Blinde Passagiere - Sabine Reimers - E-Book

Blinde Passagiere E-Book

Sabine Reimers

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Beschreibung

Kommissarin Silvia Landwehr ist nach einem traumatischen Erlebnis auf einem Urlaub, der das Ende ihrer Zwangsauszeit markieren soll. Kaum, dass sie ihren Urlaub zu genießen beginnt, wird sie um Mithilfe gebeten: Schiffspersonal verschwindet spurlos und man vermutet, dass diese Menschen ermordet wurden. Silvia soll den Sicherheitsoffizieren bei der Aufklärung helfen – sie ist schneller zurück im Job, als ihr lieb ist.

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Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Sabine Reimers

Blinde Passagiere

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Tag eins von zwölf

Tag zwei von zwölf

Tag drei von zwölf

Tag vier von zwölf

Tag fünf von zwölf

Tag sechs von zwölf

Tag sieben von zwölf

Tag acht von zwölf

Tag neun von zwölf

Tag zehn von zwölf

Tag elf von zwölf

Tag zwölf von zwölf

Impressum neobooks

Prolog

In einer Gefahrenlage, so sagt man, schärfen sich alle Sinne. Die Konzentration steigt ins Unerträgliche, mit der Schneide eines doppelseitig geschliffenen Dolches stoßen die Eindrücke in die überreizten Sinnesorgane. Auch wenn die Reize von schwacher Natur sind: Eine dunkle Schiffskabine, die Vorhänge dicht geschlossen, sodass ich nur Schatten wahrnehmen kann. Ein Stuhl, auf dem ich nackt in schmerzlich verkrümmter Haltung mit Panzerband verklebt bin.

Eine Stimme, die fast unablässig in mein Ohr flüstert und zu einem Mann gehört, der mich beständig umkreist, ein Tiger, der seine Beute zur Strecke gebracht hat, aber noch auf den rechten Appetit wartet.

In ermüdend gleichförmiger Weise kreist mein Peiniger um mich herum, die Hand auf meinem Kopf, seine Stimme ist sanft, fast zärtlich, erotisch motiviert, als er immer wieder die gleichen Worte spricht: „Diese kleine Stelle, diese winzig kleine Stelle, nur so ein kleiner, kleiner Stich, nur so ein kleiner Moment – und du bist geheilt. Diese kleine weiche Stelle.“ Mit einem leidenschaftlichen, aber nicht ruckartigen Griff packt er meinen Kopf von hinten und drückt ihn auf meine Brust. Seine eiskalten Hände gleiten meinen Hinterkopf entlang. Ich spüre, wie sie die Schädelbasis berühren und das verspannte Muskelgewebe darum liebevoll erregt mit zwei Fingern massieren. Er seufzt leise.

Ich bin vor Angst gelähmt und nehme alles so deutlich um mich herum wahr, dass es mich schmerzt, ich kann meine Gedanken nur unter größter Anstrengung sammeln. Zeit gewinnen. Vielleicht werde ich vermisst, bin nicht pünktlich auf meiner Schicht als Steward. Vielleicht suchen meine Kollegen nach mir. Vielleicht kann ich rufen, wenn ich Schritte auf dem Gang höre. Vielleicht werde ich gehört. Vielleicht.

„Warum gerade ich?“ Dusselige Frage, was soll man schon in dieser Lage sagen?

„Oh, du, warum gerade du“, seine Hände streicheln nun wieder in begehrender Zärtlichkeit meine Haare, „ich will dir doch nur helfen. Du brauchst Hilfe! Die Stimmen in deinem Kopf. Du wirst so gequält, du hörst sie immerzu. Ich höre sie auch, es sind meine Freunde! Sie haben dich zu mir geschickt! Ich spüre sie. Ich wähle nicht aus, sie tun es! Du brauchst doch Hilfe – du brauchst mich.“ Er beugt sich zu mir hinunter, sodass die letzten Worte nur ein feuchter Hauch in meinem Ohr sind. Als er vor mir niederkniet, packt er meinen Kopf und drückt seine Stirn an meine. Zwei Finger drücken sich sanft in meine Schädelbasis.

„Diese Stelle, diese kleine weiche Stelle, sie ist als Hilfe gedacht. So leicht, so leicht kann man die Stimmen damit ausschalten. Du wirst mir dann dankbar sein. Ich weiß es. Ich spüre es. Immer diese Stimmen, aber sie werden schweigen. Ich helfe dir!“ Er hört sich an, als habe er tatsächlich Tränen in den Augen. Er löst meinen Hinterkopf aus der Umklammerung und kreist weiter um mich herum, beständig eine Hand an meinem Kopf.

Ich versuche ruhig zu klingen: „Ich habe kein Problem mit meinem Kopf. Ich fühle mich sehr gut!“

„Doch, doch, ich weiß es, es sind die Stimmen, die sprechen. Die nie verstummen wollen. Ich helfe dir, Ruhe zu finden. Auch ich höre meine Freunde. Sie beauftragen mich, zu helfen, dann sind sie zufrieden – und ich werde mit Ruhe belohnt, Ruhe, die ich auch dir gönne.“

Er tritt wenige Schritte von mir weg und nimmt etwas von der Nachttischkommode. Eine Sekunde später blitzt ein zweischneidiger Dolch aus Damaststahl vor meinen Augen auf. Die Klinge ist in wunderschönen Faltungen gelegt, der Griff aus geschnitztem Holz. Es scheint, als sei es noch nie benutzt worden – oder sehr gut gepflegt.

„Das hilft rasch gegen die Stimmen, die du in deinem Kopf hörst. Ich habe sehr viel Geld dafür bezahlt, um zu helfen. Aber das seid ihr mir wert.“

Ich spüre, wie er das Messer im Nacken ansetzt und verkrampfe mich. Der letzte Moment meines Lebens? Soll es das schon gewesen sein? „Nein“, schreie ich, brülle die Angst und Anspannung heraus und spüre gleichzeitig, wie der Typ mir mit einem Ruck ein ganzes Büschel meiner Haare abschneidet.

