Blut schreit nach Blut - Aikaterini Maria Schlösser - E-Book
Beschreibung

Schwarzwald, Herzogtum Alamannien, 1272 Luna, die Tochter des Burgherrn, beobachtet seit ihrer Kindheit ein Sternenpaar im Waldschatten. Doch sie wagt es nicht, seinem Ruf zu folgen, auch wenn er immer stärker wird. Im Nebel wird die Schwarzburg angegriffen. Als einziges gelingt Luna die Flucht. Ihre Verletzung zwingt sie auf den Waldboden. Zwischen den Stämmen erscheint ihr Lichterpaar. Doch es sind keine Sterne. Augen haben sie beobachtet. Starren sie an.

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Seitenzahl:579

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Aikaterini Maria Schlösser

wurde 1989 in Athen geboren und wuchs viersprachig (deutsch, niederländisch, griechisch, englisch) auf der sonnigen Halbinsel Peloponnes auf. Seit acht Jahren lebt sie nun in Traunstein, der Kulturhauptstadt des Chiemgaus, wo sie als Dolmetscherin für die Polizei tätig ist.

Ihre Leidenschaft zum Schreiben erwachte mit ihrer Begeisterung für historische Romane im Alter von vierzehn Jahren. Am meisten liebt sie daran, die Atmosphäre einer Szene einzufangen und tief in den Abgründen der Seele zu schürfen.

Zu dem Wolfsepos um „Blut schreit nach Blut“ inspirierten sie ihre Faszination für das Mittelalter sowie ihr jahrelanger Einsatz für Wölfe.

 

aikaterini.de

mittelalter-wolf.jimdo.com

Für meine Schwester Ioanna

Du lebst immer in unserem Herzen fort

Inhaltsverzeichnis

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kaptial 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Teil II

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapital 17

Kapital 18

Kapital 19

Kapital 20

Kapitel 21

Kapital 22

Kapital 23

Kapital 24

Kapitel 25

Danksagung

Lust auf mehr Spannung?

Teil I

Komm.

Komm und töte mich.

Trink dich satt an meinem Blut.

Lass mich sterben.

Kapitel 1

Schatten im Weiß

Schwarzwald, Herzogtum Alamannien, 1272

Es war wieder da. Dieses Gefühl, als würden unsichtbare Finger über ihre Haut streichen. Es ließ das Blut heiß durch ihre Adern rauschen.

Das Bett knarzte, als Luna sich aufsetzte. Dann wieder Stille, einzig durchbrochen von ihrem Atem und dem drängenden Schlagen in der Brust. Ihr Blick schweifte durch die Kammer zum Turmfenster, durch dessen Spalt der blausilberne Schein der Nacht drang. Obwohl die Läden geschlossen waren, ahnte sie dahinter die Tiefe einer Welt, von der sie jedoch nur die Oberfläche betrachten durfte.

Sie wandte das Gesicht ab und schlang die Wolldecke um ihre Schultern. Es war Zeit, den kindlichen Träumereien zu entsagen. Ihr gottgefälliger Platz war ein Stockwerk tiefer in der Frauenkammer, wo sie die Wintermonate verbringen würde. Ihre Brust schnürte sich zusammen bei dem Gedanken an den holzverkleideten Raum, in dem sie sich eingesperrt fühlte wie in einer Kiste.

Sie grub die Finger in ihr feines Haar, das sie tagsüber unter Gebände und Schleier verbergen musste. Zu auffällig war das Weißblond, um es offen zu tragen. Die eisblauen, von hellen Wimpern umrahmten Augen erregten bereits genug Aufmerksamkeit, wie ihr Vater immer wieder beteuerte. Jeden Morgen verfluchte Luna das Stirn- und das Kinnband, die sie nach der Sitte so eng wickeln musste, dass sie kaum den Mund öffnen konnte. An heißen Tagen wollte sie das Gebände am liebsten mit bloßen Händen zerreißen. Ihre Augen richteten sich zurück auf das Fenster. Das Pochen in ihrem Innern schien von der Nacht im selben Takt erwidert zu werden. Dort draußen war etwas. Und es rief nach ihr.

