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Gabriel Pol

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Beschreibung

Magisterarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts, Note: 1,3, Freie Universität Berlin (Institut für Philosophie), Sprache: Deutsch, Abstract: Die vorliegende Magisterarbeit handelt vom Problemkomplex des Bewusstseins - der Frage, was Bewusstsein ist und in welcher Beziehung es zu den bekannten Phänomenen des Lebens und der physischen Welt steht. Ihr erster Teil widmet sich einer in Begriffen der Phänomenologie zu formulierenden Problemexposition, zu welcher eine kurze Einführung in die grundlegenden Ansätze und Positionen der klassischen und neueren Philosophie des Geistes gehören wird. Auf der Ebene der gedanklichen Entwicklung geht es dabei um eine erste Beschreibung der Vielfalt der Arten, Formen, Funktionen und Eigenschaften des Bewusstseins als eines mit der Körperwelt in Interaktion stehenden Prozesses. Der zweite Teil der Arbeit wendet sich der Auseinandersetzung mit den Grundpositionen im Diskurs der Neurowissenschaften zu, in dessen Zentrum die Beziehung des Bewusstseins zu seinen neurophysiologischen Grundlagen (das Geist-Gehirn-Problem) stehen wird. Die Natur des Bewusstseins steht seit anderthalb Jahrhunderten nicht mehr allein im Zentrum philosophischer Theorien - sie ist längst zu einem interdisziplinären Forschungsgegenstand geworden, an dem viele empirische Disziplinen mitarbeiten. Auch wenn der mit dem Bewusstsein verbundene Themenkomplex in der Philosophie eine lange und facettenreiche Geschichte vorzuweisen hat, so stellt er sich heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ein ebenso schwieriges wie unabgeschlossenes Forschungsfeld dar. Bei allem Fortschritt in den Biowissenschaften, der Medizin und der Informations-technologie, die zweifellos viele wichtige Aspekte zum besseren Verständnis der mit dem Bewusstsein verbundenen Phänomene beigetragen haben, entzieht es sich gleichwohl nach wie vor einer vollstän-digen Lösung durch die Empirie. Wissenschaftler, die es gewohnt sind, die Fragen ihres Faches von der empirischen Seite her zu betrachten, werden bei der Erforschung des Bewusstseins immer wieder mit ungeklärten philosophischen Aspekten dieser schwierigen Thematik konfrontiert. Indem das Bewusstsein der Wissenschaften sich ständig selbst transzendiert, werden alte Gewissheiten wieder in Frage gestellt, scheinbar fest stehende Denkgewohnheiten überwunden und einstmalige Grenzgebiete des Wissens als neue Forschungsbereiche erschlossen, auf denen das Rätsel des Bewusstseins einer umfassenderen und tragfähigeren Lösung nahe kommen wird. [...]

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Veröffentlichungsjahr: 2007

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Inhaltsverzeichnis
I. Der Mikrokosmos des Bewusstseins
1.1. Einleitung: Epistemologische Grundprobleme.
1.2. Arten und Formen des Bewusstseins in der Evolution.
1.3. Phänomenale Eigenschaften und Merkmale des Erlebens
1.4. Ein Exkurs über das Leib-Seele-Problem.
1.5. Neuere Theorien des Leib-Seele-Problems
1.5.1. Die Identitätstheorie
1.5.2. Der Funktionalismus
1.6. Das psychophysische Trilemma und die Wissenschaft.
II. Die Neurobiologie des Bewusstseins
2.1. Gehirn und Körper.
2.2. Neuronen, Synapsen, Mikroorgane
2.3. Die biologische Basis des Bewusstseins
2.3.1. Einleitung
2.3.2. Das limbische System.
2.3.3. Fühlen, Bewerten, Handeln
2.3.4. Cortex und Neocortex.
2.3.5. Das Ich im Gehirn - Bewusstes und Unbewusstes
2.4. Neurobiologische Entstehungshypothesen
2.4.1. Integration durch Synchronisation.
2.4.2. Neuronale Codes
2.4.3. Die Grenzen der Hirnforschung
Bibliographie / Quellennachweis.