„Nun kann ich sie besser fühlen, die weiche Stelle, zart und weich und ihr Puls drängt mir entgegen.“ Wieder liebkost er mit zwei Fingern meine Schädelbasis; meine Angst wandelt sich in schiere Panik. Ich höre, wie mein Peiniger die Schnalle seines Gürtels löst, wie er den Reißverschluss seiner Hose öffnet. Die Hose gleitet hinab, er steigt mit einem Schritt darüber. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich sie als dunklen Schatten auf das Bett fliegen. Sein schwerer Atem beschleunigt sich. Da höre ich ein Geräusch vom Gang her, Menschen reden, lachen, ich will antworten, ich will leben, atme tief ein, bereit zum Schrei, zwei Finger kneten unablässig fordernd meine Schädelbasis; sein Atem zischt heiß und stoßweise an meinen Nacken, ich öffne den Mund, dann hören die Finger kurz auf …

… erstaunlich, ich spüre keinen Schmerz.

Von der Zimmerdecke aus sehe ich mich verkrümmt in dem Stuhl sitzen, mein Mörder sinkt mit einem befriedigten, kehligen Aufstöhnen zusammen. Der geschnitzte Holzgriff des Messers ragt aus meinem Nacken, ich bin erstaunt, wie wenig Blut hinunterfließt. Eine weiße, zähe Flüssigkeit rinnt meinen Rücken herab.

Ruhe und Gelassenheit stellen sich ein. Ich spüre so viel Liebe für meine Frau, mein Söhnchen, ich möchte sie noch einmal wiedersehen.

Dann verlasse ich diesen Ort.

Tag eins von zwölf

Ein Champagnerglas gut vierzig Meter über dem Abgrund. Ob es wohl auf der Wasseroberfläche zerschellen würde, wenn sie es losließe? Silvia balancierte es zwischen Zeige– und Mittelfinger der rechten Hand. Den linken Arm hatte sie locker auf der Reling abgelegt. Eine leichte, warme Brise wehte von den Bergen her und verwuschelte ihr die schulterlangen braunen Locken. Sie drehte sich um, blickte auf das Sonnendeck und nahm einen großen Schluck. Champagner, dachte sie, das fängt ja gut an. Die Anreise zum Anleger des Kreuzfahrtschiffes „Amerigo“ in Genua hatte ausgezeichnet geklappt, der Flug von Berlin aus, dann weiter mit dem Transferbus der Kreuzfahrtgesellschaft. Nun würde der Traum Wirklichkeit werden. Alleine. Unter fast dreitausend Reisenden ganz alleine. Nur dem guten Zureden ihrer Tochter Anja verdankte sie den Mut dafür – und es tat ihr auch schon ein wenig leid, dass sie diesen Entschluss gefasst hatte.

Aber nun war es soweit – es ging los. Zur Begrüßung servierte ein weiß gekleideter Kellner Champagner auf dem Aussichtsdeck. Die Nachmittagssonne schien vom strahlend blauen Himmel, Gäste saßen auf Deck, lehnten sich über die Reling oder spazierten von einer Seite zur anderen. Pärchen, Familien mit Kindern, wohin man sah. Wieder ein Schluck aus dem Champagnerglas.

„Sicher lernst du jemanden kennen“, hatte Anja gesagt, „mal sehen, vielleicht eine neue Freundin, vielleicht einen Freund?“ Silvia hatte oberflächlich gelacht: „Mal sehen“. So weit weg von ihrer Tochter, so weit weg von Berlin, kam sie sich nicht gerade mutig vor, auch wenn sie sich sehr auf die Reise gefreut hatte. Zwölf Tage unter fremden Menschen – wie hatte sie das als Belohnung für die vergangenen Jahre und das Durchlebte sehen können? Ohne soziale Kontakte auf einem Luxusschiff voller glücklicher Paare und solcher, die es um jeden Preis werden wollten.

Du wirst Spaß haben, ermahnte sie sich, die ersten Stunden sind immer die schlimmsten.

Sie hatte auch schon das erste Ereignis hinter sich: Kaum, dass sie in ihrer Kabine angekommen war, ertönte eine Durchsage, dass jetzt gleich eine Rettungsübung erfolge und man die Unannehmlichkeiten entschuldigen möge. Silvia nahm anweisungsgemäß die Rettungsweste aus dem Schrank und legte sie an. Als sie den Raum verlassen hatte, durchdrangen schrille Signaltöne bereits jeden Winkel des Schiffes. Sie richtete sich nach den Hinweisschildern und fand sich mit den anderen Gästen an der Sammelstation, einem Platz auf dem hinteren Deckgang, ein. Ein Steward ging herum und hakte die Namen der Anwesenden von einer Liste ab. Es herrschte eine gelöste Stimmung, Familien machten Fotos voneinander, einige filmten das Ganze mit Kameras. Schnell gab es „Entwarnung“, und alle konnten zurückgehen. Als Silvia in ihre Kabine zurückkam, stopfte sie die Weste in den Schrank, bürstete sich das Haar und zwinkerte sich selbst im Spiegel zu. Kurz das Kleid zurechtzupfen und doch lieber die schwarze Strickjacke darüber ziehen – es war erst Anfang April und jetzt am Abend war es deutlich kühler als noch am sonnigen Nachmittag. Dann legte sie ihre Handtasche um und ging auf das Sonnendeck – zum Champagnerempfang.

Sie sah von dort aus nach unten zum Bug: Eine Gruppe Männer mit schwarzen Sonnenbrillen lief entlang der Reling. Genau an der Reling entlang, jeder fasste mit der rechten Hand an das Gestänge. Sie gingen langsam zur Spitze des Bugs, so weit, wie man als Passagier gehen durfte. Eine eigenartige Truppe war das. Nun standen sie alle am Bug des Schiffes und einer von ihnen, der keine Sonnenbrille trug, hielt einen kleinen Vortrag mit weit ausladenden Gesten – denen die Blicke der anderen aber nicht folgten.

Na, die machen wenigstens einen noch seltsameren Eindruck als ich.

„Hallöchen, ick habe Sie schon im Flieger jesehen, och aus Berlin, wa’?“ Mein Albtraum wird wahr, dachte sie, da ist doch tatsächlich eine Berliner Schnauze dabei! Sie drehte sich um, lächelte: „Ja, ich bin auch von dort geflogen. Silvia Landwehr“, sie reichte der Unbekannten die Hand. Diese ergriff sie begeistert mit beiden Händen: „Irene Menken, man, det ist ja wat, det wir uns so schnelle kennenlernen. Ick hab‘ Sie von da drüben jesehen und dachte, man, die ist och alleene unterwegs, die sprichst du jetzt mal an!“

Danke, dachte Silvia, kann die Frau nicht kurzsichtig sein? Ich hätte gerne noch ein wenig meine Melancholie und mein Selbstmitleid genossen.

