Bezaubernd untot - Karen Chance - E-Book

Bezaubernd untot E-Book

Karen Chance

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Beschreibung

Cassie Palmer muss durch die Hölle gehen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Als frischgebackene Oberste Seherin der Magischen Gemeinde wird sie von ihren Pflichten ziemlich in Anspruch genommen, zumal man ihre Kräfte nicht gerade als zuverlässig bezeichnen kann. Dabei hat Cassie momentan nur ein Ziel, und das hat überhaupt nichts mit ihrem Job zu tun: Sie muss einen gewissen Magier vor einem Schicksal in ewiger Verdammnis retten ...

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Entdecke die Welt der Piper Fantasy

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Michaela Link

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe1. Auflage 2015

ISBN 978-3-492-96725-9© 2013 Karen ChanceTitel der amerikanischen Ausgabe: »Tempt the Stars«,Signet, Penguin Group (USA) Inc., New York 2013Deutschsprachige Ausgabe:© Piper Verlag GmbH, München 2015Covergestaltung: Guter Punkt, MünchenCovermotiv: Guter Punkt unter Verwendung von Motiven von ShutterstockDatenkonvertierung: psb, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Meinen Lesern gewidmet, die dafür gesorgt haben, dass diese Serie inzwischen den sechsten Band erreicht hat! Als kleines Dankeschön findet ihr auf meiner Website, karenchance.com, zwei Kurzromane, die diesen Band ergänzen. Es sind die Prequels »A Family Affair« und »Shadowland«. Keine der beiden ist erforderlich, um diesen Roman zu verstehen und zu genießen, aber sie sind witzig, kosten nichts und verschaffen euch besseren Einblick in bestimmte Bereiche von Cassies verrückter Welt. Viel Spaß damit, und Danke, dass ihr meine Bücher lest!

»Bist du groß geworden.«

Die zarte Stimme gehörte einem noch zarteren Mädchen an der Tür. Die Kleine war schwer zu erkennen, denn sie schimmerte in der Nacht wie die Mondstrahlen, die sie durchdrangen, und wurde vom dunstigen Gewirr der Geisterspuren überdeckt, die wie Graffiti in der Luft hingen. Meine Nackenmuskeln entspannten sich langsam.

Verkrampften sich aber sofort wieder, als eine zu laute Stimme aus einem nahe gelegenen Raum rief: »Cassie?«

Es gelang mir nur mit knapper Not, nicht aus der Haut zu fahren. Plötzliche Bewegungen erschreckten das Geistermädchen vielleicht, und das konnte ich mir jetzt nicht leisten. »Bin gleich wieder da«, sagte ich ihr leise und lächelte beruhigend.

»Was?«, erklang die Stimme, lauter diesmal.

Ich schaute mich um und sah den wilden, weißen Schopf meines Komplizen Jonas Marsden aus einer Bürotür lugen. Mit dem wirren Haar, den rosigen Wangen und einer Brille mit Gläsern so dick wie Colaflaschenböden sah er aus wie Einstein auf LSD. Aber trotz des äußeren Anscheins verdiente er seine Position als tatsächlicher Führer der magischen Welt. Jonas leitete den mächtigen Silbernen Kreis, die größte Organisation von Anwendern der Magie auf Erden.

Aber selbst große Magier sind menschlich, und Jonas’ Ego verkraftete das Altern nicht besonders gut. So weigerte er sich zum Beispiel, sich mit einem Gehörzauber zu belegen, nur weil wir anderen alle zu leise redeten. Bedauerlicherweise konnte man dasselbe nicht von ihm sagen.

»Es gibt keinen Grund zu flüstern«, brüllte er. »Ich versichere dir, der Schild wird halten.«

»Das erzählst du mir schon die ganze Zeit.« Er redete von dem Stillezauber, den er gesprochen hatte, um jeden Lärm, den wir machten, daran zu hindern, ins restliche Haus vorzudringen. Das war ziemlich wichtig, da unsere Situation das Potential hatte, eine Katastrophe auszulösen. Wobei das irgendwie gerade auf jede Situation in meinem Leben zutraf.

Mein Name ist Cassie Palmer, und ich bin die frisch gekrönte Pythia, alias die Chefseherin der Welt. Der Job klingt erheblich beeindruckender, als er ist. Bisher ging es hauptsächlich darum, seltsamen Leuten Taxifahrten durch die Zeit zu verschaffen, wenn ich nicht gerade fast umgebracht wurde. Da ich mich zurzeit zwei Jahrzehnte in der Vergangenheit befand und versuchte, zusammen mit einem Typen, neben dem alles Exzentrische langweilig aussah, meinen alten Vampirmeister zu berauben, war der heutige Tag eigentlich eher durchschnittlich.

Meine Nerven waren allerdings anderer Meinung.

Vielleicht zeigte mir der fleckige Spiegel über dem Kamin auch deshalb kurze, blonde Locken, die aussahen, als wäre ich mir unentwegt nervös mit den Fingern durchs Haar gefahren. Außerdem ein Gesicht, das bleich genug war, um meine Sommersprossen scharf hervorstechen zu lassen, und große, erschrockene blaue Augen. Und ein T-Shirt mit der Aufschrift Brave Mädchen lassen sich nur nicht erwischen.

Das wollen wir hoffen, dachte ich inbrünstig.

Glücklicherweise war dieser Vampirhof vergleichsweise nachlässig, da er von einem Mann geführt wurde, der die Renaissance-Entsprechung zu »White Trash« war. Es gab nur eine felsenfeste Regel bei Tony: Niemand schwänzte das Abendessen. Ich war mir nicht sicher, warum, denn Vampire brauchen nicht zu essen – jedenfalls keine Menschennahrung. Und die meisten tun es auch nicht, da alle unterhalb des Meisterniveaus, dem Nonplusultra für Vampire, keine funktionierenden Geschmacksknospen haben.

Vielleicht war es Tradition, etwas, das er im Leben getan hatte und woran er sich im Tod noch immer festklammerte. Vielleicht war er auch einfach das gleiche Arschloch wie immer und wollte sein Abendessen vor einem Haufen von Leuten genießen, von denen die meisten genau dazu nicht in der Lage waren. So oder so bedeutete es, dass Jonas und ich eine Stunde Zeit haben sollten, bevor uns irgendjemand unterbrach.

Jedenfalls vorausgesetzt, dass der Zauber hielt.

Jonas wirkte nicht allzu besorgt. »Du könntest einen irischen Volkstanz veranstalten«, prahlte er, »in Holzschuhen, und niemand würde etwas hören.«

»Nein, aber sie könnten vielleicht die Vibrationen spüren …«

»Hier?« Er deutete auf die Risse in den Dielenbrettern, die aus der Zeit der Amerikanischen Revolution stammten, auf die jahrhundertealten Fenster, gegen die der Regen trommelte und hinter denen immer wieder Blitze aufzuckten und den uralten Putz auf den Wänden kalkweiß aufleuchten ließen. Tony lebte in einem historischen Bauernhaus im ländlichen Pennsylvania, das normalerweise einer Postkartenidylle glich.

In diesem Moment allerdings nicht.

»Oder uns wittern«, fügte ich hinzu.

»Von der anderen Seite des Hauses aus?« Jonas lachte spöttisch. »Das sind keine Übermenschen.«

Ich blinzelte. »Nun, eigentlich …«

»Du gibst zu viel auf deine Vampire, Cassie«, sagte er streng. »In einem Wettbewerb zwischen einem von ihnen und einem guten Magier würde ich immer auf den Magier setzen!«

Naja, das tue ich gerade, wollte ich erwidern. Aber ich hielt mich zurück, damit er endlich die Klappe hielt. Ich bin normalerweise nicht reizbar, allerdings versuche ich normalerweise auch nicht, ein durch Fallen gesichertes Büro eines Vampirmafiabosses auszurauben. Nicht dass ich das jetzt tat. Das war Jonas’ Ding. Ich war aus einem anderen Grund hier.

»Okay«, sagte ich und schaute wieder beunruhigt zu dem Mädchen hinüber.

Zum Glück war sie immer noch da, jetzt sogar ein wenig stofflicher. Die alte Puppe, die sie an den Haaren herumschleppte, hatte einen rosigen Farbton angenommen, und ihr Kleid, von dem ein Teil im Boden verschwand, zeigte jetzt eine helle Blauschattierung. Ich atmete auf und wurde mir dabei erst bewusst, die Luft angehalten zu haben.

Der Name des Geistes war Laura, und wir hatten als Kinder zusammen gespielt, damals, als ich diesen Ort mein Zuhause genannt hatte. Nur war ich erwachsen geworden, und sie … nun, sie eben nicht.

Eine der feststehenden Tatsachen über Geister ist: Wenn du stirbst, bleibst du ziemlich genau so, wie du es im Leben warst. Was bedeutet, wenn du ein einarmiger Mann warst, wirst du ein einarmiger Geist; so manifestiert sich die Energie eben. Größtenteils lernen die Betroffenen in Beetlejuice-Manier, damit klarzukommen und werfen abgetrennte Köpfe nach ahnungslosen Touristen – dem Geisterausdruck für Friedhofsbesucher – oder ziehen ausgeweidete Innereien wie einen blutigen Zug hinter sich her.

Humor tendiert dazu, ins Makabere umzuschlagen, wenn man gestorben ist.

Das Dumme ist nur, dass man fünf bleibt, wenn man mit fünf Jahren stirbt. Man lernt zwar neue Dinge, erwirbt neue Fähigkeiten, erlangt vielleicht sogar eine Art von Weisheit. Aber es ist die Weisheit eines Kindes. Man fängt nicht plötzlich an, wie ein Erwachsener zu denken.

