Beschreibung

Ein teuflischer Horrortrip! Mysteriöse Schädelfunde, bestialische Morde und ein dämonischer Todesengel, der kein Erbarmen kennt. In den französischen Cevennen macht die junge Archäologin Julia Kerrigan einen spektakulären Fund: Schädel, die ein Loch in der Stirnplatte aufweisen. Kurz nachdem sie dem Grabungsleiter davon erzählt, ist er tot - brutal ermordet. In Südostasien ist unterdessen Journalist Jake Thurby mit der Kambodschanerin Chemda Tek unterwegs. Auf der zweitausend Jahre alten Ebene der Tonkrüge in Laos wollen sie einem Geheimnis auf den Grund gehen. Während in Frankreich ein zweiter Mord geschieht, der Julia in Todesangst versetzt, bricht in Asien eine Verfolgungsjagd auf Jake und Chemda los. In hohem Tempo wechseln die Schauplätze, bis sich langsam offenbart, was Julias, Jakes und Chemdas Schicksal verbindet: eine dämonische Frau, deren unstillbarer Durst nach Rache und deren maßlose Brutalität einem den Atem nehmen. Tom Knox entwirft ein schockierendes Szenario aus ideologischem Fanatismus, asiatischem Voodoo und menschenverachtenden Experimenten.

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Seitenzahl: 645


Dieses Buch ist den tibetischen Dorfbewohnern von Balagezong in der südwestchinesischen Provinz Yunnan gewidmet.

Vorbemerkung des Autors

Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Dennoch bezieht sich Bibel der Toten auf eine Vielzahl authentischer archäologischer, historischer und kultureller Quellen. Zu den wichtigsten gehören:

Die Ebene der Tonkrüge ist eine archäologische Stätte in einer abgelegenen Region von Laos in Südostasien. Ihr Name rührt von Hunderten großer Steingefäße her, die möglicherweise zweitausend Jahre alt sind und ohne erkennbares Schema über die Felder und Wiesen eines Kalksteinplateaus verstreut sind. Niemand weiß, wer diese Krüge angefertigt hat oder warum oder wie. In ihrer unmittelbaren Umgebung wurden verbrannte menschliche Überreste gefunden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten Prähistoriker im südfranzösischen Lozère in den Höhlensystemen dieser Region eine Reihe menschlicher Skelette, die ebenso unerklärliche wie brutale Verletzungen aufwiesen.

In der Absicht, perfektere Soldaten zu züchten, beauftragte Josef Stalin 1923 eine Gruppe französischer Wissenschaftler damit, neue Möglichkeiten der Kreuzung zu erforschen. Das Labor, das für die Durchführung der damit verbundenen Experimente in Abchasien am Schwarzen Meer errichtet wurde, befindet sich noch heute in Betrieb.

Eine große Dunkelheit wird sich über das Volk von Kambodscha legen. Da werden Häuser sein, aber keine Menschen darin; Straßen, aber keine Reisenden; das Land wird von Barbaren ohne Religion beherrscht werden; das Blut wird so hoch stehen, dass es den Bauch des Elefanten berührt. Nur die Tauben und Stummen werden überleben.

Alte kambodschanische Prophezeiung

1

Die Höhle war feucht. Und dunkel. Unangenehm dunkel. Draußen schien die letzte Herbstsonne über die Cevennen, aber sobald Julia auf der Metallleiter in die Höhle der Schwellung hinabzusteigen begann, wurde sie von klammem Dunkel umschlossen – eingesogen. Verschluckt.

Warum graute ihr vor jedem Abstieg von neuem? Eigentlich hätte sie sich längst daran gewöhnt haben müssen. Sie machte das jetzt schon den ganzen Sommer lang: ihrer Arbeit nachgehen und in dem feuchtkalten Kalksteinhöhlennetz unter der Cham des Bondons wühlen und graben. Doch der Einstieg in den Arbeitstag fiel ihr immer noch kein bisschen leichter.

Sie hob die Hand, knipste die Lampe an ihrem Schutzhelm an und bückte sich in deren schwachen Schein zu ihrer Werkzeugtasche hinab, die sie am Vortag auf dem feuchten Höhlenboden zurückgelassen hatte. Sie kniete nieder, schlug die Plastikumhüllung zurück und breitete ihr Arbeitsgerät aus: Kellen und Schutzbrille, Bürsten und Lote. Die Werkzeugtasche war ein Geschenk ihrer Eltern in Michigan.

Der Wind blies flötend über die Höhlenöffnung wie ein Kind über einen Flaschenhals. Das vom Hall verstärkte Geräusch hatte etwas Unheimliches. Julia nahm die Werkzeugtasche und tastete sich langsam in den hinteren Teil der Höhle vor. Trotz der weichen Neopren-Knieschoner schmerzte ihr Schienbein empfindlich, als sie es sich an einem Felsen stieß. Nach wenigen Minuten erreichte sie eine Stelle, an der die Kalksteindecke kaum einen Meter hoch war. Ihr Grabungsbereich. Er hatte nichts Einladendes.

Normalerweise arbeitete sie zusammen mit ihren Kollegen Kanya, Alex und Annika hier unten in der Höhle der Schwellung. Aber in den letzten Tagen war ihre kleine Truppe empfindlich geschrumpft. Kanya hatte die Grabungssaison eine Woche vor dem offiziellen Termin beendet und war nach Kalifornien zurückgekehrt. Alex arbeitete mit dem Rest des Teams in einer anderen Höhle des Plateaus. Und Annika, ihre gute Freundin Annika, lag in ihrem kleinen Häuschen in dem verlassenen Dorf Vayssière mit einer Erkältung danieder.

Sie war die Einzige, die hier noch richtige archäologische Arbeit leistete, dachte Julie, als sie den Strahl ihrer LED-Stirnlampe justierte. Doch sie hatte nur noch eine Woche Zeit, um das Beste aus der enttäuschenden Grabungssaison zu machen. Noch eine Woche, um etwas zu finden und so ihr Forschungssemester und den zeitlichen und finanziellen Aufwand zu rechtfertigen, den sie hier, im entlegensten und einsamsten Teil Südfrankreichs, im Departement Lozère, betrieb.

Eine Woche noch bis zum Ende der Grabungssaison.

Und was dann?

Die Aussicht auf einen Winter in London und viele nachfolgende Winter, in denen sie gelangweilte Achtzehnjährige unterrichten müsste, war wenig aufbauend. Julia riss sich von ihren Gedanken los und versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Tu es einfach.

Selbst wenn sie nichts anderes mehr finden würde als Fragmente eines zerbrochenen Knochenstifts, war ihr dennoch bewusst, dass sie von Glück reden konnte, überhaupt hier sein zu dürfen. Der metronomische Rhythmus ihres fachgerechten archäologischen Vorgehens übte schließlich seine beruhigende Wirkung auf sie aus: Bürste, Kelle und Sieb; Kelle, Pinzette und Sieb. Das metallische Klirren ihres Werkzeugs hallte durch die leere Höhle.

Sie versuchte auszublenden, dass sie ganz allein war. Und wenn nun plötzlich irgendein verrückter Hirte hier unten auftauchte und sie vergewaltigte? In der Speläologie konnte einen niemand schreien hören. Sie musste über ihre Ängste lächeln. Sollte es nur einer versuchen. Sie würde den Kerl mit ihrem fünfzehn Zentimeter langen Vermessungspflock aufschlitzen.

Eine weitere Stunde verrann im Nu. Sie ging ganz in ihrer Tätigkeit auf und war jetzt dabei, den trockeneren Staub am Ende der Höhle zu durchsuchen. Mit der Kelle aufnehmen und sieben. Mit der Kelle aufnehmen und sieben.

Sie bürstete und griff wieder zur Kelle. Dann hielt sie mitten in der Bewegung inne. Ihr Herz begann heftig zu schlagen.

Ein Auge starrte ihr entgegen.

Fast ließ sie die Bürste fallen.

In der schwarzen Erde zeichnete sich eine unverkennbare Rundung aus weißem Knochen ab, wie eine Mondsichel in einer dunklen Nacht.

Eine Augenhöhle. In einem menschlichen Schädel?

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Julia ihren Fund. Ihr Puls ging immer schneller. Es war ein menschlicher Schädel.

Wie alt war das Cranium? Vielleicht war es nur ein Ziegenhirte aus dem Mittelalter, der nach einer durchzechten Nacht durch das Einstiegsloch gestürzt war. Vielleicht war es die Leiche eines Protestanten, der im 18. Jahrhundert vor dem Kamisardenkrieg geflohen war. Wahrscheinlicher war jedoch, dass der Schädel aus dem Neolithikum stammte. Genau das, was sie suchte.

Die Ablagerungen auf dem Höhlenboden stammten vorwiegend aus der Steinzeit. So viel stand bereits fest. Erst vor kurzem hatte sie ein winziges Fragment eines Stifts aus Antilopenknochen gefunden – aus der Zeit um 5000 v. Chr. Dieser Schädel musste aus derselben Epoche stammen.

Julias Hand zitterte vor Aufregung. Das war der mit Abstand beste Fund dieser unergiebigen Grabungssaison in den Höhlensystemen unter der Cham des Bondons. Ach was, das war der beste Fund ihrer ganzen unergiebigen archäologischen Karriere.

Sie bürstete und kratzte, um das Cranium schließlich mit der feinsten Kelle, ihrer kostbaren versilberten 10-cm-Kelle, ganz aus dem Boden zu lösen. Schon als sie die Erde beiseiteschob, merkte sie, dass an dem Schädel etwas eigenartig war.

Er hatte hoch oben in der Stirn ein Loch.

Julia streifte sich die Arbeitshandschuhe über und hob das Cranium in das weiße, schwächer werdende Licht ihrer Stirnlampe. Die Batterien würden nicht mehr lange halten, aber das war ihr jetzt egal. Das Ganze war einfach zu schön.

Die uralten Zähne schimmerten im matten Licht. Weiß und gelb. Und grinsend.

