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Eine gefährliche Insel. Ein endloses Meer. Unerklärliche Dinge geschehen. Zusammen mit 19 anderen Jugendlichen wird Zoe auf einer unbewohnten Insel ausgesetzt. Ordentlich nebeneinander aufgereiht wachen sie am Strand auf. Keiner von ihnen weiß, wie sie auf die Insel gelangt sind. Unerklärliche Dinge geschehen und Zoe trifft auch noch auf ihre Schwester. Von der sie nicht mal wusste, dass sie existierte.
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2021
Lara Maskly wuchs in Schmallenberg auf und lebt nun immer noch dort. Sie schrieb schon seit sie klein war immer wieder kurze Geschichten oder sogar ganze Bücher. Mit Black Island will sie den Schritt an die Öffentlichkeit wagen.
Email: [email protected]
Instagram: me.larry.me
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Eine warme Brise wehte über mich. Sie wirbelte den Sand rund um mein Gesicht auf. Unwillkürlich musste ich niesen, ließ mich dann aber wieder in den warmen Sand sinken.
Moment, Sand? Erschrocken setzte ich mich auf. Tatsächlich saß ich auf Sand. Vor mir rauschte das Meer. Wo war ich?
An einen Strand konnte ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Heute Morgen hatte ich doch noch mit meiner Familie gefrühstückt! Zuhause! Und nicht am Meer. Ich schaute mich weiter um. Rechts und links neben mir lagen noch weitere Menschen, alle fein säuberlich in einer Reihe, die meisten immer noch bewusstlos… oder schlimmer. War vielleicht unser Schiff gekentert? Aber ich konnte mich nicht erinnern in letzter Zeit auf einem Schiff gewesen zu sein. Und selbst wenn, dass alle in einer Reihe landeten war wirklich unwahrscheinlich.
Während ich so dasaß und mir Gedanken machte, schweifte mein Blick über das Meer. Wo war ich nur? Und warum war ich hier? Das musste ich unbedingt herausfinden!
Langsam versuchte ich aufzustehen. Meine Beine schmerzten, funktionierten aber zum Glück noch. Von oben bekam ich einen besseren Überblick über die Situation. Es konnte wirklich kein Zufall sein, dass wir hier auf dieser Insel waren, es sei denn wir hatten beschlossen, alle dasselbe anzuziehen. Jeder von uns trug ein T-Shirt und eine Jogginghose, abwechselnd in weiß und in schwarz, hingelegt im Schachbrettmuster. Kein Zufall, pure Absicht.
Vielleicht war das hier so eine Fernsehsendung, die Leute verarschte. Gleich kam bestimmt jemand, um uns die Situation zu erklären. Ich wartete nur auf den Moment, in dem irgendjemand mit einer Kamera hinter einem Busch hervorsprang und mich auslachte.
Mittlerweile standen auch drei andere, zwei Mädchen und ein Junge. Alle drei machten noch einen ziemlich benommenen Eindruck und schauten sich genauso verwirrt um wie ich. Trotzdem beschloss ich zu ihnen zu gehen, vielleicht wussten sie ja mehr, eigentlich bezweifelte ich das, es wäre ja unlogisch.
»Hey«, sagte ich, als ich mich näherte. Sie drehten sich um. Alle drei sahen jung aus, vielleicht in meinem Alter, also ungefähr siebzehn. Der Junge winkte mir zu, die Mädchen sahen nicht so aus als würden sie mich verstehen.
»Weißt du, was hier los ist?«, fragte er mich, aber ich konnte nur mit dem Kopf schütteln.
Ich wüsste gerne was hier los war, leider tat ich das nicht. Jetzt tuschelten die Mädchen miteinander auf einer fremd klingenden Sprache. Sie verstanden mich also tatsächlich nicht.
»Wer bist du?«, wollte er jetzt wissen.
»Zoe«, entgegnete ich. »Und du?«
»Alac«
Ich nickte zur Bestätigung und schaute zurück auf die anderen, die noch am Strand schliefen. Ob sie wohl jemals wieder aufwachten?
»Sind alle noch am Leben?«, fragte ich neugierig.
»Ja, ich denke, also wir sechs schon. Das sind Lia und Ava.«, antwortete Alac.
Zu unserer Gruppe gesellten sich noch zwei indianerstämmige Mädchen, die wenigstens gebrochen Englisch konnten. Sie hießen Skara und Anouk, niemanden hier kannte ich und auch niemand kam mir annähernd bekannt vor.
Irgendwann kam mal jemand auf die Idee alle von uns durchzuzählen. Wir waren exakt 20 Personen, je zehn Mädchen und zehn Jungen. Ab diesem Zeitpunkt glaubte keiner mehr, dass das alles Zufall war.
»Die Sonne geht unter«, merkte ich an, ganz langsam verschwand sie hinter den Palmen.
»Wir könnten im Wald übernachten«, schlug Skara vor, doch der Vorschlag wurde schnell verworfen, da wir die Anderen, die noch schliefen, nicht einfach hierlassen wollten. Und sich zu sechst, von denen nur vier einander verstanden, durch unbekanntes Terrain zu schlagen, hielt niemand für eine gute Idee. Deswegen blieben wir einfach wo wir waren und warteten auf das Aufwachen der anderen.
Allerdings stellte sich auch das als schwierig heraus, denn keiner wusste, wie man ein Feuer machte. Zumal wir nichts zum Verbrennen hatten. Verzweifelt setzten wir uns einfach in den Sand und taten gar nichts. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Nachdem die Sonne untergegangen war, wurde es plötzlich tierisch kalt. Kurzzeitig dachte ich, wir würden erfrieren, aber irgendwie ging es schon. Das einzig Gute an der Kälte war, dass dadurch viele aufwachten.
Am Ende der Nacht waren wir achtzehn Leute. Nur Emil und Bent wachten nicht auf, waren aber auch nicht tot und Melis war unsere einzige Verletzte. Sie konnte ihre Beine nicht mehr bewegen, meinte jedoch das sei schon immer so gewesen.
Wir verbrachten die Zeit am Strand, bis zum Morgen. Da fingen die ersten an über Hunger zu klagen und so beschloss Amon, als selbst ernannter Anführer, mit einer fünfköpfigen Gruppe, bestehend aus Albert, Eliano, Phill, Finn und Alain sich in den Palmenwald zu wagen.
Wir anderen, hauptsächlich Mädchen, blieben zurück. Nur noch Alac und Kayle waren als männliche Vertreter noch da. Ich glaubte, Kayle hatte das extra gemacht, denn mit seinen blonden Haaren sah er nicht schlecht aus und wurde sofort von ein paar Mädchen in Beschlag genommen. So blieb es an Alac auf uns aufzupassen.
Zuerst spielte ich mit dem Gedanken, mich zu Alac zu stellen, wollte ihn aber bei seiner Tätigkeit nicht stören und landete am Ende bei Greta. Wir sprachen nicht viel, es war einfach nur gut nicht alleine zu sein.
Während wir so dasaßen, sahen wir Sidonie und ihren beiden Freundinnen Mailin und Loren dabei zu, wie sie in Unterwäsche im Meer badeten. Von Sicherheit schienen sie nicht viel zu halten, von Sauberkeit hingegen schon.
»Was, meinst du, machen wir hier?«, fragte Greta nach einiger Zeit. Ich zuckte ratlos mit den Schultern.
»Wer, meinst du, hat uns hierhergebracht und was will er von uns?«, Greta machte einfach weiter mit ihrer Fragerei. Es war relativ egal, was ich antwortete, sie wollte einfach nur reden. Jeder von uns ging anders mit der Situation um. Ihr ständiges Gerede ließ mir Zeit, um mich mit meinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Aber nachdenken war eines der wenigen Dinge, die man vermeiden sollte, denn es kam unausweichlich der Zeitpunkt, an dem man an seine Familie denken musste. Sie machten sich bestimmt große Sorgen um mich oder eine andere Möglichkeit, die mir weit weniger gefiel: Meine Familie war schuld an meinem Dilemma. Nein, bestimmt nicht.
Ich versuchte mich abzulenken, indem ich aufs Meer hinaus schaute. Das Meer glitzerte in der Sonne. Irgendwann hörte auch Greta auf zu reden und starrte stumm vor sich hin.
Lautes Gekreische zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Zuerst dachte ich es wäre etwas passiert, aber es war nur Sidonie, die Sand in die Augen bekommen hatte. Mailin und Loren stürmten sofort zu ihr, um ihr zu helfen.