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Aspekte der Philosophie des Geistes

Gabriel Pol

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Vorwort

Die vorliegende Magisterarbeit handelt vom Problemkomplex des Bewusstseins - der Frage, was Bewusstsein ist und in welcher Beziehung es zu den uns bekannten Phänomenen des Lebens und der physischen Welt steht. Diese drei Fragenaspekte entsprechen zugleich der inhaltlichen Gesamtkonzeption der Arbeit: ihr erster Teil widmet sich einer in Begriffen der Phänomenologie zu formulierenden Problemexposition, zu welcher eine kurze Einführung in die grundlegenden Ansätze und Positionen der klassischen und neueren Philosophie des Geistes gehören wird. Auf der Ebene der gedanklichen Entwicklung geht es dabei um eine erste Beschreibung der Vielfalt der Arten, Formen, Funktionen und Eigenschaften des Bewusstseins als eines mit der Körperwelt in Interaktion stehenden Prozesses.

Der zweite Teil der Arbeit wendet sich der Auseinandersetzung mit den Grundpositionen im Diskurs der Neurowissenschaften zu, in dessen Zentrum die Beziehung des Bewusstseins zu seinen neurophysiologischen Grundlagen (das Geist-Gehirn-Problem) stehen wird. Bewusstsein wird dabei nicht als isolierte Entität betrachtet, sondern als wesentliche Eigenschaft eines immer schonverkörpertenGeistes. Am Ende dieses Teils sollen die zuvor gewonnenen Einsichten kritisch diskutiert und mögliche Wege zu einer Synthese der empirischen und philosophischen Fragestellungen aufgezeigt werden.

In die einstmaligen Domänen philosophischen Denkens ist längst der Geist empirischer Methodologie vorgedrungen, was aus Sicht einer offenen und auf Erkenntnisgewinn ausgerichteten Philosophie ein zu begrüßendes Ereignis darstellt. Zweifellos hat es die moderne naturwissenschaftliche Forschung bereits vermocht, viele der altehrwürdigen philosophischen Ansichten über die Natur von Seele, Psyche, Geist oder Bewusstsein zu erschüttern, und die modernen Verfechter dualistischer Systeme sehen in ihr den Antipoden ihres auf intuitiver Gewissheit beruhenden Glaubens. Zugleich erscheint es den meisten Philosophen und Naturwissenschaftlern als eine Tatsache, dass unser Natur- und Selbstverständnis nur durch ein fruchtbares Zusammenwirken von Theorie und Praxis greifbare Fortschritte erzielen kann, und dass ein neues wissenschaftliches Menschenbild allein aufgrund empirischer Beweise allgemeine Anerkennung erlangen wird.

Die Natur des Bewusstseins steht seit anderthalb Jahrhunderten nicht mehr allein im Zentrum philosophischer Theorien - sie ist längst zu einem interdisziplinären For-schungsgegenstand geworden, an dem viele empirische Fachrichtungen mitarbeiten.

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Auch wenn der mit dem Bewusstsein verbundene Themenkomplex in der Philosophie eine lange und facettenreiche Geschichte vorzuweisen hat, so stellt er sich heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ein ebenso schwieriges wie unabgeschlossenes Forschungsfeld dar. Seit die Phänomene bewussten Lebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Gegenstand erster (natur-)wissenschaftlicher Untersuchungen geworden sind, hat der immer größer werdende Dialog der Philosophie mit anderen Forschungsbereichen in den Neuro- und Kognitionswissenschaften, der Biologie, Physik oder Informatik die Grenzen des alten Wissens erweitert, und eröffnet heute ein neues, auf empirischen Tatsachen und philosophischer Metatheorie basierendes Wissensspektrum.

