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Rose genießt ihr Single-Leben in vollen Zügen. Ständig stürzt sich die Fotografiestudentin in lockere Bettgeschichten, von denen niemand ein Happy End erwartet. Bis sie Connor trifft: Max' besten Kumpel – und einen ihrer One Night Stands. Rose versucht, auf Distanz zu bleiben, doch der gutaussehende Eishockeyspieler ist ein hoffnungsloser Romantiker, der längst beschlossen hat, ihr Herz zu erobern. Was als harmloser Flirt beginnt, entwickelt sich schon bald zu mehr. Bis Roses Ex-Freund auftaucht und droht, sie in einen Abgrund zu stürzen, aus dem sie sich eben erst so mühevoll befreien konnte.
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Seitenzahl: 537
Veröffentlichungsjahr: 2025
Sara West
Roman
Rose braucht niemanden. Schon gar keinen Mann. Das hat sie sich geschworen, nachdem es sie Monate gekostet hat, nach einer toxischen Beziehung zu heilen. Nun ist sie endlich die unabhängige Frau, die sich nie wieder bevormunden, niedermachen und verunsichern lassen wird, weshalb sie Beziehungen gegen One-Night-Stands und ernsthafte Gespräche gegen Humor eingetauscht hat. Als sie neben einem Fremden aufwacht, ist dies daher nichts Neues für sie. Vielmehr ist es ein Mittel, um sich selbst zu beweisen, wie viel Kontrolle sie wieder über ihr Leben hat, und um von den Männern die Bestätigung zu erhalten, die ihr hilft, sich nicht mehr wertlos zu fühlen. Jedoch hat sie nicht damit gerechnet, dass sie ausgerechnet diesen netten Mann auf Theas Geburtstagsparty wiedertrifft. Es ist Connor, Max‘ bester Freund und Eishockeyspieler bei den Black Bears.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Sara West beschloss nach ihrem Studium der Germanistik und Komparatistik, professioneller Bücherwurm zu werden. Seitdem arbeitet sie als Lektorin bei einem großen Publikumsverlag, wo sie tagtäglich in wunderbare Geschichten eintauchen und besondere Orte bereisen darf. Die »Rose Garden«-Trilogie ist ihr Debüt als Autorin.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2025 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Literaturagentur.
Redaktion: Christiane Branscheid
Covergestaltung: www.buerosued.de
Coverabbildung: www.buerosued.de
ISBN 978-3-10-492047-4
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[Hinweis]
[Widmung]
Playlist
Aberration
Abblenden
Breakaway
Negativräume
Blind Side Hit
Blaue Stunde
Brennweite
Change on the Fly
Fokus
Weißabgleich
Giveaway
Weitwinkel
Lagging
Schärfentiefe
Time-Lapse
Backdrop
Damals
Bokeh
Poke Check
Dithering
Stick Check
Bildrauschen
Walk the line
Stitching
Spearing
Moiré
True Color
Timeout
Vier Monate später.
Danksagung
Inhaltswarnung
Liebe Leser:innen, dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr hier eine Themenübersicht, die Spoiler enthalten kann. Ich wünsche euch das bestmögliche Erlebnis beim Lesen der Geschichte.
Eure Sara
Für M & L.
Weil ihr meine ganze Welt seid.
Known – The Dramatics
Colors – Halsey
How Bad Do U Want Me – Lady Gaga
Not Sad Anymore – Clara Mae
Little Did I Know – Julia Michaels
That’s So True – Gracie Abrams
Fall Into Me – Forest Blakk
Put A Little Love On Me – Niall Horan
Sink – Noah Kahan
that girl – Kenzie Cait
Enough of Me – Rachel Grae
Worst of You – Maisie Peters
fall for you anyway – Cassidi, badly
What’s With The Roses – NOTD, Kiiara
Daylight – Taylor Swift
last night’s mascara – Griff
Constellations (Piano Version) – Jade LeMac
do you really? – Lyn Lapid, Ruth B.
Midnights – Taylor Swift
Mess Is Mine – Vance Joy
broken – Jonah Kagen
It Is What It Is – Jamie Miller
you’d never know – BLÜ EYES
1 – Rose
Oder: Von mir und anderen Bild-Imperfektionen
Nachts war ich genug.
Wenn das Tageslicht verschwand und all die Geräusche mitnahm, stürzte ich mich in die Menge, tauchte unter in dem Gläserklirren, den Gesprächen und Bässen um mich herum. Immer, wenn ich in dem Beat eines Songs versank, der aus den Lautsprechern über unseren Köpfen floss, und das Licht auf meiner hellen Haut an Wassertropfen erinnerte, war es, als würde ich mich endlich frei bewegen können, schwerelos sein. Die Nacht war mein Safe Space, sie umhüllte mich wie ein aufregendes, funkelndes Kleid, das meine Ecken und Kanten kaschierte und stattdessen all das betonte, worauf ich stolz war. Ich genoss die zufälligen Berührungen, die eindeutigen Blicke und vieldeutigen Lächeln, die es mir wie Blitzlichter erlaubten, mich in ihrem Fokus zu sonnen und auf perfekte Art in Szene zu setzen.
Ich schenkte dem Typen, aus dessen Griff um meine Hüften ich mich befreite, einen flüchtigen Blick und signalisierte ihm mit einem Fingerzeig, dass ich mal verschwinden müsste. Sein »Aber geh nicht zu weit weg« an meinem Ohr quittierte ich mit einem unverbindlichen Lächeln – eines, das ich so lange vor dem Spiegel geübt hatte, dass es sich mittlerweile wie ein natürlicher Reflex anfühlte.
Nachdem ich mich abgewandt hatte, schlängelte ich mich zwischen unzähligen sich hin- und herwiegenden Körpern hindurch Richtung Bar. Der indirekt von kreisrunden Spots beleuchtete Tresen nahm die gesamte Länge einer der tiefrot gestrichenen Wände in dem verwinkelten Club ein. Steve, der Barkeeper, nickte mir einmal kurz zu, wartete mein für ihn reserviertes, freches Grinsen ab, ehe er sich seinen nächsten Gästen zuwandte – einer Gruppe junger Mädels, die sich aufgeregt unterhielten, kicherten und die Umgebung betrachteten. Es war deutlich erkennbar, dass sie diesen Club zum ersten Mal besuchten, und das sagte ich nicht nur, weil ich beinahe jeden Freitagabend hier war. Obwohl es bei mir selbst schon einige Zeit her war, wusste ich noch genau, wie es sich angefühlt hatte: so voller Euphorie zu sein, auf der Suche nach diesem besonderen Kick, nach einem Abenteuer, das den tristen Alltag in ein aufregendes Nachtleben verwandelte, bis nichts mehr schien, wie es war.
Als ich an ihnen vorbeikam, konnte ich ihre Blicke auf mir spüren, ebenso wie das elektrisierende Kribbeln, das in meinem Nacken kitzelte. Ich wusste, dass ich gut aussah, immerhin hatte ich Stunden in mein Outfit sowie Make-up investiert. Deshalb war es schön, bemerkt zu werden. Dabei war es egal, ob sie mich abschätzig betrachteten, mich verurteilten oder bewunderten. Jeder Blick brachte die Überzeugung, die ich in diesen Nächten in mir trug, zum Leuchten: Diese Rose war stark, sie war einzigartig und aufregend und jede Art der Aufmerksamkeit war genau das, was sie wollte.
Vor den Damentoiletten ließ ich eine Frau heraus, ehe ich die zuschwingende Tür mit einer Hand abfing und eintrat. Sobald die Musik von den dunkelroten Fliesen abgeschirmt wurde, nahm ich das Pochen in meinen Ohren wahr. Mein Handydisplay zeigte halb fünf morgens an, ich war bereits seit vier Stunden hier.
Einen tiefen Atemzug nehmend stellte ich mich vor einen der drei von modernen Glühbirnen umrandeten Vintagespiegel, umfasste mit beiden Händen links und rechts das Waschbecken, so dass ein paar der goldenen Armreifen gegen die weiße Keramik klimperten. Ich atmete tief ein und hob den Blick. Das Grün meiner Augen war getrübt von der Müdigkeit und den Shots, um die ich nicht gebeten hatte, und die dennoch jedes Mal einen gewissen Dank einforderten. Mit einem Daumen fuhr ich mir über die Mundwinkel, wischte den verschmierten Streifen dunkelroter Farbe weg, dessen Abdruck jetzt eine andere Haut zierte, die einen schalen Nachgeschmack auf meiner Zunge hinterlassen hatte. Den Blick abgewandt stellte ich meine schwarze Tasche auf die Ablage, um nach dem passenden Lippenstift zu suchen. Nachdem ich die Lippen aneinander gerieben hatte, schenkte ich mir selbst ein Lächeln. Es wirkte müde, ein wenig zu bemüht, ich legte neue Strahlkraft hinein und versuchte es erneut. Schon besser. Mit kühlen Fingerspitzen richtete ich meinen schwarzen Choker zurecht, fuhr mir durch die langen, kupferfarbenen Haare, die in diesem Raum nur noch mehr leuchteten. Die Locken, die ich zuvor hineingedreht hatte, hatten sich beim Tanzen bereits größtenteils ausgehangen, weshalb ich kurzentschlossen ein schwarzes Haargummi aus der Tasche fischte und die einzelnen Strähnen zu einem hohen Zopf zusammenband.
