Beschreibung

Sie sind schlechter ausgebildet, zeigen seltener soziale Kompetenz und sind längst nicht so engagiert wie ihre Kolleginnen. Sie verdienen mehr, arbeiten weniger und besetzen immer noch fast alle Top-Positionen: Blender. Warum? Roman Maria Koidl entlarvt den Blender, der zum Inventar jeder Firma gehört. Intriganten, Pöstchenjäger, Luftpumpen und Schlipswichser: Sie alle gehören zum Inventar einer ganz normalen Karriere von Frauen, die eigentlich nur eines wollen: die Aufgabe besonders gut und zuverlässig erledigen. Dabei treffen sie auf männliche Platzhalter, die sich, schlechter ausgebildet, sozial wenig kompetent und längst nicht so engagiert wie ihre weiblichen Kollegin-nen, durch den Büroalltag mogeln. Dafür sahnen Blender mehr Lohn ab und fallen auf magische Weise die Karriereleiter hinauf. Schonungslos entlarvt Roman Maria Koidl Strategien, Rhetorik und Taktik der Schaumschläger und erklärt, warum Frauen Blendern auch noch gern zuarbeiten, statt an die eigene Karriere zu denken.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 207


Meinem Vater, Gerd

Jenem Fels, derBrandung von Gischtzu unterscheiden weiß

Vorbemerkung

Schon bei meinem letzten Buch Scheißkerle – Warum es immer die Falschen sind musste ich immer wieder die Frage beantworten, ob ich gar selbst ein »Scheißkerl« sei und wie es denn käme, dass ich so viel über dieses Thema wisse.

Die Berichterstattung macht den Reporter nicht gleich zum Gegenstand der Recherche, ein Krimiautor wird selten zum Mörder und ein Ratgeber für Gartenfreuden macht den Verfasser nicht zum Gänseblümchen.

Richtig ist, dass die Geschichten und Erfahrungen, von denen ich erzähle, der Realität entnommen sind und viele aus meinem weiteren Freundes- und Bekanntenkreis stammen. Namen und Orte sind natürlich verfremdet, die Geschehnisse jedoch manches Mal so bezeichnend, dass man sie nicht besser hätte erfinden können.

In diesem Zusammenhang möchte ich mich für die fast zweitausend Zuschriften auf mein letztes Buch bedanken. Sie waren und sind mir Quelle jener Einfälle, deren tiefere Wahrheit sich erst in ihrer Absurdität erschließt.

Roman Maria KoidlFrühjahr 2012

Ich bin ein Sammler, ein Jäger,ein guter Ernährer,ein Schrauber, ein Dreher,ein Ganz-früh-Aufsteher,ein Broker, ein Seller,ein Intellektueller,ein Helfer, ein Heiler,im Grunde ein Geiler.Bin ein Schöpfer, ein Macher,Beschützer, Bewacher,ein Forscher, ein Retter,adretter Jetsetter,gestählter Don Juan,ein Bild von einem Mann,so stehe ich vor dir.

Roger Cicero,»Zieh die Schuh aus«

Karriere machen immer die anderen

Dieses Buch beschäftigt sich vornehmlich mit der Frage, warum ausgerechnet gut ausgebildete Frauen in Beruf und Karriere von Männern überholt werden, die ihnen, an objektiven Leistungskriterien gemessen, klar unterlegen sind. »Frauen setzen auf Kompetenz, Männer auf gute Kontakte«, das ist der Eindruck, den viele Frauen im Berufsleben haben. Sie sehen schlechter ausgebildete Kollegen auf der Karriereleiter an sich vorbeiziehen und zeigen doch selbst beste Leistungen, sind sozial kompetent und meistens engagierter. Doch besonders wenn es um Top-Positionen geht, sind Männer noch immer in der deutlichen Überzahl. So grüßen morgens in der Kaffeeküche nach wie vor die weitverbreiteten männlichen Cheftypen, die man täglich im Büro so trifft. Vom »Wir müssen mal« -Mann über den »Schlipswichser« und »Bildungsblender« bis zu den »Intriganten«, »Durchstechern« und »Pöstchenjägern«. Nicht zu vergessen die ganz normalen Flachpfeifen und Flitzpiepen, die täglich neu versuchen, sich auf Kosten ihrer (arbeitenden) Kolleginnen durchzumogeln. Bezeichnend ist, dass es immer noch Frauen gibt, die ihren Kollegen bereitwillig die Arbeit abnehmen und sich in Meetings in den Hintergrund stellen, obwohl sie den ganzen Job erledigt haben. Dass sie bei der Beförderung dann Männern den Vortritt lassen müssen, ist die Konsequenz.