Zwar scheinen die verschiedenen Ansätze der interdisziplinären Bewusstseinsforschung in ihrem derzeitigen Stadium noch kein allgemein anerkanntes Paradigma zur Lösung aller mit dem Bewusstseins verbundenen Probleme zu liefern, doch es besteht in weiten Teilen der wissenschaftlichen und philosophischen Gemeinde ein Konsens darüber, dass ebendies durch eine fruchtbare Synthese aller relevanten Forschungsaktivitäten geleistet werdenkann.Ein Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einige Aspekte des Bewusstseins aus dieser neuen Sicht zu erhellen. Seit einigen Jahrzehnten sprechen die Autoren von einer Renaissance der Bewusstseinsphilosophie, und die lebhaften Debatten innerhalb der neueren Philosophie des Geistes bestätigen diese Ansicht. Allerdings findet diese Renaissance nicht zuletzt unter den Vorzeichen einer in der Proklamation ihres Menschenbildes immer rigoroser werdenden Naturwissenschaft statt, welche offene und skeptische Denker zur Formulierung neuer Fragen, Ideen und Probleme motiviert. Im Zentrum vieler Publikationen steht die von den Neurowissenschaften vertretene Ansicht, Bewusstsein, Seele oder Geist seien in Wirklichkeit nur traditionelle (philosophische oder religiöse) Metaphern für bestimmte (noch ungeklärte) Aspekte von Hirnfunktionen auf höherer biophysikalischer Ebene, deren endgültige Entschlüsselung der empirischen Forschung obliege. Bei allem Fortschritt in den Biowissenschaften, der Medizin und der Informationstechnologie, die zweifellos viele wichtige Aspekte zum besseren Verständnis der mit dem Bewusstsein verbundenen Phänomene beigetragen haben, entzieht es sich gleichwohl nach wie vor einer vollständigen Lösung durch die Empirie. Wissenschaftler, die es gewohnt sind, die Fragen ihres Faches von der empirischen Seite her zu betrachten, werden beim Thema des Bewusstseins immer wieder mit ungeklärten philosophischen Aspekten dieser schwierigen Problematik konfrontiert. Die Rolle der Philosophie sollte

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sich daher auch in Zukunft nicht allein auf erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Analysen beschränken, mit denen sie die praktischen Fortschritte der Naturwissenschaften dokumentieren würde, sondern auch eine direkte Anteilnahme an der wissenschaftlichen Theoriebildung selbst implizieren, um die empirisch noch weitgehend unerforschten Aspekte des Bewusstseins in den Fokus der Aufmerksamkeit zu bringen. Philosophen und Wissenschaftler, die über das Bewusstsein forschen, werden schnell erkennen, dass ich in dieser Arbeit viele Einzelheiten außer Acht gelassen habe, welche einer eingehenden Betrachtung zweifellos würdig gewesen wären. Zu dieser vereinfachten Darstellung zwang mich vor allem die Zeit und die engen Grenzen meiner gegenwärtigen Erkenntnis. Ich hoffe dennoch, im Rahmen einer studentischen Forschungsarbeit das Nötigste zum Verständnis dieser schwierigen Thematik geleistet zu haben. Zur Zeit (und vom gegenwärtigen Standpunkt meines Nichtwissens) wollte ich dabei noch keiner bestimmten Theorie oder Erklärung des Bewusstseins das Wort reden. Im Zuge des Nachdenkens und Forschens wurde mir immer deutlicher, dass die gegenwärtige wissenschaftliche Sicht des Lebens ohnehin noch viel zu begrenzt ist, um die komplexe Natur des Bewussteins oder des Geistes in all ihren Formen und Funktionen verstehen zu können. Weitere Forschungen sind vonnöten, um tiefer in das vielschichtige Wunder bewussten Lebens vorzudringen, neue Ideen, Experimente und Erfahrungen werden den Prüfstein für die gegenwärtig vertretenen Ansichten bilden. Indem das Bewusstsein sich ständig selbst transzendiert, werden alte Gewissheiten wieder in Frage gestellt, scheinbar fest stehende Denkgewohnheiten überwunden und einstmalige Grenzgebiete des Wissens als neue Forschungsbereiche erschlossen, auf denen das Rätsel des Bewusstseins einer umfassenderen und tragfähigeren Lösung nahe kommen wird.