Ich drehte meinen Kopf hin und her, um das Ergebnis zu betrachten. Alles war wieder an Ort und Stelle, dennoch konnte ich nicht umhin, den Sitz meines BHs unter dem transparenten schwarzen Shirt ein letztes Mal zurecht zu rücken. Das Gefühl, dass irgendwas verrutscht war, nicht richtig saß, konnte ich damit aber wie immer nicht loswerden. Vielleicht, weil es nicht an meinem Outfit lag. Weil es das nie getan hatte. Ich strich ein letztes Mal über den rauen Stoff, ehe ich meine Leica zückte – zwar war die kleine Kamera zu wertvoll, um in so einem Schuppen draufzugehen, doch ich liebte das Risiko und die Möglichkeit, jeden Augenblick sofort einfangen zu können, viel zu sehr, als dass ich drauf verzichtet und wie alle anderen mit meinem Handy fotografiert hätte. Der Charakter einer Linse war das, was makellose Momentaufnahmen von echten unterschied. Ich wollte keine gestochen scharfen Konturen, die sich in den Augenblick schnitten und alles unecht wirken ließen. Ich wollte genau das Gegenteil, wollte rohe Echtheit, die das Motiv umschmeichelte, es weicher, dazugehöriger wirken ließ. Ich schoss zwei Fotos von mir in der Spiegelung, meine roten Strähnen verschmolzen mit dem Rot der Wände, ich wurde unsichtbar. Nachdem ich das Ergebnis auf dem kleinen Display betrachtet hatte, wandte ich mich einer der Glühbirnen am Rand zu. Sie flackerte leicht, kämpfte darum, nicht zu verglühen – ich verstand sie nur zu gut. Gerade, als ich den Apparat weggesteckt und mich abgewandt hatte, wurde die Tür aufgerissen und jemand betrat die Toilette. Zwei Jemande, um genau zu sein. Es war ein Pärchen, das wild knutschend durch die Tür stolperte und direkt neben mir an einem der Waschbecken zum Stehen kam.
»Du bist süß«, sagte der Typ, während sie unter seinen Lippen zu kichern begann. Sie bemerkten mich gar nicht, waren so mit sich selbst beschäftigt, dass ich grinsend den Kopf schüttelte. Mein »Sei gut zu ihr« wurde mit einem zustimmenden Brummen beiderseits quittiert, was mir reichte, um den Raum zu verlassen. Ich befürwortete spontane Knutschsessions, musste jedoch nicht zwangsläufig dabei sein, wenn andere es taten.
Sobald ich durch die Tür getreten war, lief ich gegen eine Wand. Dabei wurde mir erst mit Verzögerung bewusst, dass ich nicht gegen etwas, sondern vielmehr jemanden geprallt war. Ich hielt mir die Stirn, mit der ich mit einer überraschend harten Schulter kollidiert war.
»Au, Gott, pass doch auf.«
»Alles okay?«
Ich schaute hoch, sah durchtrainierte, mit dunkler Tinte verzierte Arme. Spürte große, starke Hände, die mich rechts und links umfassten und so vom Umfallen abhielten. Mein Blick folgte den dunklen Linien, stolperte über den T-Shirt-Saum an seinem Bizeps und verfing sich in einem Gesicht, das von einem aufmerksamen und zugleich sorgenvollen Ausdruck gezeichnet wurde. »Ja, geht schon.«
Er ließ mich los, trat einen Schritt zurück und fuhr sich durch die dunklen Locken auf seinem Kopf.
»Tut mir leid, tut es sehr weh?« Er deutete auf meine Stirn, über die ich immer noch rieb.
»Nein, es ist wirklich okay. Meine Freunde sagen ohnehin, dass ich einen Dickschädel hab, da kann so schnell nichts passieren.«
Seine Lippen unter dem dunklen Dreitagebart verzogen sich zu einem Lächeln, das kleine Fältchen um seine Augen zeichnete. »Wenn auch einen sehr hübschen.« Seine Stimme war tief, eine von diesen, die trotz der lauten Musik durchdringend genug waren, um jedes Wort zu verstehen.
Einem inneren Impuls folgend sagte ich: »Ich wüsste, wie du es wiedergutmachen kannst.«
»Und wie?« Ich deutete zur Bar schräg hinter ihm, er folgte meinem Blick. »Klingt fair.«
»Was trinken wir?«, fragte er, sobald wir die Theke erreicht hatten. Die indirekte Beleuchtung tauchte sein Gesicht in Schatten, so dass ich seine Augenfarbe nicht ganz erkennen konnte, hätte aber auf ein dunkles Grün oder Braun getippt. Ich war selbst nicht unbedingt klein, wirkte neben ihm vermutlich dennoch wie ein zerbrechliches Püppchen, so wie er die meisten Köpfe überragte.
»Einen Dirty Martini«, sagte ich mit einem vielsagenden Blick.
Mein neuer Bekannter schüttelte grinsend den Kopf, ehe er »alles klar« murmelte und sich dem Barkeeper Steve zuwandte.
»Na, was kann ich euch bringen?«, fragte dieser.
»Einen Dirty Martini«, ein flüchtiger Seitenblick zu mir, ich spürte ihn noch einen Augenblick länger. »Und für mich ein Bier, bitte.«
»Sieh an, einer mit Manieren.«
Er schaute mich an. »Was meinst du?«
»Das ist das erste Mal, dass ich einen Kerl in einer Bar bitte sagen höre.«
»Nicht alle von uns sind Neandertaler«, konterte er lachend.
»Das gilt es noch herauszufinden«, gab ich zurück, als Steve mit unseren Getränken kam. Er kassierte ab, wir griffen nach unseren Gläsern, meins durchscheinend und scharfkantig, seins dunkelbraun, weicher, unscheinbarer. Irgendwie passte es zu ihm. Obwohl er breit gebaut und eindeutig eine Erscheinung war – definitiv jemand, der gern und viel trainierte –, schaffte er es, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das komplette Gegenteil von mir also. Wir stießen an.
»Auf gute Manieren.«
»Und deinen Dickschädel«, ergänzte er und brachte mich unerwarteterweise zum Lachen. Ich mochte es, wenn Männer direkt waren. Das war mir deutlich lieber als vermeintliche Schmeicheleien, hinter denen nichts anderes steckte als die Absicht, mich ins Bett zu kriegen.
»Darauf trink ich.« Wir nippten beide an unserem jeweiligen Getränk, ich schaute mich um. »Bist du das erste Mal hier?«
»Wie kommst du darauf?«
Ich nahm einen weiteren Schluck. Die herzhafte, leicht bittere Geschmacksnote passte perfekt zu der grünen Olive, die ich mit einem feinen Metallstäbchen aufspießte, ehe ich sie mir zwischen die Lippen schob. Der Blick meines Gegenübers folgte der Frucht. Ich sah seinen Adamsapfel hüpfen und unterdrückte ein Lächeln.
»Du bist mir bisher nicht aufgefallen.«
»Vielleicht hast du nicht genau hingesehen? Ich meine, immerhin bist du sogar in mich reingerannt.«
»Hey, ich kam bloß aus der Toilette, da rechne ich nicht damit, von einem solchen Typen« – ich ließ meine umgedrehte Hand hoch und runter wandern, um auf seine Statur zu deuten – »umgenietet zu werden.«
Er verdrehte lächelnd die Augen, ehe er erneut aus seiner Flasche trank. Ich betrachtete zugegebenermaßen beeindruckt, wie seine Halssehnen sich dabei anspannten. »Tut mir leid, ich hatte dich einfach nicht bemerkt.«
Ich hob die Brauen, nahm einen weiteren Schluck. »Schade, dann hast du was verpasst.«
Meine Worte hatten den gewünschten Effekt, er schaute auf, betrachtete mich eingehend. »Das Gefühl hab ich auch.«
Unser Tanz war pure Chemie. Die Wärme seiner Finger, die mich durchströmte, während er meine nackten Arme hinunter strich, ehe er seine um meinen Oberkörper schloss, mich an sich zog. Die Gänsehaut, die sein Atem an meinem Hals hinterließ, die Anspannung seiner Muskeln, unter denen ich mich ganz weich fühlte. Wir reagierten aufeinander, harmonierten, explodierten. Waren Lichtpartikel, die mit ihren Körpern Wärme erzeugten, sich mit einem Lachen voneinander abstießen und wieder in die Arme des jeweils anderen zogen.
Die Musik und der Alkohol machten mich mutiger, forscher, besser. Ich legte beide Unterarme auf seine Schultern, verschränkte sie hinter seinem Nacken und schaute auf. Sein Blick war klar, irgendwie zu scharf für die verschwommene Umgebung um mich herum. Ich wich ihm aus, indem ich eine Hand an seinen Hinterkopf legte, die Finger in seinem weichen Haar vergrub und ihn zu mir runterzog. Unsere Lippen trafen aufeinander wie zwei Chemikalien, die sich miteinander vermischten und reagierten, etwas auslösten, das mich meinen Körper sehnsuchtsvoll anspannen und weiter gegen seinen drücken ließ.
Ich spürte das Brummen in seiner Brust mehr, als dass ich es hörte. Seine Hände wanderten zu meinen Hüften, umfassten sie fest, und doch nicht fest genug.
