Blöd, wenn der Typ draufgeht - Irene Rodrian - E-Book

Blöd, wenn der Typ draufgeht E-Book

Irene Rodrian

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Beschreibung

Großstadt, Neubauviertel. Eine Gruppe von Jugendlichen beherrscht das Viertel, begeht Einbrüche. Bert, 16 Jahre, würde gern dazugehören. Es gelingt ihm mit einem Trick. Doch schon bald kommen die ersten Zweifel an den Typen der Gruppe. Nur das Mädchen Isa scheint okay zu sein.
Bert will aussteigen. Aber kann er noch zurück? Sie starten ein neues großes Ding. Was wird aus ihnen, wenn da plötzlich Polente auftauchen sollte?

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Seitenzahl: 117

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Irene Rodrian

Blöd, wenn der Typ draufgeht

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Großstadt, Neubauviertel. Eine Gruppe von Jugendlichen beherrscht das Viertel, begeht Einbrüche. Bert, 16 Jahre, würde gern dazugehören. Es gelingt ihm mit einem Trick. Doch schon bald kommen die ersten Zweifel an den Typen der Gruppe. Nur das Mädchen Isa scheint okay zu sein.

Bert will aussteigen. Aber kann er noch zurück? Sie starten ein neues großes Ding. Was wird aus ihnen, wenn da plötzlich Polente auftauchen sollte?

Über Irene Rodrian

Irene Rodrian: Nach dem Abitur Ausbildung in Werbung, Graphik, Film und Fernsehen; Reisen und diverse Tätigkeiten in verschiedenen Berufen; lebt als freie Schriftstellerin in München und auf Formentera / Spanien.

Veröffentlichungen: Zahlreiche Kinder- und Jugendbücher (Auswahlliste zum Deutschen Jugendbuchpreis, Übersetzungen). Außerdem Kriminalromane (Edgar-Wallace-Preis, Verfilmungen), Kurzgeschichten, Hörspiele, Drehbücher.

Inhaltsübersicht

Die Hauptpersonen1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel

Die Hauptpersonen

Herbert Lippold

(Bert) 16

Günther Rossmann

(Gig) 18

Franz Hake

(Frank) 18

Wolfgang Wappner

(Wappo) 18

Ernst Dimmer

(Dimmi) 17

Isabel Tröckel

(Isa) 16

Susanne Alverding

(Sanne) 17

1

Sie hatten etwas vor. Irgendetwas hatten sie vor. Bert stapelte die Pakete mit dem neuen Durchschlagpapier ins Regal und sah aus dem Fenster. Sie standen mit ihren Maschinen vor der Tankstelle und schienen auf jemanden zu warten. Gig, Wappo, Dimmi und die Mädchen. Frank fehlte. Die Tante aus der Leihbücherei kam über die Straße, bemerkte die Gruppe, zögerte und machte ängstlich einen Bogen um sie herum. Keiner pfiff, keiner beachtete sie. Das war verdächtig.

Bert wischte sich die Handflächen an der Hose ab. Draußen wurde es dunkel, die Straßenlaternen und die Neonreklamen flammten auf. Es wurde Zeit, die Beleuchtung im Laden und im Schaufenster einzuschalten, aber die Vorstellung, allein hier drin zu stehen und von draußen gesehen zu werden, während er auf der Straße nichts mehr erkennen konnte, machte ihn nervös. Unsicher sah er zu dem rückwärtigen Raum hinüber. Er hörte Papiergeraschel. Die Alte war einkaufen, Aurich saß über der Abrechnung. Noch war er beschäftigt, aber lange konnte das nicht mehr dauern.

Bert drehte sich wieder um. Frank war zurückgekommen. Er hielt den Daumen der rechten Hand hoch und schien zu grinsen. Gig nickte, sie stiegen auf. Sanne mit auf die BMW von Gig, Isa auf die Yamaha von Wappo. Sie ließen die Motoren aufheulen und schalteten die Scheinwerfer ein. Gig raste als Erster los, und die anderen folgten ihm wie ein Kometenschweif.

«Sind Sie eingeschlafen, oder was?» Bert fuhr herum. Aurich stand im Durchgang und riss mit heftigen Bewegungen die Kippschalter für die Innen- und Außenbeleuchtung herunter. «Kein Wunder, wenn keine Kunden kommen! Um alles muss man sich selber kümmern!» Bert schob sich an ihm vorbei, um die restlichen Papierpakete vom Hof zu holen. Er hatte es durchgesetzt, dass sie ihn siezten, aber das war auch alles. Er sah auf die Uhr. Viertel nach sechs. Er musste es einfach schaffen, heute pünktlich rauszukommen.