Nach einer halben Ewigkeit kam endlich Amons Gruppe wieder. Sofort rannten alle zu ihnen, um ihren Bericht zu hören, doch Amon wollte nicht alles drei Mal erzählen, deshalb wartete er, bis alle zusammenkamen und erst einmal sollte ein Feuer brennen. Für das Feuer schmiss Finn ein paar getrocknete Palmenblätter auf einen Haufen, niemand wusste ob das Zeug gut brannte, aber einen Versuch war es Wert.
Jetzt, da die Blätter auf einem Haufen lagen, war es an Albert, das Feuer anzufachen. Er war Pfadfinder und alle hatten vollstes Vertrauen in ihn. Nach etwa einer halben Stunde hatte er es tatsächlich geschafft. Vor uns knisterte ein Feuer, ein warmes, echtes Feuer.
Die allgemeine Stimmung hellte sich auf, denn mit einem Feuer konnte man kochen und kochen bedeutete Essen. Seit gestern hatte niemand mehr etwas zu sich genommen, vielleicht war unsere letzte Mahlzeit auch schon länger her, so ausgehungert wie ich mich fühlte.
»Also Leute«, fing Amon an. »Wir haben leider nicht viel gefunden, nur ein paar Bananen und Mandarinen, aber wir werden morgen wieder losgehen und noch einmal versuchen etwas zu finden. Hier muss es ja etwas geben. Schließlich sind wir ja aus einem bestimmten Grund hier!« Wir schwiegen. Natürlich waren die meisten enttäuscht, dass sie nichts Besseres gefunden hatten, aber was sollte man denn auf so einem einsamen Stück Land auch finden. Durch das Essen heiterte sich die Stimmung merklich auf.
Jeder bekam eine Mandarine und die Bananen wurden verlost. Ich hatte das Glück eine abzubekommen. Greta und Alac gingen leider leer aus und mussten sich mit ihrer Mandarine zufriedengeben. Manche fingen an ihre Sachen über dem Feuer zu rösten, andere starrten nur stumm auf ihr Essen und waren betrübt, dass es nicht mehr war.
Melis musste von Phill zum Feuer getragen werden, um an unserem Abendessen teilzuhaben, was für sie überhaupt kein Problem war und der allgemeinen Stimmung auch nicht schadete, wenn man das, was da war, als positive Stimmung bezeichnen konnte. Die beiden, die immer noch schliefen ließen wir einfach liegen.
Schließlich riss Skara ihre Banane als erste auf und schrie erschrocken. Sofort drehten sich alle zu ihr um. Aus ihrer Bananenschale purzelten nach und nach kleine weiße Steine. Jetzt riss ich auch meine auf und tatsächlich: Anstatt einer Banane waren darin nur kleine, weiße Steine.
»Was zum?!«, entfuhr es mir. Auch die anderen Bananen sahen nicht besser aus. Panisch öffneten viele ihre Mandarinen, nicht, dass auch in ihnen nur Steine waren. Doch die Mandarinen sahen zum Glück ganz normal aus, sie schmeckten nur ein bisschen nach Apfel, jedoch konnte das jeder verkraften. Trotzdem war der Bananenschock groß. Wo waren wir bloß gelandet?
Die restliche Nacht verlief relativ unruhig. Die Jungs wechselten sich mit der Nachtwache ab und passten auf das Feuer auf, während die Mädchen schlafen konnten. Immer wieder schreckte jemand hoch, meinte ein komisches Geräusch gehört zu haben oder einen Schatten zu sehen und verbreitete damit noch mehr Panik, bei denen, die eh schon Angst hatten.
Die meisten waren es einfach nicht gewöhnt draußen zu sein, sie waren vor ihrer Inselzeit richtige Stadtkinder gewesen und der Vorfall mit den Bananen hatte auch nicht gerade zu einer ruhigen Stimmung beigetragen. Irgendetwas lief auf dieser Insel gewaltig schief und mit den Bananen fing es an. Neben mir zuckte Greta.
»Tschuldigung, wollte dich nicht wecken«, nuschelte sie. Ich winkte ab.
»Kann eh nicht schlafen«, gab ich zurück.
»Das geht den meisten hier so«, versuchte sie mich zu beruhigen. »Bestimmt sind wir bald wieder zuhause, dann kannst du wieder in deinem eigenen Bett schlafen.«
»Naja, wenn du meinst«, erwiderte ich noch nicht so ganz überzeugt. Ich glaubte nämlich nicht daran, dass wir in naher Zukunft gerettet werden würden. Allerdings suchte bestimmt schon die Polizei nach uns und es war nur eine Frage der Zeit bis man uns fand, redete ich mir die Situation schön. Schließlich stammten nicht alle von uns aus demselben Land, was die Chance gefunden zu werden, noch erhöhte.
Von Greta kam ein leises Schnarchen. Sie hatte keine Probleme damit einfach so hier einzuschlafen. Anders als wir anderen. Über die Hälfte unserer Truppe war noch wach und tuschelte miteinander. Zwei oder drei weinten sogar. Wegen der Dunkelheit konnte ich nicht erkennen wer, aber ich tippte auf Sidonie und ihre Freunde, die taten doch nur auf cool.
Ich würde auch in absehbarer Zukunft nicht einschlafen können und beschloss eine der Wachen abzulösen. So leise wie möglich schlich ich rüber zum Feuer. Kurz bevor ich da war, räusperte ich mich einmal laut, nicht, dass sie mich für eine Bedrohung hielten. Gerade mussten Alain und Eliano ihre Pflicht tun und am Feuer ihre Zeit absitzen. Zwei gegensätzlichere Partner hatte ich noch nie gesehen. Eliano, wahrscheinlich ein Italiener, braun gebrannt, gut gebaut und Alain schlaksig, strohblond, mit riesiger Brille. Man könnte ihn als klassischen Nerd bezeichnen.
»Soll ich einen von euch ablösen?«, fragte ich leise. Erst dachte ich, sie hätten mich nicht verstanden, doch dann stand Eliano auf.
»Ich könnte eine Mütze Schlaf gebrauchen«, sagte er mit Akzent beim davongehen. So blieben nur noch Alain und ich übrig. Da ich keine Ahnung vom Wachehalten hatte, setzte ich mich einfach an die Stelle, die Eliano gerade verlassen hatte. Das Feuer wärmte schön meinen Rücken.
«Warum hältst du Wache?«, fragte Alain nach einer Weile.
»Ich kann nicht schlafen, hab Heimweh«, erzählte ich ihm. Natürlich hätte ich auch lügen können, aber Lügen brachten in so einer Situation doch eh nichts. Außerdem sahen wir uns nach diesem Inselerlebnis wahrscheinlich sowieso nie wieder. Natürlich nur, wenn wir jemals hier herunterkamen. Alain nickte nur stumm.
»Warum, glaubst du, sind wir hier?« Vielleicht kannten die Jungen ein paar mehr Details. Zu meiner Enttäuschung zuckte Alain nur mit den Schultern.
»Wir wissen genauso wenig wie ihr«, erklärte er mir.
Schweigend starrte ich weiter in die schwarze Nacht. Das Feuer wärmte so schön meinen Rücken. Dieser Umstand und die Dunkelheit machten mich schläfrig. Mit aller Mühe hielt ich mich wach. Erst fragte ich noch danach eine Wachschicht übernehmen zu dürfen und jetzt schlief ich einfach ein. Das ging ja gar nicht. Trotzdem schaffte ich es nicht und Alain musste mich wecken als unsere Ablösung kam.
Alac schaute mich belustigt an. Seine braunen Haare waren vom Schlafen noch voller Sand. Phill saß schon auf dem Platz, auf dem Alain gesessen hatte, er hob sich kaum vom Hintergrund ab.
Alac räusperte sich und ich verstand. Ich versperrte ihm den Platz. Beschämt stand ich auf und starrte im Vorbeigehen auf den Boden. Das Grinsen in seinem Gesicht konnte ich trotzdem aus dem Augenwinkel sehen. Na toll, direkt am zweiten Tag machte ich mich schon zum Affen.
Greta schlief immer noch seelenruhig, als ich wieder zu ihr kam. Wie vorhin legte ich mich neben sie und schaute in die Sterne, sie waren mir unbekannt. Wo wir nur sein mochten, weit weg von Zuhause? Diesmal ging das Einschlafen besser, auch wenn ich das warme Feuer vermisste.
Am nächsten Morgen wurde ich kurz nach Sonnenaufgang von Greta geweckt. Zuerst wusste ich nicht wo ich war, doch dann sickerte die Erinnerung zurück in mein Gehirn und ich war schlagartig wach.