Mit einem Mal löste er sich aus dem Moment, ließ mich zurück in meiner vernebelten Euphorie und dem wummernden Verlangen, das seine Finger auf meiner Haut hinterlassen hatten.
»Warte«, er lachte. »Ich kenn deinen Namen noch nicht mal.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ist das wichtig?«
»Na ja, irgendwie schon.«
Ich machte einen Schritt auf ihn zu, legte eine Hand auf sein dunkles Shirt, unter dem ich die einzelnen Kurven und Täler seiner breiten Brust spüren konnte. »Du kannst mich nennen, wie auch immer du willst.«
Irritiert schaute er mir ins Gesicht. Ich hätte mir gewünscht, es wäre stattdessen mein Dekolleté gewesen. »Wieso sollte ich? Du könntest mir auch einfach deinen richtigen Namen sagen?«
Bei der Unschuld in seinen Worten hätte ich beinahe aufgelacht. »Keiner von euch will doch eine echte Frau, mit all ihren Fehlern, Gefühlen und Ängsten. Ihr wollt alle die Illusion, die perfekte Vorlage für eure Träume.« Im Grunde war es doch so: Nachts waren wir Abbilder unserer selbst, diejenigen Abzüge, die in den Dunkelkammern der Clubs an Farbe, Schärfe und Kontur gewannen, die sich entwickelten und im verschwommenen Licht den Fokus auf sich zogen, der ihnen im Tageslicht abhandenkam oder zu sehr verblasste. Ich war jede Nacht jemand anders und das war gut so. Niemand wollte die immer gleiche, langweilige Version.
»Das finde ich n…«
»Ari«, sagte ich und musste ein Schmunzeln verstecken bei dem Gedanken an Thea, die mich immerzu mit einer abtrünnigen, rockigen Arielle, der kleinen Meerjungfrau, verglich. »Nenn mich Ari.«
Er nickte zufrieden. »Alles klar, ich bin …«
Ich schnitt ihm das Wort ab, indem ich die letzten Zentimeter zwischen uns überbrückte, mich auf die Zehenspitzen stellte und abermals meinen Mund auf seinen drückte.
»Mach’s nicht kaputt«, flüsterte ich in sein Ohr, nachdem ich den Kuss unterbrochen hatte und mit den Lippen sein Kinn entlanggefahren war. Ich spürte seine Gänsehaut unter meiner Berührung, sie brachte mich zum Lächeln. »Also, wollen wir von hier verschwinden, mein hübscher Fremder?«
2 – Rose
Oder: Das Aufweichen von Licht
Die meisten Morgen danach fühlten sich wund an. Wenn das Tageslicht das Funkeln der Nacht abrieb, blieb da nur die raue Wirklichkeit, die Schwielen auf den Erinnerungen der vergangenen Stunden hinterließ. Entscheidungen, die im Schutz der Dunkelheit noch tiefgründig und wagemutig erschienen waren, verloren in der Helligkeit ihren Glanz. Als hätte jemand einen Vernunftschalter umgelegt und all die Zweifel und Alltäglichkeit eingeschaltet, wurde ich beim Wachwerden von der hochstehenden Morgensonne geblendet.
Ich kniff die Augen wieder zusammen, drückte mich mit aller Kraft in die Matratze unter mir, zog die weiche Baumwollbettwäsche über meinen Kopf. Bei der Bewegung bohrte sich ein stechender Schmerz in meine Stirn und ich stöhnte auf, weil weiße Flecken hinter meinen geschlossenen Lidern tanzten. Der Dirty Martini war ein Fehler gewesen. Die Erinnerung an das Getränk rief weitere wach, Schnappschüsse, von deren schneller Abfolge mir beinahe schlecht wurde. Denn die Wahrheit war: Im Tageslicht blichen selbst die lebhaftesten Bilder irgendwann aus, zerfransten an den Ecken, je häufiger man sie im Kopf durchblätterte. Jedoch nicht, ohne dass man sich vorher an ihren Erinnerungskanten geschnitten hatte.
Vorsichtig schälte ich mich aus der Decke, versuchte, keine abrupten Bewegungen zu machen, mein pochender Schädel meldete sich dennoch sofort. Ich hielt auf der Bettkante inne und versuchte, mich an die Helligkeit im Raum zu gewöhnen.
Das Erste, was mir auffiel, war, dass ich nur meine Unterwäsche trug. Der breite Lichtstrahl, der zwischen den dunkelblauen Vorhängen direkt auf mich gerichtet war, hinterließ eine warme, goldschimmernde Spur auf meinen von Sommersprossen übersäten Oberschenkeln.
Das Zweite, das ich wahrnahm, war, dass ich mich nicht in meinem Schlafzimmer befand. Der Raum war ziemlich gewöhnlich: weiß gestrichene Wände, großes Doppelbett, ein Kleiderschrank und ein brauner Ledersessel. Das Einzige, woran mein Blick hängen blieb, war die riesige DVD-Sammlung, die auf schmalen Regalbrettern die Wand zierte und den Flachbildfernseher einrahmte.
Ehe ich aufstehen konnte, um einen genaueren Blick darauf zu werfen, wurde ich von einem Klappern vor der Tür abgelenkt. Schnell schnappte ich mir den schwarzen Hoodie, der über der Sessellehne hing, und zog ihn mir über den Kopf. Der Geruch, der mir dabei in die Nase stieg, erinnerte mich an etwas. Ich dachte an Kaffee mit aufgeschäumter Milch und Waldspaziergänge, während noch im selben Augenblick ein Gesicht vor meinem inneren Auge auftauchte, das ich so gar nicht mit diesen Bildern verbinden konnte.
Stattdessen hatte ich sofort wieder den Geschmack vergangener Nacht auf der Zunge: süßlich und herb zugleich. Ich schaute zurück zum Bett, das mir völlig unbekannt war und an das ich mich nicht erinnern konnte. Wenn ich ehrlich war, war da nicht mehr viel, das ich noch hätte rekonstruieren können.
Beim erneuten Klappern überquerte ich barfuß den Holzboden des Zimmers und öffnete die Tür. Bereits im nächsten Moment strömten mir weitere Geräusche entgegen. Ein Radio spielte leise, ein tiefes Summen fügte sich darin ein. Ich ging darauf zu. Sobald ich im Türrahmen der Küche stehen geblieben war, erkannte ich den Kerl von letzter Nacht. Er stand mit dem Rücken zu mir am Herd und rührte in einer Pfanne. Dem Geruch nach zu urteilen, Rührei. Er trug ein weißes Langarmshirt, das er an den Unterarmen hochgeschoben hatte. Die dunkelbraunen, ich schätzte noch vom Duschen feucht-lockigen Haare hatte er größtenteils mit einer verkehrt herum aufgesetzten Cap gebändigt. Dazu trug er eine Bluejeans, die seine Hinterseite ziemlich gut in Szene setzte, auch wenn ich mir ein Grinsen verkneifen musste bei den Hüftschwüngen, die er passend zu einem alten Ellie-Goulding-Song sehen ließ.
Ich lehnte im Türrahmen, verschränkte die Arme und betrachtete ihn eine Weile. Obwohl ich ihn gestern nur im schwachen Licht der bunten Clubbeleuchtung und jetzt von hinten sehen konnte, wusste ich, dass er attraktiv war. Manchen Menschen sah man auch ohne einen Blick ins Gesicht an, dass sie gut aussahen. Mein hübscher Fremder war einer davon. Ganz abgesehen davon, dass er in vielerlei Hinsicht genau in mein Beuteschema passte. Ich mochte gut gebaute Männer, die nicht zu aufgepumpt, sondern athletisch aussahen. Und wenn ich für etwas eine echte Schwäche hatte, dann waren es Tattoos. Der einzige Grund, wieso ich lediglich ein einziges hatte, war, dass ich mich nie für ein Motiv entscheiden konnte. Das eine Mal, als Thea all ihren Mut zusammengenommen und mich in ein Studio geschleppt hatte, war ich so inspiriert gewesen von all den Skizzen an den Wänden, dass ich mich erst nach mehrfachem Hin und Her für eine einzelne Rose ohne Dornen entschieden hatte. Ich strich mit dem Daumen über meinen linken Zeigefinger – laut dem Tätowierer eine Stelle, die für Unverbindlichkeit und Stärke stand.
Während ich meinen Gastgeber dabei beobachtete, wie er etwas unbeholfen tanzend mit Tellern hantierte, war da wieder diese inspirierende Unruhe in mir. Kurzentschlossen huschte ich zurück ins Schlafzimmer und schnappte mir meine Handtasche. Sobald ich wieder zurück in die Küche geschlichen war, machte ich zwei vorsichtige Schritte in den Raum hinein, visierte mein Motiv an und drückte den Auslöser. Das mechanische Klicken ließ mein Gegenüber aufschauen. Genau darauf hatte ich gehofft. Mein ganzer Fokus lag auf seinem überraschten Gesichtsausdruck und ich drückte noch ein weiteres Mal. Erst dann ließ ich die Kamera sinken.
»Hey, was wird das?«
»Guten Morgen. Deine Tanzversuche waren phänomenal, die musste ich einfach festhalten.«
Ein winziges, wenn auch etwas unsicheres Lächeln huschte über sein Gesicht, ehe sich seine Wangen unter dem Bartschatten eine Nuance dunkler färbten. »Ach das, ja, das gehört dazu. Das kriegt jeder meiner Übernachtungsgäste geboten.« Der Fakt, dass er versuchte, sein Unwohlsein auf so unbeholfene Weise mit offensichtlich gelogenen Worten zu kaschieren, hätte mich beinahe kichern lassen. Ich dachte unschuldig, fühlte Vorsicht!
