Bildung als Schutzfaktor vor rechtsextremen Einstellungen? - Michael John - E-Book

Bildung als Schutzfaktor vor rechtsextremen Einstellungen? E-Book

Michael John

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Beschreibung

Magisterarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Soziologie - Recht und Kriminalität, Note: 1,0, Universität Leipzig (Institut für Soziologie), Sprache: Deutsch, Abstract: Demokratien sehen sich nach wie vor mit Rechtsextremismus konfrontiert. Bei entsprechenden Vorfällen ertönt oft schnell der Ruf nach mehr Bildung. Aber ist Bildung tatsächlich ein (Allheil)Mittel? Trotz jahrzehntelanger Rechtsextremismusforschung gibt es auf die Frage keine zufriedenstellende Antwort. Der Autor Michael John geht davon aus, dass Bildung keine prinzipielle Antithese zu Rechtsextremismus darstellt. Statt die Forderung nach mehr Bildung pauschal zu unterstützen, fragt er detailliert, wie Bildung gestaltet sein muss, um rechtsextreme Einstellungen verhindern zu können. Aufbauend auf umfassenden theoretischen Vorüberlegungen werden zunächst pädagogische Konzepte im Kampf gegen Rechtsextremismus systematisch gesichtet, und anschließend qualitative Interviews mit Pädagogen aus Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit zum Problemzusammenhang ausgewertet. Das Buch richtet sich an Sozialwissenschaftler und Pädagogen sowie Personen, die sich mit der Thematik beschäftigen und Pauschalisierungen vermeiden wollen. Es liefert einerseits fundierte Hypothesen für anschließende Forschungsstudien, andererseits konkrete Praxisvorschläge für Bildungskonzepte gegen Rechtsextremismus. Die Interviewtranskripte sind aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht beigefügt.

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Veröffentlichungsjahr: 2008

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Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.2 Was ist die Zielstellung der Untersuchung?
1.3 Wie sollen die Fragestellungen beantwortet werden?
1.4 Von welchen Prämissen wird bei der Untersuchung ausgegangen?
1.5 Zum Inhalt der Arbeit
2. Rechtsextreme Einstellungen
2.1 Abgrenzung von Rechtsextremismus zu konkurrierenden Begriffen
2.3 Rechtsextremismus und rechtsextreme Einstellungen als aktuelles Problem
2.4 Zwischenfazit I: Eigenes Begriffsverständnis rechtsextremer Einstellungen
3. Ursachen rechtsextremer Einstellungen
3.1 Primäre Beziehungserfahrungen
3.2 Deprivation und/ oder Desintegration
3.3 Politische Kultur
3.4 Integration individualpsychologischer und gesellschaftlicher Bedingungen
3.5 Genetik
4. Bildung
4.1 Historischer Abriss zur Begriffsgeschichte
4.2 Aktuelle Bildungskonzeptionen
4.3 Abgrenzung von Bildung zu Erziehung und Sozialisation
4.4 Zwischenfazit II: Eigenes Begriffsverständnis von Bildung
DIE UNTERSUCHUNG IMMUNISIERENDER BILDUNGSINHALTE
5. Der Bildungseffekt aus Sicht der Wissenschaft: Die Literaturrecherche
5.1 Bildung als immunisierende soziodemographische Variable?
5.2 Interpretationen des Immunisierungseffektes institutionalisierter Bildung

Page 1

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6. Leitfadeninterviews mit Pädagogen: Die qualitative Studie. . . . . . . . 121

6.1 Das Forschungsdesign . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122

6.2 Darstellung des Leitfadens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

6.3 Vorstellung der Interviewpartner . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126

6.4 Erläuterung der Auswertungstechnik . . . . . . . . . . . . . . . . 130

6.5 Zwischenfazit V: Immunisierende Bildungsinhalte und ihre Einflussfaktoren laut Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131

6.6 Grundsätzliche Probleme der Studie: Bemerkungen zur Gültigkeit der Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147

7. Die Untersuchungsergebnisse im Überblick: Die Synthese aus Literaturrecherche und Studie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151

7.1 Immunisierende Bildungsinhalte und ihre Einflussfaktoren in der Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152

7.2 Abschließende Hypothesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157

TEIL III:

IMMUNISIERENDE BILDUNGSINHALTE! DIE DISKUSSION DER UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE

8.BestimmteBildungkannrechtsextreme Einstellungen verhindern helfen. . . 159

9. Abschließende Anmerkungen zur Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . 160

Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163

Anhang A:Interview-Leitfaden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179

Anhang B:E-Mail-Korrespondenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182

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1. Einführung

1.1 Warum eine weitere Arbeit1über rechtsextreme Einstellungen?

Rechtsextreme Einstellungen sind nicht nur an den gesellschaftlichen Rändern zu finden, sondern ebenso in der „Mitte der Gesellschaft“ (Decker/ Brähler 2006, S. 55).2Zumindest einzelne Aspekte des „rechtsextremen Einstellungssyndroms“3(Kleinert/ de Rijke 2000, S. 184) werden auch aktuell4von sehr vielen Menschen vertreten (vgl. hierzu die Studien von Decker/ Brähler 2006 und Heitmeyer 2006). Für eine demokratisch verfasste, auf dem „Prinzip der Volkssouveränität“ (Schultze 2001, S. 51) sich gründende Gesellschaft stellen solche antidemokratischen (vgl. Arzheimer/ Schoen/ Falter 2000, Aschwanden 1995), gleichsam in der gesellschaftlichen und politischen Mitte etablierten Orientierungen ein ernsthaftes Problem für deren Stabilität dar (vgl. Butterwegge/ Häusler 2002). Besonderer Aufmerksamkeit bedarf die sich abzeichnende „Normalität“5(Heitmeyer 2006, S. 27) rechtsextremer Einstellungselemente deshalb, weil „alles, was als normal gilt, (..) sich nur schwer problematisieren“ und daher „nur noch mit großen Anstrengungen verändern“ (ebd.) lässt. Spätestens seit internationalen Schulleistungstests wie PISA ist auch Bildung wieder ein Thema, das nicht nur wissenschaftlich, sondern v.a. auch politisch und medial neu diskutiert wird (vgl. Otto/ Oelkers 2006). Gegenwärtig wird Bildung als „Feuerwehr und ‚Joker’“ (Lindner 2003, S. 47) gegen sämtliche sozialen Probleme bemüht; eben auch um rechtsextreme Orientierungen zurückzudrängen. Abgesehen davon, dass eine solche Sichtweise politisch fatal sein dürfte, da das strukturelle Problem rechtsextremer Einstellungen in unzulässiger Weise individualisiert und als Problem bildungsbenachteiligter Gruppen gedeutet wird (vgl. Butterwegge/ Häusler 2002, Hafeneger 1993), ist der damit zumindest implizit behauptete Wirkungszusammenhang auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten äußerst fragwürdig. Aufgrund ihrer „multifaktoriellen“ (Aschwanden 1995, S. 10) Bedingtheit können rechtsextreme Orientierungen nicht allein durch ein Mehr an Bildung reduziert werden. Übersehen wird außerdem, dass zwischen (höherer) Bildung und liberaler und toleranter Einstellung „kein Automatismus“ (Hopf 1999, S. 848) besteht. Mitverantwortlich für eine solche „Pädagogisierung“ (Hafeneger 1993, S. 262) der Aus-einandersetzung mit rechtsextremen Einstellungen ist der in der empirischen Forschung „immer wieder bestätigte empirische Befund“ (Hopf 1999, S. 847), dass mit steigendem Bildungsgrad solche Orientierungen relativ zurückgehen. Innerhalb der Wissenschaft besteht zwar weitgehend Konsens6darüber, dass rechtsextreme Orientierungsmuster vielfältige Ursachen haben können - „Persönlichkeits-undUmweltfaktoren“ (Winkler 1996, S. 25; Hervorheb. d.V.) -, Bildung zählt aber scheinbar zu einer der wenigen Bedingungen, „die in der

1Die folgende Arbeit ist - in leicht veränderter Form - auch gleichzeitig die akademische Abschlussarbeit des Verfassers.

2Die Untersuchung bezieht sich in ihren Aussagen primär auf Deutschland. Rechtsextreme Einstellungen sind allerdings auch international verbreitet (vgl. Arzheimer/ Schoen/ Falter 2000, Gabriel 1996, Kleinert/ de Rijke 2000, Oepke 2005, Winkler/ Jaschke/ Falter 1996).

3Zur Kennzeichnung rechtsextremer Einstellungen als ein Syndrom mehrerer Einzelorientierungen siehe Abschnitt 2.2.

4Die SINUS-Studie - die erste umfassende wissenschaftliche Untersuchung zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in der damaligen Bundesrepublik (vgl. Stöss 2000b) - konstatierte bereits 1981, dass „13 % aller Wähler in der Bundesrepublik (..) über ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild (verfügen; d.V.)“ (SINUS 1981, S. 78).

5Zwölf Jahre zuvor sprach Heitmeyer (1994a) „nur“ von einer „Normalisierung“ (ebd., S. 33). Das Problem scheint sich seiner Meinung nach also vermutlich verschärft zu haben. Zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen im Zeitverlauf siehe Abschnitt 2.3.

6Dissens besteht jedoch hinsichtlich der Aufschlüsselung und Gewichtung der unterschiedlichen Einflussfak-toren (vgl. Schroeder 2004). Zu populären Ursachevermutungen rechtsextremer Einstellungen siehe Kapitel

3.

