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Diplomarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Pädagogik - Geschichte der Pädagogik, Note: 1,3, Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg, Sprache: Deutsch, Abstract: Die Arbeit beinhaltet eine bildungshistorische Betrachtung der Aufstiegschancen in der Epoche des Kaiserreichs. Nach einer einleitenden Betrachtung des deutschen Sonderwegs in der Geschichte, welche darauf aufmerksam machen soll, dass die historische Betrachtung möglicherweise nicht mehr erhebliche Neuerungen hervorbringt, jedoch die bildungshistorische Debatte um das deutsche Kaiserreich keineswegs abgeschlossen ist, folgen im Hauptteil fünf Kapitel. Angefangen bei einer umfassenden Darstellung des Bildungssystems im Kaiserreich, deren Wirkung und Ziele und deren Probleme, erfolgt als Kernteil der Arbeit eine Diskussion, inwieweit es in der Epoche des Kaiserreichs überhaupt möglich war, dank Bildung sozial aufzusteigen. Neben der formalen Betrachtung interessiert vor allem, zu welchen epochalen Phänomen die Bildungsexpansion geführt hat. Stichworte wie Übergang von offener zu verdeckter Reproduktion, Mangel und Überfüllung in akademischen Berufen, Maßnahmen der etablierten Klassen gegen die Überfüllung und der Übergang von einer Bildungs- zu einer Qualifikationsgesellschaft bilden die Leitlinien der Arbeit. Eine anschließende Betrachtung der Familientypen, deren Charakteristika und zeittypische Probleme und Nöte vervollständigt die Betrachtung. Schlussendlich gibt es ein zusammenfassendes Fazit, welches die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal aufnimmt. Diese Diplomarbeit ist nicht nur eine blosse Wiedergabe zusammengetragenen Wissens, sondern eine ernsthafte Diskussion der genannten Problematik, welche sich durch Stringenz und eine vielseitige Quellennutzung auszeichnet. Sie genügt damit höchsten Ansprüchen an eine wissenschaftliche Arbeit diesen Ausmaßes.
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Veröffentlichungsjahr: 2008
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Meine Diplomarbeit beschäftigt sich mit dem deutschen Kaiserreich im Zeitraum von 1871 bis 1914, im Speziellen mit der Schulbildung im Kaiserreich. Ich möchte untersuchen, inwieweit das Bildungssystem im deutschen Kaiserreich zu wirtschaftlichem Aufschwung, sozialer Mobilität und veränderten Bildungschancen beigetragen hat. Ferner ist es mein Anliegen, die Reaktionen etablierter Klassen auf das Bemühen des Mittelstands, aufzusteigen, und den Einfluss der Familiensozialisation auf die Bildungsbeteiligung darzustellen und zu diskutieren. Eine zentrale Fragestellung soll in meiner Arbeit durchgängig Gegenstand sein: War das Kaiserreich, betrachtet man die Zugänge zum Bildungssystem und die Schülerströme im Bildungssystem, auf dem Weg, eine zunehmend sozial offene, plurale, leistungsorientierte Gesellschaft zu werden, oder zeigt die Untersuchung des Bildungssystems als Ergebnis symptomatisch eine autoritätsfixierte, obrigkeitsorientierte, den etablierten Machteliten Privilegien erhaltende Gesellschaft? Auch nach fast hundert vergangenen Jahren nach Ende des Kaiserreichs, nach denen man annehmen könnte, dass die fortwährenden Diskussionen von Historikern über System, Politik, Werte, Chancen, Fehler, usw. im Kaiserreich einen Konsens erzielt haben, beweisen uns auch aktuelle wissenschaftliche Debatten immer wieder, dass bezüglich der bildungshistorischen Bewertung des Kaiserreichs weiterhin Diskussionsbedarf besteht.
Exemplarisch kann man dafür die Debatte um den „deutschen Sonderweg“ anführen. Die zentrale Frage ist, inwieweit die aufgestellte These vom deutschen Sonderweg auch heute noch ihre Gültigkeit besitzt, beziehungsweise neu überdacht werden muss.