Dennoch spielte ich mit. »Oh, verstehe. Schade, ich dachte, das zwischen uns wäre etwas Exklusives.«
Er betrachtete mich von der Seite, ehe er Orangensaft in zwei Gläser füllte und sie zu einem kleinen runden Esstisch brachte. Zu meiner Überraschung zierte ein Wasserglas mit einem einzelnen Lavendelstrauch die dunkle Holzplatte. Kurz fragte ich mich, ob ihm die Bedeutung dieser Pflanze bewusst war, und ob ›Harmonie‹ und ›Ruhe‹ Begriffe waren, die auch zu ihm passten. Sein lockerer Ton wurde zumindest von Zweiterem mitgetragen.
»Ich hätte dich nicht für jemanden gehalten, der sich für Exklusives interessiert.«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Hey, hast du mich gerade etwa Flittchen genannt?«
Mein Gegenüber drehte sich abrupt um, schaute mich mit großen Augen an. »Nein! Überhaupt nicht, ich dachte nur, da du gestern gesagt hast …«
Ich brach in Gelächter aus. »Alles gut, entspann dich. Das war nicht ernst gemeint.« Ich zuckte mit einer Schulter, ehe ich auf ihn zukam und seiner Aufforderung, mich auf einen der zwei dunklen Holzstühle zu setzen, nachkam. »Du kannst mich halten, für was auch immer du willst.« Ich sagte es und spürte die Widerhaken der Worte sich in meinem Bauch festkrallen, ignorierte das Gefühl jedoch, so gut es ging. So war das immer: Sobald die Sonne aufging, brachte sie all die Unsicherheiten zurück. Betont freundlich nickte ich auf die Teller, die auf der Anrichte standen. »Gehört das auch zum Übernachtungspaket?«
Er schüttelte lächelnd den Kopf, während er mit dem Essen zurückkam, kommentierte meine Aussage jedoch nicht weiter. Die Portion, die er mit einem »Guten Appetit« vor mir abstellte, beinhaltete, wie vermutet, Rührei, ein Brötchen und frisch geschnittenen Obstsalat. Außerdem gab es schwarzen Kaffee. Perfekt.
Ich stürzte mich darauf wie eine Ertrinkende, wärmte meine wie immer kalten Finger an der heißen Tasse und nahm einen tiefen Schluck. Das ständige Pochen hinter meinen Schläfen war so deutlich besser zu ertragen.
»Wow, der Sex muss ja phantastisch gewesen sein«, sagte ich und griff nach der Gabel, um von einem größeren Stück Ananas abzubeißen. »Also machst du das nicht für alle deine Übernachtungsgäste?« Aus irgendeinem Grund fand ich es süß, dass er nicht das offensichtliche Wort One-Night-Stand benutzte.
»Nun, wenn es welchen gegeben hätte, hätte dich vermutlich ein ganzes Bufett erwartet.«
Seine Worte schafften es erst mit Verzögerung in meinen immer noch verkaterten Schädel. »Wie? Wir haben nicht …?« Ich deutete mit einem Finger zwischen uns hin und her.
Offensichtlich amüsiert schüttelte er den Kopf. »Und wenn ich deine Reaktion so sehe, war das auch die einzig richtige Entscheidung.«
Ich schaute auf meinen Teller auf der Suche nach irgendeiner Erklärung, Erwiderung, Ergänzung – drei weitere ›Er-‹, die mich definieren würden.
»Wieso hast du nicht trotzdem …«, murmelte ich, unsicher, ob ich wollte, dass er die Frage hörte, geschweige denn, beantwortete. Männer waren alle gleich, was bedeutete, dass mit ihm etwas nicht stimmen konnte oder ich etwas Schreckliches getan haben musste, um ihn abzutörnen. Im Club wirkte er noch alles andere als abgeneigt.
»Nenn mich altmodisch, aber es kam mir einfach nicht richtig vor. Du warst ziemlich hinüber«, sagte er schließlich mit einem Schulterzucken in meine Gedanken hinein, als wäre seine Antwort kein verfluchtes Einhorn.
Plötzlich unsicher, merkte ich, wie ein altbekannter Knoten auf meinen Magen drückte. Ich legte die Gabel beiseite, erhob mich.
»Das war wirklich nett von dir. Echt. Aber ich muss jetzt los.« Ich schaute zur Wanduhr über dem Tisch. Es war nicht mal gelogen, ich sollte tatsächlich in einer Stunde bei der Arbeit sein.
Mein Gastgeber, dessen Namen ich immer noch nicht kannte und bei dem es mir plötzlich ganz wichtig war, dass das so blieb, erhob sich ebenfalls, indem er sich mit beiden Händen auf dem Tisch abstützte. Die Sehnen, die die schwarzen Zeichnungen auf seinen Armen in Bewegung versetzten, ließen mich den Blick abwenden. Das hier war zu viel. Zu unbekannt. Und ich wusste, wie das klang, aber: zu riskant.
Ich machte einen Schritt rückwärts, schnappte mir auf dem Weg meine Kamera von der Anrichte. »Also, man sieht sich dann. Oder auch nicht.« Gerade, als ich mich abgewandt hatte, hörte ich sein »Warte«. Am liebsten hätte ich den Kopf in den Nacken geworfen und einmal tief aufgeseufzt. War ja klar.
»Wollen wir vielleicht Nummern austauschen? Dann könnten wir … ich weiß nicht, mal was Essen gehen oder so?«
Mit einem Lächeln, das vermutlich ebenso verkniffen aussehen musste, wie es sich anfühlte, drehte ich mich um. »Also, wenn ich ehrlich bin, ungern. Du scheinst ein wirklich netter Kerl zu sein. Und« – ich zuckte entschuldigend mit den Schultern –, »das ist irgendwie das Problem. Ich steh normalerweise nicht auf Typen wie dich.«
Ich konnte ihm ansehen, dass er nicht verstand. »Oh, verstehe. Alles klar«, erwiderte er dennoch und richtete dabei unnötigerweise seine Cap. Es war offensichtlich, dass ihm das hier genauso unangenehm war wie mir.
Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb zwang ich mich zu einem etwas milderen Lächeln.
»Hör mal, es liegt nicht daran, dass ich dich nicht gutaussehend finde. Glaub mir, das tu ich.« Ich schenkte ihm einen bedeutungsschweren Blick, der sein ganzes Äußeres einfangen sollte. »Aber ich bin nicht auf der Suche nach etwas Festem. Und gute Kerle wie du geraten da meistens unter die Räder. Ich will keine gebrochenen Herzen. Gebrochene Lattenroste sind da eher meine Abteilung«, fügte ich mit einem idiotischen Grinsen hinzu und hätte mir im selben Moment am liebsten in den Hintern getreten.
»Na gut.« Er räusperte sich einmal, ehe er wieder lächelte. Es sollte wohl unverbindlich wirken, doch aus irgendeinem Grund glaubte ich ihm nicht. Vielleicht lag es an dem Ausdruck in seinen Augen, der ein wenig zu intensiv, zu hoffnungsvoll war. Als ich nichts erwiderte, setzte er wieder an. »Dann schätze ich mal: Alles Gute, Ari.« Mein falscher Name in seinem Mund ließ mich die Lippen verziehen, weil das schlechte Gewissen daran zog, während ich die Hand ergriff, die er mir hinhielt. Seine Finger waren warm, sein Daumen strich einmal über das Muttermal auf meinem Handgelenk.
Ich zog es zurück. »Alles klar. Ich zieh mich nur noch an, dann bin ich weg.« Ich räusperte mich, fasste mir in die zerzausten Haare, versuchte, wieder mich zu fassen zu kriegen. »Bis dann.«
Mit einer halben Stunde Verspätung rannte ich durch den Hintereingang des Rose Garden. Die Wohnung meines hübschen Fremden hatte so weit außerhalb von Toronto gelegen, dass ich nicht mehr genug Zeit gehabt hatte, um meine Klamotten zu wechseln. Immer noch in meine schwarzen Lederleggins und das weiße »Where Is My Face?«-Shirt gekleidet, betrat ich den Aufenthaltsraum und atmete auf, als ich keinem begegnete. Schnell nahm ich die Sonnenbrille ab und schloss meinen Spind auf. Dort fand ich, wie immer, Backup-Kleidung, die ich für solche Fälle da drin verstaute. Ich tauschte mein von Rauch durchzogenes Outfit gegen eine Bluejeans und eine sonnengelbe Leinenbluse mit Gänseblümchen. Es war beinahe lustig, wie mein Unterbewusstsein stets versuchte, etwas zu finden, das unschuldig genug aussah, um die Entscheidungen der vergangenen Nacht abzumildern.
Sobald ich das Atelier betrat, empfing mich die Wärme der einstrahlenden Vormittagssonne, die durch die vollverglasten Wände in den Raum floss und sich mit dem Duft nach warmer Erde und blühenden Pflanzen vermischte. Der Geruch hatte jedes Mal eine fast schon heilende Wirkung auf mich, die ich bei meinen heutigen Kopfschmerzen auf jeden Fall gebrauchen konnte.
