Blackbird - Anna Carey - E-Book + Hörbuch

Blackbird E-Book

Anna Carey

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8,99 €

Beschreibung

Mit Geld kann man alles kaufen. Auch dein Leben.

Ein Mädchen erwacht auf den Gleisen einer U-Bahn-Station in Los Angeles. Sie weiß nicht, wer sie ist, wo sie ist, wie sie dort hinkommt. Sie hat ein Tattoo auf der Innenseite ihres rechten Handgelenks, das einen kleinen Vogel in einem Viereck zeigt. Sie erinnert sich an nichts. Nur bei einer Sache ist sie sich sicher: Jemand will sie töten. Also rennt sie um ihr Leben, versucht die Wahrheit herauszufinden. Über sich und über die Leute, die sie töten wollen. Nirgendwo ist sie sicher und niemand ist, was er zu sein scheint. Auch Ben, der Einzige, dem sie glaubte, vertrauen zu können, verbirgt etwas vor ihr. Und die Wahrheit ist noch viel verstörender, als sie es jemals für möglich gehalten hat.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 276




Aus dem Englischen

von Tanja Ohlsen

,

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. 1. Auflage 2014

Copyright © 2013 by Alloy Entertainment and Anna Carey

All rights reserved

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

»Blackbird« bei HarperTeen,

an imprint of HarperCollins Publishers, New York.

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe cbt Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Tanja Ohlsen

Umschlaggestaltung: semper smile, München unter Verwendung

von Bildern von © Shutterstock (i3alda, Globe Turner,

Ralf Juergen Kraft)

jb · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-15151-5V003

www.cbt-buecher.de

Für Kev

1

Im Zug staut sich die Hitze der Sonne auch noch eine Stunde, nachdem er sich unter das Straßenpflaster zurückgezogen hat und sich seinen Weg durch die ausgedehnte Stadt bahnt. An der Station Vermont/Sunset neigt sich eine Asiatin mit einem strengen Bob über den Rand des Bahnsteigs, um zu erkennen, wie weit der Zug noch entfernt ist. Ein paar Highschool-Kids stehen unter einem Plakat für eine Fernsehshow, teilen sich die iPod-Kopfhörer und reden über einen Jungen namens Kool-Aid. Er gibt am Wochenende eine Party im Echo Park, da seine Eltern seiner älteren Schwester beim Umzug an die Uni helfen.

Du hörst die Jugendlichen nicht lachen. Sie können dich hier nicht liegen sehen, am Ende der Gleise, wo der Tunnel in der Dunkelheit verschwindet. Die Vibrationen wecken dich schließlich, deine Augenlider öffnen sich flatternd und die gewölbte Decke über dir wird erkennbar. In deinen Schläfen pulsiert es. Die Gleise verlaufen neben deinen Schultern, dein Rücken presst sich in die Vertiefung im Boden, wo sich seit Monaten Süßigkeitenverpackungen und zerfledderte Zeitungen sammeln.

Eine Hupe erklingt. An der Wand erscheint ein Lichtschein, der über die Wandkacheln gleitet, als sich der Zug nähert. Du hebst den Kopf mit dem Kinn auf der Brust, doch dein ganzer Körper ist bleischwer. Du hast noch kein Gefühl in den Beinen und kannst deine Hüften nicht bewegen, kannst dich überhaupt kaum rühren. Doch du versuchst es, bemühst dich, zu dem schmalen Spalt unter dem Bahnsteig zu gelangen. Als du erschöpft den Kopf sinken lässt, bemerkst du den Zug am Ende des Tunnels, der dich plötzlich in Licht taucht.

Der Zugführer hat dich gesehen. Das Geräusch des Zuges ändert sich jetzt – die Bremsen kreischen einen Ton lauter, energischer. Zu spät. Er kommt viel zu schnell auf dich zu. Du hast nur eine Möglichkeit. Du legst dich flach zurück und kreuzt die Arme über der Brust.

Drei. Zwei. Eins. Zuerst ist es nur laut, das Knirschen der Räder auf dem Gleis, das Rauschen der Luft, die der Zug vor sich herschiebt. Sein heißer Atem wirbelt durch deine Haare. Du starrst die Unterseite des Zuges an, Metall, Rohre und Leitungen. Als die Bahn endlich langsamer wird und im Bahnhof zum Stehen kommt, begreifst du erst nach ein paar Sekunden, dass du tatsächlich noch daliegst, nur ein paar Zentimeter unter dem Zug. Du lebst noch.

Die Frau mit dem schwarzen Bob über dir auf dem Bahnsteig kann nicht glauben, was sie gesehen hat. Jetzt, wo der Zugführer aus dem ersten Wagen steigt, laufen ihr die Tränen über das Gesicht.

»Da unten liegt ein Mädchen! Haben Sie das nicht gesehen? Da ist ein Mädchen!«, ruft sie hysterisch.