Sie setzte den Fuß auf den kalten Steinboden und ließ die Decke von ihrem Rücken herabgleiten. Langsam, fast andächtig, trat sie näher und öffnete die Läden. Kühle Nachtluft schlug ihr entgegen. Wie stets wandte Luna das Gesicht als Erstes dem Mond zu, der sein Licht sanft auf ihre Haut legte. Sie sah weiter über Burgmauer und Wassergraben hinweg zu den Hügeln, auf denen der Wald sich hob und senkte. Unter dem Kleid der Baumkronen ertranken die Stämme im Schwarz. In jener Dunkelheit verlor sich ihr Blick. Sie wartete. Und wurde nicht enttäuscht.

Erst waren es nur Funken. Dann drangen zwei Lichter hervor, so leuchtend wie Bernstein, den man gegen eine Kerzenflamme hielt. Mein Sternenpaar.

Seit ihrer Kindheit erschien es jede Nacht und verzauberte sie aufs Neue. Die Lichter schwebten stets ein Stück über dem Waldboden und bewahrten dabei den gleichen Abstand zueinander. Luna fühlte, wie eine pulsierende Kraft von ihnen ausstrahlte. Ihr Herz begann, schneller und schneller zu schlagen.

Sie streckte die Hand aus und ließ das Mondlicht darauf spielen. Der Bann währte nur kurz und brach, als sie die roten Einstichlöcher an den Fingerkuppen bemerkte, die sie an ihre Unfähigkeit mit der Nähnadel erinnerten. Seufzend fragte sie sich zum wiederholten Mal, warum sie so kläglich in jedem Handwerk versagte, das Fingerspitzengefühl voraussetzte, obwohl diese Fähigkeit für gewöhnlich von Natur aus Frauen gegeben war. Du wirst eine lausige Ehefrau abgeben, hatte ihre Mutter vorausgesagt, als sie heute abermals den Stoff mit Blutstropfen befleckt hatte.

Ehe. Darüber machte sie sich noch wenige Vorstellungen. Dabei waren die meisten Mädchen in ihrem Alter von sechzehn Jahren längst verheiratet. Doch Lunas Sehnsüchte hingen nicht an einem Mann. Sie lagen hinter dem Steinwall und dem Burggraben.

Ihr Blick wurde erneut vom Sternenpaar eingefangen. Sie atmete tief ein, als der altbekannte Drang in ihr aufloderte. Der Drang zu laufen, immer weiter in die Tiefen des Waldes. Sie wollte das Gebände vom Kopf reißen, die Erde unter den bloßen Füßen spüren, den Regen auf dem Gesicht, den Kuss des Windes auf der Haut.

Stattdessen musste sie ihre Schritte vorsichtig setzen, damit nicht einer ihrer Knöchel unsittlich unter den Röcken hervorblitzte. Für ihren Stand als künftige Burgherrin war ein vorbildliches Verhalten von beständiger Bedeutung. Sie schloss die ausgestreckte Hand zur Faust und drückte sie gegen die Lippen.

Eines Nachts werde ich deinem Ruf folgen. Und dann tanzen wir zusammen, mein Sternenpaar.

Noch bevor der Traum ganz hinter ihren Lidern zerronnen war, schlug Luna die Augen auf. Sie setzte sich auf und drehte den Kopf zum Fenster. Zwischen dem Schlitz der Läden drang das Grau des dämmernden Morgens. Sie zog die Zehen an, konnte den Anbruch des Tages kaum erwarten. Heute würde sie endlich mit Mutter nach Basel aufbrechen. Zwar war der Grund ihrer Reise der Erwerb des Berchtesgadener Salzes, aber allein die Aussicht auf den Ritt zur Stadt erfüllte sie mit Begeisterung.

Ihre Lider schlossen sich in der Vorfreude auf die Gerüche des Marktes: süßer Zimt, zartherber Muskat, lieblicher Safran, scharfer Pfeffer. Luna atmete tief ein, als könne sie bereits die fremdländischen, aber leider unerschwinglichen Gewürze riechen.

Ein Schmunzeln stahl sich in ihre Mundwinkel. Mochte sie noch so ungeschickt mit den Händen sein, ihre Nase war dafür umso feiner. Wenn sie die Aufsicht in der Küche hatte, waren die Gerichte stets auf den Punkt abgeschmeckt, das Verhältnis zwischen Kräutern, Ol und Salz ausgewogen. Zu gern würde sie auch selbst Hand anlegen und nicht nur die Küchenmägde überwachen und dirigieren müssen.

