Bio-psycho-soziale Aspekte der Depression im Jugendalter - Daniel Daßmann - E-Book

Bio-psycho-soziale Aspekte der Depression im Jugendalter E-Book

Daniel Daßmann

0,0
36,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Diplomarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Soziale Arbeit / Sozialarbeit, Note: 1,7, Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - Abteilung Münster, Sprache: Deutsch, Abstract: 1 Einleitung Nach Schätzungen der Weltgesundheitsbehörde (WHO) zählt die Depression weltweit zu den schwerwiegendsten Gesundheitsproblemen. Depressive (Ver-)Stimmungen und Erkrankungen gehören mit Abstand zu den häufigsten psychischen Krankheitserscheinungen und sind noch immer in einer rasenden Zunahme begriffen. So zeigen Untersuchungen, dass sich z.B. die depressiven Neuerkrankungen bei jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren gerade in den Städten weltweit innerhalb von 10 Jahren vervielfachten (vgl. Treichler 2003, S. 299). Während es depressive Menschen schon immer gegeben hat, nahm man bei Jugendlichen lange Zeit an, dass diese „melancholischen Stimmungen” (Fend 2003, S. 434) normale Phänomene dieser Lebensphase seien. Heute besteht weitgehende Übereinstimmung darin, dass depressive Störungen bei Jugendlichen ein relativ weit verbreitetes und oftmals schwerwiegendes Problem darstellen. Zahlreiche epidemiologische Studien ermittelten, dass bis zu 20 % aller Jugendlichen im Laufe ihrer Entwicklung von mindestens einer ernsthaften depressiven Episode betroffen sind (vgl. Essau & Groen & Pe-termann in Braun-Scharm 2002, S. 57). Aufgrund dieser Zahlen lässt sich auch die in jüngster Zeit deutliche Zunahme von Publikationen zur Depressionsproblematik bei Jugendlichen als gesteigertes Interesse an der Thematik werten. Trotz der immensen Fortschritte in Forschung und Wissenschaft beschränken sich viele Autoren auf einseitige biologische, psychologische oder soziologische Teilaspekte depressiver Erkrankungen (vgl. Hell 2004, S. 12). Depressionen werden zum Teil noch immer als eine monokausale Krankheit angesehen oder dargestellt. So erklärt z.B. der Psychiater Florian Holsboer seelische Leiden mit biochemischen Prozessen und lässt die psychosoziale Komponente von Depressionen weitestgehend außer Acht: „Depression ist nichts anderes als gestörter Hirnstoffwechsel.” (Holsboer, zitiert in Kerbel 2006, S. 16) Zwar kann diese Haltung dazu beitragen, die Stigmatisierung psychisch Kranker zu überwinden, andererseits jedoch reduziert diese biochemische Perspektive Menschen als „Hort von Molekülen.” (Kerbel 2006, S. 16) Das Phänomen Depressionen nur mit der Biochemie zu erklären, erscheint mir zu kurz gegriffen. Am Beispiel der Depression im Jugendalter soll aufgezeigt werden, dass Gesundheit und Krankheit sich nicht auf (patho)physiologische-biochemische Vorgänge reduzieren lassen. [...]

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2006

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum:

Copyright (c) 2013 GRIN Verlag GmbH, alle Inhalte urheberrechtlich geschützt. Kopieren und verbreiten nur mit Genehmigung des Verlags.

Bei GRIN macht sich Ihr Wissen bezahlt! Wir veröffentlichen kostenlos Ihre Haus-, Bachelor- und Masterarbeiten.