Selbst nach mehr als hundert Jahren tut man das nicht.

Das war ein Problem, da ich Informationen brauchte, und ich brauchte sie dringend. Vor allem musste ich mit meiner Mutter sprechen, die früher ebenfalls Tonys Gastfreundschaft genossen hatte. Aber sie war gestorben, als ich noch jünger gewesen war, als Laura es zu sein schien.

Natürlich sollte es für eine Zeitreisende leicht sein, einer Toten einen Besuch abzustatten, nicht wahr? Nur dass es bei mir niemals leicht ist. Ich hatte fast eine ganze Woche damit verbracht, nach ihr zu suchen, und ich hatte nichts gefunden, nada. Aber ich musste sie aufspüren. Ein Freund von mir steckte in Schwierigkeiten, und Mom war die Einzige, die vielleicht wusste, wie man ihm helfen konnte. Und es bestand eine extrem gute Chance, dass Laura wusste, wo sie war.

Aber wenn ich mich recht erinnerte, würde es nicht einfach werden, sie zur Mitarbeit zu bewegen.

»Hey, Laura …«, begann ich möglichst lässig.

»Was macht der da?«, fragte sie und zog ihr Püppchen in den Lichtkeil, der aus dem Büro flutete.

»Nichts. Alles in Ordnung«, flüsterte ich und versuchte, sie hier draußen zu halten, wo wir ungestört reden konnten.

Also ging sie natürlich hinein.

Ich schloss die Augen.

So lange ich mich zurückerinnere, kann ich mit Geistern sprechen, viel länger also, als ich meinen jetzigen, verrückten Job mache. Aber es ist so wie mit Menschen – sie reden nur mit dir, wenn sie es wollen. Natürlich wollen sie es üblicherweise durchaus, da die meisten Geister an einen einzigen Ort gekettet sind und nicht viele Besucher bekommen. Nun, jedenfalls nicht viele, die sie auch bemerken. Also hätte die Kleine mir, wäre Jonas nicht hier gewesen, inzwischen wahrscheinlich ein Ohr abgekaut.

Aber er war da, und von uns beiden war er offensichtlich der Interessantere.

Ich akzeptierte das Unausweichliche und folgte ihr hinein.

Jonas musste schon einiges zerlegt haben, denn nichts erschoss, erdolchte oder packte mich, als ich durch die Tür trat. Er sah auch ziemlich okay aus, wenn man seine Angewohnheit ignorierte, willkürlich Dinge in die Hand zu nehmen und sie in oder in diesem Fall auf die wogende Masse zu stecken, die er Haar nannte.

»Er sieht aus wie Honeybun.« Laura kicherte. Sie sprach von meinem zahmen Kaninchen aus Kindertagen, das wir uns praktisch geteilt hatten, da Tiere Geister erheblich besser spüren können als Menschen.

Damit lag sie nicht ganz falsch.

»Hast du irgendetwas gefunden?«, fragte Jonas, der im Chaos auf dem Schreibtisch herumgestöbert hatte und jetzt aufschaute. Sein weißes Haar stand in zwei ungeheuerlichen Puscheln zu beiden Seiten eines alten Filzhutes heraus. Der Hut passte nicht zu seinem Outfit, und er hatte ihn bei seiner Ankunft hier noch nicht aufgehabt. Aber ich wusste bereits, dass der Versuch, Jonas zu verstehen, mir nur Kopfschmerzen bereitete – also ließ ich es meistens bleiben.

»Er ist so flauschig.«

»Wie bitte?«

»Ähm, nein. Noch nicht«, antwortete ich ihm und versuchte verstohlen, Laura zur Tür hinauszuscheuchen.

Sie kroch stattdessen unter den Schreibtisch.

»Schon fertig?«, fragte Jonas und schaute mich über den Rand seiner Brille an, während ich hinter ihr herkroch.

»Ähm, ja.«

»Bist du dir sicher, dass du nichts übersehen hast? Es ist ziemlich klein, weißt du.«

»Ziemlich sicher.«

Was er haben wollte, befand sich nicht im vorderen Büro. Ich wusste das, weil ich wusste, wo es sich befand, aber es war notwendig, ihn ein paar Minuten lang damit zu beschäftigen, es zu finden. Minuten, die ich nutzen konnte, um Laura einige Geheimnisse zu entlocken. Aber Jonas sah nicht so aus, als hätte er Lust, mir diese Zeit zu geben. Ausnahmsweise wirkte Jonas einmal sehr konzentriert.

»Wir haben keine Zeit für Spielchen, Cassie«, ermahnte er mich streng, während Laura zwischen seinen Beinen durchkroch.

»Ich kann dir gar nicht genug zustimmen«, murmelte ich und griff nach ihr.

Nur um zu erleben, dass sie sich abrupt auflöste und meine Hände direkt durch sie hindurchglitten. Und stattdessen Jonas’ Wade zu fassen bekamen. »Gibt es ein Problem?«, fragte er trocken.

Ja. Das Auflösen war es nicht – Lauras Sinne funktionierten nicht so gut, wenn sie nicht ganz da war, und sie war garantiert neugierig genug, um jeden Moment wieder aufzutauchen. Das war nicht das Problem.

Das Problem war, dass sie dachte, ich wolle spielen.

»Nein, nein, warte – oh, Scheiße«, zischte ich, als sie vollkommen unsichtbar wurde.

»Was?« Jonas versteifte sich und sah sich um. »Was ist los?«

Laura kicherte und erschien bei dem fadenscheinigen karierten Sofa, auf dem Tony seine Gäste zu parken pflegte, damit er beobachten konnte, wie sie sich auf den harten alten Federn wanden. »Fang mich doch!«, rief sie mir die gewohnte Herausforderung entgegen.

Es hatte mir als Kind Spaß gemacht, als ich nichts Besseres zu tun hatte. Jetzt machte es weniger Spaß. »Nein, hör zu …«

»Ich höre zu«, warf Jonas ungeduldig ein, als sie erneut verschwand.

Verdammt!

Ich kroch unter dem Schreibtisch hervor. »Cassie, was …«

»Bin in einer Sekunde wieder da«, unterbrach ich ihn mit zusammengebissenen Zähnen.

»Du benimmst dich selbst für eine Pythia ein wenig verrückt«, seufzte er, als ich hinausstapfte.

Nicht halb so verrückt, wie ich werde, wenn ich einen gewissen verspielten Geist nicht finde, dachte ich grimmig und schaute mich im vorderen Raum um.

Nichts schaute zurück, bis auf ein altes Porträt an der Wand, irgendein finster blickender Verwandter der Familie, der dieses Haus gehört hatte, bevor Tony beschloss, dass er es haben wollte. Es war in Mondlicht getaucht wie alles andere hier drin, was ein Problem war. Wenn sie verblassten, waren Geister wenig mehr als silberne Kleckse und verdammt schwer zu entdecken im Hell und Dunkel alter Möbel, muffiger Porträts und tanzender Schatten. Draußen zuckten Blitze auf und ließen das Weiß der gemalten Augen unheimlich hervorstechen.

»Verstecken ist unfair!«, rief ich angespannt.

Aber es sah aus, als sei ich die Einzige, die dieser Meinung war.

Es würde wirklich nicht einfach werden. Auch nichts Neues, dachte ich grimmig. Während der letzten drei Monate hatte ich gelernt, dass nichts jemals einfach war. Es war, als lebte ich in Murphy’s Law.

Obwohl, nein.

Das wäre eine Verbesserung.

Murphy zufolge ging alles, was schiefgehen konnte, auch tatsächlich mal schief. Aber das passte nicht auf mein Leben. Ich brauchte eine neue Regel. Cassies Regel. Etwas wie »Was nicht schiefgehen kann, weil es vollkommen unmöglich ist, wird irgendwie trotzdem schiefgehen.«

Typisches Beispiel: Es ist schon ziemlich unwahrscheinlich, dass der eigene Vater von einem Vampirmafiaboss getötet wird. Und dass die Seele besagten Vaters in einem verzauberten Briefbeschwerer gefangengehalten wird, weil der Vampir ein Arschloch ist, das sich so lange wie möglich an seinem ehemaligen Diener ergötzen will, ist einfach nur albern. Wenn jetzt vielleicht noch das Schicksal der Welt von diesem Briefbeschwerer und dem darin enthaltenen Geist abhängt, wird das Ganze grotesk. Und wenn die magische Welt es auch noch schafft, diesen überaus wichtigen Briefbeschwerer zu verlieren, weil besagter Bastard von einem Vampir damit ins Feenland abhaut … nun. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Wort dafür gibt.

Aber wir brauchen eins. Denn es passierte. Einfach so, und zwar mir.

Ist jetzt klar, womit ich mich hier herumschlagen muss?

Aber gerade war es an Jonas, den Briefbeschwerer des Verhängnisses wiederzubeschaffen. Er war derjenige, der eine Welt zu retten versuchte. Ich war nicht so ehrgeizig. Ich versuchte einfach, einen Freund zu retten.

Und das klappte nicht so besonders gut.

Ich gab jede Raffinesse auf und zog die welthässlichste Halskette aus meinem T-Shirt.