Eigentlich war ein beschädigtes Cranium nichts Ungewöhnliches. Julia hatte genügend Knochen gesehen, um zu wissen, dass man bei alten Funden mit Absplitterungen und Frakturen rechnen musste; in der ausgehenden Eiszeit hatte Homo sapiens erbittert um sein Überleben kämpfen müssen, mit Höhlenbären und Vielfraßen, mit Leoparden und Hyänen. Da waren schwere Verletzungen an der Tagesordnung: von der Jagd, von Stürzen beim Klettern, von Steinschlag.

Doch dieses Loch im Kopf war von Menschenhand gemacht worden. Nicht unbedingt in der Absicht, den Besitzer des Schädels zu töten, aber ganz gezielt in den Knochen gebohrt.

Julia legte den Schädel auf den Höhlenboden und machte sich ein paar Notizen. Zweifellos handelte es sich hier um einen Fall von steinzeitlicher Lobotomie, einen chirurgischen Eingriff, bei dem der Schädel eines lebenden Menschen aufgebohrt – oder »trepaniert« – wurde, um ein Stück seines Gehirns freizulegen.

Für solche Trepanationen, die als die frühesten bekannten chirurgischen Eingriffe gelten, gab es zahlreiche wissenschaftliche Belege, und die Museen waren voll von Exemplaren aus der Zeit um 5000 v. Chr., aus der vermutlich auch dieser Schädel stammte.

Aber niemand konnte bisher mit einer einleuchtenden Erklärung aufwarten, warum die Steinzeitmenschen so etwas getan hatten. Deshalb war diese Entdeckung eine kleine Sensation.

Ein Geräusch riss Julia aus ihren Gedanken. Sie legte das Notizbuch auf den Boden und spähte angespannt in das Dunkel hinter dem schwachen Lichtkegel ihrer Stirnlampe; um sie herum tanzten die Schatten der Höhle.

»Hallo?«, rief sie in das Dunkel hinein.

Stille.

»Hallo? Ghislain? Annika?« Stille. »Alex?«

Die Stille war fast total. Nur das ferne Pfeifen des Winds oben auf der Cham antwortete auf ihre Frage.

Hier unten war niemand. Niemand außer Julia Kerrigan, vierunddreißig Jahre alt, alleinstehend, kinderlos, mit einem Abschluss an der Universität Montreal und einer antistatischen Pinzette – nur sie und dieser namenlose menschliche Schädel. Und vielleicht eine Ratte.

Julia wandte sich wieder ihrem Fund zu. Noch zwei Stunden, dann wäre ihr Arbeitstag zu Ende. Und inzwischen freute sie sich richtig auf das abendliche Treffen, wenn die Archäologen, wie gewohnt, in der kleinen Brasserie Stevenson in Pont de Montvert zusammenkamen, um über die Funde des Tages zu sprechen – dieser Abend würde bestimmt nicht langweilig werden. Ganz beiläufig würde sie ihrem salbungsvollen Grabungsleiter gegenüber fallen lassen: Ach übrigens, Ghislain, ich habe einen Schädel gefunden. Trepaniert. Aus dem Neolithikum, glaube ich.

Ihr Chef würde strahlen vor Begeisterung und ihr gratulieren, und ihre Freunde würden grinsen und sich freuen und mit Côte du Rhône auf ihren Erfolg anstoßen, und dann würde sie ihre Eltern zu Hause in Marysville anrufen und ihnen endlich begreiflich machen können, warum sie nach Europa gegangen war. Warum sie immer noch nicht nach Hause kam. Weil ihre eigensinnigen Ambitionen endlich doch von Erfolg gekrönt wurden …

Moment mal. Als sie den Kopf von ihrem Notizbuch zu ihren Knochenbürsten drehte, stach ihr aus einer Ecke noch so ein weißer Schimmer in die Augen.

Ein zweiter Schädel?

Nach kurzem, vorsichtigem Bürsten hatte Julia die Bestätigung: ein zweiter Schädel. Und das dort, ganz hinten in der Ecke: war das etwa ein dritter?

Was hatte das zu bedeuten?

Jetzt war Julia nicht mehr zu bremsen. Sie machte sich sofort an die Arbeit. Sobald sie ihren Kollegen von ihrer Entdeckung erzählte, würden sie auf der Stelle anrücken und die Höhle für sich in Beschlag nehmen. Aber dieser Schatz, dieses Knochenlager war ihr Fund. Auf so etwas hatte sie den ganzen Sommer gewartet; nein, auf so etwas hatte sie fünfzehn Jahre lang gewartet. Sie müsste also schön blöd sein, sich diesen Fund wegnehmen zu lassen, ohne vorher das Bestmögliche aus der ganzen Sache herausgeholt zu haben.

Inzwischen hatte es draußen zu regnen begonnen. Laut klatschten die Tropfen auf die Metallleiter am Ende des Gangs und schwärzten oben auf der Cham des Bondons die eindrucksvollen alten Menhire. Aber Julia nahm kaum Notiz davon. Inzwischen war ganz deutlich zu erkennen, dass der Boden der Höhle – es war kaum zu glauben – von menschlichen Skeletten übersät war.

Und alle wiesen Spuren schwerer Verletzungen auf.

Sie schaute. Entsetzt. Das Licht ihrer Stirnlampe war inzwischen sehr schwach, aber es reichte noch aus, um ihren Fund zu beleuchten.

Drei Schädel wiesen Löcher auf. Gezielt gebohrte Löcher. Trepanationen. Vier weitere Skelette, ein Mann, eine Frau und zwei Kinder, hatten zwar keine aufgebohrten Schädel, wiesen aber eine andere Besonderheit auf.

Julia rieb sich die Augen, als könnte sie nicht glauben, was sie sah. Aber es war unstreitig. Zwischen den schmutzig weißen Rippen und Halswirbeln der Skelette steckten Feuersteinpfeilspitzen. In den unterschiedlichsten Winkeln. Das Gewebe, das sie einmal durchbohrt hatten, war schon vor Tausenden von Jahren verwest, aber die steinernen Pfeilspitzen, die zwischen den Rippen lagen oder noch in den Wirbeln steckten, waren erhalten geblieben.

Diese vier Steinzeitmenschen waren brutal ermordet oder sogar hingerichtet worden. Von allen Seiten mit Pfeilen beschossen. Rituell getötet. Julia konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das etwas mit den anderen, den trepanierten Schädeln zu tun haben musste. Aber worin genau bestand dieser Zusammenhang?

Sie wurde abrupt in ihren Überlegungen unterbrochen.

Da war es wieder, dieses Geräusch.

Diesmal war es unverkennbar. Jemand, etwas kam die Metallleiter herunter. In der Dunkelheit der Höhle, die wegen des schwächer werdenden Scheins ihrer Stirnlampe noch intensiver wurde, erschien Julia das Scheppern der rostigen Sprossen bedrohlich laut.

Sie hob die Hand an ihre Stirnlampe und klopfte dagegen. Es half nichts. Das Licht ging ganz aus. Die Batterien waren leer. Jetzt konnte sie nichts mehr sehen – aber umso besser hören. Und die Schritte, die in dem undurchdringlichen Dunkel näher kamen, ließen sie erschrocken zurückweichen.

»Hallo? Wer ist da? Wer ist da?«

Das Dunkel antwortete nicht. In dem grauen Flecken Licht unter dem Eingang der Höhle war nur ein schwarzer Schemen zu erkennen. Eine dunkle Gestalt. Hünenhaft. Riesig. Julia versuchte, Gesichtszüge auszumachen, aber alles, was sie erkennen konnte, war diese bedrohliche Silhouette. Und dann kam die dunkle Gestalt rasch den Gang herunter, direkt auf sie zu. Näher, immer näher.

Julia schrie entsetzt auf.

2

Vang Vieng war der seltsamste Ort, an dem Jake je gewesen war. Die zwei Jahre, die er in Südostasien als Fotograf unterwegs war, und das, was er erlebt hatte – von den Vollmondfesten auf Ko Phangan, wo Tausende vollgedröhnter junger Rucksacktouristen aus dem Westen an Korallenstränden neben Seezigeunern die Nächte durchtanzten, bis zu den Restaurants von Hanoi, in denen chinesische Geschäftsmänner noch schlagende, aus lebenden Schlangen herausgeschnittene Kobraherzen aßen und dabei über den Bau von Atomkraftwerken verhandelten –, diese Erfahrungen, glaubte er, hätten ihn gegen die aberwitzigen Gegensätze und Widersprüchlichkeiten Südostasiens abgehärtet.

Doch Vang Vieng, an einem Nebenfluss des Mekong in der Mitte des langgezogenen kleinen Landes Laos gelegen – das, wie er sich immer wieder einzuprägen versuchte, so ausgesprochen wurde, dass es sich auf Bau reimte, nicht auf Haus –, hatte ihm einmal mehr vor Augen geführt, dass die exzentrische Gegensätzlichkeit Indochinas keine Grenzen kannte. Vang Vieng, in einem atemberaubend schönen alten Tal gelegen, war eine hässliche moderne Betonstadt, in der Hedonismus, Kommunismus, Kapitalismus und Buddhismus ungepuffert aufeinanderprallten.

Er war inzwischen drei Tage hier, um Fotos für einen Bildband über die landschaftlichen Schönheiten Südostasiens zu machen. Es war ein ziemlich großer Auftrag, aber jetzt stand er kurz vor seinem Abschluss. Sie hatten die obligatorische Thailand-Tour absolviert, waren zwei Wochen durch Vietnam gereist und hatten auch schon die Halong-Bucht im Kasten.

Zu ihrem letzten Reiseabschnitt, der sie durch Laos führte, gehörten Luang Prabang, weiter flussaufwärts, und Vang Vieng hier unten. Sie waren von Luang nach Vang Vieng geflogen und würden am nächsten Morgen mit dem Taxi in die laotische Hauptstadt Vientiane fahren. Von dort wollten sie den Flieger nach Phnom Penh in Kambodscha nehmen, wo Jake eine Wohnung hatte.

Nur noch ein Tag. Dann hieß es – o große Freude – Rechnungen schreiben.