»Guten Morgen«, begrüßte mich eine viel zu muntere Thea, die gerade dabei war, mehrere Sträuße zu arrangieren.
»Morgen«, murmelte ich und rieb mir über die ausgetrockneten Augen.
»Mit missbilligenden Grüßen von Olive«, sagte meine Lieblingskollegin und Freundin lächelnd, während sie mir einen Pappbecher über die Anrichte zuschob. Der Duft nach starkem, schwarzem Kaffee stieg mir in die Nase.
»Hab ich dir schon gesagt, dass ich dich liebe?«
»Bisher jeden Tag.«
»Gut«, entgegnete ich und nahm einen Schluck von dem doppelten Espresso – eine persönliche Liebeserklärung von Olive, auch wenn sie das niemals zugeben würde. »Ich bin ein Glückspilz, euch beide zu haben.«
Thea lachte. »Ja, ohne uns wärst du vermutlich längst in irgendeinen Graben gelaufen, so übermüdet, wie du immer bist.«
»Ich weiß. Stand heute reicht es mir auch erstmal mit Partys. Ich muss mich mal richtig ausschlafen.«
Theas Blick hätte man am ehesten mit einer Mischung aus Unglauben und Belustigung beschreiben können. »Das hab ich schon mal gehört.«
»Ja, nur diesmal brauch ich wirklich eine Pause. Bin heute bei einem Typen aufgewacht, der mir Frühstück gemacht hat.« Ich verdrehte die Augen, Thea runzelte die Stirn.
»Klingt doch nett.«
»Exakt: nett«, sagte ich eindringlich, ehe ich einen weiteren Schluck der heißen Flüssigkeit nahm. »Wir wissen alle, was das heißt. Ich will keinen Kerl, der mich bekocht, nur damit er sich nach dem belanglosen Sex besser fühlt. Es ist ein One-Night-Stand, kein The Morning after that-Sex.« Ich sagte es zwar nicht, doch die Wahrheit, die ich auf harte Tour hatte lernen müssen, war: Typen würden alles tun, um sich über dich zu stellen. Selbst wenn es bedeutete, dass sie für dich kochten und dir dadurch das Gefühl gaben, als Einzige oberflächlich und nur aufs Körperliche fokussiert gewesen zu sein. Auch, wenn zwischen euch eigentlich nichts passiert war. Plötzlich hatte ich wieder das Gesicht des Fremden vor Augen. Seinen Blick, als ich ihm sagte, dass ich nicht an etwas Festem interessiert wäre. Beinahe hätte ich mir einreden können, dass da so etwas wie Enttäuschung in seinem haselnussbraunen Blick umhergetrieben war, oder zumindest das, was er sich für den Moment eingeredet hatte. Morgen früh würde er mich durch eine andere ersetzt und keinen Gedanken mehr für die betrunkene Ari übrighaben.
»Na ja, jedenfalls sollte ich erstmal einen Gang runterschalten, diese durchzechten Nächte zehren an meinen Nerven.« Und meinem Urteilsvermögen. Die Überforderung heute Morgen war Indiz genug, dass ich es übertrieb. Mal wieder.
»Aber auf eine Party wirst du diese Woche noch gehen, oder?« Thea schaute zu mir auf, schenkte mir ein unschuldiges Lächeln. Wie selbstverständlich reichte sie mir einen Strauß, der wie ein fliederfarbener Mädchentraum aussah. Ohne zu zögern, griff ich mir das weiß gefärbte Sisalgarn, das über der Anrichte neben weiteren andersfarbigen Varianten hing, und begann, die Kreation aus Rosen, Astern, Rittersporn und salbeifarbenem Blattwerk zu binden. Ich hatte schon eine Idee, wie ich die Blüten im heutigen Post perfekt ablichten konnte.
»Ja, und darauf freue ich mich auch schon sehr. Meine beste Freundin wird schließlich nur einmal fünfundzwanzig. Soll ich was mitbringen?«
»Da wirst du mit Max sprechen müssen. Er macht ein Staatsgeheimnis aus dieser Party, obwohl ich ihm gesagt habe, dass ein gemütliches Zusammensitzen mit unseren Freunden mehr als genug ist.« Thea verdrehte die Augen, doch ich konnte deutlich erkennen, dass sie innerlich lächeln musste. Nachdem sie sich in ihren ersten Monaten hier in Toronto von allen um sie herum emotional abgekapselt hatte, war sie für mich mittlerweile wie ein offenes Buch. Ich konnte ihr stets ansehen, wie sie empfand, auch wenn sie sich selbst manchmal noch dabei erwischte, unbeeindruckt wirken zu wollen. Über das, was ihr widerfahren war, kam man nicht so einfach hinweg, und ich fand, dass sie und Max das unter den gegebenen Umständen phantastisch hinbekamen. Sie waren füreinander da, halfen sich dabei, zu heilen und wieder zu sich selbst zu finden. Die beiden hatten die gesündeste Beziehung, die ich jemals gesehen hatte, und ich freute mich für sie. Vor allem, weil ich wusste, dass dies nicht selbstverständlich war.
»Alles klar, dann schreib ich ihm gleich mal, wo wir die Stripperstange anbringen sollen.« Ich drehte ruckartig den Kopf in ihre Richtung und hielt mir eine Hand vor den geöffneten Mund. »Oh nein, jetzt ist die ganze Überraschung dahin!«
Prompt erntete ich ein schallendes Lachen und einen leichten Hieb gegen den Oberarm. »Sicher.« Dann, nachdem Thea sich wieder beruhigt hatte: »Im Ernst, sag ihm bitte, er soll nicht übertreiben.«
»Dann wird das eine Party mit dem Motto: Schnarch?«, fragte ich mit übertrieben leidendem Gesichtsausdruck, auch wenn wir beide wussten, dass ich es nicht ernst meinte. Wenn ich ehrlich war, war die Aussicht auf einen ruhigen, unaufgeregten Abend wie Balsam auf meiner verkaterten Seele.
»Ich würde eher sagen: ein Abend ohne Überraschungen und Drama. Davon hatten wir alle genug.«
3 – Connor
Oder: Ein Spiel, das ich nicht verstand
Für die meisten war Daten ein Spiel. Ein Wettkampf gegen zu hoch gesetzte Erwartungen, taktische Täuschungsmanöver und Einsamkeitsstatistiken. Während die einen beinahe zwanghaft versuchten, die Schwächen des Gegners aufzudecken und möglichst vielen roten Karten auszuweichen, waren andere damit beschäftigt, Trophäen zu sammeln, die dem eigenen Ego schmeichelten und einen zum wertvollsten Spieler auszeichneten.
Single zu sein, bedeutete meistens, dass man sich mit der Zeit für ein Team entschied, entweder man war Realist und fand sich mit der verschwindend geringen Chance ab, irgendwann die eine Person zu finden, oder man war wie ich. Jemand, der sich einredete, dass es den Aufwand wert sein würde, jede Partie bei null zu beginnen, wenn man dafür irgendwann als Sieger vom Feld gehen konnte. Der davon überzeugt war, dass man sich nur genug Gesprächsbälle zuwerfen musste, ohne übers Ziel hinauszuschießen oder jemanden zu verletzen, um irgendwann einen Treffer zu landen.
Vermutlich bezeichnete man jemanden wie mich als hoffnungslosen Romantiker. Einen, der einfach nicht dazulernte, obwohl die Realität ihm bereits mehr als genug Gründe geliefert hatte, um es besser zu wissen.
Wie zur Bestätigung meldete mein Handy eine neue Nachricht in meiner Dating-App. Ich hatte ihr einen speziellen Ton zugewiesen, in diesem Fall waren es drei kurze Klopfgeräusche, die meistens darüber entschieden, wie mein Tag verlaufen würde. Ob ich versuchen würde, meine Termine zu verschieben, um ein Date möglich zu machen, oder ob eine Absage dafür sorgen würde, dass ich abends allein auf meiner Couch verbrachte.
Das Gefühl, das mich beschlich, während ich das Smartphone aus meiner Hosentasche fischte, hätte ich am ehesten als eine Mischung aus Neugierde und Vorahnung beschrieben. Ersteres, weil ich tief im Innern nach wie vor optimistisch war, irgendwann Erfolg haben zu können. Zweiteres, weil die Statistik einfach gegen mich war.
Mit einem leisen Seufzen erkannte ich bereits auf dem Startbildschirm, dass mein Date für heute Abend absagte.
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Hey, Connor!
Sorry, mir ist klargeworden, dass ich doch noch zu sehr an meinem Ex hänge, um mich auf was Neues einzulassen. Hoffe, du bist mir nicht böse. Bis dann!
Ich hätte gern behauptet, dass die Nachricht mich überraschte. Leider war es nur bereits der dritte Anlauf, den ich mit diesem Online-Date, Ashley, gewagt hatte, der nun wie alle vorherigen gescheitert war. Wobei ich zugeben musste, dass sie mich dieses Mal doch überraschte – beide Male zuvor hatte sie gar nicht abgesagt, sondern mich warten lassen. Ich hatte ihr nur weitere Chancen gegeben, weil sie sich jedes Mal mehr als überschwänglich entschuldigt und mir versichert hatte, dass es eine absolute Ausnahme gewesen war. Dabei war das gar nicht mal so ungewöhnlich, dass man versetzt wurde. Wenn ich all die Blumensträuße, die ich vorher gekauft und nie verschenkt, sondern in meiner Wohnung habe verwelken lassen, zusammengezählt hätte, hätte ich genauso gut in einen professionellen Datingcoach investieren können. Lediglich die Vorstellung, Tipps von einem Wildfremden anzunehmen, der meist ebenso wenig Erfolg bei Frauen hatte wie man selbst, hielt mich davon ab, noch mehr Geld zum Fenster rauszuwerfen.
