15,99 €
Studienarbeit aus dem Jahr 2001 im Fachbereich Französische Philologie - Literatur, Note: 1+, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Romanisches Seminar), Veranstaltung: Proseminar Französische Moralistik von Montaigne bis Houellebecq, Sprache: Deutsch, Abstract: Inwiefern besitzt der Autor Blaise Pascal aktuelles Interesse? Inwiefern die Moralistik? Und inwiefern ist die Frage aktuell, in welcher Hinsicht Pascal als Moralist angesehen werden darf oder soll und in welcher nicht? Blaise Pascal erlebte im vergangenen 20.Jahrhundert eine doppelte Renaissance, die auf seine bleibende Aktualität hinweisen kann. In einer Zeit des Existentialismus, nach dem Schockerlebnis zweier Weltkriege bildeten die radikalen Fragestellungen Pascals an den Menschen einerseits, und in Bezug auf den wiedererblühenden Katholizismus der Nachkriegszeit seine unbedingte Glaubenseinstellung andererseits die entscheidenden Anhaltspunkte für ein neues Interesse an seinem Leben und Werk. Romano Guardini sieht Pascals „Pensées" in der Reihe einiger Bücher „[i]m abendländischen Schriftbereich [...], welche die Gewähr einer unvergänglichen Wirkung in sich tragen, weil sie aus einem geistig-religiösen Schicksal hervorgehen, das allgemeingültig ist". Bücher dieser Art zeitloser Bedeutung - Guardini nennt neben Pascals Pensées als Beispiele Platons Apologie und Phaidon und die Bekenntnisse des Augustinus - „führen zur Begnung mit dem Wesentlichen und werden so für den, der in der richtigen Stunde auf sie trifft, selbst zum Schicksal" (- ein ähnlicher Anspruch, wie ihn eine Pressemeldung der 50er Jahre für Claudels „Seidenen Schuh" stellt, dem zu begegnen „ein wahres Abenteuer" sein „und über ein ganzes Leben entscheiden" könne). Auch für die Existentialisten, insbesondere für Camus, besitzt Pascal unbedingtes Interesse, da er die gleichen existentiellen Fragen stellt wie diese, wobei er zu dem gegensätzlichen Ergebnis kommt, daß alles davon abhänge, ob Gott existiert, während für Camus genau diese Frage irrelevant wird. Diesem subjektiv-zeitlosen Interesse an Blaise Pascal (vor allem als dem großen christlichen Denker bzw. dem existentiellen Fragesteller), das ja höchstens zeitweise verdrängt werden, nicht aber verjähren konnte, gesellte sich in den 90er Jahren das abermals neue Interesse an Pascal als Erkenntnistheoretiker und -kritiker, das eine neue Welle der Beschäftigung mit seinen Werken auslöste. Jacques Morel bringt in seinem Artikel „La modernité des Pensées" die Gründe für dieses neue Interesse auf den Punkt:
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2002
Page 1
Page 2
0. Einführung und Rechtfertigung
Qu‘on ne dise pas que je n‘ai rien dit de nouveau, la disposition des matières est nouvelle. (L 696)*1)
Inwiefern besitzt der Autor Blaise Pascal aktuelles Interesse? Inwiefern die Moralistik? Und inwiefern ist die Frage aktuell, in welcher Hinsicht Pascal als Moralist angesehen werden darf oder soll und in welcher nicht?
Blaise Pascal erlebte im vergangenen 20.Jahrhundert eine doppelte Renaissance, die auf seine bleibende Aktualität hinweisen kann. In einer Zeit des Existentialismus, nach dem Schockerlebnis zweier Weltkriege bildeten die radikalen Fragestellungen Pascals an den Menschen einerseits, und in Bezug auf den wiedererblühenden Katholizismus der Nachkriegszeit seine unbedingte Glaubenseinstellung andererseits die entscheidenden Anhaltspunkte für ein neues Interesse an seinem Leben und Werk. Romano Guardini sieht Pascals „Pensées" in der Reihe einiger Bücher „[i]m abendländischen Schriftbereich [...], welche die Gewähr einer unvergänglichen Wirkung in sich tragen, weil sie aus einem geistigreligiösen Schicksal hervorgehen, das allgemeingültig ist"*2). Bücher dieser Art zeitloser Bedeutung - Guardini nennt neben PascalsPenséesals Beispiele Platons Apologie und Phaidon und die Bekenntnisse des Augustinus - „führen zur Begnung mit dem Wesentlichen und werden so für den, der in der richtigen Stunde auf sie trifft, selbst zum Schicksal" (- ein ähnlicher Anspruch, wie ihn eine Pressemeldung der 50er Jahre für Claudels „Seidenen Schuh" stellt, dem zu begegnen „ein wahres Abenteuer" sein „und über ein ganzes Leben entscheiden" könne*3)). Auch für die Existentialisten, insbesondere für Camus, besitzt Pascal unbedingtes Interesse, da er die gleichen existentiellen Fragen stellt wie diese, wobei er zu dem gegensätzlichen Ergebnis kommt, daß alles davon abhänge, ob Gott existiert, während für Camus genau diese Frage irrelevant wird*4).