Der Auftrag hatte ihn zwar nicht gerade vom Hocker gerissen, aber andererseits gab es für Fotografen längst nicht mehr so viele interessante Aufträge. Das hatte sich in den letzten Jahren drastisch geändert. Jake arbeitete schon zehn Jahre als Fotograf, aber das hieß nicht, dass das Geschäft besser lief, eher sogar zäher. Die Scharen knipswütiger Amateure mit ihren Handykameras und dazu die bedienerfreundliche, narrensichere Technik: Autofokus, Photoshop und was es sonst noch alles gab. Damit gelangen jedem ein paar brauchbare Schnappschüsse. Buchstäblich jedem. Mit ein bisschen Glück bekam irgendein Volltrottel mit einem Nokia-Handy einen ganz passablen Robert Capa hin.

Unter moralischen oder philosophischen Gesichtspunkten betrachtet, hatte Jake nichts gegen diese Demokratisierung seiner »Kunstform«. Die Fotografie war immer schon die volkstümlichste Kunst gewesen, so man sie denn überhaupt als Kunst bezeichnen konnte. Soll ruhig jeder mitmachen. Soll es ruhig jeder probieren. Und viel Glück auch.

Schmerzlich war diese Entwicklung aus rein persönlichen Gründen. Sie hatte schlicht und einfach zur Folge, dass ihm die Geschäftsgrundlage entzogen wurde. Und der einzige Ausweg aus diesem Dilemma war, dass er entweder Kriegsberichterstatter wurde und entsprechend mutig oder waghalsig und Fotos machte, die kein Zivilist je zustande brächte – und in diese Richtung tendierte er mehr und mehr –, oder dass er langweilige und wenig Kreativität erfordernde, aber bequeme kommerzielle Aufträge annahm: zum Beispiel Bildbände über die landschaftlichen Schönheiten Südostasiens, bei denen man den Flug bezahlt bekam, in anständigen Hotels übernachtete und richtige Toiletten anstelle von Plumpsklos hatte – und bei denen man trotzdem etwas von der Welt sah, was schließlich einer der Hauptgründe gewesen war, weshalb er ursprünglich unter die knipsende Zunft gegangen war.

Er trank sein Red Bull aus, warf die leere Dose in einen Müllsack am Straßenrand und machte sich wieder an die Arbeit.

Fotografieren.

Er schlenderte die beschauliche Hauptstraße von Vang Vieng hinunter, deren Holz- und Betonbauten im warmen Abendlicht zu glühen schienen. Ein Blick nach rechts ließ ihn stehen bleiben, und nach kurzer Einschätzung des Motivs machte er mehrere Fotos der von einem Teakholzhaus und einer windschiefen Bierbude eingerahmten Flusslandschaft.

Es war ein vorhersehbarer Blick auf die spektakulären Karstberge auf der anderen Seite des in der Abendsonne golden glänzenden Nam-Song-Flusses. Lange, schlanke Motorboote flitzten über das träge dahinströmende Wasser und wirbelten weiße Gockelschwänze aus Gischt auf, die im flach einfallenden Licht der über den Pha-Daeng-Bergen untergehenden Sonne von innen heraus zu leuchten schienen.

Ungeachtet seiner Vorhersehbarkeit war der Blick dennoch großartig. Und das war es schließlich, was die Leute in diesen Bildbänden sehen wollten. Atemberaubende Fotos von tropischpittoresken Landschaften! Und dazu ein paar freundlich dreinschauende Einheimische mit komischen Hüten! Was wollte er mehr?

Klick. Eine Aufnahme auf Vorrat. Klick. Eine Aufnahme auf Vorrat. Klick. Die war gut. Er schaute auf den Kameradisplay. Nein, doch nicht. Jake seufzte. Das war sein letzter Arbeitstag, und wer weiß, wann er das nächste Mal einen Dollar oder Kip oder Baht oder Dong verdienen würde?

Vielleicht hätte er doch Anwalt werden sollen. Vielleicht hätte er wie die Hälfte seiner Londoner Freunde Banker werden sollen. Aber seine diversen Familientragödien, gepaart mit seiner Disziplinlosigkeit, hatten ihn von zu Hause fortgetrieben, so weit weg wie nur irgend möglich. Kaum achtzehn, hatte er gar nicht schnell genug aus England – und vor allem auch aus seinem eigenen Kopf – herauskommen können.

Von da an hatte er nur noch ein Ziel gekannt: Reisen, Drogen und richtig gefährliche Abenteuer. Und alles nur, um die unauslöschlichen Erinnerungen loszuwerden. Bis zu einem gewissen Grad hatte diese Flucht ihren Zweck sogar erfüllt. Doch dann war er frontal gegen die Wand eines Beinahe-Bankrotts gefahren und hatte gemerkt, dass er einen Job brauchte. Und so hatte er sich in Erinnerung seines Kunstfaibles, das er schon als Kind gehabt hatte, aufs Fotografieren verlegt; hatte in Studios um Arbeit gebettelt, hatte sich das Handwerk mühsam selbst beigebracht, hatte sich gewissermaßen wieder ins reale Leben zurückgekämpft.

Und irgendwann hatte er den Sprung ins kalte Wasser gewagt und sich für den Fotojournalismus entschieden – genau zu dem Zeitpunkt, als der Fotojournalismus möglicherweise gerade in seinen letzten Zügen lag.

Aber was machte das schon? Er konnte seinen Job machen. Fotografieren.

Eine braun gebrannte, barfüßige junge Australierin mit einem Fußkettchen schlenderte in einem winzig kleinen Bikini die Hauptstraße von Vang Vieng hinunter. Jake machte unauffällig ein Foto. Das Licht war schon sehr schwach. Er ging in die Knie und drückte noch einmal auf den Auslöser.

Das Mädchen blieb stehen, um sich auf offener Straße zu übergeben, und im selben Moment fuhr ein gelb gekleideter buddhistischer Mönch auf einem Fahrrad vorbei. Jake machte noch ein Foto. Der groteske Auftritt des Mädchens überraschte ihn nicht im Geringsten. Zweifellos war sie eine von den vielen Jugendlichen, die sich Tag für Tag in Lkw-Reifenschläuchen den Fluss hinuntertreiben ließen. Denn das war die besondere Touristenattraktion von Vang Vieng.

Jeden dunstig kühlen Morgen karrten Dutzende von Minibussen Dutzende von jungen Rucksacktouristen ein Stück den Fluss hinauf, um dann die Kids in ihren Badesachen, alle noch nüchtern und nervös und aufgeregt, am Flussufer abzusetzen. Dort bekamen sie in primitiven Hütten riesige, prall aufgepumpte Reifenschläuche, in denen sie sich den lieben langen laotischen Tag den Fluss hinuntertreiben ließen. Zwischendurch machten sie immer mal wieder an einer der Bars am Ufer halt, um sich dort mit Alkohol, Marihuana oder psychotropen Pilzen anzutörnen.

Wenn die Flussfahrer dann am späten Nachmittag wieder in Vang Vieng ankamen, waren sie hackevoll, sonnenverbrannt und pubertär ausgelassen.

Ein bisschen taten Jake diese Kids leid. Sie taten ihm leid, weil sie sich alle einbildeten, eine einzigartige und gefährliche Dritte-Welt-Erfahrung zu machen – obwohl es eine bestens organisierte Touristentour war, die allen jungen Westlern verkauft wurde, die scharenweise nach Vang Vieng strömten. Laos war abgelegen, aber so abgelegen auch wieder nicht. Diese »einzigartige« Erfahrung machten Tag für Tag Tausende.

Doch zugleich beneidete Jake die Backpacker um ihre jugendliche Sorglosigkeit. Wäre er fünf Jahre jünger und fünfmal weniger verplant gewesen, hätte er sich auch in so einen Schlauch gesetzt und auf der Fahrt den Han Song hinunter so viel Bier in sich hineingeschüttet, wie seine Milz verkraftete. Ach was, er hätte sich auf einer Welle aus Kingfisher Lager und Crystal Meth bis nach Ho-Chi-Minh-Stadt treiben lassen.

Aber er war kein junger Hüpfer mehr. Er war nicht mehr achtzehn oder einundzwanzig. Er war dreißig und hatte genügend ausprobiert. Und außerdem, wenn er jetzt Drogen nahm, vor allem bewusstseinsverändernde wie Thai Sticks oder Magic Mushrooms, kämen wieder die Erinnerungen an seine Schwester, den Autounfall und die anderen Schreckgespenster seiner Vergangenheit hoch. Deshalb ließ er die Finger davon.

Das Tageslicht war inzwischen fast ganz erloschen.

Die hübschen, ein bisschen tranigen einheimischen Mädchen, die in Flipflops auf ihren Mopeds durch die Stadt fuhren, hatten inzwischen das Licht eingeschaltet; die halbnackten Rucksacktouristen kauften von bauernschlau geschäftstüchtigen Frauen aus den Bergen Space-Cookies. Jake steckte seine Kamera ein und machte sich auf den Weg in die Kangaroo Sunset Bar.

Ty war schon da. Tyrone McKenna. Der amerikanische Journalist, der die Texte für ihren Bildband schrieb. Der fünfundvierzig Jahre alte abgebrühte, sarkastische, rothaarige New Yorker musste nicht mit einer Milliarde Handykamera-Fotografen konkurrieren. Ty war ein richtiger Journalist, ein Korrespondent, und bisher hatte noch niemand eine Software entwickelt, die einen brauchbaren Auslandsbericht schreiben konnte. Noch nicht.

»Na, Jake?« Ty grinste. »Alles im Kasten?«

»Klar. Spektakulär neuer Blick auf Vang Vieng.«

»Lass mich raten. Sonnenuntergang über den Karstbergen?«

Jake bekannte sich zu dem Klischee. Ty grinste und hob sein Glas mit süffigem laotischem Bier. Jake nahm ebenfalls einen Schluck und ergab sich dem wohlig entspannenden Prickeln. Das Bier hier war wirklich gut. Das war eins der verblüffenden Dinge an Laos: Im Foreign Correspondents’ Club in Phnom Penh hatte Jake gehört, dass Laos selbst für kambodschanische Verhältnisse rückständig und arm sei, was es tatsächlich war. Aber es war von einer wunderbar unangestrengten Schönheit, und das Bier war hervorragend.