Eine Sekunde später erschien ein Geist, wie ein Dschinn aus einer Flasche. Nur dass dieser Dschinn ein Cowboyoutfit trug und ziemlich erschrocken aussah. »Nein«, erklärte er mir energisch. »Auf keinen Fall, niemals. Denk nicht einmal daran …«

»Ich habe gerade nicht viel Zeit«, flüsterte ich barsch. »Und sie kann stundenlang so weitermachen. Einmal haben wir eine ganze Woche gespielt.«

»Und wieso ist das mein Problem?«, fragte er und sah sich nervös um. »Verdammt, es ist schlimmer, als ich es in Erinnerung hatte. Dieser ganze Ort tropft von Ektoplasma.«

»Du weißt, dass es so etwas nicht gibt«, erwiderte ich ungeduldig. Der Name des Geistes war Billy Joe, und obwohl er selbst zu den vom Leben Gebeutelten gehörte, hatte er keine Ahnung vom Tod. Vielleicht weil er die Ewigkeit damit verbrachte, kitschige alte Filme zu sehen und mich in den Wahnsinn zu treiben.

Wir hatten uns kennengelernt, als ich mit siebzehn versehentlich die Kette, in der er spukte, als Geburtstagsgeschenk für meine Gouvernante gekauft hatte. Am Ende schenkte ich ihr stattdessen einige geisterfreie Taschentücher und behielt dafür einen irischen Glücksspieler aus dem neunzehnten Jahrhundert mit einem großen Mundwerk und null Mumm in den Knochen. An manchen Tagen denke ich noch immer, dass die Gouvernante es besser getroffen hatte.

»Ach, wirklich?«, fragte Billy und sein gewohnter Sarkasmus wurde von einem Anflug von Panik überlagert. »Hör auf, dich wie ein Mensch umzusehen, und stell mal zur Abwechslung auf GEISTERSICHT um!«

Sein Ton verlieh dem Wort Großbuchstaben, obwohl es tatsächlich nur um die Art ging, wie Seher die Welt betrachten. Manche Leute sind gelenkig; wir sehen extrem gut, mit so etwas wie einem zweiten Augenpaar, das auf die Geisterwelt konzentriert ist. Ich versuchte für gewöhnlich, diese Gabe zu unterdrücken, da die Beobachtung anderer meist dazu führt, dass die einen ihrerseits beobachten, und es gibt da draußen einige furchteinflößende Dinge. Aber es sah nicht so aus, als könnte ich Laura auf eine andere Art finden.

»Siehst du, was ich meine?«, fragte Billy, als ich umschaltete. Nur dass er jetzt kein halbdurchsichtiger Cowboy in Rüschenhemd und Stetson war, sondern eine leuchtende, grüne Säule halbwegs cowboyförmigen Rauchs. Und schlechter erkennbar, statt besser, wie es der Fall hätte sein sollen, denn er hatte recht – der ganze Raum leuchtete in derselben unheimlichen Farbe.

Es war nicht nur so, dass die Vorbesitzer des Landhauses ein unappetitliches Ende gefunden hatten. Lange bevor hier gebaut worden war, hatten die Indianer auf diesem Hügel ihre Toten bestattet, und danach war er im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in ein Schlachtfeld verwandelt worden. Und dann hatte es diverse Rivalen gegeben, die Tony im Laufe der Jahre hierher verschleppt hatte – die meisten von ihnen hatten das Haus nie wieder verlassen. Außerdem gab es noch Rachegeister, die verschiedenen Vampiren hierher gefolgt waren, um noch ein bisschen Post-mortem-Vergeltung zu üben. Das Ergebnis war eine Art Geister-Hauptbahnhof, mit den leuchtenden Spuren, die so dick auf dem Boden und an den Wänden und an der Decke hafteten, dass der ganze Raum neonfarben pulsierte.

»Du weißt, dass die Typen hier andere Geister hassen«, bemerkte Billy und riss den Kopf bei einem Geräusch herum, das ich nicht hören konnte. »Also, richtig, richtig hassen!«

»Dies müsste geheiligter Boden sein«, erwiderte ich. »Die ursprünglichen Besitzer mochten die Neuankömmlinge nicht, und sie prügeln sich deswegen bis heute.«

»Tja, nun, das sollen sie mal ohne mich machen«, sagte Billy. »Ich bin fertig.« Und er begann in seine Halskette zurückzuverschwinden, die, da er von ihr Besitz ergriffen hatte, neutraler Boden war.

Zumindest tat er das, bis ich ihn wieder herauszerrte.

»Laura wird dir nichts tun«, sagte ich und rang mit ihm um die Kontrolle. »Sie ist einer der süßesten Geister, die ich je getroffen habe. Sie spielt einfach gern.«

»Ja, das möchte ich wetten. Mit meinen Knochen, wenn ich welche hätte!«

»So ist sie nicht!«

»Klar. Denn wenn ein unschuldiges kleines Mädchen in einem Horrorstreifen auftaucht, ist das immer eine gute Sache!«

»Das hier ist kein Film!«, entgegnete ich und riss die Halskette zurück.

»Okay. Okay, sicher. Sie ist in Ordnung. Sie ist wunderbar. Aber was ist mit den anderen?«

Er hatte nicht ganz unrecht. Das Haus war ein Kriegsschauplatz, für Menschen unsichtbar, wo Generationen von Geistern Allianzen schmiedeten und brachen, gejagt und gelegentlich voneinander kannibalisiert wurden und ganz allgemein im Tod die Schlachten weiterführten, die sie im Leben gekämpft hatten. Und wie in allen Schlachten überlebten die Schwachen nicht lange.

»Ich will nicht, dass du dich in Gefahr begibst«, sagte ich ihm aufrichtig. »Schau dich nur einmal um; schau, ob sie mit dir redet. Du weißt, was ich brauche.«

»Ja, eine Untersuchung deines Kopfes!«, blaffte Billy. »Sie ist ein Geist – es ist nicht so, als würde sie irgendwo hingehen. Du könntest sie in unserer eigenen Zeit finden, ohne das Risiko …«

»Meinst du nicht, dass ich daran auch schon gedacht habe?«, zischte ich. »Das Haus ist in unserer Zeit leer. Niemand vertraut Tonys Leuten …«

»Keine Ahnung, warum«, unterbrach Billy mich sarkastisch.

»… also wurden sie auf andere Häuser verteilt, wo man sie beobachten kann. Seit er zum Verräter wurde, hat dieses Haus leergestanden. Und ohne menschliche Energie, um sich davon zu ernähren …«

»Verfallen Geister in den Winterschlafmodus«, beendete er meinen Satz.

Er sollte es wissen; er war nur deshalb so aktiv, weil ich ihm erlaubte, Energie von mir abzuzapfen. Andere Geister taten das gleiche, in einem viel kleineren Umfang, bei jedem, der in ihr Territorium eindrang – Menschen verlieren die ganze Zeit über Lebensenergie wie Hautzellen. Deshalb werden Geister auch überwiegend auf Friedhöfen oder alten Häusern gesichtet. Nicht nur, weil ihr körperliches Leben oft dort geendet hatte, sondern auch, weil Geister, die von einem anderen Ort stammten, es viel schwerer hatten, genug Energie aufzunehmen, um aktiv zu bleiben.

»Ich kann sie in unserer Zeit nicht finden«, erklärte ich ihm. »Und wann immer ich versuche, allein in der Zeit zurückzureisen, werde ich beinahe geschnappt. Dies ist vielleicht meine einzige Chance.« Er sah so aus, als wolle er Einwände erheben, und darin war Billy genauso ausdauernd, wie Laura im Verstecken. Aber auch dafür hatte ich keine Zeit. »Billy, bitte. Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll!«

Er runzelte finster die Stirn. »Das ist nicht fair.«

Und das war es wirklich nicht. Wir kabbelten und stritten und zickten uns einander ständig an, schlimmer als ein altes Ehepaar. Und das war okay; das war Standard in den Familien, in denen wir beide aufgewachsen waren. Aber mit zarteren Gefühlen kamen wir nicht so gut klar, weil wir ihnen nicht allzu oft begegnet waren.

Billy war in einer lärmenden Familie mit zehn Kindern großgeworden, und obwohl ich den Eindruck hatte, dass seine Eltern bis zu einem gewissen Grad liebevoll gewesen waren, hatte es einfach nicht für alle gereicht. Er war in dem Gedränge oft untergegangen. Und was mich betraf …

Nun, Tonys Haus war vieles gewesen, aber bestimmt keine liebevolle Umgebung.

Als Resultat zogen wir beide es vor, uns von zarteren Gefühlen fernzuhalten oder sie ganz zu ignorieren. Also ja, Anflehen mit Tränen in den Augen war definitiv eine Art Mogeln. Aber ich war verzweifelt.

Einen Moment später gab Billy einen angewiderten Laut von sich und schaute himmelwärts. Warum, weiß ich nicht. Er hatte das seit ungefähr einhundertfünfzig Jahren ausdrücklich vermieden. Dann verschwand er ohne ein weiteres Wort, aber mit einer gereizten Vehemenz, die mich wissen ließ, dass ich irgendwann dafür bezahlen würde.

Das war okay. Das ging in Ordnung.

Über die Konsequenzen würde ich mir später Gedanken machen.

Jetzt musste ich sie einfach nur finden.

»Komm schon«, schmeichelte ich und versuchte, ruhig und lieb zu klingen. »Ich bin aus der Übung.«

Nichts. Nur ein dunkler, hallender Raum, durch den sich kreuz und quer Geisterspuren zogen. So dick und so verwirrend, dass die Geistersicht verdammt nochmal nichts nützte.

»Verflixt, Laura!«

Endlich kicherte jemand.