Jetzt beiwww.grin.com

Inhaltsverzeichnis

 

1 Einleitung

2 Aspekte der Depression

2.1 Historisches

2.1.1 Melancholie – Acedia – Depression

2.1.2 Depressionen im Jugendalter

2.2 Definition

2.3 Erfassung und Diagnostik

2.4 Symptomatik

2.5 Klassifikation

2.5.1 Allgemeine Veränderungen

2.5.2 Klassifikation in der Entwicklungspsychologie

2.6 Epidemiologie

2.6.1 Allgemeine Entwicklung

2.6.2 Entwicklung bei Jugendlichen

2.7 Verlauf und psychosoziale Beeinträchtigung

2.7.1 Verlauf

2.7.2 Psychosoziale Beeinträchtigung

2.8 Komorbidität

2.9 Suizidverhalten

2.10 Zusammenfassung

3 Das Jugendalter

3.1 Begriffsbestimmung

3.1.1 Jugend – Pubertät – Adoleszenz

3.1.2 Beginn und Ende des Jugendalters

3.1.3 Ausweitung der Jugendphase

3.2 Veränderungen in der Jugendphase

3.2.1 Körperliche Veränderungen (Pubertät)

3.2.2 Emotionale Veränderungen

3.2.3 Kognitive Veränderungen

3.2.4 Gesellschaftliche / Soziale Veränderungen

3.3 Entwicklungsaufgaben

3.3.1 Allgemeines zu Entwicklungsaufgaben

3.3.2 Umgang mit körperlichen Veränderungen

3.3.3 Umbau der sozialen Beziehungen

3.3.4 Erwerb von Kompetenzen zum Schulabschluss und zur Berufsfindung

3.3.5 Identitätsarbeit

3.3.6 Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

3.4 Zusammenfassung

4 Bio-psycho-soziale Risikofaktoren und Entstehungsmodelle

4.1 Biologische Erklärungsmodelle

4.1.1 Genetik

4.1.2 Biochemie

4.1.3 Das Geschlecht

4.2 Psychologische Erklärungsmodelle

4.2.1 Die kognitive Theorie

4.2.2 Modell der gelernten Hilflosigkeit

4.2.3 Das Verstärkerverlustmodell

4.2.4 Das Problemlösungsmodell (Nezu 1989)

4.2.5 Bindungstheorie (Bowlby 1980)

4.2.6 Das kognitiv-interpersonale Modell (Gotlib & Hammen 1992)

4.3 Soziale Aspekte

4.3.1 Familiäre Faktoren

4.3.2 Kontakt zu Gleichaltrigen

4.3.3 Kritische Lebensereignisse

4.3.4 Soziale Herkunft und Gesellschaftliche Faktoren

4.4 Auslösung und Aufrechterhaltung

4.5 Zusammenfassung

5 Konsequenzen für die Soziale Arbeit

5.1 Ziele

5.1.1 Prävention und Gesundheitsförderung

5.1.2 Hilfen zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

5.1.3 Stärkung der Widerstandskräfte des Jugendlichen

5.1.4 Stärkung des Selbstwertgefühls / Selbstvertrauens

5.1.5 Veränderung der psychosozialen Umstände

5.2 Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit

5.2.1 Lebensbewältigung

5.2.2 Social Support / Das Konzept Soziale Unterstützung

5.2.3 Empowerment

5.2.4 Soziotherapie / Sozialtherapie

5.2.5 Case Management

5.2.6 Sport (und Bewegung)

5.3 Zusammenfassung

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

 

1 Einleitung

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsbehörde (WHO) zählt die Depression weltweit zu den schwerwiegendsten Gesundheitsproblemen. Depressive (Ver-)Stimmungen und Erkrankungen gehören mit Abstand zu den häufigsten psychischen Krankheitserscheinungen und sind noch immer in einer rasenden Zunahme begriffen. So zeigen Untersuchungen, dass sich z.B. die depressiven Neuerkrankungen bei jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren gerade in den Städten weltweit innerhalb von 10 Jahren vervielfachten (vgl. Treichler 2003, S. 299).

Während es depressive Menschen schon immer gegeben hat, nahm man bei Jugendlichen lange Zeit an, dass diese „melancholischen Stimmungen” (Fend 2003, S. 434) normale Phänomene dieser Lebensphase seien. Heute besteht weitgehende Übereinstimmung darin, dass depressive Störungen bei Jugendlichen ein relativ weit verbreitetes und oftmals schwerwiegendes Problem darstellen. Zahlreiche epidemiologische Studien ermittelten, dass bis zu 20 % aller Jugendlichen im Laufe ihrer Entwicklung von mindestens einer ernsthaften depressiven Episode betroffen sind (vgl. Essau & Groen & Petermann in Braun-Scharm 2002, S. 57). Aufgrund dieser Zahlen lässt sich auch die in jüngster Zeit deutliche Zunahme von Publikationen zur Depressionsproblematik bei Jugendlichen als gesteigertes Interesse an der Thematik werten.