Tyrone beugte sich vor.

»Übrigens, es gibt sogar so was wie eine Neuigkeit.«

»Sag bloß!«

»Chemda ist hier.«

Ein Kellner kam zu ihnen. Tyrone drehte sich zu ihm, bestellte beiläufig zwei weitere Bier und drückte dem Jungen ein paar Dollar in die Hand. Der Junge nickte, versuchte, seinen Dank für das großzügige Trinkgeld zum Ausdruck zu bringen, errötete und lächelte schließlich.

Der englische Fotograf sah den laotischen Kellner nachdenklich an. Vor drei Jahren war er wahrscheinlich noch ein barfüßiger kleiner Junge gewesen, der in einer Hütte in den Bergen gewohnt hatte und nicht einmal Lao konnte, und jetzt bediente er abgebrühte amerikanische Journalisten, dreadlockige junge Französinnen und bierselige Londoner Collegeboys, die mit Lippenstift »Girls Are Gay« auf ihre sonnenverbrannten Rücken geschrieben hatten, und verdiente damit in einer Woche mehr als sein Vater in einem ganzen Jahr – und zerstörte auch noch gleich seine Kultur mit.

Es war zum Heulen. Und vielleicht machte Jake das Ganze sogar noch schlimmer, wenn er Fotos machte, die immer mehr Menschen anlockten, die verdarben, was vorher unverdorben gewesen war. Und vielleicht, dachte er, sollte er einfach mal aufhören, sich über den Lauf der Welt ständig den Kopf zu zerbrechen.

Seine Gedanken sprangen wieder in die Gegenwart zurück; er kannte den Namen. Chemda. Chemda Tek. Eine bildschöne Kambodschanerin aus Phnom Penh. Sprach perfekt Englisch. Hatte in Amerika studiert. War jetzt als Anwältin oder so für eine nichtstaatliche Organisation tätig. Für die Vereinten Nationen vielleicht? Für das Tribunal am Flughafen von Phnom Penh. Er hatte sie im Foreign Correspondents’ Club kennengelernt.

»Chemda Tek. Was macht die denn hier?«

»Genau genommen heißt sie Tek Chemda. Wie die Chinesen stellen die Khmer ihren Namen andersrum. Erst der Familienname, dann der Vorname. Aber sie ist amerikanisiert, deshalb ja, Chemda Tek.«

Jake sagte nichts.

Ty fuhr fort: »Du kannst dich also an sie erinnern. Ziemlich hübsch, stimmt’s?«

Jake zuckte mit den Achseln.

»Ist mir nicht aufgefallen.«

»Klar … wie auch?«

»Nein. Wirklich. Dass sie aussieht wie eine der tanzenden Apsaras von Angkor Thom, habe ich total vergessen. Cheers.

« Sie stießen schmunzelnd an.

Tyrone sagte: »Sie ist im Krankenhaus.«

Bei dem Wort Krankenhaus ging irgendwo tief in Jakes Innerem eine Alarmglocke los.

»Irgendwas Ernstes?«

»Nein, nein, ihr selbst fehlt nichts. Aber das Drumherum ist schon etwas komisch.«

»Inwiefern?«

»Sie ist mit zwei kambodschanischen Professoren hier.«

»Hier in Laos?« Das konnte sich Jake nicht erklären. »Hatte sie nicht irgendwas mit der Aufarbeitung der Gräuel der Roten Khmer zu tun? Du weißt schon, im Zug der allgemeinen Versöhnungsbemühungen. In PP.«

»Ja, hatte sie.« mit einer fahrigen Handbewegung einen Rülpser unterdrückend, blickte Ty auf die Straße hinaus. Von einem Laternenpfahl aus Beton hing schlaff eine Hammerund-Sichel-Fahne; in der tropischen Dschungeldunkelheit sah das kommunistische Rot dunkelgrau aus.

Jake ließ nicht locker; er wollte mehr wissen. Tyrone erzählte ihm bereitwillig, dass er Chemda in der Nähe des Krankenhauses auf der Straße getroffen hatte. Sie war mit zwei kambodschanischen Professoren nach Laos gekommen, um in der Ebene der Tonkrüge Nachforschungen anzustellen. Die zwei alten Herren waren Opfer der Roten Khmer, des ehemaligen maoistischen Terrorregimes von Kambodscha.

»Und was will sie dort?«, fragte Jake.

Tyrone trank sein Bier aus.

»Anscheinend wurden die beiden Historiker in den siebziger Jahren von den Roten Khmer in die Ebene der Tonkrüge geschickt – sie wurden von den Kommunisten gezwungen, sich dort irgendetwas anzusehen.«

»Wie bitte?«

»Du weißt doch, was die Ebene der Tonkrüge ist, oder?«

Jake setzte zu einer stotternden Antwort an. »Riesige … alte … Steinkrüge. Über eine …« – er zögerte – »Ebene verteilt?«

Sie lachten.

Tyrone fuhr fort: »Die Ebene der Tonkrüge. Zweitausend Jahre alte Krüge. Richtig große Teile. In der Nähe von Phonsavan. Hab sie mir vor Jahren mal angesehen. Nicht sonderlich aufregend, aber doch irgendwie eigenartig. Niemand weiß, wer sie gemacht hat oder warum.«

»Und was haben diese Krüge mit …«

»… den Roten Khmer zu tun?« Ty lächelte jovial. »Keine Ahnung. Aber wie es scheint, haben sich die Roten Khmer und die Pathet Lao brennend für diese Krüge interessiert und sie in den siebziger Jahren ausführlich untersuchen lassen. Möglicherweise wurden die beiden Historiker gezwungen, dabei mitzumachen, und jetzt versucht Chemda herauszufinden, warum …«

»Und?«

»Offensichtlich sind die Professoren in den siebziger Jahren ziemlich geschockt von dieser Expedition zurückgekommen. Irgendetwas muss dort passiert sein, oder sie haben etwas gefunden.«

»Aber warum ist Chemda im Krankenhaus? Warum ist sie hier?«

Ein Tuk-Tuk ratterte vorbei. Sein Zweitaktmotor hustete stinkenden Qualm in die milde Tropennacht. Auf der Ladefläche zählten barfüßige deutsche Mädchen lachend Bündel mit Kipscheinen. »Kharb jai, danke schön, kharb jai.«

Tyrone lächelte Jake an. »Wie es scheint, ist einer der beiden Profs auf eine Bombe getreten. Eine von diesen buttergelben kleinen Streudingern. Du weißt ja, die Gegend ist massiv bombardiert worden, und es ist noch immer lebensgefährlich, sich abseits befestigter Wege und Straßen zu bewegen – alles voll mit unseren tollen amerikanischen Streubomben.«

»Ich weiß. Ihr habt es damals in Laos richtig krachen lassen.«

Tyrone nickte; Jake hakte nach. »Haben die Amerikaner im Vietnamkrieg nicht mehr Bomben auf Laos abgeworfen als auf ganz Deutschland im gesamten Zweiten Weltkrieg?«

»Aber hallo, wem sagst du das? Wir haben hier mehr Bomben abgeworfen als auf Deutschland und Japan zusammen.« Ty seufzte tief. »Wie auch immer. Wo war ich gerade? Ach ja. Dieser zerstreute Professor ist wohl auf einen Blindgänger getreten, und prompt wurde ihm das halbe Bein weggerissen. Chemda musste ihn ins nächste Krankenhaus bringen, und das war – in einem rückständigen kleinen Land wie Laos – hier unten in Vang. Sie waren einen ganzen Tag lang unterwegs, mit diesem armen Teufel auf dem Rücksitz des Pick-ups, und er hat natürlich geblutet wie eine Sau …«

»Und jetzt?«

»Jetzt fährt sie wieder zurück. Ihre Mission zu Ende bringen, der Sache auf den Grund gehen. Ganz schön stur und zielstrebig, dieses Mädchen. Wie der Rest ihrer Sippe.« Tyrone drehte sich um und winkte dem jungen Kellner. »Sabaydee. Zwei Bier? Kharb jai.«

»Sie fährt in die Ebene der Tonkrüge zurück?«

»Ja, morgen früh. Hat sie mir jedenfalls erzählt. Sie hat irgendwie spitzgekriegt, dass wir mit unserem Auftrag fertig sind. Deshalb hat sie mich gefragt, ob ich Lust hätte, sie zu begleiten und einen Artikel darüber zu schreiben. Für die Phnom Penh Post, die New York Times, was weiß ich. Ich habe allerdings sofort abgewinkt. Nein danke, ohne mich, auch wenn das Ganze noch so interessant ist; ich mache diesen Bildbandjob zum Vergnügen, und von dieser ganzen Kriegskacke habe ich erst mal die Schnauze voll – und außerdem steige ich eher mit einem alten Ayatollah ins Bett, als mich vier Tage lang auf laotischen Straßen durchschütteln zu lassen, bloß um mir ein paar alte Steinkrüge anzuschauen.«

Tyrone nahm einen Schluck und studierte Jakes nachdenkliches Gesicht. Dann stöhnte er laut auf.

»Sag bloß, du willst das machen? Du willst diese Story? Du willst darüber einen Artikel schreiben? Dir endlich einen Namen machen!«

3

Was ist jetzt eigentlich genau passiert, in der Ebene der Tonkrüge?«

Jake saß neben Chemda im Führerhaus des Pick-ups. Die Augen der jungen Kambodschanerin waren von einem tiefen Dunkelbraun, wie in Sherryfässern gereifter Whisky; sie strahlte eine unterschwellige innere Unruhe aus, gepaart mit wilder Entschlossenheit. Intelligenz und Nervosität. Sie war vermutlich Ende zwanzig. Jake kannte sie nur flüchtig: von hitzigen Diskussionen über die Korruption in Kambodscha und die Vertreibung der Landbevölkerung und journalistische Machtspielchen. Das war in Phnom Penh gewesen, auf der Dachterrasse des Foreign Correspondents’ Club, von der man einen herrlichen Blick auf die lärmenden Boulevards der Stadt und den breiten, trägen Tonle Sap hatte.