Sie mag durchaus beklagenswert sein, die oft inhaltsleere Rhetorik und Körpersprache, mit der Männer Macht und Führungsansprüche geltend machen. Doch müssen sich Frauen auch fragen lassen, warum sie diesen Typen als Steigbügelhalter zur Verfügung stehen, statt an die eigene Karriere zu denken.

Frauen verstecken sich andererseits auch gern hinter dem Pauschalurteil, dass sie gegen männliche Seilschaften keine Chance hätten. Wenn es um das Zuteilen von Aufträgen oder eine Neubesetzung geht, schließen Männer ihre Kolleginnen heute sicher nicht mehr pauschal aus, weil sie unter sich bleiben wollen. Vor allem junge Frauen glauben, eine besondere Form des »Artenschutzes« im Berufsleben nicht mehr nötig zu haben. Die Wohlfühlclubs der Frauennetzwerke bedeuten ihnen nichts. Nicht ganz zu Unrecht, denn diese Beifallschöre der Mittelmäßigkeit kranken oft genug daran, dass dort gleiche Probleme auf gleiche Lösungen treffen. Viel wichtiger wäre es dagegen, Männerbünde aufzumischen und dort nach förderlichen Kontakten zu jagen. Wahr ist aber auch: Frauen bleiben von sich aus gern unter sich, sie wollen es allein schaffen und sind deutlich zurückhaltender im Herstellen, schlimmer noch, im Nutzen sozialer Kontakte für die eigene Karriere. Während Männer beim Networking vor allem »Arbeit« im Kopf haben, hören Frauen »sozial«. Männer realisieren »Nutzen«, wo Frauen »Ausnutzen« empfinden. Frauen verstehen die Teilnahme an einem Firmen-Event grundsätzlich eher als Arbeit, während es Männern gemeinhin schon von jeher egal war, wo und mit wem sie sich volllaufen lassen. Ein Feierabendbier mit Freunden ist auch nichts anderes als eines mit Mitarbeitern. Ein Kollege ist eben irgendwie auch ein Kumpel, und gemeinsam zu trinken verbindet, genau wie so manche andere Freizeitaktivität zur Entspannung. »Buddying« nennen die Amerikaner diese Art der systematischen und über Jahre gepflegten Beziehungsbildung, bei der die Grenzen zwischen Privatem und Geschäftlichem für Männer viel offener sind, viel weniger festgelegt als für Frauen. Wenn es an der Bar im Konferenzhotel gegen 23 Uhr etwas lockerer wird, gehen Frauen auf ihr Zimmer. Das hat gute, nachvollziehbare Gründe. Doch gerade dann beginnt es erst richtig, das Geschacher um Posten, Verantwortung und Zuständigkeiten. Von der verbindenden und verbindlichen Wirkung von Abenden zum Beispiel in Saunaclubs, auf einem schweißgetränkten Handtuch mit dem Chef, dem Großkunden, dem Auftraggeber, ganz zu schweigen. Männer lernen diese Formen der Kontaktpflege sehr früh und in vielfältigster Weise. Es beginnt in der Schule, in Vereinen, dem Militärdienst und zieht sich über die Studentenverbindung bis in die spätere Mitgliedschaft in Clubs, Logen und Vereinen wie Rotary oder Round Table. Frauen sind dort – wenn überhaupt – oft nur in der Rolle der Gattin beim Damenprogramm gelitten. Mit am Tisch sitzen sie auch heute noch nicht. Selbst die Art der Kommunikation, die in diesen elitären Gruppen nach Dienstschluss herrscht, ist Frauen im wahrsten Sinne des Wortes unverständlich. Die Buddys sprechen nämlich eine Body-Sprache. Das ist eine Sprache unterhalb des Small Talks, während Frauen eines höheren Bildungsniveaus in der Regel den High Talk, eine Sprache oberhalb des Small Talks, bevorzugen, und das zur Verwunderung der meisten Kerle sogar nach 18 Uhr. Es gibt also drei Ebenen. Für Frauen, insbesondere im beruflichen Kontext, wird Klatsch und Tratsch bei einem Small Talk ausgetauscht, gesellschaftliche Themen, Familiäres, Beziehungsgespräche, Informationen, Sach- und Fachwissen findet bei Frauen im High Talk statt. Man hat ja schließlich studiert und bevorzugt grundsätzlich die oberste Ebene, beim Klatsch wenigstens die mittlere. Männer hingegen setzen sich auch auf höchsten Stufen des persönlichen Umgangs gern auf der untersten Ebene, also körperlich, auseinander. Deswegen ist Sport in der Gruppe bei ihnen so beliebt. Nicht nur dort wird ein sinnloser Einwand schon einmal mit einer abwertenden Geste, einem Mittelfinger oder einer unpassenden, rüden Bemerkung geradezu körperlich »abgewürgt«. Während Männer selbst bei Vorgesetzten auf dieser körperlichen Ebene kommunizieren, geraten Frauen viel zu oft in eine nicht zu gewinnende, inhaltsgetriebene High-Talk-Diskussion, durch die sie beim Bierabend im Kollegenkreis leicht als Spielverderberin, Zicke oder Streberin im gesellschaftlichen Aus landen. Die Abweisung kommt dann schnell mal wie ein persönlicher Angriff an, ist es aber nicht, sondern sie gehört zu einer fast körperlichen Form männlicher Auseinandersetzung. Die wollen nix Böses, die wollen nur spielen. Wer je eine Frau beobachtet hat, die einen unfairen »körperlichen Angriff«, sagen wir im Sportverein, zutreffend durch eine körperliche Antwort wie »Zunge rausstrecken« erledigt hat, konnte gewiss auch beobachten, wie die beteiligten Kerle, auch der Angreifer selbst, auf einmal sogar Anerkennung zollten und die Mitspielerin nahtlos in das Team integriert und das Spiel fortgesetzt wurde. Es geht oftmals weniger um Konfrontation zwischen Mann und Frau als vielmehr um das Beantworten des Gesagten auf der richtigen Ebene. Die Qualität der Ansprache fordert eine gleiche, möglich ist auch eine niedrigere Ebene der Antwort. Eine höhere Ebene führt hingegen ins Abseits, und das in hundert Prozent der Fälle.