Über Nacht hatte sich einiges getan. Wir hatten mehr Essen, natürlich waren es nur Mandarinen, die Bananen konnte man schließlich nicht gebrauchen und das Feuer war größer. Die Palmenblätter brannten wirklich besser als ich dachte. Greta und ich waren als einzige schon wach, mit Ausnahme der Wachposten.
»Was weckst du mich so früh?«, maulte ich Greta an.
»Auf einer unbekannten Insel solltest du nicht zu lange schlafen! Wir sind schließlich nicht hier um Urlaub zu machen«, erwiderte sie trocken und ich gab mich geschlagen. Natürlich hatte Greta Recht, wer wusste schon was hier alles auf uns wartete.
Als Erstes beschlossen wir uns was zu essen zu nehmen. Dafür hatte sich Amon auch schon ein ausgeklügeltes System einfallen lassen. Exakt die gleiche Menge Mandarinen, verteilt auf zwanzig kleine Haufen, so bekam jeder genau das Gleiche.
Ich ging zu Haufen Nummer fünf, mein Haufen und nahm mir eine einzelne Mandarine. Satt wurde ich davon nicht, wollte aber nicht mehr nehmen. Wer wusste schon, wie lange wir von dem Haufen leben mussten. Auch Greta nahm nur eine Mandarine, wahrscheinlich aus denselben Gründen wie ich. Zum Essen setzten wir uns ans Meer.
»So langsam müssen wir uns mal waschen!«, merkte ich an und rümpfte aus Spaß die Nase. Wir mussten in dieser schrecklichen Situation lachen.
»Ja, aber wo?«, nuschelte sie mit vollem Mund. Ratlos zuckte ich mit den Schultern.
»Vielleicht haben die Jungs gestern im Wald einen Fluss gesehen. Wenn nicht müssen wir wohl das Meer nehmen«, antwortete ich ihr. Also gingen wir, nachdem die Mandarinen verschlungen waren, rüber zu den Jungs, die gerade Wache hielten. Momentan saßen Albert und Kayle am Feuer.
»Hey«, sagte Greta. »Habt ihr gestern im Wald vielleicht einen Fluss gesehen oder so?«
Wir schauten gespannt zu Albert. Er schien zu überlegen, was er uns erzählen sollte. Nach einer Weile begann er endlich zu reden: »Ja, haben wir, einen kleinen See. Aber bitte geht nicht alleine dahin. Wir wissen nicht, was hier haust!«
Wir bedankten uns überschwänglich und liefen in die Richtung, in die Albert gezeigt hatte.
»Sollen wir wirklich alleine gehen?«
Mir war etwas mulmig zumute.
»Ach, das wird schon«, versuchte Greta mir Mut zu machen. Der Palmenwald vor uns sah bedrohlich aus, es drang kaum Licht durch das dichte Blätterdach, was für einen Palmenwald schon recht seltsam war. Schließlich ließ ich mich doch überreden und folgte Greta seufzend.
Im Wald kamen wir nur langsam vorwärts und mussten immer wieder Halt machen, um Markierungen in Form von Palmenblättern und abgeknickten Zweigen zu hinterlassen.
Nach kurzer Zeit kamen wir an die Stelle, von der das Essen kommen musste. An den Palmen hingen Bananen und kleine Mandarinenbäumchen schlugen helle Schneisen in den sonst so dunklen Wald.
»Hier kommt das Essen her, dann kann der See nicht mehr weit sein!«, freute sich Greta, doch ich hörte ihr nicht zu. Meine Aufmerksamkeit galt einem kleinen, gelblichen, gruseligen Licht in der Ferne, links von uns.
»Siehst du das?«, fragte ich leise.
»Was?«, Greta folgte meinem ausgestreckten Finger. »Meinst du das Licht? Was ist das?«
»Keine Ahnung«, gab ich rätselnd zurück. »Sollen wir uns das mal ansehen?«
Plötzlich lachte Greta laut los.
»Was?«, fragte ich leicht beleidigt und schaute sie an.
»Nichts, nichts, das klingt nur wie in einem schlechten Horrorfilm.« Da hatte sie allerdings Recht. Es ging nie gut aus, wenn man sich von der Gruppe entfernte und dann einem gruseligen, einsamen Licht in einem Wald folgte. Auch wenn es nur Palmen waren, Wald blieb Wald und ein gruseliges Licht blieb ein gruseliges Licht.
»Also meinst du, wir sollten zurückgehen und später nochmal wiederkommen?«, hakte ich nach.
»Von mir aus können wir ja ein bisschen näher rangehen, aber sobald es irgendwie gefährlich wird machen wir uns sofort auf den Rückweg«, schlug Greta vor und ich war damit einverstanden. Also schlichen wir in Richtung Licht. Weiterhin ließen wir alle fünf Meter ein verkohltes Palmenblatt fallen, was in der Dunkelheit nicht viel brachte, außer man stand direkt davor. Naja, so war wenigstens garantiert, dass wir den Weg zurückfanden, wenn wir Glück hatten.
Das Licht wurde immer größer und heller und wir immer ängstlicher. Aber keiner von uns wollte jetzt einfach so zurückgehen, nicht bevor wir wussten, was es war.
Eigentlich war das die dümmste Idee, die man auf einer einsamen Insel haben konnte. Trotzdem ließen wir uns nicht beirren und gingen einfach weiter auf das Licht zu. Endlich standen wir davor, wir mussten nur noch durch einen Busch klettern.
»Am besten geht nur einer von uns, damit der andere Hilfe holen kann, ich geh vor«, schlug ich vor und machte mich auf den Weg, durch den Busch zu robben. Woher mein Mut kam, wusste ich nicht.
Auf der anderen Seite konnte ich nicht glauben, was ich gefunden hatte. Da stand tatsächlich ein Haus, ein echtes, großes Haus aus Bambus und Palmen.
»Greta, das musst du sehen!«, rief ich zur anderen Seite des Busches. Keine fünf Minuten später stand auch Greta genauso geschockt da, wie ich am Anfang.
»Ein … ein … ein Haus!«, stotterte sie herum, fing sich aber schnell wieder. »Wer denkst du wohnt hier?«
Wir entschieden uns das Haus genauer anzusehen, doch dazu mussten wir erstmal den Eingang finden. Das konnte ja nicht so schwer sein. Ich lief links um das Haus herum, Greta rechts. Wer den Eingang fand, sollte den anderen rufen.
»Oh Mein Gott!«, erklang Gretas Stimme von rechts. Sofort sprintete ich um das Haus herum. Zum Glück ging es Greta gut, aber wie es aussah hatte sie den Eingang gefunden.
Der Eingang, sah aus wie ein ganz normaler Eingang. Die Treppen und ein Stück vom Holzboden davor waren rot gestrichen … nicht gestrichen. Und dann erkannte auch ich, was es war. Der komplette Eingang war voller, getrocknetem Blut. Also waren wir nicht die Ersten, die hier waren.
»Meinst du, was auch immer das war, ist noch da drinnen?«, fragte ich beklommen.
Greta verneinte dies: »Das Blut sieht trocken aus. Was es auch gewesen ist, es hatte keinen Grund noch länger hier zu bleiben. Das Haus müsste sicher sein.«
Überzeugt von ihrer eigenen Argumentation machte sie sich auf den Weg ins Innere. Da ich nicht alleine hier draußen bleiben wollte, musste ich wohl oder übel mitgehen. Auch wenn Greta meinte, was auch immer das getan hatte, war längst weg, es konnte ja jederzeit wiederkommen, auf der Suche nach neuen Opfern.
Während ich die Treppen hochlief, versuchte ich immer so wenig wie möglich in das Blut zu treten. Deswegen war Greta auch viel früher im Haus als ich, denn mit meiner Technik brauchte ich ziemlich lange.
Im Haus traute ich meinen Augen kaum. Es war wie ein schönes, luxuriöses Strandhaus, mit Möbeln aus Bambus eingerichtet. Nur klebte an allem ein bisschen Blut und die Sofakissen waren komplett zerrissen. Ansonsten war alles noch in einem annehmbaren Zustand. Ich ging langsam weiter durch das Haus. Greta konnte ich immer noch nicht entdecken, dafür aber die moderne Küche. Sie war blitzeblank, bis auf das faulige Obst. Anscheinend hatte hier niemand gewütet.
