Beschreibung

Action, Abenteuer und viel Humor. In der Nacht vor seinem dreizehnten Geburtstag muss Oskari allein in die Wildnis, so verlangt es die Tradition. Bewaffnet mit Pfeil und Bogen soll er ein Tier erlegen, um seine Männlichkeit zu beweisen. Dass Oskari den Bogen kaum spannen kann, erleichtert die Sache nicht gerade. Doch dann fällt ihm der amerikanische Präsident quasi direkt vor die Füße. Er ist nur knapp einem Attentat entkommen und sieht trotz seines schicken Anzugs nicht so aus, als hätte er die Lage im Griff. Jetzt kann Oskari zeigen, was in ihm steckt. Verfilmt mit Samuel L. Jackson und Mehmet Kurtulus. "BIG GAME macht Riesenspaß – so wunderbar absurd und dabei so ehrlich." Mehmet Kurtulus

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Ein Chicken House-Buch im Carlsen Verlag Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. In diesem E-Book befinden sich eventuell Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Carlsen Verlag GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.© der deutschen Erstausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2015 © der englischen Originalausgabe by The Chicken House, 2 Palmer Street, Frome, Somerset, BA11 1DS, 2015 Text © Dan Smith, 2015 Based on the original story by Jalmari Helander and Petri Jokiranta Based on the original screenplay by Jalmari Helander © 2015 Based on the original motion picture produced by Subzero Film Entertainment in co-production with Altitude Film Entertainment and Egoli Tossell Film Dan Smith has asserted his moral rights. All rights reserved. Originaltitel: Big Game Umschlagbild: Shutterstock / Jennifer Gottschalk; Peter Gudella Umschlaggestaltung: Henry’s Lodge, Vivien Heinz Aus dem Englischen von Birgit Niehaus Lektorat: Anja Kemmerzell Layout und Herstellung: Tobias Hametner Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde Lithografie: Margit Dittes Media, Hamburg ISBN 978-3-646-92694-1www.chickenhouse.de

Für alle, die glauben, sie seien nicht gut genug

Der Wald ist ein strenger, unbestechlicher Richter. Er gibt jedem, was er verdient – aber er schenkt einem nichts. Man muss seine Signale richtig deuten und mit Zähnen und Klauen um die Beute kämpfen. Das tun wir seit Jahrhunderten und wir werden es auch in Zukunft so halten.

LETZTE VORBEREITUNGEN

Ich hockte im Schatten einer Sandbirke und schnupperte. Es roch nach feuchtem Moos und Erde. Aber da hing noch ein anderer Geruch in der Luft: nach etwas Warmem, Wildem.    

Reglos verharrte ich, horchte auf das leiseste Rascheln.    

Da!

Weiter vorne. Im gesprenkelten Grün des Waldes.

Ohne den Blick von den Bäumen abzuwenden, langte ich nach unten und griff mir eine Handvoll Laub. Es war braun und welk und wehte mir entgegen, als ich es in die Luft warf. Sehr gut! Das Tier, das sich da vorne verbarg, konnte mich also nicht wittern. Der Wind trug meinen Geruch von ihm weg.

Ich umklammerte den Bogen fester. Mit der rechten Hand tastete ich nach hinten und zog einen Pfeil mit scharfer, glänzender Spitze aus dem Köcher. Ich legte ihn in die Sehne ein und schlich näher. Kurz hielt ich inne, dann machte ich noch einen Schritt, wie in Zeitlupe. Der Waldboden war bedeckt mit trockenen Blättern und Zweigen, aber das störte mich nicht. Ich war ein Jäger. Der beste unseres Dorfes. Einer, der es verstand, lautlos wie ein Phantom über altes Herbstlaub zu schweben.