„Um sieben gibt’s Abendessen, na, da machen wir uns noch fein, wa’? Ist ja schon in eener Stunde! Ick seh’ Sie dann!“ Frau Menken drehte sich beschwingt weg und versetzte ihr einen jovialen Schulterklaps. Na, das befürchte ich, dachte Silvia und trank ihr Glas aus. Vorsichtig mit dem, was du dir wünschst – es könnte in Erfüllung gehen – der alte Konfuzius hatte wieder Recht behalten. Sie lächelte hinter Frau Irene Menken her. Wenn schon keine Tochter oder Freundin, dann wenigstens jemand, der sie nerven würde. Aber – vielleicht war das nur ein Vorurteil. Sie gab einem Steward das Glas zurück und stützte die Arme auf der Reling ab.

Richtung Heck war der Hafen von Genua zu erkennen, dahinter die Hügel der Apenninen. Silvia stand zum Mittelmeer hin, zur offenen See, zum Abenteuer, das sie erwartete. Langsam fühlte sie sich wohler und freundete sich mit der Umgebung besser an. Sie schloss die Augen und sog die Meeresluft tief ein. Hafenmöven krächzten um das Schiff, stets auf der Suche nach dusseligen Touristen, die sie erst begeistert füttern und sich dann über die Kotkleckse beschweren würden. Die Stimmen der Menschen auf dem Deck verblassten, als sie sich auf das Meer konzentrierte. Leise hörte sie das Geräusch der Wellen, die erwartungsvoll gegen den Rumpf des Schiffes schwappten, als könnten sie es gar nicht erwarten, diesen endlich zu schultern und den fernen Zielen entgegenzutragen.

Als das gewaltige Horn des Kreuzers mit drei lauten Tönen die gespannte Atmosphäre auf dem Deck zerriss, spürte sie, wie ein Ruck durch das Schiff ging. Die Motoren brummten nun deutlich hörbar, der Boden vibrierte und der Anleger schien sich zentimeterweise zu entfernen. Es ging los. Nun wurde der Entschluss Wirklichkeit, diese Reise alleine anzutreten, auch in letzter Sekunde nicht zu kneifen, nicht unter einem Vorwand doch noch von Bord zu gehen. Sie war unterwegs, es war ihre Traumreise. Zumindest hatte sie das ihren Kollegen erzählt. In Gesprächen mit Freunden waren dann eher die Herausforderung und das „Sich–beweisen–wollen“ Thema gewesen. Aber Anerkennung und vielleicht sogar Bewunderung hatte sie in jedem Fall erhalten.

Nun bist du unterwegs, mach das Beste draus!

Silvia nahm die Arme von der Reling und ging in die prachtvoll gestaltete Empfangshalle. Sie durchquerte die Lounge und fuhr mit dem Fahrstuhl auf ihr Kabinendeck.

„Da machen wir uns noch fein, wa‘?“, wiederholte sie leise und lächelte. Frau Menken kannte sie schon beim Abendessen, so übel war das vielleicht doch nicht!

Das Restaurant war so lichtdurchflutet, dass sich Silvia sofort wohlfühlte. Runde Tische mit jeweils acht Sitzplätzen standen in einer langen Reihe an der durchgehenden Fensterfront, rund um das Heck des Schiffes. Vier weitere Säle hätten zur Wahl gestanden, aber aus dem Bauch heraus hatte sie sich für das „Mari del Mondo“ entschieden, das ein Büfett bot. Es war gewaltig! An der Wandseite gab es eine riesige Theke mit lauter Köstlichkeiten. Es begann ganz links mit kleinen Appetithäppchen als Vorspeise, Kanapees, Gemüsespießchen, Fischstückchen, alles sehr liebevoll dekoriert. Dann setzte sich die Reihe mit drei verschiedenen Suppen und einer Auswahl an Brot– und Brötchensorten fort. Als Hauptgang gab es etliche Fleisch–, Fisch– und Gemüsegerichte, dazu alle erdenklichen Beilagen. Lächelnde Servicekräfte halfen den hungrigen Gästen, die Teller zu füllen und wünschten einen guten Appetit.

Silvia fand einen freien Tisch, und setzte sich den Fenstern gegenüber, sodass sie den Blick auf das offene Meer hatte. Nur ganz am Rand der Fensterfront war noch ein schmaler Streifen der italienischen Küste zu erkennen. Diese Weite war so wohltuend. Das hatte sie sich erhofft, jeden Tag auf das endlos scheinende Meer zu blicken und die Ängste um Enge und Finsternis hinter sich lassen zu können.

„Na, da haben wir uns ja wieder jefunden!“, Frau Menken konnte ihr Glück kaum fassen. Silvia nickte belustigt und bot ihr den Platz neben sich an.

Ein älteres Ehepaar setzte sich nach höflicher Anfrage auch noch an den Tisch, ebenso eine Familie mit einem kleinen Sohn.

„Nee, wa’, gucken Sie mal, die Sonnenbrillenträger wieder … hab’ ick vorhin schon jesehen … wat für Bekloppte, ‘ne?“

Die Gruppe von vierzehn Männern, davon elf mit Sonnenbrillen, betrat das Restaurant. Sie nahmen gleich an den ersten beiden Tischen Platz. An der Art ihrer tastenden Bewegungen und dem vorsichtigen Setzen erkannte Silvia den Grund für die Brillen: „Das sind Blinde! Ein Gruppe Blinder auf einer Mittelmeerkreuzfahrt – erstaunlich, oder?“ Frau Menken schien es die Sprache verschlagen zu haben. Sie starrte so intensiv zu den Männern hin, so unverhohlen neugierig, dass sich Silvia für sie schämte. Als würde er den durchbohrenden Blick spüren, drehte sich ein großer, etwas dicklicher Mann zu Frau Menken um und lächelte sie an. Diese errötete sofort und sah Silvia an. „Gruselig, wa’? Hat der det jetzt jespürt, oder wat? Haben den sechsten Sinn, sagt man ja!“

Der kleine Junge am Tisch fragte seine Eltern: „Können die echt total gar nichts sehen, Papa? Warum sind die dann auf dem Schiff? So eine tolle Reise brauchen die doch dann gar nicht, oder? Was haben die denn davon?“ Silvia schmunzelte, herrlich, diese Kinder! Trauen sich einfach das zu sagen, was jeder denkt! Die Mutter machte dem Jungen ein Zeichen, er solle leiser reden und flüsterte ihm etwas zu.