Diesem subjektiv-zeitlosen Interesse an Blaise Pascal (vor allem als dem großen christlichen Denker bzw. dem existentiellen Fragesteller), das ja höchstens zeitweise verdrängt werden, nicht aber verjähren konnte, gesellte sich in den 90er Jahren das abermals neue Interesse an Pascal als Erkenntnistheoretiker und -kritiker, das eine neue Welle der Beschäftigung mit seinen Werken auslöste. Jacques Morel bringt in seinem Artikel „La modernité desPensées"die Gründe für dieses neue Interesse auf den Punkt:
Page 3
Modernité de Pascal. On retrouve chez lui les remises en question et les fascinantes intuitions des penseurs de l‘âge existentialiste et post-existentialiste. On rencontre dans son œuvre une problématique comparable à celle des sciences abstraites ou appliquées de notre temps. On y découvre surtout un encouragement à cette pensée rigoureuse et libre à la fois, dédaigneuse de tout dogmatisme, fût-il celui de la raison même, une pensée capable d‘accorder les contraires et d‘admettre en chacun les raisons qu‘il a d‘être ce qu‘il est et de vivre en conformité avec ses exigences personnelles.*5)
Pascals zentrale Themengebiete sind also offenbar zeitlos, und seine Art zu denken („rigoureuse et libre à la foi, dédaigneuse de tout dogmatisme") erlebt noch mehr als 300 Jahre nach seinem Tod die staunende Anerkennung ihrer Modernität. Seine Religiosität in Verbindung mit seiner naturwissenschaftlich geprägten Rationalität ist vielleicht heute aktueller denn je, da sich die Frage der Hinterfragbarkeit der Religion bzw. der Möglichkeit einer nicht hinterfragten Religion, die nicht in Fanatismus führt, einerseits und der Sinnkrise einer religionslosen Welt andererseits wieder neu stellt. Überdies gilt Pascal bis heute als einer der herausragenden Stilbildner der französischen Sprache und Literatur, der im Kanon der Pflichtlektüre eines gebildeten Franzosen oder eines franko-romanisch gebildeten Menschen nicht fehlen dürfe. Als Vertreter des „klassischen Jahrhunderts" einerseits charakteristisch, nimmt Pascal andererseits in seiner Verbindung einer doppelten Strenge (naturwissenschaftlicher und religiöser Art) und großer polemischer Kunst, die für seine Zeit nicht unbedingt als typisch zu bezeichnen ist, auch unter historischer Hinsicht eine Sonderstellung ein. Er fällt gewissermaßen aus einer Zeit heraus, in der er gleichwohl verwurzelter ist als die meisten seiner Zeitgenossen, indem er sich selbst noch mit der zeitlosesten Frage immer anhand konkreter Probleme und Anlässe beschäftigt. Dabei ist er insofern kein Philosoph (wie etwa Descartes), und sieht sich selbst auch nicht als solchen, als er eben philosophische Fragen immer am Konkreten behandelt und seine Gedanken zu sehr an konkreten Formulierungen haften. Er ist - trotz seiner unangezweifelten sprachlichen Meisterschaft - insofern kein formalästhetischer Schriftsteller (wie etwa La Rochefoucauld), weil er oft der inhaltlichen Präzision seiner Formulierung formale Aspekte opfert. Er hat sich zu intensiv als Naturwissenschaftler betätigt, um dem Zeitideal des universell, aber oberflächlich gebildeten „honnête homme" zu entsprechen; dennoch gibt er sich mit der Naturwissenschaft keineswegs zufrieden und sieht genau in einem breiten Wissen sein anzustrebendes Ziel. Er ist weder Stoiker, noch Pyrrhonist, noch Dogmatiker, sondern wendet