»Na, gute Neuigkeiten?« Trevor setzte sich neben mich auf die schmale Holzbank und begrüßte mich, indem er mir mit seiner Riesenpranke auf die Schulter klopfte.
Ich schüttelte den Kopf und wischte die Benachrichtigung weg, ohne mein Handy zu entsperren. Dann legte ich es umgedreht in das mittelgroße Fach, das neben zahlreichen anderen hinter uns an die Wand montiert war. »Sie hat für heute Abend abgesagt. Diesmal zumindest endgültig.«
»Immer noch diese Blondine …?«
»Ashley«, sagte ich und nickte. »Ich hatte gehofft, dass wir es doch noch hinkriegen würden, uns wenigstens mal auf einen Kaffee zu treffen, aber sie hat es sich anders überlegt.« Ich zuckte mit der Schulter, als wäre nichts dabei. Aber wenn ich ehrlich war, war ich ein wenig enttäuscht. Dabei lag es nicht so sehr an der Absage an sich als vielmehr an der Frequenz, in der sie auf meinem Telefon aufploppten.
Trevors Blick sagte mir, dass er mich dennoch durchschaute. »Ihr Verlust, Mann. Du findest schon noch wen. Und wenn nicht, frag ich Robin, ob sie was zwischen dir und ihrer Schwester auf die Beine stellen kann.«
»Danke, aber so verzweifelt bin ich noch nicht«, erwiderte ich lachend, obwohl mir bewusst war, dass es ganz anders wirken musste.
Mein Teamkollege klopfte sich einmal auf beide Oberschenkel, ehe er aufstand, seine Sporttasche aufhob, um sie auf die Bank zu stellen. »Das freut mich zu hören.«
»Was genau?«, ertönte es vom Eingang, durch den Matt, gefolgt von drei weiteren Jungs, die Umkleidekabine betrat.
»Mal wieder eine abgesprungen«, kommentierte Trevor in seine Richtung und zog sich sein Shirt über den Kopf, als wäre es eine Alltäglichkeit, sich mit der halben Mannschaft über mein Privatleben auszutauschen.
»Uff, das tut mir leid, Alter«, kommentierte Matt, ehe er erst Trevor abklatschte und dann bei mir dasselbe machte. »Wenn du mal ’nen Wingman brauchst, sag Bescheid. Bin ich auf dem Eis ja eh schon, dann ist das in ’nem Club ein Leichtes.«
Ich verdrehte die Augen, musste mir jedoch ein Grinsen verkneifen.
»Danke, wie selbstlos von dir.« Matt war ein Aufreißer durch und durch. Im Gegensatz zu mir hätte er sich das Wort ›unverbindlich‹ auf die Stirn tätowiert, wenn es ihm mehr Bettgeschichten eingebracht hätte.
Er fuhr sich durch die kurzgeschorenen Haare, zuckte mit den Schultern. »Na klar, Mann. Alles, um unseren besten Verteidiger bei Laune zu halten.«
»Guten Morgen.« Wir drehten uns in Richtung der tiefen Stimme, die zu Coach Harris gehörte. Ehe er weitersprach, kamen vier weitere Leute in den Raum gehuscht. Sie hielten ihre Köpfe gesenkt, als würden sie so dem missbilligenden Blick unseres Trainers ausweichen können.
Ich begrüßte Tim, der links von mir Platz nahm, mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken.
»Jennings hat mal wieder vergessen, dass er uns mitnehmen wollte. Ich schwör’s, noch mal fahr ich da nicht mit«, flüsterte er mir zu und verdrehte genervt die Augen.
»Wenn Sie alle nun so weit wären, meine Herren«, hallte Harris’ tiefe Stimme von dem dunkelblau lackierten Klinker um uns herum.
Das kollektive »Ja« kommentierte er mit einem grimmigen Nicken, ehe er sich abwandte und bereits wieder den Ausgang ansteuerte. »In zwei Minuten geht’s los.«
Unser Coach war Mitte sechzig, zweifacher Olympiasieger und amtierender Stargoalie der Toronto Black Bears. Es war mir eine Ehre, von einem Eishockey-Champion wie ihm trainiert zu werden und das Andenken dieses Clubs mit weiterzutragen.
Noch ehe die große Stahltür hinter ihm ins Schloss fiel, setzten wir uns in Bewegung. Während die Nachzügler ihre Trainingstaschen aufrissen und sich rasch umzogen, machten wir anderen uns auf den Weg in den angrenzenden Kraftraum. Wie jeden dritten Tag verteilten wir uns nach unserem zehnminütigen Aufwärmprogramm an den einzelnen Geräten und Stationen, um die erforderlichen Übungen zu absolvieren.
»Ich sag’s euch, wir sind sowas von bereit für diese Saison. Diesmal machen wir die Lions fertig, ich hab’s im Gefühl«, verkündete Trevor, ehe er sich daran machte, die Langhantel zu heben, die unser Physiotherapeut Derek für ihn präpariert hatte. Jeder von uns hatte einen speziell auf sich und seine Position zugeschnittenen Trainingsplan. Bei mir stand heute das sogenannte plyometrische Training an – eine Übung, bei der ich in schneller Abfolge immer wieder auf ein hohes Podest springen musste, um die Beinmuskeln zu trainieren. »Das unterschreib ich sofort«, schnaufte ich und konzentrierte mich wieder auf das Brennen meiner Oberschenkel, das wie immer nach etwa zwölf Sprüngen einsetzte.
»Wenn wir die schaffen, wird der Rest ein Klacks.« Trevor selbst klang nicht halb so angestrengt, wie ich, was wenig verwunderlich war, wenn man bedachte, dass er bei uns im Team den Ruf des Fitnessfreaks hatte. Und das, obwohl wir alle ganz sicher nicht sportfaul waren. Wer auf dem Eis performen wollte, musste sich ins Zeug legen, Disziplin beweisen und in Bestform bleiben.
»Dafür musst du erstmal an deren Verteidigung vorbei. Ganz abgesehen von deren Goalie. McCormak ist ein Tier, wenn es darum geht, seinen Kasten sauber zu halten«, sagte Tim, der bäuchlings auf einer Liege lag und von unserem zweiten Physio Robert mittels Dehnübungen auf seine Beweglichkeit hin untersucht wurde.
»Unsere Defense ist so gut wie nie.« Matt, der mit einem Medizinball seine Armkoordination trainierte, deutete mit einem Kopfnicken zu mir. »Connor ist in Bestform, ebenso Jennings, da kommt kaum noch was durch, das du oder Patty aus dem Tor raushalten müssen«, sagte er in Tims Richtung.
Unser Goalie nickte. »Nach den ganzen Extratrainings mit Coach Harris würde er sich vermutlich persönlich beleidigt fühlen, wenn ich was durchlasse.«
»Das wird nicht passieren«, sagte ich an Tim gerichtet, was er mit einem dankbaren Lächeln quittierte. Privat war unser erster Goalie fast schon scheu, doch im Tor war der Typ ein Ass. Er vergaß es nur manchmal, weshalb ich nicht müde wurde, ihn stets daran zu erinnern.
Anderthalb Stunden und mehrere Liter Isodrinks später kehrten wir zurück in unsere Kabine, um uns für die anschließende On-Ice-Einheit vorzubereiten. Nachdem auch die andere Hälfte des Teams aus dem gegenüberliegenden Kraftraum dazugestoßen war, verfielen wir in unsere Routinen, tapten unsere Schläger, schnürten die Schlittschuhe und legten unsere übrige Schutzausrüstung an. Nach nicht mal sechs Minuten waren die meisten von uns fertig – wenn man jeden zweiten Tag damit beschäftigt war, die rund acht Kilo schwere Ausrüstung an- und wieder auszuziehen, wussten die Hände von allein, was zu tun war.
»Habt ihr heute Abend schon was vor?«, fragte Trevor in die Runde. »Der Rest meiner WG ist ausgeflogen, ich könnte also einen fünfundsechzig Zoll Flat Screen und Bier bei mir anbieten.«
Auf Matts »Ich bin dabei« folgten noch weitere zustimmende Worte.
»Was ist mit dir, Donovan? Kommst du auch?«
Ich schaute auf, nachdem ich meinen Helm aus dem obersten Fach meines Schranks geholt hatte. »Sorry, bin heute raus. Hab schon Pläne.«
»Pläne, im Sinne von …?« Trevor ließ vielsagend seine Augenbrauen auf- und ab wandern, ehe er sich von Cole Jennings, der sich mit Trevor den Center-Posten teilte, einen Fausthieb gegen den Oberarm einfing. »Benimm dich nicht immer wie ein Neandertaler.«
»Au, ist ja gut, Mama«, gab Trevor zurück, was bei Jennings ein genervtes Augenrollen auslöste. So ganz konnte er sich das Grinsen jedoch nicht verkneifen. Cole war jemand, den man eher als typischen Grump beschreiben würde, immer hoch konzentriert und nicht besonders redselig. Wenn man ihn nicht gut kannte, wirkte er fast ein bisschen miesepetrig. Er hielt sich meist aus allem raus, gleichzeitig wussten wir, dass wir uns tausendprozentig auf ihn verlassen konnten. Wenn ich auf dem Eis jemandem blind vertraute, dann ihm. Er war unser Ruhepol, arbeitete hochpräzise und traf fast immer.