Entschieden und punktgenau setzte ich meine Füße auf den kupferfarbenen Blätterteppich, ohne abzurollen. Genau das war der Trick. Man musste platt auftreten, so wie die Hirsche, Rehe und Elche. Deren Hufe rollten auch nicht ab, sondern berührten den Boden nur einmal flüchtig – weshalb man sie genauso wenig hörte wie den Morgennebel, der zwischen den Bäumen hindurchwabert.

Die Zeit schien stillzustehen. Mein Herz schlug gleichmäßig, meine Muskeln waren entspannt.

Und dann entdeckte ich ihn. Nicht weit vor mir. Ein Umriss zwischen den Ästen.

Es war der größte Hirsch, den ich je gesehen hatte. Stolz und aufrecht stand er da, den Kopf in meiner Richtung. Sein Geweih war so gewaltig, dass ich es nicht mal mit ausgestreckten Armen hätte umfassen können.

Ich straffte die Schultern und holte tief Luft. Dann brachte ich den Bogen in Position, spannte ihn, kniff ein Auge zu und zielte, während ich langsam und gleichmäßig ausatmete.

Jetzt.

Als ich die Sehne losließ, surrte der Pfeil durch die Luft. Ein tödliches Geschoss aus Holz und Federn, geradlinig, präzise und schnell.

Doch der Pfeil streifte einen im Wind schwingenden Ast und wurde nach rechts abgelenkt. Er geriet ins Schlingern, prallte gegen einen Birkenstamm und trudelte zu Boden wie ein abgestorbener Zweig.

»Verdammt!«

Sofort schnappte ich mir einen neuen Pfeil, legte ihn ein, spannte und ließ los.

Dieses Mal schaffte es der Pfeil zwar durch das Astgewirr, doch sein Schwung verpuffte zu früh. Als er die Hinterflanke des Tieres erreichte, tropfte er ab und fiel ins Unterholz.

»Das gibt’s doch nicht!«

Ich ging noch näher ran und schoss erneut. Diesmal traf ich fast die Stelle, wo das Herz saß, doch wieder hatte der Pfeil zu wenig Power, um das Fell zu durchbohren.

»Scheiße, das Ritual kann ich vergessen!«, fluchte ich und ließ den Bogen sinken. »Das wird ein einziges Fiasko!«

Die Einsicht traf mich mit voller Wucht. Ich war alles andere als der beste Jäger des Dorfes. Ich war nicht mal der beste Jäger unter den Gleichaltrigen. Ich war ein absolut hoffnungsloser Fall. Mein Bogen war kleiner und hatte weniger Zugkraft als der von den anderen Jungs, aber ich konnte einen größeren nicht händeln. Und zielen konnte ich auch nicht.

Ich trottete mit einem Seufzer auf die riesige braune Gestalt hinter den Bäumen zu. Von weitem sah das Ding erstaunlich echt aus, aber von nahem war es einfach nur ein Haufen aus Stöcken und Moos mit einer alten kaffeefarbenen Decke drüber. Eine Attrappe, die Dad mir zu Übungszwecken hinter unserem Haus errichtet hatte.

Fluchend legte ich einen neuen Pfeil ein und schoss ihn in blinder Wut ab. Die Spitze bohrte sich in die Decke, direkt an der Stelle, wo bei einem richtigen Hirsch das Herz gesessen hätte.

Ich bräuchte schon eine Riesenportion Glück. Oder müsste mich zumindest verdammt nahe heranpirschen können …    

Schritte. Hinter mir.

Ich drehte mich um und wartete. Es war Dad, das erkannte ich am Gang. Dad war groß und machte entsprechend lange, aber trotzdem erstaunlich leichtfüßige Schritte.

»Oskari.« Er schob die Zweige beiseite und spähte zu mir hindurch. »Du übst wohl bis zur allerletzten Minute?«

Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und zuckte die Achseln, versuchte meine Angst zu überspielen. Morgen war mein dreizehnter Geburtstag, doch bevor ich ein Mann sein würde, musste ich das Ritual bestehen.