Schade, das hätte ich auch gerne gehört.

Die Dame zu Silvias Rechten lehnte sich zu ihr herüber, als der Kellner Wasser einschenkte:

„Mein Name ist Elli von Waldensrieth, ich mache mit meinem Mann diese Kreuzfahrt anstatt einer Feier zur goldenen Hochzeit. Warum die anderen durchfüttern, wenn man sich lieber selbst beschenken kann!“ Sie lachte gekünstelt.

„Silvia Landwehr. Aus Berlin.“ Das war es. Muss man einen Grund angeben? Ich mache die Reise als Belohnung, weil ich bei meiner Arbeit als Polizeikommissarin ein traumatisches Erlebnis hatte, das ich ganz gut aufgearbeitet habe und in ein paar Wochen in den Dienst zurückkehren werde?

Frau von Waldensrieth sah nach der knappen Antwort so enttäuscht aus, als spürte sie genau, welcher Leckerbissen an Tratschstoff ihr gerade entgangen war. Aber es gab ja noch … „Irene Menken, ick mache die Reise, weil ick darauf jetzt fünf Jahre lang jespart habe, is’n Traum und det ha’ick mir verdient, durch die janze Schufterei. Morgens bis abends inner Küche von der Charité, det Essen kochen, allet jut machen, und dann schmeckt’s eh keenem und nach zwee Stunden schmeißte allet in’n Müll, was du jekocht hast.“ Sie schüttelte den Kopf. Es fiel Silvia auf, dass Irene Menken, wenn sie aufgeregt war, deutlich mehr berlinerte. Offenbar bemühte sie sich sonst um Hochdeutsch, was ihr dann auch mehr oder weniger gut gelang.

Silvia sah zu den Blinden. Ein Mann stand zwischen den beiden runden Tischen und erklärte etwas, das sie nicht hören konnte. Er konnte offensichtlich sehen und schien der Reiseleiter zu sein, der wichtige Informationen weitergab. An der Art, wie ein anderer Mann seinen Gesten folgte, erkannte sie, dass auch er sah.

Herrgott,kannst du nicht einmal abschalten und nicht alle Gruppen und Personen auf potenzielle Bedrohungen und Täter hin analysieren und beurteilen? Eine Gruppe Blinder auf einem Kreuzfahrtschiff – und du nicht im Dienst. Ungefährliche Situation!

Sie lächelte in sich hinein und sah zufrieden, wie Frau von Waldensrieth, deren Mann stumm zu sein schien, mit Irene Menken in eine erregte Diskussion über die Essenstandards von Krankenhäusern verwickelt war. Der kleine Junge hatte vom Kellner ein Malblatt mit einem Schiff auf dem Meer bekommen, das er ganz eifrig bunt verzierte. Seine Eltern lehnten sich aneinander und der Vater legte den Arm um die Schulter seiner Frau. Silvias Blick schweifte über das Meer. Die Sonne war schon dem Horizont nahe und ihre letzten hellen Strahlen brachten das Meer zum Glitzern.

Das Essen war so köstlich wie im Prospekt angepriesen. Silvia versorgte sich mit drei Gängen vom Feinsten. „Käse–Rucola–Suppe“, „Gratinierter Blumenkohl an Seehecht“ und „Crème brulée mit Himbeermousse“.

In den nächsten zwei Wochen sollte ich immer wieder mal eine Mahlzeit durch Salat ersetzen, wenn das Mittagsbüfett auch so üppig ist, rolle ich als Tonne von Bord!

Immer wieder schweifte der Blick aller am Tisch hinüber zu den Blinden, teils unverhohlen neugierig (Frau Menken, Frau von Waldensrieth), teils gespannt (Silvia, der kleine Junge), wie sie mit den Herausforderungen am Büfett umgingen. Erstaunlicherweise wiesen das Tischtuch und die Kleidung jener Reisegruppe weit weniger Flecke auf als die der „Kontrollgruppe“ mit dem fünfjährigen Claudius, der im Nahkampf mit dem Besteck noch deutlich mit der Feinmotorik zu kämpfen hatte.

Der Wein war geleert, Claudius ins Bett gebracht und der Saal leerte sich. Auch Silvia legte ihre Serviette zusammen und stand auf. Frau Menken bemühte sich eifrig, ihr zu folgen, um den Anschluss nicht zu verlieren: „Na, det war doch fein, oder? Und nun? Jeh’n wir noch in die Bar oder in die Disco?“

Gerne, wenn ich mir aussuchen darf, mit wem nicht! Höflich murmelte Silvia etwas von „zurückziehen“, „neue Umgebung“, „langsam gewöhnen“ und verabschiedete sich. Sie hoffte, nach ein paar Minuten in ihrer Kabine, auf den gut 25.000 Quadratmetern der zugänglichen Bereiche des Schiffes, jene ohne Frau Menken zu erwischen.

Zurück in ihrem kleinen Reich öffnete sie sofort die Tür zum Balkon. Sie trat in die winzige Nische und sog die Abendluft durch die Nase ein. Weite, immer wieder die Weite des Meeres streichelte ihre Seele. Vielleicht doch lieber mit einem Buch in die Loggia setzen? Aber sie war noch ein bisschen unternehmungslustig und wollte mehr vom Schiff sehen, also nahm sie ihren Wälzer „Der Wolkenatlas“, ein Geschenk ihrer Tochter Anja für die Reise, und begab sich auf das oberste Sonnendeck. Bei ihrer Ankunft am Nachmittag waren hier viele Familien, Lachen, Lärm und Durcheinander gewesen. Jetzt, am späten Abend, war es viel ruhiger. Pärchen lagen Hand in Hand in Liegestühlen, andere redeten leise, einzelne standen an der Reling und schauten aufs Meer. Beruhigt registrierte Silvia, dass sie mit ihrem Wunsch nach Ruhe und Entspannung nicht alleine war.