Es war schwer zu erkennen, wo es herkam, da der Wind und der Regen so laut waren, aber Geduld war nie Lauras Stärke gewesen. Eine Sekunde später war ein verdächtiges Flattern neben den langen Gardinen am Fenster bemerkbar. Als sie rannte, stürzte ich los, zu erleichtert, um vorsichtig zu sein, rutschte auf einem Teppich aus und fiel am Ende direkt durch sie hindurch.

»Verblassen … unfair!«, keuchte ich, als ich auf Hartholz aufschlug.

Sie lachte und hüpfte fröhlich durch die halboffene Tür in den Flur hinein, während ich mich aufrappelte. Aber sie nickte. »Kein Verblassen.«

»Keine Tricks?«, fragte ich, während ich ihr folgte. Denn anderenfalls galt es nicht.

»Keine Tricks«, stimmte sie feierlich zu.

Dann trat sie durch eine Wand.

Technisch gesehen war das kein Verblassen. Es war außerdem ihre patentierte Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte, da das Kind, das ich gewesen war, ihr nicht hatte folgen können. Daher hatte sie neun von zehn Malen gewonnen, wenn wir dieses Spiel spielten. Aber ich hatte seit dem letzten Mal einige Dinge dazugelernt, und eine Sekunde später trat ich hinter ihr durch die Wand.

Nun, ich trat nicht direkt. Ich sprang und bewegte mich räumlich durch die Macht meines Amtes, genauso wie ich mich durch die Zeit bewegt hatte, um uns hierher zu bringen. Es war ein guter Trick, wie Lauras Gesicht verriet, als ich mich einen halben Meter hinter ihr wieder materialisierte. »Wie hast du das gemacht?«, fragte sie mit leuchtenden Augen.

Und dann lief sie wieder los, verschwand durch ein Bücherregal.

Ich eilte hinter ihr her und versuchte, mich an den Grundriss dieser Räume zu erinnern, während ich rannte. Aber im Gegensatz zu Laura werde ich nicht körperlos, wenn ich springe. Ich ploppe einfach von einem Ort weg und in einem anderen wieder auf, und es würde keinen Spaß machen, mitten auf einem Stuhl oder Tisch aufzuploppen. Also lagen meine Nerven blank, noch bevor ich durch einen weiteren Raum stürmte, durch einen Kamin sprang und es mit knapper Not vermied, mich mit einem Schüreisen aufzuspießen, bevor ich in den Flur hinausflitzte …

Wo ich Laura erblickte, wie sie direkt zwischen zwei Männern hindurchhuschte, die in meine Richtung kamen.

Oh nein, dachte ich, plötzlich erstarrt.

Keine Männer.

Zumindest nicht mehr.

Sie kamen eine prachtvolle alte Wendeltreppe herunter, eins der schönsten Dinge, die das Haus zu bieten hatte. Sie war aus Eichenholz gefertigt, aber durch das Fett tausender Hände über die Jahrhunderte dunkel poliert worden. Doch sie konnte den Vampiren, die sie benutzten, nicht das Wasser reichen. Nun, jedenfalls einem von ihnen nicht.

Mircea Basarab, Tonys eleganter Meister, hätte wahrscheinlich auch in schlichten alten Jeans mein Herz zum Rasen gebracht. Ich sage wahrscheinlich, weil ich ihn nie in etwas so Lässigem gesehen hatte und es auch jetzt nicht tat. Das schimmernde, mitternachtschwarze Haar fiel ihm auf Schultern, die in einem so perfekt geschneidertem Smoking steckten, als käme er direkt aus einem Fotoshooting. Mirceas Haar war eigentlich mahagonibraun, nicht schwarz, wie es bei dem schwachen Licht erschien, aber die breiten Schultern, die schmale Taille und die Aura kaum gezügelter Macht waren keine Illusionen.

Allerdings wirkte er ein wenig deplatziert in einem Haus, in dem sein Gastgeber sich nur mit Glück darauf besann, seine Krawatte nicht in die Suppe zu hängen. Und da Mircea es für gewöhnlich vermied, deplatziert zu wirken, musste er einen guten Grund für seine Anwesenheit hier haben. Vielleicht denselben, aus dem Tony die Familie jeden Abend zum Festmahl geißelte?

Eine Sekunde lang wünschte ich mir, ich hätte Tony sehen können, seine gut dreihundert Pfund in einen Frack gezwängt, ausnahmsweise einmal so überaus unbehaglich bei einem seiner Dinner wie alle anderen. Aber das würde nicht passieren. Denn der Vampir an Mirceas Seite mit dem dunklen, gelockten Haar, dem Ziegenbärtchen und den trügerisch freundlichen, braunen Augen war nicht Tony.

Scheiße, dachte ich grimmig und wich schnell in den Raum zurück, aus dem ich gerade gekommen war.

Absolut die richtige Entscheidung.

Zumindest bis sie mir dorthin folgten.

In Panik sprang ich – ebenfalls die richtige Entscheidung, da es keine anderen Türen aus diesem Raum gab. Aber Springen im Sekundenbruchteil und in einem Anfall von Panik ist nicht leicht, und diesmal schaffte ich es nicht. Oder vielmehr schaffte ich es nicht ganz.

Verdammte Scheiße!, dachte ich verzweifelt und fand mich gefangen im Kamin, während zwei hochrangige Meistervampire in den Raum spazierten.

Ich versuchte erneut zu springen, kam aber nicht vom Fleck, beinahe so, als säße ich fest. Was daran liegen mochte, dass ich tatsächlich festsaß, begriff ich eine Sekunde später. Eine Hälfte von mir befand ich sich im Nebenzimmer, nachdem sie schön ordentlich durch den Kamin gesprungen war. Aber die andere Hälfte …

Die andere Hälfte, knapp oberhalb meiner Taille, befand sich immer noch auf dieser Seite der Wand und ragte durch die geschwärzten, alten Ziegelsteine.

Ich drehte und wand mich verzweifelt, kam aber nicht weiter. Dann bemühte ich mich hektisch, erneut zu springen. Doch ein halbes Dutzend Versuche in schneller Folge machten mich so schwindlig, dass ich mich am liebsten übergeben hätte. Und ich war noch genauso eingeklemmt wie zuvor.

Ein Blick auf meine Taille zeigte mir, dass ich zumindest nicht in zwei Hälften geschnitten worden war wie der unfähige Assistent eines Magiers. Ich hatte bis jetzt angenommen, dass genau das in solchen Fällen geschah. Stattdessen hatten sich eine Menge verärgert aussehender Ziegelsteine um mich herum in einem Kreis zusammengedrängt, wie Pendler, die vergeblich einen Platz zu ergattern suchten. Dabei war ein fast unmerkliches Knirschen von Stein auf Stein zu vernehmen.

Ich bekam es mit der Angst zu tun, denn wenn ich es schon hören konnte, musste es für die Vampire wie eine Lawine klingen. Aber als ich aufblickte, schaute nur die Kaminabdeckung zu mir zurück. Buchstäblich, da es sich um eins dieser unechten Tiffanydinger handelte mit hundert Farben und einem Haufen facettenäugiger Insekten darauf.

Doch weit und breit waren keine Vamps zu sehen, weder facettenäugig noch anders. Erstaunlicherweise hatten sie meine Anstrengungen nicht bemerkt, ebenso wenig wie meinen Herzschlag oder meine panische Atmung. Entweder die Dunkelheit in dem großen alten Kamin oder die kitschige Abdeckung hatten mich vor ihren Blicken verborgen. Und wahrscheinlich hatte der Sturm jedes meiner Geräusche übertönt, oder aber ich befand mich immer noch innerhalb des Geräuschschildes, den Jonas erschaffen hatte. Er hatte ihn teilweise mit dem Hausschutzzauber verbunden, und ich war mir nicht sicher, wie weit dieser reichte.

Nicht dass es eine Rolle gespielt hätte. Denn Sehen und Hören sind nicht die einzigen Sinne, die bei einem Vamp stärker ausgeprägt sind. Und trotz der Temperatur schwitzte ich wie ein …

»Es ist das Mädchen, nicht wahr?«, sagte der zweite Vampir abrupt.

Ich erstarrte in meinem Geruckel. Es fühlte sich an, als sei mein Herz stehen geblieben.

»Cassandra.« Mircea nickte und reichte seinem Gefährten einen Drink. »Sie spielt im ganzen Haus.«

Und dann fiel bei mir der Groschen.

Natürlich roch das Haus nach mir, dachte ich benommen. Was auch sonst? Mein jüngeres Ich schlief am anderen Ende des Flurs; war doch klar.

Ich schluckte und fragte mich nicht zum ersten Mal, welche Lebenserwartung eine Pythia hatte …

Irgendwie hatte ich nicht den Eindruck, dass sie sehr hoch war.

»Nein. Ich meinte, das ist der Grund, warum Sie hier sind«, erwiderte der andere Vampir, die dunklen Augen argwöhnisch zusammengekniffen.

Das war nichts Ungewöhnliches. Er konnte so charmant sein wie jeder andere seiner Art, aber anders als in Mirceas Fall war das nicht seine Aufgabe. Sein Name war Kit Marlowe, und er hatte vor langer Zeit als Spion die Seite gewechselt. Von der Spionage für Ihre Majestät, die Königin von England, war er zu einer anderen Königin übergelaufen. Diese hatte das Kommando über den gefürchteten nordamerikanischen Vampirsenat.