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wissenschaftlichen Diskussion wenig kontrovers sind“ (Hopf 2001, S. 53).7Hierbei wird Bildung jedoch lediglich als (aspirierter) allgemeinbildender Schulabschluss operationalisiert; bei älteren Studien zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen (vgl. z.B. Falter 2000, SINUS 1981) ebenso wie bei aktuellen Untersuchungen (vgl. z.B. Brähler/ Niedermayer 2002, Decker/ Brähler 2005, Dies. 2006).

Obwohl die Rechtsextremismusforschung ungebrochen ein „prosperierendes Forschungsfeld“ (Decker/ Brähler 2005, S. 8) ist und sich eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Disziplinen,8insbesondere seit Anfang der neunziger Jahre9mit dem Phänomen befasst und versucht, die verschiedenen Aspekte des Rechtsextremismus10ursächlich zu erklären (vgl. Decker/ Brähler 2005, Lynen von Berg 2002, Winkler 2000), wird der „Bildungseffekt“ (Heyder 2003, S. 81) „kaum inhaltlich gedeutet oder theoretisch reflektiert“ (Hopf 1999, S. 848). Nur einige wenige Untersuchungen haben bisher versucht, die Frage zu beantworten, welche „Kompetenzen“ (Heyder 2003 S. 78) es en detail sind, die rechtsextreme Einstellungen zu verhindern helfen (vgl. z.B. Heyder 2003, Rippl 2002). Durch Einbeziehen von „Mediatorvariablen“ (Rippl 2002, S. 135) kann der negative11Einfluss des formalen Bildungsgrades auf rechtsextreme Einstellungen teilweise empirisch erklärt werden.Vollständigaufgeklärt werden kann der Bildungseffekt jedoch nicht. Zudem beziehen sich alle diese Versuche der inhaltlichen Deutung lediglich auf die „schulisch institutionalisierte Bildung“ (Heyder 2003, S. 84). Über das, was Bildung ist, herrscht innerhalb der Wissenschaft ebenso Dissens (vgl. Gudjons 1999, Scherr 2003) wie bei der Beantwortung der Frage, was eine rechtsextreme Einstellung kennzeichnet (vgl. Decker/ Brähler 2005, Winkler 2000). Bildung ist eine unscharfe (vgl. Wehnes 2001) und unbestimmte (vgl. Ehrenspeck 2004) „schillernde Variable“ (Heyder 2003, S. 80). Ehrenspeck (2004) spricht gar davon, Bildung „nicht präzise definieren, sondern nur dimensionieren“ (ebd., S. 68) zu können. Zu vielfältig seien die Begriffsverwendungen. Dennoch merkt sie gleichzeitig an, „dass die Institutionen und Organisationen, die mit Bildung betraut sind, oftmals weniger Bildung dennAusbildungermöglichen“ (ebd., S. 70; Hervorheb. d.V.). Bildung ist also keineswegs mit Schulbildung gleichzusetzen (vgl. von Hentig 1999, BMFSFJ 2006).12Aufgrund des Erreichens eines bestimmten formalen Bildungsgrades auf Bildung generell zu schließen, stellt daher auch eine unzureichende Verkürzung dar und berechtigt nicht, einenallgemeinenZusammenhang zwischen Bildung und rechtsextremer Einstellung zu konstatieren und die in empirischen Studien häufig anzutref-

7Eine aktuelle Studie von Decker und Brähler (2005) verdeutlicht jedoch, dass zwar ein höherer formaler Bildungsabschluss nach wie vor relativ selten mit einer rechtsextremen Einstellung einhergeht, der Abstand zwischen den unterschiedlichen Bildungsgraden sich jedoch „deutlich verringert“ (ebd., S. 16) hat, und eine „Zunahme rechtsextremer Einstellung in der Gruppe mit höherem Bildungsabschluss (..) deutlich“ (ebd.) ist.

8Neben der Soziologie beschäftigen sich vor allem auch die Psychologie, die Politik-, die Geschichts- und die Erziehungswissenschaft mit Rechtsextremismus (vgl. Decker/ Brähler 2005, Winkler 2000).

9Decker und Brähler (2006) gehen - unter Berufung auf die Autoritarismusforschung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung - von einer bereits 70 Jahre währenden Forschungstradition aus. Allerdings sehen auch sie einen „noch deutlicheren Anstieg der Forschungsaktivitäten“ (ebd., S. 9) seit 1990. Butterwegge (2000) spricht davon, dass bis Anfang der neunziger Jahre Rechtsextremismus überwiegend als „politisch-ideologische Erblast“ und „Restphänomen“ (ebd., S. 17) galt, das sich biologisch von selbst erledigen würde.

10Rechtsextremismus ist lediglich ein „theoretischer Begriff“ (Winkler 2000, S. 40).DenRechtsextremismus gibt es nicht. Hiermit bezeichnet werden manifeste Tatbestände, die sich auf bestimmte Ideologeme berufen: Herrschaftssysteme (z.B. der historische Nationalsozialismus), Gruppierungen (z.B. Cliquen entsprechend orientierter Skinheads, Kameradschaften, Wahlparteien), Verhaltensweisen (z.B. Wählen von oder Mitgliedschaft in entsprechend orientierten Gruppen) oder eben Einstellungen (vgl. Decker/ Brähler 2005, Stöss/ Niedermayer 1998, Winkler 2000).

11Negativ soll heißen, dass mit steigendem formalen Bildungsgrad die Wahrscheinlichkeit individuell vorhandener rechtsextremer Einstellungen sinkt.

12Zum eigenen Begriffsverständnis von Bildung siehe Abschnitt 4.4.

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fende Gleichung „hohe Bildung, geringerer Rechtsextremismus“13(Decker/ Brähler 2006, S. 18) aufzustellen.

Eine Möglichkeit, den Bildungseffekt empirisch weiter aufzuklären, ohne ihn jedoch auf Schulbildung zu beschränken, wäre, nach den immunisierenden Bildungsinhalten zu fragen.

1.2 Was ist die Zielstellung der Untersuchung?

Primäres Zielder Arbeit ist die Beantwortung der Frage, welche Bildungsinhalte die Entstehung rechtsextremer Einstellungen verhindern können. Außerdem soll herausgefunden werden, ob es möglicherweise auch Bildungsinhalte gibt, die rechtsextreme Einstellungen eher bestärken bzw. hervorrufen können, und welche das sind; und ob es auch Inhalte gibt, die für die Entstehung entsprechender Orientierungen eher ohne Bedeutung sind.

Welche Inhalte von Bildung sind irrelevant, welche relevant; und welche wirken dabei eher immunisierend, welche eher kontraproduktiv?

Ziel ist nicht, den negativen Zusammenhang zwischen (Schul)Bildung und rechtsextremer Einstellung in einer weiteren Studie zu verifizieren. Das Erkenntnisinteresse liegt auch nicht primär darin, herauszufinden, warum ein höherer formaler Bildungsabschluss en detail immunisiert14(vgl. Heyder 2003, Rippl 2002).15

Durch Ausdifferenzierung der Bildungsinhalte in diese drei möglichen Wirkungsdimensionen soll einer pauschalen Bildungsabhängigkeit rechtsextremer Einstellungen (siehe Abschnitt 1.1) entgegengearbeitet werden. Wüsste man, wie Bildung inhaltlich gestaltet sein müsste, um vor dem „zwanghaft weltanschaulichen Wunschdenken“ (Erb 2003, S. 305) des Rechtsextremismus zu wappnen, würden sich zudem Implikationen für die pädagogische und politische Praxis zur Bekämpfung rechtsextremer Einstellungen ergeben. Der Aussage von Scherr (2007), dass „die neuere Rechtsextremismusforschung (..) ein im Kern hinreichendes Wissen bezüglich der Ausprägungen und Ursachen des neueren Rechtsextremismus zur Verfügung (stellt, d.V.) und (..) insofern eine Grundlage für die Entwicklung und Realisierung von Gegenstrategien (bietet, d.V.) (...) (und; d.V.) auch nicht zu erwarten (ist; d.V.), daß weitere Forschung zu einer substantiellen Erweiterung des Wissens über sinnvolle Gegenstrategien führt“ (ebd., S. 2), soll deshalb widersprochen werden. Denn auch wenn für rechtsextreme Einstellungen „mehrere zusammenhängende gesellschaftlicheundindividuelle Faktoren ursächlich sind“ (Schroeder 2004, S. 152; Hervorheb. d.V.), so können sie doch v.a. durch eine „Wendung aufs Subjekt“ (Adorno 1959b, S. 27) verhindert werden, da die gesellschaftlichen, objektiv gegebenen Bedingungen nur beschränkt veränderbar sind (vgl. Adorno 1966a). Außerdem kann davon ausgegangen werden, dass „gesellschaftsstrukturelle Entwicklungen und soziale Lebensbedingungen nicht unmittelbar festlegen, wie Einzelne und soziale Gruppen sie wahrnehmen und auf sie reagieren“ (Scherr 2001, S. 22). Individuelle Wahrneh-

13Thema der Arbeit sind rechtsextremeEinstellungen,nicht Rechtsextremismus generell. Die Extension des Rechtsextremismusbegriffs ist sehr umfangreich. Einstellungen sind nureinObjekt, das hiermit bezeichnet werden kann (siehe Fußnote 10). Die Intension - diejenigen Eigenschaften, die bei allen Objekten gleichermaßen vorhanden sind - ist jedoch notwendigerweise bei beiden Begriffen identisch (vgl. Winkler 2000). Insofern können inhaltlich-ideologische Merkmale des Rechtsextremismusbegriffs auch zur Charakterisierung entsprechender Einstellungen verwandt werden.