Sie nahm sich an der Deckbar einen kühlen Weißwein, einen Pinot Grigio, und suchte sich einen Liegestuhl aus. Als sie ihr Buch aufschlug, brüllte eine Gruppe Männer rechts von ihr los. Die Blinden hatten gerade das Deck betreten und offenbar hatte einer eine Bemerkung gemacht, die alle sehr komisch fanden. Die Männer suchten sich Stühle; wieder war Silvia fasziniert, wie umsichtig und vorsichtig sie sich an der Reling entlangtasteten, über das Deck gingen und hier und da nach Stühlen fragten. Der untersetzte Herr, der Frau Menken beim Abendessen einen leichten Schock versetzt hatte, als er sie so direkt anblickte, kam auf sie zu. Er legte seine Hand vorsichtig auf die Lehne des Stuhls neben ihr. Sie sprach ihn an: „Der ist frei und etwa zwei Meter nach rechts, oh, Moment, das ist links von Ihnen, da sind noch mal zwei! Brauchen Sie Hilfe?“

Er lächelte: „Das ist sehr freundlich, aber ich denke mit dieser präzisen Angabe komme ich sehr gut zurecht! Sie können unbesorgt weiterlesen! Einen schönen Abend wünsche ich!“

Silvia bedankte sich und nahm ihr Buch wieder hoch. Moment! Wie hatte er bemerkt, dass sie las? Hatte das Senken des Buches ein Geräusch gemacht, für sie nicht zu hören? Sie schüttelte den Kopf, nicht zu fassen, was diese Blinde wahrnehmen konnten. Sie nippte an ihrem Wein und beobachtete die Gruppe neugierig. Die Männer setzten sich zusammen und unterhielten sich nun in gemäßigter Lautstärke.

Sie schloss die Augen, um das Gleiche wie die Blinden wahrnehmen zu können … den frischen, salzigen Duft des Meeres, das leise Brummen der Motoren, der kühle feuchte Wind, der ihre Wange streichelte … Silvia spürte, wie sie sich entspannte. Das sanfte Schaukeln des Schiffes wirkte sehr beruhigend und sie fühlte sich angenehm schläfrig.

Gedämpftes, aufgeregtes Flüstern ließ sie hochschrecken. Der Himmel war von tiefblauer Farbe, und nur noch wenige Personen waren auf dem Deck. Zwei Stewards, die die Liegestühle abwischten und ordentlich in einer Reihe parallel zum Pool aufstellten, diskutierten auf englisch miteinander: „Kann gar nicht sein! Wenn er abgehauen ist, dann zieht er doch nicht vorher seine Uniform an und macht noch die Rettungsübung mit! Wir waren zusammen, wir haben die blinden Typen gemeinsam geführt! Ich hab dann mit ihm in der Kantine Kaffee getrunken, bin noch schnell aufs Klo, er wollte schon aufs Deck.“

„Aber weg ist weg. Und du hast ihn ja nur gesehen, bevor wir abgelegt haben! Hat sich’s einfach noch mal anders überlegt, hatte ja in Genua eine Frau, seinen kleinen Sohn … es ist schon schwer zu sagen: ich komme die nächsten zwei Monate nicht mehr nach Hause, mach’s mal gut!“

„Aber er hat seine Arbeit geliebt, wir hatten doch Spaß! Ich bin seit fünf Jahren mit Toni gefahren, wir sind Freunde. Da haut man nicht einfach ohne ein Wort ab.“

„Dann versteckt er sich wohl auf dem Schiff und wartet, dass du ihn suchst.“

„Blödsinn! Aber ich würd’ schon gern wissen, was mit ihm ist! Der Serviceoffizier ist jedenfalls heftig stinkig! Toni muss eine verdammt gute Ausrede haben, wenn er wieder auftaucht.“

„So in zwei Monaten etwa?“

„Ach, halt doch dein Maul!“

Sie zogen weiter, außer Hörweite.

Silvia trank den Rest Pinot Grigio aus, stellte das Glas auf die Theke der Bar zurück und verließ das Deck.

Als sie ihre Kabine betrat, in der noch alles dunkel war, spürte sie für einen kurzen Moment eine Beklemmung, die ihren Brustkorb gefangen nahm. Sie schaltete das Licht ein. Tief durchatmen,nicht gleich in Panik geraten. Nur Dunkelheit, alles ist gut.

Sie legte das Buch auf den Nachtschrank und machte sich zum Schlafengehen fertig. Die kleine Lampe über dem Bett ließ sie brennen, nur diese erste Nacht, solange alles noch ungewohnt war.

Er lauschte seinem Herzschlag, der nun wieder ruhig und gleichmäßig war. Der Rausch, die Erregung, war vorüber. Ruhe. Besser war es gelaufen, viel besser als er vermutet hatte. So endlos oft hatte er in seiner Fantasie die Situation durchgespielt, sich Alternativen vorgestellt, jede Gegenwehr und Reaktion abgewogen und sich Pläne zurechtgelegt, um nicht hilflos dazustehen. Nichts war unvorbereitet gewesen, nichts war unvorhergesehen abgelaufen. Er lächelte in sich hinein. Gut so. Seine Freunde schwiegen zu seiner Tat, das hieß, sie waren zufrieden. Es war seine Mission, auf diesem Schiff zu helfen. Sie hatten ihm versprochen, Menschen zu schicken, die seine Hilfe nötig hätten, wenn er bereit dazu wäre. Und bereit war er schon lange.

Nachdem der Steward auf dem Hocker in sich zusammengesunken war, gönnte er sich einen kurzen Moment, legte sich einfach auf den Boden und genoss den Nachklang seines gewaltigen Höhepunktes. Wie ein Dampfhammer rauschte der Pulsschlag in seinen Ohren, verzaubert spürte er der Erregung nach, die ihn in nie gekannter Weise stimuliert hatte. Vielleicht fiel er in einen kurzen Schlaf, wer weiß? Dann begann er mit dem Aufräumen. Zunächst ging er zum Bett und zog seine Hose wieder an. Mit einem Gefühl des Stolzes schloss er seinen Gürtel. Vor dem Nachttisch lag ein kleiner Haufen mit Kleidungsstücken. Nach und nach nahm er sie behutsam, fast zärtlich, auf und strich darüber. So gut es ging, legte er die Sachen zusammen und auf dem Bett ab. Als Letztes hielt er die Jacke des Stewards in seiner Hand. Er schnitt einen der oberen, goldüberzogenen Zierknöpfe ab. Achtsam fühlte er mit dem Zeigefinger die geprägte Oberfläche, die das Wappen der Reederei zeigte. Er legte den Knopf in eine kleine Pappschachtel, die er extra für diesen Zweck mitgenommen hatte.

Aus dem Kleiderschrank nahm er eine Rolle Bindfaden und schnitt zwei lange Schnüre ab. Er stapelte die Kleidung des toten Mannes darauf. Dann nahm er ein Buch aus dem Schrank, „Hannibal Rising“, und legte es zwischen Hose und Hemd. Schließlich verknotete er die Fäden.