»Greta, wo bist du?«, rief ich leise. So ganz alleine in einem gruseligen Haus, wurde mir langsam mulmig zu mute.
»Hier oben, das musst du dir ansehen!«, antwortete Greta aus dem oberen Stockwerk. Aufgeregt lief ich zurück ins Wohnzimmer, dann in den Flur und die Treppe rauf in den ersten Stock.
Oben im Flur lagen zwei Stapel Bilder herum. Alle Bilder waren durchgestrichen, dadurch wurden die meisten Gesichter darauf unkenntlich. Ich nahm mir die Zeit und zählte kurz durch. 19 mit roter Farbe durchgestrichene Bilder. Wenn das unsere Vorgänger waren fehlte ein Bild. Ein Mädchen.
»Jetzt komm endlich«, drängte Greta. Seufzend ging ich nach links. MÄDCHEN, stand auf der Tür. Dann mussten rechts die Jungen sein. Geschockt blieb ich im Türrahmen stehen.
»Krass, oder?«, rief Greta aufgeregt. An den Wänden, jeweils über einem Bett hingen weitere Bilder! Bilder von uns! Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, sah ich mich weiter um. Am anderen Ende des Raumes war eine weitere Tür.
»Wohin führt die?«, fragte ich an Greta gewandt.
»Zum Bad«, lautete die knappe Antwort. Sie schien von all dem hier fasziniert zu sein.
»Hast du gar keine Angst?«, horchte ich Greta aus. Verwundert schaute sie mich an.
»Natürlich habe ich Angst, was denkst du denn!« Trotzdem glaubte ich, dass sie log. Greta hatte keine Angst. Irgendetwas war hier faul.
»Ich glaube ich gehe wieder zurück zu den anderen«, murmelte ich und wandte mich zum Gehen. Ich hätte nie allein mit ihr hierherkommen dürfen. Eigentlich kannte ich Greta gar nicht. Eigentlich kannte ich hier gar keinen und dieses Haus war alles andere als vertrauenserweckend.
Hastig stürzte ich die Treppe runter, wurde dann aber wieder etwas langsamer, als mir bewusst wurde, wie kindisch ich mich verhielt. An Greta war nichts faul, nur weil sie keine Angst hatte, musste sie nicht zwangsläufig etwas mit unserer Situation zu tun haben.
»Greta, kommst du auch mit?«, rief ich etwas versöhnlicher nach oben. Endlos lange wartete ich auf eine Antwort. Irgendwann wurde ich panischer. Konnte ihr etwas zugestoßen sein? Ich fühlte mich wirklich wie im Horrorfilm und da war das schlechteste, was man machen konnte, sich zu trennen! Einen erwischte es dann immer.
»Greta?!«, versuchte ich es nochmal, doch auch diesmal kam keine Antwort zurück. Was sollte ich jetzt machen. Wenn ich nachsehen ging, konnte das auch mein Ende bedeuten oder ich lief zurück zu den anderen und holte Hilfe.
Wie immer entschied ich mich für die schlechtere Option. Langsam und vor Angst zitternd schlich ich wieder nach oben. Aus dem Schlafsaal der Mädchen vernahm ich ein leises Rauschen. Ob das gut oder schlecht war, konnte ich noch nicht einschätzen. Mit dem Fuß stieß ich die Tür auf, doch im Schlafsaal war nichts. Dafür aber im Bad. Konnte Greta dieses Rauschen verursachen? Plötzlich hörte es einfach auf und es war totenstill. Sowohl hier im Schlafsaal als auch im Bad. Mit einem Knall flog die Tür auf. Erschrocken zuckte ich zusammen.
»Ach du bist es nur«, vernahm ich Gretas wütende Stimme. »Was schleichst du dich auch so an! Ich dachte du wärst sonst was!«
»Wenn du geantwortet hättest, hätte ich mich nicht so anschleichen müssen«, konterte ich genauso bissig, musste aber sofort wieder lachen, als ich sah, wie Greta aussah. Sie stand da in der Tür, nur mit einem Handtuch bekleidet und auf der rechten Seite trug sie ein kunstvolles Schaumgebilde im Haar, während die linken Haare glatt herunterhingen. Deswegen hatte sie mich also nicht gehört, Greta hatte geduscht.
Beleidigt knallte sie die Tür wieder zu. Duschen, war gar keine so schlechte Idee. Das Rauschen ertönte erneut. Es war nur das Wasser, welches Greta zum Duschen benutzte, nichts Gefährliches.
Jetzt bekam auch ich Lust auf eine warme, wohltuende Dusche. Noch spannender fand ich allerdings die Truhe vor meinem Bett. Was konnte da wohl drin sein. Gespannt öffnete ich sie und fand tatsächlich Kleidung. Allerdings war es nur die Kleidung, die ich bereits trug in mehrfacher Ausführung. Darin lagen etwa zehn weiße T-Shirts mit passenden Hosen.
Enttäuscht klappte ich sie wieder zu, nur um sie dann wieder zu öffnen, weil ich noch neue Klamotten brauchte. Schließlich wollte ich nach dem Duschen nicht wieder die alten Klamotten anziehen.
Mit den Sachen ging auch ich ins Bad. Wie erwartet ein Gemeinschaftsbad, wenigstens hatte jede Dusche und jede Toilette ihre eigene Kabine. Das Konzept mit den Bildern war hier nicht aufgegriffen worden, wie auch, es gab ja nur drei Duschen und fünf Toiletten.
Ich nahm die Dusche ganz hinten, die nicht direkt neben Gretas lag. Von der Ablage über den Waschbecken schnappte ich mir ein Handtuch und legte dafür meine Sachen dorthin, damit sie nicht nass wurden. Dann stieg ich in die Dusche.
Das Wasser prasselte heiß auf mich herab. Es tat gut und vermittelte mir ein Gefühl von Normalität. Normalität. Schlagartig musste ich erneut an meine Familie denken und das gute Gefühl war weg. Seufzend stellte ich das Wasser ab und trat aus der Dusche.
Fertig angezogen, aber immer noch mit nassen Haaren, musterte ich mich im Spiegel. Also, ich hatte schon mal besser ausgesehen. Meine schwarzen Haare sahen total verfilzt und zerzaust aus und unter meinen bereits dunklen Augen lagen noch dunklere Augenringe.
»Weißt du, wie ich die Haare trocken bekomme?«, fragte ich Greta, die auf ihrem Bett wartete.
»Nope, meine sind luftgetrocknet«, bemerkte Greta schelmisch grinsend. Wenn ich meine langen Haare lufttrocknen ließ, brauchte ich dafür Stunden.
»Ja, deine sind aber auch echt kurz«, gab ich trocken zurück und wir mussten lachen. Ihre Haare hatten nämlich eine Länge von fast fünf Zentimetern. Lachend ließ nun auch ich mich auf mein Bett fallen.
Je länger wir in diesem Haus waren, desto besser gefiel es uns. Die Gefahr rückte nach und nach in den Hintergrund. Trotzdem sollten wir langsam zurückgehen. Die anderen machten sich bestimmt schon Sorgen. Die Zeit war unerbittlich vorangeschritten und laut der Uhr über Melis´ Bett war es weit nach Mittag. Wir hatten echt lange herumgetrödelt.
»Wir sollten wieder zurückgehen, die anderen wollen sicherlich auch noch eine Dusche nehmen«, witzelte ich. Greta nickte und so machten wir uns auf den Rückweg. Zum Glück hatte Greta Spuren hinterlassen, sonst hätten wir uns hoffnungslos verirrt. Nach einer Viertelstunde standen wir wohlbehalten wieder am Strand.
Wir waren keine zwei Minuten hier, da kam auch schon der wütende Amon auf uns zu.
»Wo wart ihr? Waschen kann ja wohl nicht so lange dauern«, meckerte er. Er sah ziemlich gestresst aus. Kein Wunder, als ungewählter Anführer musste er schließlich dafür sorgen, dass es allen gut ging. Wenn zwei einfach so verschwanden, trug er die Verantwortung.
»Wir haben etwas gefunden«, fing ich an und berichtete von unserem Abenteuer. Trotzdem blieb Amon misstrauisch. Er glaubte uns nicht. Am morgigen Tag sollten wir ihn erstmal alleine dorthin führen. Dachte er jetzt wir wollten sie in eine Falle locken? Warum sollten wir? Die ganze Gruppe hielt Abstand zu uns, sie vertrauten auf Amons Urteil. Alle, bis auf Alac.
»Was haben die?«, wollte ich wissen, während wir zu dritt am Feuer saßen.
