Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Einmal in China leben? Helen freut sich auf ein Abenteuer. Davon kriegt sie dann doch zu viel, denn der plötzliche Tod ihrer Nachbarin wirft einen Schatten auf das Idyll in der Fremde: vielleicht ist doch nicht alles so unbeschwert und arglos, wie es scheint? Aber was geht es Helen an? Auf keinen Fall will sie in das Wespennest von ehrgeizigen Geschäftsleuten, gelangweilten Nachbarn und dynamischen Müttern stechen. Doch bald schon entwickeln sich die Dinge so, dass ihr keine andere Wahl bleibt. Natürlich ermittelt man als Hausfrau und Mutter besser sehr diskret. Doch im Kreis der Ausländer bleibt vieles nicht lange geheim. Wenn man freundlich nachfragt, erfährt man immer etwas: beim Ausflug mit dem Elternbeirat zu einem Kloster in die Berge ebenso wie beim Wandern auf der Chinesischen Mauer; beim Kaffee mit den Damen vom Yoga genauso wie beim teuren Mineralwasser im Penthousebüro des Investmentfunds mit Blick auf die Verbotene Stadt. Die Nachforschungen führen durch Pekings weite Strassen und enge Hutongs, in protzige Villen und kulinarische Tempel. Was lauert hinter den gepflegten Fassaden? Mit was für Leuten hat man es eigentlich zu tun, wenn man in die weite Welt zieht? China ist gross und der Fall verzwickt, doch wenn man sich nicht immer an alle Regeln hält, kann man fast alles erreichen!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Wiebke Hein
Bleicher Jasmin
Ein Peking Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Auftakt
Spätsommer in Peking
Der tiefe Schlaf
Reise ins Paradies
Ein letztes Bad
Ein fulminanter Ferienauftakt
Ein neuer Tag bricht an
Familientag auf der Großen Mauer
Die kalte Meerjungfrau
Kleine Schrammen
Abtauchen und baumeln lassen
Rückkehr und Kehrtwende
Heimsuchungen
Alleingelassen
Die Geister, die ich rief...
Bewegung
Ein Spaziergang im Park
Alleingang
Ausgang
Ausruhen
Zusammentreffen
Im Dunkeln tappen
Danksagungen
Impressum neobooks
Wiebke Hein
Bleicher Jasmin: Ein Peking Krimi
Peking, China
Selbstverlag
Überarbeitete Auflage, 2016
Alle Rechte liegen bei der Autorin
Bleicher Jasmin
Ein Peking Krimi
Wiebke Hein
China 2015
Abfertigung
Ruth dröhnte der Kopf. Wie war sie hierher gelangt? Wo war das eigentlich? Es war furchtbar laut. Das mussten Maschinen sein, die so rumpelten. Erkennen konnte sie im Zwielicht kaum etwas. Nur von ganz weit oben drang trübes Licht in den kleinen Raum. Ruth fasste sich an ihren schmerzenden Schädel. Sie befühlte ihre mächtige Beule am Hinterkopf.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie sie hierher gekommen war. Aber sie erinnerte sich noch gut an die tote Frau. Und an Helen, mit der sie über das gefährliche Leben der Entsandten und Verbannten gelacht hatte. Helen, ob die ihr wohl helfen konnte? Erneut überkam sie ein unruhiger Schlaf.
***
Ankunft
Sie standen am Gepäckband und warteten. Die beiden Kinder zerrten und hingen am Kofferwagen. Genervt trat Paul seine Schwester und Heide jaulte lautstark auf. Ihr Vater hatte schon längst weder Ideen mehr für lustige Spiele noch Energie zum Schlichten. Die anderen, adrett gekleideten Passagiere guckten mit hochgezogenen Augenbrauen auf ihre ungezogenen Kinder. Nur Helen starrte weiter frustriert auf das Kofferkarussell. Es wurden immer weniger Koffer, aber ihre waren nicht dabei. Dieser Flughafen sollte weltweit die zweitmeisten Passagiere umsetzen. Alle wollten nach China, nach Peking oder wieder weg von dort. Sie wollte einfach nur ihre Koffer.
Wenn man den Glückskeksen aus den Chinarestaurants glauben konnte, hatten die Chinesen ja für jede Gelegenheit ein Sprichwort. Gab es eines wie “Ziehst Du nach China und Deine Koffer sind weg, hast du einen aufregenden Neuanfang”?
Erst einmal war Helen nicht sehr begeistert gewesen von der Idee, zwei Jahre lang in Peking zu leben. Robert sollte einen prima Job mit dickem Gehalt und aufregenden Perspektiven annehmen. Sie hatte keine rechte Vorstellung von China. In den heimischen Nachrichten gab es ja ständig Meldungen über den Smog, den Verkehrskollaps, die Umweltverschmutzung, die Menschenrechtsverletzungen und andere dunkle Facetten des aufstrebenden Riesen.
Wenn man dann das Programm wechselte, konnte man Reisereportagen bestaunen, wo Leute mit grauen Haaren und weißen Socken in bequemen Sandalen durch endlose Tempel trabten oder die Große Mauer hinaufkeuchten. Dazu unvermeidlich: meditative Standbilder auf weite Flüsse, bei denen eine Stimme aus dem Off zu leiernder Musik über die lange Geschichte, das vielfältige Essen und die fremde Kultur Chinas dozierte. Helen wusste nicht genau, wovor ihr mehr grauste.
Trotzdem hatte sie dem Umzug zugestimmt: Alle Nachbarn, alte Tanten und engagierte Frauen aus der Krabbelgruppe hatten ihr sofort abgeraten. Das wiederum hatte die Sache für sie interessant gemacht. Die Kinder waren jung, da musste man noch nicht an die Vorbereitungen für das Abitur denken. Mit ihrem Job war sie zufrieden, aber der würde auch noch in zwei Jahren auf sie warten, hatte ihre Chefin zugesagt. Asthma hatten sie bisher keines, da gab es eigentlich keine Gründe mehr, abzusagen. Und wollten sie nicht immer schon mehr Abenteuer erleben?
Jetzt schien sich ihr erstes Abenteuer anzubahnen und gleich war sie unzufrieden. Helen riss sich zusammen und suchte nach dem Gepäckschalter. Da hörte sie hinter sich: “Mama, ich hab die blaue Tasche zuerst gesehen!” Wer sagt es denn, man kann sich auch über die einfachen Dinge im Leben plötzlich richtig freuen: Hinter einem großen Berg Koffer lächelte Robert triumphierend und bugsierte sie alle zum Ausgang.
Als Helen die bunten Vorhänge mit viel Schwung und einem anfeuerndem “Guten Morgen, Zeit für die Schule!” zurückzog, zeigte sich Peking von seiner besten Seite. Stahlblau ohne Dunst oder Wolken hing der Himmel über den großen Häusern ihrer Straße. Die Blätter des Gingko vor dem Fenster wiegten sich sacht im Herbstwind. Der dicke Fahrer von gegenüber war dabei, die silberne Limousine abzureiben.
Paul blinzelte schläfrig gegen die goldenen Sonnenstrahlen, die ihn aus dem Bett scheuchen sollten. Heide zog sich ihr geblümtes Kissen über das Gesicht. Es war Montag und das gefiel Helen richtig gut. Gleich wären die Kinder in der Schule und Robert in seinem Büro und damit wäre sie nicht mehr für jedes Gezanke zuständig und für die nächsten fünf Stunden würde niemand von ihr Snacks oder Mittagessen erwarten.