»Sie sind doch Journalist? Und Sie sind mit den politischen Verhältnissen in Kambodscha vertraut?«

Jake blieb der damit einhergehende Seitenhieb nicht verborgen.

»Na ja, ein bisschen zumindest. Aber …«

»Die kambodschanische Regierung steht unter enormem Druck …« Sie suchte nach dem richtigen Wort. »… Wiedergutmachung zu betreiben. Die Rote-Khmer-Führung vor Gericht zu stellen und endlich aufzuklären, was in den siebziger Jahren passiert ist. Damals, als so unfassbar viele menschen umgekommen sind. Das wissen Sie doch sicher?«

»Natürlich. Während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer … obwohl, ich bin nicht sicher, wie viele Menschen ihr nun tatsächlich zum Opfer gefallen sind. Es gibt da sehr unterschiedliche Meinungen.«

»Ein Viertel der gesamten Bevölkerung.« Die melodische, fast einschmeichelnde Stimme, mit der Chemda das ruhig, aber bestimmt konstatierte, machte ihre Feststellung nur noch ungeheuerlicher. »Die Roten Khmer haben durch Hunger und Massenmord ein Viertel meines Volks ausgelöscht. Zwei millionen Tote.«

Darauf folgte erst einmal ein strafendes Schweigen. Jake schaute betreten aus dem Fenster des Pick-ups. Inzwischen waren sie hoch oben in den dunstverhangenen Hügeln von Zentral-Laos und hatten fünfzehn Stunden Fahrt auf den schlechtesten Straßen hinter sich, auf denen er je unterwegs gewesen war; er verstand jetzt, warum sich Tyrone geweigert hatte, mitzukommen; und er verstand, warum sie schon vor Tagesanbruch aufgebrochen waren, um die Strecke an einem Tag zu schaffen.

Auf der Landkarte betrug die Entfernung nur ein paar hundert Kilometer, und theoretisch handelte es sich hier um die laotische Hauptverkehrsader, aber wenn die Straße nicht von tiefen Schlaglöchern übersät war, war sie überschwemmt oder einfach blockiert; Hunde, Ziegen, Hühner und Rinder bevölkerten den Asphalt, Kinder spielten wenige Zentimeter neben vorbeirumpelnden Lkws. Mehrere Male waren sie wegen liegengebliebener Lkws aufgehalten worden oder wegen unterspülter Straßenabschnitte, wo sie große flache Steine unter die im Schlamm durchdrehenden Reifen hatten legen müssen.

Jetzt kamen sie ins Gebirge, in die Annamitische Kordillere, und die Luft wurde feucht, sogar kalt; das waren nicht die Tropen, wie Jake sie kannte, nicht Luang oder Vang Vieng, geschweige denn Phnom Penh. Nebel verhüllte die Schlingpflanzen und Bananenstauden, Hochzeitsschleier aus Dunst, Kilometer freudlosen Flors.

Von dunklen Nebelfetzen begleitet, brach rasch die Nacht herein. Immer wieder wurden sie von den Schlaglöchern durchgeschüttelt.

Den schwerverletzten kambodschanischen Professor hatten sie im Krankenhaus von Vang Vieng zurückgelassen. Als Jake und Chemda sich am Abend zuvor dort getroffen hatten, war sie hocherfreut gewesen, dass er bereit war, sie zu begleiten und einen Artikel über ihre Mission zu schreiben. Die Weltöffentlichkeit solle endlich das volle Ausmaß der Gräuel der Roten Khmer erfahren, hatte sie ihm erklärt; das sei ihre Hauptaufgabe als Pressesprecherin und Anwältin der Außerordentlichen Kammern an den Gerichten von Kambodscha, des sogenannten Rote-Khmer-Tribunals. Bisher habe sie es jedoch nur auf die Veröffentlichung einiger weniger Artikel auf ein paar zweitrangigen asiatischen Websites gebracht. Vielleicht könne Jake da mehr bewegen; er habe gute Beziehungen. Sie setze große Hoffnungen in ihn.

Doch jetzt schien sie enttäuscht über Jakes mangelhafte Kenntnisse über die jüngste kambodschanische Geschichte. Und Jake wusste nicht, was er dagegen tun könnte. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, denn er war sich sehr deutlich des ärgerlichen Missverhältnisses bewusst, das zwischen ihnen bestand. Obwohl er älter war als sie, lag die Verantwortung in erster Linie in ihren Händen. Chemda war diejenige, die das entsprechende Wissen, die erforderliche Motivation und die offizielle Autorisierung hatte. Und ihr Eifer war selbst noch dem scharfen Profil ihres dunklen Gesichts anzusehen.

Ihr stummer laotischer Fahrer wich schlingernd einem Wasserbüffel aus, der kampflustig am Straßenrand stand. Jake hielt sich am Türgriff des schaukelnden Pick-up fest. Sie passierten ein stehendes Auto, auf dessen Dach ein Soldat schlief.

Jake schaute zu Chemda hinüber. Er wollte ihr näherkommen, dieser einschüchternden Frau mit ihrem ernsten Liebreiz und ihrer Schönheit, die jetzt allerdings nichts zur Sache tat. Er war hier, um etwas zu bewirken, er wollte sich als ernst zu nehmender Fotojournalist beweisen und wie sie sinnvolle Arbeit leisten. Dafür brauchte er jedoch ihre Freundschaft – und ihre Vorbehaltlosigkeit. Und dafür müsste sie sich ihm öffnen.

Er fragte sie nach ihrer Vergangenheit. Ihre Antworten waren höflich, aber knapp. In den Wirren nach dem Sturz des Terrorregimes der Roten Khmer geboren, war sie in den achtziger Jahren nach der Annektierung Kambodschas durch die Vietnamesen mit ihren Eltern in die USA geflohen. Dort hatte sie an der UCLA studiert, war aber wie viele ihrer nahen Verwandten nach Kambodscha zurückgekehrt, um beim Wiederaufbau des Landes zu helfen, alles wieder neu zu starten und hochzufahren sozusagen.

Jake wollte sie eigentlich fragen, ob ihre ganze Familie unbeschadet davongekommen war, ob sie die Schreckensherrschaft der Roten Khmer überlebt hatte. Aber er wagte nicht, dieses prekäre Thema anzuschneiden. Aus trauriger Erfahrung wusste er, dass man, stellte man einem Kambodschaner diese Frage, häufig in beiläufigstem Ton zutiefst schockierende Antworten erhielt. »O nein, meine Mutter und mein Vater leben nicht mehr, und meine Schwester wurde auch ermordet. Alle sind tot.« Noch schlimmer war die Antwort: »Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich habe niemanden mehr.«

Deshalb hatte Jake nach seinem ersten Jahr in Phnom Penh aufgehört, Kambodschanern diese Frage zu stellen. Man musste sich nur in der Stadt umsehen. Es gab kaum alte Menschen. Alle, die jetzt alt gewesen wären, waren ermordet worden.

Ob das auch auf Chemdas weitere Verwandtschaft zutraf, wusste er nicht. Doch wie es schien, würde sie es ihm nicht erzählen. Er hatte das Gefühl, dass es da irgendetwas gab – etwas Schlimmes. Andererseits gab es in der Vergangenheit jedes Kambodschaners etwas Schlimmes und Tragisches, etwas, über das er lieber nicht redete.

Der Fahrer machte die Scheinwerfer an. Die Augen eines kleinen wilden Tiers reflektierten kurz ihr Licht, bevor es von der Straße huschte. Inzwischen war es eisig kalt geworden; über die Berge hatte sich frostige Dunkelheit gebreitet. Jake schloss wegen der klammen Kälte das Fenster und sagte:

»Das ist sie doch, oder? Die Ebene der Tonkrüge.«

Sie hatten den höchsten Punkt der Strecke erreicht. Das erschöpfte Auto bog um eine letzte Kurve, dahinter führte die Straße auf ein weites Plateau hinab. Nach sechzehn zermürbenden Stunden Fahrt waren sie endlich am Ziel.

Der Anblick, der sich ihnen bot, hatte etwas Bedrückendes. In den über die mondbeschienene Hochebene verstreuten Dörfern schien es keine Elektrizität zu geben. Nirgendwo brannte Licht. Und offensichtlich gab es in den primitiven Behausungen auch keine Heizung und kein fließendes Wasser, denn die Menschen wuschen sich in Abflussgräben oder an Gemeinschaftspumpen. Vor vielen der einfachen Holzhütten brannten kleine Feuer, die vermutlich zum Kochen dienten und Wärme spenden sollten. Hatten die menschen hier nicht einmal Schornsteine?

Die schaurige Szenerie erinnerte an eine mittelalterliche Höllendarstellung. Die flache, dunkle Hochebene war übersät von Tausenden in der nebligen Kälte flackernder Feuer. Und an den Wasserpumpen kauerten alte Frauen, deren ausgezehrte halbnackte Körper im Schein der grellroten Flammen noch gespenstischer wirkten.

»Noch fünfzig Kilometer«, sagte Chemda. »Dann sind wir in Phonsavan. Da ist unser Quartier.«

Das Ende ihrer langen Fahrt rückte näher. Jake fasste sich ein Herz; er musste mehr über die Hintergründe ihres Vorhabens wissen.

»Wer übt Druck auf die kambodschanische Regierung aus? Wer drängt sie, die Vergangenheit aufzuarbeiten?«

»Die kambodschanische Bevölkerung. Die Vereinten nationen. Viele westliche Regierungen.«

»Nicht alle westlichen Regierungen?«

»Die Amerikaner haben die Roten Khmer in den siebziger Jahren zunächst unterstützt. Deshalb sind sie in diesem Punkt etwas gespalten.«

»Aha.«

In Chemdas verhaltenem Lächeln schwang ein Anflug von Geringschätzung mit.

»Ja, das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Amerikaner dachten, sie könnten sich die Roten Khmer als Bollwerk gegen den vietnamesischen Kommunismus zunutze machen. Aber inzwischen möchten natürlich viele Amerikaner die Vergangenheit aufgearbeitet haben, vor allem die Khmer-Diaspora.«

»Leute wie du?«

»Ja, Leute wie ich. Kambodschaner, die wie ich in die Heimat zurückkehren. Und die Wahrheit wissen wollen.«

Das Auto fuhr langsamer.

Vor ihnen tauchten Straßenlaternen auf. Sie kamen in eine kleine Stadt. Mit Läden, oder zumindest zur Straße hin offenen Garagen. Das Warenangebot reichte von knallbunten Instantnudelpackungen über Handykarten zu Lao-Lao-Reiswhiskey. Gesichter beäugten Jake, Gesichter mit leicht mongolischem Einschlag, ausdruckslos und doch fragend, desinteressiert und zugleich neugierig. Männer in schäbigen Anoraks deuteten und schüttelten den Kopf; zwei verzogen die miene. Es gab nicht viele Westler, die sich auf das unwirtliche Plateau verirrten. Das war hier nicht Vang Vieng, das war eine vollkommen andere, sehr fremde Welt.

Sie fuhren wieder in die nächtlich schwarze Landschaft hinaus.

»Die Chinesen waren nicht ganz unbeteiligt an dem, was hier passiert ist. Während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer.«

Jake war froh, zum Kern der Sache zu kommen.

»Und was ist hier genau passiert?«

»Da sind wir noch nicht ganz sicher. Jedenfalls erteilte Pol Pot 1976 einen Befehl – das ist der berüchtigte Rote-Khmer-Führer …«

»Ich weiß, wer Pol Pot ist, Chemda«, schnitt ihr Jake verärgert das Wort ab. »War das nicht dieser beliebte Wetteransager im Frühstücksfernsehen?«

Zum ersten Mal, seit er sich am Morgen mit ihr getroffen hatte, lachte Chemda richtig; mit ihren ebenmäßigen weißen Zähnen, die dabei zum Vorschein kamen, und ihren heiter blitzenden Augen war ihr sonst so ernstes Gesicht wie verwandelt.

»Entschuldige. Das war wirklich ein wenig daneben. Mein Professor an der UCLA hat mal gesagt, ich hätte ›etwas schulmeisterhafte Züge‹. Und?« Sie sah ihn aus ihren braunen Augen fragend an. »Habe ich etwas schulmeisterhafte Züge?«

»Na ja. Schon. Ein bisschen zumindest.«

Schweigen. Der Fahrer öffnete das Fenster und spuckte. Die hereinströmende Kälte war unangenehm beißend. Fröstelnd wünschte sich Jake, er hätte eine ordentliche Jacke eingepackt. Alles, was er in seinem Rucksack dabeihatte, war ein Regenschutz. Niemand hatte ihm gesagt, dass er sich warm anziehen müsste.

Vielleicht wärmte ihn ein Gespräch.

»Du wolltest mir eigentlich von einem Befehl Pol Pots erzählen, Chemda.«

Sie starrte in das Dunkel hinaus, auf die immer noch von tödlichen Bomben übersäte Hochebene. Schließlich drehte sie sich zu ihm.

»Entschuldige bitte. Ich war gerade in Gedanken ganz woanders. Also, wir wissen, dass die Roten Khmer und die Pathet Lao und das maoistische China, dass sie 1976 alle eine Expedition hierhergeschickt haben, in die, ähm, Ebene der Tonkrüge. Eine Gruppe von Historikern, Wissenschaftlern und sonstigen Fachleuten, die etwas über die neolithischen Überreste hier wussten. Und dann zwangen sie die Einheimischen, das ganze Gebiet zu durchkämmen – trotz der lebensgefährlichen Uxo.«

»Meinst du damit die ganzen Blindgänger, die unexploded ordnance, wie es im offiziellen Sprachgebrauch heißt?«

»Ja. Bei dieser Suche sind Hunderte von Menschen ums Leben gekommen. Den Roten Khmer war das völlig egal – den Chinesen übrigens auch. Im Gesamtzusammenhang betrachtet …« Ihr Blick suchte den Jakes und fand ihn. »Im Gesamtzusammenhang betrachtet, war die Zahl der opfer relativ gering. Nur ein paar hundert Tote. Um die tausend Verletzte. Was ist das schon im Vergleich mit zwei Millionen Toten?« Sie schüttelte den Kopf. »Aber was sie damals finden wollten, ist weiterhin ein Rätsel, und es war kaltblütiger Mord. Pol Pot, Ieng Sary und Ta Mok, der Schlächter, die ganze RoteKhmer-Führung, sie waren, ja, sie waren richtig versessen auf dieses Projekt, und die Chinesen genauso. Obwohl sie kein Geld hatten, gaben sie im Sommer sechsundsiebzig Unsummen dafür aus, die Ebene der Tonkrüge absuchen zu lassen. Weshalb, ist bis heute unklar.«

»Und die Historiker?«

»Die meisten Akademiker unter den Expeditionsmitgliedern fielen später Pol Pots Säuberungen zum Opfer. Sie wurden in Chœung Ek, einem der berüchtigten Killing Fields, ermordet. Zwei haben jedoch überlebt. Ich habe sie ausfindig gemacht. Wir haben sie gebeten, uns zu begleiten und uns zu zeigen, wo sie damals gesucht haben. Das alles geschieht im Zuge der Bemühungen seitens der Vereinten Nationen … die, äh, Wahrheit ans Licht zu bringen. Trotzdem wollten die beiden zuerst nicht mitmachen.«

»Und wie konntet ihr sie schließlich umstimmen?«

»Die kambodschanische Regierung hat ihnen einfach den Befehl erteilt, uns zu helfen. Sie hatten keine Wahl. Aber sie müssen uns natürlich nichts sagen, wir können sie nicht zwingen, die Wahrheit zu erzählen. Tja. Und jetzt liegt einer im Krankenhaus, und es ist nur noch Doktor Samnang übrig. Er macht keinen sehr glücklichen Eindruck. Manchmal frage ich mich …« Sie seufzte. »Manchmal frage ich mich, ob es richtig ist, diese alten Männer zu zwingen, uns dabei zu helfen, die Schrecken der Vergangenheit aufzudecken. Aber das ist mein Job.« In ihre weichen Khmer-Vokale war wieder die gewohnte Entschlossenheit zurückgekehrt, und ihr Englisch hatte nur einen ganz leichten Akzent. Ihr Blick war sehr eindringlich, als sie Jake in die Augen sah.

»Und dann habe ich auch noch ein sehr starkes persönliches Interesse an der Sache.«

»Ja?«

»Meine Großmutter ist hier ums Leben gekommen.«

Jake sagte nichts. Chemdas Gesicht hatte im Zwielicht etwas Unergründliches.

»Ich glaube, sie ist hier oben gestorben. Auf der Ebene der Tonkrüge. Sie gehörte zu den Wissenschaftlern, die von den Roten Khmer hierher gebracht wurden.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe in Los Angeles eine kambodschanische Freundin, deren Vater ebenfalls hierhergeschickt wurde. Und er sagt, meine Großmutter wäre damals dabei gewesen; sie hätte zu der Expedition gehört. Meine Großmutter war ziemlich bekannt; meine ganze Familie ist ziemlich bekannt. Meine Großmutter war Anthropologin, und wir wissen, dass sie etwa um diese Zeit verschwunden ist. Und wir wissen auch, dass es Gerüchte gibt, dass sie hier war. Aber niemand will mit der Wahrheit herausrücken. Vielleicht auch nur deshalb, weil niemand die Wahrheit kennt.«

Chemdas Worte waren wie eine Litanei, leise und ehrfürchtig, ein im Dämmerlicht einer Kirche geflüstertes Gebet.

»Das ist einer der Gründe, warum ich das alles tue, Jake. Wenn es mir gelingt, die Wahrheit über meine Familie herauszufinden, kann ich auch die Wahrheit über Kambodscha herausfinden. Damit werde ich mich zwar nicht beliebt machen – viele Menschen wollen nämlich einfach nichts mehr von der schrecklichen Vergangenheit hören –, aber das ist mir egal.«

Darauf fuhren sie fünfzehn Minuten lang schweigend weiter. Im Führerhaus des Pick-ups war es kalt. Dann trällerte Chemdas Handy los. Eine unpassend heitere Melodie. Cantopop. Sie ging dran, aber der Empfang war offensichtlich sehr schlecht.

»Tou? Tou? Hörst du mich?« Das Telefon schüttelnd, schimpfte sie über das miserable netz und erklärte Jake: »Tou ist unser Führer. Er versucht mich zu erreichen. Aber die Handys funktionieren hier oben so gut wie gar nicht. Jedenfalls außerhalb der Städte.«

Das überraschte Jake nicht. In einer Region, in der es keine Elektrizität gab, konnte man schwerlich eine perfekte Anbindung ans Telekommunikationsnetz erwarten. Dennoch verschärfte diese Feststellung sein wachsendes Gefühl von Isolation.

Eine Stunde verging in immer gedrückterem Schweigen. Und dann:

»Phonsavan!«

Es war das erste Wort, das der Fahrer seit dem Morgen gesprochen hatte. Sie erreichten eine für laotische Verhältnisse relativ große Stadt. Eine wild wuchernde, hektische Betonwüste. Und im grellen Schein der primitiven Straßenbeleuchtung kam die Scheußlichkeit des Orts noch besser zur Geltung. Jake sah ein Internetcafé, ein schäbiges Ladengeschäft, in dem in Tücher geschlungene Menschen auf hell strahlende Bildschirme starrten; auf die Fenster einiger geschlossener Touristenläden war mit Farbe Plain des Jarres gepinselt.

Der Pick-up schwenkte abrupt nach rechts auf einen extrem holprigen steinigen Weg.