»Tja …« Er zögerte, offenbar unschlüssig, was er sagen sollte. »Sie warten bestimmt schon alle. Bist du fertig?«

»Denke schon.« Ich rührte mich nicht vom Fleck.

Dad musterte mich einen Moment, dann kam er zu mir und hob mit einer Hand mein Kinn an, so dass er mir in die Augen sehen konnte. »Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut werden.«

Ich nickte und versuchte zu lächeln, obwohl ich ganz und gar nicht das Gefühl hatte, dass alles gut werden würde.

DIE SCHÄDELSTÄTTE

Mein Magen spielte verrückt, als ich den Bogen in meinem Zimmer gegen die Wand lehnte und dann das Haus verließ.

Dad wartete schon in seinem SUV. Nervös trommelte er auf dem Lenkrad herum, der Motor lief. »Beeil dich! Wir müssen los«, rief er durch das offene Seitenfenster.

Ich zog die Tür zu und lief um das Auto herum zum Beifahrersitz, aber Dad schüttelte den Kopf.

»Setz dich hinten rein«, sagte er. »Wenn du das Ritual erfolgreich hinter dich gebracht hast, darfst du vorne sitzen. Wie ein Mann. So will es die Tradition.«

Ohne zu antworten, kletterte ich auf den Rücksitz. Es war lange her, dass ich zuletzt dort gesessen hatte. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind.

Knirschend legte Dad den Gang ein und fuhr los. »Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte er.

»Hab ich nicht.«

»Du wirst es gut machen, Oskari. Du bist mein Sohn.« Er warf mir einen Blick im Rückspiegel zu und fuhr sich mit den Fingern durch den Bart, so als würde er angestrengt nachdenken. »Ich weiß, dass du es eigentlich nicht machen willst, aber es ist nun mal Tradition.«

»Ich will es doch machen«, sagte ich.

Dad öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders und schloss das Fenster. Die Luft im Auto roch abgestanden und nach alten Stiefeln.

Unsere Dorfstraße war ganz verbeult vor lauter Schlaglöchern. Und überall am Straßenrand standen wartende Autos. Als wir an ihnen vorbeifuhren, hupten sie und sammelten sich als Konvoi hinter uns. Ich versuchte auszublenden, dass all die Leute nur wegen mir unterwegs waren. Dass sie mir hinterherfuhren, um zu sehen, wie ich mich beim Ritual schlug.

»Am besten, du erlegst einen Elch, okay?«, sagte Dad.    

Ich holte tief Luft, legte meine Hände als Trichter um den Mund und stieß den Laut aus, den Dad mir beigebracht hatte.

»Ööörüüüh! Ööörüüüh!«

Mein Vater runzelte die Stirn. »Hm, klingt ein bisschen nach einem schnarchenden alten Mann, aber schon ganz gut. Vielleicht klappt der Hirsch besser?«

Ich probierte den Hirschlaut, doch der hörte sich wie eine ertrinkende Katze an. Dad schüttelte den Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Straße zu.

Ich schloss die Augen und wünschte mich weit weg. »Tut mir leid.«

»Du wirst es schon packen, Oskari«, sprach er mir ungefähr zum fünften Mal Mut zu. Aber es klang eher so, als wolle er sich selbst beruhigen. »Alles, was du brauchst, hab ich dir hinten aufs Quad geschnallt. Aber wenn du tust, was ich dir beigebracht habe, wirst du es gar nicht brauchen. Damals, zu meiner Zeit, gab’s noch keine Quads. Und wir haben es auch geschafft. So, und jetzt wiederhole noch mal, was die zwei wichtigsten Dinge sind.«

»Äh …«

»Komm schon, Oskari, die zwei wichtigsten Dinge.«

»Das Messer.«

»Ja.«

»Und das Feuerstarter-Set.«

»Hast du beides bei dir?«

»Ja.« Ich klopfte auf das Messer, das an meinem Gürtel hing, und auf meine Jackentasche, in der ich das wasserdichte Döschen mit dem Zündzubehör verstaut hatte.