Inzwischen waren schon zwei Jahre in Peking vergangen und sie waren immer noch da. Die Kinder hatten sich gut eingefunden, die Privatschule war fantastisch. Robert hatte ein neues wichtiges Projekt übertragen bekommen und so hatten sie noch für ein Jahr verlängert. Ihr altes Leben in Deutschland schien schon unwirklich weit weg.
Als dann eine knappe Stunde und einiges Gezeter später, “Mama, die Socken kratzen so schrecklich!”, “Mama, Paul hat meinen Rock versteckt!”, die Schuluniformen angezogen sowie die Zähne geputzt waren, und auch Heide ihre rosa Wasserflasche unter dem Sofa wiedergefunden hatte, konnte sie mit den Kindern in die Schule radeln.
Auf dem Weg zum großen Tor ihrer Wohnanlage trafen sie schon die nachbarlichen Schulkameraden mit ihren Muttis. In den wenigsten ausländischen Familien hier arbeiteten beide Eltern. Es war überaus aufwendig, schon alleine wegen des Visums, für beide Elternteile einen Job in China zu finden und so hatte es sich bei vielen ergeben, dass nur ein Partner arbeitete. Vor allem bei denen mit kleineren Kindern, blieben meistens die Frauen zu Hause. Die gelebte Idylle einer bayerischen Partei: Mama mit den Kindern daheim, während Papa hart für den Welthandel arbeitet. Und dass obwohl viele von den Frauen davor respektable Karrieren hatten.
An der Ampel warteten fünf geduldige Männer mit neongelben Helmen und Warnwesten auf die Grünphase. Deren Aufgabe war, alle sicher über die Fußgängerampel zu geleiten. Als sie das Aufgebot zum ersten Mal erblickte, hatte Helen gedacht, sie sieht nicht richtig. Aber nun wusste sie, dass ohne die Schülerlotsen die Schüler bestimmt bald Mangelware an der Schule wären. Eine rote Ampel hielt die wenigsten Autofahrer in den dicken Limousinen davon ab, sich noch schnell vor den Schulkindern über die Kreuzung zu drücken.
“Hallo Lisa! Wie war Dein Wochenende?” Ihre Kinder rollten mit den Augen. Das war das allerletzte, wenn die Mütter mit dem Quatschen anfingen. Kaum waren sie über der Straße, rannten die Kinder mit ihren Freunden schon mal los und sie ging mit Lisa gemächlich hinterher.
Lisa stand heute Morgen schon wieder wie aus dem Ei gepellt vor ihr. Die langen schwarzen Haare ordentlich geföhnt und sogar Make-up aufgelegt. Verlegen hielt Helen die Wasserflasche etwas höher, damit man wenigstens den Zahnpastafleck auf ihrem verwaschenen T-Shirt nicht sah.
Lisa hatte am Wochenende die erstaunlichste Menge an Aktivitäten erledigt. “Am Samstag nur das übliche mit den Kids: Tennis, Golf und Schwimmen. Wir haben endlich einen besseren Tutor für Chinesisch gefunden, der kann sogar gleichzeitig zum Klavierunterricht kommen. Da spielt der eine Klavier und die andere übt Mandarin und dann wird gewechselt. Weil es so schönes Wetter war, sind wir am Sonntag in die Duftberge gefahren und haben zusammen mit Horden von Chinesen ein Picknick im Freien gemacht. Am Freitag Abend haben wir uns mit Freunden in diesem neuen Tapas Restaurant in Sanlitun getroffen. Die haben uns noch Tickets für ein Zitherkonzert in der Botschaft. geschenkt. Das war nicht schön aber selten.” Lisa kicherte. “Und, was hast Du gemacht?”
Helen strich sich verlegen die Haare zurück: “So viel jedenfalls nicht! Robert war dieses Wochenende einmal zu Hause und hatte keinerlei Termine, noch nicht einmal einen klitzekleinen Empfang, da konnten wir es ruhig angehen lassen. Wir waren im Park und haben Drachen steigen lassen. Dann die unvermeidlichen Geburtstagspartys.”
Helen ging viel lieber raus ins Grüne. Diese Partys, wo man am Wochenende in Konferenzräume eines Hotels eingeladen wurde um sich mit schlabbrigen Fritten und pastellfarbenen Hüpfburgen zu vergnügen, deprimierten sie. Helen rollte mit den Augen.
Aber Lisa lachte nur und wechselte lieber das Thema: “Gehst Du nachher noch zum Elterncafé? Da gibt es einen Vortrag über Mathe und moderne Medien oder so.”
Erst vor kurzem hatte Helen im Wartezimmer beim Arzt in einer Zeitschrift für Frauen ihres Alters wieder so einen herrlich fachmännischen Artikel darüber gelesen, dass heute schon Grundschüler im Stress seien. Der zitierte Psychologe überraschte wohl niemanden, der Kinder hatte, mit seiner Analyse: “Heutzutage definieren sich Eltern viel stärker über ihre Kinder.”
Sie ließ einen Blick über die Anwesenden schweifen: wer hauptsächlich deshalb in Peking war, damit der Partner hier Karriere machte und weil die Schule der Kinder so hervorragend war, der durfte das alles dann auf keinen Fall schleifen lassen. Helen stellte sich vor, dass es bei Brieftaubenzüchtern ähnlich sein musste. Dort gewann man wahrscheinlich auch soziales Ansehen und fand seinen Sinn im Leben wenn die eigenen Tauben den Langstreckenflug gewannen. Bei diesem Thema würden bestimmt alle gebannt zuhören, wie man noch besser auf die vorderen Plätze kam!
Lisa wollte Helen gleich mitschleppen, aber Helen drückte sich: “Den habe ich letztes Jahr angehört. War echt interessant.” fügte sie höflich hinzu. “Ich wollte einiges erledigen, bevor schon wieder die Oktoberferien anfangen und man zu gar nichts kommt. Was macht Ihr denn in den Ferien? Bali? Korea? Vietnam? Mauritius?” Helen hatte vollends den Überblick verloren, wohin in der nächsten Woche alle fuhren.
“Wir bleiben hier. Freunde von uns kommen ein paar Tage auf Besuch und da wollen wir mit denen rumfahren. Du weißt schon. Das übliche Programm: Verbotene Stadt, Sommerpalast, Himmelstempel und so. Bist Du nicht auch da? Wenn der Besuch wieder weg ist, könnten doch wir zusammen einen Ausflug machen. Wenn man mit mehreren geht, brechen die Kinder vielleicht auch nicht schon auf den ersten hundert Metern zusammen, sondern laufen tatsächlich den ganzen Weg.”
“Ein hervorragender Plan, Lisa!” Helen war gleich mit dabei. Sie liebte Ausflüge. Und mit Lisa allemal, die war immer so organisiert. “Klar, Mittwoch? Keine Wanderung ohne Picknick, ich bringe echte Landjäger vom deutschen Metzger mit ok? Heide und Paul werden sich freuen, wenn sie nicht alleine wandern müssen.” Das war eine glatte Lüge, Heide und Paul freuten sich nie, wenn sie wandern gehen sollten. Wenn sie erst einmal unterwegs waren, gefiel es ihnen dennoch meistens. Aber am besten würde sie es ihnen am Mittwoch erst beim Frühstück beichten. Dann könnten sie sich gar nicht mehr schnell genug erkälten, um sich vor der Wanderung zu drücken.