Der Zugführer denkt nur: Sie hat gelegen. Sie konnte sich nicht bewegen. Warum hat sie gelegen? Es ist das vierte Mal in sechsundzwanzig Dienstjahren, doch bei denen davor war es anders gewesen. Sie waren nicht wie sie gewesen. Manche standen, manche warfen sich vor den Zug. Andere waren gestürzt und versuchten, wieder auf den Bahnsteig zu klettern. Doch sie hatte einfach nur dagelegen. In einer ganz bestimmten Position, die Arme über der Brust gekreuzt, die Schultern genau zwischen den Schienen. Sehr merkwürdig,denkt er. Als hätte sie jemand dort abgelegt.

Unter dem Zug liegend hörst du die Frau schreien. Ihre Stimme überschlägt sich, und ein Mann versucht, sie zu beruhigen. In der Lücke zwischen Waggon und Bahnsteig siehst du Schatten. Eine Klingel schrillt und Menschen laufen hektisch umher. Zwischen die Schritte mischen sich Fragen.

»Mir geht es gut!«, rufst du. Deine Stimme überrascht dich. Sie klingt klein und gepresst, fast kindlich.

Ein Mann auf dem Bahnsteig wiederholt deine Worte: »Es geht ihr gut!«

Er hat sich durch die Leute gedrängt und kniet knapp über dir.

Dann hörst du die Stimme des Zugführers: »Bist du verletzt?«

Auf den ersten Blick sieht es aus wie Öl, das deinen Unterarm hinunterläuft und auf dein T-Shirt tropft. Das Blut ist dunkel, fast schwarz. Doch du spürst keinen Schmerz, nur ein Brennen, als stündest du zu nahe neben einem Feuer.

»Mir geht es gut«, wiederholst du. Der Schnitt kann nicht länger als zehn Zentimeter sein. Und er sieht auch nicht sehr tief aus.

Der Zugführer diskutiert mit einem Kollegen, ob er den Zug zurückfahren soll oder nicht. Sie funken die Zentrale an, um nachzufragen, während die Frau mit dem Bob den Notruf wählt und hektisch das Vorgefallene schildert. Sie versprechen, Hilfe zu schicken.

Du hast das Gefühl, ewig dort zu liegen. Du kannst die Unterseite des Waggons nicht ansehen, ohne dass du am liebsten schreien würdest. Stattdessen schließt du die Augen, versuchst, die Arme noch enger an dich zu ziehen, den Raum um dich zu vergrößern, damit du dich nicht so gefangen fühlst. Ganz automatisch verlangsamst du deine Atemzüge, du zählst sie und lässt nur einen schwachen Luftstrom zwischen den Lippen hindurch.

Schließlich erklingt das Heulen einer Krankenwagensirene und auf dem Bahnsteig über dir versammeln sich die Sanitäter. Sie rufen dir Anweisungen zu und sagen dir, wo du deine Arme und Beine halten sollst. Als würdest du es wagen, dich zu rühren. Endlich fährt der Zug los. Du siehst die Unterseiten der Waggons über dich hinweggleiten, bis nichts mehr über dir ist als Luft.

Mittlerweile hast du wieder Gefühl in den Beinen und kannst dich aufsetzen. Doch zwei Männer in Uniform springen vom Rand des Bahnsteigs herunter und legen dich auf eine Bahre. Erst da bemerkst du den schwarzen Rucksack vor deinen Füßen.

»Was ist denn passiert? Wie bist du hierhergekommen?«, fragt einer der Sanitäter, als sie dich auf den Bahnsteig hinaufheben.

Du siehst deine Kleidung an, und einen Körper, der dir vollkommen fremd ist. Dein T-Shirt ist vorne nass vom Blut. Du trägst neue Jeans und neue Schuhe mit harten, leuchtend weißen Bändern.

»Ich weiß nicht«, antwortest du. Du hast keine Ahnung, wie viel Uhr es ist, oder welcher Tag, du kannst dich an kein einziges Detail deines Lebens erinnern. Es gibt nur das Jetzt, weiter nichts.

»Du weißt es nicht?«

Der andere Sanitäter ist ein kleiner untersetzter Mann, dessen rechter Arm mit Tätowierungen übersät ist. Der Anblick zweier von Rosen umrankter Totenschädel löst etwas in dir aus. Furcht? Trauer?

Sie heben die Bahre auf den Bahnsteig und einer zieht etwas aus seiner Tasche.

»Schon gut, es geht mir gut«, wehrst du ab und siehst zur Rolltreppe, die sich ein paar Schritte weiter befindet. Es ist der einzige Ausgang.

Der Sanitäter leuchtet dir mit einer Lampe in die Augen, dann in den Mund. Du richtest dich auf, setzt dich und schiebst dich von der Bahre auf den Betonboden. Den Rucksack ziehst du an dich.

»Ich brauche keine Hilfe«, wehrst du ab. »Mir geht es gut.«

»Es geht dir nicht gut«, widerspricht der Sanitäter. »Wie heißt du?«

Um dich herum hat sich eine Menschenmenge versammelt. Du zermarterst dir das Hirn, doch das scheint wie ein leerer Raum zu sein, in dem man keine Kissen umdrehen und keine Schränke oder Schubladen durchsuchen kann. Stattdessen greifst du nach dem Reißverschluss des Rucksacks und tust ihnen zuliebe so, als wüsstest du, was drin ist.