Männer sind Meister darin, jemandem, der ihnen völlig gleichgültig oder gar unsympathisch ist, das Gefühl zu geben, er sei anerkannt und geschätzt. Das gehört fast schon zum professionellen Habitus, nicht nur bei Verkäufern und Vertriebsmitarbeitern. Frauen hingegen ist die Mechanik des eigennützigen, von rein opportunistischen Motiven geprägten »Gebens und Nehmens« nicht nur fremd, sondern mitunter sogar zuwider. Für sie bleiben persönliche Beziehungen zu anderen Menschen, die ihnen nicht unbedingt sympathisch sind, dann außerordentlich fragil, wenn sie nicht sogar ganz ausgeschlossen sind. Frauen lehnen es meist ab, ihre (private) Zeit mit jemandem zu verschwenden, den sie nicht schätzen oder der sie nur wenig interessiert. Männer hingegen greifen nach Jahren problemlos auf den schuldigen Gefallen eines gähnend langweiligen IT-Nerds zurück, dem sie vor Jahr und Tag Einladungskarten für die ganze Familie in einen Freizeitpark beschafft haben, wie Michael Douglas im Hollywood-Blockbuster Disclosure (»Enthüllung«).

Ein System aus unsichtbaren Tickets und Gutscheinen, man könnte auch sagen Beziehungsschuldverschreibungen. Diese emotionalen Obligationen ziehen sich für Männer durch ein ganzes Berufsleben. In der Regel sind es keine materiellen Zuwendungen, viel öfter das vorgegaukelte Gefühl, akzeptiert oder gemocht zu werden, einer Gruppe zugehörig zu sein oder kleinere Hilfestellungen zu bieten, von denen man weiß, dass man in Monaten oder Jahren selbst problemlos auf sie zurückgreifen kann.