»Sehr gut, mein Junge. Solange du diese zwei Dinge bei dir hast, kann dir nichts passieren. Deshalb: Trenne dich niemals von ihnen. Pack sie nicht in deinen Rucksack und verliere sie bloß nicht. Sie können über Leben und Tod entscheiden.«

»Es ist doch nur eine Nacht, Dad.« Ich versuchte tapfer zu klingen.

»Das spielt keine Rolle. In der Wildnis ist eine Nacht lang genug. Da kann alles schiefgehen. Aber mit dem Messer und dem Feuerstarter-Set kannst du dich verteidigen und für Wärme und Nahrung sorgen – so lange wie nötig. Und dann hast du natürlich noch den Bogen.«

Der Bogen. Allein bei dem Gedanken krampfte sich mein Magen zusammen.

Seufzend drehte ich mich um und starrte durch die dreckige Heckscheibe, die bei jedem Schlagloch hin und her rüttelte. Das Dorf war schon längst nicht mehr zu sehen, es lag irgendwo weit hinter uns zwischen den Bäumen verborgen. Wir schraubten uns hinauf in die ersten Ausläufer des Mount Akka, des höchsten Berges dieser Gegend.

Hinter uns rumpelte der Anhänger mit Dads Quad über die holprige Straße. Wie ein Lebewesen, das sich frei strampeln wollte, riss es an den Gurten, mit denen es festgezurrt war, warf sich mal nach rechts, mal nach links. Dieses ramponierte, matschverschmierte Ding mit dem zerkratzten grünen Lack gehörte zum Inventar, solange ich denken konnte. Dad hatte es bislang immer wieder zum Laufen gebracht, wenn es kaputt war. Unzählige Teile hatte er schon ausgetauscht. Er konnte es sich einfach nicht leisten, ein neues zu kaufen.

Hinter dem Anhänger folgten die anderen Autos, ein bunt gemischter Konvoi aus rostigen Pick-ups und Geländewagen. Einige von ihnen hatten Ausrüstung geladen und waren mit Planen abgedeckt, die im Wind flappten. Andere zogen klapprige alte Wohnwagen. Ich beobachtete den Tross einen Moment. Beim Gedanken an die Insassen wurde mir schlecht. All die Männer, die den Berg hochfuhren, um zu sehen, wie ich scheiterte. Die nur allzu gut wussten, dass ich nicht stark genug war.

Mum hatte immer gesagt, ich sei ein Spätentwickler. Wenn ich übersät mit blauen Flecken aus der Schule kam, hatte sie mir heiße Schokolade gemacht und mir versichert, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis ich größer und stärker wäre als Jungs wie Risto und Broki, dass die aber wiederum niemals so schlau sein würden wie ich. Dad hatte dann meist gelächelt und genickt.

»Größer, stärker und schlauer«, sagte er dann. »Eines Tages wirst du mehr sein als nur ein Jäger.«

Jetzt, wo es Mum nicht mehr gab, lächelte er nur noch selten.

Links von der Straße zogen sich endlose Kiefern und schroffe Felsen zu einem breiten Gürtel Wildnis, der den Mount Akka flankierte. Je höher man kam, desto dichter und dunkler wurde der Wald, und jetzt, im Frühling, wimmelte er nur so vor Leben. Allerdings wollte ich mir lieber nicht ausmalen, was genau dort alles lebte. Bären, die einem mit einem einzigen Prankenhieb den Kopf abreißen konnten. Aggressive Vielfraße, groß wie Dobermänner, die in der Lage waren, einem die Knochen zu zermalmen. Und dann gab es da noch ganz andere Wesen, das wusste ich von Mum. Ajatar, zum Beispiel, ein böser Waldgeist in Drachengestalt, der einen krank machte, wenn man ihn zu lange anschaute. Oder den Näkki, ein Monster, das ständig seine Gestalt änderte und seine Opfer in Sümpfe und Seen lockte. Das waren natürlich alles Fabelwesen, klar. Aber trotzdem hatte ich es geliebt, wenn Mum auf meiner Bettkante gesessen und mir von ihnen erzählt hatte, bevor sie mir einen Kuss auf die Stirn drückte und das Licht löschte. Mum hatte Hunderte solcher Geschichten gekannt.