»Was hast du vor? Ein Date?«, fragte Tim in meine Richtung.
Ich schüttelte den Kopf, ehe ich meinen Helm mit dem Band unterm Kinn sicherte. »Nein, die hat vorhin abgesagt. Stattdessen nutze ich die Zeit und besuche Charlie. Es ist schon viel zu lange her, dass ich mal vorbeigeschaut hab.« Durch die Trainingseinheiten, gepaart mit den Vorbereitungen auf das anstehende Semester hatte ich sie kaum gesehen. Immerhin war sie nicht nur die Schwester meines besten Kumpels Max, sondern auch meine beste Freundin.
Ich schnappte mir meinen Schläger und folgte den anderen. Diesmal bogen wir nach rechts ab, um in die dahinterliegende Eishalle zu gelangen. Ich liebte den Hall, in dem noch die Rufe der Zuschauer nachzuklingen schienen, die während der Spiele für Stimmung sorgten und der sich als Gänsehaut mit dem Adrenalin in meinem Inneren vermischte. Den Hall, der all die Emotionen, die ich nur hier empfand, zu konservieren schien, um sich bei jedem Besuch aufs Neue unter meine Ausrüstung zu weben. Es war ein Klang, der mich so sehr in Einklang mit mir selbst brachte. Auch noch nach Jahren war ich fasziniert von der weißen Fläche, die mich wie ein Zuhause empfing, sobald ich sie unter mir spürte. Das Geräusch, das die Kufen auf dem glattpolierten Eis hinterließen, während man mit beinahe fünfzig Kilometern pro Stunde das Gefühl hatte, zu fliegen. Ich brauchte den kühlen Fahrtwind auf meiner Haut wie die Luft zum Atmen, war süchtig nach der Leichtigkeit, die meine Glieder erfasste, während die Schwere der Montur mich jeden Zentimeter davon spüren ließ. Es war ein Fokus auf mich selbst, den ich nur hier hatte, einer, den ich in anderen Situationen so sehr hätte gebrauchen können, wenn er mal wieder verrutschte.
»Los gehts, wir fangen an«, wies Coach Harris uns an, nachdem wir uns etwa fünf Minuten eingelaufen hatten. Mehr Anweisung brauchten wir nicht, da die ersten On-Ice-Übungen immer gleich abliefen: Nachdem wir zunächst einen aus roten Hütchen aufgestellten Parcours mit Innen- und anschließend Außenkante gefahren waren, kam der sogenannte ›Hip Opener‹, eine Übung, bei der wir auf beiden Innenkanten unserer Kufen um die Kurven herumfahren mussten. Erst dann folgten die Übungen mit Puck. Dabei ging es vor allem um das Führen der Schläger und eines Pucks aus der Vor- und Rückhand.
Wir fuhren unsere Runden, spielten uns die schwarzen Scheiben in einer für das ungeübte Auge kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeit zu, während unsere Konzentration auf dem Höhepunkt war.
Es war schon erstaunlich, wie viel sicherer man sich auf messerscharfen Kufen und rutschigem Untergrund fühlen konnte, denn auf eigentlichem Boden. Das Eis war mein Freund, mein Zuhause, ein Ort, an dem ich nichts zu befürchten hatte, egal, wie häufig es mich auch zum Schlittern gebracht hatte. Es war ein Teil von mir, etwas, das mir paradoxerweise mehr Stabilität gab, als so manches außerhalb der Hallentüren.
»Hallo, Fremder«, begrüßte mich Charlie, als ich den Bewegungsraum im Whitehill Rehab Center betrat.
»Hey, Lil.« Das Strahlen, das sich als Reaktion auf ihren Spitznamen in ihren Mundwinkeln verfing, setzte sich automatisch in meiner Brust fest. Es war die Kurzform für Lilo und eine Anspielung auf das kleine hawaiianische Mädchen aus unser beider Lieblings-Disneyfilm.
»Was macht das Training? Wenn du weiterhin so gute Fortschritte machst, bist du bald fitter als ich.«
Sie schnaubte. »Haha. Dann müsstest du aber … schlechter werden … als das.« Während sie sich links und rechts an den Laufbalken festklammerte, setzte sie demonstrativ einen Fuß nach vorn, wobei sie gefährlich zu wanken begann.
Nur mit Mühe unterdrückte ich den Impuls, vorzupreschen, um sie zu stützen. Ich zögerte nicht so sehr wegen ihres mahnenden Blicks, den ich mir hundertprozentig von ihr eingefangen hätte, als vielmehr wegen des Gefühls der Unabhängigkeit, das ich ihr auf keinen Fall nehmen wollte. Charlie hatte so hart darum gekämpft, auch nur einen einzelnen Schritt nach vorn machen zu können, dass es mir nicht zustand, ihre Fortschritte klein zu machen – auch wenn dazu ein Straucheln gehörte.
»Wo … warst du?«
Ich wusste, dass die Frage nicht nur um den heutigen Tag kreiste.
»Tut mir leid, Coach Harris will, dass wir unser Trainingspensum erhöhen, und da die Uni bald wieder losgeht, brauche ich fast alle verfügbare Zeit zum Lernen.«
»Und den Rest … für Dates?« Charlies Grinsen, das sie mir durch ihre blonden Strähnen hindurch zuwarf, spiegelte sich auf meinem Gesicht.
»Das auch.«
»Erzähl … mir alles«, forderte sie mich auf, während sie sich umdrehte und den Rückweg antrat.
Ich beobachtete jeden ihrer Schritte, achtete auf Mikroanzeichen für ein Stolpern oder Einknicken ihrer Beine, während meine Finger bei jedem noch so kleinen Aufflackern von Schwäche zuckten. So ganz konnte ich es doch nicht lassen. »Also Ashley hat mir jetzt endgültig abgesagt. Du hast Glück, dadurch hatte ich Zeit, um herzukommen.«
Meine beste Freundin schaute mich über die Schulter hinweg an. »Tut mir leid.«
Wie schon vorhin bei den Jungs zuckte ich mit der Schulter. »Passt schon, wenn ich ehrlich bin, wäre da vermutlich eh nie was draus geworden. Rückblickend betrachtet hat sie doch ziemlich viel von ihrem Ex gesprochen.«
Charlie verzog das Gesicht. »Ja, das … war ein Hin… Hinweis.«
Ich nahm auf einem der hölzernen Stühle in der Ecke Platz und lachte. »Das weiß ich jetzt auch.«
»Nächstes Mal dann.«
»Mal schauen. Ich hab mir vorgenommen, in Zukunft realistischer an die Sache ranzugehen. Und lockerer. Wenn’s passiert, passiert’s.«
Charlies Blick war mehr als skeptisch. »Wirklich?«
Ich warf beide Arme in die Luft. »Ich hab nicht wirklich eine Wahl, oder? Meine Online-Dating-Karriere war bisher alles andere als erfolgreich, wenn ich an so manche Situationen denke.«
Charlie prustete. »Oh … meinst du … das …«
»Die Autopanne? Ja, genau die«, sagte ich und stimmte in ihr Lachen ein, auch wenn die Situation damals überhaupt nicht lustig gewesen war. Ich hatte einer Frau, die ich seit ein paar Wochen ab und zu getroffen hatte, meinen Wagen geliehen, damit sie ihren Ex-Freund zum Flughafen bringen konnte. In dem Moment erschien es mir wie eine nette Geste, bis sie mir beim Zurückbringen gebeichtet hat, dass die beiden Sex darin gehabt hatten und wieder zusammen waren.
»Du bist … zu lieb«, stellte Charlie fest, nachdem wir uns wieder beruhigt hatten.
Ich schüttelte den Kopf. »Find ich nicht. Nett zu sein ist keine Schwäche. Ich muss nur lernen, es richtig einzusetzen.«
»Stimmt. Vor allem … für dich selbst.« Ich wich dem, was mir aus ihren meerblauen Augen entgegenschwappte, aus.
»Na ja, genug über mich. Wie läuft’s bei dir?«
Wir unterhielten uns noch eine Weile, ehe Charlies Pflegerin Rita reinkam, um sie auf ihr Zimmer zu bringen, wo wir gemeinsam zu Abend aßen und weitere Stunden damit verbrachten, zu reden und einfach nur die Gesellschaft des anderen zu genießen. Mit jedem Lachen, das sie mir entlockte, kittete sie die Risse, die das Gefühl der Leere in mir hinterließ und das heute besonders stark war.
So war das mit Charlie: Sie schaffte es jedes einzelne Mal, meinem Tag die Schwere zu nehmen, einfach dadurch, dass sie selbst eine Leichtigkeit umgab, die ich kaum beschreiben konnte. Alles an ihr war zart, wolkenweich, sonnenwarm. Ich dachte an Max’ Worte, die er mal während einer gemeinsamen Autofahrt über seine Schwester gesagt hatte: »Jedes Mal, wenn ich Wolken sehe, denke ich an Charlie. Sie malen kunstvolle Bilder und erzählen Geschichten auf ihre ganz eigene, sanfte Art. Dabei liegt ihre Besonderheit darin, uns Platz zu schaffen, um selbst neue Formen anzunehmen.« Er hatte recht: Wenn jemand es schaffte, die beste Version aus einem selbst herauszukristallisieren, dann Charlotte Hartwell.
