Blake Gordon #1: Spiegel des Grauens - Horst Weymar Hübner - E-Book

Blake Gordon #1: Spiegel des Grauens E-Book

Horst Weymar Hübner

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Beschreibung

Blake Gordon – Band 1von Horst Weymar HübnerDer Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.Immer, wenn hinter den Palastmauern des Grafen Girolamo lautes Musikspiel erklang und bis zum Morgen gellende Schreie ertönten, bekreuzigten sich die Menschen von Venedig. Der Teufel sei dort zu Gast, hieß es, und Girolamo ein guter Gastgeber.Als die Soldaten des Dogen die Palasttüren einschlugen, fanden sie die Überreste von mehr als fünfzig Menschen, die der Graf auf entsetzliche Weise umgebracht hatte.Das Urteil für Girolamo lautete, auf dieselbe Art zu sterben wie seine Opfer auf einen spitzen Pfahl gespießt und angesichts eines Spiegels, der ihm sein eigenes qualvolles Sterben bis zum Ende zeigte...

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MOBI

Seitenzahl: 135




Horst Weymar Hübner

Blake Gordon #1: Spiegel des Grauens

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Spiegel des Grauens

Blake Gordon – Band 1

von Horst Weymar Hübner

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Immer, wenn hinter den Palastmauern des Grafen Girolamo lautes Musikspiel erklang und bis zum Morgen gellende Schreie ertönten, bekreuzigten sich die Menschen von Venedig. Der Teufel sei dort zu Gast, hieß es, und Girolamo ein guter Gastgeber.

Als die Soldaten des Dogen die Palasttüren einschlugen, fanden sie die Überreste von mehr als fünfzig Menschen, die der Graf auf entsetzliche Weise umgebracht hatte.

Das Urteil für Girolamo lautete, auf dieselbe Art zu sterben wie seine Opfer auf einen spitzen Pfahl gespießt und angesichts eines Spiegels, der ihm sein eigenes qualvolles Sterben bis zum Ende zeigte...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Redaktion: James Brian

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

 

 

Cover: Michael Sagenhorn

 

 

1

Dumpf entsann er sich, dass er gelebt hatte, dass er hingerichtet wurde und dass man seinen geschundenen Körper auf dem Scheiterhaufen hatte verbrennen wollen.

Davor war irgendetwas geschehen. Jemand hatte einen entsetzlichen Bannfluch gegen ihn geschleudert. Jedenfalls war er nicht auf den Scheiterhaufen gekommen.

Gewissermaßen von einer höheren Warte aus hatte er seinen eigenen zuckenden Körper auf dem blutigen Pfahl sitzen sehen, hatte die namenlose Pein in seinen Augen erblickt und die kaum noch menschlichen Töne vernommen, die dem brüllenden runden schwarzen Loch entflohen, das sein Mund war.

Eine ungeheure Macht hatte Gewalt über ihn bekommen und hielt seine leicht wie eine Feder schwebende Seele von seinem gemarterten Körper fern. Und endlich zog ihn diese Macht hinab in die Folterkammer, zwischen den Knechten, dem Schreiber und den Vertretern des Klerus hindurch, in den Spiegel hinein, den sie ihm hingestellt hatten.

Und plötzlich war seine Seele wieder mit seinem gepeinigten Körper vereint. Er hörte die Entsetzensschreie der Folterknechte, der Vertreter der Kirche, den zweiten Bannfluch „Anathema sit!“, den sie ihm nachschleuderten, und er sah den leeren Pfahl.

Die unbekannte Macht hatte seinen Leib vom Pfahl gerissen. Noch in der Folterkammer fügte sie das Fleisch wieder mit der Seele zusammen.

Danach hatte ihn Dunkelheit umgeben, die ihn beruhigte aber weder wärmte noch kühlte. Irgendwann verstand er, dass er ins Schattenreich eingegangen war und dass der Spiegel in der Folterkammer eine Rolle dabei gespielt hatte.

Er kam sich vor wie hinter einer Scheibe. Auf der anderen Seite war die Welt der Lebenden, jener Wesen, die mit pulsierendem Blut gefüllt waren. Seine Gier nach Menschenblut stieg ins Unermessliche, je länger er im Schattenreich gefangen saß.

