Bloodhound - Felix A. Münter - E-Book
Beschreibung

Carter ist käuflich. Bei einem Auftrag verschlägt es ihn in den Kongo, wo er eine entführte Geisel ausfindig machen soll, um sie in Sicherheit zu bringen. Das Zeitfenster für diesen Auftrag beträgt sieben Tage. Nach ersten Recherchen wird Carter jedoch klar, dass das kein einfacher Fall wird, da so ziemlich jeder im Kongo die Zielperson hätte entführen oder töten können. Allerdings muss jemand, der so viele Feinde hat und für den trotzdem Carter angeheuert wird, mächtige und reiche Verbündete haben. Auftrag ist Auftrag. Und das, was das Bankkonto füllt, ist richtig.   Carter ist übrigens nicht mein richtiger Name.   Weitere aktuelle Titel von Felix  A.  Münter:    Die Carter-Akten (Thriller-Serie): - Mercenary - Hunter - Hijacker - Bloodhound - Hitman - Lone Wolf - Hardliner Dynastie (Episches Fantasy Drama): - Königsretter - Königsfreund - Königsbote Westrin (High-Fantasy-Saga): - Kaisersturz - Exil - Schicksal - Kaisergardist - Legionär - Phoroi Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Ann-Kathrin Karschnick): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow  - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Troubleshooter (Weird Horror Western Serie): - Das Aufgebot - Jäger und Gejagte - Ein Funken Wahrheit Archon (Science Fiction Serie): - Vermächtnis - Höhere Macht - Per Aspera - Eingungskrieg - Ad Astra Einzelbände: Der kleine König - High Fantasy  All about the Money - Thriller Vita - Steampunk-Thriller Prepper - Endzeit-Thriller Nulllinie - Thriller  

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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

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ISBN 978-3-95962-613-2

www.papierverzierer.de

Für Katharina;

die mich auf diesem Abenteuer so wunderbar begleitet.

Ich liebe dich.

Inhaltsverzeichnis
Bloodhound (Die Carter-Akten 4)
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Felix A. Münter

T minus 142 Stunden

Kapitel I

Was ist richtig und was ist falsch? Die Frage ist schnell beantwortet: Das, was meinen Kontostand füllt, ist richtig. Der Dollar ist eine wunderbare Erfindung, denn er macht Personen wie mir das Leben so wunderbar einfach. Die einzige Frage, nach der ich mich richte, ist, was mir meine Taschen mehr füllt.

Auf welche Weise ich vom Schlachtfeld ziehe, ist dabei nicht ganz so wichtig. Ich muss es lebend verlassen, das ist klar. Aber wer mich dabei freiwillig oder unfreiwillig entlohnt, spielt keine Rolle. Jeder hat das Recht, einem Söldner wie mir ein besseres Angebot zu unterbreiten. Vorzugsweise in der wunderbaren Erfindung der Dollars.

Das Brummen der Motoren war allgegenwärtig, drang ins Innere der Maschine und sorgte dafür, dass man kaum das eigene Wort verstehen konnte. Wollte man sich unterhalten, so hätte man schreien müssen. Umso dankbarer war ich, dass die anderen Passagiere nicht auf die Idee kamen, Smalltalk zu betreiben. Sie saßen vereinzelt auf den verschlissenen Sitzen in den verwaisten Reihen und waren mit sich selbst beschäftigt. Einige lasen vergriffene Zeitschriften, andere starrten auf die Displays ihrer Smartphones. Mehrfach übertrug sich das Vibrieren der Triebwerke bis in die Kabine und ließ die Gäste irritiert und ängstlich aufschauen. Ebenso oft machte das Flugzeug einen unerwarteten Satz nach oben oder nach unten. Die Maschine befand sich in einem so desolaten Zustand, dass sie in den zivilisierteren – den westlichen – Teilen der Welt keine Zulassung mehr bekommen hätte. Zu groß die Gefahr und zu laut der Aufschrei bei einem Unfall. Hier in Zentralafrika hatten westliche Standards jedoch keinen Wert. Die Propellermaschine tat ihren Dienst und funktionierte – für die Betreiber und die Bewohner der Region kam es nur darauf an. Ein funktionierendes Flugzeug wegen Sicherheitsbedenken oder etwaiger Mängel stillzulegen, konnte man sich hier nicht leisten.