Alac räusperte sich: »Naja, manche glauben ihr steckt in dieser ganzen Sache mit drin. Am Anfang wollten es viele nicht glauben, aber als ihr dann mit der Haussache um die Ecke gekommen seid, haben viele ihre Meinung geändert…«
»Mit viele meinst du wohl alle«, brummte Greta missmutig. Gekrängt malte ich mit meinem Fuß Striche in den Sand. Da fanden wir in dieser Hölle mal was Gutes und wie wurde es einem gedankt? Mit ignorieren und abfälligen Blicken. Noch dazu mussten wir die Nacht auf hartem Sand verbringen, anstatt in unseren warmen, weichen Betten zu liegen. Sehnsüchtig dachte ich an das Haus zurück.
Plötzlich kam mir eine Idee: »Warum gehen wir nicht einfach zurück?«
Alle beide sahen mich an.
»Aber Amon hat doch gesagt wir sollen morgen mit ihm zusammen gehen«, entgegnete Greta. Ich verdrehte die Augen und seufzte.
»Ist doch egal, was Amon sagt. Wir sind hier auf einer einsamen Insel, wir können machen was wir wollen!«, hielt ich dagegen. Das schien Greta zu überzeugen.
»Darf ich auch mit?«, fragte Alac und stand ebenfalls auf. Kurz schauten Greta und ich uns an, dann ein kurzes Nicken. Alac verstand den Wink und wir steuerten den Palmenwaldrand an. Es war bereits dunkel, unter den Palmen konnte man kaum seine Hand vor Augen sehen und trotzdem liefen wir los.
Wir nahmen genau den Weg, den wir heute Morgen genommen haben. Ab und zu stießen wir auf eine von Gretas Spuren. Doch die Chance sich zu verirren war hoch.
»Wie habt ihr das Haus überhaupt gefunden?«, wollte Alac wissen. Ich schaute nach links und konnte bereits das Licht ausmachen. Jetzt, im Dunkeln, erschien es mir viel greller.
»Wir haben das Licht da gesehen und sind ihm gefolgt.«
Ich deutete auf den Lichtpunkt, der gut zwischen den Palmen zu sehen war.
Hinter uns knackte etwas. Erschrocken fuhren wir alle drei rum, konnten in der schwarzen Nacht allerdings nichts erkennen. So wusste keiner, ob es gefährlich war. Sofort musste ich an das ganze Blut auf den Treppen denken. Was auch immer es war konnte in diesem Moment genau hinter uns sein. Fast zeitgleich rannten wir los. So schnell war ich in meinem ganzen Leben noch nicht gerannt.
Zwischendurch stolperte ich ein-/zweimal, war aber ganz schnell wieder auf den Beinen. Das schützende Haus kam immer näher. Wobei schützend vielleicht das falsche Wort war. Im Wohnzimmer sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Als ich durch die Hecke lief, fiel ich beinahe hin.
Dahinter lag das Haus noch genauso wie wir es verlassen hatten. Greta war schneller als ich und schon auf den Treppen, ich in der Mitte und Alac hinter uns. Staunend blieb er stehen wo er war. Ich wartete mit Greta auf den Treppen, das Blut erschreckte mich nicht mehr so sehr wie beim letzten Mal, aber Alac blieb wie angewurzelt davor stehen.
»Bitte sagt mir, dass ihr rote Farbe auf die Treppen gekippt habt«, sagte er halb flehend. Stumm schüttelte ich den Kopf.
»Das war schon so als wir hierherkamen. Das Wohnzimmer sieht noch schlimmer aus und oben… ach schau selbst.«
Man konnte förmlich die Hoffnung aus seinem Gesicht schwinden sehen.
»Also sind wir auch hier nicht in Sicherheit«, stellte Alac enttäuscht fest.
»Aber sicherer als am Strand«, versuchte ich ihn aufzumuntern. Wie nach dem Motto Augen zu und durch, sprang er die Treppe mit zwei Sätzen hoch. Das Wohnzimmer sah noch genauso schlimm aus wie vorhin.
Der Schlafsaal der Jungen sah genauso aus, wie der der Mädchen, nur das Bad hatte eine Dusche mehr. Irgendwer hatte mit roten Buchstaben Ihr seid die nächsten auf die Hinterste geschmiert. Wir hofften einfach, dass es diesmal Farbe war und dass das Statement nicht stimmte, obwohl wir es eigentlich besser wussten.
Während sich Alac frisch machte, räumte Greta die Bilder im ersten Stock weg und ich kümmerte mich um das Wohnzimmer. Zuerst sammelte ich die ganzen Fetzen der Sofakissen auf. Natürlich hätte man besser Staubsaugen sollen, aber ich wusste nicht, wo ich hier einen Staubsauger herbekommen sollte.
Jetzt musste ich nur noch das ganze Blut entfernen. Angeekelt sah ich mich um. An so ziemlich allem war Blut. Man müsste das ganze Wohnzimmer einmal saubermachen.
»Greta?!«, rief ich nach oben. »Bist du fertig? Kannst du vielleicht die Sache mit dem Blut übernehmen?«
Ganz ehrlich, ich wollte das nicht anfassen. Ein Rumpeln ertönte, ein paar Bilder rutschten die Treppe runter und dann ein Fluchen von Greta.
»Sorry, tut mir echt leid«, hörte ich Alac sich entschuldigen. Jetzt wurde ich neugierig und ging nachsehen. Auf dem Weg nach oben nahm ich die heruntergefallenen Bilder wieder mit.
»Was ist los?«
Ich schaue in die Runde. Alac, der nun auch frische Sachen hatte, stand neben dem umgekippten Haufen Bilder, während Greta zwischen den am Boden ausgebreiteten Mädchenbildern saß.
»Er ist gegen den Stapel gelaufen«, seufzte sie. »Naja, wenigstens wissen wir jetzt, dass die Bilder nicht so stehen bleiben können.«
»Tut mir echt leid«, versicherte ihr Alac noch einmal. Betreten fing er an, die Bilder wieder aufzuschichten. Als letztes legte auch ich meine drei darauf und der Stapel stand wieder da wie vorher.
»Was machen wir jetzt mit ihnen?«, erkundigte sich Alac, doch ich konnte nur mit den Schultern zucken.
Alle wandten sich an Greta und sie informierte uns über ihren Plan: »Wegschmeißen auf jeden Fall nicht. Ich habe versucht herauszufinden, wer fehlt. Von den Bildern erfahren wir nichts mehr. Aus dem Fenster ist ein kleiner Schuppen zu sehen. Morgen können wir sie dort einlagern. In der Nacht nochmal herauszugehen ist zu gefährlich.«
Damit waren alle einverstanden. Bis morgen wollten wir sie in den Flur legen, damit nicht wieder einer drüber stolperte. Alac und ich trugen die Stapel nach unten. Freundlicherweise überließ er mir den Stapel mit den Mädchen, weil da eines weniger dabei war.
In der Zeit fing Greta schon mal mit dem Blutentfernen an. Sie schien als einzige nicht so ein Problem damit zu haben, wie wir anderen. Mein Gefühl riet mir wachsam zu bleiben. Irgendetwas stimmte nicht mit Greta, nur wusste ich nicht was. Jetzt musste ich wohl noch herausfinden, was nicht stimmte.
Nachdem auch das Blut Vergangenheit war und Greta endlich das dreckige Wasser in die Spüle kippte, saßen wir zu dritt auf dem großen, sauberen Sofa.
»Ich frage mich, warum es hier fließendes Wasser und Elektrizität gibt«, rätselte Greta. Ich ließ sie reden. Ihre Fragen waren alles andere als einleuchtend, aber vielleicht war das ihre Art mit all dem umzugehen. Momentan fand ich alles gut, solange ich nicht an meine Familie denken musste oder an unsere echt bescheidene Situation. .
»Was hast du eigentlich?«, rief Alac irgendwann. Vor Schreck zuckten wir zusammen und Greta verstummte sofort.
Unbeirrt fuhr Alac fort: »Wir sind hier auf einer gottverlassenen, verdammten Insel. Unsere Familien sehen wir vermutlich nie wieder, so wie die armen Kerle auf den Bildern das auch nicht tun werden und was machst du?! Du machst dir nur Gedanken darum, warum die, die uns das angetan haben, hier fließend Wasser und Strom installiert haben?«
Daraufhin war Greta still und ich wurde neugierig. Woher wusste Alac so viel über die Bilder? Er war schließlich auch erst seit zwei Tagen auf der Insel!