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„Denn ein unumgänglicher Fluchtpunkt des bilanzierenden Urteils bleibt die Erklärung jenes Absturzes, der die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert nur sehr wenige Jahre nach dem Untergang des Kaiserreichs in die unverhüllte Barbarei geführt hat. Wer könnte schon die
Erklärungsbedürftigkeit dieses Zivilisationsbruchs ernsthaft bestreiten?“
(Hans-Ulrich Wehler in „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“, III. Band, S. 1251)
Betrachtet man die Debatte um den deutschen Sonderweg, so muss man bedenken, dass die Interpretationen der Sonderwegsthese sich nach 1945 verändert haben. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs stand die These des deutschen Sonderwegs, unter anderem genährt durch das Bewusstsein um die drei gewonnenen Reichseinigungskriege 1864-1871, für die Erfolgsgeschichte des deutschen Staates mit seiner erfolgreichen Verkopplung von Modernisierung in wirtschaftlicher Hinsicht und Tradition in der Herrschaft. Tradition in der Herrschaft bedeutet in diesem Zusammenhang das Festhalten an alten, absolutistischen Merkmalen wie zum Beispiel der Tatsache, dass die höchsten Ämter bei Militär und Regierung nach wie vor bevorzugt mit Adligen besetzt wurden und deren Besetzung nicht auf demokratischem Wege durch das Parlament erfolgte, sondern der Reichskanzler darüber entschied.1Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war es die Aufgabe der Sonderwegsthese, jenem „[…] deutschnationalen und politischen Bewusstsein […]“, das mit „[…] spezifischem, positiven, […] deutschen Inhalt […]“ gefüllt wurde, selbigen wieder aus dem Bewusstsein der Deutschen zu entfernen.2
1Vgl. Wehler, Hans-Ulrich (1973), S. 62ff.
2Sontheimer, Kurt (1982), S. 30.
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War die These des deutschen Sonderwegs im Kaiserreich darauf ausgelegt, den Erfolg der Fusion von Modernisierung, traditioneller Herrschaft durch einen Monarchen und moderner Bürokratie, darzustellen, so ist der Ausgangspunkt der heutigen Interpretation der Sonderwegsthese die Frage, wie es zu dem zwischenzeitlich vorherrschenden faschistisch-totalitären System hatte kommen können.3Darüber hinaus sehen einige Historiker die Diskussion als eine zwingende Notwendigkeit an, um der deutschen Bevölkerung nach wie vor die vermeintlichen Ursachen der so genannten Fehlentwicklung aufzuzeigen und diese nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Einer dieser Historiker ist Kurt Sontheimer, der 1981 im Rahmen des in München vom deutschen Institut für Zeitgeschichte durchgeführten Kolloquium zum Thema „Deutscher Sonderweg - Mythos oder Realität“4die Befürchtung äußert, dass sich „[…] Tendenzen im Rahmen gegenwärtiger Protestbewegungen zu einer neuen deutsch-nationalen und antiwestlichen Strömung amalgamieren.“5Sontheimer hat Bedenken, dass Deutschland zum einen wieder eine radikale Entwicklung durchläuft und faschistischen Kräften mehr Raum eröffnet und zum anderen sich durch Lösung von den Ideen und Werten anderer westlicher Staaten wieder auf einen eigenen Weg begibt und Gefahr läuft, jenen von Sontheimer als ‚Irrweg’ beschriebenen Weg der Ermöglichung eines faschistisch-totalitären System erneut zu beschreiten. Betrachtet man den politischen Hintergrund zu dieser Zeit, so kommt man um eine Berücksichtigung der damals aktuellen Ereignisse bei der Interpretation Sontheimers Meinung nicht umhin. Zum Beispiel die Studentenproteste von 1968. Einige Sympathisanten der Studentenproteste bildeten nach Abklingen der Proteste die terroristische Untergrundorganisation „RAF“, die im Rahmen der fortschreitenden Abkehr von sozialrevolutionären Zielen hin zu willkürlicher Gewaltausübung Deutschland mit einer Welle
3Vgl. Wehler, Hans-Ulrich (1995), S. 1251.
4s. Kolloquien des Institutes für Zeitgeschichte: Deutscher Sonderweg - Mythos oder Realität.
Oldenbourg Verlag. München u. Wien 1982. S. 7-35.