Folienverpackte Wasser- und Essensvorräte, eine Decke, ein frisches T-Shirt, ein rotes Taschenmesser und weiter unten noch ein paar Dinge, an die du nicht herankommst. Instinktiv greifst du nach dem kleinen schwarzen Notizbuch, das ganz oben liegt. An den Deckel ist ein Stift geklemmt. Auf die erste Seite ist mit Tesafilm ein Vierteldollar geklebt. Darunter steht: Nicht die Polizei rufen. Wenn du allein bist, ruf 818-555-1748 an.

Du stehst auf, gehst an den beiden Sanitätern und der Menge vorbei durch den stickigen Bahnhof.

»Du kannst doch nicht einfach gehen!«, ruft der Sanitäter. »Komm zurück! Jemand muss sie aufhalten, sie kann nicht klar denken!«

Immer noch benommen gehst du die Rolltreppe hinauf und lässt die Menge hinter dir zurück. Du gehst durch das Drehkreuz. Die Treppen führen immer weiter nach oben, scheinbar endlos. Ein paar Leute rufen dir hinterher, einer von ihnen folgt dir und verlangt, dass du dich hinsetzt und ausruhst.

»Geh nicht! Warte! Bleib hier!«

Du hast keine Zeit. Oben an der Treppe angekommen kannst du bereits den Polizeiwagen sehen, der um die Ecke biegt und am Gehsteig anhält. Schnell siehst du dich auf der Kreuzung um. SUNSETund VERMONTsteht auf den Straßenschildern. In der Nähe sind Bürogebäude, Bistros, Smoothie-Läden. Wohin sollst du gehen?

Du drehst dich um und siehst den Sanitäter mit den Tätowierungen. Er steht neben einem Cop und spricht leise mit ihm. Der Officer macht nur ein paar Schritte auf dich zu, langsam, als du deine Entscheidung triffst. Du packst die Riemen des Rucksacks fester und sprintest los.

2

Du hörst nur deinen eigenen Atem und die leisen Schritte deiner Turnschuhe auf dem Gehweg. Du läufst leicht und locker, mit geradem Rücken, als würde dich jemand von oben ziehen. Du läufst durch einen Vorgarten und springst über einen niedrigen Zaun. Langsam, nach mehreren Blocks, windet sich die Wohngegend in die trockenen Hügel und hinter Häusern und Bäumen kannst du die umliegende Landschaft erkennen.

Vor dir ist ein Haus. Ziegeldach, hohe Hecken. Das halbmondförmige Fenster auf der Vorderseite ist dunkel. Es scheint niemand zu Hause zu sein. Du läufst durch das Tor in den Garten und siehst einen mehrere Meter breiten blühenden Busch, unter den du kriechst und den Bauch an die kühle Erde presst, was dir kurzzeitigen Schutz von der glühenden Hitze bietet.

Du bleibst liegen, während ein Polizeiauto langsam vorbeifährt und auf dem Rückweg mehrere Male anhält. Als du dich auf die Seite drehst, bemerkst du das Mal an deinem rechten Handgelenk. Das Tattoo ist noch frisch und mit dünnem Schorf bedeckt. Es zeigt einen kleinen Vogel in einem Viereck. Darunter stehen Zahlen und Buchstaben: FNV02198.

Was bedeutet das? Warum hast du so auf den Bahngleisen gelegen? Warum kannst du dich nicht daran erinnern, wie du dorthin gekommen bist, in diesen Bahnhof, in diese Stadt? Du siehst an deiner Kleidung hinunter und hast das Gefühl, in einer Verkleidung zu stecken. Die Jeans passen nicht, das T-Shirt ist an den falschen Stellen ausgeleiert und deine Schnürsenkel sind nicht fest genug gebunden. Du wirst das Gefühl nicht los, dass du dich nicht selbst angezogen hast.

Ein Hund bellt. Irgendwo kichern zwei kleine Mädchen. Ihre Stimmen heben und senken sich im Rhythmus ihrer quietschenden Schaukeln, auf denen sie höher und höher schwingen. Auf der Straße neben dir fahren Autos vorbei. Du bleibst einfach sitzen und lauschst jedem Geräusch, als könne es dir einen Hinweis geben.

Denk nach, forderst du dich selbst auf. Erinnere dich.

Doch da ist nichts. Keine Worte, keine Gedanken. Keine Erinnerung an irgendetwas davor.

Als die Farbe des Himmels von Rosa in Schwarz übergeht, kriechst du unter dem Busch hervor, schüttest den Inhalt des Rucksacks vor dir auf das verdorrte Gras und ordnest ihn schnell in einer Reihe an. Da sind mehrere Kabelbinder aus Plastik. Ein Stadtplan, auf dem eine Stelle mit einem schwarzen Kreuz markiert ist. Plastikbeutel, ein T-Shirt, das Notizbuch und das Taschenmesser, die Decke und eine rote Dose mit Pfefferspray.