Zumindest wurde der Senat von den meisten Leuten gefürchtet, einschließlich des größten Teils der amerikanischen Vampire, weil er der alles andere als wohlwollenden Regierung diente. Mir jedoch erschien er nicht mehr ganz so furchteinflößend, vielleicht weil ich mit einem der Senatoren zusammen war. Demjenigen, der Kit gerade erheitert ansah.

»Was hat Sie auf diese Idee gebracht?«

»Sie müssen sich nicht zieren. So viel Mühe investieren Sie normalerweise nur, wenn Sie eine Gräfin verführen wollen …«

»Die erfordern normalerweise auch keine besondere Anstrengung«, murmelte Mircea und nippte an seinem Brandy.

»… Aber bei diesem Kind … ›Nein wirklich, ist das ein hübsches Gemälde, Cassie! Wie hast du das bloß so hinbekommen?‹«, äffte Marlowe den anderen Vampir nach.

»Die Farben waren recht hübsch«, protestierte Mircea mit zuckenden Lippen.

Kit wirkte nicht besonders erheitert.

»Was interessiert Sie an ihr?«, fragte er unumwunden.

»Sie ist ein entzückendes Kind.«

»Sie ist eine Seherin.« Marlowes Augen wurden schmal. »Eine richtige Seherin, nach allem, was man so hört, aber das ist noch lange kein Grund, um in dieser Wildnis seine Zelte aufzuschlagen …«

»Es ist weniger als eine Stunde bis nach Philadelphia.«

»In der Wildnis«, beharrte Marlowe und sah sich geringschätzig um. »Und davon abgesehen, wenn Sie den verdammten Vampir sehen wollen, warum befehlen Sie ihn nicht an Ihren Hof? Warum kommen Sie überhaupt hierher, und dann noch für fast ein Jahr?«

»Ah. Ist es das, was Ihre Herrin Ihnen aufgetragen hat? Sollen Sie das über mich in Erfahrung bringen?«, fragte Mircea und ließ sich in einen dunkelroten Ledersessel sinken. Er wirkte noch immer amüsiert, aber ob er es wirklich war oder nicht, ließ sich nicht sagen.

Sein Begleiter blieb stehen und versteifte sich. »Ich muss Sie etwas fragen in Bezug auf eine Anzahl von …«

»Wer von uns beiden ziert sich hier eigentlich?«

Marlowe winkte ab. »Nun, wenn sie neugierig ist, wer kann ihr einen Vorwurf daraus machen? Niemand tut das.«

»Viele Meister besuchen ihre Diener.«

»Diener, die in Paris leben. Diener, die in Rom leben. Keine Diener, die auf einer Müllkippe im hinterwäldlerischen Pennsylvania leben!« Marlowe deutete auf den Raum, in dem sie sich befanden, und der kleine, goldene Ohrring, den er an einem Ohr trug, blitzte im Licht auf. »Was erwarten Sie, das ich ihr erzähle?«

»Dass ich mich um Familienangelegenheiten kümmere, die sie nicht betreffen.«

»Oh ja. Ja, das wird gut ankommen«, sagte Marlowe sarkastisch.

»Allerdings. Es ist die Wahrheit.«

»Und Sie werden keine weiteren Erklärungen abgeben, keine zusätzlichen Einzelheiten«, entgegnete Marlowe und näherte sich dem Kamin.

»Ich wüsste nicht, warum sie das erwarten sollte«, bemerkte Mircea, während ich erneut begann, mich durch die Wand zu kämpfen. »Ich bin kein Neugeborenes, um das man sich kümmern muss, und diese Sache hat nichts mit ihr zu tun.«

»Gar nichts?« Marlowe wirbelte herum, kurz bevor er mich erreichte. Und kurz bevor er nah genug herangekommen wäre, um einen Blick über die Abdeckung zu werfen.

Ich schluckte hörbar.

Ich war vierundzwanzig.

Und ich war bereits zu alt für diese Dinge.

»Genau. Gar nichts.«

Marlowe stürzte sich auf das, was Mircea gesagt hatte. »Dann ist die Tatsache, dass ihre Mutter Elizabeth O’Donnell war, die ehemalige Erbin der Pythia, also unerheblich?«

Mircea legte den Kopf schräg, und seine Augen wurden eine Spur schmaler. »Sie verblüffen mich. Habe ich den Maulwurf in der Familie oder Antonio?«

»Ich brauche keinen Maulwurf«, sagte Marlowe knapp und trank Scotch.

»Ah, also eine Wanze. Tja, da haben Sie hier leichtes Spiel. Antonios Magier sind nicht die Besten.«

»Sie sind beschissen«, erwiderte Marlowe unumwunden. »Aber das ist nicht der Punkt. Sie sammeln Wissen über eine mögliche Pythia …«

»Das ist jetzt aber weit hergeholt, finden Sie nicht auch?«

»Nein, das finde ich nicht! Und Sie haben uns nichts davon erzählt!«

Marlowes Ton war ebenso anklagend wie seine Worte, aber Mircea wirkte nicht besorgt. »Bisher gibt es nichts zu erzählen. Cassandras Mutter war einmal die Erbin des pythischen Throns, ja, aber sie wurde abgesetzt …«

»Aber nicht wegen des Mangels an Fähigkeiten! Sondern weil sie sich mit diesem Typen eingelassen hat, diesem Roger Palmer …«

»Dessen Fähigkeiten unbekannt sind.«

»Er hat für Ihren Diener gearbeitet. Sie sollten hinlänglich über ihn Bescheid wissen!«

»Wie auch immer, über seine Fähigkeiten weiß ich nichts.« Mirceas Ton war ruhig, aber andererseits war er das immer. Verräterischer war, dass seine Augen braun blieben. Marlowe drang nicht zu ihm durch. »Und da er und Elizabeth jetzt verblichen sind, werden wir darüber vielleicht niemals Kenntnis erlangen. Wodurch fraglich bleibt, welche Talente Cassandra hat.«

»Doch Sie haben trotzdem beschlossen, sie sich anzusehen.«

»Hätten Sie das nicht getan?«

»Und ihr Vertrauen zu gewinnen.«

»Was ja wohl klug ist.«

Marlowe verschränkte die Arme vor der Brust. Und obwohl ich sein Gesicht nicht mehr sehen konnte, sprach die Haltung seiner Schultern Bände. »Es wäre klug gewesen, wenn Sie es uns gesagt hätten. Und Sie nicht zuvor schon Interesse am Amt der Pyhia gezeigt hätten.«

Ich hatte gerade versucht, in den Ring der zusammengedrängten Ziegelsteine zu greifen, um das verdammte Ding mit Gewalt zu öffnen. Aber jetzt glitten sie mir einfach durch die Finger, als ich abrupt den Kopf hochriss. Ich riss ihn allerdings noch schneller herunter, als ich eine Hand auf meinem Hintern spürte.

Der Herzinfarkt, dem ich die letzten Monate immer gerade noch entronnen war, hätte vielleicht diesen Moment gewählt, um aufzutauchen und Hallo zu sagen, aber der Hand folgte kein harter Klaps oder ein Schreckenslaut, sondern eine zweite Hand auf meiner Hüfte und dann ein energisches Ziehen. Mein Rückgrat hätte sich vor Erleichterung verflüssigt, wäre es nicht damit beschäftigt gewesen, aus meinem Körper gezogen zu werden.

Es musste Jonas sein, einer von Tonys Männern hätte mich inzwischen entzweigerissen. Nicht dass es sich nicht so anfühlte. Und das Schlimmste von allem war, dass er es mir schwer machte, mich darauf zu konzentrieren, was die Vamps sprachen.

Und das wollte ich hören.

»Wie viele Geschenke«, fragte Marlowe und übertönte das Knirschen von Stein, »hast du im Laufe der Jahre gemacht? Wie viele Besuche?«

»Anscheinend nicht genug«, sagte Mircea trocken. »Wir sind so weit vom Kern der Macht entfernt wie je. Wenn die Konsulin ein so wenig von ihrem eigensinnigen Stolz aufgeben und ihr selbst einen Besuch machen würde, würde das vielleicht mehr bewirken als jedes Geschenk …«

»Halten Sie mich nicht zum Narren, Mircea!«, unterbrach ihn Marlowe, rauschte vorwärts, ging in die Hocke und packte die Armlehnen von Mirceas Sessel. »Ich kenne Sie zu lange! Sie sind der beste Botschafter unter den Senatoren. Das stellt niemand infrage. Aber Sie sind nicht in Ihrer Eigenschaft als Senator hierhergekommen, nicht wahr? Sie sind allein hierhergekommen, still und leise, ohne ein Gefolge und ohne eine Erwähnung in den Senatsunterlagen. Sie sind ihretwegen gekommen, nicht unseretwegen, und ich will wissen …«

»Und ich will wissen«, fiel ihm Mircea ins Wort, und wurde plötzlich leise, »wie Sie es schaffen, Ihre Abteilung zu führen, wenn all Ihre Bemühungen sich darauf zu konzentrieren scheinen, mir zu folgen.«

»Was erwarten Sie?«, fragte Marlowe scharf, aber dann wurde sein Tonfall verbindlicher. »Sie sind ihr mächtigster Diener. Natürlich macht sie sich Sorgen bei dem Gedanken, dass Sie sich mit einer möglichen Pythia verbünden. Das wäre ein Schritt, der Sie in eine unangreifbare Position bringen könnte.« Er zögerte, dann rückte er mit der Sprache heraus. »Sie wären in der Lage, sie zu ersetzen.«

»Ich hege keine derartigen Ambitionen«, sagte Mircea noch ruhiger.