“Kommen Sam und Abby denn auch mit?” fragte Helen noch vorsichtshalber. Abbys Sohn war mit Paul in einer Klasse. Beste Freunde waren die zwei nicht. Da sollte man besser einen Weg ohne steile Abhänge wählen…
“Nein, die wollen in den Süden fahren. Außerdem weiß ich doch, dass Du dann die ganze Zeit an Paul dran bist, weil die Jungs sich ohne Ende streiten.” Sie fügte fröhlich hinzu: “Wir wollen doch alle Spaß haben beim Ausflug!”
Lisa war einfach immer gut gelaunt. Fast unheimlich. Ob das vom vielen Yoga kam? Helen hellte sich lieber mit Zucker die Stimmung auf. Tagsüber natürlich nur als Schokolade, abends dann aber gerne im vergorenen Zustand…
Noch als sie darüber nachdachte, kam prompt Abby dazu: “Hallo Ihr Zwei! Sag mal Lisa, gehst Du heute denn zum Yoga…?”. Jetzt war klar der Zeitpunkt gekommen, sich schnell zu verabschieden. Sonst würden die beiden sie am Ende wieder mal fragen ob sie nicht mitkommen will!
Abby war auch eine von den ehrgeizigen und dynamischen Eltern, da konnte man schnell ins Fettnäpfchen treten mit Kommentaren wie: “Findet ihr es nicht auch total albern, dass manche Eltern nun Französisch als Lehrsprache im Kunstunterricht wollen?” Denn das konnte dann leicht ein Vorschlag von genau so einer rasanten Mutter sein. Helen war an einem Montag Morgen noch nicht diplomatisch genug für solch diffizile soziale Interaktion.
Als sie eben zum großen roten Schultor rauswollte, fiel ihr auf, dass sie immer noch Heides Wasserflasche in der Hand hielt. Sie ging noch einmal zurück zum Klassenzimmer ihrer Tochter. Bei ihrem zweiten Anlauf, die Schule zu verlassen, musste sie noch geschickt einem Schwarm gestylter Mütter ausweichen, die geschäftig zum Elterncafé unterwegs waren. Man konnte locker den ganzen Tag an der Schule verbringen. Es gab immer eine Beschäftigung für Eltern. Sie hatte letztes Jahr bei der Elternvertretung in der Schule mitgemacht und sie hätte in der ganzen aufgewendeten Zeit auch einen ordentlichen Job machen können. Es war total erstaunlich, wie kompliziert einfache Sachen werden konnten, wenn alle Beteiligten sonst nichts zu tun hatten. Und ehe man sich versah, waren die Jahre vergangen und man hatte nichts anderes als Kinder, Einkaufen und Familie gemacht.
Entschlossen radelte Helen nach Hause. Die Sonne wärmte sie ganz wunderbar am Rücken. In ihrem Garten blühten die Rosen und sogar eine letzte Sonnenblume hielt sich noch tapfer. Jetzt war der schönste Teil des Tages. Alle aus dem Haus, ganz in Ruhe am Fenster zum Garten sitzen, einen Kaffee trinken und ihre Gedanken sammeln.
Obwohl ständig irgendwas los war an der Schule und in der Nachbarschaft, war das immer so Kleinkram, der einen beschäftigte aber nicht ausfüllte. Lieber stöberte Helen im Internet und in Zeitschriften nach Tipps für interessante und neue Orte. Sie liebte Neueröffnungen, Ausstellungen oder Seminaren, die sie in die Stadt führen würden. So etwas wie Peking musste man erforschen. In dieser Stadt änderte sich ständig so viel; wenn man in einem Geschäft etwas kaufen wollte, sollte man das besser sofort tun. Oft verschwanden Läden einfach ohne Ankündigung. Einmal hatte sie ihr Seidenkleid in der Reinigung drei Wochen lang vergessen. Als sie es dann endlich abholen wollte, gab es das Haus mitsamt Reinigung einfach nicht mehr. Nichts musste so bleiben, wie es war.
Ihr machte es Spaß, den Wandel zu verfolgen. Soviel konnte man gar nicht essen, wie es coole neue Restaurants und Cafés gab. Hier draußen im Vorort war immer alles gleich und auch wenn ständig Leute dazu und wegzogen: es war eine kleine Insel von reichen Ausländern. Hier passierte einfach nie etwas. Und auftretende Nichtigkeiten wurden in aller Breite zwischen Bushaltestelle, deutschem Bäcker und Fitnessraum ausgetauscht. Wenn man es sportlich nahm, war es wie ‘Stille Post’ für Fortgeschrittene. Das war zwar bisweilen amüsant, konnte sie aber nicht ausfüllen.
Wie wenig konnte Helen zu dem Zeitpunkt ahnen, dass diese Ruhe bald ein überraschendes Ende nehmen würde!
Am späten Vormittag fuhr Helen nach Sanlitun. Natürlich fuhr sie nicht selbst. Es war einfach unmöglich, einen Parkplatz zu finden, sondern Herr Lin fuhr sie. Von der Firma hatte Robert ein großzügiges Gehaltspaket, das auch die Privatschule, Villa, Krankenversicherung und sogar die unvermeidlichen Luftfilter umfasste. Derartig sorgenfrei musste man sich dann einfach andere Probleme schaffen...
Schon lange traf sie sich jeden Montag mit Ruth zu Mittag. Ihre Männer waren Arbeitskollegen gewesen, deshalb hatte ihnen Ruth, die schon lange in Asien lebte, beim Umzug mit praktischen Tipps viel geholfen. Da Ruths Kinder schon aus dem Haus waren, hatte sie viel Zeit gehabt und sie waren sich sehr sympathisch gewesen. Als dann plötzlich Ruths Mann Carl starb, hat Helen ihr Beistand geleistet und daraus sind ihre wöchentlichen Treffen gewachsen.
Oft lachte Helen mit Ruth über die skurrilen Gesprächen an der Haltestelle zum Schulbus, oder über die Eifersüchteleien unter den Nachbarn. Hier musste sie sich nicht immer wohlanständig geben.
Helen hat schon immer gerne Leute beobachtet. Aber auch wenn Peking 20 Millionen Einwohner hatte - in ihrer gegenwärtigen Lebenswelt war es wie auf dem Dorf und da sollte man mal lieber nicht zu laut spotten. Jeder kannte jeden und über irgendeine Ecke wurde alles immer weiter getratscht.
Ruth saß schon im Restaurant und betrachtete die schwere Karte mit den vielversprechenden Fotos von den zu erwerbenden Teigtäschchen, Nudelsuppen oder dem kalten Quallensalat. Es war voll.
Mitten im Botschaftsviertel hörte man viele Sprachen. Bei den stark geschminkten Damen mit sehr blonder Mähne und übergroßen Lederhandtaschen tippten sie auf Russisch, die schwarzen Anzüge und korrekten Schlips verrieten die japanischen Geschäftsleute.
Auch ein paar Touristen waren hier mit Turnschuhen, bunten T-Shirts und ihrem Geld im Bauchbeutel. Ihre lauten Stimmen befanden alles für “Fantastisch!”, “So aufregend!” und “Verblüffend”.
Helen und Ruth schauten sich nur an und mussten schmunzeln. Das Befreiende an Peking war, dass die Kleiderordnung völlig aufgehoben war. Bei Markenartikeln wusste man ohnehin nicht, ob die echt waren oder gefälscht. Pinke Stiefeletten zum Cocktailkleidchen waren zum Mittagessen genauso normal wie Strass-besetzte Jogginghosen.