Einen eigentlichen Begriff für Zeit hatte er nicht. Er nahm nach einer Epoche der Ruhe und Ereignislosigkeit wahr, dass manchmal Bilder und Eindrücke wie kurze Lichtblitze von drüben in seine Schattenwelt drangen.

Seine Neugierde wurde geweckt und seine Blutgier angestachelt. Er begann zu erforschen, wie die Bilder und Eindrücke aus der Welt der Lebenden zu ihm gelangten. Und er sann darauf, selber hinüberzugelangen. Irgendwann kam er dahinter.

Es war so einfach. Er brauchte nur den Bannfluch umgekehrt aufzusagen. Aber es stellte ihn nicht zufrieden, in die Welt der Lebenden überwechseln zu können, wann immer es ihm beliebte. Er wollte auch Blut haben. Viel Blut.

Um das zu erlangen, mussten mehrere Umstände zusammentreffen. Sonst war er machtlos.

Also begann er die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Und in ganz kurzer Zeit überlistete er endlich zwei Opfer. Unentdeckt zog er sich ins Schattenreich zurück, bereit, sofort wieder hervorzukommen, wenn ihn der Durst nach Blut überwältigte.

Die Lebenden in ihrer grenzenlosen Dummheit machten es ihm leicht. Sie glaubten nicht mehr an Dämonen, Hexen, Teufelsjünger und böse Geister. Das empfand er als beruhigend, denn so waren sie auch niemals eine Gefahr für ihn.

Eines Tages drang wieder Unruhe aus der anderen Welt zu ihm. Sofort war seine Blutgier geweckt. Er traf weitere Vorbereitungen.

Nur was mit Teufelslist geplant war, gelang in der Ausführung. Da war er sich ganz sicher.

2

Alles, was zwischen Boston, Albany, Philadelphia und New York zur Kulturszene gehörte oder sich dazu zählte, fand sich zu den sommerlichen Festen in Sir Goffreys Haus ein, um der Vorstellung talentierten Künstlernachwuchses beizuwohnen.

Sir Goffrey Addisons Haus lag im äußersten Zipfel von Long Island, eingebettet in einen weitläufigen Park, dessen Bäume so alt waren wie die Vereinigten Staaten.

Und wenn Sir Goffrey zu seinen Festen lud, dann stand dahinter genau so viel gesellschaftlicher Zwang, als hätten die Rockefellers zum Stehempfang im Waldorf-Astoria gebeten. Man musste hin, da half nichts. Nur der eigene Todesfall galt als einigermaßen ausreichende Entschuldigung.

Urheberin dieser Vorstellungsfeste war die selige Peggy Guggenheim. Zu Lebzeiten hatten herzliche Freundschaftsbande sie mit, Sir Goffrey verbunden.

Goff, wie sie ihn zu nennen pflegte, hatte ein annähernd gleich großes Vermögen wie sie, und wie sie sammelte er Kunst. Alte Kunst allerdings, das war der Unterschied.

Und er machte seine Sammlungen nicht der Öffentlichkeit zugänglich, sondern verschloss sie in seinem Haus, das er schlicht sein Heim nannte. Dieses Heim war ein veritabler Herrensitz, wirkte nach außen fast wie ein etwas verkommenes Gemäuer und sah innen wie ein vollgestopftes Museum aus.

Peggy Guggenheim hatte ihm gesagt, dass es unanständig gehandelt sei, all seine Schätze zu verschließen. Ihrem Einfluss war es zu verdanken, dass er sein Heim den interessierten Kunstkreisen öffnete und dass er vor allem ein Freund und Förderer des Nachwuchses wurde.

Also hatte er diese Vorstellungsfeste eingeführt. Und wer bei ihm vor erlauchtem Publikum debütierte, hatte eine steile Karriere vor sich.

Zwar witzelten ergrimmte Neider, Sir Goffrey fördere in auffallender Weise nur noch Künstlerinnen, und im Gegensatz zu seinem zunehmenden Lebensalter seien die immer jünger.

Doch mit der Toleranz und milden Nachsicht eines großen Geistes setzte er sich über solche niederen Gehässigkeiten hinweg und richtete unverdrossen die Feste aus, wie er es Peggy gelobt hatte. Ein Gentleman, der mit der Zuverlässigkeit des wahren Freundes ein einmal gegebenes Versprechen hält und immer wieder einlöst. Eine Verpflichtung, die über den Tod hinaus verbindlich ist.