Du siehst in allen Taschen nach, durchsuchst alles zweimal, um sicherzugehen, dass nichts weiter drin ist. In einer der Außentaschen findest du ein Bündel Geldscheine, die von einem Gummiband zusammengehalten werden. Mit unsicheren Händen zählst du es. Es sind eintausend Dollar.

Du schlägst das Notizbuch auf einer leeren Seite auf, streichst das Papier glatt und schreibst:

Dinge, von denen ich weiß, dass sie wahr sind:

• Ich bin in Los Angeles

• Ich bin auf den Gleisen der Vermont/Sunset Station aufgewacht

• Ich bin ein Mädchen

• Ich habe langes schwarzes Haar

• Ich habe ein Tattoo mit einem Vogel innen an meinem rechten Handgelenk (FNV02198)

• Ich bin eine Läuferin

3

Am nächsten Morgen verschwindest du durch eine Lücke im hinteren Zaun. Nachdem du zehn Minuten durch die engen Straßen gelaufen bist, kommst du in eine Gegend mit ebenen Straßen, sonnenverbrannten Rasenflächen und ein paar wenigen Läden. Auf der Hauptstraße entdeckst du einen Supermarkt, vor dem sich eine Telefonzelle befindet. Du nimmst das Notizbuch aus dem Rucksack, schlägst die erste Seite auf und löst den Vierteldollar heraus.

Er fällt durch den Schlitz, doch es ertönt kein Freizeichen. Du legst den Hörer auf und siehst dich um, ob es in der Nähe vielleicht noch eine weitere Telefonzelle gibt, doch du siehst nur den Streifenwagen, der am Ende der Straße auftaucht. Du befindest dich immer noch in der Nähe der U-Bahn-Station und fragst dich, ob sie vielleicht nach dir suchen. Wahrscheinlich sind bei ihnen inzwischen wesentlich wichtigere Informationen eingegangen, über Überfälle und Autounfälle, doch du willst lieber nichts riskieren, daher betrittst du den Supermarkt, wobei du den Arm vor die Brust hältst, um den Blutfleck auf deinem T-Shirt zu verdecken.

Einladend gleiten die Schiebetüren auseinander. Als Erstes fällt dir die Luft auf, die kühl und feucht ein wenig nach Minze riecht. Links von dir siehst du hinter ein paar Tischen eine Tür zu den Toiletten. Mit gesenktem Kopf gehst du darauf zu, ohne viel Aufmerksamkeit zu erregen.

Die Tür geht auf und prallt gegen deinen Arm. Ein Junge kommt heraus und trifft dich heftig mit der Schulter an der Nase. Er packt dich am Ellbogen, weil du stolperst, und zieht dich zu sich, um dich festzuhalten.

Hinter ihm kommt ein weiterer Junge aus der Tür raus und steckt etwas in seine Tasche. Gleich darauf ist er verschwunden.

Deine Nase pocht heftig von dem Schlag und tut so weh, dass du die Augen zusammenkneifst. Der Junge lässt dich nicht los. Sanft zieht er deine rechte Hand von deinem Bauch, so sanft, dass du keinen Widerstand leistest. Dann betrachtet er den Fleck auf deinem T-Shirt und den Schnitt in deinem Unterarm, wo das Blut zu einem tiefen Kirschrot getrocknet ist.

»Du bist verletzt«, stellt er fest.

Seine braunen Haare sind verstrubbelt und seine Locken reichen ihm bis über die Ohren. Von der Sonne ist seine Haut gebräunt und sommersprossig. Er beobachtet dich und mustert mit seinen grauen Augen dein Gesicht, als lese er in einem Buch.

»Ich muss mich nur waschen«, erklärst du, ziehst deinen Arm weg und gehst zu den Toiletten.

Erst als sich die Tür mit einem Klicken hinter dir schließt und verriegelt ist, entspannst du dich. Ein Blick in den Spiegel zeigt dir, was der Junge gesehen hat. In deinem Haaransatz klebt Schmutz und Teile trockener Blätter haben sich darin verfangen. Der Fleck auf deinem T-Shirt hat sich schmutzig braun verfärbt. Zum ersten Mal betrachtest du dich selbst. Deine großen, tief liegenden Augen sind so dunkel, dass sie fast schwarz sind. Du hast hohe Wangenknochen und einen kleinen, herzförmigen Mund. Deine Gesichtszüge sind dir unbekannt, es ist das Gesicht eines Mädchens, das du noch nie gesehen hast.

Du drehst dich zur Seite, und da fällt dir die Narbe auf, die sich unterhalb deines rechten Ohrs bis in den Nacken erstreckt. Die Haut darum herum ist geschwollen und gerötet. Mit dem Finger folgst du der Narbe bis unter den Saum deines T-Shirts. An manchen Stellen schmerzt sie noch und windet sich in einer merkwürdig ungleichmäßigen Linie über deine Haut. Du wendest dich ab, denn du willst gar nicht daran denken, wie du sie bekommen hast. Das stammt nicht von dem Zug, so viel weißt du. Wann ist das geschehen? Und wie?