5Sontheimer, Kurt (1982), S. 28
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des linken und autonomen Terrors überzog, der seinen Höhepunkt in der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer fand.6Das restriktive, unnachgiebige Handeln der Bundesregierung im Falle mehrerer Erpressungen7durch die verschiedenen Kommandos verleitet dazu, Deutschlands Regierung als unerbittliche Führungsmacht zu charakterisieren8, jedoch kann diese harte Haltung auch als Bestandteil einer wehrhaften Demokratie, die sich von extremistischen Vereinigung nicht erpressen lässt, gewertet werden. Diese Ereignisse haben Deutschland in eine tiefe Krise gestürzt. Neben den Zweifeln über die Richtigkeit der harten Haltung der Bundesregierung im Falle der Verhandlungen mit den Erpressern, die in der Bevölkerung auf starken Widerstand stieß, führte der so genannte ‚Radikalenerlass’ vom 28. Januar 1972, der ausschließen sollte, dass sich in der deutschen Beamtenschaft Mitglieder extremistischer Gruppen befinden, zu weiteren erheblichen, offenen Protesten.9Vor diesem Hintergrund erscheint Sontheimers dringender Appell, Deutschland vor einer wiederholten Radikalisierung wie in der Zeit ab 1933 zu bewahren, umso verständlicher, zumal Sontheimer darüber hinaus noch anführt, dass es nach 1945 wiederholt konservative und nationalistische Bestrebungen gegeben hat, sich „[…] das Büßerhemd der Geschichte abzustreifen und sich der historischen Haftung für den in den verbrecherischen Nationalsozialismus mündenden deutschen Sonderweg zu entziehen.“10Die These von aufkeimenden Restaurationsbestrebungen in Deutschland beschäftigt nach wie vor die Forschungen den Sonderweg betreffend und nährte die
6Müller, Helmut M. (1996), S. 407f.
7verschiedene Kommandos, bestehend aus Angehörigen der RAF, erpressten die Bundesregierung
wiederholt mit der Forderung, inhaftierte Gesinnungsgenossen aus der Haft zu entlassen, unter der
Androhung von Brandanschlägen und Ermordung prominenter Persönlichkeiten aus Politik und
Wirtschaft.
8Helmut Schmidt äußerte als deutscher Innenminister 1977 bei einer Sitzung des Krisenstabes,
welcher aufgrund der Entführung von Hanns-Martin Schleyer gebildet wurde, sinngemäß: „Der
deutsche Staat lässt sich nicht erpressen!“ was die harte Haltung der Regierung im Umgang mit
Terroristen, die ursprünglich aus den Studentenprotesten der 1968er Jahre hervorgegangen sind, in
Ansätzen darstellt. Zitat entnommen aus dem 2003 im Handel erschienenen Dokumentarfilm
„Todesspiel“, Regie: Heinrich Breloer, 2. DVD, 143. Minute
9Vgl. Müller, Helmut M. (1996), S. 400.
10Sontheimer, Kurt (1982), S. 28.
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gelegentliche Besorgnis, die Zustände der Weimarer Republik könnten sich in Bonn wiederholen.11Sontheimer äußert damit Bedenken, dass jener Nährboden, der in der Weimarer Republik den restaurativen Kräften, die mit der Demokratie nicht einverstanden waren und die dann im Zuge der allgemeinen Proteste und Unzufriedenheit (zum Beispiel über die Inflation 1923 und die schwache Wirtschaft im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929/1930) wieder Zulauf fanden, sich auch in Deutschland vor dem Hintergrund der in den 70er und 80er Jahren auftretenden Unzufriedenheit und Proteste wieder etabliert. Ein anderer Historiker, dessen Argumente in dieser Debatte mit angeführt werden sollten, ist Ernst Nolte, da seine Interpretation der Sonderwegsthese eine extreme Kontraposition zu Sontheimers Ansichten darstellt.
Betrachtet man verschiedene Äußerungen Noltes aus der Vergangenheit, so bildet sich umgehend das Bild eines Historikers, der politisch konservative bis rechte Ansichten vertritt.12Diesen Fakt sollte man bei
der Betrachtung seiner Argumente nicht außer Acht lassen. Noltes Kernaussage in seinem Referatsbeitrag im Diskussionsforum am Institut für Zeitgeschichte 1981 ist, dass die These vom deutschen Sonderweg zu jeder Zeit nur eine These ohne empirische Belege war, was an der Richtigkeit dieser Behauptung zweifeln lässt. Die von verschiedenen Historikern in der Sonderwegsthese beschriebene Entwicklung Deutschlands, die sich von anderen europäischen Nationen evident unterscheiden soll, ist laut Nolte eine ebenso individuelle Entwicklung, wie sie England und Frankreich auch durchlaufen haben.13Die Ambivalenz zwischen rascher Modernisierung im Zuge der Industrialisierung zum einen und dem Festhalten an tradierten
11Vgl. Sontheimer, Kurt (1982), S. 31.