Trotz der immensen Fortschritte in Forschung und Wissenschaft beschränken sich viele Autoren auf einseitige biologische, psychologische oder soziologische Teilaspekte depressiver Erkrankungen (vgl. Hell 2004, S. 12). Depressionen werden zum Teil noch immer als eine monokausale Krankheit angesehen oder dargestellt. So erklärt z.B. der Psychiater Florian Holsboer seelische Leiden mit biochemischen Prozessen und lässt die psychosoziale Komponente von Depressionen weitestgehend außer Acht: „Depression ist nichts anderes als gestörter Hirnstoffwechsel.” (Holsboer, zitiert in Kerbel 2006, S. 16) Zwar kann diese Haltung dazu beitragen, die Stigmatisierung psychisch Kranker zu überwinden, andererseits jedoch reduziert diese biochemische Perspektive Menschen als „Hort von Molekülen.” (Kerbel 2006, S. 16)

Das Phänomen Depressionen nur mit der Biochemie zu erklären, erscheint mir zu kurz gegriffen. Am Beispiel der Depression im Jugendalter soll aufgezeigt werden, dass Gesundheit und Krankheit sich nicht auf (patho)physiologische-biochemische Vorgänge reduzieren lassen.

Ziel dieser Arbeit ist es daher, die Depression im Jugendalter bio-psycho-sozial (ganzheitlich) zu betrachten. Um mich einzugrenzen, wird der Fokus auf die vermuteten Entstehungsursachen von Depressionen im Jugendalter gelegt. Hieraus werden letztendlich Konsequenzen für die Soziale Arbeit gezogen.

Der bio-psycho-soziale Zugang zu dieser Thematik meint nichts anderes, als dass sowohl die körperlichen (bio), die seelischen (psycho) als auch die sozialen (sozio) Bedingungen berücksichtigt werden. Diese drei Aspekte werden, wie oben gesehen, weithin noch immer als getrennte Phänomene ohne Zusammenhang und Wechselwirkung betrachtet. Ein ganzheitlicher Zugang ermöglicht einerseits eine differenzierte Erfassung der Entstehungsbedingungen von Depressionen und verhindert andererseits die Individualisierung der Probleme.

Für die Bearbeitung dieser Materie wurde folgende Vorgehensweise gewählt:

Das zweite Kapitel beinhaltet eine allgemeine Einführung in das Gebiet depressiver Störungen. Es soll somit einen Überblick über die wichtigsten Informationen im Kontext der Depressionen in der Jugendphase verschaffen.

Das dritte Kapitel befasst sich mit der Frage, warum besonders im Jugendalter eine hohe Depressivitätsgefährdung besteht. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei die belastenden und/oder konflikthaften Veränderungen des Jugendalters sowie die anspruchsvollen und herausfordernden Entwicklungsaufgaben. Somit wird ein Zusammenhang zwischen dem Jugendalter und Depressionen hergestellt.

Das vierte Kapitel geht der Frage nach, wie Depressionen im Jugendalter entstehen können und welche Risikofaktoren damit verbunden sind (Ätiologie). Dafür werden insbesondere biologische, psychologische und soziale Erklärungsmodelle sowie Faktoren vorgestellt. Hier soll verdeutlicht werden, dass Depressionen in der Regel ein mehrdimensionales Phänomen sind.

Im fünften Kapitel werden Folgerungen/Konsequenzen für die Soziale Arbeit in Bezug auf die Depressionsthematik im Jugendalter herausgearbeitet. Da sich aus den vorherigen Kapiteln vielfältigste Anknüpfungspunkte ergeben haben, ist es unmöglich auf alle einzugehen. Ich werde mich daher darauf beschränken wesentliche Grobziele zu benennen und Bezüge zwischen Depressionen sowie besonders geeigneten Konzepten und Methoden der Sozialen Arbeit herzustellen.