In der Kabine fiel ich auf wie ein bunter Hund. Insgesamt gab es etwa ein Dutzend Gäste und abgesehen von einem Hellhäutigen – einem Mann mit verfilztem Bart, wettergegerbter Haut und Kleidern, die von der Sonne ausgeblichen waren – handelte es sich bei den anderen Passagieren um Afrikaner. Zwangsläufig kam ich mir daher wie ein Fremdkörper vor, schon beim Einstieg hatte ich die Blicke der Versammelten auf mir gespürt. Vielleicht war es jene Form von Rassismus, über das Menschen mit anderen Hautfarben im Westen klagten: Allein die Blicke reichten, um ihnen das Gefühl zu geben, nicht willkommen zu sein. Ich stand darüber, denn das Gefühl kannte ich durch unzählige Aufträge und Kriegseinsätze, und verhielt mich professionell genug, um mich von fremden Reisenden nicht in die Enge treiben zu lassen – aber ich nahm es wahr. Und wenn es mir jetzt schon auffiel, wie würde es dann erst an meinem Zielort werden?

Ich nahm einen Schluck aus der Wasserflasche, presste die Flüssigkeit zwischen den Zähnen hindurch und verzog das Gesicht. Das Wasser hatte längst die Schwüle der Kabinenluft übernommen. Ein zweiter Schluck – dann widmete ich mich wieder dem Tablet auf meinem Schoß. Die Datei war ich bereits auf dem Flug von Denver nach Kapstadt durchgegangen und erneut auf dem Transfer von Kapstadt nach Kinshasa. In Ermangelung eines besseren Zeitvertreibs widmete ich mich noch einmal dem, was vor mir lag.

Ein Mann, dessen Name ich nie zuvor gehört hatte, war der Grund, warum es mich in den Westen der Demokratischen Republik Kongo verschlug: Lionel Okoye. Den Anfang der Datei machten mehrere Aufnahmen des Mannes. Ein Afrikaner Ende fünfzig mit breitem Gesicht und hoher Stirn. Auf den Fotos machte er einen gepflegten Eindruck, seine wachen Augen sprühten vor Intelligenz. Kein Wunder, hatte er doch eine universitäre Ausbildung in Europa und Asien genossen. Okoye erschien mir wie ein Macher, ein Mann, der es zu Reichtum gebracht hatte – und irgendwie wichtig für meine Auftraggeber war.

Wer meine Auftraggeber waren? Das war gar nicht mehr so einfach abzusehen. Die meisten der Geschäfte laufen über Mittelsmänner, tatsächlich hat sich eine ganze Branche daraus entwickelt, in der schmierige, aalglatte Berater ihren Klienten Dienste von Leuten wie mir vermittelten. Eine Entwicklung, die mir nicht zwangsläufig gefiel, an der ich aber auch nicht viel ändern konnte. Letztlich war sie ein Ergebnis der allgegenwärtigen Paranoia, die es in meiner Branche gab: Die Kontraktpartner wussten voneinander so wenig wie nötig, womit der Anschein erweckt wurde, sich im Falle eines Falles nicht schaden zu können.

Wie auch immer. Ich hatte den Kontrakt auf Vermittlung eines Italieners hin angenommen. Unsere Wege hatten sich vor einigen Jahren im Raucherbereich einer Waffenmesse gekreuzt. Veranstaltungen, auf denen man nicht erscheint, um sich die neusten Würfe der Hersteller anzusehen (denn von denen erfährt man so oder so), sondern um Networking zu betreiben. Man baut sich Kontakte auf, bleibt im Gespräch und lässt seine Karte bei den richtigen Leuten. So kam es, dass besagter Italiener mich kontaktierte, und eins führte zum anderen. Lionel Okoye schien seit anderthalb Tagen wie vom Erdboden verschluckt zu sein – und sein Verschwinden brachte meine Auftraggeber auf den Plan. Auf den Fotografien sah Okoye so aus, als ob er reiche und einflussreiche Freunde hatte, auch wenn mir das nicht den geringsten Hinweis darauf gab, warum sein Verschwinden von so großer Bedeutung war, um mich auf ihn anzusetzen. Er sah aus wie eine Mischung aus hochrangigem Politiker und Wirtschaftsoligarch – und wahrscheinlich lag ich mit dieser Vermutung sehr richtig. Die Akte selbst gab dazu wenig her, und wenn ich ehrlich war, spielte es auch keine Rolle. Mein Job bedeutete nun mal, dass ich immer wieder mit zwielichtigen Gestalten zu tun hatte, mit Leuten, die Gesetze nach ihrer eigenen Auffassung auslegten oder ganz auf der falschen Seite standen. Das gehörte nun einmal dazu.