Es dauert nur ein paar Minuten, den Dreck unter deinen Fingernägeln zu entfernen, das frische T-Shirt anzuziehen und die Blätterteile aus deinem Haar zu klauben. Danach siehst du besser aus, eigentlich sogar ganz passabel. Du legst das Haar so über die Schulter, das es die Narbe verdeckt.

Du verlässt die Toilettenräume und siehst dich im Supermarkt nach dem Jungen um. Einerseits hoffst du, dass er fort ist, doch eigentlich bist du froh, ihn zu sehen, ein paar Schritte weiter, wie er durch die Grußkartenabteilung schlendert. Als er die Tür hinter dir zufallen hört, dreht er sich um und beginnt zu lächeln. Du drehst dich um, weil du fürchtest, dass auch der Cop aus dem Streifenwagen hereingekommen ist.

Du biegst scharf in den ersten Gang ein. Dort ist niemand. Du nimmst eine Wasserflasche aus einem Regal, schraubst sie auf und hast bereits die halbe Flasche ausgetrunken, als du den Jungen neben dir bemerkst. Er sieht von der Flasche zu dir und zu dem leeren Platz im Regal.

»Du siehst schon viel besser aus.«

»Wie ich schon sagte, ich musste mich nur waschen.«

Du wendest dich ab und gehst weiter den Gang entlang, doch er folgt dir nach ein paar Schritten. Er sieht deinen Arm an und bemerkt, dass das Toilettenpapier, das du darauf gepresst hast, rot gefleckt ist.

»Was ist passiert? Bist du okay?«

»Sieht schlimmer aus, als es ist. Es geht mir gut, wirklich.«

Doch er geht nicht.

»Sieht ziemlich schlimm aus.«

»Mein Arm ist ehrlich gesagt mein geringstes Problem …«

Du siehst zum Ladeneingang und suchst erneut nach dem Cop. Doch er ist nicht zu sehen. Der andere Junge aus dem Waschraum ist auch verschwunden.

»Was hast du ihm verkauft?«, fragst du.

»Was meinst du?«

»Auf der Toilette … du hast dem Jungen irgendetwas verkauft. Gras? Pillen? Oder was?«

Der Junge lässt einen Einkaufskorb mit zwei einsamen Äpfeln neben einem Sixpack Cola von einer Hand in die andere gleiten.

»Das weißt du doch gar nicht.«

»Oh doch.« Es war so offensichtlich, wie er das, was er in der Tasche hatte, festhielt, als habe er Angst, dass es ihm jemand wieder wegnehmen könnte. »Draußen habe ich gerade einen Cop gesehen. Du solltest zumindest etwas schlauer sein.«

»Was weißt du schon davon?« Er tritt näher und betrachtet dich mit neuem Interesse. Er wirkt ein wenig freundlicher, als hätte er dich zuvor unterschätzt.

»Darf ich mir mal dein Telefon ausleihen?« Ich deute mit dem Kinn auf das Handy in seiner Hemdtasche, das sich als Rechteck im Stoff abzeichnet.

»Ja, sicher«, antwortet er und reicht es mir. »Hast du kein eigenes?«

»Dann würde ich doch wohl kaum fragen, oder?«

Du trittst ein paar Schritte zurück, nimmst das Notizbuch aus der Tasche und schlägst es auf der Seite mit der Telefonnummer auf. Nervös wartest du und lauschst dem Schweigen vor dem ersten Klingeln. Unwillkürlich hasst du die Leute am anderen Ende der Leitung dafür, dass sie mehr über dein Leben wissen als du selbst.

Nach dem dritten Läuten meldete sich eine Männerstimme.

»Ich habe mich schon gefragt, ob du anrufen wirst.«

Der Junge steht nur drei Meter weiter und tut so, als sähe er sich die Müslipackungen an, daher senkst du die Stimme, als du fragst: »Wer ist da?«

»Komm einfach zu mir ins Büro. Es ist das Gebäude, das auf dem Stadtplan markiert ist. Und komm allein.«

Du versuchst, etwas aus seinen Worten herauszuhören, hinter dem, was er gesagt hat, eine Bedeutung zu erkennen, doch er legt auf und du kannst nur noch auf die Zeit sehen. Achtzehn Sekunden, das war alles.

Der Junge hört zu, daher redest du ins Nichts weiter, verabschiedest und bedankst dich. Schnell suchst du in der Anrufliste nach der Nummer, die du gewählt hast, um sie zu löschen. Mum, Mum, Mum,taucht in der Liste darunter auf.

Als du ihm das Handy zurückgibst, runzelt der Junge die Stirn.

»Worüber lachst du?«

»Nichts«, antwortest du und wendest dich bereits ab. »Vielen Dank. Ich muss los.«

Doch beim Umdrehen siehst du den Cop am Ende des Ganges. Er wendet dir das Profil zu und lässt die Finger über ein Regal mit Chips gleiten. Er sieht auf und erkennt, dass du ihn bemerkt hast.

»Es sei denn … Kannst du mich ein Stück mitnehmen?«, wendest du dich wieder an den Jungen.

Er stellt den Korb auf den Boden. Die Cola ist mittlerweile unter zwei Packungen Cornflakes vergraben.