»Du weißt was mit den Leuten auf den Bildern passiert ist?«, wandte ich mich deswegen an ihn.
»Hast du noch nie einen Film gesehen?«, fuhr er jetzt auch mich an. »Durchgestrichen heißt tot! Das ein Bild weg ist heißt es gibt nur drei Möglichkeiten, entweder ist sie noch am Leben, hier weggekommen oder, was ich für wahrscheinlicher halte, es ist einfach nur verloren gegangen.«
Stumm nickte ich und schaute hilfesuchend zu Greta. Doch die schien mit ganz anderen Dingen beschäftigt zu sein. Sie starrte einfach geradeaus in die Luft und ihre rechte Hand zitterte. Auch Alac bemerkte das und sofort sprang er besorgt auf.
»Was hast du?«, fragte er mit Alarmstimme und zog mich von ihr weg.
»Hey!«, rief ich schrill. »Was soll das?«
Ich wollte wieder zu Greta, aber Alac hielt mich fest. So sehr ich auch zog und mich wandte, ich konnte mich nicht aus seinem eisernen Griff befreien.
»Du weißt nicht, was die anderen niedergestreckt hat! Was wenn es eine Krankheit war und sie sich angesteckt hat!«, erklärte er mir, wieder ganz cool. »Und tut mir leid wegen eben. Ich muss auch erst damit klarkommen.«
»Angenommen«, flüsterte ich und beschäftigte mich wieder mit Greta. An eine Krankheit hatte ich noch gar nicht gedacht und es sah verdächtig nach Anfall aus. Ihre Hand zitterte immer noch, aber ihr Blick wirkte klarer. Dann schüttelte sie einmal kurz mit dem Kopf und verbarg mit ihrer linken Hand ihre rechte.
»Ist was?«, bemerkte sie spitz und grinste uns an, als wäre das gerade gar nicht passiert. Auch jetzt ließ Alac mich noch nicht wieder zu ihr.
»Sie hat nichts. Du hast sie bestimmt nur zu sehr erschreckt«, warf ich ihm vor. Das schien zu wirken und Alac gab mich wieder frei. Sofort nahm ich Greta in den Arm und beruhigte sie. Verhalten stand Alac im Raum herum, entschuldigte sich dann bei Greta und verabschiedete sich ins Bett. Ihm war die ganze Aktion sehr peinlich, das konnte man ihm ansehen.
Wir blieben noch eine Weile zusammengekuschelt sitzen, bis uns die Müdigkeit übermannte und wir auch ins Bett gingen. In unserem Schlafraum fanden wir Alac im Bett von Lia, neben meinem. Er wollte wohl nicht alleine schlafen. Für mich ging das klar, wahrscheinlich hätte ich es genauso gemacht und auch Greta störte es nicht.
Also weckten wir ihn nicht, sondern legten uns in unsere eigenen Betten, die zum Glück direkt nebeneinander lagen.
Die letzten Tage verliefen recht normal. So normal, wie das auf einer einsamen, gruseligen Insel eben sein konnte. Die siebzehn anderen sind am nächsten Tag ebenfalls in das Haus gezogen und waren weit weniger abweisend zu uns. Wir bildeten eine richtige kleine Gemeinschaft. Jeder fand eine Beschäftigung.
Ich hing meistens einfach auf der Couch ab und unterhielt mich mit Greta. Ihr ließen die Bilder einfach keine Ruhe, aber nach allgemeinem Beschluss blieben sie im Schuppen. Oder ich kümmerte mich um den Haushalt.
Seit dem Zwischenfall in der ersten Nacht bekam Greta keinen weiteren Anfall oder verhielt sich auch nicht wieder komisch.
Alac sah ich kaum. Meistens nur zu den Mahlzeiten, es gab eigentlich immer Mandarine, die wir alle gemeinsam einnahmen. Zu seinen neuen Aufgaben gehörte nämlich auch die Essensbeschaffung und Wachdienst, denn Amon wollte kein Risiko eingehen.
Seit Tagen schon hatte Alac die Nachtschicht und schlief am Tag. Bis jetzt gab es noch keine Verluste in unseren Reihen, außerdem wachte Bent noch aus dem Koma auf. Emil leider nicht und so ganz ohne richtige Nahrung hielt er es bestimmt nicht mehr lange durch.
»Hey, worüber denkst du nach?«, fragte Anouk, der ich gerade in der Küche half. Eigentlich war Sidonie mit kochen dran, aber die ging lieber spazieren.
»Hmm … Ach nur über die letzten Tage«, antwortete ich aufrichtig. Sie seufzte.
»Ja, ganz schön beschissene Situation, findest du nicht?«, versuchte sie zu scherzen, doch das ging nach hinten los. Skara, die am Tisch saß, hatte unsere kleine Unterhaltung mitangehört und fing sofort wieder an zu schluchzen. Manche verkrafteten die Situation nicht ganz so gut, sie gehörte dazu.
Bent auch, deswegen durfte er auch nicht an den Wachdiensten teilhaben, er sei zu labil, meinte Amon. Auf mich machte er einen ganz gefassten Eindruck, aber er versteckte sich auch meistens im Schlafsaal der Jungen und da hatten wir Mädchen keinen Zutritt.
»Leute, Leute!«, rief Alain quer durch das ganze Haus. Er hatte Neuigkeiten für uns! Sofort ließen wir alles stehen und liegen und rannten zu ihm ins Wohnzimmer. Er brauchte nicht einmal erklären was vorgefallen war. Alle starrten betroffen auf Emil.
»Er ist tot«, fasste Amon flüsternd zusammen, was offensichtlich war. Unser erster Verlust. Ich blinzelte ein paar Mal, um die Tränen zurückzuhalten, die aus meinen Augenwinkeln traten. Eigentlich kannte ich Emil nicht und hatte auch nicht gedacht, dass mich sein Tod so treffen würde. Schließlich war es unausweichlich und dennoch …
Jetzt rollte mir doch eine Träne die Wange herunter. Seine armen Eltern! Plötzlich knallte hinter uns die Tür auf. Erschrocken fuhr ich rum, es war nur Greta, die von … ja wovon eigentlich … wiedergekommen war.
»Was ist denn los?«, wollte sie völlig verwirrt von unserem Auflauf wissen.
»Emil … Emil … er ist … tot«, berichtete Melis mit erstickter Stimme. Irgendwie hatte ich erwartet, dass Greta betroffener reagierte.
Sie ließ nur ein kleines: »Oh«, hören und verzog sich dann nach oben in die Schlafräume.
Irgendwie wurde ich aus ihr nicht schlau. Erst hatte sie kein Problem mit Blut und jetzt war sie so zimperlich. Vielleicht sollte ich mal nach ihr sehen, dachte ich und sprintete die Treppe hoch. Andererseits suchte ich aber auch nur einen Grund um von der Leiche wegzukommen.
Ich klopfte leise an der Tür zum Schlafsaal, bevor ich eintrat. Greta hockte im Schneidersitz mit geschlossenen Augen auf ihrem Bett.
»Hey, was ist los?«, fragte ich vorsichtig. Doch Greta schüttelte nur mit dem Kopf.
»Nichts, alles bestens«, seufzte sie. Es klang fast schon erleichtert.
»Wo warst du heute?«, quetschte ich sie weiter aus. Mit immer noch geschlossenen Augen schüttelte sie den Kopf, sie würde mir nichts sagen. Manchmal konnte sie mich echt auf die Palme bringen.
»Am Strand«, lautete die knappe Antwort. Verwirrt blieb ich im Türrahmen stehen, fragte aber nicht weiter.
»Wenn es irgendetwas gib, das dich bedrückt, kannst du immer mit mir darüber reden«, bot ich ihr an und ging. Fieberhaft überlegte ich, wie ich ihr helfen konnte. Ich musste doch etwas tun können. Greta war doch sonst nicht so. Irgendetwas beschäftigte sie, seit sie wieder da war. War etwas am Strand vorgefallen? Mit den Händen am Geländer blieb ich stehen und grübelte.
»Hey, was ist denn los? Du stehst seit einer Viertelstunde hier«, erklang plötzlich Alacs Stimme hinter mir. Wie lange stand er schon da? Vor Schreck krampfte ich meine Finger in das Geländer und brach mir einen Nagel ab. Also heute war ich wirklich schreckhaft.
»Nein, nein, mir geht es gut«, erwiderte ich hastig. »Aber ich glaube Greta hat was!«
Er schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, so als wollte er sagen, echt jetzt?