Nun kam das Wichtigste: die Pflege seines Gefährten.

Er trat ins Bad, um das Messer abzuwaschen. Es schien in seiner Hand zu zucken, voller Stolz über seine perfekte Tat. Es bedankte sich, weil es so gut und sicher geführt worden war und so seiner Bestimmung in Perfektion nachkommen konnte. Liebevoll strich er über die Klinge und trocknete sie mit einem Mikrofaserlappen ab. Aus einem Fläschchen mit Pipettenverschluss nahm er einen einzigen Tropfen Spezialöl und verrieb ihn minutenlang auf der Metallschneide.

Seine Hände fuhren wieder und wieder den glatten, kühlen Stahl entlang. „Ich bin sehr stolz auf dich. Wir beide haben das sehr gut gemacht. Er hat nicht gelitten und wir konnten endlich das erste Mal wirklich helfen. Ich habe gespürt, wie deine Schärfe mühelos in ihn drang, getrieben von dem Wunsch, zu helfen.“

Er steckte den Dolch dann in das kleine, maßgeschneiderte Lederetui.

Schnell würde er jemanden Neuen finden müssen, um das Messer und seine Freunde zufriedenzustellen.

Nun galt es zu warten, ein bisschen lesen, vielleicht ein wenig fernsehen – bis die Zeit für die Vollendung gekommen war.

Tag zwei von zwölf

Silvias Wecker klingelte wie gewohnt um sechs Uhr. Auch im Urlaub wollte sie ihre seit drei Monaten gewonnene Routine beibehalten: eine Stunde Sport, Frühstück, dann den Tag beginnen.

Sie zog den Laufdress an und verließ die Kabine, um in das Fitnesscenter zu gelangen.

Trotz der frühen Stunde waren fünf der zehn Laufbänder bereits belegt. Silvia grüßte kurz nach rechts und links und legte dann ihr Handtuch über die Stange an der Seite und schaltete das Band ein. Zehn Kilometer, mit Steigungen und Sprints. Nach der Kreuzfahrt wollte sie ihren Dienst als Kommissarin wieder aufnehmen, dazu musste sie körperlich wie geistig wieder voll auf der Höhe sein. Ihr Ehrgeiz verlangte von ihr, dass sie ihrer alten Form in nichts nachstand. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie sich ein Jahr lang gehen lassen, aber seit einigen Monaten, seitdem sie die Perspektive gewonnen hatte, zurückzukehren, arbeitete sie wieder hart und hatte sich konkrete Trainingsziele gesetzt. Und wer weiß, bei einem Einsatz konnte eines Tages die Fitness über ihr Leben entscheiden ... Beim Laufen motivierte sie sich immer damit, dass sie auf alles zurückblickte, was sie in der Rehabilitation schon geschafft hatte. Immer wieder war sie versucht, wenn das Band eine Steigung simulierte, oder einen Sprint ansetzte, das Tempo herunterzusetzen. Dennoch tat sie es nicht: „Wenn ich einen Täter verfolgen muss, kann ich ihn auch nicht bitten, etwas langsamer zu laufen!“

Zuhause lief sie gerne im Tiergarten, lieber noch am Schlachtensee in Zehlendorf.

Das tat ihr immer sehr gut, und nichts macht den Kopf klarer, als diese Stunde jeden Morgen. Hinterher fühlte sie sich einfach nur super; frische Luft im Körper macht frische Gedanken im Kopf!

Es war so wohltuend, auf das Meer zu schauen, zu sehen, wie das Schiff langsam seinen Weg durch die blaue Unendlichkeit nahm, stetig, unbeirrbar auf das Ziel gerichtet. Auf der anderen Seite, von ihrer Kabine aus, hatte sie bereits die Küste gesehen. In einer Stunde würde die „Amerigo“ in Civitavecchia anlegen.

Silvia schnaufte sich eine vom Laufband vorgetäuschte Steigung hinauf. Nicht aufgeben, beiß dich durch, du schaffst das! Endlich wurde das Band wieder gnädiger. Sie lief langsam den letzten Kilometer aus, trat herunter und dehnte ihre Muskeln ausgiebig.

Nach der Dusche in der Kabine betrat sie wieder das Restaurant. Durch die voll verglaste Fassade war der Hafen zu erkennen, in der Ferne die Bergkette der Apenninen. Darüber ein strahlend blauer Himmel; einige wenige Schönwetterwölkchen sorgten für einen perfekten Kontrast.

Als sie den riesigen Saal durchquerte, fielen ihr etliche Gesichter auf, die sie schon am Abend vorher bemerkt hatte. Irre, über zweieinhalbtausend Leute auf dem Schiff und man trifft die gleichen Gesichter wieder,lächelte sie.

Auch Irene Menken saß an dem runden Tisch vom Vorabend, eifrig mit der Mutter von Claudius schnatternd und schien Silvia zunächst kaum zu bemerken. Als sie näher kam, brach Frau Menken ihr Gespräch jedoch ab und winkte begeistert: „Hallo, Frau Landwehr, na, det ist ja een Zufall, dat Sie och wieder hier sind! Hier, kommen Sie, kommen Sie.“ Sie rückte ihren Stuhl beiseite, um Silvia noch deutlicher auf den freien Platz neben sich hinzuweisen.

„Unsere blinden Freunde von jestern sind schon wieder weg, war ‘ne Schau, die am Büfett zu sehen ... Eener hat allet erklärt und dann, wie normal, nich‘ zu glauben, haben die sich bedient. Nicht zu glauben, wa?“

Sie drehte sich nach rechts, um gleich weiter zu palavern. Silvia war das mehr als recht. Das Büfett war wieder gewaltig: Eine unfassbare Menge an verschiedenen Brötchen, Broten, Aufschnittsorten, Marmeladen – und das war nur der „kalte“ Teil! Es gab noch die Möglichkeit, sich ein ganzes Menü zusammenzustellen, mit verschiedensten Eierspeisen, Würstchen, Schinken, gegrilltem Gemüse, gebackenen Bohnen, heißen Waffeln und Pfannkuchen. Natürlich durfte auch eine Müslitheke nicht fehlen. Genau darauf steuerte Silvia gleich zu. Sie liebte morgens Müsli und die Auswahl hier stand der in einem großen Supermarkt in nichts nach. Dazu gab es ein riesiges Angebot an frischem Obst, bereits geschnitten, oder schon als Salat angerichtet – ein Paradies. Silvia nahm sich noch Bananen– und Pfirsichstückchen obenauf und garnierte alles mit Joghurt und, kleine Sünde, Schokostreuseln. Dann bugsierte sie ihre mittlerweile recht überladene Schüssel zurück an den Platz neben Frau Menken.