»Dahinten ist es. Das einzige Hotel weit und breit. Unser Zuhause.« Chemda lächelte mit einem Anflug von Sarkasmus. »Hier wohnt unser Führer Tou. Und der Historiker. Der von den beiden, der noch, äh, gehen kann … Nur gut übrigens, dass wir nachts ankommen; so fallen wir weniger auf. Die Pathet Lao wollen uns nämlich nicht hier haben. Wie auch?«

»Für sie seid ihr nur Eindringlinge, die in der Vergangenheit wühlen.«

»Ja. Aber es gibt auch … Spannungen. Mit den Hmong.«

»Ist das nicht so ein Bergvolk?«

»Eigentlich sind sie in den Hochländern ganz Südostasiens ansässig, aber das hier ist das Kernland der Hmong. Phonsavan und die Dschungel und Berge südlich von hier. Dort unten gibt es nach wie vor viele Hmong-Rebellen. Heißt es jedenfalls. Für sie ist der Vietnamkrieg immer noch nicht zu Ende.«

»Da habe ich auch schon einige ziemlich verrückte Storys gehört.«

In der Ferne wurden die Lichter eines größeren Gebäudes sichtbar. Chemda fuhr fort:

»Im Vietnamkrieg, als Laos eine geheime Kampfzone war, haben die Hmong den Amerikanern geholfen. Die Nordvietnamesen haben Laos als, äh, Durchgangsroute benutzt, um Waffen nach Südvietnam zu schaffen.«

»Der berühmte Ho-Chi-Minh-Pfad.«

»Genau! So unbeleckt bist du ja gar nicht.« Ihre Augen leuchteten kurz auf. »Ja, er ging genau hier durch. Durch die Ebene der Tonkrüge. Jedenfalls, die Amerikaner haben Laos heimlich infiltriert und den Ho-Chi-Minh-Pfad bombardiert und viele Hmong rekrutiert, damit sie ihnen in diesem Luftkrieg helfen. Die Hmong waren nämlich gegen die kommunistischen Pathet Lao, die jetzt immer noch an der Macht sind. Das gegenwärtige laotische Regime.« Ihre Stimme nahm einen nachdenklichen Ton an. »In den Hügeln südlich von hier hatten die Amerikaner sogar eine verborgene Stadt errichtet, komplett mit einem Flugplatz, Lagerhäusern und Baracken. Und mit inoffiziell rekrutierten Piloten, die in diesem geheimen Luftkrieg die Bombereinsätze flogen. Die Hmong unterstützten sie dabei, und einige ließen sich sogar selbst zu Piloten ausbilden … Deshalb ist die Lage hier noch sehr, ähm, angespannt, und die Laoten sind grundsätzlich gegen Leute von außerhalb, die nur den ganzen Schmutz der Vergangenheit wieder aufwühlen.«

Das Auto hielt abrupt vor einem nüchternen Betonbau an, dessen Parkplatz bis auf zwei schmutzige weiße Minivans leer war. Chemda und Jake stiegen aus. Jake reckte sich gähnend; die Kälte hatte etwas Belebendes, und er atmete in tiefen Zügen die frische Nachtluft ein, die durchsetzt war vom würzigen Geruch von Holzfeuern.

»Lass uns erst mal das Gepäck reinbringen. Dann stelle ich dich den anderen vor. Viele sind wir sowieso nicht mehr.«

Sie hatten nicht viel Gepäck dabei, und es dauerte keine Minute, um die Rucksäcke und Taschen in das schmucklose, ungemütliche Hotelfoyer zu tragen.

In der Eingangshalle war niemand zu sehen. An der Wand hinter der Rezeption zeigten drei Uhren die Zeit in Paris, Vientiane und New York an. Alle waren stehengeblieben.

»Da lang.«

Sie gingen einen Weg entlang zu einer Tür. Chemda klopfte. Stille. Sie klopfte noch einmal. Wieder keine Antwort. Ungeduldig vor Müdigkeit, lehnte sich Jake gegen den Türrahmen. Im selben Moment merkte er, dass er in etwas Klebrigem stand.

Der nächste Gedanke war wie ein Schlag ins Gesicht.

»Chemda, ist das Blut?«

Chemda zuckte zusammen und blickte zu Boden; dann machte sie einen Schritt zur Seite, damit der schwache Schein der Außengangbeleuchtung auf die Pfütze fiel.

Sie war leuchtend rot.

Sofort drückte Jake mit der Schulter gegen die Tür. Sie war nicht abgeschlossen, aber sie ließ sich nur mit enormem Kraftaufwand bewegen, so als würde sie von einem schweren Gegenstand blockiert. Jake stemmte sich fester dagegen; Chemda legte eine Hand auf das Türblatt und drückte ebenfalls. Schließlich ging die Tür auf, und sie betraten ein trostloses, grell beleuchtetes Hotelzimmer.

Es war leer.

Woher kam das Blut? Jake folgte der Spur. Das sich verdickende rote Rinnsal kam unter der Tür hervor, die er gerade aufgedrückt hatte. Jake zog sie wieder ein Stück zu, um einen Blick hinter sie werfen zu können.

Chemda zuckte zurück.

Von einem Haken an der Rückseite der Tür hing mit dem Kopf nach unten ein toter mann. Ein kleiner, alter Kambodschaner. Mit nacktem Oberkörper, nur mit einer Baumwollhose bekleidet. Seine Fußgelenke waren mit einem Seil so am Türhaken befestigt, dass seine Hände den Boden berührten und sein Kopf nur wenige Zentimeter über dem blutverschmierten Beton baumelte.

Die Kehle des Manns war durchgeschnitten, und sein Blut war auf den Boden geflossen – wie bei einem geschächteten Tier. Neben dem Toten lag ein blutiges Messer auf dem Boden.

Das nach unten hängende Haar des alten Manns berührte mit seinen Spitzen ganz leicht die rot glänzende Blutlache unter seinem Kopf.

4

Um Himmels willen, Ghislain?«

Plötzlich fiel Licht auf die große, dunkle Gestalt, und Julia konnte das blasse Gesicht des Grabungsleiters sehen. Auf ihr Schreien hin hatte er seine Taschenlampe angemacht.

»Ghislain!« Ihr Herz schlug immer noch wie wild. »Haben Sie mich erschreckt! Wieso schleichen Sie hier unten im Dunkeln herum?«

Er kam näher. Seine dunklen Lederklamotten quietschten in der feuchten Höhlenluft leise.

»Miss Kerrigan, ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber es war nirgendwo Licht zu sehen. Deshalb habe ich mir Sorgen gemacht. Ich dachte, Annika wäre mit Ihnen hier unten.« Sein Gesicht war grau und hinter dem blendenden Schein seiner Taschenlampe schwer zu erkennen. »Wo ist Annika?«

Julia spürte, wie das Zittern nachließ – sehr langsam. Es war nur Ghislain. Nur Ghislain Quoinelles, ihr Chef. Aber ihre Angst war sehr real gewesen: die dunkle Gestalt, die so bedrohlich, so riesig den engen unterirdischen Gang heruntergekommen war. Wie ein wildes Tier. Vielleicht hatte sie zu viele der lokalen Legenden gelesen, vom Werwolf der Margeride, von la Bête de Gévaudan. Die Monster und die Totenschädel und die bedrückende Dunkelheit.

Die verstümmelten Schädel.

»Annika ist heute zu Hause geblieben«, stieß sie aufgeregt hervor. »Sie hat eine Erkältung. Aber nichts Tragisches.«

»Und Ihr Licht? Was ist mit Ihrer Lampe?«

Julia kniete nieder und hob den Helm auf, den sie in ihrer Panik hatte fallen lassen. »Ich habe nicht aufgepasst – und dann war plötzlich die Batterie leer. Sehen Sie?« Sie tippte gegen die Glasscheibe der Stirnlampe. »Kein Saft mehr. Aber es gibt einen Grund, warum ich nicht auf meine Lampe geachtet habe, Herr Professor.«

»Ach ja?«

»Ich glaube, ich habe etwas entdeckt. Endlich.«

In seiner Miene lauerte ein Funke verschlagener neugier. Wie bei einem alten Schwerenöter, der eine naive Unschuld mustert.

»Und was haben Sie gefunden?«

Sie kauerten am Rand des Gangs nieder. Julia hielt die Taschenlampe hoch, während Ghislain sich zu ihren Funden hinabbeugte. Er fasste mit seinen großen bleichen Händen nach dem Schädel und hob ihn hoch.

»Oui, oui. Jetzt verstehe ich. Natürlich …«

Ghislain kauerte so dicht neben ihr, dass sie in der Kälte seine Körperwärme spüren konnte. Der stechende Geruch seiner Lederkleidung stieg ihr in die Nase. Was hatte er bloß mit seinen komischen Lederklamotten? Ghislain Quoinelles zog sich dreißig, wenn nicht sogar vierzig Jahre zu jung an. Sein aktuelles Outfit aus Lederjacke und -jeans war besonders peinlich. Und auf seinem Kopf thronte, wie gewohnt, seine schwarz gefärbte Schmalzlocke. Einfach lächerlich.

Julia schlang die Arme fest um ihren Oberkörper und fragte sich, ob sie zu streng mit Ghislain war und nur ihrem Ärger über seinen furchterregenden Auftritt Luft machen wollte. Aber warum musste er auch so eigenartig angeschlichen kommen? Vielleicht hatte er tatsächlich irgendwelche Hintergedanken. Er war jedenfalls ein ziemlich seltsamer Mensch.

Sie wusste nicht viel über seine Vergangenheit; nur dass er vor langer Zeit eine bekannte Persönlichkeit gewesen war, ein linker Studentenführer, ein soixante-huitard: ein aus der Oberschicht stammender Wortführer der Pariser Studentenunruhen vom Mai 1968. Annika hatte ihr einmal ein paar Schwarzweißfotos von ihm gezeigt, grobkörnige Schnappschüsse eines gutaussehenden Ghislain, wie er an der Spitze eines Demonstrationszugs ging oder an einem Sitin teilnahm, Zeitungsausschnitte eines Interviews, das Le Monde mit ihm geführt hatte, und Porträts von ihm und dem »Roten Dany« und anderen Galionsfiguren der Studentenbewegung.