Während sie sich den Schlaf aus dem Augenwinkel rieb, ging sie zum Fenster und schob einen Laden zur Seite. Der Nebel erdrückte das Flachland wie eine Wolke, die vom Himmel gefallen war. Einer der Wächter marschierte auf dem Wehrgang der Burgmauer. Der zweite stand regungslos zwischen den Zinnen und starrte ins Weiß.

Luna strich über die Gänsehaut an ihren Armen. Sie zog den Fensterladen zu sich, dann hielt sie in der Bewegung inne. Ihr war, als wären dort Schatten im Dunst. Sie verengte die Augen zu Schlitzen. Die Schatten formten sich zu Schemen. Dann tauchten Männer wie Geister aus den Nebelschwaden auf.

Luna sog die Luft zu einem Warnruf ein. Doch ihre Stimme wurde erstickt vom Anblick des Schwertes in der Hand des Wächters auf der Burgmauer. Im nächsten Moment rammte der Wächter seinem Kameraden die Klinge in den Rücken. Blutrot brach die Spitze aus der Brust. Lunas angestauter Atem entlud sich als greller Schrei, der sich gleich einer Woge in der Stille ausbreitete.

Sie fuhr herum und rannte los. Hinter ihr ertönte das Kettenrasseln der herabfallenden Zugbrücke. Kampfgebrüll donnerte aus dem Nebel empor und fegte über die Burg hinweg. Luna riss die Bodenluke auf und stürzte die Leiter zur Frauenkammer hinunter. Sie ließ die letzten Sprossen aus und sprang auf den Boden.

Die Mägde drängten sich mit zerzausten Haaren und zerknitterten Schlafkleidern um die Luke, die hinab in die große Halle führte. Vergeblich versuchte Luna, sich an ihnen vorbeizuzwängen. »Vater!«, rief sie über das Kreischen hinweg. »Mutter!«

Die Tür des Herrenzimmers wurde aufgeschlagen. Auf der Schwelle stand ihr Vater, die Schwertscheide um die Hüfte gebunden. Seine nackte Brust hob und senkte sich, während sein Blick umherhuschte. Mutter, die ansonsten stets darum bemüht war, ihre Würde zu wahren, wirkte hinter seinem breiten Kreuz wie ein verschrecktes Kind.

Plötzlich brach die Tür des Gesindezimmers wie eine Schleuse auf und flutete den Raum mit den Knechten. Luna streckte die Hand zu ihren Eltern aus, dann erfasste sie die Welle der Männer. Schreiend ging sie in der Menge unter.

Zwischen den hastenden Beinen wurde sie von einer Hand gepackt und hochgezogen. Vater drückte sie gegen seine Brust und schirmte sie ab. Trotz der Panik ringsherum fühlte sie sich bei ihm sicher. Sie schlang die Arme um seine Körpermitte und sah zu ihm auf. Doch Vater blickte nicht beruhigend auf sie herab. Er hatte den Kopf zur Seite gedreht und starrte mit Augen voller Grauen aus dem Fenster. Sie spürte, wie sich seine Muskeln verhärteten.

»Ihr müsst sofort von hier verschwinden.«

Mutter umfasste Lunas Handgelenk und entzog sie der warmen Umarmung. Das Gesinde hatte sich die Luke hinabgedrängt und Vater schwang sich auf die freie Leiter. Luna wurde von Mutter vorausgeschoben und stieg ihm hinterher. Rauchschlangen wanden sich an ihr empor und bissen in ihre Lunge.

»Schneller!«, hetzte Mutter sie gnadenlos.

Endlich spürte Luna Boden unter den Füßen. Die große Halle schien sich auszudehnen, der rettende Ausgang sich immer weiter zu entfernen. Grauschwarzer Rauch quoll durch die Schlitzfenster und ballte sich zu einer Gewitterwolke unter der Decke.

Mutter packte ihren Arm und riss sie mit. Die Hand auf den Mund gepresst, hustete Luna. Tränen liefen über ihre Finger. Sie stolperte, doch Mutter zerrte sie unerbittlich weiter. Die Schreie und das Prasseln von Feuer schmerzten in ihren Ohren.