Die Arbeit stellt eine überblickartige Zusammenfassung des Themas dar, weshalb nicht jede einzelne Position in ihrer Differenziertheit ausgeführt werden kann. Somit kommt es unvermeidlich zu Zuspitzungen und Verkürzungen. Auch verallgemeinernde Aussagen über „die Depression” und „die Jugend” sind unvermeidlich und daher immer unter Vorbehalt zu stellen. Weiterhin können oftmals keine trennscharfen Grenzlinien zwischen den unterschiedlichen Ansätzen gezogen werden, da es vielfache Überschneidungen und Überlappungen gibt.

2 Aspekte der Depression

 

2.1 Historisches

 

2.1.1 Melancholie – Acedia – Depression

 

„Die Geschichte der Depression umfasst auch die Entdeckung des Geistes selbst [...].”

(Solomon 2002, S. 282)

 

„Seit es schriftliche Zeugnisse gibt, finden sich auch Hinweise, dass Menschen an Depressionen gelitten haben.” (Hell 2004, S. 25) Depressionen sind ein historisches Phänomen und es gibt sie offenbar so lange wie das menschliche Selbstbewusstsein. Bereits im Altertum waren Depressionen als so genannte „Melancholie” bekannt. Melancholie ist die ursprünglichste, älteste, aus dem Griechischen stammende Bezeichnung für Depression. Wörtlich übersetzt bedeutet es „Schwarzgalligkeit” und deutet auf die Säftelehre (Humoralpathologie) der alten griechischen Medizin hin, wie sie in der hippokratischen Medizin seit dem 5. Jahrhundert vor Christi gepflegt wurde (vgl. Treichler 2002, S. 31). Im antiken Athen war dies jedoch nicht die einzige Auffassung von der Melancholie. Hans-Joachim Busch weist darauf hin, dass eine strikte Grenze zwischen der medizinischen und der philosophisch-religiösen Auffassung der Melancholie verlief:

 

Zwei Bedeutungslinien der Genese des Topos der Melancholie sind dort zu finden. Die eine, medizinisch-defizitär, nimmt ihren Ausgang bei Hippokrates im 5. Jahrhundert. Die zweite, aus der griechischen Philosophie herstammend, versteht Melancholie als innere Ausstattung von Genie, von großen, kritischen Geistern. Diese grundlegende Zweiteilung der Melancholie- Auffassung hält sich historisch grundsätzlich in verschiedenen Verkleidungen bis heute durch. (Busch in Hau & Busch & Deserno 2005 S. 196ff.)

 

Die Bezeichnungen für diese Leidensform haben sich in der Medizingeschichte seitdem mehrfach verändert. Im Früh- bis Spätmittelalter wurde Melancholie mit „acedia”, was mit Trägheit übersetzbar ist, in Verbindung gebracht oder gleichgesetzt. Für Thomas von Aquin (1224-1274) war sie eine der sieben Todsünden. Melancholie war in dieser Sicht Nährboden der Sünde oder selbst Ausdruck von sündigem Verhalten und wurde sogar mit dem Satan in Verbindung gebracht. Sie galt als Ausdruck einer Missbilligung Gottes. (Vgl. Hegerl & Althaus & Reiners 2005, S. 107) Aus dieser Tradition erwuchs das Stigma, das Depressionen heute noch anhaftet: „Als ein Geschöpf Gottes muss die Seele vollkommen sein, und es obliegt uns, diesen Zustand zu wahren.” (Solomon 2002, S. 294)

 

Neben den im Mittelalter dominierenden negativen Konnotationen der Melancholie als Sünde kamen in der Renaissance wieder vermehrt positive Facetten zur Sprache. Auf antike Philosophen zurückgreifend, erklärten ihre Denker, Schwermut zeuge von Tiefe, und „man besang das im Zeichen des Saturn geborene Genie, dessen Trübsinn auf tiefster Einsicht beruhte [...].” (Solomon, 2002, S. 282)

 

Ganz unter dem Einfluss der Wissenschaft stand die Ära vom 17. bis 19. Jahrhundert. Man erforschte die Zusammensetzung des Gehirns und es wurden medizinische und institutionelle Strategien zur Behandlung ausgeklügelt (vgl. ebd. S. 282).