Darüber hinaus stehen Männerbünde im härtesten Wettbewerb zusammen, halten gerade jene Kerle, die sich ansonsten keinen Millimeter gönnen, beieinander. Du kannst einen Mitstreiter in deinem Team für einen Vollpfosten halten – droht ein Angriff von außen, wird zusammengehalten. Da lebt das früh gelernte Männerbündnis aus Schule und Studium schnell wieder auf. In vergleichbaren Situationen neigen Frauen dazu, sich gegeneinanderzustellen und zu versuchen, die andere auszustechen. Einmal oben angelangt, sehen sie nur noch wenig Sinn darin, kostbare Zeit aufzuwenden, um andere, insbesondere andere Frauen, zu fördern. Für Männer ist das schon in frühen Jahren eine Art Job-Roulette. Findet man einen, den man fördert, auf den man im wahrsten Sinne des Wortes setzt, dann könnte es in ferner Zukunft Prestige, Ansehen, Einfluss und Macht bedeuten, wenn der geförderte Schützling, Freund oder Kollege aufsteigt und gewillt ist, den langjährigen Wegbegleiter »mitzunehmen«. Das ist bei Frauen offenbar grundlegend anders. Sie stehen miteinander nicht wie Männer im offenen Wettbewerb und sehen diesen erst recht nicht spielerisch-kämpferisch. Die Auseinandersetzung um die besten Plätze läuft subtiler ab und ist wegen der verdeckten Vorgehensweise von deutlich größerem Misstrauen geprägt.

Das Bilden von Seilschaften hat für Frauen beinahe etwas Unredliches, etwas Manipulatives. Schlimmer noch, der eigene Erfolg wird als unethisch empfunden, wenn er einem durch ein gutes Netzwerk, beste Kontakte einfach so »zufällt« und nicht »hart erarbeitet« wurde. Professionell ist, wenn man es sich »ehrlich verdient« hat. Gäbe es noch Fleißkärtchen, Frauen würden sie sammeln.

Weibliche Mitarbeiter möchten in der Regel lieber »entdeckt« werden, arbeiten im Hintergrund und scheuen den direkten Wettbewerb, der ihnen nicht zuletzt als von männlichen Manipulationen und Macho-Imponiergehabe durchsetzt scheint. Das macht sie jedoch nicht minder ehrgeizig. Studien weisen immer wieder nach, dass Mädchen in der Schule etwas besser abschneiden als Jungs, öfter Abitur machen sie ohnedies. Und so stehen die »Vielleichtchen« des Berufsalltags in einer Mischung aus Ekel und Fassungslosigkeit schnell im Abseits, wenn die vor unverschämtem Selbstbewusstsein strotzenden, ehrgeizigen »Goldjungs«, wie die Schweizer Kolumnistin Birgit Schmid diese Kategorie Mann nennt, bei Firmen-Events und anderen offiziellen Anlässen um den Chef herumtanzen. Mit dem Impetus der Überzeugung, noch nichts Wesentliches geleistet zu haben, aber in Zukunft sicher etwas ganz Großes zuwege zu bringen, hofieren sie mit ihren spitz zulaufenden Schuhen, geschniegelten Haaren und dunklen Anzügen (schmale Krawatten, ein Muss!) in einer Mischung aus Servilität und Virilität jeden, der halbwegs Aussicht auf Karriere und Fortkommen bietet. Während Frauen eine solche Attitüde als übertrieben und peinlich empfinden würden, legen die »Boys« dann gern noch mal nach. Da kann es schon passieren, dass so ein Testosteronhengst im zweiten Berufsjahr der Unternehmensleiterin einer Tochtergesellschaft mit fünfhundert Leuten breitbeinig erklärt, wie »der Markt« so funktioniert. Wer das für übertrieben hält, sehe sich nur die Heerscharen von »Consultants« an, die als Studienabgänger auf Großkonzerne losgelassen werden, wo zumeist junge Männer, so mit Anfang dreißig, sich bevorzugt in »Strategieberatung« betätigen. Vulgo: viel reden ohne die Verpflichtung, die Thesen und Aussagen substanziell belegen zu müssen.