12Nolte ist unter anderem für den so genannten Historikerstreit verantwortlich, den er mittels eines
Artikels in der FAZ 1986 mit dem Titel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, indem er
behauptete, Auschwitz sei nur eine logische Konsequenz der Massenmorde durch das
bolschewistische System, auslöste (Vgl. Nolte, Ernst (1987), S. 8ff.). Darüber hinaus bekundete er
dem in der Hohmann-Affäre als Antisemiten geschassten CDU-Politiker Martin Hohmann große
Zustimmung (siehe auch das Magazin „Der Spiegel“ 47/2003 vom 17.11.2003).
13Vgl. Nolte, Ernst (1982), S. 34.
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Herrschaftsformen zum anderen ist laut Nolte kein besonderer, deutscher Weg, sondern fand in England und Frankreich ebenfalls statt. Nolte zitiert Henry Myers Hyndman, der dem englischen Volk bestätigt, dass es „at bottom undemocratic and lord-loving“ sei14und äußert darüber hinaus, dass einige radikale, englische Schriftsteller einen englischen Lord als mit mehr Macht ausgestattet betrachten als einen preußischen Junker.15England hielt auch an den tradierten Herrschaftsformen fest und vertrat nach Nolte bezüglich eines demokratischen Verständnisses noch radikalere und restriktivere Ansichten als Deutschland, so dass die Herrschaft durch den deutschen Kaiser und der Erhalt feudaler Machtstrukturen keineswegs als eine deutsche Besonderheit erscheint. Nach Noltes Ansicht ist die deutsche Entwicklung nichts anderes als eine durch starke nationalistische, national-individuelle Einflüsse geprägte Entwicklung, die in vielen westeuropäischen Ländern in dieser Epoche ebenfalls stattgefunden hat. Damit widerspricht er besonders deutlich Klaus Sontheimer, der die westlichen Werte als anzustrebende Normwerte und in anderen Ländern umgesetzte Werte sieht. Seiner Ansicht nach weicht Deutschland auf seinem Sonderweg von diesen Werten ab. Die anderen westeuropäischen Länder haben laut Sontheimer eine ‚normale Entwicklung’ durchlaufen, von der Deutschland abgewichen ist. Bereits vor der Auseinandersetzung 1981, deren zentrale Positionen durch Sontheimer und Nolte dargelegt worden sind, hatte der Historiker Hans-Ulrich Wehler mit seiner Interpretation des deutschen Kaiserreichs die Ursachen für die fatale Entwicklung zu einem totalitär-faschistischen Regime eindeutig im Kaiserreich vermutet. In der Bilanz seines Werkes „Das Deutsche Kaiserreich 1871 - 1918“ von 1973 stellt sich Wehler die Frage, ob es wohl zu einer Machtergreifung durch die NSDAP gekommen wäre, wenn nicht die alten Machteliten des Kaiserreichs zuvor als „Steigbügelhalter für Hitler“16fungiert hätte. Bereits entlassene ‚Schlüsselfiguren’ aus der Zeit des I. Weltkrieges oder der Zeit des
14Nolte Ernst (1982), S. 38.
15Vgl. Nolte Ernst (1982), S. 38.
16Wehler, Hans-Ulrich (1973), S. 226.