Okoye lebte in Boma im westlichen Kongo – und das war das Ziel. Bald würde ich erfahren, warum er so wichtig für meine Auftraggeber war. Denn die hatten mir 160 Stunden gegeben, um ihn zu finden. Ein enges Zeitfenster.

***

Boma ist eine der wichtigsten Hafenstädte der Demokratischen Republik und liegt etwa hundert Kilometer von der Mündung des Kongo in den Atlantik entfernt. Es handelt sich keinesfalls um ein verschlafenes Nest, gleichwohl die Stadt nicht mit den großen Metropolen des Westens konkurrieren kann. Mit 350.000 Einwohnern kocht im Ort förmlich das Leben. Spricht man mit jemandem, der in den westlichen Staaten groß geworden ist, über Afrika, so wird schnell deutlich, dass sich in seinem Kopf ein bestimmtes Bild von Afrika festgesetzt hat. Das verwundert nicht, denn die Medien haben in den vergangenen Jahrzehnten ein Bild kultiviert, das kaum ferner der Realität sein könnte. Seit dem Ende des Kolonialismus jedenfalls hatte sich der Kontinent bewegt und verändert, war mit roher Energie gewachsen. Im Grunde unterschied Boma wenig von anderen Städten mit ähnlich großer Einwohnerzahl anderswo auf der Welt.

Die Sitten hingegen waren natürlich rau, aber das ist eine Frage der persönlichen Einstellung. Für jemanden aus Europa oder den Staaten musste das Leben in Boma wie ein Kulturschock vorkommen, für jemanden von meinem Schlag hingegen eher ein gewöhnlicher Umgangston. Es gab wild hupende Autofahrer in Rostkarren, die nur mit Klebeband zusammengehalten wurden, Straßenhändler und Radfahrer, Motorrad- und Rollerfahrer, die sprichwörtlich keine Gefangenen machten und jeden umfuhren, der ihnen im Weg stand. Der ganz normale Wahnsinn also und nicht anders als zur Rushhour in New York, Boston oder Los Angeles. Dass die Demokratische Republik dabei war, sich zu entwickeln, erkannte man allein an den immer wieder auftauchenden Autos auf den Straßen, die gut und gerne in eine amerikanische Vorstadt gepasst hätten.

Während der Kolonialzeit war Boma ein wichtiger Stützpunkt der Belgier gewesen und das sah man dem Ort noch immer an: Überall gab es noch Bauten aus der Kolonialzeit. Man pflegte diese Bauwerke nicht, man tat mit ihnen das, für was sie bestimmt worden waren: Man lebte in ihnen. Zwischen diesen Bauten wuchsen neuere Gebäude in die Höhe, einige aus Betonteilen, andere aus Wellblech. Das Stadtbild war eine einzigartige Mischung, ein architektonisches Potpourri mit breiten Straßen und schmalen Gassen, mit engen Höfen und weiten Plätzen, auf denen sich die Händler drängten. Die Elektrifizierung der Stadt war ad hoc vorgenommen worden, zwischen den Gebäude spannten sich die Kabel und erinnerten zuweilen an viel zu groß geratene Spinnennetze.

Vom Flughafen aus hatte ich ein Taxi genommen und saß nun auf dem aufgeschlitzten Ledersitz in der brütenden Hitze, während die Stadt an mir vorbeizog. Aus dem Radio dudelte laute und schrille Musik, mein Fahrer – ein älterer Kerl mit dicken Tränensäcken und Glatze – war mit Fluchen, Hupen und halsbrecherischen Fahrmanövern beschäftigt und hatte daher keine Zeit, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Einen Teil seiner Flüche verstand ich, den anderen Teil nicht. Amtssprache des Kongos war Französisch, was ich glücklicherweise gut genug sprach, um mich zurechtzufinden. Doch im riesenhaften Staat wurden zahlreiche andere Sprachen und Dialekte gesprochen, von denen ich keine Ahnung hatte. Meine Hoffnung war also, mich mit Französisch durchschlagen zu können.