14Beispielsweise wird eine Ursache darin vermutet, dass der formale Bildungsgrad gleichzeitig Ausdruck des (antizipierten) sozialen Status ist (siehe Abschnitt 5.2). Hier greifen dann Erklärungsansätze, die eine wesentliche Ursache rechtsextremer Einstellungen in (antizipierten) Deprivationserfahrungen sehen (siehe Abschnitt 3.2). Das hat dann aber nichts mehr mit den hier interessanten Bildungsinhalten zu tun.

15Allerdings liefert die Beantwortung der ersten Fragestellung möglicherweise auch Anhaltspunkte für neue Mediatorvariablen (siehe Abschnitt 1.1), die helfen können, den Effekt formaler Bildung weiter aufzuklären.

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mungs- und Deutungsmuster werden entscheidend durch Bildung bedingt (vgl. BMFSFJ 2006).

Seit seiner Einführung in der Moderne (vgl. Reble 1999) zielt der Bildungsbegriff16auf die „Befreiung des Menschen zu sich selbst, zu Urteil und Kritik“ (Tippelt 2003, S. 33). Bildung soll „Mündigkeit und Selbstbestimmung“ (Baumgart 1997, S. 176) ermöglichen und ist „gegen jede unreflektierte Anpassung an vorgegebene gesellschaftliche Situationen“ (Tippelt 2003, S. 33) gerichtet. Das war allerdings nicht immer so. Die pädagogische Programmatik des Nationalsozialismus zielte auf die „Einverleibung des einzelnen“ (Sturm 1938, zit. nach Baumgart 1997, S. 188) in die als schicksalhaft gedachte Volksgemeinschaft (vgl. ebd.). Herausragende Tugenden17jener Zeit waren „Mut und Wille, die Kunst des Gehorchens und des Befehlens, Zähigkeit und Rücksichtslosigkeit, Durchsetzungskraft und Opferbereitschaft für die neue Volksgemeinschaft“ (Reble 1999, S. 327). Und auch heute wird die Bedeutung solcher sogenannten Sekundärtugenden für die Soziabilität einer Person in der Wissenschaft diskutiert; durchaus kontrovers. Während Brezinka „Ehrfurcht, Treue, Unterordnung, Gehorsam und selbstlose Dienstbereitschaft“ (ebd. 1995, S. 10f.18) als diesbezüglich förderlich beurteilt, erklärt Butterwegge (2000), dass solche objektivierten Werte ideale Anknüpfungspunkte für rechtsextreme Ideologeme bieten. Nach Klafki (1996) können aber nicht nur diese Sekundärtugenden sowohl für humanistische19als auch für inhumane Zwecke verwendet werden, sondern auch „instrumentelle Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten“ wie „Lesen und Schreiben, sachlich treffendes und kommunikativ verständliches Sprechen, grundlegendes Rechnen, Genauigkeit des Beobachtens, handwerklich-technische Grundfertigkeiten, Informationstechniken“ (ebd., S. 74). Die Untersuchung soll sich deshalb auch der folgenden,zweiten Fragestellungwidmen:

Verhindern instrumentelle Fertigkeiten bzw. Sekundärtugenden (tendenziell) die Entstehung rechtsextremer Einstellungen, verstärken oder befördern sie diese eher oder haben sie stattdessen einen neutralen Charakter, d.h. sind sieInstrumente,die für die Entstehung entsprechender Orientierungen eher bedeutungslos sind?

Rechtsextreme Einstellungen können als ein Syndrom verschiedener Orientierungen verstanden werden (vgl. z.B. Heitmeyer 2002, Melzer/ Schubarth 1995, Merten/ Otto 1993). In Deut-schland sind das „zumeist“ (Stöss 2000b, S. 25) Autoritarismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus „Wohlstandschauvinismus“ und „Pronazismus“ (ebd., S. 26).20Man könnte deshalb vermuten, dass Bildung möglicherweise nicht auf die Entstehung aller Einstellungselemente gleichermaßen Einfluss hat. Einedritte Forschungsfragelautet daher:

Haben entsprechende Bildungsinhalte (siehe Fragestellung 1) gleichsam aufalleElemente des rechtsextremen Einstellungssyndroms Einfluss? Oder gibt es möglicherweise „bildungsunabhängige“ Orientierungsbestandteile rechtsextremen Denkens?

16Überlegungen zur Bildung gab es freilich auch schon vor dem Anbruch der Moderne (siehe Abschnitt 4.1).

17Tugenden sind „praktische Verhaltensweisen und Mittel, mit deren Hilfe man sich der Werte versichert“ (Gudjons 1999, S. 192).

18Brezinka, Wolfgang (1995): Gewalt, Staat und Erziehung. In: Pädagogische Rundschau. 1995, Heft 1. S. 10f. Zit. nach Butterwegge/ Häusler (2002, S. 235).

19Humanistisch soll in der Tradition von Seneca als „homo res sacra homini“, „der Mensch sei dem Menschen heilig“ (Reble 1999, S. 42) verstanden werden; also quasi Mitgefühl nicht nur dem Freund, dem Deutschen, dem Europäer etc., sondern universellallenMenschen gegenüber.

20Eine ausführliche Darstellung der einzelnen Elemente des rechtsextremen Einstellungssyndroms erfolgt in Abschnitt 2.2. Ebenso wird im zweiten Kapitel erläutert, was unter den einzelnen Orientierungen zu verstehen ist. Das der Untersuchung zugrundeliegende eigene Begriffsverständnis rechtsextremer Einstellungen ist Thema von Abschnitt 2.4.

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Die Persönlichkeit eines Menschen ist „das unverwechselbare Gefüge von Merkmalen, Eigenschaften, Einstellungen und Handlungskompetenzen“ (Hurrelmann 2002, S. 16); wobei hierzu auch „Gefühle und Motivationen (..) ebenso (..) wie Wissen, Sprache und Werthaltungen“ (Tillmann 1989, S. 11) gehören. Einstellungen wie auch Bildung21sind also Teilaspekte der Persönlichkeit.22Insofern kann vermutet werden, dass nicht nur ein Einfluss von Bildung auf die Entstehung rechtsextremer Einstellungen besteht - Einstellungserwerb bzw. „Einstellungsänderung als Folge von Informationsverarbeitung“ (Bohner 2002, S. 276) -, sondern umgekehrt genauso, dass entsprechende Einstellungen bzw. Einstellungselemente23Einfluss auf die individuelle Interpretation von Bildung haben können; „Einstellungen lenken die Informationsverarbeitung“ (Bohner 2002, S. 297).24Bildung muss also nicht in jedem Fall Einfluss auf die Entstehung einer rechtsextremen Einstellung haben. Darüber hinaus kann Bildung als ein Teilaspekt der sich aktuell konstituierten Persönlichkeit bzw. als ein Teil-prozess25derPersönlichkeitsentwicklung (vgl. Geißler 1977, Tillmann 1989, Hurrelmann 2002) verstanden werden; abhängig von den vorfindbaren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Bildung ist zwar immer „Selbstbildung“ (vgl. Thiersch 2006, S. 23), aber basiert auf der „Aneignung von Welt“ (Thiersch 2006, S. 22), d.h. Bildung (Bildungsaspekte26) bedarf, um sich individuell entwickeln zu können immer des Sozialen, Kulturellen (vgl. Geißler 1977). Bildung ist insgesamt abhängig von einer „bildungsstimulierenden Umwelt“ (BMFSFJ 2006, S. 83). Und was Bildung dabei individuell bewirken soll (die Bildungsziele), ist ebenfalls nie unabhängig von der aktuellen Verfasstheit der Gesellschaft zu verstehen, d.h. die jeweiligen Bildungsideale selbst sind ein gesellschaftshistorisches Phänomen (vgl. Reble 1999) und widerspiegeln das „jeweilige Selbst- und Weltverständnis des Menschen“ (Böhm 1988, S. 85).27Dievierte und letzte Fragestellunggilt deshalb solchen Faktoren, die mehr oder wenigerdirekt28Einfluss auf das Immunisierungspotential von Bildung haben können, indem sie die Bildungsziele mitbestimmen, immunisierende Bildungsaspekte mitbedingen oder deren Wirkungsmöglichkeit beeinflussen können.

Welche Einflussfaktoren sind von Bedeutung, inwieweit immunisierende Bildung entstehen kann bzw. Bildung überhaupt immunisierend wirken muss?

21Zum Bildungsbegriff siehe Abschnitt 4.4.

22Wobei die Persönlichkeit nicht ein für allemal feststeht, sondern die Persönlichkeitsentwicklung (Sozialisation; siehe Abschnitt 4.3) lebenslang abläuft (vgl. Geulen 2001, Gudjons 1999, Hurrelmann 2002, Tillmann 1989, Ders. 2004).

23Rechtsextreme Einstellungen werden hier als Syndrom verschiedener einzelner Orientierungen verstanden (siehe Abschnitt 2.4).

24Bildung ist nicht gleichbedeutend mit Information, aber Information kann als notwendige Ausgangsbasis von Bildung verstanden werden, insofern Bildung die „Aneignung von Welt (bedeutet; d.V.) und darin die Ausprägung einer je eigenen Lebensgestalt.“ (Thiersch 2006, S. 22)

25Bildung meint nach heutigem Verständnis sowohl einen Prozess wie dessen Ergebnis (vgl. Winkler 2001, Ehrenspeck 2004).

26Von Bildungsaspekten wird dann gesprochen, wenn Bildungsinhalteund/ odersozialpsychologischeGrundfähigkeitengemeint sind (siehe Arbeitsmodell, Abschnitt 5.3).