»Und wenn doch?«, fragte Marlowe anzüglich. »Was würden Sie dann sagen?«

»Wenn Sie sich bereits entschieden haben, an mir zu zweifeln, warum fragen Sie dann?«

»Um Ihnen eine Chance zu geben, es zu erklären.«

»Das habe ich getan. Sie weigern sich einfach, irgendetwas von dem, was ich sage, zu akzeptieren.«

»Weil es keinen Sinn ergibt! Erwarten Sie wirklich …«

Ich konnte dem Gespräch nicht mehr folgen, weil der Stein um mich herum sich plötzlich aufheizte, und zwar nicht wie ein Fels an einem sonnigen Tag. Mehr wie Lava. Jonas zerrte ruckartig und mit aller Kraft an mir, und es fühlte sich beinahe so an, als verflüssigten sich die Ziegelsteine für einen Sekundenbruchteil …

Und verhärteten sich dann plötzlich wieder, sodass ich schlimmer festsaß als zuvor.

Viel schlimmer. Jetzt ragten mein Kopf und meine Schultern heraus, aber meine Hände waren an den Kopf gedrückt, wie ich sie gehalten hatte, als an mir gezogen wurde. Meine Brust war so eingeklemmt, dass es mir schwerfiel zu atmen. Die Steine fingen eine Sekunde später wieder an zu knirschen, lauter denn je und direkt an meinem Ohr. Und ich konnte nur dann Atem holen, wenn die Steine direkt unter meiner Brust sich genau richtig drehten.

Was sie nur ungefähr halb so oft taten, wie ich es gebraucht hätte.

»Urk«, entfuhr es mir, und ich starrte verzweifelt auf das schmale Stückchen von Marlowe, das ich noch durch die Abdeckung erkennen konnte.

Beeil dich, durchzuckte es mich, aber der Gedanke galt nicht Jonas. Ich konnte atmen, manchmal zumindest. Es ging mir gut. Kein Grund zur Sorge. Wahrscheinlich jedenfalls. Und ich wollte hören …

»… überprüfen Sie, was Sie glauben«, sagte Mircea gerade. »Ich treffe viele wichtige Leute, einschließlich der Führer der anderen Senate …«

»Und außerdem jede Pythia.«, erwiderte Marlowe halsstarrig. »In einem Fall sogar, bevor sie auch nur gekrönt wurde, und zwar nicht in offizieller Eigenschaft …«

»Offizielle Besucher sind kalt und förmlich. Meine Arbeit gelingt am besten in einer entspannteren Umgebung. Ich kann niemanden für die Konsulin bezirzen, wenn ich den Betreffenden nicht einmal kenne.«

»Und doch scheinen diese Besuche nichts zu bringen«, stellte Marlowe fest.

»Scheinen noch nichts zu bringen.« Mircea leerte sein Glas. »Jede Pythia ist anders …«

»Einschließlich der, die Sie besucht haben, bevor Sie dem Senat beigetreten sind?«

Im Gegensatz zu Marlowes anderen Bemerkungen war sein Tonfall sanft, beinahe schmeichelnd, ein Dolchstoß statt eines Knüppels. Und im Gegensatz zu den anderen traf sie ihr Ziel. Mirceas Augen leuchteten bernsteinfarben auf, hell genug, um mit den Blitzen draußen zu konkurrieren, und Marlowe trat schnell einen Schritt zurück.

»Sie waren ja beschäftigt«, zischte Mircea.

Marlowe blinzelte ihn an, als sei er es überhaupt nicht gewohnt, diesen Ton zu hören. Aber er erholte sich schnell. »Sie müssen zugeben, es wirkt verdächtig …«

»Es würde nicht verdächtig wirken, würden Sie nicht nach irgendetwas suchen!«

»Es ist mein Job, danach zu suchen. Und ich habe einen glaubwürdigen Zeugen, der Sie gesehen hat …«

»Wie ich am helllichten Tage einen legitimen Besuch gemacht habe! Wenn es anders gewesen wäre, hätten Sie keinen Zeugen dafür.«

Bei der Andeutung blinzelte Marlowe erneut. Aber dann redete er trotzdem angriffslustig weiter. »Ich wäre nicht besorgt, wenn ich wüsste, warum Sie dort waren. Sie können kaum im Auftrag einer Konsulin unterwegs gewesen sein, die Sie zu der Zeit noch nicht einmal gekannt haben.«

»Ich habe nie behauptet, dass es so war.«

»Warum dann?«

Ja, dachte ich, und mir war plötzlich ganz schwindelig. Warum?

Und dann wurden die Steine wieder heiß.

Nein!, durchzuckte es mich, und ich trat um mich und versuchte, Jonas’ Aufmerksamkeit zu erregen. Noch nicht!

Und bekam für meine Bemühungen einen Schlag aufs Hinterteil.

Verdammte Schei…

Ein weiterer Ruck, und diesmal steckte mein Hals in der Mauer. Was eine Verbesserung gewesen wäre, nur dass ich jetzt überhaupt nicht mehr atmen konnte. An mir wurde gezogen und gezerrt, was mir schon hätte vertraut sein sollen, aber ich war vollkommen durcheinander, weil ich kurz davor war zu ersticken. Und entweder war der Mond gerade hinter einer Wolke verschwunden oder es wurde dunkler im Raum.

Das war kein besonders gutes Zeichen, ebenso wenig wie das Blut, das plötzlich in meinen Ohren rauschte, oder das Herz, das in meiner Brust flatterte, oder die verdammten, sich bewegenden Ziegelsteine, die sich anfühlten, als versuchten sie, mich zu enthaupten. Aber das Schlimmste war, dass ich nicht hören konnte.

Doch es sah so aus, als hätte Mircea sich besonnen. Er tat wieder, was er immer tat, besänftigte blank liegende Nerven, glättete die Wogen und brachte Leute dazu, zuzuhören. Und Marlowe hörte zu. Die dunklen Augen blickten immer noch scharf, er war auf der Hut, aber seine Haltung hatte sich ein wenig entspannt und das intelligente Gesicht war nachdenklich. Marlowe sah so aus, als würde er es Mircea abkaufen.

Was immer es war, dachte ich wütend, während mir schwarz vor Augen wurde und es mir damit unmöglich war, wenigstens von den Lippen der beiden Männer zu lesen. Nicht dass ich mich mit den Steinen um meinen Hals, die plötzlich erglühten, hinreichend hätte konzentrieren können. Ich hätte vor Schmerz geschrien, wenn ich den Atem dazu gehabt hätte, oder um mich geschlagen, wären meine Hände nicht eingeklemmt gewesen. Nur dass das eine Sekunde später nicht mehr zutraf, als starke Arme mich erneut packten und an mir zogen und zerrten und mich hievten …

Und Krrrr.

Und Rassel und Krach.

Und Peng, laut genug, um meine Trommelfelle beinahe platzen zu lassen.

Was zum Teufel …?

Ich zog die Nase aus einem staubigen Stück Teppich und sah Jonas’ grimmiges Gesicht eine Sekunde auf mich herabblicken. Und dann sagte er etwas – harsch, kehlig, furchteinflößend –, und ich beschloss, dass ich vielleicht zu hart auf dem Boden aufgeprallt war. Denn es sah aus, als sei der Raum plötzlich lebendig geworden.

»Steh auf!«, blaffte er, als ein Kleiderschrank sich von der gegenüberliegenden Seite durch den Raum katapultierte und in die Tür krachte.

Jonas stieß mich ärgerlich in den Rücken.

Eine Lampe flog hinterher und verfehlte meinen Kopf um Haaresbreite, als ich auf die Füße gezerrt wurde. Sie zerschellte an dem beeindruckenden Haufen Möbel, die sich in der Türöffnung auftürmten. Eine weitere Lampe lag zersplittert auf dem Boden – das Rasseln und Krachen, das ich zuvor gehört hatte, vermutete ich. Hatte ich dagegen getreten, als ich versucht hatte freizukommen? Aber das erklärte immer noch nicht …

»Ist das nicht der Schutzzauber?«, brüllte ich über das abartige Krachen hinweg, während wir durch eine Verbindungstür ins Nebenzimmer rannten, das sich ebenso sehr wie das andere bewegte und veränderte. Und seinen Inhalt hinter uns herschleuderte.

»Ja«, sagte Jonas kurz angebunden und drückte uns flach gegen die Wand, während ein Himmelbett sich an uns vorbeizwängte.

»Aber … ich dachte … du hättest dich darum gekümmert«, keuchte ich.

»Habe ich auch!«, erklärte Jonas entrüstet. »Aber wenn man gezwungen ist, genug Magie zu wirken, um eine Kleinstadt dem Erdboden gleichzumachen, löst man selbst die unzulänglichsten Schutzzauber aus!«

»Wie bitte?«

Jonas machte sich nicht einmal die Mühe, darauf zu antworten. Er zerrte mich einfach durch die Mitte zweier zu dick gepolsterter Sessel, die sich an uns vorbei und hinaus in den Flur drängelten. Nur um mich plötzlich wieder zurückzureißen.

Ich verstand nicht, warum, bis die Möbel um uns herum sich plötzlich nicht mehr weiter durch die Verbindungstür zu drängeln versuchten, sondern sich stattdessen auf die Tür zum Flur stürzten. Wir wichen aus und schlossen uns dann dem Strom an, der sich hinausbewegte.Ein beinahe deckenhohen Haufen schwerer Möbelstücke aus Eiche versuchte, sich wie ein Bulldozer den Weg zum Büro zu bahnen.

Er scheiterte.