Er war also einmal ein großer, kluger junger Kommunist gewesen – in einem Land, das ein ausgesprochenes Faible für rebellische Intellektuelle mit Sex-Appeal hegte. Er hatte einmal eine glänzende Zukunft vor sich gehabt. Doch jetzt war er unerklärlicherweise ein alternder Professor, der in einem abgelegenen Teil Frankreichs ein eher unbedeutendes archäologisches Projekt leitete. Vielleicht war die absurd jugendliche Kleidung einfach Ghislains Art, sich an die Phase seines Lebens zu klammern, in der er sich noch im Glanz seines Ruhms gesonnt und noch keine so peinliche Frisur gehabt hatte.

In der Kälte der Höhle überkam Julia ein Anflug von mitleid mit Ghislain. Sie wollte ihn nicht unsympathisch finden. Grundsätzlich wollte sie niemanden unsympathisch finden. Das war reine Zeitverschwendung.

Außerdem war sie jetzt darauf angewiesen, dass er ihren Fund autorisierte. So war das in Frankreich nun mal. Nur mit seiner Zustimmung konnte sie sich die Rechte an ihrem Fund sichern, das Ganze zu ihrem Projekt erklären und die Höhle für jeden Zutritt sperren lassen, bis sie zu Beginn der nächsten Grabungssaison zurückkehrte und ihre Arbeit fortsetzte. Dann konnte sie eine wissenschaftliche Arbeit über ihre Entdeckung veröffentlichen und sich einen Namen machen. Oder zumindest damit anfangen, sich einen namen zu machen. Wer weiß, ob sie je wieder eine solche Gelegenheit bekäme.

»Und? Was halten Sie von meinem Fund, Ghislain?«

»Einen Moment, Julia. Bitte. La patience est amère, mais son fruit est doux.«

Wieder eine nervenaufreibende Pause. Er untersuchte einen der verletzten Wirbelknochen und eine zwischen den Halswirbeln steckende Pfeilspitze. Endlich wandte er sich wieder ihr zu. Die Haare auf seinen großen, weißen Händen waren sehr schwarz und dicht.

»Der Schädel stammt offensichtlich von einem Mann. Ja, ja. Aber die Skelette …« Ghislain zögerte und zog eine Lupe heraus, um den Halswirbel noch einmal zu untersuchen. Dann drehte er sich zu ihr. Abrupt.

»Das genügt. Miss Kerrigan.« Er zog sich in den geräumigeren Teil der Höhle zurück und winkte ihr, ihm zu folgen. »Ja, ein interessanter Fund. Sehr interessant sogar, aber …«

»Aber was?« Julia kämpfte gegen ihre wachsende Panik an. Ghislain musste sich doch der Außergewöhnlichkeit ihres Funds bewusst sein?

Er deutete mit seinem teuren deutschen Stift auf den zur Gänze freigelegten Schädel hinab. »Sehen Sie? Solche Trepanationen sind in dieser Gegend – und in dieser Epoche – relativ häufig. In der Tarn-Schlucht und in den Grotten des Causse méjean wurden ganz ähnliche Funde gemacht. Das ist also nichts Besonderes.«

»Aber die verletzten Kinder und die Feuersteinspitzen, Herr Professor?«

»Eh. Sie sind typique.«

»Typisch? Typisch? So etwas habe ich noch nie gesehen, und ich …«

»Bitte. Beruhigen Sie sich. Gehen wir erst mal nach oben. Hier unten in der Höhle ist es etwas ungemütlich.«

Trotz aller Höflichkeit hatte seine Entgegnung eine gewisse Schärfe. Ghislain drehte sich um und ging zur Leiter. Julia beobachtete, wie er die Stahlsprossen hinaufstieg, zum Wind und zum Himmel der Cham des Bondons hinauf. Gehorsam und unterwürfig folgte sie ihm. Was genau hatte Ghislain vor? Was wollte er damit sagen? Würde er sie ihren Fund auswerten lassen? Oben angekommen, fasste Ghislain in die Tasche seiner Lederjacke und zog sein Handy heraus.

Die Luft über der Cham war kalt und klamm, fast durchdringender als unten in der Höhle. Julia blickte sich um. Unter ihnen wellten sich die dunklen Wälder der Cevennen der fernen Küste entgegen. Im Osten zuckte ein Blitz; schwarze Wolkenmassen wälzten sich über das karge Gestein der Cham des Bondons heran.

Ghislain sprach in raschem, kultiviertem, kryptischem Pariser Französisch in sein Handy. Julia entfernte sich ein paar Schritte von ihm, um das Gespräch nicht mitzuhören, und wartete nervös auf seine Entscheidung. Was sollte dieses blöde Getue? Ghislain musste sich doch der Bedeutung ihres Funds bewusst sein. Trotz seiner Arroganz und seiner salbungsvollen Art war er ein hochintelligenter Mann, eine Koryphäe auf seinem Gebiet; er beherrschte mehrere Sprachen, unter anderem ein ganz vorzügliches Englisch, wofür ihn Julia umso mehr bewunderte, als ihr Québécois-angehauchtes Französisch einiges zu wünschen übrig ließ.

Sie konnte ihre Ungeduld nur mit Mühe im Zaum halten, während Ghislain im nieselregen auf und ab schritt und telefonierte.

Endlich beendete der Herr Professor das Gespräch. Sie wartete, dass er ihr seine Entscheidung mitteilte. Dass er sich ihr zuwandte, sein schmieriges Grinsen aufsetzte und sagte: Bien sur. Sie haben natürlich vollkommen recht, das ist der interessanteste Fund der ganzen Saison.

Aber stattdessen zuckte er nur mit den Achseln, und drehte sich um. Er ging auf sein Auto zu, das vor einem verlassenen, im Dämmerlicht verschwindenden Bauernhof am Straßenrand stand.

Inzwischen war der Regen stärker geworden, hartnäckig und penetrant. Gereizt folgte Julia ihrem Chef. Ihr riss allmählich die Geduld. Sie wollte endlich Gewissheit.

»Ghislain, ich meine, Herr Professor«, stieß sie aufgebracht hervor. »Bitte, so sagen Sie doch endlich was. Darf ich nächste Saison weiter daran arbeiten? Darf ich? Bitte! Es sieht doch alles sehr vielversprechend aus. Die Knochen, die Schädel. Das müsste doch einiges hergeben, oder nicht? Ich habe auch schon ein paar Ideen. Ich weiß, Sie halten das alles für nichts Besonderes, aber ich hätte da sogar schon eine Theorie, wirklich, ich …«

Quoinelles wirbelte herum. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den Julia noch nie an ihm gesehen hatte: Verachtung. Nicht die übliche lächerliche Großspurigkeit, die peinliche Eitelkeit. Nein, Verachtung. Er fuhr sie an:

»Die Schädel werden morgen zusammen mit den Skeletten weggebracht. In einem Museum sind sie am besten aufgehoben. Die Sammlung von Prunier ist dafür genau der richtige Ort.«

»Aber …«

»Sie sind entlastet, sagt man das so? Nein, entlassen. Fertig. Ich brauche Sie nicht mehr.«

»Aber Ghislain, das können Sie doch nicht tun, das ist der beste Fund, den ich je gemacht habe. Ich weiß, mir passieren manchmal Fehler und …«

»Ça suffit!« Er verzog wütend das Gesicht. »Fahren Sie nach Hause. Am besten sofort. Zurück in die Staaten. Dort gibt es doch auch historisch Relevantes, oder etwa nicht? Einige Ihrer Postämter sind dreißig Jahre alt.«

Inzwischen regnete es in Strömen, und heftiges Donnergrollen wälzte sich über die verlassene Hochebene. Julia spürte, wie das Dunkel sie und alle ihre Träume zu ersticken drohte: die hochfliegenden Träume des Nachmittags, der Fund der Saison, die Rechtfertigung für alles.

»Aber das ist mein Fund! Das ist nicht fair! Ghislain, Sie wissen ganz genau, dass das nicht fair ist.«

»Was bilden Sie sich eigentlich ein? Ihre Entdeckung ist vollkommen belanglos, sie ist … nichts.« Ghislains schwarzes Haar troff vom Regen, seine Lederhose war schmutzverschmiert; er bot einen erbärmlichen, aber auch ein wenig bedrohlichen Anblick.

Und tatsächlich begann Julia, vor ihm zurückzuweichen. Sie waren ganz allein in der Einsamkeit der Cham. Weit und breit kein Bauer, nicht einmal ein einsamer Schäfer, die Dörfer ausgestorben: nur sie und Quoinelles. Und mit erschreckender Deutlichkeit spürte sie plötzlich die physische Bedrohung, die von ihm ausging. Sein Finger stieß zornig auf sie zu.

»Was wissen Sie denn schon? Sie mit Ihrem Studium an einem dieser amerikanischen Colleges? Sie haben doch noch nie etwas von diesen Dingen gehört. Sie haben nicht die leiseste Ahnung. Diese Schädel und Skelette sind nichts Besonderes. Sie sind typisch. Vollkommen belanglos. Ja, total belanglos«, wiederholte er. »Ich bitte Sie hiermit, morgen Ihre carte d’identité zurückzugeben.«

Seine Aggressivität war deutlich zu spüren, aber etwas an seiner Art war seltsam. Julia konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sie zum Spaß fertigmachte, sie zu seinem eigenen perversen Vergnügen herunterputzte.

Aber so leicht ließ sie sich nicht ins Bockshorn jagen. Du kannst mich mal, dachte sie herausfordernd. Selbst wenn du mich feuern willst, du kannst mich mal. Sie starrte ihn mit gerecktem Kinn trotzig an.

Nur vom leisen Rauschen des Regens umgeben, standen sie eine Weile wortlos da.

Schließlich drehte er sich mit einem verächtlichen Achselzucken um und ging zu seinem Auto. Julia sah ihm nach; plötzlich wirkte er überhaupt nicht mehr lächerlich, wie er durch den Regen davonstapfte.

Und was jetzt?