Black Heart - Band 16: Das Herz des Königs - Kim Leopold - E-Book
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Black Heart - Band 16: Das Herz des Königs E-Book

Kim Leopold

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Beschreibung

Das große Finale! Sie sagten, der Palast sei ein sicherer Ort. Doch wie sicher kann etwas sein, wenn die Grenzen von Gut und Böse verwischen, wenn Geheimnisse und Intrigen an der Tagesordnung stehen und wenn jeder bereit ist, für seine Ziele einen hohen Preis zu zahlen? Lass dich verzaubern und tauche ein in eine Welt von Gut und Böse! Lesereihenfolge für die Serie: Staffel 1 Black Heart 01 | Ein Märchen von Gut und Böse Black Heart 02 | Das Lachen der Toten Black Heart 03 | Ein Traum aus Sternenstaub Black Heart 04 | Der Palast der Träume Black Heart 05 | Das Flüstern der Vergangenheit Black Heart 06 | Die Kunst zu sterben Black Heart 07 | Der Schritt ins Dunkle Black Heart 08 | Tötet das Biest (Finale der 1. Staffel) Staffel 2 Black Heart 09 | Die Stille der Zeit Black Heart 10 | Der Kampf der Rebellen Black Heart 11 | Die Magie der Herzen Black Heart 12 | Die Macht des Handels Black Heart 13 | Der Weg des Schicksals Black Heart 14 | Der Kuss der Liebenden Black Heart 15 | Der Fluch des Vergessens Black Heart 16 | Das Herz des Königs (Finale der Serie)

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Beliebtheit




Table of Contents

Widmung

Das Herz des Königs

Was bisher geschah

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Epilog

Nachwort

Personenverzeichnis

Über die Autorin

Schon vorbei?

Impressum

 

 

 

 

 

 

Für dich, weil du bis zum bitteren Ende an unserer Seite stehst.

 

 

Es erscheint immer unmöglich, bis man es einmal gemacht hat. (Nelson Mandela)

Black Heart

Das Herz des Königs

KIM LEOPOLD

STAFFEL 2 // EPISODE 8

 

 

Was bisher geschah

 

 

1449 – Ichtaca und Nanauatzin haben sich ein neues Leben in Norwegen aufgebaut, nachdem Meztli sie aus der brenzligen Situation in Mexiko befreit hat. Ichtacas Freiheit gegen das Erstgeborene – so lautete der Handel, den Nanauatzin mit ihr eingegangen ist. Ichtaca wird schwanger und bringt eine Tochter zur Welt, und je mehr Zeit verstreicht, umso sicherer fühlt sich die kleine Familie. Doch eines Tages fordert Meztli, was ihr zusteht.

 

2018 – Am Palast der Träume ist es endlich so weit: Das Ritual zur Rückgewinnung von Mikaels Herzen hat begonnen. Hayet und er wachen in der Parallelwelt auf. Dort treffen sie auf Louisa und Ivan, die nach ihrem Tod an diesem Ort gelandet sind und nach einem Weg zurück gesucht haben. Mit Mikael und Hayet sehen sie endlich ihre Chance gekommen – doch die uralte Hexe Desdemona verweilt ebenfalls bei ihnen.

 

Adele hat Mikael in eine Falle gelockt. Sie hatte nicht vor, ihn wieder ins Diesseits zu lassen. Bei einer Konfrontation mit Emma wird ihr jedoch klar, dass ihre Tochter Hayet an dem Ritual beteiligt ist. Um sie zu retten, muss sie die Pforte öffnen und erbittet sich Emmas Vertrauen.

 

Farrah allerdings findet Adeles Beteiligung am Ritual alles andere als witzig, weshalb Willem sie aus der Wohnung wirft. Ohne ihre Magie und mit plötzlichen Erinnerungen an ihr Leben vor ihrem Gedächtnisverlust versucht sie, die Nacht zu überstehen.

 

Als Adele und Emma dann jedoch Hilfe von Black Hearts benötigen und damit nicht nur Moose und Max in die Geschichte reinziehen, sondern auch Jegor Stanislav, kann Farrah ihre Wut kaum noch bändigen und verpasst ihm eine Kopfnuss, die jedoch auch sie ins Aus befördert.