27Bei den Ausführungen zu Fragestellung 2 wurde bereits angedeutet, dass Autonomie nicht zwangsläufig das Bildungsziel sein muss, sondern ebenso Heteronomie - nicht nur theoretisch - denkbar ist.

28Es geht hiernichtdarum, die vielfältigen Ursachen rechtsextremer Einstellungen aufzuzählen (siehe hierzu Kapitel 3), insofern siemittelbardas Immunisierungspotential von Bildung beeinflussen können, sondern um Faktoren, die den immunisierenden Bildungseffekt mehr oder wenigerdirektbefördern oder aber behindern können, wobei insbesondere die primären Beziehungserfahrungen (Abschnitt 3.1) sowie die politische Kultur (Abschnitt 3.3) eben nicht nur als Ursache für rechtsextreme Einstellungen verstanden werden können, sondern auch für das Immunisierungspotential von Bildung direkt von Bedeutung sind (siehe Kapitel 5).

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1.3 Wie sollen die Fragestellungen beantwortet werden?

Das Aufzeigen der für die Entstehung rechtsextremer Einstellungen relevanten Bildungsinhalte gestaltet sich „auf der Ebene empirischer Untersuchungen ausgesprochen schwierig“ (Hopf 2006). Wahrscheinlich auch deshalb wurde das Thema bisher innerhalb der Forschung eher vernachlässigt. Dem theoretisch somit noch wenig strukturierten Gegenstandsbereich soll sich deshalb explorativ genähert werden. Ziel der Arbeit ist nicht die Verifizierung vorformulierter Hypothesen, sondern deren Generierung. Insgesamt werden die vier Fragestellungen indrei Schrittenbearbeitet.29

Vor der empirischen Studie werden in einemersten-theoriegeleiteten-Schrittrelevante Bildungsinhalte und deren mögliche Einflussfaktoren aufgezeigt, die sich so bereits innerhalb der wissenschaftlichen Literatur finden lassen. Zunächst wird sich auf einschlägige Studien berufen, die versucht haben, den „Bildungseffekt“ (Heyder 2003, S. 81) empirisch aufzuklären. Bildung wird hierbei zwar als institutionalisierte Bildung verstanden, allerdings können durch Rückgriff auf diese Untersuchungsergebnisse auch erste Anhaltspunkte für relevante Bildungsaspekte geliefert werden. Anschließend wird die einschlägige pädagogische Literatur, die sich mit der Prävention von (bzw. Intervention gegen) rechtsextreme(n) Einstellungen auseinandersetzt, darauf hin gesichtet.

Um möglichst weitere immunisierende Bildungsinhalte zu erfahren, folgt in einemzweitenempirischen - Schritteine qualitative Studie. Ein qualitatives Forschungsdesign bietet sich an, da sich die qualitative Sozialforschung im Gegensatz zur quantitativen Vorgehensweise als explorierend und Hypothesen generierend versteht (vgl. Lamnek 2005). Erhoben werden die für die Beantwortung der vier Fragestellungen notwendigen Daten mittels leitfadenorientierter Interviews. Ziel ist es, wesentliche bzw. typische Bildungsinhalte zu erfahren. Entscheidend dafür dürfte die Auswahl der zu befragenden Personen sein (vgl. ebd.). Da Bildung einen „Kernbegriff“ (Ehrenspeck 2004, S. 64) der Pädagogik darstellt - als der Theorie und Praxis von Bildung und Erziehung (vgl. Böhm 2004) -, liegt es nahe, Personen zu befragen, die sich professionell mit Pädagogik beschäftigen. Insgesamt werden sechs leitfadengestützte Interviews mit Pädagogen30geführt, die sich bereits mit rechtsextremen Einstellungen bei ihrer Arbeit auseinandergesetzt haben. Die theoretischen Vorüberlegungen sowie die Ergebnisse des ersten, theoriegeleiteten Schritts fließen in die Leitfadenerstellung mit ein. Zur Auswertung der Interviewprotokolle wird sich insbesondere an der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (1995) orientiert.

Abschließend werden in einemdritten - synthetisierenden - Schrittdie Ergebnisse aus theoriegeleiteter Literaturrecherche und empirischen Interviews zusammengeführt und Hypothesen zu den insgesamt vier Forschungsfragen generiert; wobei diese Hypothesen - darauf sei hier bereits ausdrücklich hingewiesen - lediglich induktiv gewonnene Vermutungen darstellen sollen, keine (vorläufig) verifizierten Behauptungen.

1.4 Von welchen Prämissen wird bei der Untersuchung ausgegangen?

In den bisherigen Ausführungen wurden bereits häufiger die der Untersuchung zugrundeliegenden Ideen angedeutet. Um den Fortgang der Arbeit besser nachvollziehen zu können, werden an dieser Stelle die Prämissen expliziert. Im weiteren Fortlauf der Arbeit werden diese weiter spezifiziert, um schließlich in das Arbeitsmodell der Untersuchung zum Einfluss von Bildung auf die Entstehung rechtsextremer Einstellungen einzufließen (siehe Abschnitt 5.3).

29Im folgenden wird vonUntersuchungdann gesprochen, wenn das Forschungsvorhaben dergesamten Arbeit,vonStudie,wenn derempirische Teil der Arbeit- die Leitfadeninterviews - gemeint ist.

30Sind Nomen nicht geschlechtsneutral, beziehen sie sich abernicht nurauf Personen weiblichen Geschlechts, so wird vereinfachend nur jeweils die maskuline Form in der Arbeit verwandt.

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Einstellungen sind Ergebnis der individuellen Sozialisation (vgl. Witte 1989). Sie entstehen „in produktiver Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundmerkmalen (...) und mit der sozialen und physikalischen Umwelt“ (Hurrelmann 2002, S. 7); und sind Teil der Persönlichkeit (vgl. Hurrelmann 2002, Tillmann 1989).Prämisse 1:Rechtsextreme Orientierungen - als spezifische Einstellungsmuster - sind somit ebenfalls durch Sozialisation bedingt (vgl. z.B. Decker/ Brähler 2006, SINUS 1981, Stöss 2005).

Prämisse 2:Bildung (als Zustand) ist ebenfalls als Ergebnis der Persönlichkeitsentwicklung (vgl. Geißler 1977) zu interpretieren und Teil der Persönlichkeit (vgl. Hurrelmann 2002, Tillmann 1989). Der Arbeit liegt also ein Sozialisationsansatz als Rahmenmodell zugrunde (siehe Arbeitsmodell, Abschnitt 5.3).

Im Anschluss an Stroebe (1980) stellt eine Einstellung eine Disposition dar, ein Objekt (Person, Gruppe, Idee etc.) in spezifischer Weise zu bewerten, wobei diese Disposition auf Gefühlen und Meinungen dem Einstellungsobjekt gegenüber beruht. Eine Meinung stellt dabei ein „Wahrscheinlichkeitsurteil“ über die Verbindung einer Objektinformation mit dem Einstellungsobjekt dar (vgl. Stroebe 1980). Insofern kann vermutet werden, dass Bildung Einfluss auf die Entstehung (und Veränderung) einer rechtsextremen Einstellung haben kann (Prämisse3).Einstellungserwerb bzw. -veränderung können u.a. als „Folge von Informationsverarbeitung“ (Bohner 2002, S. 276) interpretiert werden.31Wobei dieser Einfluss nicht allein wegen der durch Bildung vermittelten Faktoren (formaler Bildungsabschluss, sozialer Status etc.; siehe Abschnitt 5.2) vermutet wird,32sondern auf Bildungan sichberuht, d.h. auf der „Verfügung über kulturelle Fähigkeiten“ (Bourdieu 1983, S. 188); und zwar sowohl über inhaltliches Wissen als auch grundlegende formale Fähigkeiten und Fertigkeiten (vgl. Klafki 1964).33

Inwieweit Bildung rechtsextreme Einstellungen eher hervorruft oder die Übernahme entsprechender Orientierungen eher verhindert, soll zunächst nicht weiter interessieren.34An dieser Stelle sei nur darauf verwiesen -Prämisse 4- dass rechtsextreme Orientierungen keine „Antithese“ zur Bildung darstellen. Entsprechend eingestellten Personen ist nicht ihr je individueller Bildungsstatus abzusprechen. Auch sie verfügen über Bildung, und entsprechende Einstellungen beruhen nicht einfach auf „falschem Wissen“ (Hormel/ Scherr 2005, S. 99). Bildung (und Bildsamkeit) ist nicht nur bei demokratischen Orientierungen gegeben. Würde das behauptet werden, so würde man sich derselben Rhetorik bedienen wie einst nationalsozialistische Pädagogen, die Bildung und Bildsamkeit - zwar nicht ideologisch, aber -

31Das schließt aber nicht aus, dass nicht auch eine (latent vorhandene) rechtsextreme Einstellung bzw. entsprechende Einzelorientierungen (rechtsextreme Einstellung als Syndrom; siehe Abschnitt 2.2) Einfluss auf die indivudelle Bildung ausüben können (siehe Anmerkungen im Zusammenhang mit Fragestellung 4 der Arbeit, Abschnitt 1.2).