Mrs Excel geht es in der Regel um (eigene) Inhalte, Mr PowerPoint darum, Inhalte – von wem, ist relativ egal – bestmöglich zu präsentieren. Es ist die Schonhaltung einer professionell deformierten männlichen Leistungselite: Je besser man sich darstellen kann, desto verzichtbarer ist das arbeitsaufwendige Erarbeiten von Ergebnissen mit all seinen Details, Recherchen, Grundlagen. Details seien seine Sache nicht gewesen, urteilte der Nachfolger des deutschen Verteidigungsministers in der Presse über seinen Vorgänger. Inhalte seien nicht wirklich produziert, diese dafür aber umso geschmeidiger in der Öffentlichkeit verkauft worden, geschniegelte Haare und wahnsinnig gute Schuhe inklusive. Der öffentliche Skandal über den Absturz des Spitzenpolitikers wegen einer in großen Teilen abgeschriebenen Dissertation war deshalb von Relevanz, weil es hier um einen Betrug ging, der im Kleinen zum täglichen Erleben in Büros und Betrieben gehört. Und so lag ein wenig Genugtuung als Schatten der Erlösung über all jenen, die immerfort aufs Neue versuchen, mit Substanz, Inhalten und Leistung zu punkten, und sich von Blendern aus der selbsterklärten ersten Reihe um ihre Leistung betrogen sehen.

In meinem Schokoladen-Unternehmen bin ich selbst irgendwann dazu übergegangen, gar keine Männer mehr einzustellen. Wann immer ein männlicher Kollege auf gleicher Ebene neu in eine Arbeitsgruppe hinzukam, versuchte er zunächst mit großer Geste und reichlich Aufwand, den dort bereits seit längerem erfolgreich tätigen Damen klarzumachen, er sei nun der Chef. In Gesprächen mit Vorgesetzten ging es für den Neuen dann zumeist um Themen wie den Firmenwagen, den richtigen Titel auf der Visitenkarte oder darum, ob es nicht doch das kleine Konferenztischchen sein dürfte, das eigentlich nur Führungskräfte für ihr Büro erhielten. Bis der selbsternannte Leistungsträger zum Arbeiten kam, hatten die weiblichen Teammitglieder das Projekt längst erfolgreich abgeschlossen und sahen sich nun mit der Forderung des Neuen konfrontiert, die Ergebnisse der Geschäftsleitung vortragen zu wollen.

Doch statt sich wie die »Goldjungs« selbst hinzustellen und zu sagen »Ich bin die Beste«, neigen Frauen dazu, sich in der Kaffeeküche zu verstecken und der Konfrontation mit dem Firmen-Uga-Uga auf dem Pavianhügel der Silberrücken aus dem Weg zu gehen. Wer einmal beobachtet hat, wie unterschiedlich Männer und Frauen zu spät in eine bereits laufende Sitzung kommen, kann an dieser Theorie keinen ernsthaften Zweifel mehr hegen. Während ein Mann die Tür aufreißt, deutlich vernehmbar den Raum betritt, sich wahrscheinlich mit einem Klopfen auf den Konferenztisch – »Ich mach mal so (klopf-klopf) in die Runde« –, dem Gruß der unteren Führungsebene, vorstellt, öffnet eine Frau die Tür ganz besonders leise und drückt sich so nah am Rand des Konferenzzimmers bis zu einem freien Stuhl entlang, dass man meinen könnte, die Raumpflegerin sei da, um die Wand großflächig mit der eigenen Bluse abzuwischen.

Eine Studie der Universität Innsbruck belegt, dass schon dreijährige Mädchen weniger bereit sind, in den Wettbewerb mit Jungs einzutreten, als in den mit anderen Mädchen. Ein Verhalten, das sich bis ins Erwachsenenalter nachweisen lässt. Frauen wollen aus der Introjektion ihrer kindlichen Erfahrungen die Beste, die Schönste, die Einzige sein, sie wollen geliebt und beantwortet werden. Wertvoll ist diese Beantwortung der eigenen Person jedoch nur, wenn sie unaufgefordert erfolgt. Danach zu fragen verbietet sich. Es fühlt sich ungefähr so an wie die Frage an den eigenen Partner »Liebst du mich?«, die Frauen gemeinhin als Bankrotterklärung des eigenen Status in einer Beziehung werten.