 

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit der Klassifikation. Um Gruppen und Untergruppen dessen zu bilden, was ehemals einfach als Melancholie gegolten hat, debattierte alle Welt über die Natur der Krankheit und ihre Varianten (vgl. ebd. S. 324). Emil Kraepelin (1856-1926), der Vater der modernen Klassifikation psychischer Erkrankungen, vertrat eine naturwissenschaftliche Medizin und war an den biologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen interessiert. Der in seiner Bedeutungsvielfalt beladene Begriff Melancholie wurde in der modernen Medizin durch den Begriff Depression ersetzt und die Melancholie wurde zu einer Spezialform der Depression, die Depression vom melancholischen Typ. (Vgl. Hegerl et al. 2005, S. 114ff.) Zeitgleich begründete besonders Sigmund Freuds psychoanalytisches Menschenbild weitgehend die Terminologie. Kraepelin und Freud stehen nicht nur für eine Dichotomie zwischen biochemischer und psychologischer Orientierung, ,,sondern auch für den entsprechenden Riss zwischen Diagnose und Therapie, den die Wissenschaft seither zu schließen versucht.” (Solomon 2002, S. 328)

 

Daniel Hell fasst wesentliche historische Kernpunkte wie folgt zusammen:

 

Eine differenzierende Geschichtsschreibung hätte zwar noch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Konzeptionen der ,Melancholie' im Altertum (und der Renaissance), der ,Acedia´ im Mittelalter und der ,Depression' in der Neuzeit herauszuarbeiten. Dabei ergeben sich viele Hinweise, dass die Grenzen der einzelnen Krankheitsauffassungen nicht immer gleich weit gezogen wurden. Dies schließt aber keineswegs aus, dass die Veränderungen im melancholischen oder depressiven Zustand in ihrem Kern vergleichbar sind. Bei aller Problematik der Begriffsabgrenzung bleibt der wesentliche Befund, dass es depressives Erleben wohl schon immer gegeben hat. Was heute Depression genannt wird, scheint zum Menschsein dazuzugehören. (Hell 2004, S. 26f.)

 

2.1.2 Depressionen im Jugendalter

 

Lange Zeit wurde das Auftreten von depressiven Störungen im Kindes- und Jugendalter in Frage gestellt. Dies, obwohl bereits 1845 der Psychiater Griesinger (1817-1868) mit Nachdruck feststellte, dass alle Formen der melancholischen Verstimmung auch bei Kindern und Jugendlichen vorkommen (vgl. Nissen 2002, S. 187). Erste Hinweise in der modernen Erforschung von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen waren die Arbeiten von Rene Spitz zum „Hospitalismus” (1946). Dieser untersuchte in einer Wiener Kinderübernahmestelle in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts vor allem schwer vernachlässigte kleine Kinder, deren Reaktionen auf die Trennung von ihren Müttern vergleichbar mit den Depressionssymptomen von Erwachsenen waren. Der Begriff der „anaklitischen Depression” fußt auf diesen Untersuchungen (vgl. Braun-Scharm 2002, S. 1ff.).

 

Seit den späten 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts werden vermehrte Forschungsanstrengungen unternommen, um das Wissen über depressive Verstimmungszustände bei Heranwachsenden zu erweitern.

 

Zuvor wurde Depression bei Kindern und Jugendlichen in der Literatur als nicht existent, laviert (maskiert) oder durch Symptome charakterisiert beschrieben, die sich deutlich von den Symptomen depressiver Erwachsener unterscheiden.[...] Wenn sie überhaupt existiert, nahm man an, dass es sich dabei um vorübergehende Erfahrungen handelt, die mit dem normalen Entwicklungsprozess zusammenhängen. (Essau 2002, S. 9ff.)