 

Willem bringt Farrah in seine Wohnung, damit sie sich dort erholen kann. In dem Moment, in dem er wieder gehen möchte, trifft ihn ein unerwartetes Flashback aus seinem alten Leben – der Fluch scheint gebrochen.

Mikael hat sein Herz zurück.

Prolog

 

Norwegen, 1449

Ichtaca

 

Ihre Stimme lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Thea fängt an zu weinen, als würde sie spüren, dass gerade etwas unaussprechlich Schreckliches geschieht.

»Nein«, stoße ich hervor und versuche es noch einmal mit der Tür, doch Meztli ist stärker. Sie schafft es mühelos, die Tür gegen meinen Druck aufzuhalten.

Ich weiche zurück und umklammere mein Kind, als könnte sie es mir niemals wegnehmen, wenn ich es nur fest genug halte. Nanauatzin taucht an meiner Seite auf, schiebt sich vor uns und streckt die Hände aus, doch seine bloße Willenskraft reicht nicht aus, um Meztli abzuwehren.

»Na, na.« Sie schüttelt den Kopf und lacht glockenhell auf, bevor sie unsere Hütte betritt. »Begrüßt man so eine alte Freundin?«

»Du bist hier nicht erwünscht«, erwidert Nanauatzin kalt, doch die Hilflosigkeit strahlt in Wellen von ihm ab.

»Schhh«, mache ich, um Thea zu beruhigen.

»Was für eine bildhübsche Tochter ihr beide da bekommen habt.« Meztli kommt auf mich zu. Ich weiche so weit zurück, bis ich die Wand im Rücken habe und versuche selbst dann, Thea vor ihr abzuschirmen. »Sie wird es gut bei mir haben.«

»Sie wird nicht mit dir gehen.« Nanauatzin will sie am Arm festhalten, doch sie wischt bloß einmal mit ihrer Hand und er fliegt quer durch den Raum, knallt gegen den Tisch, und all die Vorbereitungen für Theas Feierlichkeiten fallen hinunter.

Mir wird schlecht, und ich lehne mich gegen die Wand, weil ich andernfalls einfach zu Boden fallen würde. Meine Knie wollen mich nicht mehr halten, jetzt da ich begriffen habe, wie wenig wir gegen sie ausrichten können.

»Können wir neu verhandeln?«, bitte ich sie mit zitternder Stimme. »Ich gebe dir alles, was du willst, wenn du uns unsere Tochter nicht nimmst.«

Meztli lacht auf. »Am Ende sind sie alle gleich«, murmelt sie. »Alle wollen sie neu verhandeln, mich mit etwas weniger Wertvollem abspeisen, weil sie beim ersten Mal nicht nachgedacht haben. Aber nicht mit mir. Nein, es wird nicht neu verhandelt. Ein Handel ist ein Handel, und wer ihn nicht einhalten will, muss mit den Folgen leben.«

»Bitte«, flehe ich sie an. »Bitte nimm mir meine Tochter nicht weg.«

Mein Blick gleitet zu Nanauatzin, der sich langsam aufrafft. Seine Lippen scheinen Worte zu formen, Worte, für die ich einen Moment brauche, um sie zu verstehen.

Magica. Benutz deine Kräfte.

Seine Worte jagen neuen Mut durch meinen Körper. Natürlich! Wofür habe ich sonst so lange geübt, meine Fähigkeiten zu benutzen?

»Gib sie mir einfach.« Meztli streckt die Hände nach Thea aus. »Dann ist es gleich vorbei. In ein paar Wochen vermisst ihr sie nicht mehr und könnt ein neues Kind bekommen.«

Ein neues Kind? Niemand könnte Thea ersetzen! Das wäre niemals das Gleiche. Nur eine Frau, die nie ein Kind bekommen hat, kann so etwas sagen.

»Nein!«, schreie ich und schleudere ihr Flammen entgegen, die ihr die Hände und das Gesicht verbrennen müssten. Ich zögere nicht lange und laufe los, um meine Tochter in Sicherheit zu bringen, doch Meztli lässt sich ebenfalls nicht lange aufhalten. Eine Druckwelle reißt mich zu Boden, Thea fällt mir aus den Armen und überschlägt sich ein paar Mal.