32Wird davon ausgegangen, dass institutionalisierte Bildung (formale Schulbildung) neben der Statuszuweisung etc. auch der genuinen Bildungsvermittlung dient, die Bildungsvermittlung aufgrund struktureller, inhaltlicher oder individueller Ursachen je Bildungsgang qualitativ verschieden ist, und unterschiedlich wahrscheinliche Affinitäten zu rechtsextremen Ideologemen je Schulform nicht nur auf je unterschiedliche familiale Hintergründe verweisen, können auch die verschiedenen empirischen Untersuchungen zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen, die einen Bildungseffekt festgestellt haben, als Indiz für das Einflusspotential von Bildungan sichauf die Entstehung einer rechtsextremen Einstellung herangezogen werden (vgl. z.B. Brähler/ Niedermayer 2002, Decker/ Brähler 2005, Dies. 2006, Falter 2000, SINUS 1981; siehe Abschnitt 5.1). Deren aufgezeigter negativer Zusammenhang ist hierbei allerdings irrelevant. Entscheidend ist, dass beide Größen miteinander korrelieren.

33Eine ausführliche Darstellung des Bildungsbegriffs erfolgt im Kapitel 4, das mit dem eigenen, der Untersuchung zugrundegelegten Bildungsverständnis abschließt (siehe Abschnitt 4.4).

34Die Art des Bildungseinflusses auf die Entstehung rechtsextremer Einstellungen wird im Rahmen des Arbeitsmodells thematisiert (siehe Abschnitt 5.3).

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rassisch-biologisch beschränkt sahen (vgl. Baeumler 1939). Entscheidend für den Zusammenhang zwischen beiden Größen (siehe Prämisse 3) dürfte vielmehr die Qualität, die inhaltliche Ausgestaltung der je individuell vorhandenen Bildung sein.

Insofern rechtsextreme Einstellungen Ergebnis je individueller Sozialisationsprozesse sind (siehe Prämisse 1), sind sie nicht monokausal bestimmbar. Es gibt nichtdieUrsache, sondern individualpsychologische wie gesellschaftliche Bedingungen können durch „ein - individuell jeweils verschiedenes - Zusammenwirken“ (SINUS 1981, S. 102) rechtsextreme Einstellungen entstehen lassen. Insofern stellt Bildung auch nureineneinflussreichen Faktor dar.Prämisse 5:Bildungalleinkann rechtsextreme Einstellungen weder verhindern noch hervorrufen. Darüber hinaus soll Bildungnichtals einegenuine Ursachefür die Entstehung entsprechender Orientierungen verstanden werden.35Bildung hat „lediglich“ Einfluss36(siehe Prämisse 3).

1.5 Zum Inhalt der Arbeit

Am Ende des ersten Kapitels soll nun noch kurz die inhaltliche Struktur der Arbeit dargestellt werden. Ziel dessen ist es, hierdurch einen ersten Überblick über die zu besprechenden Themenfelder sowie die Prioritäten der Untersuchung zu erhalten.

Der Titel der Arbeit - Bildung als Schutzfaktor vor rechtsextremen Einstellungen? Eine Ex-ploration immunisierender Bildungsinhalte - macht als erstes die Klärung der beiden Begriffe Bildung und rechtsextreme Einstellung erforderlich (Teil I: Die theoretischen Grundlagen). Kapitel 2 befasst sich insbesondere mit den Ideologiefragmenten des Rechtsextremismus, d.h. den Merkmalen rechtsextremer Einstellungen37und versucht zu klären, was der Terminus rechtsextrem im Unterschied beispielsweise zu fremdenfeindlich, antisemitisch, rassistisch etc. bedeutet. Auf Basis dessen wird als erstes Zwischenfazit38das eigene, der Untersuchung zugrundeliegende Begriffsverständnis rechtsextremer Einstellungen verdeutlicht. Außerdem wird in diesem Kapitel der für Demokratien bestehende Problemcharakter von Rechtsextremismus bzw. rechtsextremen Einstellungen herausgearbeitet. Hierbei wird die Entwicklung und aktuelle Situation vier verschiedener Aspekte des Rechtsextremismus (siehe Fußnote 10) aufgezeigt: rechtsextrem motivierte Straftaten, Personenpotential des organisierten Rechtsextremismus, Wahlerfolge rechtsextremer Parteien und Verbreitung rechtsextremer Einstellungen innerhalb der Bevölkerung.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit den wissenschaftlich populärsten, empirisch bewährten Ursachen für die Entstehung rechtsextremer Einstellungsmuster (vgl. z.B. bei Decker/ Brähler 2006, Stöss 2005, Winkler 1996, Ders. 2000). Prämisse 5 (siehe Abschnitt 1.4) geht davon aus, dass Bildung lediglich eine intervenierende Größe bei deren Entwicklung ist. Deshalb sollen hier die genuinen Ursachen primäre Beziehungserfahrung, (antizipierte) Deprivation und Desintegration und politische Kultur dargestellt werden.39Mit der Diskussion des

35Alsgenuine Ursachensollen jene verstanden werden, die in Kapitel 3 dargestellt werden; insbesondere die primäre Beziehungserfahrung, Deprivation, Desintegration und die politische Kultur.

36In Ahnlehnung an Mertens These, dass „Erziehung (..) lediglich eineintervenierende Variable,aber keinesfalls dieunabhängige Variableim Entstehungsprozess von Rechtsextremismus oder -radikalismus ist“ (ebd. 1993, S. 140; Hervorheb. im Orig.), soll Bildung ebenso nur als intervenierende, nicht unabhängige Variable verstanden werden.

37Die Merkmale des Rechtsextremismusbegriffs könnenauchzur Charakterisierung rechtsextremer Einstellungen verwandt werden, insofern die Intension des Oberbegriffs Rechtsextremismus identisch ist mit der entsprechender Einstellungen (siehe Fußnote 13).

38Als roter Faden der Arbeit dienen die als Zwischenfazit bezeichneten Abschnitte. Sie stellen den jeweiligen Untersuchungsfortschritt dar und zeigen die besonders relevanten Informationen für die Beantwortung der vier Forschungsfragen zusammenfassend auf.

39Die ersten, im Abschnitt 5.1 bzw. 5.2 aufgezeigten - theoretischen - Untersuchungsergebnisse lassen zudem vermuten, dass insbesondere die primäre Beziehungserfahrung sowie die politische Kultur auch entscheidende Einflussgrößen für das Immunisierungspotential von Bildung darstellen.

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vergleichsweise neuen Ansatzes von Wahl (vgl. Wahl/ Tramitz 2001, Wahl/ Rieker/ Steger 2000, Wahl 2001, Ders. 2004) wird darüber hinaus auf die Bedeutung der Genetik für die Entstehung rechtsextremer Einstellungen bzw. insbesondere entsprechender Verhaltensweisen kurz eingegangen.

Anschließend wird der Bildungsbegriff im Kapitel 4 theoretisch ergründet. Zunächst soll sich dem modernen Bildungsverständnis durch einen kurzen historischen Abriss zur Begriffsgeschichte angenähert werden, wobei hier insbesondere auf antike, christlich geprägte mittelalterliche und neuhumanistische Interpretationen von Bildung eingegangen wird. Anschließend werden aktuelle Konzeptionen des Bildungsbegriffs anhand je charakteristischer Schlüsselwörter vorgestellt. Auf Basis dessen soll das eigene, der Untersuchung zu-grundeliegende Begriffsverständnis von Bildung aufgezeigt werden (Zwischenfazit II).

Nachdem beide Größen inhaltlich bestimmt wurden, kann sich im zweiten Teil der Arbeit (Bildung als Schutzfaktor!? Die Untersuchung immunisierender Bildungsinhalte) der Beant-wortung der vier Fragestellungen gewidmet werden.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit den für die Arbeit relevanten, theoretisch bereits vorhandenen Informationen zum Zusammenhang von Bildung und rechtsextremer Einstellung. Zunächst sollen ausgewählte Studien den „immer wieder bestätigten empirischen Befund (beispielhaft verdeutlichen; d.V.), dass mit steigendem Bildungsgrad40fremdenfeindliche, antisemitische und rechtsextreme Einstellungen zurückgehen“ (Hopf 1999, S. 847). Gleichzeitig wird aber auf historische und aktuelle Abweichungen verwiesen, die zeigen, dass hierbei „kein Automatismus“ (Hopf 1999, S. 848) besteht. Anschließend werden deshalb - theoretische wie empirische - Versuche dargestellt, die denschulischen„Bildungseffekt“ (Heyder 2003, S. 81) zum Teil aufklären können. Hierdurch werden auch als bedeutsam interpretierte Einflussgrößen deutlich, die Bildungan sichmeinen (siehe Prämisse 3, Abschnitt 1.4).41Zusammen mit den theoretischen Grundlagen (siehe Kapitel 2 bis 4) stellen diese Hinweise die Basis des anschließend konzipierten Arbeitsmodells dar, das den Einfluss - wie er für den weiteren Fortgang der Untersuchung vermutet wird - von Bildung auf die Entsehung rechtsextremer Einstellungen darstellt (Zwischenfazit III). Erste Anhaltspunkte für konkrete immunisierende Bildungsinhalte ergeben sich durch Rückgriff auf die pädagogische Literatur, die sich mit der Prävention von (bzw. Intervention gegen) rechtsextreme(n) Einstellungen auseinandersetzt. Abschließend werden in einem vierten Zwischenfazit (vorläufige) immunisierende Bildungsinhalte und die sie beeinflussenden Faktoren zusammenfassend dargestellt (siehe Fragestellung 4, Abschnitt 1.2).

Anschließend widmet sich Kapitel 6 der Darlegung der qualitativen Studie. Zunächst wird das Forschungsdesign und die verwandten Techniken der Datenerhebung (leitfadengestützte Interviews) und Auswertung (qualitative Inhaltsanalyse) vorgestellt, bevor schließlich die Ergebnisse der Studie hinsichtlich der vier Fragestellungen (siehe Abschnitt 1.2) präsentiert werden (Zwischenfazit V).