Die Sache war einfach: Zuerst brauchte ich ein Hotel, dann war es an der Zeit, mich um die Ausrüstung zu kümmern. Ich war mit leichtem Gepäck – bestehend aus einer Reisetasche mit Klamotten, zwei Smartphones, einem Tablet und einer beachtlichen Summe Bargeld aufgebrochen. Selbst in ein Land wie dem Kongo konnte man nicht so ohne weiteres mit einer Waffe im Gepäck hineinfliegen. Ein Risiko, das ich aber auch gar nicht eingehen musste. In seiner jungen Geschichte der Unabhängigkeit war der Kongo von mehreren Konflikten erfasst worden, ein Umstand, der eine Menge Waffen ins Land gespült hatte, die wiederum ihren Weg auf die Schwarzmärkte gefunden hatten. Mit dem richtigen Kleingeld und der entsprechenden Expertise war es daher einfach, das richtige Arbeitsgerät zu beschaffen. Und ich verfügte über beides.

Der Fahrer lenkte das Taxi an einem Unfall mitten auf einer Kreuzung vorbei. Während die Halter der drei Wagen, die sich ineinander verkeilt hatten – aus dem Motorraum eines Geländewagens stieg sogar Rauch auf – wütend aufeinander einschrien, floss der Verkehr um sie herum weiter, als ob nichts gewesen wäre. Es war eine Insel der Wütenden im drückenden Straßenfluss von Boma. Einige Minuten später hielt er vor einem alten, dreigeschossigen Kolonialbau und begann wild zu gestikulieren. Ich hatte das Gefühl, dass nur jedes zweite Wort, das seine Lippen verließ, französisch war, doch ich glaubte zu verstehen, dass er mich zum besten Hotel der Stadt gebracht hatte. Ein schneller Blick aus dem Fenster bewies mir, dass Bewertungskategorien relativ waren, ob das beste Hotel in Boma überhaupt über fließendes Wasser verfügt, konnte ich nicht sagen.

Jedenfalls drückte ich ihm mehrere Scheine in die Hand, krallte mir meine Reisetasche und stieg aus. Ich zahlte in harten US-Dollar. Zwar verfügte die Demokratische Republik über eine eigene Währung, aber mit der war es wie mit allen Währungen in Krisenherden: Sie war schlichtweg nichts wert und viel zu instabil. Beim Dollar war das anders, und er wurde überall auf der Welt akzeptiert. Vor meinem Abflug aus Denver hatte ich mich einmal über die aktuellen Tauschkurse informiert und hatte mich schon aus pragmatischen Gründen dafür entscheiden, beim US-Dollar zu bleiben. Wer wollte schon Berge an Geldscheinen mit sich herumschleppen?

Mir war aber auch klar, dass ich damit Begehrlichkeiten weckte. Das Land gehört immerhin zu den ärmsten der Welt. Und ein Amerikaner, der dicke Dollarbündel in der Tasche herumtrug, war bestimmt für viele ein lohnendes Ziel. Ein Grund mehr, warum ich schnell an eine Schusswaffe kommen musste.

Das Hotel – die meisten Lettern seines Namens waren verblichen, so dass man gerade noch mit Wohlwollen Belle an der Fassade lesen konnte, das zweite Wort war nicht zu entziffern – hatte definitiv schon bessere Zeiten gesehen, und diese lagen bestimmt fünf oder sechs Jahrzehnte zurück. Der Eingangsbereich war düster, die Tapeten teils in Bahnen von den Wänden gefallen (dahinter das rohe Mauerwerk), der Boden stumpf und das Holz abgegriffen und zerkratzt. Dennoch dünstete der Eingangsbereich den Charme längst vergangener Zeiten aus: Es war gut vorstellbar, dass es sich in einer anderen Epoche wirklich einmal um die beste Adresse der Stadt gehandelt haben musste. Von diesem Glanz war nicht mehr viel übrig, der imposante Brunnen in der Mitte der Halle hatte seit Jahren kein Wasser mehr gesehen. Die Decken waren hoch und liefen zu Kuppeln zusammen, auch von ihnen war der Putz längst abgeplatzt, die Farben der eins aufwändigen Malereien darauf verblichen. Aus Richtung Tresen – eine Monstrosität jener Tagen, an denen es viel Publikumsverkehr gegeben hatte, jetzt zugestellt mit zahlreichen Topfpflanzen, von denen die meisten vertrocknet zu sein schienen – plärrte die blecherne Musik eines alten Radios.