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I. Der Mikrokosmos des Bewusstseins

1.1. Einleitung: Epistemologische Grundprobleme

Seit Descartes Diktum „Ich denke, also bin ich“, welches in denMeditationes(1641) zur Grundlage seiner Philosophie wurde, hat das abendländische Denken die zentrale Bedeutung des Bewusstseins in vielerlei Hinsicht anerkannt. Bewusstsein, welches die Grundlage allen Erlebens bildet, erscheint in der Tat als die einzige Gegebenheit, für deren Existenz wir unmittelbare Beweise haben. Alle sichtbaren Dinge, alle Töne und Gerüche, alle Wahrnehmungen, die uns die Sinne von der Welt „da draußen“ bringen, existieren einzig und allein als Teil unseres Bewusstseins. Die Gegenstände unserer (alltäglichen wie auch der wissenschaftlichen) Erkenntnis basieren auf dieser fundamentalen Gegebenheit.

Das Primat des Bewusstseins ergibt sich also aus dem Umstand, dass seine Existenz aller theoretischen oder empirischen Betrachtung zugrunde liegt. Noch bevor wir anfangen, über das Bewusstsein nachzudenken, ist uns das Phänomen bereits auf eine natürliche und vorerst unproblematische Weise gegeben.1Niemand könnte Bewusstsein zum Gegenstand der Forschung erklären, wenn wir keinerlei natürliches Vorwissen darüber hätten; allein dieses implizite, vortheoretische Wissen macht es uns erst möglich, mit der Bewusstseinsforschung zu beginnen. Bewusstsein zu verstehen setzt also immer schon Bewusstsein voraus. Dies ist die Bedingungaller,so auch der objektiv-wissenschaftlichen Erkenntnis. Es gibt offenbar keinen Zweifel daran, dass auch eine „Wissenschaft“ des Bewusstseins immer ein vonSubjekten des Erkennensgesteuertes Projekt sein wird. Bewusstsein lässt sich nicht hintergehen, es gibt für uns Menschen schlichtweg keine unabhängige, außerhalb seiner liegende Erkenntnisperspektive.

Im Gegensatz zu jeder anderen Entität, die wir für gewöhnlich als ein externes (objektives) Phänomen betrachten, von dem wir annehmen, dass es unabhängig vom jeweiligen Beobachter existiert, sind es im Falle des Bewusstseins jedoch wirselbst,deren Subjektivität zum Objekt der Wissenschaft wird. (Damit ist zugleich die Dualität der beiden Erkenntnisperspektiven umschrieben, auf denen unser natürliches wie auch das wissenschaftliche Verständnis vom Menschen (und dessen Bewusstsein) beruhen:

1Descartes` klassische Grundprämisse der subjektiven Selbstgewissheit des Bewusstseins hat über Bren-

tanos Evidenz der inneren Wahrnehmung bis in die Philosophie des 20. Jahrhunderts hinein gewirkt. Im aktuellen Diskurs wird sie unter dem verwandten, aber relativierenden Begriff der „präreflexiven Selbstvertrautheit“ (Frank 1991) weiter tradiert.