Damit ist die Untersuchung jedoch noch nicht abgeschlossen. Kapitel 7 versucht schließlich die theoretisch und empirisch ermittelten Antworten auf die vier Forschungsfragen zusammenzufassen und abschließende diesbezügliche Hypothesen zu generieren.

In einem dritten - und letzten - Teil der Arbeit (Immunisierende Bildungsinhalte! Die Diskussion der Untersuchungsergebnisse) werden schließlich Chancen und Grenzen einer Immunisierung vor rechtsextremen Ideologemen qua Bildung kurz diskutiert (Kapitel 8). Generelle

40In diesen Studien wird nicht der Effekt von Bildungan sichgemessen, sondern von formalerSchulbildung.

41Also nicht nur den familialen Hintergrund bzw. den (antizipierten) sozialen Status, sondern auch kognitive Kompetenz sowie die Fähigkeit zu Empathie bzw. Perspektivenübernahme sowie zur Kooperation (vgl. Heyder 2003, Hopf 1999, Rippl 2002). Diese Qualitäten stellen allerdings noch keine konkreten immunisierenden Bildungsinhalte dar, sondern vielmehr sozialpsychologische Grundfähigkeiten. Erst beide zusammen werden in der Arbeit als Bildung verstanden (siehe hierzu das Arbeitsmodell, Abschnitt 5.3).

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Teil I: DIE THEORETISCHEN GRUNDLAGEN

2. Rechtsextreme Einstellungen

Als erstes soll der Begriff der rechtsextremen Einstellung theoretisch grundgelegt werden. Das ist Thema dieses Kapitels.

Zunächst wird Rechtsextremismus von anderen, häufig gleichbedeutend verwendeten Begriffe wie Rechtsradikalismus, (Neo)Nazismus, Fremdenfeindlichkeit etc. (vgl. Backes 2003b, Decker/ Brähler 2006) abgegrenzt,42um dadurch Klarheit zu schaffen, was Rechtsextremismus (nicht) ist. Innerhalb der Rechtsextremismusforschung gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, ob die Begriffe Rechtsextremismus und Gewalt notwendigerweise zusammengehören oder nicht (vgl. Winkler 2000). Es wird sich daher auch kurz mit dieser Problematik im ersten Teil dieses Kapitels beschäftigt (Abschnitt 2.1). Durch die abgrenzende Darstellung des Rechtsextremismusbegriffs werden bereits erste entsprechende Ideologeme dargestellt. Sie sind Thema von Abschnitt 2.2, der die Merkmale rechtsextremer Einstellungen aufzeigt. Letztlich soll auf Basis dessen das der Untersuchung zugrundeliegende Begriffsverständnis rechtsextremer Einstellungen erläutert werden (Abschnitt 2.4). Es macht aber nur Sinn, sich (soziologisch) mit entsprechenden Orientierungen auseinander zu setzen, wenn diese in der Gesellschaft (aktuelle) existier(t)en;43wenn es also auch tatsächlich außersprachliche soziale Phänomene gibt, die begrifflich mit dem Terminus rechtsextreme Einstellung bezeichnet werden können.44Deshalb sollen in Abschnitt 2.3 vier Aspekte des komplexen Rechtsextremismusphänomens hinsichtlich ihrer Aktualität und zeitlichen Entwicklung beschrieben werden: rechtsextrem motivierte Straftaten, das organisierte rechtsextreme Personenpotential, Wahlerfolge rechtsextremer Parteien sowie die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen.

2.1 Abgrenzung von Rechtsextremismus zu konkurrierenden Begriffen

Nach Jaschke (1994, S. 31) versteht man unter Rechtsextremismus „die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unter-ordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen.“ Diese (vorläufige) Definition soll prägnant verdeutlichen, was unter Rechtsextremismus ver-standen wird. Durch sie kann der Rechtsextremismusbegriff von konkurrierenden Begriffen abgrenzt werden.45Allerdings soll mit der Darstellung diesereinenDefinition nicht suggeriert werden, dass (wissenschaftlicher) Konsens über das „Wesen“ von Rechtsextremismus be-42Es wird mit dem Rechextremismusbegriff begonnen, nicht mit dem der rechtsextremen Einstellung; dem eigentlichen Thema der Untersuchung. Um entsprechende Einstellungen charakterisieren zu können, muss erst einmal geklärt werden, was Rechtsextremismus bedeutet. Die Extension des Rechtsextremismusbegriffs ist sehr umfangreich. Einstellungen sind nur ein Objektbereich (vgl. Winkler 2000). Da aber die Intension des Oberbegriffs Rechtsextremismus notwendigerweise mit der entsprechender Einstellungen identisch ist (vgl. ebd.), können Aussagen zu ideologischen Merkmalen von Rechtsextremismus auch zur Charakterisierung rechtsextremer Einstellungen verwandt werden.

43Gegenstand der Soziologie als Wissenschaft sind konkrete soziale Phänomene (vgl. Esser 1999).

44Rechtsextremismus bzw. entsprechende Einstellungen existieren nicht an sich. Sie werden als solche stets sozial definiert (vgl. Lynen von Berg 2002). Der „deskriptive“ (Opp 1999, S. 103) Begriff bezieht sich zwar auf Merkmale realer Objekte, seine konkrete Bedeutung erhält er aber erst per Definition. Diese stellt eine „Konvention über die Verwendung von sprachlichen Ausdrücken“ (ebd., S. 104) dar und hat somit zunächst nichts mit der Realität zu tun (vgl. ebd.).

45Durch die Abgrenzung wird aber zugleich auch dievorläufigeRechtsextremismusdefinition von Jaschke weiter konkretisiert.

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stehen würde: „Es existiert keine allgemein anerkannte Definition“ (Stöss 2005, S. 13, vgl. auch Heitmeyer 2002, Winkler 1996, Ders. 2000). Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass naheliegende Begriffe46wie Rechtsradikalismus, (Neo)Nazismus, (Neo)Faschismus, Autoritarismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus oder Nationalismus häufig synonym oder ähnlich innerhalb der Öffentlichkeit aber auch der Wissenschaft verwandt werden und miteinander konkurrieren (vgl. Decker/ Brähler 2006). Denn ebenso wie Kontroversen über den Rechtsextremismusbegriff bestehen, werden auch diese Begriffe jeweils unterschiedlich inhaltlich bestimmt (vgl. Backes 2003b).47Es wird an dieser Stelle aber dennoch versucht, die Begriffe voneinander abzugrenzen.48Dem Rechtsextremismusbegriff wird dabei der Vorrang eingeräumt, da er als der am wenigsten problematische und darüber hinaus als der international gebräuchlichste Terminus interpretiert werden kann (vgl. Backes 2003b).49Da rechtsextreme Einstellungen als Syndrom verstanden werden, besitzt der Rechtsextremismusbegriff zudem den Vorteil, viele der anderen Termini in sich integrieren zu können (s.o. die Definition von Jaschke 1994 und Abschnitt 2.2). Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, dass auch der Rechtsextremismusbegriff selbst problematisch ist, da er suggeriert, dass es eine „normale“ Mitte der Gesellschaft gibt, die sich von dem rechten bzw. linken Extrem klar abgrenzen lässt (vgl. Butterwegge 2000, Decker/ Brähler 2006).50

Rechtsradikalismus

Vor allem der Begriff des Rechtsradikalismus wird innerhalb der (Fach)Öffentlichkeit immer wieder als synonym für Rechtsextremismus verwandt. Seitdem der Rechtsextremismusbegriff vom Verfassungsschutz (1974) verwendet wird (vgl. Backes 2003b), sehen einige Autoren wie beispielsweise Rucht (2002) den „weniger normativ aufgeladenen Begriff des Rechtsradikalismus“ (ebd., S. 75) für wissenschaftliche Analysen geeigneter als den demokratieorientierten Extremismusbegriff51(vgl. ebd., auch Rucht/ Koopmans 1996). Andere Autoren wie Merten und Otto (1993) verwenden beide Begriffe zwar nicht gleichbedeutend, aber durchaus problematisch. Sie interpretieren Rechtsradikalismus als die gesteigerte, gewalttätige Form des Rechtsextremismus. Bizarr ist diese Verbindung von Rechts und Radikalismus deshalb, weil der Radikalismusbegriff bürgerlich-demokratische Wurzeln in der Zeit der Aufklärung hat (vgl. Butterwegge 2000). Eine Verbindung emanzipatorischer Traditionen mit gegen sie gerichteten Positionen erscheint jedoch äußerst fragwürdig (vgl. Heitmeyer 1995, auch Backes 2003b, Möller 2001).

Zur Vorsicht ist auch bei einer synonymen Verwendung der Begriffe (Neo)Nazismus bzw. (Neo)Faschismus mit Rechtsextremismus geraten, da diese nur für Personen und Organisationen angewandt werden dürfen, die sich explizit auf den Faschismus Mussolinis bzw. den Nationalsozialismus Hitlers beziehen, diese nachahmen, verherrlichen oder systematisch verharmlosen (vgl. Butterwegge 2000).

46Die folgenden Begriffe stellen (teilweise) Ideologiebestandteile des Rechtsextremismus dar (siehe Abschnitt 2.2).

47Wegen der verschiedenen gesellschaftspolitischen und/ oder methodologischen Ausgangspunkte hält Backes (2003b) einen Konsens über die begrifflichen Fixierungen innerhalb der Rechtsextremismusforschung für „wohl kaum jemals“ (ebd., S. 15) möglich.