»Das hast du jetzt erst gemerkt? Viele hier finden sie komisch«, erklärte er triumphierend und ich musste wieder an unseren ersten Abend denken. Da hatte Greta sich auch komisch benommen.
»Können wir an den Strand gehen?«, bat ich ihn und nein, das war kein Nachspionieren. Jedenfalls nicht im bösen Sinne. Erst wand sich Alac, knickte dann aber ein.
»Na schön. Ich hole jetzt Essen, du kannst ja mitkommen.«
Dankbar blickte ich ihn an. Wir durften uns bloß nicht von Amon erwischen lassen. Also verabredeten wir, dass Alac zuerst rausging und ich fünf Minuten später nachkam. Treffpunkt war der Busch, durch den wir beim ersten Mal geklettert waren. Es war so eine Art Tradition geworden. Obwohl es vorne einen besseren und freieren Weg gab, gingen wir immer noch durch den Busch. Keine Ahnung warum, es gefiel uns einfach mehr.
»Hi und nochmal Danke«, begrüßte ich Alac, der sich immer wieder nervös umsah. Genervt winkte er ab und blickte auf seine Füße. Als er merkte, was er tat, schaute er sofort wieder hoch und behielt das Haus kritisch im Auge.
»Wir müssen los«, flüsterte Alac, immer noch auf das Haus schauend. »Wir dürfen nicht erwischt werden!«
Zusammen schlugen wir uns durch den störrischen Busch. Irgendwann musste ich aufhören durch den Busch zu kriechen, damit zerstörte ich mir noch die ganze Kleidung. Schon zwei T-Shirts und eine Hose mussten von Melis genäht werden. Sie übernahm meistens die Reparatur von unseren Sachen, weil sie als einzige gelernte Schneiderin war und Sachen nur im Sitzen erledigen konnte.
Wenn ich den Weg noch allzu oft benutzte, hatte ich in drei Wochen nichts mehr anzuziehen, dass noch nicht geflickt wurde. Schließlich hatte ich nur zehn Teile von jedem und ich brauchte definitiv noch saubere Kleidung. Schon allein wegen dem Wohlfühlfaktor, der die Situation etwas abmilderte. Ich wollte auf der Insel nicht die einzige sein, die schmuddelig und ungepflegt aussah.
Die restlichen Mädchen gaben sich ebenfalls Mühe, schön und gepflegt auszusehen, was nicht immer zur Situation, aber zum Haus passte. Alle bis auf Greta, sie lief einfach mit dem rum, was sie gerade fand. Hoffentlich musste ich nicht irgendwann damit anfangen sie ans Duschen zu erinnern.
Der erste Teil des Wegs war verwildert und voller Gestrüpp. Wir mussten richtig klettern, um zum Hauptweg zu gelangen, der zum Vordereingang mündete. Amon hatte ganze Arbeit geleistet und die ganzen störenden Pflanzen entfernt. Jetzt war daraus ein etwa fünfzig Zentimeter breiter, gut begehbarer Trampelpfad geworden. Es sah ganz anders aus als noch am Tag davor. Ich pfiff anerkennend durch die Zähne und bewunderte das Werk.
»Wir haben lange dafür gebraucht. Der Weg führt vom Haus über die Mandarinen zum Strand, wo wir ausgesetzt wurden«, erklärte mir Alac und deutete mit dem Finger in Richtung Strand. Ich war lange nicht mehr draußen gewesen und erschreckte mich vor jedem Knacken im Unterholz. Das musste ich mir unbedingt wieder abgewöhnen.
Schweigend gingen wir nebeneinander her, erreichten die Mandarinen und pflückten ab und zu ein paar, die Alac in einem Beutel verstaute. Den Beutel hatte er bestimmt aus dem Geräteraum des Hauses. Ich wollte gar nicht wissen, was vorher darin gewesen war.
»Ist dir schon mal aufgefallen, dass es hier keine Vögel gibt?«, begann ich ein Gespräch. Die Stille war einfach zu ruhig und bedrückend.
»Nein, ist es nicht!«, erwiderte er völlig verblüfft und lauschte. Wieder wurde es still und ich konnte nur noch die Geräusche des Waldes hören. Das unheilvolle Knacken im Unterholz, das Rascheln der Blätter im Wind und das Rauschen des Meeres, was mir als einziges wenigstens ein bisschen behagte.
So liefen wir einfach weiter und ich vermutete hinter jedem Knacken ein grausiges Monster oder ein gefährliches Tier. Doch als nichts kam, beruhigte ich mich langsam.
»Was denkst du über Greta?«, fragte Alac so plötzlich, dass ich eine Mandarine fallen ließ.
Was ich über Greta dachte? Eine Weile starrte ich vor mich hin. Ehrlich gesagt wusste ich das auch nicht so genau. Auf der einen Seite war sie die beste Freundin, die ich auf der Insel hatte, aber andererseits war sie manchmal echt komisch und ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie etwas verbarg.
»Keine Ahnung«, antwortete ich meinen Gefühlen entsprechen. »Was denkst du denn über sie?«
Alac schaute in die Ferne und schien zu überlegen, bevor er antwortete: »Also ich traue ihr nicht. Vielleicht steckt sie sogar in der ganzen Sache mit drin.«
Greta, die eine böse Verschwörung plante? Nein, sowas konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen … dennoch war es möglich. Sie verschwand ab und zu irgendwohin, sie hatte kein Mitleid mit Emil … Unwillig schüttelte ich den Kopf um den Gedanken loszuwerden.
»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen«, gab ich überzeugt zurück. »Warum sollte sie mit uns auf dieser Insel hocken, wenn sie genauso gut abhauen könnte?«
Alac zuckte mit den Schultern und wir sammelten weiter die Mandarinen ein.
»Mir bleibt sie trotzdem suspekt«, verkündete er grimmig. Endlich hatten wir genug Mandarinen zusammen und machten uns auf den Weg zum Strand. Dort angekommen stand ich ratlos in der Gegend herum. Es sah alles ganz normal nach Strand aus, außer vielleicht die Asche unseres Feuers. Keine Ahnung was Greta hier wollte … oder sie hatte mich angelogen und war gar nicht am Strand gewesen, vielleicht war sie auch zu einem anderen Abschnitt gegangen. Der Strand war groß und zog sich um die ganze Insel … aber dafür müsste sie sich auskennen und das sprach wieder für Alacs Vermutung.
»Was wollen wir hier?«, wollte Alac nach einiger Zeit wissen. Ich konnte ihn nur ratlos anschauen, denn ich hatte selber keine Ahnung. Da wir nicht weiter wussten, beschlossen wir ein kleines Stück am Strand zu wandern.
»Glaubst du wir kommen hier irgendwann mal wieder runter?«, fragte ich betrübt und ließ meinen Blick über das Meer schweifen. Irgendwo hinter dem Ozean war meine Familie, mein Zuhause.
»Ganz ehrlich? Nein, glaube ich nicht«, erklärte er ruhig. Ich war entsetzt, wie konnte er so etwas sagen!
»Warum?«, bohrte ich nach.
Ernst schaute er mich an. Das gab mir Zeit ihn mal genauer anzusehen. Seine Haare waren wild verstrubbelt und nicht gut gekämmt, auch seine Klamotten sahen nicht mehr ganz so neu aus.
»Wenn vor uns nur eine wegkam, dann sieht es für uns auch nicht gut aus!«, sprach er das aus, was alle hier dachten. Unsere Überlebenschancen bestanden nur aus ein paar Prozent, ging man nach den Bildern unserer Vorgänger.
»Du hast Recht«, gab ich seufzend zu. »Unsere Chancen stehen verschwindend gering.«
Jetzt hatte ich noch weniger Hoffnung als vorher. Trotzdem nahm ich mir fest vor wieder nachhause zu kommen. Irgendwann werde ich wieder in meinem Bett schlafen, in meinem richtigen Bett. Plötzlich wurde es schlagartig dunkel. Die Sonne war hinter den Palmen verschwunden und wir waren irre weit gelaufen. Dabei sollten wir vor der Dämmerung zurück sein.
»Mist«, fluchte ich, aufgrund der Tatsache, dass es jeden Moment dunkler wurde und es im Wald noch zwei Nuancen dunkler war als außerhalb.
Auch Alac wurde mit jeder Minute nervöser. Wir drehten uns um 180 Grad um und rannten zurück. Der Weg erschien mir endlos lang. Nach einer Ewigkeit erreichten wir endlich unseren Strandabschnitt, nur … wie es aussah waren wir nicht allein. Ein riesiger hundeartiger Schatten schnupperte an der Asche. Wie angewurzelt blieb ich stehen. Schockiert starrte ich auf das Tier.