Zur Verteidigung der geplagten Leistungsträgerinnen muss gesagt werden, dass die in der Regel von männlichen Führungskräften dominierte Arbeitswelt mit massiven Mobbing-Angriffen straft, wenn Frauen sich mit männlichen Verhaltensmustern in den Vordergrund spielen. Hinter vorgehaltener Hand beginnt eine subtile Abwertungsmaschinerie, die diese Frauen als verbissen, karrieregeil oder hart herabwürdigt. Das Überraschende ist, dass es oft gar nicht, wie man voreilig meinen könnte, Männer sind, die mobben. Die zielen einfach auf jeden, der sich ihnen in den Weg stellt, geschlechtsunabhängig und unpersönlich. Vielmehr ist es das Urteil anderer Frauen in der Firma, der Abteilung, des Teams, das diese schmerzhaften Stiche aussendet. Stiche als persönlich gemeinte Antwort auf das Abweichen von einer Norm, die wohl von Männern gemacht wurde, aber auch von Frauen gelebt wird. Alice Schwarzers Ruf aus den sechziger Jahren nach Schwesterlichkeit erscheint gerade jenen im Beruf stehenden jungen Frauen als Anachronismus einer Rentnerin, der bereits vor zwanzig Jahren verhallte.

Dass fünfzig Jahre Emanzipationsbewegung nur unwesentlich zur Gleichberechtigung auf Führungsetagen beigetragen haben, zeigt sich auch in harten Fakten. In den Vorständen der dreißig deutschen DAX-Unternehmen sitzen 182 männlichen Kollegen nur vier Frauen gegenüber. Insgesamt sind weniger als 2 Prozent der Vorstände deutscher Aktiengesellschaften weiblich. Damit rangiert eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt auf einem Niveau mit Indien, weit abgeschlagen hinter Brasilien, China und Russland. Nicht einmal Unternehmen im Staatsbesitz schneiden hierzulande besser ab, wie das Beispiel Deutsche Bahn belegt. Dabei kann unsere Ökonomie schon lange nicht mehr auf die Potenziale weiblicher Führungskräfte verzichten, mithin auf rund 50 Prozent unseres bestens ausgebildeten Führungskräftenachwuchses. Aber bis es dazu kommt, dass Frauen tatsächlich gleichberechtigt mit Männern an der Spitze von Unternehmen stehen, könnte noch ein halbes Jahrhundert vergehen, wenn die Quote nicht gesetzlich eingeführt wird, so EU-Kommissar Michel Barnier. Das wären drei verlorene Generationen von talentierten, ehrgeizigen und ambitionierten jungen Frauen, die zu Recht nicht verstehen können, warum sie ihre Qualifikation nicht in höheren Positionen zum Einsatz bringen können. Immerhin hat Frankreich, das Heimatland Barniers, inzwischen ein Gesetz auf den Weg gebracht, das französische Konzerne ab 2017 verpflichtet, 40 Prozent der Aufsichtsratspositionen mit Frauen zu besetzen. Die Forderung der jungen deutschen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder nach einer Verpflichtung zur Selbstverpflichtung ist tatsächlich so sinnvoll, wie die Frösche zu bitten, den berühmten Sumpf trockenzulegen.

Im vorliegenden Buch geht es jedoch weder um Wehklagen noch um larmoyante Gesellschaftsanalyse. Es geht vielmehr um das eigene Selbstverständnis, die Entschlüsselung der täglichen Rollenspiele im Privaten wie im Beruf, die Erklärung ihrer Ursprünge und darum, wie man männliche Strategien erkennt, um eine durchaus weibliche Erfolgskarriere zu machen.

Deshalb steigen wir sie hinauf, die Karriereleiter der Blender, vom Abteilungsleiter über das mittlere Management bis zu den Vorständen. Aber beginnen wir die Geschichten aus Büros, Betrieben und Unternehmen dort, wo die Scheißkerle endeten – mit der Suche nach wahrer Liebe, die nirgendwo häufiger gefunden wird als unter Kolleginnen und Kollegen, also im Beruf.

Blender auf der Karriereleiter

AngestellteDer Konjunktiv-Mann

Mirko ist ein Mann, der Leiden schafft. Er ist neununddreißig und Angestellter in einem Konzern für Bürosysteme, ohne weitere Aufstiegschancen, also Inhaber einer Karriere, die irgendwo zwischen narkotisiert und perspektivlos zu verorten ist. Gut an seinem Job sind jedoch zwei Dinge: Die Firma bietet vielen weiblichen Leistungsträgern Chancen, was Mirko recht eigennützig für sich zu nutzen weiß, und er hat einen Job im Außendienst, was ihm Freiräume verschafft. Abzurechnen gibt es zudem auch immer etwas. Mirko hat sich in der Wohlfühlzone eines Konzerns eingerichtet, den er im weitesten Sinn als Jagdgebiet für amouröse Anbandelungen versteht. Er ist groß und starrt auffallend oft nach unten. Seine Kolleginnen hielten das anfänglich für Schüchternheit, bis sie darauf kamen, dass Mirko grundsätzlich Brüste anstarrt. Dabei ist es egal, ob die Betreffende gerade ihre Ausbildung in seiner Abteilung begonnen hat oder in geselliger Runde in den Ruhestand verabschiedet wird. Es ist ein Zwang, ein Reflex, den er nicht unter Kontrolle hat.