Ab und zu, wenn es in die Unterhaltung passte, warf sie ein „Nein, wirklich?“ oder „nicht zu glauben“ in die Konversation ein und stellte Frau Menken damit zufrieden, bis diese sich ihr gezielt zuwandte:

„Gehen Sie denn auch mit nach Rom?“

„Ich werde auf eigene Faust dahin fahren“, antwortete Silvia, „ich war schon mal mit meiner Tochter eine Woche lang dort und habe mir genau überlegt, wo ich noch gerne hin möchte.“

„Na, wir werden die Stadtführung mitnehmen. Sind ja nur ein paar Stunden und det muss man optimal ausnutzen, nich wa?“

„Sicher! Und das Programm ist hervorragend! Sie werden bestimmt viel erleben und diese atemberaubende Stadt kennen– und lieben lernen!“ Irene Menken nickte glücklich und wünschte auch Silvia einen schönen Tag.

„Viel Vergnügen dann, wir sehen uns heute Abend!“, Silvia stand auf und verließ den Saal, um sich in ihrer Kabine für den Ausflug fertig zu machen.

Auf dem Weg dorthin begegnete sie einigen aus der Gruppe der Blinden, die sich gerade, um ihre beiden Reiseleiter gescharrt, die Organisation des Tagesausfluges anhörten.

Blind in Rom. Spannend. Vielleicht gelingt es mir, mal mehr Kontakt zu denen zu knüpfen und mir erzählen zu lassen, wie sie so eine Reise erleben.

Zurück in ihrer Kabine packte sie die notwendigen Dinge in ihre große Handtasche aus hellbraunem Leder und ging von Bord.

Am Bahnhof von Civitavecchia herrschte das erwartete Gedränge. Zwei Kreuzfahrtschiffe hatten hunderte, wenn nicht tausende von Passagieren in die Hafenstadt entlassen. Silvia bestieg den nächsten Zug nach Rom und ergatterte sogar einen Sitzplatz.

Die Tür der Kabine öffnet sich, eigentlich hatte ich erwartet, dass der Passagier beim Landausflug ist oder den schönen Tag auf Deck genießt.

Ich sage in gebrochenem Englisch (eine Schande, dass ich es noch nicht besser gelernt habe!): „Room Service now!“, und lächele. Der Mann lächelt zurück. Er deutet an, an ihm vorbei in die Kabine zu gehen. Ich glaube zunächst, dass er sie gerade verlassen will, als er von innen hinter mir die Tür zuschlägt. Ich stehe nahezu im Dunklen. Die Rollos sind geschlossen, nur ein ganz knapper Streifen Licht ringt am Rand mit der überwältigenden Dunkelheit des Raumes.

„Light, please!“, meine Stimme klingt so verunsichert, wie ich mich fühle. Ich drehe mich zu ihm um, der Mann muss doch genau neben dem Lichtschalter stehen! Seine Silhouette ist von der Wand kaum zu unterscheiden, als er sich auf mich zubewegt.

„Please, more light!“, flehe ich. Seine Hände greifen nach mir, ein Arm legt sich um meine Schulter und presst meine Arme links und rechts an den Körper. Ich protestiere, jetzt auf Spanisch, wehre mich, zappele, um seinem Griff zu entkommen.

Ein Tuch legt sich mir auf Mund und Nase, er hält meine Arme weiterhin fest und ich versuche die Luft anzuhalten, solange es geht. Irgendwann muss ich einatmen. Ein stechender Schmerz fährt mir in Nase und Mund, ich muss husten, es brennt so, Tränen schießen mir in die Augen ...

Silvia folgte nicht dem Strom der Touristen zum Petersplatz, sondern stieg am Hauptbahnhof aus, um zur Domitilla–Katakombe zu gelangen.

In der unterirdischen Basilika warteten etwa zwanzig Menschen auf den Beginn der nächsten Führung. Nach kurzer Zeit erschien ein kleiner, dunkelhaariger Mann mittleren Alters und stellte sich als ihr Fremdenführer, „La guida della catacomba“, vor. Er sprach Englisch mit solch ausgeprägter italienischer Melodie, dass Silvia schmunzeln musste. Höchst erfreut wies er mit der Hand auf eine Gruppe von Frauen, die in einer Ecke standen: ein kleiner Frauenchor aus Norditalien, der auf einem gemeinsamen Ausflug war. Verschämt und ein wenig schüchtern nahmen sie die Aufforderung des Fremdenführers an, ein Lied zu singen, um die herrliche Akustik der Basilika für alle erlebbar zu machen.

Es war überwältigend. Der Raum brachte die Töne zum Leuchten, sie umhüllten in ergreifender Klarheit und Schönheit die Zuhörer.

Silvia schloss die Augen und ließ sich ganz auf den Klangteppich der unbekannten Worte ein. Die Frauen berührten mit dem lateinischen Choral, tief ihr Herz. Als sie endeten, musste sie sich verstohlen ein paar Tränen wegwischen.

Die Führung war sehr interessant. Sie erfuhr, dass die Katakomben unter Rom ein kilometerlanges Netz zogen. Für jeden Toten wurden Nischen in den Stein gehauen, teilweise wunderschön mit christlichen Symbolen und Szenen aus der Bibel geschmückt. Über Treppen aufwärts und abwärts wurden sie durch das Labyrinth geführt, in dem sie allein schon nach kurzer Zeit verloren gewesen wären – trotz ihres Sehsinnes.

Wie würde sich ein Blinder hier orientieren? Solange man sehen kann, ist das mit etwas Übung ja ganz einfach: am heiligen Petrus drei Treppen abwärts, dann beim guten Hirten nach links um die Ecke ... Sie schloss die Augen, um zu probieren, was sie von dem Gang ohne zu sehen wahrnehmen könnte. Unwillkürlich tastete sie mit der Hand nach einem Halt und griff in eine Grabnische statt an die Felswand. Sofort stolperte sie, sie öffnete zwar als Reflex die Augen, konnte sich aber nur noch vor dem Sturz bewahren, indem sie sich in die Nische fallen ließ und gerade noch zu sitzen kam. Wie elektrisiert sprang sie hoch, knallrot im Gesicht. Der Fremdenführer sah sie streng an. Grabnischen waren nicht zum Ausruhen für fußlahme Touristen gedacht. Wirklich nicht.