Traditionell wurde jedes Fest mit einem musikalischen Abend eröffnet. Die Debütantin war diesmal Linda Turtle; das Konservatorium in Boston sagte ihr eine glänzende Zukunft voraus.

Freunde wussten über Linda zu berichten, dass sie an sich selber höchste Ansprüche stellte und ihre Ziele, die sie noch erreichen wollte, immer höher steckte.

Ihren Freunden und sich machte sie das Leben damit oft unnötig schwer.

So auch an diesem Abend.

Es war besprochen, dass sie auf einem Flügel ihr Konzert gab. Völlig überraschend disponierte sie um und wollte unbedingt auf einem steinalten Spinett spielen. Das Instrument war eines der wertvollsten Stücke in den Sammlungen Sir Goffreys und mit Geld kaum noch zu bezahlen.

Wie in Trance ging Linda Turtle darauf zu und strich über das wurmstichige, vom Alter dunkel gebeizte Holz.

„Ein wundervolles Spinett“, sagte sie mit fast geschlossenen Augen. „Darauf spiele ich.“

Sir Goffrey machte ein Gesicht, als bekäme sein Magen Knoten.

„In der Tat ein außergewöhnliches Stück, Lirida.“ Seine Stimme klang seltsam gequält. „Es stammt aus der Werkstatt von Spinetus in Venedig.“

„Vom Erfinder des Spinetts, ich weiß.“ Linda lächelte geduldig und wirkte ziemlich abwesend. Wieder strich ihre Hand über das altersdunkle Holz. „Schätzungsweise um fünfzehnhundertfünfzig entstanden. Lassen Sie es bitte in den Saal hinüberschaffen, Sir Goffrey.“

Der Hausherr und Gastgeber machte einen letzten Versuch.

„Das Instrument umfasst nur drei Oktaven. Der Klang ist überdies sehr dünn.“

„Schwer zu spielen also“, sagte Linda Turtle verständnisvoll. „Für mich genau richtig.“

„Ja, aber Sie sind nicht vorbereitet, Linda!“

„Ein echtes Talent braucht keine Vorbereitung.“ Linda Turtle wirkte unnahbar wie eine Königin und hochmütig und eingebildet wie die Gewinnerinnen aller Schönheitswettbewerbe zusammen. „Ich suche mir aus Ihrer Sammlung eine passende Komposition aus Ihr Verständnis voraussetzend, Sir Goffrey.“

Lieber Himmel, was war mit diesem Mädchen plötzlich los? Es war wie umgewandelt.

Sir Goffrey sah es im Hintergrund der dunklen Augen höhnisch glitzern.

Er wollte sich nicht die Blöße geben, vor allen seinen Gästen als Geizkragen und knickriger kleinlicher Mensch dazu stehen.

Ein ungutes Gefühl bedrückte ihn; dennoch sagte er: „Bitte, es sind alles Originale. Treffen Sie Ihre Wahl, Linda.“

„Das werde ich. Danke, Sir.“ Sie wandte sich den Vitrinen zu, wo unersetzliche Handschriften und Notenblätter aufbewahrt wurden.

Entschuldigend meinte einer von Lindas Freunden zu Sir Goffrey: „Sehen Sie ihr das bitte nach, Sir. Sonst ist sie die Bescheidenheit in Person. Vielleicht das Lampenfieber! Hm, so kennt sie niemand von uns.“

Die Freundesclique bekundete Zustimmung.

Sir Goffrey Addison überspielte die peinliche Szene, indem er fröhliche Miene zu der überraschenden Entwicklung machte: „Dann gehen Sie doch meinem Personal zur Hand und schaffen Sie das Spinett in den Saal.“

Er rückte die weiße Smokingjacke zurecht und begab sich zum Gros seiner Gäste.

Hilfreiche Hände fassten zu und trugen das Spinett in den größten Raum des Hauses. Der bereitgestellte Flügel wurde fortgeschafft.

Erwartungsvoll nahmen die Gäste auf bereitgehaltenen Stühlen Platz oder reihten sich an der Wand auf.