Männer, die es sich in der Wohlfühlzone eines Unternehmens bequem gemacht haben, erkennt man an dem zur Meisterschaft geführten Leben im Konjunktiv. Es sind die »Man sollte« -, »Man müsste« -, »Man könnte mal« -Kollegen, die sich schon lange von der Realisierung von Plänen, Projekten und Perspektiven verabschiedet haben und in einer Welt der inhaltsleeren Ankündigung eines längst begrabenen Selbst leben. Mirko ist ein beruflicher Konjunktiv-Mann mit reichlich Zeit dafür, nach alternativen Betätigungsfeldern zu suchen. Sein Lieblingssatz ist: »Man müsste einen Puff aufmachen.« Aber dazu hat Mr Balls nicht die Eier. Nach oben geht’s im Job für ihn schon länger nicht mehr. Seitlich, in anderen Funktionen des Unternehmens, wo sich ihm vielleicht Aufstiegschancen böten, kann man keine Spesen abrechnen, und wer will schon nach unten? In Ermangelung von Aufgaben hat Mirko deshalb seine Freizeitbeschäftigung professionalisiert: Kolleginnen flachlegen. Die Erfolge hält er in einem ausgeklügelten Punktesystem fest. Praktikantin, geringer Schwierigkeitsgrad, ein Punkt, Auszubildende, ebenfalls geringer Schwierigkeitsgrad, zwei Punkte, Kollegin, zwei Punkte. Vorgesetzte, drei Punkte, Abteilungsleiterin, sieben Punkte, Frau vom Chef, höchster Schwierigkeitsgrad, zehn Punkte und damit volle Punktzahl. Das höchste der unsentimentalen Gefühle ist der sogenannte »High Mile Club«, HMC genannt. Die Punktezahl bemisst sich nach der Flughöhe. Wer mag, kann sich in einem gleichnamigen Onlineportal mit seinem Score als Senator auch ohne spermizide Goldcard verewigen. Frauen wären entsetzt, wenn sie wüssten, wie viele Männer kleine Büchlein führen oder Slips in Kartons sammeln, um ihre Jagderfolge zu dokumentieren.