»Du denkst an Mum.« Dads Stimme war plötzlich ganz leise. »Das spüre ich sofort. Jedes Mal.«

Ich sagte nichts.

»Ich vermisse sie auch.« Jetzt flüsterte er fast, als fiele es ihm schwer, das zuzugeben.

Rechts der Straße klaffte ein Abgrund. Wenn Dad zu weit dort hinüberfuhr, würden wir ins Nichts stürzen und erst nach einer halben Ewigkeit unten aufschlagen.

»Ich habe noch was für dich«, sagte Dad. Er beugte sich zum Handschuhfach und kramte darin, während er mit einem Auge die Straße im Blick behielt. In dem Ablagefach befand sich jede Menge Krempel, zerknüllte Zettel, Patronenhülsen, ein altes Messer mit Knochengriff, ein paar lose Schnüre und eine halbvolle Zigarettenschachtel. Was er schließlich herauszog und mir nach hinten reichte, war ein zusammengerolltes Blatt Papier. »Hier.«

»Was ist das?« Ich nahm die Rolle mit zitternden Händen entgegen.

Das Papier wirkte ziemlich alt. Es war total vergilbt und erstaunlich steif und hatte nur wenige Knicke, wahrscheinlich vom Reinstopfen ins Handschuhfach. Es roch nach Öl.    

Dad schnappte sich die Schachtel mit den Zigaretten, fingerte eine heraus, warf die Schachtel zurück ins Fach und schloss die Klappe. Dann öffnete er das Fenster einen Spaltbreit und zündete sich die Zigarette an. Der Wind wehte mir den Qualm direkt ins Gesicht. Ich rutschte zur anderen Seite hinüber.

»Na los«, sagte Dad. »Schau es dir an.«

Ich zögerte einen Moment. Dann holte ich tief Luft und rollte das Papier auseinander. Eine Zeichnung kam zum Vorschein.

»Eine Karte?« Ich erkannte ein, zwei Orte, die darauf vermerkt waren. Auch die Straße, auf der wir fuhren, und der Wald zu unserer Linken waren abgebildet. Relativ weit oben, schon fast an der Flanke des Mount Akka, entdeckte ich die Schädelstätte – den Ort, den wir ansteuerten. Ganz unten auf der Karte befand sich unser Dorf.

»Siehst du das rote Kreuz?«, fragte Dad.

Ich fuhr mit dem Finger über die Knickstellen des Papiers. »Ja. Was ist das?« Ich tippte auf das rote Kreuz. Es sah aus, als sei es gerade erst mit Filzstift eingezeichnet worden.

»Das ist unser kleines Geheimnis«, erklärte Dad. »Ein Ort, wo du hundertprozentig Wild findest.« Er nahm die Hände vom Lenkrad und streckte die Arme weit aus. »Und zwar nicht irgendwelches Wild. Nein, gewaltige Hirsche mit Riesengeweihen.«

»Dein heimlicher Jagdplatz?« Ich betrachtete das rote Kreuz. Schon auf dem Papier verströmte der Ort eine geheimnisvolle Aura. Ich erinnerte mich daran, wie Mum immer gesagt hatte, der Hirsch wäre mein Tier – die Beute, die der Wald für mich bereithielte.