»Wo musst du denn hin?«

»Downtown.«

Er nickt in Richtung Ausgang und geht los. Du bist so dicht neben ihm, dass sich eure Schultern fast berühren, und du musst dich beherrschen, dich nicht noch ein letztes Mal nach dem Officer im Laden umzusehen. An der Kasse kippt der Junge den Inhalt des Korbes auf das Laufband, auf dem die Äpfel auseinanderrollen.

»Ich heiße übrigens Ben.«

Die Erwähnung seines Namens macht dich nervös, und du fragst dich, warum du nicht eher daran gedacht hast. Vor dir in einem Ständer stecken die Zeitschriften Peopleund Us Weekly, und gleich daneben die Sunset. Der Name erscheint dir so gut wie jeder andere. Er klingt real.

»Ich bin Sunny«, lügst du.

Dann blickst du dich ein letztes Mal um, nur um sicherzugehen, dass der Cop nicht mehr da ist.

4

Der Jeep rast durch eine Straße mit zerrissenen Leinenzelten, vorbei an staubigen Gebäuden und leeren Parkplätzen. Du siehst die Welt da draußen vorüberziehen und bist dir sicher, dass du etwas Falsches getan hast. Etwas gestohlen hast, von irgendwo fortgelaufen bist – von der Schule? Zu Hause? Es gibt keinen anderen Grund dafür, dass man dich warnt, die Polizei zu kontaktieren, warum du darauf warten musst, dass dir ein Fremder sagt, wer du bist. Warum hattest du es so eilig wegzulaufen, warum haben dir deine Instinkte gesagt, dass du fortmusst? Warum kannst du dich an nichts erinnern?

Schon der Gedanke daran lässt dich zusammenzucken. Davor bist du jemand gewesen. Und wenn es eine Grenze zwischen Gut und Böse gibt, warst du wahrscheinlich auf der falschen Seite davon. Du warst diejenige, die geflüchtet ist, die wegläuft, die versucht, nicht geschnappt zu werden. Die Narbe an deinem Nacken hast du vielleicht verdient.

»Ich weiß nicht, was du gerade denkst«, bemerkt Ben, »aber so schlimm ist es nicht. Ich mache es nur, um ein bisschen was dazuzuverdienen.«

»Daran habe ich gar nicht gedacht«, antwortest du.

»Ich rauche es nicht einmal selbst«, fährt Ben fort. »Ich habe vor einiger Zeit damit aufgehört.«

»Im Ernst …«, sagst du und siehst aus dem Fenster, an dem die Wohnblocks vorbeiziehen. »Keine Angst, ich werde es niemandem sagen.«

Ben biegt nach links auf den Broadway ab und streift fast einen an der Ecke geparkten Fiat.

»Mein Geschichtslehrer sagt, das sei typisch für die Abschlussklasse. Dass alle so gleichgültig sind. Wir warten nur auf unseren Abschluss und machen dummes Zeug. Allerdings hat er nicht von Drogen geredet, sondern nur … so allgemein eben. Ich bin nur siebzig Prozent der Zeit im Unterricht da.«

»Und wo bist du die restliche Zeit?«

»Da hänge ich zu Hause rum.«

»Was sagen deine Eltern dazu?«

»Meine Mutter ist nicht viel zu Hause.«

»Warum?«

»Sie ist krank geworden.«

Ben wird langsamer und sieht an den Häusern entlang, da ihr in der Nähe der Stelle seid, die du ihm genannt hast. Sein kurzes Schweigen sagt alles.

Lass es. Keine weiteren Fragen. Ich habe gerade nur etwas erzählt, von dem ich hoffe, dass du es ignorierst.

»Komm schon, du könntest mir wenigstens erzählen, wohin ich dich bringen soll.«

»Hierher.«

Du deutest auf den Bordstein einen halben Block weiter. Während der zwanzigminütigen Fahrt hast du versucht, das Gespräch möglichst neutral zu halten, hast dich über die Red-Bull-Dosen lustig gemacht, die auf dem Boden des Autos liegen, und Ben zugehört, wie er die Marshall-Highschool beschreibt, die öffentliche Schule, auf die er geht, seit er vor ein paar Jahren von einer Privatschule geflogen ist. Doch ab und zu stellte er Fragen über deinen Arm, was am Morgen passiert war oder warum deine Jeans zerrissen und schmutzig ist. Du hast nur einmal den Stadtplan hervorgeholt und versucht, ihn nicht hineinsehen zu lassen, doch er hat hinübergesehen und stirnrunzelnd den hingekritzelten Stern betrachtet.

Neben einem Metallzaun hält Ben an. Hinter einem leeren Gelände sitzen zwei Männer unter einem Schuppendach und teilen sich eine Zigarette. An der Ziegelmauer stehen Gang-Zeichen.

»Hier soll ich dich rauslassen?«

»Das ist perfekt.«

»Perfekt?« Bens Stimme hebt sich und das Wort endet in einem Lachen. Das Gebäude auf dem Stadtplan befindet sich fünf Straßen weiter, doch du willst nicht, dass er dich dorthin bringt.