Die Pakete auf dem Handwagen fühlten sich kalt an, die obersten begannen schon feucht zu werden. Bert hob einen Stapel hoch und stockte. Unverkennbar jetzt das näher kommende Geräusch der Motorräder. Steif setzte er die Pakete wieder ab. Er fror. Das Motorengeräusch wurde dunkler und verstummte plötzlich – direkt vor der Toreinfahrt, die auf den Hof führte. Bert schaute sich um. Beim Friseur war schon alles dunkel, aber hinter der Lagertür vom Delikatessladen brannte noch Licht, und natürlich bei Aurich selbst. Und hinter den meisten Fenstern der angrenzenden Häuser. Bei den vergammelten Altbauten in Badezimmern und Küchen, bei dem Apartmentneubau hinter den Balkontüren. Die übliche Betonsiedlung nahe am Stadtrand. Hunderte von Menschen wären wach. Das würden Gig und die anderen nicht wagen. Nicht hier. Er hielt die Luft an, versuchte, durch den gedämpften Verkehrslärm hindurch Stimmen zu erkennen oder Schritte. Nichts. Aber sie waren da. Sie warteten. Beratschlagten flüsternd. Planten. Sie hatten ihn in Ruhe gelassen, sich nicht um ihn gekümmert. Für sie hatte er überhaupt nicht existiert. Nein. Bert beugte sich vor – ein Geräusch. Es war nur ein klappriger Lieferwagen, der auf der Straße vorbeirumpelte. Nein, verflucht nochmal, er hatte die Nase endgültig voll davon, allein zu sein, nicht zu existieren. Und wenn er ganz ehrlich war, dann hatte er sich die Honda nur deswegen gekauft. Und es hatte geklappt, weiß Gott. Seit er die Mühle hatte, nahmen sie Notiz von ihm. Bloß nicht so, wie er es sich gewünscht hatte. Die Honda … Er starrte zu dem Mauervorsprung bei den Mülltonnen, wo er sie abgestellt hatte. Der verchromte Lenker blinkte schwach. Bert huschte hinüber und öffnete den Verschluss der Werkzeugtasche. Seine Finger waren klamm. Das Einzige, was als Waffe infrage kam, war der Schraubenschlüssel. Er war eiskalt und lächerlich klein.

Irgendwo oben klappte ein Fenster, eine Frau lachte. Jemand rief. Aurich. Bert bewegte sich nicht. Plötzlich röhrten die Maschinen auf und fuhren weiter. Bert ging zum Handwagen zurück, und erst als er die Papierstapel hochnehmen wollte, merkte er, dass er immer noch den Schraubenschlüssel in der Hand hielt.

Im Laden warteten drei Kunden. Ein kleines Mädchen, das karierte Schulhefte wollte, ein Typ von der Versicherung, der Leitzordner auf Rechnung abholte, und eine alte Frau, die eine Glückwunschkarte zur Verlobung brauchte und sich nicht entscheiden konnte. Bert bediente sie automatisch, vollkommen auf die Geräusche draußen konzentriert. Wenn sie zurückkamen, musste er vor ihnen auf der Straße sein.

«Die da, junger Mann! Was kostet die?» Die Frau wedelte mit einer Karte vor seinem Gesicht herum.

«Eins zwanzig mit Kuvert.» Sie kaufte endlich, es war zwei Minuten nach halb sieben. Als Bert den Laden abschließen wollte, kam die Aurich. Sie schwankte leicht, lachte und streifte ihn im Vorbeigehen. Sie hatte getrunken, das war günstig. Bert rannte hinaus und holte die letzten Papierpakete herein. Die Alten stritten im Hinterzimmer. Er zog seine Felljacke an und ging hinaus. «Ich muss zum Zahnarzt», sagte er, sie schrien sich an, und er kam auf den Hof hinaus, ohne aufgehalten zu werden.

Vor der Hintertür des Delikatessladens fegte das Lehrmädchen Abfälle und Papierreste zusammen, ihr weißer Kittel leuchtete in dem schmalen Lichtstreifen. Sie warf ihm einen Blick zu, murmelte etwas und kicherte vor sich hin. Bert ging zu der Honda, schloss sie auf, wischte mit dem Ärmel den Sattel trocken und trat auf den Starter. Der Motor kam sofort. Es war ein gutes Geräusch. Ein starkes Dröhnen, das den ganzen verdammten Hinterhof bis in die letzte Ecke hin ausfüllte. Bert stieg auf und fuhr los. In dem Augenblick, als er saß und das starke Vibrieren unter sich fühlte, war alles andere verschwunden. Auch die Angst.