48Eine Abgrenzung ist für die Untersuchung notwendig, denn die VerwendungverschiedenerBegriffe zur KennzeichnunggleicherSachverhalte ist einem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt abträglich (vgl. Winkler 2000). Begriffe dienen der (wissenschaftlichen) Verständigung (vgl. Opp 1999).

49Nach Backes (2003b) sind die beiden Begriffe des Rechtsextremismus und der „extremen Rechten“ (ebd., S. 16) die international geläufigsten.

50Inwieweit Rechtsextremismus bzw. rechtsextreme Einstellungen ein „Randproblem oder Phänomen der Mitte“ (Butterwegge/ Häusler 2002) sind, wird am Ende von Abschnitt 2.3 kurz diskutiert.

51Zum Extremismusbegriff siehe Abschnitt 2.2.

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(Neo)Nazismus

Zwischen dem heutigen Rechtsextremismus und dem historischen Nationalsozialismus besteht keine triviale Wesensverwandtschaft (vgl. Gessenharter 2002). Während die Ideologie des Nationalsozialismus als ein „auf Expansion gerichteter Nationalismus (bezeichnet werden kann; d.V.), der eine Weltmachtstellung für ein Mitteleuropa beherrschendes Dtl. (Deutsch-land; d.V.) forderte; (zusammen mit; d.V.) Bestrebungen, die Nation durch innere soziale Versöhnung des dt. (deutschen; d.V.) Volkes über die Klassengegensätze hinweg unter Ablehnung des internat. (internationalen; d.V.) ‚marxist.’ (marxistischen; d.V.) Sozialismus zur Machtpolitik nach außen zu befähigen; (und; d.V.) auf Volkstums- und Rassentheorien gründenden antisemit. (antisemitischen; d.V.) Feindbildern (basierte; d.V.)“ (Die Zeit 2005, Bd. 10, S. 248), sind rechtsextreme Ideologeme nicht darauf beschränkt (vgl. Backes 2003b, Möller 2001). Gleichzeitig ist Rechtsextremismus auch etwas anderes, da nicht zwangsläufig die Weltmachtstellung proklamiert wird (s.o. die Definition von Jaschke).52Zwar spricht Stöss (2000a) hinsichtlich des Rechtsextremismus von einer „ideologischen Kontinuität“ (ebd., S. 106, vgl. auch Aschwanden 1995, Erb 2003) seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, sieht aber gleichzeitig den aktuellen deutschen Rechtsextremismusneben„Pronazismus“53auchdurch „Wohlstandschauvinismus“54(Stöss 2000b, S. 26), Autoritarismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus gekennzeichnet (vgl. ebd.).55Und Möller (2001) erklärt, dass insbesondere das zentrale rechtsextreme Ideologem der Fremdenfeindlichkeit56gegenüber Migranten „etwas ganz anderes“ (ebd., S. 202) ist, als der zentrale Aspekt des Antisemitismus während des Nationalsozialismus, der sich gerade gegeninländischePersonen richtete. VonNeonationalismuswird insbesondere seit dem Niedergang der NPD (Nationaldemokratische Partei Deutschlands; siehe Abschnitt 2.3) Ende der sechziger Jahre gesprochen, als in Folge dessen es zu unterschiedlichen Reaktionen im rechtsextremistischen Lager kam, und sich auch eine Szene herausbildete, die explizit an der nationalsozialistischen Ideologie angelehnt war und durch den zeitlichen Abstand von 25 Jahren alsneubezeichnet werden kann (vgl. Pfahl-Traughber 2000). Aber auch hierbei gilt zu beachten: „Zwar ist jeder Neonazi ein Rechtsextremist, aber keineswegs jeder Rechtsextremist ein Neonazi“ (Butterwegge 2000, S. 16); zumal bei einer synonymen Verwendung die Gefahr besteht, dem Nationalsozialistischen besonderes Gewicht zu verleihen, während andere Aspekte zwangsläufig vernachlässigt werden würden (vgl. Heitmeyer 1995).

(Neo)Faschismus

Faschismus ist ebenso wie der Nationalsozialismus eine zeitlich und national begrenzte politische Bewegunggewesen(vgl. Butterwegge 2000). Er kann deshalb nicht einfach auf die verändertenheutigenVerhältnisse übertragen werden (vgl. Heitmeyer 1995). Rechtsextremismus geht außerdem nicht in den Ideologemen des Faschismus vollständig auf, was insbesondere die antikonservative bzw. antibürgerliche Orientierung und den vorgetragenen Antikapitalismus des Faschismus betrifft (vgl. Backes 2003b).

52Aschwanden (1995) hingegen sieht den „Reichs-Mythos“ (ebd., S. 24) durchaus auch als ein Ideologem des aktuellen Rechtsextremismus (siehe Abschnitt 2.2).

53Aspekte des Rechtsextremismus, die versuchen, den Nationalsozialismus zu verharmlosen oder zu rechtfertigen (vgl. Stöss 2000b).

54Diskriminierende Einstellung ethnisch fremden Personen gegenüber. Ihnen soll die Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand verwehrt bleiben (vgl. Stöss 2000b).

55Erb (2003) spricht deshalb auch davon, dass entsprechende Ideologeme sich tagespolitisch aktualisiert haben.

56Zu primären Ideologemen des Rechtsextremismus und Bestandteilen rechtsextremer Einstellungen als Syndrom siehe den nächsten Abschnitt 2.2.

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Während die bisher genannten Termini verschieden dem Rechtsextremismusbegriff sind,57stellen die nächsten gewissermaßen Subbegriffe des Oberbegriffs Rechtsextremismus dar, insofern sie zu dessen Kernideologemen häufig gezählt werden (vgl. z.B. bei Stöss 2000b, Arzheimer/ Schoen/ Falter 2000, Winkler 2000).58

Autoritarismus

Im Anschluss an Adorno (1996) kann Autoritarismus v.a. als eine individuelle Charakterstruktur beschrieben werden, die sich v.a.59auszeichnet durch eine Tendenz des übermäßigen Gehorsams Stärkeren gegenüber und der aggressiven Beherrschung Schwächerer, d.h. die „unkritische Unterwerfung unter idealisierte Autoritäten der Eigengruppe“ und die „Tendenz, nach Menschen Ausschau zu halten, die konventionelle Werte missachten, um sie verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können“ (Sanford et al. 1996, S. 45). Adorno (1996) versteht dieses autoritäre Charaktersyndrom als einen Typ eines „potentiell faschistischen Charakters“ (ebd., S. 312), welcher sich durch eine Anfälligkeit für „antidemokratische Propaganda“ (Sanford et al. 1996, S. 46) auszeichnet.60

Inwieweit Autoritarismus eine Ursachefür(vgl. Adorno 1996) oder aber ein Merkmalvon(vgl. Stöss 2000b) Rechtsextremismus darstellt, ist strittig (vgl. Stöss 2005). Denn gleichzeitig wird Autoritarismus auch als Subphänomen des aktuellen Rechtsextremismus verstanden, und zwar im Sinne einer autoritären Staatsauffassung bzw. allgemein eines unkritischen Kollektivismus (vgl. Arzheimer/ Schoen/ Falter 2000, Pfahl-Traughber 2000, s.o. die Definition von Jaschke); oder gar identisch mit Adornos Verständnis, nämlich als die „Bereitschaft zur freiwilligen Unterwerfung unter Stärkere bzw. unter nicht legitimierte Herrschaft und die Neigung zur Beherrschung Schwächerer“ (Stöss 2000b, S. 25).61

Fremdenfeindlichkeit

Erhebliche Kontroversen bestehen hinsichtlich der inhaltlichen Bestimmung von Fremdenfeindlichkeit. Einzig darin scheinen sich die Autoren einig zu sein, dass Fremdenfeindlichkeit ein wesentlicher Bestandteil des aktuellen Rechtsextremismus ist (vgl. z.B. Decker/ Brähler 2006, Heitmeyer 2002, Stöss 2000b).62Nach Scherr (2001) ist Fremdenfeindlichkeit gar „ein Kernelement aller Formen des Rechtsextremismus“ (ebd., S. 13).

Während Stöss (2000b) hierunter v.a. die relative Höherbewertung der „eigenen Volksgruppe“ (ebd., S. 26) bei gleichzeitiger Abwertung und Ausgrenzung „fremder Volksgruppen“ (ebd.) versteht und somit Fremdenfeindlichkeit v.a. ethnisch fundiert sieht, interpretiert Heitmeyer (2002) Fremdenfeindlichkeitehersozioökonomisch, wenn er sie als „Abwehr von Konkurrenz um Positionen, Plätze etc. aufgrund anderer ethnischer Herkunft“ (ebd., S. 504)

57Eine Ausnahme stellt der Nationalsozialismus insofern dar, als dass er - wenn auch nicht in so absoluter Form - durchaus als Kernideologem des Rechtsextremismus verstanden werden kann (siehe Abschnitt 2.2).

58Durch Klärung dieser Begriffe werden gleichzeitig auch Merkmale rechtsextremer Einstellungen dargestellt. Denn ebenso wie die Intension des Rechtsextremismusbegriffs notwendigerweise dem entsprechender Einstellungen entspricht (siehe Fußnote 13 und 37), kann davon ausgegangen werden, dass die Intension von Fremdenfeindlichkeit etc. mit der fremdenfeindlicher Einstellungen etc. identisch ist.

59Zu weiteren damit häufig einhergehenden Persönlichkeitseigenschaften (vgl. Adorno 1996) siehe Abschnitt 3.1.