Sobald der Jeep angehalten hat, machst du die Tür auf und springst auf den Gehweg. Ben wühlt im Handschuhfach, in der Mittelkonsole und durchsucht den Boden. Als er schließlich einen Stift findet, kritzelt er etwas auf die Rückseite einer zerknitterten Quittung und reicht sie dir dann. Es ist eine Telefonnummer.

»Für den Notfall?«, fragst du.

»Nur falls es doch nicht ganz so perfekt ist. Oder falls du etwas brauchst. Irgendwas.«

Du faltest die Quittung zusammen und steckst sie vorne in deine Jeans.

»Danke fürs Mitnehmen.«

Die Tür schlägt zu. Der Motor läuft noch, und mit beiden Händen auf dem Lenkrad betrachtet er die Gebäude an der Straße und versucht herauszufinden, wohin du eigentlich willst. Zwei Atemzüge. Er lächelt dich schwach an und fährt schließlich los.

Als er weg ist, gehst du an dem leeren Grundstück und an einem Gebäude mit dem Schild CLUB STARLIGHTvorbei, dessen Markise völlig verschmutzt ist. Die Straßen sind fast menschenleer. Du gehst am Orpheum-Theater vorbei, auf dessen Plakaten eine Band angekündigt wird, von der du noch nie etwas gehört hast. Und nach ein paar weiteren Schritten stehst du vor dem gewölbten Eingang, der über den Gehweg ragt.

Die Lobby ist leer. Der Platz des Portiers ist verlassen und auf dem Podest liegt nicht einmal ein Gästebuch mit Stift. In der hintersten Ecke des Raumes hockt eine Überwachungskamera wie ein Raubvogel. Du drehst dich weg und legst die Hand an den Kopf, um dein Profil zu verbergen, in der Hoffnung, dass der Winkel so schlecht ist, dass die Kamera dich nicht gleich beim Eintreten eingefangen hat.

An der Wand hängt ein Plastikschild mit den Namen aller hier ansässigen Firmen, doch sie kommen dir alle unbekannt vor. Also siehst du dir die Telefonnummern an. Hinter einer Reihe von Finanzberatern und Therapeuten findest du GARNER CONSULTING, SUITE 909, 818-555-1748. Das ist die Nummer, die in deinem Notizbuch steht.

Du nimmst den Aufzug in den neunten Stock. Die Türen öffnen sich auf einen leeren Gang und auf dem Teppich weist dir ein merkwürdiges gesticktes Pfeilmuster den Weg. Irgendwo spuckt ein Kopierer lautstark Papier aus. Vor der Suite 909 hältst du an und lauschst der Stille hinter der Tür. Keine Schritte, keine Stimmen, kein Papierrascheln.

Auf dein Klopfen hin rührt sich nichts. Du klopfst noch einmal, lauter dieses Mal, aber es kommt immer noch niemand. Du setzt dich an die Wand, den Rucksack zwischen den Beinen, doch plötzlich hast du einen Einfall, wie aus dem Nichts. Du nimmst das Taschenmesser aus dem Rucksack und klappst es auf, sodass die Klinge im Licht aufblitzt. Du schiebst sie zwischen Türrahmen und Schloss und winkelst die Spitze so an, dass sie auf den Mechanismus drückt. Nach ein paar Sekunden klickt es und die Tür springt auf.

Dir wird klar, dass du so etwas wohl schon hundert Mal gemacht haben musst. Es ging viel zu leicht, zu schnell, deine Hand war ganz ruhig und sicher dabei. Wie schon zuvor im Auto denkst du: Du hast etwas Unrechtes getan.

Als die Tür aufgeht, erwartest du beinahe, jemanden zu sehen, der am Schreibtisch sitzt oder auf einem der Stühle an der Wand. Doch der Raum ist leer und der Computerbildschirm schwarz. Auf einem nierenförmigen Tisch sind Zeitschriften ausgebreitet. The Economist, National Geographic, Time.

Auf dem Schreibtisch siehst du einen Notizblock und einen goldenen Becher voller Stifte. Ein gerahmtes Bild zweier blonder Kinder an einer Pier, die die Füße ins Wasser baumeln lassen. Du gehst ein paar Schritte durch das Wartezimmer zu einer Tür in einer Milchglaswand, auf der in Metallbuchstaben GARNER CONSULTINGsteht. Als du die Klinke berührst, heult ein Alarm los.

Du hältst dir die Ohren zu und siehst dich um. Auf dem Teppich liegt Geld. In der Ecke steht ein Safe mit halb offener Tür, das Schloss zerkratzt und aufgebrochen. Der Schreibtischstuhl ist umgeworfen. Der Inhalt der Schubladen ist ausgeschüttet worden und überall auf dem Boden liegen Papiere und Ordner.

Du weißt, dass du nichts genommen hast, dass du weder den Safe noch das Geld berührt hast. Du bist nur hier, weil man dir gesagt hat, dass du hierherkommen sollst. Trotzdem kannst du nur an die Überwachungskamera unten denken, an das Messer in deiner Tasche und wie leicht du eingebrochen bist.