Offenbar weil irgendjemand auf der anderen Seite die Möbel schnellstens zersplittern ließ.

Wir wirbelten wieder herum und sahen, wie das Gleiche am anderen Ende des Flures geschah, neben dem Kaminzimmer. Antike Stücke und alter Trödel drehten und wendeten sich, wichen aus und versuchten, massive Schläge von der anderen Seite abzuwehren. Immer noch flogen uns Gegenstände um die Ohren. Ein Gemälde von einer Frau in einem Kleid aus dem neunzehnten Jahrhundert landete mit der Vorderseite nach unten auf dem Haufen; ihr komisch geöffneter Mund sah aus, als schreie sie um Hilfe, während irgendjemand sein Bestes tat, den Berg in einen Maulwurfshügel zu verwandeln.

Und sein Bestes war verdammt gut.

Die fette Dame singt, ging mir durch den Kopf, unmittelbar bevor Jonas mich packte.

»Was ist los?«, fragte er und schien sauer zu sein, dass seine beeindruckende Zurschaustellung von Magie nun doch nicht mehr so beeindruckend aussah. »Wer ist da hinten?«

»Mircea«, gab ich zu, und Jonas fluchte.

»Ein Meister der obersten Stufe? Du hast mir nicht erzählt, dass einer von ihnen hier sein würde!«

»Ich habe es nicht gewusst. Und … genau genommen … sind es zwei. Marlowe ist bei ihm«, gestand ich und schaute hinter uns. Mircea musste auf einer Seite des Flures gelandet sein, woraufhin die erste Welle belebter Möbel einen Damm gebildet hatte, während Marlowe auf der anderen Seite stand. Was unseren Standort zur Falle machte, gefangen zwischen zwei Möbeldämmen, die gerade so zwei Meistervampire zurückhielten.

Wir konnten nirgendwohin entwischen.

»Ich nehme an, es ist gewagt zu hoffen, dass du genau im richtigen Moment springen kannst?«, fragte Jonas trocken.

Ich schüttelte den Kopf, und er blickte finster. Aber er stritt nicht mit mir. Jonas war der Geliebte der alten Pythia gewesen, und er wusste Dinge über das Amt, die die meisten Magier nicht wussten. Wie zum Beispiel, dass die Macht des Amtes vielleicht unerschöpflich sein mochte, die Pythia selbst jedoch nicht. Und dass ein Sprung, selbst ein räumlicher wie der, der uns auf die Straße befördern würde, Konzentration erforderte.

Einen solchen Sprung brachte man nicht einfach mal zuwege, nachdem man fast erstickt war.

Statt zu springen, ließ er meine Hand los und hob seine beiden Hände, während er eine lange Abfolge von etwas murmelte, das mir die Härchen im Nacken zu Berge stehen ließ. Seine ohnehin bereits wilde Mähne begann elektrisiert zu knistern. Und alle Türen zu allen Räumen hinter uns öffneten sich weit. Das Mobiliar begann herauszustürmen, wie Verstärkungstruppen, die an die Front zogen.

»Sobald du kannst, spring, damit wir von hier wegkommen«, brüllte er, um sich über dem Knarren von Holz und dem schrillen Kreischen von Metall Gehör zu verschaffen. Die Möbel bewegten sich durch den Schutzzauber auf eine Art, wie es ihre Gestalter niemals für möglich gehalten hätten. »Wir werden ein andermal zurückkommen müssen!«

»Nicht … nötig«, stieß ich hervor und versuchte, Atem zu schöpfen.

»Was?«

Ich streckte die Hand aus und riss ihm den Filzhut herunter, der irgendwie immer noch auf seinen knisternden, abstehenden Haaren saß, und fischte etwas heraus. Es war eine relativ kleine Bronzekugel, die in Glas eingefasst war und schwach leuchtete, sobald ich sie berührte. »Sie ist verzaubert«, erklärte ich atemlos. »Du musst wissen … da ist etwas drin … oder nicht.«

Jonas’ blaue Augen wanderten zwischen dem Briefbeschwerer und meinem Gesicht hin und her, dann schaute er mich scharf aus dem Augenwinkel an. »Ich nehme an, es gibt einen Grund, warum du mir nicht früher davon erzählt hast?«

Ich leckte mir die Lippen. »Uh-huh.«

»Pythien!« Er riss die Hände auf eine Weise hoch, die mich unheimlich an Agnes erinnerte, meine Vorgängerin, die wahrscheinlich irgendeinen Trick gekannt hätte, um uns aus dieser Sache rauszubringen. Aber ich konnte mich bestenfalls hinhocken, mir die Hände auf die Ohren pressen, um den Lärm zu dämpfen, und mich darauf konzentrieren, mich zu erholen.

Ich hoffte nur, dass es schnell ging, denn Jonas hatte uns nicht viel Zeit verschafft. Zwei Meister der obersten Stufe berappelten sich schnell, und den Räumen gingen bereits die Gegenstände aus, die sie zerschlagen konnte. Wir mussten weg von hier.

»Billy«, flüsterte ich. »Es ist höchste Eisenbahn.«

Ich bekam keine Antwort, obwohl ich wusste, dass er mich gehört hatte. Billy brauchte keine Ohren, um meinen Ruf aufzufangen; ob er sich dafür entschied, darauf zu hören oder nicht, war eine andere Sache. Aber er war vorhin eifrig darauf bedacht gewesen zu verschwinden.

Ich wollte es gerade noch einmal versuchen, da packte mich Jonas am Arm. »Planänderung. Wenn du springen kannst, bring uns zurück ins Büro.«

»Was? Warum?«

»Wir haben den Briefbeschwerer«, erklärte er, wenig hilfreich.

»Aber ist es nicht das, was du wolltest?«

Er sah mich verärgert an. »Ja, aber nicht, um ihn aus dieser Zeitlinie zu nehmen! Der Geist, den er enthält, ist das Einzige, was die Schutzbarriere der Welt an Ort und Stelle hält. Wenn wir sie entfernten, würde dieser Schutz aufhören, genau wie unser Feind es will!«

»Dann versteck die Kugel irgendwo. Irgendwo, wo Tony sie nicht finden kann. Später können wir sie dann wiederholen, wenn wir zurück in unsere Zeit …«

Jonas schüttelte den Kopf. »Wir haben keine Ahnung, wofür Tony sie zwischen jetzt und damals benutzt hat.«

»Als Briefbeschwerer?«

»Und als was noch?«, fragte Jonas streng. »Wir wissen es nicht; daher können wir das Risiko nicht eingehen, ein Teil aus dem Puzzle zu entfernen. Das ist viel zu heikel! Wir würden unausweichlich die Geschichte verändern.«

Ich runzelte die Stirn. »Wenn du die Kugel nicht mitnehmen willst und sie nicht verstecken willst, was tun wir dann hier?«

»Ich musste sie sehen, um zu wissen, wonach ich suche. ›Briefbeschwerer‹ hätte alles bedeuten können …«

»Ich habe sie dir beschrieben!«

»… und ich musste sie auch sehen, um bestätigen zu können, dass der Vampir Antonio, was das Schicksal deines Vaters betrifft, nicht gelogen hat, nur um dich zu quälen.«

Was er nur zu gern getan hätte, begriff ich. Tony und mich verband etwas, was man eine suboptimale Beziehung nennen mochte. »Aber er hat nicht gelogen.«

»Nein. Ausnahmsweise, so scheint es, hat er die Wahrheit gesagt. Was bedeutet, dass wir das hier zurückbringen müssen«, fügte Jonas hinzu und zeigte auf den Briefbeschwerer in meiner Hand, »damit Antonio nicht begreift, was er für eine Bedeutung hat, und sich in Zukunft anders verhält. Dann finden wir ihn vielleicht nie!«

Ich sagte etwas Undamenhaftes, das er nicht verstand, weil es mittlerweile unmöglich war, überhaupt irgendetwas zu verstehen. Mir war danach zumute, gegen den Lärm der Schutzzauber anzuschreien, aber ich war zu sehr außer Atem und nutzen würde es auch nichts. Genauso wenig, wie meine letzte Energie darauf zu verwenden, ins Büro zu springen, wo wir nur wieder von Neuem festsitzen würden. Ich konnte so etwas nicht zweimal hintereinander. Nicht in meinem derzeitigen Zustand und nicht dann, wenn ich zwei Personen tragen musste. Und das setzte voraus, dass ich es schaffte …

»Cass! Mach dich bereit zu springen!«, durchschnitt Billys panische Stimme das Getöse.

»In einer Minute«, erwiderte ich gereizt und rieb mir den Nacken.

»Nicht in einer Minute! Jetzt. Jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt!«

Ich hob den Kopf. »Was stimmt nicht mit dir?«

»Erinnerst du dich, dass du gesagt hast, dass ich, wenn ich Probleme hätte, zurückkehren solle? Nun, ich kehre zurück. Und ich habe Probleme!«

»Was für Probleme?«

»Welche wohl?«, blaffte er. »Ich versuch’, sie abzuschütteln, aber sie kennen dieses Haus viel besser als ich, und ich glaube, sie haben einen Grund gefunden, zusammenzuarbeiten …«

»Warte.« Ich schaute mich um. Schmaler Flur; abgelegener Teil des Hauses; niemand außer uns und zwei mehr oder weniger unverwüstlichen Vampiren in der Nähe. »Versuch nicht, sie abzuschütteln.«

»Was?«

»Komm einfach zu mir – jetzt.«

»Du kapierst es nicht, Cass. Als ich Problem sagte, meinte ich …«

»Ich kapiere sehr wohl. Komm einfach.« Ich stand auf.