Nach zwei Stunden gelangten sie wieder in die Basilika und bedankten sich für die gute Führung. Über eine Treppe kam Silvia zurück ans Tageslicht. Mittlerweile war es Mittag, die Sonne strahlte mit herrlicher Wärme vom Himmel und ein feuchter, angenehmer Wind streichelte Silvias Gesicht.

Sie beschloss, den nächsten Bus in die Stadt zu nehmen und dort einfach ein wenig herumzubummeln.

Ich habe solche Kopfschmerzen! Schnell wird mir meine neue Lage bewusst, meine Augen gewöhnen sich an das dämmrige Licht: Ich sitze auf dem kleinen Hocker, der sonst unter dem Spiegel steht. Auf meinem Mund klebt ein großer Streifen Klebeband, es tut so weh! Als ich versuche, meine Lippen zu bewegen, spüre ich, wie kleine Hautfetzchen abreißen. Dennoch will ich ihn ansprechen, ihn fragen, was er mit mir macht. Die Verzweiflung wird immer größer, ich beginne zu weinen, schluchzen.

Ich bin nackt! Oh, Gott, was hat der Typ mit mir gemacht? Was hat er vor? Ich versuche, Beine und Arme zu bewegen, nichts geschieht. Meine Beine sind an den Hocker gebunden, die Arme auf den Rücken geschnürt. An den Handknöcheln sind sie verklebt, auch mit Packband ...

Ich sehe einen Schatten vor mir knien, er scheint mein Gesicht zu begutachten ... eine Hand legt sich auf meine Wange, sie streicht eine Träne fast zärtlich weg. Und mit einem gewaltigem Ruck, ein Gefühl, als würde ein rot glühender Schürhaken in mein Gesicht gepresst, reißt er das Klebeband ab. Der Schmerz lässt mich aufkeuchen, meine Lippen bluten, die Haut ist abgezogen, alles ist wund und schmerzt. Sofort schnappe ich nach Luft und will schreien, da legt sich auch schon seine Hand wie eine Pranke auf meinen Mund. Er macht „Sch“, wie eine Mutter, die einen Finger auf die Lippen legt, wenn das Kind still sein soll. Ich kann ihn nicht richtig erkennen im Dunklen. Langsam nicke ich. Wenn ich jetzt mitspiele, nicht schreie, brav bin, passiert vielleicht nichts Schlimmeres.

In einer Sprache, die ich nicht verstehe, redet er auf mich ein. Beruhigend, beschwichtigend ist sein Tonfall. Liebevoll streicht er mir über das Haar. Weder berührt er meine Brust noch meine Haut … nur an meinen Haaren scheint er interessiert zu sein.

Ich flüstere leise auf Englisch: „Help. Let me go. Please. Now.“

Er redet auf mich ein, dann legt er seine Stirn an meine. Seine Hand hält meinen Hinterkopf ganz fest. Er sagt:

„I will help you. Now.“ Dabei drückt er mit einem Finger so fest auf die Stelle im Nacken, wo der Schädelknochen anfängt, dass es schmerzt.

Er steht auf, kreist um mich herum und gelähmt vor Angst und Spannung halte ich den Kopf auf die Brust gedrückt. Ich kann mich kaum bewegen und habe schreckliche Angst, einen Fehler zu machen, seine Gewalt erneut herauszufordern. Rodrigos Gesicht erscheint vor meinen Augen. Mein geliebter Mann, was wird er nur jetzt tun? Seine Schicht, genauso wie meine, endet erst in acht Stunden. Vorher wird mich niemand vermissen. Erschreckt höre ich, wie der Mann seine Hose öffnet, sie herunterrutscht und er sie mit Schwung auf das Bett schleudert. Was will er mir in dieser fest geschnürten Lage antun? Er packt meinen Hinterkopf und drückt meinen Schädel noch kräftiger auf die Brust. Er beginnt heftig zu atmen und befriedigt sich deutlich hörbar. Was wird er tun, wenn er fertig ist? Lässt er mich dann laufen? Ich beginne zu hoffen und zu beten. Kurz bevor seine Erregung ihren Höhepunkt findet, lässt er meinen Kopf los, ich bin erleichtert. Es ist überstanden. Ich bin erlöst! Dann … sehe ich von oben auf mich selbst herab. Er ejakuliert auf den Fußboden und stöhnt ein letztes Mal laut auf. Aus meinem Nacken ragt genau aus der Stelle, die er so fest gedrückt hatte, ein Messergriff aus geschnitztem Holz. Es tut nicht weh. Nichts tut mehr weh. Ich spüre keine Schmerzen mehr und die Angst ist auch weg. Ruhe und Frieden stellen sich ein. Endlose Liebe zu meinem Mann, meinem Schatz. Dann verlasse ich diesen Ort.

Es war heiß in Rom und wie immer voller Touristen. Silvia gönnte sich ein großes „Gelato“ aus einer der zahlreichen Eisdielen mit ihrer sensationellen Auswahl. Dann setzte sie sich auf die Spanische Treppe, um dem Treiben in der Stadt aus sicherer Distanz zuzusehen. Eine Filmszene aus einem alten Hollywoodstreifen kam ihr in den Sinn: Audrey Hepburn auf eben diesen Stufen als geflohene Prinzessin und Gregory Peck setzt sich zu ihr ... Nun, für sie war kein Traummann mit starken Muskeln in Sicht ... Bin mir auch nicht sicher, ob ich das möchte. Als ich das letzte Mal dachte, meinen Prinzen getroffen zu haben, hat das ganz böse geendet. So etwas brauche ich eigentlich nicht wieder. Auf diese Weise jedenfalls nie mehr.

„Sie sollten nicht so kompromisslos in die Zukunft sehen. Es kann gut sein, dass, wenn alles passt, auch wieder eine neue Beziehung im Raum steht“, Silvia glaubte die Stimme ihrer Therapeutin zu hören, „da werden dann Ihre Zweifel und Ihre alten Verletzungen nicht mehr im Wege stehen. Öffnen Sie sich Ihrem Glück!“

Silvia atmete tief durch und beschloss in Gedanken das Thema zu wechseln. Olle Kamellen! Wenn der Traumprinz auf einem Traumschimmel angeritten käme, würde sie schon auf ihn zugehen – um ihm zu sagen, dass sie Angst vor Pferden habe.