2

Sie huschte zwischen der Küche und dem Esszimmertisch hin und her, brachte Schüsseln, füllte die Gläser, lief noch einmal zurück, weil sie die Servietten vergessen hatte.

Es fiel ihm immer schwerer, sie Mutter zu nennen. «Setz dich doch endlich hin», sagte er. Sie lächelte verwirrt, setzte sich, sprang aber sofort wieder auf, weil der Soßenlöffel fehlte.

«Es gibt nur Spaghetti, hoffentlich schmecken sie dir», sie legte ihm viel zu viel auf den Teller, «ich hatte keine Zeit, der Chef fliegt morgen nach London», sie schwieg einen Augenblick, weil sie sich darauf konzentrieren musste, keine Soße zu verkleckern, das handgewebte Tischtuch kam frisch aus der Wäsche. «Und wie war’s bei dir? Erzähl doch mal!» Sie redete weiter, ohne auf eine Antwort zu warten. Obwohl sie erst kurz vor ihm heimgekommen war, hatte sie es geschafft, das Essen fertig zu machen, eine Kerze auf dem kleinen Tisch anzuzünden und den Tisch zu decken. Er aß nur aus Höflichkeit. Zwischen ihnen stand eine kleine Vase mit Strohblumen. Seit er nicht mehr in die Schule ging, gab es abends Wein mit Mineralwasser. Er war schließlich so gut wie erwachsen. «Ich finde es trotzdem jammerschade, dass du die Oberschule nicht fertig gemacht hast», sagte sie plötzlich etwas zusammenhanglos, bemerkte seinen Blick und lächelte. «Schon gut, wir wollen nicht mehr darüber sprechen. Du weißt ja, was du tust.» Dann redete sie wieder von ihrem Tag im Büro.

Sie sah nicht schlecht aus für 36. Große dunkle Augen, braunes Haar, schlank. Nur dieser Zug um den Mund, vor allem, wenn sie lächelte, verzagt, ja, das war das Wort, sie wirkte immer verzagt. So mit elf, zwölf Jahren hatte es ihm Spaß gemacht, sie so lange zu reizen, bis sie weinte, bis sie den Mund so verzog, den einen Winkel halb nach unten, der andere wie bei einem Lächeln gehoben, und dann nachgab, egal, was er wollte. Das war lange vorbei. Jetzt tat sie ihm irgendwie Leid, aber er wollte es nicht mehr mit ansehen. Er stand auf, sie brach mitten im Satz ab. «Willst du noch weg?»

«Weiß nicht.» Er ging zur Tür. Sie sah hilflos von der halb vollen Schüssel zu ihm und wieder zum Tisch zurück.

«Es gibt heute einen ganz guten Film im Fernsehen, ich dachte, wir könnten ihn uns vielleicht …» Sie sprach nicht weiter, er sah die aufgeschlagene Fernsehzeitung auf dem Sofa, das sie nachts als Bett benutzte, hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, wusste aber nicht was und ging hinaus.

Sein Zimmer war sehr klein, aber er hatte es optimal eingerichtet. Die Bücherregale hingen an Stahlschienen über der Arbeitsplatte, auf der ein halb fertiger Radioapparat stand, die Werkzeuge waren in den Fächern darunter. Ein schmaler Schrank, eine Liege und das Brett mit der Stereoanlage. Er legte eine Wilson-Pickett-Platte auf und warf sich auf die Couch. Die Musik wirkte nicht. Er war unruhig, ohne zu wissen warum. Normalerweise hätte es ihm nichts ausgemacht, allein zu sein. Er hätte gelesen oder an dem Receiver gearbeitet oder vielleicht sogar mit ihr ferngesehen. Heute war es anders. Er hatte keine Lust, etwas zu tun, und er hatte auch keine Lust, nichts zu tun. Die Musik irritierte ihn, aber als er sie leiser stellte, konnte er das provozierende Geklapper in der Küche hören. Er stand auf und ging hinaus. Als er die Felljacke vom Haken nahm, rief sie ihn: «Bert?» Das Klappern verstummte, er antwortete nicht, zog nur leise die Tür auf und hinter sich wieder zu. Er wusste, dass sie ihn gehört hatte. Und er wusste auch, dass sie morgen versuchen würde, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Sie würde ihn nur ansehen, mit diesem verzagten Zug um den Mund. Er hatte ein schlechtes Gewissen, merkte, wie es in Wut umschlug, schämte sich und wurde noch wütender. Das Treppenhaus war frisch gestrichen. Er stieß mit aller Kraft den Schuhabsatz gegen den Putz, vergaß aber, dass er nicht die Stiefel, sondern noch die alten Tennisschuhe anhatte, und das Einzige, was er erreichte, war ein schwarzer Streifen auf der Wand und ein ziemlich gemeiner Schmerz in seinem Knöchel.

Die Honda stand zwischen dem Fahrradständer und den Garagen, und schon ihr Anblick und die Vorstellung, jetzt mit ihr durch die Stadt zu fahren, beruhigte ihn. Als er die Plastikplane, mit der er sie nachts immer abdeckte, zurückschlug, hörte er das Wispern. «Psst!», dann war es wieder still. Bert wartete. Diesmal schien es eine andere Stimme zu sein, die etwas flüsterte. Was, konnte er nicht verstehen.

Jemand kicherte unterdrückt, dann kam wieder das «Psst!». Sie waren auf der anderen Seite des Platzes mit den Garagen, deren Rückwand den Hof zum Nachbarblock abgrenzte. Bert ließ die Plane los und ging leise zum Fahrradständer hinüber. Die Stimmen wurden jetzt etwas lauter, blieben aber unverständlich. Aber das Kichern hatte wie Sanne geklungen. Vorsichtig packte er die Mauer, suchte mit einem Fuß Halt auf dem Ständer und zog sich langsam hoch. Die Fahrräder klirrten etwas, Bert verlagerte sein Gewicht, stemmte sich von der Mauer ab und zog sich auf das Garagendach hinauf. Einen Augenblick lang blieb er reglos liegen, dann robbte er langsam zum Rand hoch. Wieder kicherte jemand, und diesmal konnte er Sanne deutlich erkennen. Er lag jetzt auf dem Bauch, sein Kopf war nur ein paar Zentimeter von der Kante entfernt. Er hob ihn an.

Dieser Hof war das Dach einer Tiefgarage, an deren Einfahrt eine Lampe brannte, die das Ganze in ein geisterhaftes grünliches Licht tauchte. In der Mitte und an den Mauern entlang hatte man den krampfhaften Versuch gemacht, einen Hinterhof grün zu gestalten. Eingefasst von dicken Betonquadern, kümmerten ein paar Bäume und Büsche zwischen Abfällen und Zigarettenkippen vor sich hin. In diesem Licht und ohne Laub wirkten sie wie Drahtkonstruktionen einer modernen Bühnendekoration. Die Neubauten zeigten erste Verfallserscheinungen, der letzte Winter hatte dunkle Flecken auf dem popgelben Verputz hinterlassen, und die meisten der Balkons wurden entgegen der Vorschrift des Verschönerungsvereins zum Wäscheaufhängen und Gerümpelabstellen benützt. Zur Straße hin stand ein Protzbau aus den zwanziger Jahren, in dem sich Büros befanden und dessen Arkaden einen seltsamen Kontrast zu der Garageneinfahrt bildeten. An der Ecke war ein Fahrradgeschäft, dessen Schaufensterbeleuchtung, das wusste Bert, um zehn Uhr ausgeschaltet wurde. Offenbar war es schon nach zehn.

Sie waren schräg unter ihm. Gig lehnte an der Mauer, einen Fuß auf einen der Betonquader gestützt, neben dem Fuß hockten Sanne und Isa; Frank, Wappo und Dimmi standen mit dem Gesicht zur Garagenmauer, wenn sie hochsahen, konnten sie ihn entdecken. Bert wich wieder zurück.

«Nein, ihr kommt nicht mit», sagte Gig leise, «ihr wartet im Waschkeller!» Es klang wie ein Befehl, und es kam auch kein Widerspruch. «Frank, Wappo und ich gehen rein, Dimmi wartet draußen.»

«Wir brauchen was zum Tragen.» Das war Wappo.

Dimmis Stimme klang hell vor Eifer: «Ich hab einen Campingsack.»

«Dann hol ihn», sagte Gig, und Sanne kicherte: «Und dann wird gefeiert!»

«Psst!» Es war nicht zu erkennen, von wem das kam, aber als Wappo weitersprach, war seine Stimme kaum noch zu verstehen: «Mann, und das direkt vor der Haustür!»

«Okay, in einer halben Stunde. Im Fernsehen läuft ein Krimi, das macht genug Krach, los!»