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der Perspektive der „ersten Person“ als der eines (subjektiven) Beobachters, welcher die Inhalte seines eigenen Bewusstseins wahrnimmt, und der Perspektive der „dritten Person“, d.h. einer objektiven, von außen operierenden Wissenschaft.) Der besondere Status des Bewusstseins als Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung ergibt sich also aus dem Umstand, dass wir es in allen anderen Forschungsbereichen mit externen, objektiven Phänomenen zu tun haben und es ein klassisches Anliegen der Wissenschaft ist, alles Subjektive aus den Beschreibungen der zu erforschenden Dinge zu eliminieren. Was aber, wenn das Subjektive selbst zum Objekt ihrer Analyse wird? Unser eigenes Erleben, das uns so nah und so vertraut zu sein scheint, weil wir selbst es sind, die sich als Träger oder Subjekte dieses Erlebens verstehen, verwandelt sich unter dem Blick von außen zunächst in etwas Fremdes und Ungreifbares. Jede objektive Forschungsmethode sieht sich von Beginn an mit der natürlichen Tatsache konfrontiert, dass die Inhalte des Bewusstseins nicht in der gleichen Art und Weise beobachtbar und messbar sind wie alle anderen Naturphänomene. Neuronale Prozesse können sichtbar gemacht werden, Gedanken oder Gefühle bleiben unsichtbar. Da derphänomenale Gehaltdes Bewusstseins also stets über mehr (und andere) Informationen verfügt als eine rein objektive, physikalische Beschreibung, kann letzterealleindas Wesen des Bewusstseins offenbar nicht erklären.2- Ein erstes Beispiel mag dieses zentrale Problem verdeutlichen: Wie lässt sich das facettenreiche, mit inneren Vorstellungen und Stimmungen verbundene Erlebnis von MozartsZauberflöteaus der Perspektive derdritten Personangemessen beschreiben und verstehen? Kann eine solche Beschreibung (anhand einer Analyse physikalisch messbarer Prozesse) dem phänomenalen Gehalt und der Tiefenstruktur dieses Klangerlebnisses vollends gerecht werden? - Betrachten wir Bewusstsein von außen, so entdecken wir eine Vielfalt von Erscheinungsarten und -mustern des Verhaltens eines individuellen Organismus. Zwar können wir in vielen Fällen anhand dieses Verhaltens auf das Vorhandensein von Bewusstsein schließen (es ihm zuschreiben), aber dieser Schluss bleibt immer einfactum post rem,eine abgeleitete und mittelbare Art von Erkenntnis. Bewusstsein stellt, wie wir daran sehen, ein genuinprivatesPhänomen dar, das sich seinen ihm innewohnenden Eigenschaften nach allein aus derInnenperspektiveeines erlebenden Wesens unmittelbar erkennen und beschreiben lässt. Dies gilt sowohl für die Natur von Gedanken und Gefühlen wie auch für Sinneswahrnehmungen und alle anderen Bewusstseinszustände.

2Solcherart Argumente sind in der neueren Philosophie des Geistes unter dem Titel „Argument des unvollständigen Wissens“ bekannt. Vgl. Metzinger (1995), Teil 4.

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Das Privileg des Bewusstseins scheint also darin zu bestehen, dass jedes erlebende Wesen einWissenvon seinen eigenen Bewusstseinszuständen hat, das keinem anderen in der gleichen, unmittelbaren Art und Weise zur Verfügung steht.3Kann aus der Dritte-Person-Perspektive also überhaupt ein echter Beitrag zur Aufklärung des bewussten Innenlebens geleistet werden? Wie kann die Hirnforschung relevante Einblicke in das Bewusstsein (des Menschen) gewinnen? - Das am obigen Beispiel skizzierte Problem der objektiven Forschungsperspektive wird deutlicher, wenn man einem frühen Gedankenexperiment von Leibniz folgt4: Leibniz erschuf im Geiste das Modell einer Maschine (Gehirn) und begann, die funktionalen Zusammenhänge in ihrem Innern zu beschreiben. Obwohl das Modell etwa den Prozess des Auftreffens elektromagnetischer Wellen auf der Netzhaut, die Weiterleitung dieser Impulse in die Sehzentren (und vieles andere mehr) anschaulich machen könne, würde man darin nirgendwo das expliziteBewusstseineiner Perzeption (Wahrnehmung) entdecken. Nichts an dem, was sich innerhalb der neuronalen Matrix des Gehirns findet, ließe es alsnotwendigerscheinen, dass ebenda Bewusstsein entsteht. - Auch wenn Leibniz - den sehr begrenzten neurologischen Kenntnissen seiner Zeit entsprechend - die von Hirnforschern auch heute noch viel beschworene Komplexität des Gehirns nur zu ahnen und sicherlich nicht zu wissen vermochte, welche exakten Arbeitsprozesse das Gehirn zu absolvieren hat, um eine bewusste Wahrnehmung entstehen zu lassen, so war sein Gedankenexperiment an exakt jener Stelle, an welcher er den Übergang zwischen Gehirnprozessen (Mechanismus) und Bewusstsein (Wahrnehmung) nicht begriff, so treffend, dass es Philosophen und Wissenschaftler auch gegenwärtig vor Rätsel stellt:

„ So genau die Beschreibung der zugrunde liegenden physikalischen Vorgänge auch gelingen mag, es scheint schwer vorstellbar, dass die Welt der subjektiven Erfahrung - der Anblick eines blauen Himmels und das Gefühl von Wärme - aus rein physikalischen Ereignissen hervorgehen sollte […] Welche mysteriöse Transformation könnte das Feuern von Neuronen, die einen bestimmten Teil des Gehirns einnehmen oder mit einer bestimmten biochemischen Eigenschaft versehen sind, in subjektive Erfahrungen umwandeln?“

3Diese Aussage bedeutet jedoch nicht, dass wir als erlebende Wesen, welche über einenprivilegierten Zugangzu ihrem mentalen Leben verfügen,eo ipsoauch Experten dafür wären, die wahre Natur des Bewusstseins zu erkennen. Als bewusste Wesen haben wir durchaus keineabsoluteAutorität darüber, was unsere mentalen Zuständeihrer Natur nachsind. Sowohl unser vortheoretisches Wissen, das wir aus der Alltagspsychologie der Selbsterfahrung gewinnen, als auch unsere philosophischen Ansichten sind nicht immun gegen neue Erkenntnisse und Berichtigungen seitens der empirischen Wissenschaft. Der „Mythos des Gegebenen“, wie er durch die Verabsolutierung introspektiven Wissens entsteht, ist von Sellars (1963) eingehend kritisiert worden.4Vgl. G.W. Leibniz (1714), § 17

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Diese Frage des Neurowissenschaftlers und Nobelpreisträgers Gerald Edelman, welche in einem gemeinsamen Buch mit dem Psychiater Giulio Tononi unter dem TitelGehirn und Geist. Wie aus Materie Bewusstsein entstehtim Jahr 2000 erschien, nimmt Leibnizens Problem sinngemäß wieder auf. Wenn die moderne Wissenschaft in Erfahrung bringen könnte,weshalbund vor allemwieeine bestimmte neuronale Aktivität (so komplex diese auch sein mag) ein bewusstes Erlebnis entstehen lässt, so dass der Progress der neuronalen Prozesse, die zu Bewusstsein führen, uns nicht mehr als lückenhaft oder bloß zufällig erschiene, dann wüssten wir vermutlich auch, warum am Ende dieser Prozesse ein bewusstes Erlebnis dasteht.5Können die Neurowissenschaften diese Erklärungslücke schließen und plausibel machen, in welcher Weise „aus Materie Bewusstsein entsteht“? - Bevor ich mich mit dieser Frage im zweiten Teil der Arbeit näher beschäftige, fasse ich Leibnizens Problem, welches heute nichts weniger als die eigentliche Hauptaufgabe der empirischen Bewusstseinsforschung bildet, vorerst zusammen: Das Hauptproblem aller aus der Dritte-Person-Perspektive operierender Ansätze scheint darin zu bestehen, dass sie ihren Erkenntnisanspruch auf objektiv wahrnehmbare Phänomene und physikalische Prozesse stützen, dabei jedoch die innere (keiner direkten Beobachtung zugängliche) und jeweils einzigartige Natur dessen nicht berücksichtigen können, um das es im Eigentlichen geht: Bewusstsein in seiner Erlebnisqualität. Metzinger analysiert dieses Problem und schlägt die folgende Annäherungsstrategie vor:

„Das dem Objektivitätsideal der empirischen Wissenschaft zugrunde liegende Prinzip besteht nun gerade darin, von allen subjektiven Perspektiven zu abstrahieren, sich von allen individuellen Standpunkten so weit wie möglich zu entfernen. Daraus ergibt sich ein fundamentales Problem: Kann eine Erkenntnismethode, deren leitendes Ideal gerade in der Elimination aller subjektiven Perspektiven liegt, uns überhaupt bei der Annäherung an unser eigenes Bewusstseins behilflich sein? Wenn wir ernst machen wollen mit dem Projekt einerWissenschaft des Bewusstseins,dann müssen wir Brücken aus der Außenwelt in die Innenwelt bauen, also dahin, wo wir doch eigentlich immer schon sind.“6

Bei diesem Gedanken mag man für einen Moment innehalten und sich fragen, ob nicht Philosophie schon immer die eigentliche und legitime Wissenschaft des Bewusstseins

5Das Problem des fehlenden Bindegliedes zwischen neuronalen Prozessen und bewusstem Erleben hat der Philosoph Joseph Levine (1983) unter der Bezeichnung „explanatorygap“(Erklärungslücke) in die gegenwärtige Diskussion eingebrachtt.

6Vgl. Metzinger (1995, 30)

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gewesen sei? - Welchen Grund haben die empirischen Wissenschaften, in dieses traditionelle Gebiet philosophischer Erkenntnissuche einzudringen?-Die Annahme der Selbstgewissheit des mit Bewusstsein begabten Geistes schien seit den Zeiten Descartes` eine unanfechtbare unda priorigeltende Wahrheit des philosophierenden Menschen zu sein. Die Philosophie hat also Jahrhunderte lang ein normatives Wissen über das Bewusstsein beansprucht, ohne sich der Aufgabe unterziehen zu müssen, dies als Ergebnis einer empirischen Analyse oder eines Experiments herzuleiten. Das ursprünglich der aristotelischen Tradition entspringende Paradigma, man könne im Prinzip alle Gesetze, die das Universum beherrschen - so auch die Natur bewussten Denkens - allein kraft des Denkens entdecken, ist jedoch zu Beginn des letzten Jahr-hunderts auf vermehrten Widerspruch innerhalb der Philosophie und auch seitens der Empirie gestoßen: Die Selbstgewissheit des Seelenlebens sei kein echter Gegenstand wissenschaftlicher Theoriebildung, weil sie keiner objektiven Verifikation fähig sei. Sinnestäuschungen, Irrtümer, unbewusste Prozesse, die das Bewusstsein determinieren, aber auch Erinnerungstäuschungen (bis hin zum sog.False-Memory-Syndrom),schienen die Zeugnisse der Erste-Person-Perspektive infrage zu stellen und machten sie zu etwas Zweifelhaftem und Ungewissem.7Der am Ideal der Objektivität geschulten Kritik stellte sich der bewusste Geist also als ein Bündel von Problemen dar, denen sich offenbar nichtalleinmit introspektiven Methoden, theoretischen Argumenten oder phänomenologischen Erörterungen beikommen lässt. Empirischen Rückhalt haben diese Einwände von den frühen Erkenntnissen der experimentellen Wissenschaften bekommen: Studien auf den Gebieten der (Human-)Genetik, der Seh-, Sprach- und Verhaltensforschung, klinische Fallstudien an neurologischen Patienten mit Hirnläsionen, welche exakt umschriebene Aspekte des Bewusstseins, z.B. das Sehvermögen oder die Sensomotorik zu behindern oder gar irreversibel zu zerstören imstande sind, haben es im Laufe ihrer Entwicklung immer klarer werden lassen, dass der (menschliche) Geist von Prozessen bedingt wird, die ihm selbst nicht von Natur aus unda prioribewusst sein müssen.