Mirko hat kleine Büchlein nicht nötig, er arbeitet mit einer »Access Datenbank«. Seine Kolleginnen, die er andauernd bei irgendetwas am Computer um Hilfe bittet, haben nicht die leiseste Ahnung davon, dass Mirko überhaupt weiß, was »Access« ist. Mit diesem Programm hat Mirko eine kleine Software aufgesetzt, die ihm Informationen, Erlebnisse und Erfolge zu seinen Amouren auflistet. Und die sind zahlreich. Denn obwohl Mirko in seinem Job die innere Emigration pflegt und nur das Notwendigste unternimmt, um ihn nicht zu verlieren, braucht er das Neue, die Veränderung, den Wechsel als täglichen Kick. Mirko geht es um ein müheloses Leben. Sein Lieblingsbuch ist Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, und sein Credo lautet »Freiheit«, auch wenn er die nur nach außen simuliert und in einem Anschein dessen sucht, was er selbst für ein freies Leben hält: sich nicht einengen lassen, tun und lassen, was man will, und dabei vor sich selbst den Eindruck erwecken, man sei in seinen Entscheidungen, der Art, wie man das eigene Leben führt, unabhängig. Feste Beziehungen kann Mirko gar nicht eingehen, er summt von einer Blüte zur nächsten, und wenn er doch einmal eine Frau findet, die er mag und zu der er sich besonders hingezogen fühlt, wird er es nicht unterlassen, ihr seine Vorstellungen von Swingerpartys, Partnertausch und »MMF« vorzutragen, der sexuellen Konstellation Mann-Mann-Frau, oder »FFM«, Frau-Frau-Mann, also wenigstens den »flotten Dreier«. Darf es auch ein bisschen mehr sein? Das ist nicht nur in der Metzgerei der Schlachtruf der Fleischeslustigen. Der Mann aus dem Vertrieb liebt das Wort »Polyamorie«, in ihm sieht er die Kondensation seines Erlebnishungers, nach Abenteuern voller neuer Reize und Spannung. Auf Frauen wirkt er deshalb in der Regel sehr attraktiv. Er ist der richtige Kollege im Unternehmen für einen Seitensprung, wenn es mit »Papi« nach vier Jahren auf dem Sofa etwas langweilig geworden ist. Er wird seine neue Flamme mit zum Indoor-Klettern nehmen, Wochenendreisen planen, beim ersten Date in seiner Wohnung Rosenblätter verteilen und überall Kerzen anzünden. Da ihm richtige Gefühle weitgehend fremd, ja fast unheimlich sind, bedient er sich des Pathos, der Sentimentalität, einer aus Film und Fernsehen geliehenen Romantik. Die leicht überzogene Theatralik, die er nicht immer treffsicher beherrscht, seine auf Wirkung und Effekt angelegte Persönlichkeit und der große Gestus könnten ihn verraten, wenn die umschwärmten Frauen sich nicht in der Idee verlieren würden, es hier nun endlich mit einem Mann zu tun zu haben, der ihnen die Liebe buchstabieren kann, der es versteht zu faszinieren. Wer leise Kritik an ihm äußert, ist ja »nur neidisch« auf diesen attraktiven Mann. Die Kollegen können im Zweifel gar nicht nachvollziehen, von wem die Zimmernachbarin da so begeistert redet, denn privat ist Mirko ja tatsächlich viel spontaner als im Büro, kreativ sogar, und steht mit seiner Kontaktstärke schnell im Mittelpunkt, was die Frauen, die ihn umgeben, mit einem gewissen Wohlgefallen zur Kenntnis nehmen. Seine große Angst ist, mit neununddreißig schon zum alten Eisen zu gehören, und so ist er regelmäßig auch im Internet auf der Suche nach Eroberungen, hat sich unauffällig in einer Tagesklinik nach Botox und Haartransplantation (Motto: »Nur keine Scham«) für Männer erkundigt, liebäugelt mit einem alten Porsche Carrera und kauft »Regaine«, ein Mittel gegen hormonell bedingten Haarausfall, gleich literweise in der Apotheke.

Auch wenn er seine Kumpel abends an der Bar mit großem Gejammer anderes glauben machen will, der berufliche Aufstieg ist nicht sein Ding, seine Position im Vertrieb ist für ihn Gold wert. Mirko hat seinen Job in maximal vier Stunden am Tag im Griff, in der überschüssigen Zeit kann er bestens seine hysterische Angst vor der Vergänglichkeit ausleben und sich von einem Liebesabenteuer ins nächste stürzen. Denn Mirko hat seinen Abenteuern eine professionelle Struktur gegeben, die er aus seinem beruflichen Kontext als Vertriebsmitarbeiter abgeleitet hat. Der Verkäufer von Kopiermaschinen ist ein sogenannter »PUA«, ein Pick Up Artist. Denn, davon ist Mirko überzeugt, Liebe ist auch nur ein »Job«, und irgendeiner muss ihn ja machen.

Wie wenig es Männern um die Sache gehen muss, um ein Ziel zu erreichen, kann man wunderbar an der Art und Weise ablesen, wie sie das Thema Liebe für sich professionalisiert haben. Im Rausch royaler Hochzeitsmeldungen fragte eine britische Frauenzeitschrift zur Vermählung von Prinz William und seiner Kate etwas hinterlistig, ob es denn ein zielführendes Konzept sein könne, eine Beziehung wie eine Firma zu führen. Wer stellt so unromantische Fragen? Natürlich ein Mann. Ein englischer Kolumnist gab zur »Hochzeit des Jahres 2011« einen ungewollt komischen Einblick in Männerträume – geheimer Wunsch von Männern war es schon immer, zu rationalisieren, was irrational erscheint, Gefühle zu managen und in jene Welt zu überführen, die Männern vertraut ist: Technik und Beruf. Vor Emotionen haben die Meister der linken Gehirnhälfte weit mehr Angst, als Frauen es sich überhaupt vorstellen können. Und so ist der Versuch, Ordnung in den Gefühlsladen zu bringen, schon in einer Beziehung angelegt, bevor es überhaupt so richtig losgeht.