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Hitlerputsches wie zum Beispiel Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg oder SA- Stabschef Röhm unterstützen Hitler und ebneten ihm den Weg.17
Die Ursache für die radikale Entwicklung, die in Deutschland stattgefunden hat, sieht Wehler in dem ‚fatalen Erfolg’, den die Verkopplung von Modernisierung und tradierten Herrschaftsformen hervor gebracht haben. Die Bevölkerung sei anfällig für autoritäre Politik unter Führungsgruppen“18dem Einfluss „vorindustrieller gewesen,
Demokratiefeindschaft im Bildungs- und Parteiwesen und Antisemitismus seien in der von Wehler beschriebenen deutschen Staatsideologie akzeptiert worden und hätten damit zu einem „[…] lange[n] Katalog schwerer historischer Belastungen“ beigetragen.19Das Beharren auf Vorrechten, die in einer demokratischen, liberalen Gesellschaft längst nicht mehr nur einem kleinen Kreise Privilegierter vorbehalten bleiben dürften, die unzähligen ungelösten sozialen und politischen Probleme, die durch die rasche ökonomische Modernisierung entstanden sind, von denen nur durch die Erhaltung des vermeintlichen ‚Burgfriedens’ um jeden Preis20abgelenkt wurde, statt wirkliche Reformen durchzuführen, die billigende Inkaufnahme des Kriegsrisikos um den Preis, sich bei diplomatischen Verhandlungen stark und nicht zu Kompromissen bereit zeigen zu müssen und das sture Festhalten an alten, absolutistisch geprägten Machtstrukturen, die längst einer Erneuerung bedurft hätten, all das zeigt laut Wehler, dass die Machteliten keineswegs bereit waren, den Übergang zu einer modernen,
17Vgl. Müller, Helmut M. (1996), Kap.9. Röhm sorgte u.a. als Befehlshaber der Sturmabteilung
(SA) dafür, dass Hitler bei Kundgebungen Gehör bekam, organisierte den Saalschutz und etwaige
Gegenargumentationen wurden von Angehörigen der SA unterbunden. Hindenburg setzte Hitler
als Reichskanzler ein und ließ sich am „Tag von Potsdam“ in einem festlichen Akt in der
Potsdamer Garnisonskirche die gelungene Verschmelzung von Traditionen des Kaiserreichs und
moderner, nationalsozialistischer Herrschaft von Hitler dokumentieren. Siehe auch Kapitel 10 in
„Schlaglichter der deutschen Geschichte“
18Vgl. Wehler, Hans-Ulrich (1973), S. 238.
19s. Wehler, Hans-Ulrich (1973), S. 238f.
20Vgl. Wehler, Hans-Ulrich (1973), S. 236. Wegen eines Generalstreiks 1895 wurden 170.000
Männer im deutschen Reich bestraft, was laut Wehler als Klassenjustiz gewertet werden kann,
allerdings für ein sehr hohes, physisches Sicherheitsempfinden innerhalb der deutschen
Bevölkerung als vermeintlicher ‚Burgfrieden’ im deutschen Reich sorgte.
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pluralistischen Gesellschaft zuzulassen. Wehler sieht mit der Darstellung dieser Ursachen eine besonders schwere Schuld des Kaiserreichs an den Ereignissen ab 1933 und diese gehören als „Rechnung für die Unfähigkeit zur produktiven Anpassung“21unweigerlich zur deutschen Geschichte dazu und lassen sich nicht relativieren oder beschönigen.22Aktuellere Argumente in dieser Debatte sind unter anderem in Thomas Nipperdeys „Deutsche Geschichte 1866-1918“ dargestellt. Im Kapitel „Schattenlinien“ bilanziert Nipperdey seine Betrachtungen über das Kaiserreich und lenkt den Fokus der Betrachtung noch einmal auf einige kritische Punkte die deutsche Entwicklung betreffend. Nipperdey führt zunächst an, dass die deutsche Kultur im Kaiserreich nationaler, antiliberaler und auch chauvinistischer wurde und der Nationalismus für die deutsche Kultur entscheidender war, als jeglicher anderer politischer Einfluss. Auch die Kultur war als wesentlicher Bestandteil des täglichen Lebens der deutschen Bevölkerung durchzogen von der Besinnung auf deutsche Tugenden.23Warum sollte das zu Beginn meines Kapitels erwähnte Zitat Sontheimers vom „spezifischen, positiven, deutschen Inhalt“, der dem Bewusstsein eines jeden Deutschen vermittelt wurde, vor Kunst und Kultur halt machen?
Eine weitere Ursache für die deutsche Entwicklung sieht Nipperdey in der Wertschätzung des deutschen Volkes für das Militär. Kampf, Krieg und Heroismus wurden hochstilisiert und der Respekt vor dem Militär war fest verwurzelt in den Köpfen der deutschen Bevölkerung.24Ein drittes Argument darf bei der Suche nach Ursachen nicht außer Acht gelassen werden. Die Neigung der Deutschen, unpolitisch zu sein, hat laut Nipperdey ganz gravierende politische Folgen gehabt. Die Angst vor einem Proletariat, welches mit zunehmendem Erfolg sozialistische Thesen verbreitet, das autoritäre Herrschaftssystem, welches eine Parteienvielfalt nicht zuließ, und das Zurückziehen der Mehrheit des aus der Politik um
21s. Wehler, Hans-Ulrich (1973), S. 238.
22Vgl. Wehler, Hans-Ulrich (1973), S. 238.
23Vgl. Nipperdey, Thomas (1993), S.813f.
24Vgl. Nipperdey, Thomas (1993), S.814.