»Genau. Dort kommst du ganz dicht an die Tiere ran. Du musst nur bis zum Morgengrauen warten, und zwar an einer Stelle, wo der Wind deinen Geruch nicht zu ihnen trägt.«

»Okay, Dad.« Ich riss meinen Blick von der Karte los und schaute ihn an. »Ich weiß ja, wie ich sie rufe.«

Ich sah genau, wie er reagierte – dieses schnelle Hochziehen der Augenbrauen, bevor er wieder auf die Straße starrte. »Der Jagdplatz liegt auf einem Plateau kurz unterhalb des Gipfels«, erklärte er. »Ruhe dich aus, ganz entspannt, bevor du bei Tagesanbruch hinaufsteigst. Du kannst sicher sein, dass du dort einen Hirsch findest, mit dem du hoch erhobenen Hauptes zur Schädelstätte zurückkehren kannst.«

Ausruhen. Entspannen. In völliger Dunkelheit! Mutterseelenallein in dem Riesenwald rund um den Mount Akka! Eine ganze Nacht lang! Seit fast zwei Wochen hatte ich an nichts anderes denken können. Ich hatte davon geträumt und war morgens schweißgebadet aufgewacht, mit einem großen Angstkloß im Hals.

Ich schluckte und versuchte mich innerlich zu wappnen, mich stark zu machen. Für mich selbst und für Dad. Schließlich war die Sache für ihn genauso wichtig wie für mich.

»Dad?«

»Hm?«

»Ich wollte nur sagen … das Ritual … ich werde mein Bestes geben.«

»Das weiß ich.«

Ich warf einen letzten Blick auf die Karte, dann rollte ich sie wieder zusammen und stopfte sie in meine Tasche. Als ich aufsah, bemerkte ich, dass Dad mich im Rückspiegel musterte.

»Aber ich weiß nicht, ob mein Bestes ausreicht …«

»Natürlich.« Dad nickte und zwang sich zu einem Lächeln. Aber wir beide wussten, er war ein Held, eine lebende Legende, und ich ein Loser. Ich konnte mich anstrengen, wie ich wollte, nie reichte es. Nie war es gut genug.

Je tiefer sich die Straße in den Wald schraubte und je höher es in die Vorberge des Mount Akka ging, desto düsterer wurde es. Immer weiter fuhren wir, mitten hinein in diese Explosion von Grün und Braun. Die Kiefern und Fichten um uns herum ragten so hoch auf, dass ich mein Gesicht an die staubige Scheibe pressen musste, um die Baumwipfel zu sehen. Der frische, süßliche Geruch, der durch Dads offenes Fenster hereindrang, erinnerte mich an die vielen Tage, die ich vergangenen Monat im Wald verbracht hatte. Dad hatte mich in aller Herrgottsfrühe geweckt und war mit mir hinters Haus gegangen, damit ich übte, Feuer zu machen und einen Unterschlupf zu bauen. Auch wie man sich tarnt und Tierfährten folgt, hatte er mir gezeigt. Und er hatte mich köcherweise Pfeile in den selbst gebauten Hirsch schießen lassen – nicht mit meinem, sondern mit seinem Bogen, obwohl ich für den eigentlich nicht kräftig genug war. Ich hatte genau gesehen, dass ihn das ebenso beunruhigte wie mich.

Dad drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und kurbelte das Fenster hoch. »Wir sind gleich da. Bist du bereit?«

Mein Magen geriet ins Schlingern, doch ich zwang mich zu einem Nicken. »Klar.«

»So bereit, wie man nur sein kann, was?«

»Hm …« Ich rutschte zurück hinter den Fahrersitz und zog das postkartengroße Foto aus meiner Tasche, das ich heimlich von der Wand in der Jagd-Lodge genommen hatte. Das Foto war alt, genau wie die Karte, und in der Mitte gefaltet. Ich klappte es auseinander und starrte auf den gerade dreizehn Jahre alt gewordenen Dad. Seine Hand umklammerte einen großen Bogen, auf seinem gebeugten Rücken lastete ein riesiger Braunbärenkopf. Ich fragte mich, wie man jemals so stark und mutig sein konnte wie Dad.