Draußen im Gang sind bereits mehrere Leute aus ihren Büros gekommen. Ein Mann in einem dreiteiligen Anzug starrt dich über seine Drahtgestellbrille an.

»Ich weiß nicht, was passiert ist«, sagst du und siehst die beiden Frauen an, die sich neben ihm aufgebaut haben. Eine von ihnen hat ihr Telefon gezückt. »Ich habe nichts getan.«

Der Mann sieht deinen Rucksack an, dann in den Gang, wo noch weitere Angestellte stehen. Du fragst dich, wie viel Zeit dir bleibt, bevor sie zum Aufzug oder zur Treppe gehen und dir den Fluchtweg verstellen. Du hast nur ein paar Sekunden, um dich zu entscheiden, ob du versuchst, es ihnen zu erklären, oder ob du wegrennst.

Du rennst.

5

Als du eintrittst, sieht sich die Verkäuferin einen Cartoon an, den Blick auf den kleinen Flachbildschirm in der Ecke gerichtet. Über ihrem Arm hängen drei Kleider. Während sie sie sortiert, dreht sie sich zu dir um und sieht dich an.

»Kann ich dir helfen?«, fragt sie.

»Danke, ich sehe mich nur um«, antwortest du und verschwindest in einem Nebengang.

Sie macht ein paar Schritte, um dich sehen zu können. Wahrscheinlich liegt es an deiner schmutzigen Jeans und dem dreckigen, verschwitzten T-Shirt. Du siehst aus wie ein möglicher Ladendieb. Und eigentlich hast du das Gefühl, dass sie mit dieser Vermutung gar nicht so weit danebenliegt. Schon überlegst du, wie einfach es wäre, einen Stapel Shirts aus einem Regal zu nehmen, zwei oder drei davon in deine Tasche zu stecken, wenn sie nicht hinsieht, und einfach zu gehen. Du gehst den nächsten Gang entlang und endlich wendet sie sich ab.

Fast zwölf Stunden hast du dich hinten in einem Parkhaus gegenüber von dem Büro hinter einem Pick-up versteckt. Du hast gesehen, wie Cops kamen und gingen und sich das Gebäude leerte, als es dunkel wurde. Als du endlich ein Taxi gefunden hast, dessen Fahrer eigentlich bereits Feierabend hatte, und ihn gebeten hast, dich wieder nach Norden zu bringen, war es schon fast zwei Uhr.

Die Nacht hast du auf einem Spielplatz verbracht. Immer noch hast du überall Sand – in den Socken, in den Hosentaschen, hinter den Ohren. Du fragst dich immer noch, ob du dich an die Polizei wenden sollst. Doch du kannst ihnen nichts erklären. Seit du weggelaufen bist, musst du die ganze Zeit an deine Hand auf dem Türknauf denken und wie du das Messer gegen das Schloss gedrückt hast, um es zu knacken.

Du gehst zwischen den Regalen durch, nimmst ein schwarzes T-Shirt mit einem blassen Logo, das eine um eine Rose gewickelte Schlange zeigt. Ein enges Tanktop und kurze Jeans, deren vordere Taschen durch die Risse zu sehen sind. Du findest leicht die Sachen, die du magst. Als du sie im Arm hältst, fällt dein Blick auf eine Alternative – schlichte Baumwoll-Shirts und Kaki-Shorts, sowie einen Gürtel mit einer Sonnenblume aus Metall auf der Schnalle. Du lässt deine ursprüngliche Auswahl fallen, und mit dem Gefühl, dich zu verkleiden, entscheidest du dich für die neutraleren Klamotten.

Das Telefon auf dem Tresen klingelt. Die Angestellte nimmt ab und begrüßt jemanden namens Cosmo, dem sie von einem Vorsprechen erzählt, während sie deinen Einkauf entgegennimmt.

»Nein, das ist für die Rolle der Akupunkteurin«, sagt sie, das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Sie zieht ein T-Shirt über den Ladentresen, wobei ihr Blick erneut auf deine schmutzige Hose fällt.

Auf dem Bildschirm hinter ihr ist die Werbung zu Ende und die Morgennachrichten beginnen. Der Sprecher mit seiner geraden, glänzenden Nase und den hoch auf die Stirn gezogenen Brauen wirkt künstlich. Er beginnt mit einer Geschichte über einen wilden Bären in den Hügeln von Agoura und macht dann mit Informationen über das Schulbudget weiter. Die Verkäuferin müht sich mit dem Preisschild für eines der T-Shirts ab. Sie winkt zu einem Regal, als wolle sie sagen: Ich muss den Preis nachschauen.

Sie ist unglaublich langsam und hält alle paar Augenblicke an, um zu telefonieren, während sie mit der Hand in die Regale greift. Du stützt beide Ellbogen auf den Tresen, wobei du darauf achtest, den rechten Arm unter dem linken zu verstecken, damit die Wunde nicht sichtbar ist. Du spürst die geschwollene Haut an deinem Handgelenk, wo sich das Tattoo befindet. Sie ist immer noch empfindlich. FNV