Ein Raunen ging um. Sir Goffrey Addison stand bereit, um die Eröffnungsworte zu sprechen. Die wichtigste Person des Abends fehlte jedoch noch die Nachwuchspianistin.

Mit ungebührlicher Verspätung erschien Linda Turtle endlich. Ihr Freundeskreis hatte weiteren Grund, sich zu wundern. Linda hatte sich umgezogen statt des strengen schwarzen Kleides trug sie ein legeres weißes Kleid mit Viertelarm, und ihr zu dem festlichen Anlass straff gekämmtes und zum Knoten geschlungenes Haar floss offen und ziemlich unordentlich um ihre Schultern.

Mit dem Mädchen war eine unglaubliche Veränderung vorgegangen.

Lindas Freunde schauten besorgt.

„Bist du in Ordnung?“, raunte ihr eine Stimme zu.

Linda reagierte nicht, und ihr Blick schien durch sämtliche Gäste hindurchzugehen wie durch Glas.

Sie hatte ein paar Notenblätter mitgebracht. Vergilbtes Papier mit vielen Stockflecken, handgezogenen Linien und verschnörkelt gesetzten Noten. Recht unbekümmert legte sie die kostbare Originalkomposition rechts auf dem Spinett ab und nahm auf einem zurechtgerückten Hocker hinter dem Instrument Platz.

Das Raunen legte sich.

Sir Goffrey Addison sprach die Eröffnungsworte. Gelangweilt, wie es schien, lehnte sich Linda Turtle zur Wand in ihrem Rücken zurück, bis sie fast den altertümlichen Spiegel berührte, der dort aufgehängt war.

Dann raschelte sie mit den Notenblättern.

Aus der Zuhörerschaft drang das erste indignierte Räuspern. Dann folgten eisige Blicke. Sir Goffrey brachte seine Begrüßungsrede zu einem vorgezogenen Schluss.

Außerordentlich eigenwillig, diese junge Dame! dachte er und fragte laut: „Und was bringen Sie uns zu Gehör, Linda?“

Linda Turtle blickte nicht einmal auf.

„Monteverdi“, sagte sie. Mit einer Stimme, die ihr gar nicht zu gehören schien.

Sir Goffrey spürte einen Stich. Monteverdi erinnerte ihn an einen grauenvollen Unfall. Hier in diesen Räumen. Zwar hatte er diese Erinnerung unterdrückt, ja sogar verdrängt gehabt, aber mit Nennung des Namens war alles wieder lebendig.

Er machte eine Handbewegung, als wollte er Linda Turtle das Spiel untersagen. Zu spät.

Sie schloss die Augen und begann zu spielen, als hätte sie wochenlang auf diesem Spinett geübt. Sir Goffrey zog sich zu seinem freigehaltenen Stuhl in der ersten Reihe zurück.

Jemand lenkte ihn auch noch ab mit einer Bemerkung über das skandalöse Benehmen der Nachwuchspianistin.

Danach erst hörte er, was Linda Turtle spielte!

Es war dieses Stück, das er damals gehört hatte! Mit dem sich so grauenhafte Erinnerungen verbanden!

Er hatte seitdem die Notenblätter doch fest weggeschlossen gehabt!

Wie kam denn Linda Turtle daran? Die Komposition befand sich tief unten in einem eisernen Schrank. Da hatte er sie selber hingelegt. Und den Schlüssel dazu bewahrte er im Schreibtisch auf!

„Bitte, lassen Sie mich vorbei!“, raunte er der reifen Dame zu seiner Linken zu.

Es war schier unglaublich, dass sich Linda Turtle den Schlüssel aus seinem Schreibtisch besorgt haben sollte. Er konnte es sich auch gar nicht vorstellen.

Sir Goffreys Stuhlnachbarin war gerade im Begriff, zur Seite zu rücken, als die elektrische Beleuchtung im Saal erlosch.

Die Zuhörer verhielten sich still. Sie glaubten, dieser Effekt sei geplant.

Linda Turtle saß ebenfalls in der Dunkelheit. Aber sie spielte wie besessen, schneller, hastiger.

Und plötzlich war milder Lichtschein hinter ihr zu sehen. Unmittelbar hinter ihrem Rücken. Es war, als strömte Licht aus dem alten Spiegel, warmes, flackerndes Kerzenlicht.