»Was … was ist das?«, rief ich panisch und kassierte dafür einen bösen Blick von meinem Begleiter.
»Egal was das ist, es hilft nicht wenn du rumschreist!«, zischte er mir zu. Damit hatte er natürlich Recht und ich biss mir sofort auf die Lippe. Warum musste ich nur so ausflippen.
»Meinst du das Ding hat uns bemerkt?«, fragte ich, weiterhin panisch, aber diesmal leise. Die Antwort bekam ich, als es sich knurrend umdrehte. Von vorne sah es noch gruseliger aus als von hinten. Es war so etwas wie ein zu groß geratener Hund, vielleicht sogar größer als ich, mit bedrohlich langen Zähnen und einem mit Horn gepanzertem Schädel. Langsam stapfte es auf uns zu. Panisch keuchte ich auf. Was war das für ein Ding? Natürlich war es jedenfalls nicht! Bestimmt war es mit uns ausgesetzt worden und jetzt wollte es uns fressen! Ängstlich versteckte ich mich hinter Alac.
»Das hat bestimmt Hunger«, merkte ich tonlos an, während wir uns ganz langsam rückwärts bewegten. Doch damit lenkten wir seine Aufmerksamkeit nur noch mehr auf uns. Knurrend kam es auf uns zu und ich konnte sogar in diesem schlechten Licht erkennen, dass ihm Speichel aus dem Mundwinkel rann. Ich musste schlucken, das Viech hatte definitiv Hunger.
»Was … was machen wir jetzt?«, flüsterte ich mit erstickter Stimme. Wir liefen immer noch rückwärts und das Hundevieh hinter uns her. Mir war zum Heulen zu Mute. Einen Angriff von dem Ding überlebten wir nicht und wenn wir wegrannten war es bestimmt deutlich schneller und hätte uns eingeholt, bevor wir auch nur den Palmenwald erreicht hätten.
»Meinst du das da frisst Mandarinen?«, erkundigte sich Alac, was ich in so einer Situation für unangebracht hielt. Warum zum Teufel wollte er wissen, ob sowas Mandarinen fraß. Nach ein paar weiteren Sekunden verstand ich endlich seine Idee. .
»Ist doch egal … Wenn wir einen Sack Mandarinen draufschmeißen wird es wohl abgelenkt sein«, antwortete ich voller Zuversicht. Wenn wir die Mandarinen nach ihm warfen und es sich umdrehte hatten wir genug Zeit an ihm vorbeizukommen und im Wald konnten wir es abhängen. Nach kurzem Zögern warf Alac den Sack Mandarinen direkt an seinen dicken Schädel. Der Hund schien es nicht einmal zu bemerken, schaute aber den davonrollenden Mandarinen nach. Unsere Chance!
Im Eiltempo rannten wir an ihm vorbei und jagten über den Strand. Hinter mir konnte ich bereits das Monster schnauben hören. Die Mandarinen waren wohl nicht ganz das, was es erwartet hatte. Trotzdem schaute ich nicht zurück. In der Dunkelheit brauchte ich meinen Blick vorne, um möglichen Stolperfallen auszuweichen. Falls ich jetzt stürzen sollte, war das mein Ende. Also riss ich mich zusammen und rannte einfach weiter, auch wenn meine Seiten brannten wie Feuer und meine Beine immer schwerer wurden.
Endlich erreichten wir die ersten Palmen. Jetzt hatten wir eine reelle Chance zu entkommen. Im Inneren des Waldes war es noch dunkler als am Strand. Stockdunkel. So dunkel, dass ich nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte, geschweige denn den Boden vor meinen Füßen. So blieben mir auch einige Stolperfallen verborgen und mehr als einmal geriet ich ins Straucheln und fiel hin. Zusätzlich blieben meine Haare immer in irgendwelchen Sträuchern hängen, sodass ich bestimmt schon selbst aussah wie ein Strauch. Zum Glück hatten wir in dem Strandhaus eine funktionierende Dusche.
»Meinst du wir haben es abgehängt?«, keuchte ich und war mit den Kräften am Ende. Seit einer Ewigkeit hatten wir nichts mehr hinter uns gehört.
»Ehrlich, ich hab keine Ahnung«, gab Alac zu. Keuchend blieb ich stehen. Ich konnte keinen weiteren Schritt gehen, nicht einmal wenn das Hundevieh noch hinter uns gewesen wäre. Mit stechenden Seiten ließ ich mich auf die Knie sinken.
»Hey, alles in Ordnung?«, fragte Alac mich besorgt und legte mir die Hand auf die Schulter.
»Ja … geht schon«, japste ich. »Ich … bin nur etwas … aus der Puste!«
Verständnisvoll nickte Alac. Zumindest glaubte ich, dass er das tat, bei den Lichtverhältnissen konnte ich gerade so seine Silhouette erahnen. Diese Dunkelheit konnte echt gefährlich sein. Wer weiß was hier sonst noch hauste! Eines der Ungeheuer hatten wir ja heute kennengelernt, vielleicht folgten morgen noch die anderen verrückten Viecher. Auf was für einer Insel waren wir nur gelandet?
Als es mir wieder besser ging und wir uns einigermaßen sicher waren, das Vieh abgehängt zu haben, machten wir uns auf den Rückweg. Ohne es zu wissen waren wir in Richtung Haus gerannt und trafen schon nach wenigen Schritten auf den Pfad.
»Das hätte auch schiefgehen können!«, bemerkte Alac angespannt und schaute noch einmal über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass nichts hinter uns war.
»Warum?«, fragte ich verwirrt. Es war doch nicht schlecht in Richtung Haus zu rennen oder irrte ich mich. Das Haus war ein sicherer Ort, es hatte Wände und Amon und die anderen waren da, die uns hätten helfen können.
»Weil uns das Viech gefolgt wäre und nehmen wir mal an, wir hätten es mit nach Hause genommen. Bei dem Ding haben wir doch keine Chance. Wir haben weder Waffen, noch sind wir auf sowas vorbereitet!«, erklärte er mir sachlich, wie ein Lehrer der seine Schüler unterrichtete. Da hatte er Recht. Auf solche Vorfälle mussten wir uns besser vorbereiten. Vor allem jetzt, wo der Hund hier herumschlich. In der Ferne konnte ich bereits einen kleinen Lichtpunkt ausmachen. So wie es aussah war noch jemand wach, wahrscheinlich Amon, der auf uns wartete. Normalerweise wurde das Licht gelöscht, nachdem alle ins Bett gegangen waren, um den Nachtwachen eine bessere Sicht zu verschaffen und damit wir keine Viecher, wie das beängstigende Hundeding, anlockten. Wenn ich jetzt daran zurückdachte lief mir ein eiskalter Schauer den Rücken herunter. Wie ihm der Speichel aus dem Mund getropft war … brr. Mich schauderte es. Und wir hatten es fast hierher geführt.
Ein Ast pikste in mein Ohr, was mir wieder verdeutlichte, wie ich aussah. Zögerlich begann ich die gröbsten Äste und Blätter aus meinen Haaren zu ziehen. Verschlungen und verhangen in meinen Haaren, schaffte ich es kaum die Äste zu lösen. Derb musste ich daran ziehen, was meinen Haarwurzeln nicht besonders gut tat. Bis ich das Gröbste raus hatte, hatte ich bestimmt die Hälfte meiner Haare verloren. Geduldig wartete Alac, bis ich meine Arbeit beendete.
»Können wir?«, fragte er, als ich aufhörte mit den Blättern in meinen Haaren zu rascheln. Ich nickte, was er ja nicht sehen konnte.
»Ja«, antwortete ich ihm deshalb nochmal deutlich. Im Unterholz knackte es schon wieder, hoffentlich nicht das Vieh. Erleichtert, gleich zuhause zu sein, setzten wir unseren Weg fort.
Als wir vor der Haustür standen sah ich nicht mehr ganz so schlimm aus wie noch vorhin, doch meine Haare hatten definitiv schon bessere Zeiten erlebt.
Vorsichtig drückte Alac die Tür auf. Einen Moment lang erwartete ich, dass Amon direkt hinter der Tür stand, um uns abzufangen. Aber er war nicht da. Nicht einmal im Wohnzimmer oder in der Küche.
»Wo ist Amon?«, fragte ich verunsichert und schaute mich um. Alac zuckte mit den Schultern.