Es mochte kitschig klingen, aber ich liebte sie. Nicht auf eine romantische Art, sondern eine viel tiefergehende, raumgreifende. Sie war meine Seelenverwandte, der Mensch, der mich auf allen Ebenen verstand. Dennoch konnte sie mir das Einzige, was ich mir wirklich wünschte, nicht geben. Meinen Für-immer-Menschen zu finden, und diese Beziehung, die es jedem von uns erlaubte, unsere ganz eigene Form anzunehmen.
»Also, du hattest geschrieben, du kommst ursprünglich aus Chicago?«
Mein Date Katie nickte, während sie die Menükarte studierte. »Ja, aber ich hab eine Tante hier und hatte mal Lust, etwas Anderes zu sehen. Wobei ich zugeben muss, dass ich mir etwas mehr von Toronto versprochen hab.« Sie strich sich eine dunkelblonde Strähne hinters Ohr und schaute mich lächelnd an. »Nur ihr Jungs hier seid besser, als erwartet.«
Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her, ein unsicheres Lachen schlich sich durch meine Kehle. »Danke, schätze ich.«
»Nein, wirklich. Du siehst echt gut aus.«
Zugegebenermaßen war ich etwas erleichtert, als der Kellner an unseren Tisch trat und nach unseren Bestellungen fragte. Ich war nicht gerade der Beste darin, Komplimente anzunehmen, einfach, weil mir darauf nie etwas Sinnvolles einfiel, was ich sagen könnte, außer einem bedeutungslosen Danke.
»Was darf ich euch bringen?«, fragte der Typ und warf mir einen ganz und gar nicht amüsierten Blick zu.
Leicht irritiert schaute ich noch einmal in die Karte. »Ich nehme den Cheeseburger, bitte.«
»Und ich die Pasta mit Scampi, schön heiß, wenn du verstehst, was ich meine.« Sie zwinkerte ihm zu, ehe sie nach meiner Hand griff und mich mit einem Blick aus ihren langen Wimpern besah. »Also, Connor. Wollen wir nachher zu dir oder zu mir?«
Der Kellner machte kommentarlos auf dem Absatz kehrt, und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Es war mir unangenehm, dass jemand denken könnte, ich hätte mich nur mit einer hübschen Frau getroffen, um sie ins Bett zu kriegen. Ehe ich antworten konnte, war der Typ weg und meine Chance, die Dinge richtigzustellen, verstrichen. Ich räusperte mich.
»Äh, ich glaube, fürs Erste würde ich vorschlagen, dass wir uns kennenlernen und schauen, ob wir überhaupt zusammenpassen.«
Katie zog ihre Hand zurück und senkte den Blick. Irgendwas in meinem Magen verknotete sich bei dem leisen »Oh«, das sich zwischen ihren rosa geschminkten Lippen hindurch stahl. Na, das lief ja bisher alles andere als gut.
»So meinte ich das nicht. Ich … Was ich sagen will, ist eigentlich nur, dass ich auf der Suche nach was Ernstem bin.«
Katie nahm einen Schluck von ihrem Wasser und betrachtete mich nachdenklich. »Wie kommt’s?«
»Was meinst du?«
Sie deutete mit einem Nicken auf meinen Oberkörper. »Na, Typen wie du können doch jede Menge Spaß haben. Wieso nutzt du das nicht aus?«
Ich unterdrückte ein Seufzen. »Weil ich kein Arsch bin?«
»Man ist doch kein schlechter Mensch, wenn man aus seinem Aussehen einen Vorteil schlägt.« Sie zuckte mit der Schulter, ich runzelte die Stirn.
»Das heißt, du bist jemand, der eher auf der Suche nach etwas Lockerem ist?«
Sie lachte, sah sich in dem Lokal um und schüttelte den Kopf. »Nein, nicht wirklich.«
»Wieso nimmst du dann an, dass ich es wäre?« Ich mochte es nicht, auf Klischees reduziert zu werden. Nur weil ich viel trainierte, um meiner Leidenschaft auf dem Eis nachzugehen, musste das noch lange nicht bedeuten, dass ich auch oberflächlich war oder keine ernsthafte Beziehung führen wollte. Die Gesellschaft hatte uns gelehrt, dass ein bestimmtes Aussehen auch bestimmtes Handeln zur Folge hatte, dabei hätte ich von diesem Stereotyp, auf das sie anspielte, nicht weiter entfernt sein können.
»Wie dem auch sei, lass uns über etwas anderes sprechen.« Mein Date setzte sich aufrechter in ihrem Stuhl hin, lehnte sich etwas zu mir vor, um mir in die Augen zu sehen. »Was machst du so, wenn du nicht gerade Eishockey spielst?«
»Ich studiere Psychologie und mache eine Ausbildung zum Rettungssanitäter.«
Katie hob die Brauen. »Ist bestimmt ganz schön hart.«
Ich nickte. »Das ist es. Aber ich würde es gegen nichts eintauschen wollen.«
Irgendwas in ihrem Ausdruck veränderte sich. »Das ist beeindruckend. Ich glaube, ich könnte das nicht. All das Blut und das Leid anderer Menschen Tag für Tag zu sehen.«
Jetzt war ich derjenige, der mit der Schulter zuckte. »Ich versuche es eher von der anderen Seite zu betrachten: Die Leute müssen all diese schweren Momente nicht allein durchstehen, sondern haben jemanden an ihrer Seite, der sie beruhigen und ihnen Sicherheit vermitteln kann.« Spätestens seit Charlies Unfall wusste ich, was für eine Bedeutung Zusammenhalt haben konnte. »Und wenn ich das eines Tages auch nur für eine Person sein kann, bin ich schon mehr als zufrieden.«
Sie lächelte, es wirkte sanfter als noch vor wenigen Augenblicken. »Das klingt wirklich schön. Du …«– ihre selbstbewusste Haltung entwich durch das Senken ihrer Schultern – »Es tut mir leid, ich hab mich wie ein Miststück verhalten eben, einfach anzunehmen, dass du ein Player wärst, nur weil du Eishockeyspieler bist.«
»Schon gut. Du glaubst gar nicht, wie häufig das passiert«, entgegnete ich lächelnd, auch wenn ich es mehr für sie tat als dass ich es tatsächlich fühlte.
»Muss ätzend sein.«
Ich überlegte einen Moment. »Na ja, es ist nicht unbedingt so schmeichelhaft, wie die Leute immer meinen.«
»Verstehe ich. Nur weil ich die hier habe«, – sie zwirbelte eine blonde Strähne um ihren braun gebrannten Finger – »ziehen die Leute mir automatisch ein paar IQ-Punkte mehr ab.« Die Unsicherheit in ihrer Stimme zerfranste das Lachen, das sie zwischen uns ausprustete.
Ich atmete einmal tief ein. Katie war kein schlechter Mensch, nur jemand, der zu lange in dieser Blase aus erzwungener Perfektion festgesessen hatte. Ich stellte mir vor, sie mit meiner ausgestreckten Hand zumindest ein wenig verbiegen zu können. »Vorschlag. Wir fangen noch mal von vorn an, ganz unvoreingenommen. Hi, mein Name ist Connor.«
Einige Sekunden lang betrachtete sie meine Hand, ich ließ mir dennoch nicht anmerken, dass ihr Zögern mich verunsicherte. War ich zu direkt gewesen? Hatte ich ihr auf irgendeine Weise das Gefühl gegeben, sie nicht ernst zu nehmen? Ehe die Gedanken mich einen Rückzieher machen ließen, veränderte sich Katies Blick, wurde durchscheinender, als würde sie die in meinem Rücken untergehende Sonne hineinlassen.
Ihr »Ich bin Katie, freut mich sehr« war ebenso weich wie ihr Händedruck.
Wir unterhielten uns noch eine Weile über ihr Architekturstudium, ich erzählte ihr, dass ich neben der Uni und dem Spielen einmal die Woche ein Praktikum auf der Wache meines Onkels machte, der Feuerwehrmann war. Irgendwann kam das Essen und ich vergaß die Zeit. Je mehr Katie von sich erzählte, desto weiter wuchs das Gefühl in mir, sie zu mögen.
»Das ist wirklich nett, vielleicht könnten wir das wiederholen?«, traute ich mich zu fragen, nachdem ich mich kurz in dem Restaurant umgeschaut hatte. Ich war noch nie vorher hier gewesen, aber da Katie das Lokal vorgeschlagen hatte, war ich gern hergekommen, auch wenn der Weg nicht gerade der kürzeste gewesen war.
Als Katie mit einem Mal das Gesicht verzog und auf ihren halb leeren Teller schaute, wusste ich instinktiv, was nun folgen würde. »Connor, das ist eins der besten Dates, das ich in letzter Zeit hatte, wirklich. Du bist ein toller Kerl …«
»Aber du möchtest mich nicht wiedersehen, oder?«, half ich aus, nachdem sie nicht weitergesprochen hatte. Irgendwie schaffte ich es, verständnisvoller zu klingen, als ich es tatsächlich war.
Sie schaute auf, presste die Lippen zusammen, ehe sie sagte:
