir könnten Azalea Pearce anrufen«, sagte Deb in dem zaghaften Versuch, ihn aufzumuntern, als sie gerade durch die östlichen Vororte San Franciscos fuhren. »Vielleicht hat sie ein paar Vorschläge.«

»Deb, Liebling«, sagte Ron. Er war beeindruckt von seiner eigenen Ruhe. »Das halte ich für keine gute Idee.«

»Sie ist Therapeutin. Sie könnte uns ein paar Namen nennen, wahrscheinlich kennt sie genau den Richtigen …«

»Lass uns niemanden aus der Nachbarschaft da reinziehen, okay? Ich habe nichts gegen Azalea, ich finde sie sehr nett, aber trotzdem.«

Die Leute würden reden. Azalea würde mit Ernie darüber sprechen, und der würde es irgendjemandem gegenüber erwähnen. Natürlich nicht absichtlich. Das hatte er im Lauf des vergangenen Jahres gelernt: Die Leute verbreiteten nicht willentlich, was man ihnen anvertraute, es passierte einfach. So war die menschliche Natur.

»Also gut, dann lass uns Sam anrufen.« Debs Stimme zitterte ein bisschen, sie war den Tränen nahe, aber Ron spürte, dass sie nicht lockerlassen würde.

»Es … wäre mir lieber, wenn du das nicht tun würdest.«

»Das weiß ich, Ron. Wirklich. Aber ich glaube … Ich meine, er ist Profi, er weiß.«

ENDE DER LESEPROBE