Dahinter, versunken in ein altes Buch voll fleckiger Seiten, saß ein vermutlich genauso alter Mann. Er trug eine Uniform, wie sie in die Hotels der 50er und 60er Jahre gehörte, der Stoff verblichen und viel zu oft geflickt, die einst strahlenden Knöpfe matt und stumpf, sein kurzes, krauses Haar beinah schneeweiß. Ich vermutete, dass der Mann die achtzig Jahre längst erreicht hatte.

Als er mich erblickte, schnellte er in die Höhe, setzte sich eine schiefe Brille auf und blinzelte einige Male, bevor er eine Verwandlung durchlief. Ein Gast – und noch dazu ein weißer – schien ungeahnte Kapitel seines Wissens wieder hervorzurufen, und trotz seiner alten Uniform und seines Alters wirkte er sogleich dienstbeflissen. Wahrscheinlich hatte er schon in jungen Jahren in diesem Hotel gearbeitet, seinen Niedergang erlebt und wurde jetzt an die goldene Vergangenheit erinnert.

»Guten Tag«, grüßte ich.

»Guten Tag, Monsieur. Willkommen im Belle Époque.«

Damit war auch klar, was das zweite Wort bedeutete, das ich nicht hatte entziffern können. Ich lächelte freundlich.

»Ich brauche ein Zimmer.«

»Natürlich, Monsieur.« Er nickte, doch es erinnerte mehr an eine Verbeugung, und sogleich blätterte er im Gästebuch. »Zimmer oder Suite?«

»Macht das einen Unterschied?«

»Natürlich«, versicherte er mir.

»Außer im Preis.«

»Sie belieben zu Scherzen, Monsieur?« Er bekam es hin, die Nase zu rümpfen und die Lippen zu kräuseln, wie ich es sonst nur von englischen Butlern kannte. »Ein eigenes Badezimmer, das beste Frühstück der Stadt und ein Telefonanschluss.«

»Bad und Telefon funktionieren auch?«

»Monsieur, das Belle Époque ist das beste Hotel in Boma. Ich verstehe, dass Sie Vorbehalte haben, aber wir haben auch einen Ruf.«

»Entschuldigen Sie.« Ich winkte ab. »Ich wollte nur einen Scherz machen. Kam nicht an, wie?«

»Wir sind immer zu Scherzen aufgelegt, nicht aber, wenn es um den Ruf des Hauses geht.«

»Verständlich. Nun, was kostet es mich denn?«

»In welcher Währung wollen sie zahlen?«

»US-Dollar.«

Für den Bruchteil einer Sekunde verlor er die Fassung und ich konnte die Dollarzeichen förmlich in seinen Augen leuchten sehen. Er hatte verstanden, dass er hier einen fetten Fisch an der Angel hatte und kurz davor stand, ein gutes Geschäft zu machen. Doch er hatte sich schnell wieder im Griff.

»Ein Dollar das Einzelzimmer, zwei Dollar die Suite.«

»Gut.« Ich griff in meine Tasche und zog ein Geldbündel hervor. Dabei kam ich nicht umher, die Reaktion des Mannes zu bemerken. Das Bündel bestand aus vielen kleinen Scheinen, war für sich genommen aber wahrscheinlich mehr Bargeld, als der Portier in einem Jahr verdiente. Ich zückte drei Fünfer und legte sie auf den Tresen. Zwei schob ich ihm gleich hinüber. »Ich nehme die Suite. Für fünf Tage.« Dann tippte ich mit dem Zeigefinger auf den dritten Schein. »Und der hier ist für Sie.«

»Sehr großzügig«, brachte der alte Portier hervor und schnappte nach Luft.