Sie bleibt regungslos liegen. Mein Herz macht einen Satz, Panik erfüllt mich. Ich krabble durch den Raum, auf sie zu. Alles, was ich denken kann, ist: Bitte nicht.

Doch da rührt sie sich und beginnt zu weinen. Erleichtert weine ich mit ihr und beeile mich, zu ihr zu kommen. Sie wegzubringen. In die Wälder, den Breen, irgendwohin, wo Meztli sie nicht finden kann, aber bevor ich sie erreiche, füllt ein Lichtblitz den Raum.

Ich hebe eine Hand vor Augen, geblendet von der plötzlichen Helligkeit, und als sich meine Augen erholt haben, ist meine kleine Tochter fort.

»Nein.« Ich starre ungläubig auf den Fleck, an dem sie gerade noch gelegen hat. »Nein, nein, nein. Nicht meine Tochter. Nicht meine Thea.«

Ich höre einen wütenden Brüll hinter mir. Einen Aufschrei. Gerangel. Aber es fällt mir so unendlich schwer, mich von dem Anblick vor mir zu lösen. Es ist, als wäre sie dann endgültig verloren.

»Taca!« Nanauatzins Stimme ist das Einzige, was mich davon abhält, nicht vollends durchzudrehen. Ich fahre herum, komme auf die Füße.

Meztli hat Nanauatzin mit ihrer Magie voll im Griff, er baumelt an der Wand, fasst an seinen Hals, als würde ihn irgendwas würgen. Ihre weißblonden Haare sind zerzaust, die veilchenblauen Augen sprühen Funken. »Wie könnt ihr es wagen«, spricht sie bebend aus. »Nach allem, was ich für euch getan habe. Ich habe euch eine Heimat geschenkt. Einen Zufluchtsort. Und ihr wagt es, mich um meinen Handel betrügen zu wollen?«

Ich balle die Hände zu Fäusten, beobachte hilflos, wie Nanauatzin immer blasser wird.

»Du bist nicht besser als ein Tier, Nanauatzin.« Meztli spuckt ihm verächtlich vor die Füße. »Also sollst du leben wie eines.«

Sie hebt die andere Hand und schickt einen Schwall leuchtender Magie in Nanauatzins Richtung. Er fällt zu Boden, schreit vor Schmerzen auf. Ein entsetzliches Knacken ertönt, dann noch eins, gefolgt von vielen weiteren, die immer wieder durch seine Schmerzenslaute unterbrochen werden.

»Was passiert mit ihm?« Panisch laufe ich zu ihm, fasse ihn an den Schultern und sehe zu Meztli, die selbstgefällig auflacht. »Was hast du ihm angetan?«

»Lauf, Taca«, presst Nanauatzin zwischen zwei Schreien hervor. »LAUF!«

»Nein!« Ich versuche mich in der Magie, will einen Schutzschild zwischen Meztli und uns aufbauen, doch sie schmettert die Mauern einfach nieder. Sie ist viel zu mächtig.

»Er wird zu dem Tier, das er ist. Bald schon wird er sich an nichts mehr erinnern können. An dich nicht, an seine Tochter nicht.« Sie schnaubt. »Ich bin gnädig. Ich lasse euch vergessen, was war. Wer ihr seid. Aber ein Leben in Liebe ist euch nicht mehr vergönnt.«

Ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagt, doch als ich zu Nanauatzin sehe, stelle ich fest, dass er immer mehr von seiner menschlichen Form verliert. Entsetzt weiche ich zurück. Fell wächst aus seiner Haut, seine Ohren verziehen sich in die Länge, und sein schöner Mund …

»Bei den Göttern«, stoße ich hervor, Meztlis schrilles Lachen in meinen Ohren. Ich fasse an mein Herz, während Nanauatzin sich vor Schmerzen krümmt.

»Sieh ihn dir an, deinen Liebsten. Es wird das letzte Mal sein.«

Und noch während ich versuche zu verstehen, wird plötzlich alles um mich herum dunkel.

 

 

Ein Rauschen.

Es kommt näher, es geht wieder. Es kommt wieder näher, und geht. Wieder und wieder und wieder.

Der Schrei eines Vogels.

Ich stöhne. Schließe die Hände zu Fäusten und spüre Sand zwischen meinen Fingern. Er entgleitet mir.

Aber das macht nichts, denn er ist überall. Auf mir, unter mir. Sogar in meinem Mund schmecke ich Sandkörner.

Leises Getuschel dringt an meine Ohren. Ich versuche den Kopf zu heben, aber mein Nacken schmerzt, als hätte ich zwei Nächte lang durchgetanzt.

Wo bin ich hier? Es braucht ein paar Momente, bis ich es schließlich schaffe, die Augen zu öffnen. Die Sonne blendet mich für einen Moment, mein Blickwinkel wirkt sonderbar schief.

Erst da fällt mir auf, dass ich auf dem Bauch liege und auf mehrere paar nackte Füße schaue.

Das Getuschel wird lauter, aber ich verstehe kein Wort. Die Sprache ist mir fremd, das Gefühl des Sandes unter mir auch. Ich weiß nicht, wo ich bin.

Ein Paar Füße kommen näher. Sie gehören zu einer Frau, die vor mir in die Hocke geht und mich an der Schulter berührt. »Tutto a posto?«, fragt sie mich in ihrer sonderbaren Sprache.

Ich zucke mit den Schultern und blicke ihr fragend in das freundliche Gesicht. Sie hilft mir dabei, mich aufzusetzen, und ich sehe, dass sie nicht die Einzige ist, die mich neugierig mustert. Um uns herum stehen locker zehn andere Personen. Männer, Frauen, ein Kind.

»Non toccarla!«, sagt einer der Männer und tritt hervor, um die Frau an der Schulter zu fassen.

»La donna ha bisogno d’aiuto.« Sie wischt seine Hand unwirsch weg und hilft mir auf die Beine. Ich stehe wacklig auf, blicke mich um. Wir befinden uns auf einem Strand, das Wasser ist keine zwei Meter weg von mir. Mein Kleid ist nass und voller Sand.

Und ich habe keine Ahnung, wer ich bin.

Kapitel 1

 

Österreich, 2018

Farrah

 

Mein Schrei gellt durch die Nacht. Er verlässt den Palast der Träume durch das gigantische Loch, das die Explosion in die Außenmauer gerissen hat, und rüttelt jedes Tier im Umkreis von mehreren Kilometern wach.

»Willem!« Ich stürze los, suche nach dem leisesten Funken Magie in mir, doch ich finde ihn nicht. Ich bin ein verdammter Mensch. Ein verdammter Mensch, der gerade alles verloren hat, was ihm wichtig ist.

Der Metallbalken ist riesig. Er ist schwer. Er bedeckt Willems leblosen Körper nahezu vollständig. Alles, was ich von ihm sehe, ist ein Bein.

»Scheiße!« Weinend rüttle ich an dem Balken, um ihn hochzuheben. Ich bringe alle Kraft auf, die ich in mir finden kann. Versuche Willem zu befreien, aber es reicht nicht. Ich bin machtlos ohne meine Magie. Zu schwach, um gegen Metall anzukämpfen. »Komm schon! Verdammte Scheiße.«

Ich breche zusammen, falle zu Boden und beginne hemmungslos zu schluchzen, während ich mich nach irgendetwas umsehe. Nach irgendjemandem, der mir helfen kann. »Wieso ist hier denn niemand?«, schreie ich. »Hallo? Wir brauchen Hilfe!«

Um mich herum zerbricht noch mehr vom Palast, Holz zerbirst, Steine von den Außenmauern rollen über den Schutt. Aber es ist mir egal. Alles ist egal. Meine Freunde sind hier. Wenn ich sie nicht retten kann, brauche ich mich auch nicht mehr retten.

Du musst nach anderen Überlebenden suchen, flüstert mir eine Stimme in meinem Kopf zu. Mikael. Das ist der einzige Grund, wieso ich aufstehe. Wieso ich mich auf meine zitternden Beine zwänge und Willem zurücklasse. Ich kann ihm nicht helfen. Aber vielleicht kann ich wem anders helfen.

Ich klettere über Steine, befreie meinen Weg von den Überresten des Mobiliars, von Teilen, die aussehen, als gehörten sie mal zu einem Bettgestell, von Lampenschirmen, Fensterbruchstücken, all den Dingen, die die Explosion zu einer nicht identifizierbaren Masse gemacht hat, - und nähere mich der Stelle, an der einst mein Gästequartier gewesen ist.

Da entdecke ich etwas Leuchtendes zwischen all dem Schutt.

Rosa.

»Emma«, stoße ich hervor und lege einen Zahn zu, um sie zu erreichen. Mit bloßen Händen befreie ich sie von Trümmerteilen. Sie blutet. Sie blutet verdammt nochmal überall.

Und trotzdem öffnet sie die Augen.

»Farrah«, murmelt sie erleichtert. Ich streiche ihr weinend die Haare aus dem Gesicht. Blut und Dreck vermischen sich mit meinen schweißnassen Handflächen.

»Ich krieg das wieder hin«, verspreche ich ihr und gehe in mich. Versuche meine Magie hinauf zu beschwören, um sie zu heilen.

Sie greift nach meiner Hand, stöhnt auf. »Ich bin nicht wichtig«, krächzt sie. »Ich hab lang genug gelebt. Meine Schüler … Bitte.«

Ich nicke, presse die Lippen aufeinander, aber selbst das hilft nicht mehr gegen die Tränen, die mir über die Wangen rinnen.

Ihre blauen Augen suchen mein Gesicht ab. »Willem?«

»Ihm geht’s gut«, lüge ich sie an, weil es alles ist, was ich für sie tun kann. Verzweiflung schnürt mir die Kehle zu. »Er wird bald hier sein. Bei dir.«

»Gut.« Sie schließt die Augen, stöhnt wieder, bevor sie zu lächeln beginnt. Sanft, aber friedlich. »Sag Mikael … ich hab’s gern …«

»Was?« Ich beuge mich hinunter, um ihre letzten Worte zu verstehen. »Was hast du gesagt, Emma?«

Doch sie antwortet nicht mehr. Sie gleitet mir davon, ich spüre förmlich, wie ihre Seele ihren Körper verlässt.

Es fällt mir schwer, überhaupt noch einen Atemzug zu tun. Mein Herz zieht sich zusammen, meine Sicht wird von all den Tränen getrübt. Ich will aufgeben. Will mich einfach danebenlegen und einschlafen. Für immer.

Wie kann ich einen weiteren Schritt tun, wenn –

»Farrah.« Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Eine warme Hand. Eine, die mir so bekannt vorkommt, dass ich vor Erleichterung aufschreie.

Ich drehe mich um, falle Mikael in die Arme. »Gott sei Dank, es geht dir gut.«

Er hält mich so fest, dass ich kaum Luft bekomme, und es ist nicht annähernd fest genug. Seine Hände gleiten über meinen Rücken, streicheln durch mein Haar. Ich halte mich an seinen starken Armen fest, breche vollends zusammen, bringe keinen klaren Satz mehr heraus.

»Willem … Emma … Sie sind …« Ich kralle mich in Mikaels Oberteil, suche nach dem Halt, den ich so unbedingt brauche. Aber nichts in dieser Welt könnte mir das nehmen, was ich gerade empfinde. Nicht einmal Mikael.

»Ich weiß. Schhh, ich weiß.« Er küsst meine Stirn. »Du musst diesen Ort verlassen. Du bist hier nicht sicher.«

»Aber …«, schluchze ich auf. »Ich muss doch … ich muss helfen. Emma. Willem.«

Mikael löst sich ein Stück weit von mir, um mich anzusehen. Grüne Augen, dichte Wimpern. Er sieht anders aus, anders, aber so familiär, das mein Herz einen aufgeregten Salto macht. »Du musst jetzt sofort hier weggehen und Antonio anrufen, ja?«

Ich versuche auszumachen, wieso mir seine Gestalt so bekannt vorkommt, aber mein Kopf kann keinen klaren Gedanken fassen.

»Antonio anrufen«, murmle ich wie eine Marionette.