Über ihnen hing ein Fischschwarm aus Porzellan und die Bedienungen trugen adrette blaue Uniformen mit kleinen Schiffchenmützen mit dem Schriftzug des Restaurants. Schnell wurde Helen auch ein heißes Handtuch gereicht, mit dem sie den Staub der Straße loswerden konnte.
Nach den üblichen Begrüßungen rückte Ruth sich die Lesebrille zurecht, strich sich ihre Baumwollbluse gerade und verkündete: “Helen, Herzchen, ich befolge Deinen Rat und öffne mich der Welt. Diese neue Kollegin von mir, Sonya, die hat mich dazu überredet, mit ihr über die Feiertage erst nach Singapur und dann auf eine Insel dort ums Eck zu fahren. So kann ich mich noch einmal so richtig schön aufwärmen, bevor der kalte Winter kommt! Du weißt ja, wenn man so wie ich älter wird” Sie lachte.
Helen wusste wirklich nicht, warum Ruth sie 'Herzchen' nannte, aber es gefiel ihr, dass sie offensichtlich noch jemand für jung und niedlich hielt. Das war Balsam für ihre Seele, wenn einen bereits die Kinder fragten: “Mama, hast Du eigentlich schon gelebt, als es die Dinosaurier gab?”
“Das ist ja schön, Ruth! So lange habe ich schon gesagt, Du sollst Dir mal was gönnen und auf andere Gedanken kommen. Ich bin ja so neidisch! Und wir werden Dich natürlich vermissen, wenn wir Dich beim Ausflug nicht dabei haben. Mach nur recht viele Fotos und sag mir, ob wir da mit den Kindern auch mal hinsollten!”
Normalerweise verließen alle Ausländer an der Schule die Stadt sofort am ersten Ferientag und kamen dann zwei Tage nach Schulbeginn wieder zurück. “Wir haben das dieses Mal ja nicht besonders gut hinbekommen mit den Buchungen über die Feiertage. Nun wollen wir hoffen, dass es ein goldener Oktober wird und wir uns im Umland von Peking vergnügen können. Dafür sollten wir mindestens im Winter in die Schweiz jetten sonst können sich die Kinder in der Schule nicht mehr blicken lassen.”
Ruth zuckte mit den Schulter: “Ich weiß auch nicht genau, wieso ich ausgerechnet zur Hauptsaison fahre aber es war einfach so nett von Sonya mich zu fragen. Und sie hat wirklich ein gutes Angebot gefunden.” Sie kicherte: “Ich bin auch top modern und wohne in Singapur in einem privaten Loft. Auf der Insel gibt es irgendwo ein Ferienressort, was von sich behauptet, unglaublich Öko zu sein. Ich werde Dir berichten. Falls sich Deine Kinder schämen, dass sie nicht weg waren in den Ferien, kann ich ihnen meine Fotos zum Angeben leihen…”
Ruth fotografierte gerne und lobte auch Heide und Paul, wenn die ihr gute Fotos schickten. Die neueste App musste Ruth natürlich auch immer haben. “Ruth, ich hoffe, ich bin auch noch so flott und immer auf dem letzten Stand wie Du, selbst wenn die Kinder aus dem Haus sind!” Dann musste sie das der Wahrheit halber korrigieren: “Oder ich will wenigstens jetzt schon mal in die Richtung anfangen…”
Wie immer hatten sie ein sehr vergnügliches Mittagessen. Nur allzu schnell war ihre gemeinsame Zeit wieder vorbei. “Nächste Woche sehen wir uns nicht. Aber dann in zwei Wochen wieder hier an gleichem Ort zur gleichen Zeit!”
Helen hatte beschlossen, etwas an ihrem Leben zu ändern. Früher hatte sie noch ihren Kopf bei der Arbeit eingesetzt, aber vor kurzem ertappte sie sich dabei, wie sie mit einer Freundin über die Tücken von Einlegesohlen viel zu lange philosophierte. Da musste sie sich schämen. Es gab ja wirklich größere Probleme auf der Welt! Schließlich hatte sie nicht studiert und jahrelang gearbeitet, nur um dann ausschließlich den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.
Nachdem sie am Mittwoch die Kinder in die Schule gebracht hatte, setzte sie sich hin. Sie schaute sich um: der Esstisch war maßgefertigt mit reichlich Platz für Besuch von Freunden. Die Bilder an der Wand hatte ein Mensch auf dem Blumenmarkt nach ihren Farbwünschen gemalt. Das Haus war so viel größer als ihre Wohnung in Deutschland, dass ihre Möbel zu Anfang darin ganz verloren ausgesehen hatten. Möbelkaufen in China war nichts für Entscheidungsschwache. Alles war verhandelbar. Was würde wohl der deutsche Möbelhändler sagen, wenn man ankam und sagte: 'Ich möchte so einen Schrank, aber in einer anderen Farbe, mit zwei Schubladen mehr, eine Handbreit schmaler und etwas billiger. Geht das in drei Wochen?'
Helen machte sich schon Sorgen um ihre Integrationsfähigkeit, wenn es mal zurück in die Heimat ging. Ein Grund mehr, wenigstens beruflich auf dem Laufenden zu bleiben!
Helen rückte den Stuhl entschlossen zurecht und nahm sich Bewerbungsratgeber und Heft zur Hand. Sie hatte noch nicht ganz den Stift auf dem Papier, da hörte sie schon die Tür gehen und Liao Ayi polterte rein. Groß und kräftig gebaut, trug sie in sich das Erbe der Nomadenstämme aus dem Norden. Ihr breiter, voller Mund lachte gerne und sie wusste immer sehr viele Sachen zu erzählen.
Helen glaubte, dass es vor allem ihre redselige Ayi gewesen war, die ihr so bei ihrem Sprachstudium geholfen hatte. Der Haushalt hatte Helen schon immer geschreckt, deshalb hat sie sich gleich bei einer Sprachschule eingeschrieben. Ihre Ayi sprach nur wenig Englisch und das reichte ihr auf keinen Fall Helen all die vielen Dinge zu erzählen, die sie erlebt und gehört hatte. Da musste Helen fleißig lernen, um ihren Berichten folgen zu können.
Helen hätte manchmal lieber eine schweigsame Ayi gehabt, aber Lisa beharrte: “Das ist doch richtig gut für Dich! Sonst kannst Du gar nicht üben und lernst es nicht ordentlich. Dann bist Du eine von denen, die nur die Zahlen sagen und immer paranoid davon ausgehen, dass sich alle Anderen auf chinesisch über sie lustig machen.” Helen musste ihr Recht geben.
“Guten Morgen Taitai! Sind schon alle aus dem Haus? Sind die Kinder gesund?” Liao Ayi schien heute besonders gut aufgelegt zu sein. Helen legte resigniert den Schreiber zur Seite und machte sich auf das Briefing gefasst.
“…und dann kam schon wieder mein Vermieter zu mir. Das ist ein alter Kerl, der macht mich verrückt. Wenn der kommt, dann redet und redet der! Ich musste ja noch jede Menge Dinge erledigen. Die Feiertage kommen bald und da wollte ich ein paar Geschenke kaufen, wenn ich nach Hause fahre. Aber der ging einfach nicht weg. Da musste ich freundlich bleiben und ihm Tee einschenken. Du meine Güte, ich werde doch nicht wieder umziehen müssen?”