60Zwar bemüht Adorno (1996) selbst nicht den Begriff des Rechtsextremismus, in aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten werden die Ergebnisse der Studien zur „Authoritarian Personality“ (von Friedeburg 1973, S. X) aber immer wieder als mögliche individuelle Ursache für rechtsextreme Einstellungen bemüht (vgl. z.B. bei Hopf 2001, Stöss 2005, Winkler 1996, Ders. 2000).

61Decker und Brähler (2006) weisen zwar darauf hin, dass Autoritarismus eine Persönlichkeitsstruktur darstellt und keine rechtsextreme Einstellung, sondern deren Ursache (siehe Abschnitt 3.1), gleichzeitig können sie aber empirisch zeigen, dass die (statistisch signifikante) Korrelation zwischen Autoritarismus und rechtsextremer Einstellung mit .51 sehr hoch ist (vgl. ebd., S. 81).

62Eine Ausnahme stellt Hopf (1999) dar (siehe weiter unten im Text).

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erläutert. Stöss und Niedermayer (1998) teilen den Begriff denn gar in „drei Varianten“ (ebd., S. 3) ein: die „ethnisch motivierte Fremdenfeindlichkeit“ (allgemeine Diskriminierung fremder Volksgruppen, ohne sie jedoch grundsätzlich abzuwerten), „sozioökonomisch motivierte Fremdenfeindlichkeit“ (keine prinzipielle Diskriminierung, aber Verwehren der Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand fremder Volksgruppen im eigenen Land) und „rassistisch motivierte Fremdenfeindlichkeit“ (insgesamt ebd., S. 3; allgemeine Überbewertung der Eigenschaften der eigenen Volksgruppe und Disqualifizierung der Eigenschaften fremder Volksgruppen als minderwertig). Ebenso wie Stöss (2000b) verwenden Stöss und Niedermayer (1998) den Ethnozentrismus synonym mit Fremdenfeindlichkeit, während Hopf (1999) Ethnozentrismus als Oberbegriff für Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus(!) verwendet, und ihn mit Sumner als die generelle Idealisierung der Eigengruppe und die „mehr oder weniger“ (ebd., S. 849f.) aggressive Abwertung oder Bekämpfung anderer Gruppen definiert; wobei es keine Rolle spielt, worauf diese Gruppen basieren (Interessen, Geschlecht, Nationalität etc.), und diese Einteilung eine sozialpsychologisch „normale Erscheinung“ (ebd., S. 850) darstellt (vgl. auch Tajfel/ Turner 1986). Erst durch den Versuch der Begründung bzw. Rechtfertigung der Ungleichheit werde Ethnozentrismus zu einem politischen Ideologem (vgl. Hopf 1999).63

Diese unterschiedlichen Verständnisse deuten auf die unterschiedlich weite Intension des Begriffs Fremdenfeindlichkeit hin. Der Bundesverfassungsschutzbericht von 2005 definiert Fremdenfeindlichkeit beispielsweise als „Oberbegriff“ für „ablehnende Vorurteile64(..), die sich gegen Menschen richten, denen aufgrund ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Nationalität oder Religion bzw. sonstiger Eigenschaften, durch die sie sich von dem als ‚normal’ erachteten Umfeld abheben, eine ‚Fremdheit’ unterstellt wird.“ (BMI 2006, S. 312) Diese Begriffsbestimmung (vgl. analog Scherr 2001) ähnelt in verblüffender Art und Weise dem Begriff der „Heterophobie“ bei Heitmeyer (2002, S. 504), der damit „Angst vor und Abwertung von ‚Norm’-Abweichung“ (ebd.) bezeichnet (vs. dem Begriff von Fremdenfeindlichkeit; s.o.). Melzer und Schubarth (1995) hingegen verstehen Fremdenfeindlichkeit „nur“ alsAusländerfeindlichkeit(vgl. auch Decker/ Brähler 2006). Diese begriffliche Einschränkung ist denn auch für Butterwegge (2000) Anlass zur Kritik: Der Begriff der Ausländerfeindlichkeit sei „irreführend“ (ebd., S. 15), danicht nurundnicht alleAusländer Objekt entsprechender Feindseligkeiten sind. Ebenso hält er aber auch den Begriff der Fremdenfeindlichkeit (bzw. Xenophobie) für problematisch, da er „unwillkürlich den Eindruck erweckt, die persönliche Abneigung oder Abwehrhaltung gegenüber ‚Anderen’ sei angeboren und natürlich“ (ebd.). Stattdessen würden Menschen erst durch Ethnisierung zu Fremden gemacht (vgl. ebd.). Aus diesem Grund verwirft Butterwegge (2000) beide Begriffe und hält stattdessen den Rassismusbegriff für ein Kernideologem des Rechtsextremismus.65Was unter Rassismus allerdings zu verstehen ist, expliziert Butterwegge (2000) nicht.66

63Wenn diese (ideologisch begründete) Abwertung anderer Gruppen fehlt, bedeutet das im Umkehrschluss aber nicht, dass zwangsläufig von einer nicht-rechtsextremen Einstellung auszugehen ist. Denn in neueren, ebenfalls dem Rechtsextremismus zuzurechnenden Überlegungen - insbesondere in den intellektuellen Zirkeln des Rechtsextremismus (vgl. Gessenharter 2002) - wird das Konzept des „Ethnopluralismus“ (ebd., S. 194) proklamiert, das von einem Idealbild einer „Völkervielfalt ethnischhomogenerStaaten“ (BMI 2006, S. 310; Hervorheb. d.V.) ausgeht. Pluralismus, aber immer nurzwischen, nicht innerhalbvon Kollektiven (vgl. Gessenharter 2002).

64Ein Vorurteil ist eine Einstellung, die sich durch negative Gefühle, Annahmen und Verhalten(sbereitschaften) dem Einstellungsobjekt gegenüber äußert (vgl. Zimbardo/ Gerrig 1999; zum Einstellungsbegriff siehe Abschnitt 2.2).

65Neben Nationalismus, Biologismus und Sozialdarwinismus (vgl. Butterwegge 2000).

66Aus seinen Ausführungen heraus kann jedoch impliziert werden, dass er damit vor allem eine biologisch bzw. kulturell bedingtegenerelleDiskriminierung meint (vgl. Butterwegge 2000).

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Rassismus

In Anlehnung an den Bundesverfassungsschutzbericht von 2005 kann Rassismus als Versuch interpretiert werden, die vergangene und gegenwärtige gesellschaftliche Situation auf biologische Ursachen zurückzuführen, und nicht auf die tatsächlich ursächlichen politisch-sozialen (vgl. BMI 2006, auch Gessenharter 2002). Da jedoch die biologisch-genetisch bedingten „Eigenarten“ (Gessenharter 2002, S. 196) verschiedener Gruppen wissenschaftlich immer mehr angezweifelt werden, wird zunehmend auch auf eine kulturelle Variante des Rassismus Bezug genommen. Bestimmte Lebensgewohnheiten einer bestimmten Gruppe werden verabsolutiert und als einzig normal angesehen, während andere Lebensformen negativ bewertet werden (vgl. ebd.). Nach Meinung von Demirović und Paul (1996) stellt die Fokussierung auf Kultur aber nur „Camouflage“ (ebd, S. 144) dar, da auch der traditionelle, biologische Rassismus zunächst von kulturellen Unterschieden ausging, die dann wissenschaftlich biologisch begründet werden sollten (vgl. ebd.).

Inwieweit Rassismus ein Kernideologem des Rechtsextremismus darstellt (vgl. Butterwegge 2000), ist wissenschaftlich umstritten. Möller (2001) weist darauf hin, dass Rassismus sowohl alsAlternative zumRechtsextremismusbegriff verwendet wird, als auch alsBestandteil vonRechtsextremismus (vgl. neben Butterwegge 2000, z.B. auch Backes 2003b, Scherr 2001). Allerdings sieht Scherr (2001) Rassismus nicht als unmittelbares Subphänomen von Rechtsextremismus an, sondern „lediglich“ als eine Form von Fremdenfeindlichkeit (vgl. ebd., auch Stöss/ Niedermayer 1998).

Antisemitismus

Wie „Pronazismus“ (Stöss 2000b, S. 26), Autoritarismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassimus wird auch Antisemitismus sehr häufig als eine Kernbestandteil von Rechtsextremismus ver-standen (vgl. z.B. bei Decker/ Brähler 2006, Falter 2000, Heitmeyer 2006, Stöss 2000b); wobei die „Judenfeindschaft“ (BMI 2006, S. 308) weniger religiös, denn rassistisch sozial und politisch begründet wird (vgl. ebd.). Aktuell spielen neben dem allgemeinen, bereits zu Zeiten des Nationalsozialismus existierenden Antisemitismus (s.o.) v.a. die beiden Varianten des „antizionistischen“ und „sekundären“ (ebd.) Antisemitismus eine Rolle. Während ersterer die Kritik an der Politik Israels nutzt, die Existenzberechtigung des Staates pauschal (nicht abhängig von Überlegungen zum Nahost-Konflikt) zu bestreiten (vgl. ebd.), kann der sekundäre Antisemitismus als „deutscher rechter Antisemitismus nach Auschwitz“ (Gessenharter 2002, S. 196) interpretiert werden. Den Juden wird vorgeworfen, sie würden Deutschland aufgrund seiner Verantwortung am Holocaust erpressen, um politische Forderungen durchsetzen zu können, und sie wären verantwortlich dafür, dass Deutschland seine nationalsozialistische Geschichte nicht „entsorgen“ (vgl. Adorno1959b, Heitmeyer 1995) könne (vgl. BMI 2006, Gessenharter 2002).

Nationalismus