»Du wirst es allen zeigen«, sagte er, als könnte er Gedanken lesen.

Ich faltete das Foto zusammen und steckte es zurück in die Tasche. Wieder spürte ich seinen Blick im Rückspiegel.

»Du hast den Grips deiner Mutter, Oskari. Du bist clever. Viel cleverer als ich damals. Es geht ja nicht nur darum, groß und stark zu sein. Das weißt du.«

Und trotzdem konnte ich mir in diesem Augenblick nichts Nützlicheres vorstellen als Kraft und Größe. Und vielleicht noch Mut. Oder eine Pistole.

»Und denk an die Karte«, sagte Dad. »Verlier sie nicht.«

Da wir den Konvoi anführten, waren wir die Ersten, die an der Schädelstätte ankamen. Sie lag auf dem höchsten Berg vor Mount Akka, der gleich dahinter aufragte. Es war eine große steinige Lichtung, auf die wir holperten. Ich kannte sie noch nicht, aber die anderen Jungs hatten mir davon erzählt. Sie war von undurchdringlichem Wald und zerklüfteten Felsen umgeben, nur am gegenüberliegenden Ende nicht. Dort klaffte ein gigantischer Abgrund, eine Schneise ins Nichts, durch die man sehen konnte, wie sich dichte Wolken um die weiter entfernten Gipfel legten.

Die Reifen knirschten auf den losen Steinen, als Dad an den Rand der Lichtung fuhr. Dort wendete er, so dass wir direkt auf die Schädelstätte blickten, und stellte den Motor aus.

Auf der anderen Seite der Lichtung erhob sich flatternd eine schwarze Wolke von Krähen und zerstob am grauen Himmel. Eine Weile kreisten dort wohl an die hundert Vögel und zerstreuten sich in verschiedene Richtungen, bevor sie sich wieder sammelten und gemeinsam niederließen.

Wenn die Männer meines Dorfes über diese Lichtung sprachen, dann klang es immer, als handelte es sich um einen heiligen Ort. Einen Ort, der Teil von ihnen war. Und obwohl meine Freunde ihn beschrieben hatten und auch mein Dad versucht hatte mich darauf vorzubereiten, hätte ich ihn mir nie im Leben so vorgestellt.

DAS RITUAL

In der Mitte der Schädelstätte befand sich ein großes, aus Kiefern- und Birkenstämmen zusammengezimmertes Podest, eine Art riesige Kiste aus dunklem, verwittertem Holz. Im Inneren wurde die Konstruktion von Felsbrocken gestützt, das konnte ich durch die Lücken zwischen den Rundhölzern erkennen.

Das Podest sah aus, als stünde es seit Anbeginn aller Zeiten dort. Wie ein großer Opferaltar. Unwillkürlich fragte ich mich, wie viele Jungen wohl schon hier hergebracht und auf die Bühne gestellt worden waren.

Das Podest wurde von kreisförmigen Holzpfählen gesäumt, schulterhohe Kiefernpfosten, so dick wie mein Unterarm. Weitere Pfähle steckten über das gesamte Gelände verstreut in der Erde, ohne erkennbare Ordnung. Und auf jedem dieser Pfähle thronte ein Schädel. Manche von ihnen waren klein, die der Raufußhühner, Fasane oder Kaninchen zum Beispiel. Aber es waren auch beeindruckend große dabei, von Füchsen, Rehen und sogar einem Hirsch– samt Geweih. Und direkt vor uns, auf dem höchsten Pfahl, prangte ein riesiger, von Sonne, Wind und Regen verwitterter Braunbärschädel. Mit seinem weit aufgerissenen Maul sah er fast so aus, als würde er ein furchterregendes Knurren ausstoßen. Als wäre er immer noch empört über das, was man ihm angetan hatte.

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