Eine gespenstische Szene.

In der Reihe hinter Sir Goffrey lachte ein Mann hysterisch. Ein anderer Gast hielt den Vorgang für einen großartigen Scherz und klatschte in die Hände.

„Licht an!“ Sir Goffrey sprang auf. Entsetzliche Vorahnungen peinigten ihn. „Schaltet sofort das Licht an!“

„Sofort, Sir!“ Das war jemand vom Personal. Die Saaltür öffnete und schloss sich.

Das seltsame Kerzenlicht hinter Linda Turtle wurde diffus und noch unwirklicher. Die Künstlerin schien jetzt erst die Verdunkelung des Saales zu bemerken; ihr Spiel wurde stockend.

Zwei, drei dünne, etwas blechern klingende Anschläge auf dem Instrument erfolgten noch. Dann drang ein ächzender Seufzer durch die Weite des Saales, dass es manchem Gast die Nackenhaare aufrichtete. Das seltsame Licht im Spiegel erlosch. Ein Körper schlug zu Boden.

Lähmende Stille trat ein.

3

Aber nur für wenige Augenblicke.

Ohrenbetäubender Lärm brandete schlagartig auf.

Da und dort zuckte spärliche Helligkeit auf. Flämmchen von Gasfeuerzeugen, ein paar Streichhölzer.

Stühle wurden unachtsam gerückt, heftige Worte fielen zwischen Gästen, die eben noch die besten Nachbarn gewesen waren.

Das Brausen der Stimmen verebbte ebenso rasch, wie es aufgebrandet war, als mit einem Schlag sämtliche elektrischen Lampen im Saal wieder brannten.

„Ein bedauerlicher Kurzschluss, meine Damen und Herren!“, sagte Sir Goffrey. „Ich bitte um Nachsicht und ...“

„Sie ist ohnmächtig geworden!“, rief eine Frau und zeigte auf Linda Turtle, die halb hinter dem alten Spinett verborgen zu Boden gesunken war.

Sir Goffrey hastete zu der Debütantin. Lindas Freunde nahten aus der anderen Richtung. Ein schwarzhaariger Mann mit Bürstenschnurrbart löste sich aus der Gästeschar.

„Ich bin Arzt“, knurrte er und schob die Freunde der Pianistin zur Seite.

„Ein Kollaps“, meinte Sir Goffrey. „Sie ist ja unglaublich blass. Wir sollten sie an die frische Luft...“

Der Arzt runzelte die Stirn. Er tastete nach dem Puls, fühlte dann nach dem Herzspitzenstoß und öffnete plötzlich gewaltsam die geschlossenen Lider des Mädchens.

Er wandte den Kopf und schaute Sir Goffrey wie einen Verrückten an. Oder wie jemand, der eben einen Blick in die Hölle getan hat.

„Sie ist tot!“, sagte er mit dumpfer Stimme.

Im selben Augenblick sagte einer der Freunde von Linda Turtle mit allen Anzeichen des Entsetzens: „Auf den Tasten ist Blut da, auf den Noten ebenfalls! Doktor, sie hat sich irgendwo verletzt, sie blutet, tun Sie doch was dagegen!“

Der Arzt kauert am Boden, sein Schnurrbart sträubte sich langsam. „Das geht nicht mit rechten Dingen zu niemals! Sir Goffrey, Ihre Debütantin hat keinen Tropfen Blut im Körper, soweit ich das feststellen kann! Am besten, Sie verständigen die Polizei!“

4

Der Officer, der mit seiner halben Mordkommission und ein paar uniformierten County Polizisten aus River head herübergekommen war, machte ein Gesicht, als hätte er ganz allein das Schießpulver erfunden.

„Okay, Sir, in Ordnung, Sie waren dabei, ich nicht.“ Er war zu bereitwillig, als dass es Sir Goffrey gefallen hätte. „Da sitzen und stehen also einhundertundneun ausgewachsene Menschen herum, das Licht geht aus, für ziemlich genau fünfzig Sekunden, und als es wieder angeht, liegt dieses Mädchen da, ausgesaugt bis auf den letzten Tropfen Blut. Ich würde jetzt gern eine andere Version hören, die richtige nämlich.“

Sein Bullenbeißergesicht nahm feindselige Züge an. Es war morgens um sieben, seit Stunden hatten er und seine Leute die Gäste vernommen. Dass er immer wieder dieselbe Story erzählt bekommen hatte, war ihm aufs Gemüt und an die Nerven gegangen. Sein guter Wille war aufgebraucht, und zwar restlos.