 

In diesem Zusammenhang weist Hannelore Reicher darauf hin, dass die Erforschung depressiver Störungen bei Jugendlichen eng mit der generellen entwicklungspsychologischen Sicht des Jugendalters verknüpft ist. So dominierten z.B. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „Sturm und Drang”-Vorstellungen. Demnach gehörten extreme Stimmungsschwankungen oder depressive Verstimmungen zum Jugendalter einfach dazu. Nach dieser Vorstellung galt das Jugendalter als eine besonders problematische, aufwühlende und negative Lebensphase. Depressive Verstimmungen erschienen nicht als abweichend und somit auch nicht als behandlungsbedürftig. Es wurde angenommen, dass Jugendliche aus diesen Krisen einfach wieder herauswachsen würden. (Vgl. Reicher 1998, S. 15) Seit den letzten drei Jahrzehnten hat sich die generelle Auffassung durchgesetzt, dass Kinder und Jugendliche die grundlegenden Merkmale von Depression zeigen, die auch Erwachsene aufweisen. Dieser Standpunktwechsel spiegelt sich auch im Gebrauch derselben Kriterien für depressive Störungen sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche seit der Einführung des Klassifikationssystems DSM-III (Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen) wider. (Vgl. Essau 2002, S. 9)

 

2.2 Definition

 

„Die Depression ist für den, der sie nicht kennt, ein nahezu unvorstellbarer Zustand, der sich nur durch eine Reihe von Metaphern –wie Kletterpflanzen an Eichen, Klippen mit Wasserfällen und so fort- umschreiben lässt.”

(Solomon 2001, S. 30)

 

Eine Depression kann man nicht wie einen Gegenstand beschreiben bzw. mit den Sinnen erfassen. Sämtliche bisherige Versuche, die Depression nach Form und Inhalt, ihrem Beginn und Verlauf, der Häufigkeit und Schwere ihres Auftretens sowie der Kombination ihrer Symptome zu definieren, sind fehlgeschlagen (vgl. Lehmkuhl in Braun-Scharm 2002, S. 25). Das Wort Depression kommt von lateinisch „deprimere”, „herabdrücken”, „niederdrücken” und meint in seiner ursprünglichen Bedeutung „bedrückte Stimmung”. In der Alltagssprache hat der Begriff Depression eine gewisse Ausweitung erfahren. Von kaum spürbaren vorübergehenden Stimmungsverschlechterungen bis hin zu einer schweren, im Extremfall lebensbedrohlichen Störung reicht das Spektrum. Die Bandbreite von Lebensgefühl und Stimmungslage bis hin zur Krankheit führt oft zu Unschärfe und zu Missverständnissen.

 

Es liegen ,Welten' zwischen ,depressiv sein' im umgangssprachlichen Sinne und an einer ,schweren Depression erkrankt' zu sein. Die Gefahren, die sich hieraus ergeben, liegen auf der Hand. Der Krankheitswert der Depression wird nicht erkannt, das Verhalten des erkrankten leicht als persönliches Versagen [...] interpretiert. (Hegerl et al. 2005, S. 9)

 

Eine medizinische Definition psychischer Störungen könnte somit hier den Patienten entlasten und Stigmatisierungen vermeiden.

 

Psychopathologisch wird unter Depressionen in erster Linie ein klinisches Syndrom, d.h. eine Gruppe von Symptomen, die in regelhafter oder gesetzmäßiger Verbindung miteinander auftreten, verstanden (vgl. Lehmkuhl in Braun-Scharm 2002, S. 25).

 

Depression im klinischen Sinn meint: „Probleme, die über den Bereich der Stimmung hinausgehen und anhaltende, erhebliche physische, psychische und verhaltensbezogene Symptome mit einschließen.” (Hammen 1999, S. 9) Depressionen sind demnach mehrdimensionale Verstimmungen, die an Tiefe und in der Dauer über ein der jeweiligen Lebenssituation entsprechendes Maß von Gemütsschwankungen hinausgehen. Auch innerhalb der klinischen Diskussion der Psychiatrie und der Psychoanalyse wird der Begriff Depression keineswegs einheitlich verwendet.