»Schätze, es ist gut angelegt. Wenn Sie jetzt so gut wären, mir mein Zimmer zu zeigen? Und danach müsste ich in die Stadt. Ein paar … Besorgungen machen.«

Unsere Blicke trafen sich und an seinen Augen konnte ich sogleich absehen, dass er instinktiv wusste, in welche Richtung die Besorgungen gehen würden. Er nickte höflich und strich das Geld ein.

»Auch da werden wir Ihnen helfen können, Monsieur.«

***

Auch wenn der Name anderes vermuten ließ, der marché central in Boma war nur einer von mehreren Märkten im Stadtgebiet – und es war nicht einmal der größte. In Sichtweite des Kongos erstreckte sich der Marktplatz auf Teilen längst aufgegebener Hafenanlagen und wucherte zwischen alten Lagerhallen und Ruinen aus der Kolonialzeit. Ein unüberschaubarer Ort, an dem man fast alles bekommen konnte, was das Herz begehrt. Neben Dingen des täglichen Bedarfs, die ganz offen präsentiert wurden, gab es auch einen regen Schattenmarkt, auf dem Imitate aller namhaften Produkte aus der westlichen Welt zu finden waren. Vielen Imitaten sah man ihre stümperhafte Fertigung an und am Handel störte sich kaum jemand. Wahrscheinlich drückte auch die örtliche Polizei ein Auge zu, solange sie am Profit beteiligt wurde. Doch ich suchte andere Angebote des Schwarzmarkts. Auch hier entwickelten die Menschen aus Zentralafrika einen fast schon beunruhigenden Umgang à la laissez-faire: Fast jeder hatte unter dem Ladentisch Waren, mit denen er eigentlich nicht handeln durfte. Wahrscheinlich reichte sogar meine Hautfarbe, um den Einheimischen zu signalisieren, dass ich kein Spitzel der Polizei war. Von dubiosen Medikamenten zu Spottpreisen über Drogen aller Art überbot man sich. Offensichtlich hielt man mich für einen Touristen, der auf der Suche nach dem besonderen Kick war. Marihuana hatte dabei eine lange Tradition in dem Land und rangierte – so hatte ich gelesen – in einigen Regionen mit der Wertigkeit harter Währungen. Ich arbeitete mich weiter, vorbei an Ständen voller Hehlerware und an einem Basar, auf dem Menschen zum bestmöglichen Preis versteigert wurden. Für diejenigen, die in der Sicherheit des Westens aufwachsen, wo es alles gibt und Stabilität nicht nur ein Traum, sondern Realität ist, sind die Zustände in anderen Teilen der Welt kaum vorstellbar. Die Armut im Kongo jedenfalls zeigte sich so wie überall anders auf der Welt auch: Es gab eine Klasse von Menschen, die etwas besaßen und durch rigorose Ausbeutung der Ärmeren und Machtlosen immer reicher wurde. Dazu gehörte eben auch der Menschenhandel. Die Verkaufsgespräche wurden in einem fremden Dialekt geführt, so dass ich nicht sagen konnte, ob es sich um tatsächlichen Sklavenhandel handelte oder Menschen hier für abstruse und perverse Fantasien feilgeboten wurden.

Ich brauchte etwa eine Stunde, bis ich die richtigen Stände gefunden hatte. Die Verkäufer dort verhielten sich zunächst skeptisch, als ich jedoch durchblicken ließ, dass ich über genug Geld verfügte, um sie alle zu reichen Männern zu machen, überschlugen sie sich mit Angeboten. Auf dem marché central gab es ein reichhaltiges Angebot an Faustfeuerwaffen, Gewehren, Schnellfeuerwaffen und Sprengstoff. Munition bis zum Abwinken, wer wollte, konnte sogar Granatwerfer bekommen. Dieser ruhige Teil des Marktes drängte sich um zwei alte Lagerhallen am südlichen Rand des Geländes. Die Händler machten grimmige Gesichter, die Blicke zugleich einschüchternd und aufmerksam. Niemand war so dumm, hier für Chaos zu sorgen oder dachte ernsthaft an einen Überfall. Es ist einfach eine selten dämliche Idee, jemanden ausnehmen zu wollen, der über Kalaschnikows und mehr als ausreichend Munition verfügte, um eine Kleinstadt in Schutt und Asche zu legen.