Sir Goffrey hörte die letzten Wagen mit Gästen wegfahren. Der Skandal war nicht mehr aufzuhalten. Ein Mord in seinem Haus! Und einer der honorigen Gäste war der Täter! Das behauptete jedenfalls dieser Lieutenant Clancy, ohne es direkt in Worte zu fassen.

„Darf ich den Gentlemen einen Kaffee reichen lassen?“ Auch nach einer solchen Nacht wusste Sir Goffrey, was die Hausherrn und Gastgeberpflichten verlangten.

„Nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie mir den Burschen aufs Tablett dazulegen, der’s gemacht hat“, sagte Lieutenant Clancy mit einem Unterton in der Stimme, der wenig Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisierte.

„Ich wünschte, ich wäre in der Lage, Ihnen den Namen nennen zu können. Es ist unfassbar.“ Sir Goffrey war die Erschütterung anzusehen. „Ich habe nicht einmal einen Verdacht, eine Vermutung, eine...“

„Zu dem Punkt kommen wir noch, immer schön der Reihe nach.“ Clancy hatte den Hut auf dem Kopf behalten und trug ihn nur weit aus der Stirn gerückt. Möglich, dass er meinte, er würde dadurch besonders salopp wirken.

Sir Goffrey begann Vorurteile gegen diesen Kriminalisten zu entwickeln, der ihm ins Wort fiel und ungehobelte Manieren an den Tag legte.

Clancy rückte die drei Notizbücher zurecht, die die vorläufigen Zeugenaussagen der Gäste enthielten. Er schlug mit der Hand darauf. „Alles unschuldige Waisenkinder laut ihren Aussagen. Haben von nichts eine Ahnung. Es wundert einen, dass die Leute überhaupt etwas gesehen haben. Sind tief betroffen bis fast verzweifelt aber erklären können sie sich dieses grässliche Wunder auch nicht! Hm, Sie sind der Veranstalter des Festes, ist das richtig?“

„Durchaus, Lieutenant. Wenn Sie erlauben, möchte ich für meine Person gerne ein Teefrühstück einnehmen. Diese Nacht, diese Aufregung Sie werden mir Verständnis entgegenbringen.“

Sir Goffrey läutete nach dem Diener.

Clancy war überzeugt, dass dieser schrullige alte Mann, der sein Haus zu einem Museum gemacht hatte, den Tee

auch bestellt hätte, wenn er das aus Ermittlungsgründen verboten hätte.

Ein breitschultriger Mann mit blauschwarzem Haar, unzähligen Runzeln im lederhäutigen Gesicht und einer Eskimofalte in den inneren Augenwinkeln brachte ein Tablett herein.

Lieutenant Clancy wollte seine Seele darauf verpfänden, dass der Diener mit ausgefahrenen Ohren hinter der Tür gelauscht hatte, um nach dem Stichwort seinen Auftritt hinzulegen wie ein Schauspieler auf der Theaterbühne.

Allerdings erwog er auch die Möglichkeit, dass Sir Goffrey Abhörvorrichtungen angebracht hatte. Wer so viele Schätze unter seinem Dach beherbergte, hatte zweifellos auch ein Alarmsystem installieren lassen. Und wer eine solche Einbruch und Diebstahlsicherung benötigte, hatte ohne Frage auch schon von Abhörwanzen und ihrer umstrittenen Nützlichkeit gehört.

Der Diener deponierte das Teegeschirr auf dem Mahagonitisch; seine Bewegungen waren geübt und sicher.

Clancy starrte auf die weißen Handschuhe des Mannes. Diese faszinierten ihn mehr als die vollendeten Manieren dieses Dieners.

Kaum war der Mann draußen, fragte er knurrend: „Ihr Butler, eh? Was ist das für ein Bursche? Kommt mir vor, als hätte sich ein Japaner in seine Ahnenreihe verirrt.“