 

Die Uneinigkeit entsteht nicht zuletzt dadurch, dass deskriptive, psychodynamische und psychogenetische Merkmale in der Diskussion munter vermischt werden und bis heute, trotz der Versuche internationaler Klassifikationssysteme wie z.B. der ICD-10 oder der DSM-IV, keine einheitlichen Kriterien zur Bestimmung von Depressionen existieren. (Hau in Hau & Busch & Deserno 2005, S. 46)

 

Der Begriff Depression beschreibt folglich kein einheitliches Krankheitsbild, sondern umfasst einen Symptomenkomplex, hinter dem unterschiedliche Erkrankungen stehen können. Dies führt folglich zu Divergenzen in der Definition.

 

Es ist davon auszugehen, dass zwischen den unterschiedlichen Depressionsformen mehr oder weniger fließende Übergänge bestehen. Gesunde Deprimiertheit und kranke Depression sind also nicht scharf voneinander zu trennen, sie bilden Pole, die einander entgegengesetzt sind, sich aber nicht gegenseitig ausschließen. Jede Grenzziehung ist künstlich und erscheint von einer Übereinkunft der Experten abhängig. (Vgl. Hell 2004, S. 32) Die Frage, ob oder inwieweit einer psychischen Ausdrucksform Krankheitswert zukommt, wird im Wesentlichen durch sich wandelnde kulturelle und historische, aber ebenso durch ökonomische Faktoren bestimmt (vgl. Hell 2006, S. 64ff.).

 

Gegenstand der meisten Publikationen ist ein Depressionsverständnis, das:

 

[...] eine Depression als medizinische oder -etwas seltener- als familiäre oder gesellschaftliche Störung sieht. Dadurch wird die depressive Problematik als Folge eines Defekts in einem ganz bestimmten Bereich verstanden. (Hell, 2004, S.17)

 

Hell vertritt jedoch die These, dass „[...] die Depression eine besondere Reaktionsmöglichkeit darstellt, die den Menschen vor Desintegration schützt, wenn eine Verlustsituation nicht mehr anders bewältigt werden kann.” (Ebd. S.12) Depressionen machen Sinn, wenn sie nicht nur als „Störungsmuster” bzw. als „Defekt eines Systems”, sondern auch als „biosozialer Schutzmechanismus” bzw. „Lösungsversuch” gesehen werden. (Ebd. S. 196)

 

Das Fachlexikon der Sozialen Arbeit verknüpft viele der aufgeführten Aspekte in der folgenden Definition, wonach Depression eine:

 

Bezeichnung für eine Gruppe phänomenologisch verwandter psychischer Zustände, die sich in Schweregrad, Ursache und Verlauf jedoch erheblich unterscheiden und von normal psychologischen Reaktionen bis hin zu schweren psychiatrischen Erkrankungen reichen können. Der Begriff bedarf daher genauerer Differenzierung, dennoch gibt es im klinischen Bereich fließende Übergänge zwischen den differenzialdiagnostisch abzugrenzenden Depressionsformen. Gemeinsames Hauptmerkmal ist die niedergedrückte und pessimistische Grundstimmung mit allgemeiner Lust- und Antriebslosigkeit [...]. ( Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2002, S. 199)

 

Die Unterscheidung der verschiedenen Depressionsformen ist weder wissenschaftlich noch praktisch eindeutig möglich und hängt sehr von der ihr zugrunde liegenden Theorie ab (vgl. ebd. S. 199). Hinsichtlich verschiedener Schweregrade und Ausprägungsformen bleibt eine Begriffsabgrenzung der Depression problematisch. Die Depression gibt es nicht, obwohl den unterschiedlichen Depressionstypen manches gemein ist. Depressionen haben immer eine individuelle Färbung (vgl. Tölle 2000, S. 9). Eine Depression hat viele Facetten und ist nur der Oberbegriff für eine Vielzahl von seelischen Verstimmungen. Zusätzlich erschwert wird eine Definition bei Jugendlichen dadurch, dass ihre Symptome und Symptomenverbände einer entwicklungsspezifischen Metamorphose unterliegen. Altersbedingte auffällige Verhaltensweisen (siehe 2.4) überlagern sich häufig mit den klassischen Symptomen einer Depression. (Vgl. Nissen 2002, S. 189)