»Cassandra?« Jonas beobachtete mich mit schmalen Augen. »Was hast du vor?«

»Ähm«, sagte ich brillanterweise, da sich solche Dinge in der Regel nicht so gut erklären ließen. Aber es spielte keine Rolle, weil ich ohnehin keine Zeit dazu hatte. Eine Sekunde später durchschnitt ein schreckliches Geheul die Luft und ließ die kreischenden Schutzzauber daneben wie eine Melodie klingen.

Ich riss den Kopf herum, aber es war nichts zu sehen. Und Jonas machte nicht den Eindruck, als hätte er irgendetwas bemerkt. Bis die Luft plötzlich dick und kalt und schwer zu atmen wurde. Der Flur begann merklich zu beben und die Lichter über uns erloschen, eins nach dem anderen in einer langen Reihe.

»Cassandra?«, fragte Jonas, ein wenig nachdrücklicher diesmal.

»Ich glaube, es wird Zeit für den Mitternachtsexpress«, erwiderte ich und hoffte, dass ich nicht gerade einen wirklich großen Fehler gemacht hatte.

»Und was bedeutet das?«, fragte er scharf.

»Es bedeutet tschu-tschu, du Wichser!«, schrie Billy und schwang sich von der Decke. Und in seinem Kielwasser befand sich tatsächlich so etwas wie ein Zug – vermutlich sämtliche verdammten Geister des Grundstücks in einer Reihe.

Ach du Scheiße. Ich sprach es nicht aus, weil ich damit beschäftigt war, Jonas zu packen und mich mit ihm gegen die nächste Tür zu werfen, kurz bevor der überirdische Wind wie ein Tornado in den Flur krachte.

Wir stürzten auf der anderen Seite der Tür zu Boden, als er durch den Flur sauste und alles aufwirbelte wie Waggons voller Zorn. Allein sein Luftzug genügte, um Lampen von den Wänden zu reißen, Asche von einer ganzen Woche aus dem Kamin zu fegen und Porzellanfigürchen in ihren Untergang rauschen zu lassen. Ein halbes Dutzend Bücher flatterte wie verrückt durch die Luft über unseren Köpfen und verfing sich in den verhedderten Vorhängen. Ich rappelte mich wieder hoch.

Jonas hob den Kopf, um mich anzustarren. »Was zur …«

»Geister!«, erklärte ich ihm und taumelte auf die Tür zu.

Mein Knöchel schmerzte, ich rang immer noch nach Atem, und mein Nacken brannte. Aber ich hielt nicht inne, um den Schaden zu begutachten. Ich wartete nicht einmal, bis der Sturm vorüber war. Ich stolperte, dicht gefolgt von Jonas, in den Flur hinaus, hin- und hergeschubst von zu spät kommenden Geistern.

Und dann hielt ich für eine Sekunde voller Ehrfurcht inne.

Denn es gab hier keine Geisterspuren. Der Flur vor uns war eine gerade Flucht, grünlich und düster. Da war auch kein Wall aus Möbeln mehr, nur verstreute Holzstücke, die wie Wildschweinborsten aus dem Putz ragten.

Und außerdem kein stinksaurer Vampir weit und breit.

Derjenige, der am Flurende hinter uns war, hatte nichts abgekriegt, nach den neuerlichen Geräuschen der Zerstörung hinter der Barrikade aus Möbeln zu schließen. Aber der andere … nun, ich wusste nicht, wo er gelandet war. Aber ich hielt es nicht für eine gute Idee, mich auf die Suche nach ihm zu machen.

Denn der Zug kam wieder in unsere Richtung zurück.

»Lauf!«, schrie ich Jonas zu und eilte zur Bürotür, gerade als die wilde Jagd wieder auf uns zuschoss und eine tödliche Trümmerwolke vor sich her blies. Jonas sprang hinter mir her, ziemlich behände für einen alten Burschen, während Splitter der Wandvertäfelung wie fliegende Messer draußen vorbeisausten.

Dann schlug er die Tür zu.

Ich sah ihn ungläubig an. »Geister, erinnerst du dich?«

Er blickte ein wenig beschämt drein. »Stimmt.«

Und dann waren sie zurück.

Wir hatten es nicht einmal bis in die Mitte des Raums geschafft, als Billy durch die Tür schoss und etwas kreischte, was ich nicht verstehen konnte, weil ein erzürnter Tornado sich direkt an seine nicht existenten Fersen geheftet hatte. Etwas fegte an der Wand entlang, und wir duckten uns. Es warf Aktenschränke um und sandte einen wirbelnden Schneesturm aus Papier durch die Luft. Jonas sprang auf den Hutständer zu, ich setzte ihm nach, und Billy packte mich am Hals und faselte immer noch irgendetwas.

»Was?«

»Du schuldest mir was, du schuldest mir so was von was!«

»Hast du ihn bekommen?«

»Ja, es geht mir gut. Danke der Nachfrage!«

»Billy! Hast. Du. Ihn …«

»Ja, verdammt noch mal, ja! Ich habe ihn! Ich habe ihn!«

»Danke«, sagte ich inbrünstig.

Und sprang.

»Nicht«, sagte ich anderthalb Jahrzehnte später zu Marco, als er die Tür zu der Hotelsuite in Las Vegas öffnete, die ich mein Zuhause nannte. »Tun Sie es … einfach nicht, okay?«

Marco ist mein Chefbodyguard. Er ist knapp zwei Meter groß, wiegt um die hundertdreißig Kilo und ist gebaut wie ein Güterzug. Seine Arme sind dicker als meine Beine, was an sich schon seltsam ist, aber sie sind sogar dicker als die der meisten Männer. Er ist ein dunkler, behaarter, unhöflicher, zigarrenkauender Macho, wie er im Buche steht, und er strotzt normalerweise vor Waffen – die braucht er allerdings nicht, weil er außerdem ein Meistervampir ist.

Weshalb es nervt, wenn er beschließt, die Glucke zu spielen.

Heute Nacht tat er es nicht.

»Hatte ich auch nicht vor«, erwiderte Marco und zerrte mich hinein.

»Was ist bloß los mit Ihnen?«, fragte ich, denn Marco wirkte irgendwie panisch. Das war besorgniserregend bei jemandem, der, wie ich stark vermutete, meine Leibwache anführte, weil er der älteste von Mirceas Meistern war. Er war erfahren und nicht so leicht zu erschüttern.

Obwohl er jetzt ziemlich erschüttert aussah.

»Wir haben ein Problem«, erklärte er mir finster.

Ich schüttelte den Kopf und eine kleine Staubwolke stieg auf. Mitbringsel aus Tonys verkommenem Haus. »Nein.«

»Was soll das heißen?«

Ich hätte gedacht, dass es offensichtlich war, da ich mich um zwei Uhr morgens starrend vor Ruß, Gips und Schweiß mit einem wundgescheuerten Hals und einem fast völlig zerfetzten T-Shirt hereinschleppte. Aber anscheinend nicht. Ich schob mich an ihm vorbei und balancierte einen Kaffeebecher und eine Tüte fettiger Berliner aus dem Café unten, denn es war unwahrscheinlich, dass ich lange genug leben würde, um mir Sorgen um Cholesterin machen zu müssen.

»Das bedeutet, dass es mir reicht für eine Nacht. Ich bin müde; ich gehe ins Bett. Falls es ein Problem gibt, kann es warten, bis …«

Ich brach ab, weil ich gerade einen Blick ins Wohnzimmer geworfen hatte. Man würde es abgesenkt nennen, wenn es nicht im einundzwanzigsten Stock des Hotels liegen würde. Es war geschmackvoll in Weiß, Blau und Gelb eingerichtet, da ich bei der Renovierung nach der letzten Katastrophe ein Wörtchen mitgeredet hatte. Normalerweise war es leer, da die Wächter lieber im Aufenthaltsraum mit dem Billardtisch und dem Bierkühlschrank rumhingen.

Aber nicht heute Nacht. Heute Nacht saß jeder diensthabende Wächter entweder auf den Sofas, rauchte draußen auf dem kleinen Balkon oder stand an der Bar. Es war wie eine Party.

Oder vielleicht wie eine Totenwache; die Männer machten extrem düstere Gesichter.

»Warum sind alle hier?«, fragte ich Marco, der mir eine kurze Treppe hinuntergefolgt war.

»Wegen denen da drin«, antwortete er und deutete mit dem Daumen auf den Aufenthaltsraum. Der, wie ich gerade erst bemerkt hatte, geschlossen war, die Schiebetüren fest zugezogen. Ich hatte sie noch nie so gesehen, denn die Männer zogen offene Räume vor, damit sie mich besser im Auge behalten konnten.

Aber es sah so aus, als würden sie lieber auf den Anblick der Leute da drinnen verzichten.

»Wer sind ›die da drin‹? Ich habe diese Nacht keine Termine.« Zumindest hoffte ich inständig, dass ich keine hatte. Gäste, die ich um zwei Uhr morgens empfing, waren meist von der blutsaugenden Art und nicht von der spaßigen Sorte. »Erzählen Sie mir nicht, dass es noch mehr Senatoren sind«, bat ich, denn dem fühlte ich mich nun wirklich nicht gewachsen.

»Schön wär’s.«

Ich seufzte und verschränkte die schmutzigen Arme vor der Brust. »Okay. Raus damit.«

Aber er rückte nicht damit raus. »Wo ist Jonas? Er sollte bei Ihnen sein.«