Unter den Blicken der Händler schlenderte ich von Stand zu Stand, wohlwissend, dass ich eine Eskorte bekommen hatte. Einige Meter hinter mir gingen zwei breitschultrige Bewaffnete, die sich keine Mühe gaben, ihr Vorhaben zu verbergen. Wer sie geschickt hatte oder warum, war ein Geheimnis, und ich wusste, dass ich erst eine Antwort darauf bekommen würde, wenn es zu spät wäre. Ich besah mir die Angebote, ohne dabei groß in Kontakt mit den Anbietern zu kommen. Die Sache ist einfach: Wer Waffen kauft, der will letztlich keine langen Verkaufsgespräche. Wer es bis auf diesen Teil des Markts geschafft hatte, dem mussten die Vorzüge eines Sturmgewehrs nicht angepriesen werden. Er wusste sehr genau darüber Bescheid.

Auch wenn ich hier alles bekommen konnte, so suchte ich in erster Linie eine Handfeuerwaffe. Schon möglich, dass ich im späteren Verlauf viel größere Kaliber brauchen würde, doch es erschien mir klüger, in dem Fall zurückzukommen, statt mit einer automatischen Waffe durch Boma zu reisen. Jedenfalls wurde auch auf dem Tisch eines kleinen Händlers fündig, dessen rechter Unterschenkel aus einer klobigen Prothese bestand. Teile seines Körpers waren übel zugerichtet, vernarbt und ich hatte keinen Zweifel daran, dass die Prothese ein Andenken des Bürgerkriegs war. Er ließ mich nicht aus den Augen, rauchte seine Zigaretten und schwieg, während ich eine Pistole nach der anderen in die Hand nahm.

Ich ließ mir Zeit, prüfte die Mechanik der Waffen, besah mir die Läufe und den Allgemeinzustand. Spätestens jetzt musste auch dem letzten Beobachter klar geworden sein, dass ich Ahnung hatte. Ich wählte zwei Pistolen, beides FN Browning HP und legte sie zur Seite. Eigentlich bevorzuge ich – teils aus sentimentalen Gründen, teils aus Gründen der Mannstoppwirkung und der Verlässlichkeit – den Colt M1911, doch die einzigen zwei Fabrikate, die ich in den Auslagen gefunden hatte, waren mangelhaft. Daher also Waffen aus einer französischen Waffenschmiede. Die Browning HP wird seit den 1930ern produziert und immer noch auf der ganzen Welt eingesetzt – ein Indiz für ihre Verlässlichkeit. Sie war spürbar leichter und kürzer als der M1911, das Kaliber war, trotz des Namens (HP stand für High Power) kleiner. Dafür gab es statt sieben Schuss im Magazin des 1911er ganze dreizehn im Magazin der HP. Alles hatte vor und Nachteile. Während der Händler immer noch schwieg und rauchte, suchte ich mir ein Schulterholster und ein Beinholster aus und legte sie auf den Stapel, vervollständigte alles durch ein Dutzend leerer Magazine. Munition gab es an diesem Stand nicht, zumindest nicht offen. Als ich fertig war, nickte ich dem Einbeinigen zu.

»Wie viel?«

Er verzog die Mundwinkel und aschte in Seelenruhe ab, dann erst schien er in Augenschein zu nehmen, was ich in den vergangenen Minuten vor ihm aufgestapelt hatte.

»Wie willst du bezahlen?«

»Mit was kann ich bezahlen?«

Er schnalzte mit der Zunge und legte den Kopf schief, schien einen Augenblick abzuwägen und meinen Akzent abzuwägen. Dann schien er ihn erkannt zu haben.

»Dollar. US-Dollar.«

»Gut. Wie viel?«

Er zählte durch, nahm die Waffen und die Holster in die Hände und schien alles noch einmal zu prüfen.

»Fünfzehn für jede Pistole, fünf für die Holster und zehn für die Magazine.« Er sah mir ins Gesicht. »Fünfundvierzig.«

»Schätze, die Dinger sind vierzig wert und du machst dabei noch ein gutes Geschäft.«

»Vierzig? Dafür bekommst du da, wo du herkommst nicht einmal eine Waffe!«

»Wir sind hier in Boma. Ich werde bestimmt nicht die Preise zahlen, für die ich zu Hause eine Waffe bekomme«, antwortet ich. »Also. Was ist? Vierzig?«

»Zweiundvierzig!«

»Gut.« Eigentlich ging es mir nicht ums Geld. Aber nicht zu handeln sorgte auf dieser Art von Märkten erst recht für Probleme. »Wo bekomme ich Munition?«

»Auch bei mir«, grinste der Kerl und offerierte seine schiefen Zähne.

»Was für ein Zufall. Da hast du sicher auch einen Preis?«

Der Händler schob die versiffte Decke, mit der er seinen Tisch abgedeckt hatte an und schob mit seiner Krücke eine Holzkiste darunter hervor. Mehr Munition, als ich brauchte.

»Das ist zu viel«, stellte ich klar.

»Für acht Dollar kannst du die Magazine voll machen und bekommst noch einen Beutel oben drauf.«

»Meinetwegen.« Ich breitete die Hände aus. »Du sollst deine fünfzig Dollar bekommen.«

T minus 139 Stunden

Kapitel II

Licht und Schatten. Die Demokratische Republik Kongo mochte eines der ärmsten Länder der Welt sein, doch wie so oft galt das nicht für alle Einwohner. Während die Mehrzahl der Kongolesen in bitterer Armut lebte (von der man sich im Westen keine Vorstellung machen konnte), gab es auch einen kleinen Teil Privilegierter. Es verwunderte mich wenig, dass meine Zielperson genau zu dieser Kategorie gehörte. Im östlichen Teil von Buma, fernab des brodelnden Stadtzentrums, weit weg von den Elendsquartieren und Slums erstreckten sich die Viertel der Reichen. Solche Kontraste gibt es in jeder Metropole auf der Welt, aber in einem bitterarmen Umfeld sind die Übergänge vom Bodensatz zur Spitze der Gesellschaft nicht sanft, sondern krass und verstörend. Eine Mittelschicht scheint es schlichtweg nicht zu geben. Entweder man ist bettelarm – zumindest nach westlichen Vorstellungen – oder steinreich.

Die Informationen, die ich vor meiner Abreise aus Denver über Buma gesammelt hatte, ließen sich bestenfalls als spärlich bezeichnen, daher hatte ich kaum eine Vorstellung davon gehabt, was mich erwartete. Der Taxifahrer, in dessen Wagen ich am Rand des marché central stieg, vergewisserte sich dreimal, ob ich ihm die richtige Adresse gegeben hatte, und ich konnte an seinen Augen sehen, dass er es trotz meines Beharrens nicht glauben wollte. Schätze, wenn ich Afrikaner gewesen wäre, hätte er mich nicht einen Meter transportiert, doch meine Hautfarbe und das schnelle Wedeln einer Dollarnote sorgten dafür, dass er sich in Bewegung setzte. Auf der Fahrt nach Osten sprach er trotzdem nicht mit mir, und die Anspannung war greifbar. Er stellte das Radio leiser und starrte konzentriert auf den Verkehr. Je weiter wir vordrangen, umso mehr klärte sich das Straßenbild. Nicht nur, dass weniger Menschen unterwegs waren und der Verkehr – gerade nach westlichen Vorstellungen – geregelter funktionierte, auch die Bebauung veränderte sich. Die Kolonialbauten im schlechten Stil wechselten mit solchen, die aufwändig restauriert worden waren, dazwischen Häuser, die teils an moderne Innenstädte erinnerten. Ich kam nicht umher, eine starke Präsenz bewaffneter Kräfte auf den Bürgersteigen und an den Kreuzungen zu entdecken. Uniformierte, deren kalten Blicke und Schnellfeuergewehre für Ruhe sorgten. Ob es sich um Militärs, Polizisten oder private Sicherheitsleute handelte, konnte ich nicht feststellen.

Doch wir waren noch längst nicht am Ziel. Der Fahrer bog irgendwann auf eine asphaltierte Straße ein, die zu einem Areal führte, auf dem einzelne Villen auf weitläufigen Hügelketten standen. Hohe Mauern und Zäune schirmten die Anwesen von der Außenwelt ab und eine Umgebungsmauer umfriedete das gesamte Areal. Eine Gated Community