7Zwei grundsätzliche Vorbehalte gegen eine verabsolutierte Sicht der Selbstvertrautheit des Innenlebens sollten an dieser Stelle erwähnt werden. Erstens: Versteht man den Begriff der „Selbstvertrautheit“ im Sinne einer „vollständigen Selbstkenntnis“, so wird diese anhand der allseits bekannten (von Sigmund Freud zuerst wissenschaftlich untersuchten) Erfahrung in Frage gestellt, dass ein beträchtlicher Teil unseres Innenlebensunbewusstabläuft. Wunschvorstellungen, Absichten, Überzeugungen, aber auch Gedanken, Gefühle oder Schmerzen müssentrotz ihres Auftretensnichteo ipsobewusst sein. Zweitens scheint der privilegierte Zugang nicht für alle Bewusstseinszustände gleichermaßen zu gelten: ein Psychotherapeut oder -analytiker mag den emotionalen Zusammenbruch, der seinen Patienten in wenigen Minuten heimsuchen wird, unter Umständen besser vorauszusehen als dieser selbst. Ähnliches gilt für vergangene Bewusstseinszustände, die im Moment der Reflexion nichtad hoczugänglich sind und an die man erst von anderen erinnert werden muss.

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Klinische Untersuchungen pathologischer Phänomene enthüllten eine ganze Reihe von Syndromen, welche unter dem Sammelbegriff „Anosognosien“ in die Annalen der Bewusstseinsforschung eingegangen sind. Drei klassische Beispiele seien an dieser Stelle genannt:

1.Antons Syndrom -das vielleicht bekannteste (in der Neuropsychologie schon lange diskutierte und von Philosophen am öftesten kommentierte) Krankheitsbild, bei welchem Menschen mit schweren Schäden am Hinterhauptslappen ihr Sehvermögen verlieren, diesen Verlust jedoch nicht wahrzunehmen scheinen und behaupten, weiterhin sehen zu können. Zugleich stolpern sie über Hindernisse und offenbaren mit ihrem ganzen Verhalten die Tatsache ihrer Blindheit.8

2.Schlaganfälle,welche die rechte Hirnhemisphäre treffen, bewirken (in manchen Fällen) eine linksseitige Körperlähmung (Hemiplegie) und einen totalen Ausfall der sensorischen Sensibilität in dieser Körperhälfte (Somatoagnosie). Es ist dabei immer wieder festgestellt worden, dass die von solchen Lähmungen Betroffenen ihr Krankheitsbild leugnen und hartnäckig darauf bestehen, dass alles „in Ordnung“ sei. Sie scheinen das offensichtlich vorhandene Defizit nicht zur Kenntnis zu nehmen; manche gehen gar so weit zu behaupten, dass die vom Ausfall betroffenen Körperteile nicht ihnen gehörten. Der aus solchem Verhalten resultierende Befund der Anosognosie bezeichnet demnach die Unfähigkeit, Einsicht in die Faktizität der eigenen Erkrankung zu nehmen, d.h. ein bestimmtes Bewusstseinsdefizit auchbewusstzu erfahren.9

3.Split-Brain-Syndrome,die bei Menschen (und Tieren) nach einer Trennung der Hemisphären (Kommissurotomie) auftreten, bestehen (unter anderem) darin, dass das visuelle Feld in der Mittelzone zweigeteilt wird. Split-Brain-Patienten berichten nach solch einem schwerwiegenden Eingriff (welcher in der Regel nur bei unheilbaren Epilepsien zum prophylaktischen Schutz der gesunden Hirnhälfte vorgenommen wird) jedoch selten von einer Beeinträchtigung (Halbierung) ihres Sehvermögens. Wird ihrem linken Auge - also der rechten Hemisphäre - nur eine Hälfte eines Objekts (etwa eines Gesichts) gezeigt, so behaupten die Betroffenen in aller Regel, dasgesamte

8Vgl. Anton (1899, 86 ff.), Benson / Greenberg (1969, 82 ff.)

9Die Anosognosie wurde zuerst von dem Neurologen J. Babinski (1914, 845 ff.) beschrieben. Zu neueren Darstellungen vgl. Damasio (1994, 98 ff.) Die Bezeichnung dieses Krankheitsbildes besteht aus den griechischen Wörternnosos(„Krankheit“) undgnosis(„Erkenntnis“).