Mikael nickt. »Sag ihm, dass er sofort ein Bergungsteam herschicken soll. Und dann gehst du zum Eingang und lässt unsere Leute rein. Komm erst zurück, wenn Antonio da ist. Kannst du das für mich tun, Farrah?«

»Ich … Ich denke schon.« Langsam löse ich meine Hände aus seinem Shirt. Ein Plan. Ich hab einen Plan, an dem ich mich festhalten kann. Ich kann etwas tun, um zu helfen. Der Sturm in meinem Kopf lichtet sich, verkommt zu einem etwas leiseren Tosen. »Was ist mit den anderen? Hayet?«

»Darum kümmere ich mich.« Mikael hilft mir hoch. Ich löse meinen Blick von seinen Augen, sauge seine ganze Gestalt in mir auf. Er ist nicht mehr Mikael. Er ist auch nicht Mads Johansen aus Norwegen.

»Nanauatzin«, spreche ich das aus, was mir durch den Kopf geht.

Er reißt kaum merklich die Augen auf. »Du erinnerst dich tatsächlich.«

»Ich …« Verwirrt blinzle ich. Meine Gedanken sind so durcheinander, dass ich nicht mal ganze Sätze formulieren kann.

Er schüttelt den Kopf. »Das ist jetzt egal. Wir müssen uns um die anderen kümmern. Wir reden später darüber.«

»Später«, wiederhole ich matt.

Er betrachtet mich besorgt und berührt meine Schulter. »Schaffst du das, Farrah? Kannst du für mich bei Antonio anrufen?«

»Ja. Ich … Ja.«

»Okay, gut.« Mikael streicht mir über die Wange, er sieht mich zärtlich an. »Später, versprochen. Erst die anderen an. Ruf Antonio an.«

Ich lehne mich noch einen Moment in seine Berührung, als wolle ich dadurch Kraft tanken, dann nicke ich entschlossen und laufe los, um meine Aufgabe zu erledigen. Antonio anrufen, ihn in den Palast lassen. Später mit Mikael reden.

Das schaffe ich. Das kann ich tun.

Kapitel 2

 

Österreich, 2018

Louisa

 

Halleluja.

Ich fühle mich, als hätte ich den schlimmsten Kater aller Zeiten. Mein Kopf dröhnt, mir ist augenblicklich übel. So übel habe ich mich in der Zwischenwelt nicht gefühlt - aber ich begrüße das Gefühl freudig, denn es bedeutet, ich bin am Leben.

Ich öffne die Augen, blicke an eine weiße Zimmerdecke und versuche mich zu orientieren. Unter mir spüre ich das kuschlige Gefühl einer Couch, über mir die Sanftheit einer Wolldecke. Es duftet nach Kräutern, angenehm, nicht zu aufdringlich. Meine Nasenspitze ist ein bisschen kalt, aber ansonsten ist mir muckelig warm.

Das flaue Gefühl in meiner Magengrube ebbt ab, je mehr ich mich darauf konzentriere, wie es in dieser Welt ist. Auch die Kopfschmerzen vergehen so schnell, wie sie gekommen sind.

Aber die Angst davor, dass das hier nur ein Traum ist, bleibt.

Vorsichtig bewege ich die Hände, spüre, wie der Stoff der Wolldecke über meine Haut gleitet, wie er die feinen Härchen auf meinen Unterarmen glattstreicht, bevor ich sie unter der Decke hervorziehe.

»Es hat geklappt«, murmle ich mehr zu mir selbst als zu irgendwem anders. Erst dann setze ich mich auf und blicke mich um. Ich befinde mich in Emmas Wohnung, in der sie meinen Körper abgelegt haben, aber ich bin allein.

Kein Wunder, die anderen sind vermutlich noch dort, wo sie das Ritual durchgeführt haben.

Ich stehe auf, wackle mit den Beinen, strecke mich. Meine menschliche Form fühlt sich definitiv schwerer an als die Version aus der Zwischenwelt … oder dem Jenseits … oder wie auch immer man diesen Ort nennen mag. Dahin möchte ich nie wieder zurück.

Und Desdemonas Gesellschaft werde ich jedenfalls auch nicht vermissen.