Liao Ayi hatte eine lange unglückliche Geschichte mit Vermietern hinter sich und musste ständig umziehen. Sie kam aus dem Norden, war kein offizieller Einwohner Peking und daraus ergaben sich jede Menge Komplikationen. Zwar wurde in der ganzen Stadt so rasant gebaut, dass ein Ameisenhaufen dagegen wie ein verschlafenes Nest aussah. Aber exklusive Wohnungen warfen so hübsche Renditen ab, da wurde der billige Wohnraum knapp. Auch der Vermieter ihrer Ayi überlegte nun schon länger, sein Haus aufzumotzen oder noch ein Stockwerk aufzusetzen. Natürlich wusste Helen genauestens über ihn und seine Baupläne Bescheid. Der alte Kerl war wahrscheinlich nur einsam, aber jedenfalls kam er wohl ständig bei der Ayi vorbei und beschwerte sich über ihren Roller vor dem Haus oder die Schuhe im Treppenhaus. Helen fand es irgendwie beruhigend, dass die Leute überall auf der Welt sich über die gleichen Kleinkram stritten.
Ihre Ayi wollte über die Oktoberferien, die auch “Goldene Woche” hieß, weil ganz China frei machte, nach Hause fahren. Dort hatte sie ein hübsches Haus gebaut: “Sogar mit Zentralheizung, da haben die Nachbarn gestaunt!”. Weil sie kein regulärer Einwohner Pekings war, sondern nur zugezogen, hatte auch ihr Sohn keine Registrierung in der Hauptstadt. Deshalb musste er in der alten Heimat zur Schule gehen und lebte dort mit seinen Großeltern. Kam sie nach Hause, war es Zeit sich dort bei Freunden und Familie zu bedanken. Mit ihren paar hundert Euro Monatseinkommen war sie auf dem Dorf ein Krösus. Liao Ayi schimpfte auch schon über all die Verwandte, die dann bei ihr herumhocken würden und zum Essen eingeladen werden wollten. Helen musste lachen: “Ach komm, Du freust Dich doch, dass alle gerne zu Dir kommen!”
Liao Ayi grinste verschmitzt. “Wenigstens kann ich dann mal wieder all die leckeren Dinge kochen, die Deine Kinder hier nicht essen wollen.” Dann fiel ihr ein: “Taitai, hast Du schon gehört, Cora sucht eine neue Ayi? Die Nachbarin meiner Freundin hat sich dort vorgestellt. Arbeitet nicht Wang Ayi immer noch dort? Haben die beiden sich jetzt endgültig verkracht?”
Helen vermutete eher einen Anflug von Preisdrückerei: Locker entsprach der Preis für den bequemen Oktoberurlaub dem Jahresgehalt einer Ayi. Dennoch wurde unter den Leuten verblüffend viel Zeit damit verbracht, die Gehälter für Ayis zu vergleichen. In China war es Ehrensache, billig einzukaufen. Nur neu zugezogene Schäfchen ließen sich auf dem Seidenmarkt übers Ohr hauen. Bald lernte man, dass alle über einen lachten, wenn man zu viel bezahlte. Und von seiner Ayi ausgelacht werden, wollte man erst recht nicht. Cora hatte wirklich recht großzügig bezahlt. Wollte sie nun an dieser Stelle einen Zehner sparen?
Helen beruhigte ihre Ayi: “Vielleicht schaut sie sich nur mal um? Cora hat eine Schwäche für günstige Gelegenheiten... Wenn sie wirklich suchen würde, dann hätte ich das sicher gehört oder es wäre über den Gruppenchat gegangen.”
Cora lebte gegenüber. Sie war keine enge Freundin von Helen und Helen wollte es auch nicht so weit kommen lassen. Cora hatte eine spitze Zunge und sie konnte ganz schön niederträchtig sein, wenn man dem Gerede Glauben schenken durfte. Da hielt sie lieber Abstand.
Liao Ayi sprach dann noch kurz über die Preisentwicklung beim Gemüse dann war ihre Mandarin-Übungsstunde vorbei und sie konnte endlich ihre Jobsuche planen.
Auf ihrem brandneuen, schnittigen Elektroroller sorgte sich Wang Ayi, ob sie es wohl pünktlich schaffen würde. Es war die zweitletzte Ampel vor dem Villenkomplex. Sie fühlte die Tasche ihrer neuen silbergrauen Daunenjacke mit dem weichen Pelzkragen: ihren Ausweis hatte sie dabei.
Obwohl sie schon lange in der Anlage arbeitete, wurde sie häufig bei der Einfahrt kontrolliert. Die Sicherheitsbeamten wechselten ständig und die, die sie eigentlich schon längst vom Sehen kannten, freuten sich, wenn sie Autorität ausspielen konnten. Schon manches Mal hatte es Streit am Eingang zwischen einer Ayi und einer Wache gegeben. Die Wachen mussten den ganzen Tag in Hitze oder Kälte draußen stehen, aber an dieser einen Stelle hatten sie endlich auch mal ein bisschen was zu sagen. Das wollten sie sich nicht nehmen lassen: “Na, haben wir denn unseren Dienstausweis dabei? Lass mal schön sehen!” Nie würden sie sich trauen, einen westlich aussehenden Ausländer oder einen Chinesen in einer schwarzen Limousine so forsch zu behandeln. Jedoch, wenn einer auf seinem klapprigen Dreirad kam um Pakete auszuliefern oder Pappkartons einzusammeln, dann konnten man den herrlich aufhalten. Viele Ayis straften die Wachleute mit Verachtung, wenn sie in den großen Villen arbeiteten und die auf der Straße ihre Runden drehten. Deshalb konnte im Gegenzug hier am Eingang im Namen der Sicherheit genüsslich Ausgleich geschaffen werden.
Zwei halbe Stellen waren manchmal ganz schön schwer zu organisieren. Und heute ging wirklich zu viel schief! Bei ihrer morgendlichen Stelle dauerte es oft ein bisschen länger. Ihre morgendliche Arbeitgeberin wollte auf keinen Fall das Geld für eine ganztägige Ayi ausgeben, obwohl sie sich das locker leisten konnte. Stattdessen versuchte sie, in die vier Stunden Arbeitszeit möglichst viele Aufgaben zu quetschen. Wang Ayi musste sich höllisch sputen, damit sie alles fertig bekam und rechtzeitig bei ihrer nächsten Taitai ankam. Heute hatte wieder mal das Baby in letzter Sekunde seinen Brei auf den Boden geworfen. Da musste noch mal der Mop rausgeholt werden. Wenn der Laster vor ihr nicht bald mal aus dem Weg fuhr, würde sie doch noch fünf Minuten zu spät kommen.
Am besten wäre für sie eine Vollzeitstelle aber nun hatte sie eben nur zwei halbe Stellen. Sie brauchte das Geld dringend von beiden Jobs, ganz besonders jetzt, wo sie sich eine größere Unterkunft gemietet hatte. In ihrem neuen Zuhause hatte sie nun eine kleine Kochstelle und einen eigenen Wasseranschluss im Zimmer. Ihr Mann wollte noch Platten auf den Betonboden legen und wenn es sich ergab, konnten es sich nach und nach etwas ausbauen. Vielleicht ergab sich noch eine Möglichkeit für warmes Wasser im Winter!
Insgesamt waren die westlichen Taitais schwer zu begreifen. Was machten fünf Minuten aus, wenn die eh den ganzen Tag zu Hause waren? Überhaupt hatte sie schon oft mit den anderen Ayis darüber gelacht, wie genau besonders die deutschen Taitais alles nahmen. Die hatten schon alleine tausend Vorschriften für das Einräumen vom Kühlschrank. Man lernte mehr über die Leute, als man manchmal wissen wollte, wenn man ihre schmutzige Wäsche wusch und den Müll leerte. Die Taitai vom Nachmittag war auch so eine ganz Komplizierte!
Wang Ayi arbeitete eigentlich gerne für westliche Ausländer. Die zahlten gutmütig mehr und verlangten viel weniger als die lokalen Arbeitgeber. Sie hatten ihr auch gleich den Code für das Türschloss gegeben, dass sie auch im Haus arbeiten konnte, wenn keiner da war. Wang Ayi gratulierte sich dazu, dass sie recht gut Englisch gelernt hatte. Und sie hatte sich auch gut eingehört in das eigentümliche Englisch der Deutschen. Denn die hatten oft einen starken Akzent. Auf der positiven Seite kannten die selbst auch nicht so viele komplizierte Wörter, da konnte man sich gut verständigen. Das alles hatte ihr zu einem recht komfortablen Leben verholfen. Cora konnte einen manchmal mit ihren spitzen Kommentaren und peniblen Anforderungen in den Wahnsinn treiben, aber davon wollte sie sich nicht abschrecken lassen.
Endlich wurde die Ampel grün und sie konnte blitzschnell vor dem anfahrenden Gegenverkehr links rüber kreuzen. Noch ein bisschen in der Gegenfahrbahn und sie war schon da. Vier Minuten nach ein Uhr stand sie vor dem mächtigen schmiedeeisernen Tor der Anlage. Als Cora das letzte Mal gemeckert hatte, war sie auch nur ein Viertelstündchen zu spät gewesen. Ah, endlich lief heute mal eine Sache gut. Die gelangweilte Wache hat sie einfach nur durchgelassen. Sie war nicht wirklich zu spät!
Zweimal rechts und dann war sie schon in der Straße mit den Häusern Nummer 336 bis 368. Die Zahl vier klingt auf Chinesisch wie tot und da wollte natürlich keiner wohnen. Das führte dazu, dass sie in Haus Nummer 338 arbeite, das neben 350 stand. Bis auf die Hausnummern sahen die Häuser fast alle gleich aus. Trotz des Namens “Jasmin-Garten” hatte der Architekt wohl an Italien gedacht. Die Häuser waren in rot, ockerfarben oder gelb gehalten, die Betonfassaden waren verschönert mit kleinen Erkern, aufgemalten Fensterläden und einem kleinen Portiko. Verwitterte Säulengänge und ausladende Brunnen zierten die Grünflächen. Die Villen waren mit ihren drei Stockwerken plus Keller riesig. Da gab es ganz schön was zu putzen.
In einer kargen Ebene gelegen, gab es in Peking eigentlich immer viel Wind, der Staub und Erde mit sich brachte. Traditionell waren alle Häuser hier grau gestrichen. Da konnte es viele Jahre hinwehen und die Farbe harmonierte ideal mit ihrem Staubbelag. Das war mit den ockerfarbenen Wänden ganz anders. Über allem hing schnell ein grauer Schleier, aber dank dem unermüdlichen Einsatz einem großen Heer von Ayis waren sogar die Briefkästen und die Mülltonnen staubfrei.
Wang Ayi atmete erleichtert aus, als sie gerade noch rechtzeitig vor der erst letzte Woche gewienerten Glasfront anhielt. Sie winkte der Nachbarin von gegenüber zu, die an den Blumen vor ihrem Haus werkelte. Wieso die immer in so alten Klamotten herumlief und nicht den Gärtner das Unkraut zupfen ließ? Hatte die so eine faule Ayi? Peinlich war das! Manchmal waren Ausländer nicht leicht zu begreifen. Ihre Taitai war zwar anstrengend, aber immerhin beschämte sie nicht durch dreckige Klamotten oder indem sie auf der Straße niedrige Arbeiten erledigte.
Während sie ihre hohen Schuhe vor der Türe auszog, malte sich Wang Ayi aus, wie schön sie sich auf ein nagelneues Sofa setzen würde, wenn sie das Geld einer Taitai hätte. Dann würde sie den ganzen Tag keinen Finger heben, einen großen Fernseher würde sie dann haben und nie mehr kochen. Und dann würde sie den Fahrer bestellen und mit der glänzenden Kreditkarte Kleider im letzten Schrei einkaufen und anschließend zur Maniküre stolzieren.
Dieser Tagtraum wurde unterbrochen, denn beim Reinkommen stellte Wang Ayi überrascht fest, dass Licht brannte, Musik spielte und die schweren Gardinen im Wohnzimmer zugezogen waren. Noch mehr wunderte sie sich, dass die Taitai ihr nicht antwortete, obwohl sie deutlich ihre rotlackierten Füße auf dem Sofa sah. Vielleicht war sie eingeschlafen? Hatte sie womöglich schon am frühen Morgen zu viel getrunken?! Ihre Freundin aus Haus 386 spottete manches Mal über ihre Taitai, die schon morgens gerne einen Schluck trank. Cora war sonst eigentlich nicht so. Aber erleichtert dachte Wang Ayi, dass nun gar nicht aufgefallen war, dass sie ein winzig kleines bisschen zu spät war. Jetzt besser nicht diesen glücklichen Umstand ruinieren und sie bloß nicht wecken!
Nachdem sie sich ein Glas Wasser genommen und den Staub der Straße aus dem runden Gesicht gestrichen hatte, lief sie auf Zehenspitzen rüber, um zu schauen, ob Cora wirklich fest schlief oder ob sie lieber schon mal ein Glas mit Kopfschmerztabletten bringen sollte.
Auf dem Glastisch neben dem Weinglas und den Zeitschriften läutete plötzlich das Telefon. Wang Ayi zuckte zusammen. Das Klingeln klang irgendwie anklagender als sonst. Unsicher ging Wang Ayi ans Telefon. Es war aber wieder nur so ein automatisches Band, was einem eine Versicherung verkaufen wollte. Die Sache mit ihrer Taitai gefiel ihr nicht. Die war doch um die Zeit immer beim Yoga. Nun lag sie auf dem Sofa und ließ sich nicht vom lauten Telefon wecken? Sie wird doch nicht so schlimm betrunken sein? Wang Ayi brauchte Beistand.
Vielleicht hat die deutsche Nachbarin ja eine Idee, was los sein könnte? Die war doch gerade noch am Blumenbeet gewesen. Etwas in Sorge öffnete Wang Ayi noch einmal die Haustür. Mit etwas Mitleid registrierte sie, dass die Frau von gegenüber nun tatsächlich voller Staub und Erde war. Denn genau in dem Augenblick erhob sich die und wollte zurück ins Haus. Sie unterdrückte ihren Missfallen und rief mit ihrer freundlichsten Stimme hinüber. „Oh, das Blumenbeet sieht jetzt aber hübsch aus. Sag mal, kannst Du vielleicht mal ganz kurz gucken kommen?“
Helen war sehr zufrieden. Ihre kleine Ansammlung Blumen trotzte Wind, Trockenheit und umherfliegenden Fußbällen. Alles war so grau und staubig, die meisten Nachbarn hatten ihren Vorgarten einfach zubetoniert. Die haben die Garagen in ein extra Zimmer umgebaut und stellten dann ihre riesigen Autos lieber vor ihrem Haus ab. Es wunderte sie immer wieder, dass der Gingko dort noch leben konnte. Es erfüllte sie mit einer kleinen Genugtuung, dass sie eine kleine bunte Oase des Widerstandes vor ihrem Haus pflegte. Sie goss noch einmal großzügig und klopfte sich die Erde von den Händen. Sie wollte lieber schnell ins Haus. Heute war wieder so ein Tag mit schlechter Luft. Das machte sie im Herbst besonders missmutig, denn es erinnerte sie daran, wie schlimm im Winter der Smog werden würde.
Plötzlich rief ihr Wang Ayi zu. Wang Ayi klein und kräftig. Ihre kurzen dicken Haare umrahmten ein rundes, flaches Gesicht. Über ihrem kräftigen Oberkörper spannte sich ein Pullover mit reichlich Strass in der Form eines angebissenen Apfels. Ein Landei in der Stadt. Helen mochte sie nicht besonders gerne. Ihre Oma hatte immer gesagt: “Wie der Herr so’s G’scherr”. Das bezog sich meist auf Hunde, die oft genauso bissig, faul oder träge waren wie ihr Frauchen. Und Helen fand Wang Ayi eben nicht viel sympathischer als ihre Arbeitgeberin, sie hatte auch etwas Falsches und Verschlagenes an sich.
Die Ayi nutzte es aus, dass Helen leidlich Chinesisch sprach. Dabei lobte sie immer so überschwänglich und versuchte ihr zu schmeicheln, dass es Helen kalt den Rücken runterlief. Was sie nun wohl wollte? Nachbarschaftliche Hilfe konnte sie schlecht verweigern. Freundlich lächelnd und schon mal auf der Suche nach einer Ausrede, warum sie gleich wieder weg musste, ging Helen auf die andere Straßenseite.
Helen zog die Schuhe aus und ging ins Haus. Sofort verstand sie, warum Wang Ayi sie gerufen hatte. Es war eisig kalt im Haus. Jemand musste die Klimaanlage auf die tiefste Stufe eingestellt haben. Ein abgestandener, etwas süßlicher Geruch lag in der Luft. Im Wohnzimmer herrschte Dämmerlicht weil die Vorhänge geschlossen waren und nur das Licht über die Vorderseite des Hauses einfiel. Die Küche war aufgeräumt, aber auf dem Esstisch stapelten sich jede Menge Unterlagen. Sonst war es doch immer so ordentlich hier.
Die zarten Schultern in ihren schicken Cashmereüberwurf geschmiegt, ruhte Cora regungslos auf dem edlen, weißen Designersofa. Klaviersonaten von Beethoven kamen in Konzerthausqualität aus den hohen Holzboxen, die auf dem Boden neben dem hohen Fenster zum Garten standen. Auf dem Bild über dem Sofa radelten drei Frauen, anmutig ihre großen Strohhüte balancierend, durch Reisfelder. Vermutlich Vietnam. In der Vitrine neben dem Sofa konnte man Andenken aus der Heimat bewundern. Das antike Meissner Kaffeegeschirr von Oma aus Hamburg. Das war den ganzen weiten Weg von der deutschen Küste über die süddeutsche Provinz nach Peking gereist. Dazu standen im kecken Dialog ein paar schrill bunte Keramikstücke von lokalen Künstlern wahrscheinlich aus dem angesagten Stadtteil 798 Artzone. An der Wand tickten drei große silberne Uhren mit verschiedenen Zeitzonen. Unter denen stand ordentlich New York, Berlin und Peking. Helen fühlte sich damit gleich wie an einer Rezeption im Hotel. Als müsste man sich immer daran erinnern, dass man nicht zu Hause ist.
Die blonden Haare, die Frisur saß noch perfekt, flossen über das weiche Seidenkissen. Es war ein betont jugendliches Design: In Comic Sprechblasen standen uralte Symbole und Schriftzeichen gedruckt, die ein langes Leben wünschten. Ein Geschenk ihrer kreativen Tochter zum Fünfzigsten. Ihre linke Hand, Nägel blutrot lackiert, ruhte auf ihrem Tablet.
„Cora?“ Helen lief um das weiße Sofa herum. „Cora? Ist Dir nicht gut?“ Sie sah zwar friedlich aus, aber recht blass. Helen legte ihr die Hand auf die Stirn. Eiskalt. Unbehaglich vermutete Helen, dass hier der Arzt nicht mehr helfen konnte. So kalt konnte man nicht sein. Und der süßliche Geruch? Das war dann kein Parfüm oder ein Strauß Chrysanthemen oder Jasmin, oder? Helen wurde etwas schummrig.
Lag da nicht neben Cora eine drei Tage alte Zeitung? Sie hatte irgendwie gedacht, Cora wäre weggefahren. Sonst wäre es ihr ja komisch vorgekommen, dass keiner Zeitungen reingeholt hatte. Das Auto war nicht bewegt worden und ihren Mann Bernd hatte sie letztes Wochenende mit einem Koffer zum Flughafen fahren sehen. Da hatte sie angenommen, Cora wäre auch schon früher in den Urlaub gefahren.
„Wang Ayi! Schnell, ruf den Sicherheitsdienst! Der oberste Boss soll sofort kommen. Das ist eine ernste Sache hier! Und einen Arzt solltest Du auch noch rufen. Sicherheitshalber.“ Wang Ayi hatte Entsetzen in den Augen. Helen sah, wie sie zögerte. Was hatte sie erwartet? Dass Helen die Wiederbelebung einleitet?
Am Telefon wand sich die Ayi reichlich und wollte nicht recht sagen, um was es sich handelte. Aber immerhin konnte sie die Sicherheitsleute ins Haus bestellen.
Nervös schaute die Ayi über das Wohnzimmer. Wohl um ihre Aufregung zu überspielen, machte sich auf den Weg, den Putzeimer zu holen. Helen hielt sie zurück: „Ich glaube, wir fassen besser mal nix an.“ Wang Ayi wurde noch blasser und murmelte: „Ich muss was trinken.“ Während Wang Ayi in der Küche nach einem Glas fingerte, machte Helen gewohnheitsmäßig ein paar Schnappschüsse mit dem Telefon. Sie hatte Respekt vor der hiesigen Justiz und wollte zu ihrer eigenen Absicherung alles so dokumentieren, wie sie es vorgefunden hatte. Falls dann die Wachleute oder die Ayi irgendeinen Unsinn machten, war das deren Problem.
Vor einem Jahr war Helen einmal bei Cora zu einem Kaffeetreffen gewesen. War es nicht ein Treffen der deutschen Elterngruppe zur Planung eines kleinen Oktoberfestes mit Schlagermusik für die Kinder in der Schule gewesen? Jedenfalls sah es jetzt irgendwie anders aus. Stand da nicht ein neuer Schrank? Egal, jetzt würde Cora sich wohl nicht mehr für Helens Meinung interessieren. Nicht, dass sie das sonst gemacht hätte…!
Kurze Zeit später darauf rauschte draußen der Chef der Wachleute mit dem üblichen Tross Helferlinge auf seinem Elektrobus vor. Er sprach sogar Englisch: “Hallo! Ihr habt mich angerufen? Wohnst Du denn hier? Wohnst Du nicht gegenüber?” Helen nickte: “Das stimmt. Sie kennen sich aber gut aus! Wang Ayi hat mich reingerufen, weil mit ihrer Taitai was nicht in Ordnung ist. Als ich Cora gesehen habe, rief ich gleich vorne an, damit das die Fachleute regeln.”
Die meisten Wachleute in seinem Team waren nicht älter als 20 Jahre und hätten beim Armdrücken gegen ihren zwölfjährigen Sohn verloren. Kam man frisch vom Land, war es besser, Wachmann zu werden, als in der Fabrik zu schuften. Aber weil man wenig verdiente und es kaum Aufstiegsmöglichkeiten gab, wechselten die jungen Männer schnell. Helen kannte von denen hier nur den einen mit der schlechten Haut, den kleinen Zhou, mit dem sie manchmal beim Spielplatz ein wenig plauderte. Wie überall, bildeten sich auch in China bei Unfällen rasant große Trauben von Neugierigen. Der Chef des Trupps warf einen überraschten Blick auf Cora. Dann herrschte er alle an, sofort vor die Tür zu gehen und niemanden herein zu lassen. Dann telefonierte er mit der Polizei.
Als nächstes rief er einen seiner Männer zu sich. Der sollte alle Protokolle der letzten 24 Stunden heran bringen. Man wollte bestens vorbereitet sein, wenn die Polizei kam. Die sollten sehen, was für eine erstklassige Arbeit diese Sicherheitsfirma hier leistete. Jede Fahrzeugbewegung von Roller aufwärts wurde von einem Heer von Wachleuten protokolliert und verfolgt. Der Kleine trabte los, um alle Listen zu holen. Helen wollte nicht sagen, dass sie glaubte, dass Cora schon viel länger in der eiskalten Wohnung lag. Das würde nur Misstrauen erwecken.
Die Ayi erzählte dem Sicherheitsboss noch einmal aufgeregt, wie sie alles vorgefunden hatte. Helen sah sich derweil nachdenklich um. Irgendwie wirkte alles sehr verändert. Das lag sicherlich nur daran, dass Cora nicht mehr lebte. Oder war es etwas anderes?
Als die Polizei kam, wurde alles abgeriegelt. Helen sollte draußen warten. Der Arzt war schnell wieder draußen. Wie schon befürchtet, konnte auch er Cora nicht mehr helfen. Wang Ayi wurde vernommen und danach sah sie ziemlich mitgenommen aus. Von Helen wollte die Polizei erst einmal nicht viel wissen. Sie hatte Cora das letzte Mal vielleicht vor einer Woche gesehen und da auch nur flüchtig. Weil sie nichts angefasst hatte, und auch sonst nichts zu sagen hatte, durfte sie wieder gehen.
Da es gewöhnlich still und beschaulich in der Anlage war, war ein Polizeieinsatz in der Straße ein besonderer Leckerbissen. Schnell hatte sich schon eine kleine Menge Neugieriger angesammelt. Man reckte die Hälse, Handys knipsten und alle redeten leise miteinander. Die chinesischen Ayi und Fahrer aus den umliegenden Häuser kamen schnell zusammen und fingen an zu fachsimpeln. Dann kamen auch die Omas, die ihre Enkel durch die Gegend trugen und ein Großvater, der sonst immer mit seinem kleinen Transitorradio durch die Anlage spazierte. Ein paar Westler kamen auch zusammen und betrachteten den Auflauf voll Verwunderung.
Die Wachleute halfen der Polizei mit der Absperrung. Man sah ihnen an, dass sie es genossen, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Bereitwillig erzählten sie den Umstehenden, was sie gesehen hatten. Da schnellte ein kleiner, kerzengrade stehender Polizist heran und verbot ihnen wichtigtuerisch, noch weiter mit den Nachbarn zu sprechen. “Alles professionelle Polizeiarbeit” und das musste erst einmal untersucht werden. Die Wachleute waren nicht erfreut, dass man ihnen verbot, noch mehr Details preis zu geben. Aber das störte nicht die anderen, die gleich aufgeregt alles diskutierten.
Helen erkannte einige chinesische Nachbarn, jede Menge Ayis und Fahrer, und auch ein paar Frauen aus Coras Yogakurs-
Natürlich hatte gleich jeder eine Idee, was passiert sein könnte: “Vielleicht ist sie die Treppe runtergefallen? Würde mich ja nicht wundern, wenn das Geländer einfach so abfällt bei der Bausubstanz der Häuser.” Eine andere meinte: “Ein Schlaganfall? Das hatte die Schwester meiner Bekannten auch und die war erst 35. Das kann jeden erwischen. Deshalb ist es so wichtig, dass man fleischarm isst.”
“Ach Cora hat doch so viel übers Internet gekauft. Letztens hat sie mir noch ihren neuen Fön gezeigt. Vielleicht war der kaputt gewesen? Ich hab ihr immer gesagt, dass man überhaupt nicht den elektrischen Geräten trauen kann, die man hier in China kauft…."
Helen wollte sich davonschleichen, das wollte sie jetzt wirklich nicht hören. Aber zu spät!Die blasse Birte von vorne an der Ecke hatte sie entdeckt. Sofort wurde Helen von den anderen Taitais mit Fragen überschüttet. „Helen, was machst Du denn hier? Warst Du drin? Was ist denn mit Cora? Was macht die Polizei hier? Ist ihr Mann Bernd auch im Haus?“ Helen wollte eigentlich gar nicht darüber reden. Schon mal gar nicht mit den Damen hier. Erst einmal wollte sie in Ruhe darüber nachdenken, was passiert war. Doch Birte und eine Dame im lila Sportdress kamen ihr hartnäckig mit ihren Yogamatten immer näher, da war eine Flucht ausgeschlossen.
„Was?“ murmelte Helen ausweichend. In kurzen Worten schilderte sie nur das Notwendigste und wiegelte ab: “Ich bin auch kein Arzt, aber sie sah nicht gut aus. Deshalb haben wir schnell die Wachleute geholt, die sind doch dazu da, um uns zu helfen. Keine Ahnung, was das Protokoll für solche Notfälle in China ist.“ Die anderen nickten mitfühlend.
Schon die Verlängerung des Visums war ein langatmiger Prozess, Ärger mit den Behörden wollte man auch keinen Fall. Da war es besser, sich rauszuhalten. Gleich hatte jede eine Geschichte, wie sie einmal in China in einer Situation war, wo sie nicht wusste, an wen sie sich wenden sollte „... hatte einen Kratzer in meinem neuen Auto auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt... Versicherung melden...“ Helen hörte dem Geschnatter gar nicht so recht zu, nur fiel ihr auf, dass die blonde Dünne fast gar nichts sagte. Die war doch sonst so gesprächig und konnte gar nicht genug zu jedem Thema wissen. Sie schien nachdenklich zu sein, sie schaute auf Coras Haus und dann auf die Polizeiautos und schien mit sich zu ringen. „Hast Du denn da drinnen irgendwas gesehen?“
Mit einem Schlag war es wieder still. „War das vielleicht ein Einbruch gewesen? Ich habe ja gehört, dass es in letzter Zeit wieder mehr Diebstähle geben soll. Vielleicht hat Cora einen Einbrecher überrascht?“. Wie kamen die denn jetzt auf Einbruch? War doch kein Kampf nirgends zu sehen gewesen. Helen wunderte sich, aber dann fiel ihr wieder ein: Ach ja, sie hatten ja nicht die Ausführungen der Wachleute verstehen können.