Vater warf sich gegen die Eingangstür und stolperte ins Freie. Ein glutroter Schein umstrahlte seinen Körper. Er riss den Kopf zur Seite und verharrte in der Bewegung. Luna kam neben ihm zum Stehen und füllte ihre stechende Lunge mit frischer Luft. Sie folgte Vaters Blick – und erstarrte.

Hinter der Mauer der Kernburg schossen Flammensäulen empor, die sich mit wirbelndem Rauch verwoben und sich höher und höher in den Himmel schraubten. Im Mahlstrom des Feuers wurden Scheunen und Ställe der Vorburg zu Asche zerstoben.

Luna wusste nicht, wie lange sie dort stehen geblieben wäre, hätte Mutter sie nicht von dem Anblick abgewandt. Gemeinsam hasteten sie über die Außentreppe in den Hof.

Das Klappern Dutzender Hufe hallte vom Steinwall wider. Vater schob Luna und Mutter hinter sich. Vier Männer kamen durch das Tor galoppiert. Von ihren Schwertspitzen zog sich eine dunkelrote Tropfspur über die Erde. Die Reiter zügelten ihre schweißglänzenden Schlachtrösser. Luna krallte sich mit stoßendem Atem in Mutters Nachtkleid. Einer der Krieger klappte das Augenvisier seines Helms hoch. »Na sieh mal an, der Burgherr mit Sippschaft!«

Grinsend stiegen die Männer ab und steuerten auf sie zu.

Vater sah über die Schulter zu Mutter. »Lauf. Du kennst den Weg.« Mit hellem Schaben riss er das Schwert aus der Scheide.

» Alardus…«

»Lauf!« Er hob die Klinge und stürmte auf die Männer zu.

Mutter packte Luna am Arm und zerrte sie mit sich. Alle Geräusche gingen im Rauschen ihres Blutes unter, nur ihr Herzklopfen dröhnte in ihrem Kopf. Sie bog sich zur Seite nach Vater, sah, wie er zum Schlag ausholte. Eine andere Klinge durchschnitt plötzlich ihr Sichtfeld und trennte mit einem glatten Hieb Vaters Hand vom Gelenk. Bevor sie fassen konnte, was geschah, wurde sein Rücken von einem Langschwert durchstoßen. Vater krümmte sich nach hinten, während weitere Klingen auf ihn niedergingen.

Luna schrie aus voller Kehle und schrie weiter, als Mutter sie hinter die Tür zur Vorratskammer zog und Dunkelheit das viele Blut verschluckte. Ihre Brust schmerzte, wie von innen zerfetzt, ließ sie kaum Luft holen. Nur am Rande nahm sie wahr, wie Mutter die Schalenlampe aus der Wandnische mit dem Feuerstein anzündete.

Der schwache Lichtkreis erhellte nur wenige Stufen. Mutter hetzte weiter, den Kopf starr nach vorne gerichtet. Luna hingegen sah nochmals hinauf zu dem gleißenden Viereck im Schwarz in der vergeblichen Hoffnung, Vater könnte jeden Moment auftauchen.

Unten angekommen stieß Mutter sie in die Vorratskammer und knallte die Tür zu. Luna klammerte sich an ihren Ärmel, doch Mutter entriss sich ihrem Griff, stellte die Lampe auf ein Fass und rollte ächzend ein anderes vor die Tür.

Abermals griff Luna in ihrer Verstörtheit nach ihr und fasste ins Leere, als Mutter zu einem anderen Fass rauschte. Mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht schob sie es zur Seite.

»Vater, er…«, begann Luna, dann schnürte sich ihre Kehle zu.

Mutter bedachte sie nicht einmal eines Blickes. Stattdessen sank sie auf die Knie, schleuderte die losen Dielen fort und legte eine Luke frei. Das Silberkreuz schwang an ihrem Hals hin und her. Sie streckte die Hand nach Luna aus und sah sie zum ersten Mal wieder an. »Komm!«

Ungewollt drückte Luna die Nägel in Mutters Hand und ließ sich in das schwarze Loch helfen. Sie spürte feuchtkalte Erde unter den Fußsohlen und wimmerte. Plötzlich umfasste Mutter ihr Gesicht mit beiden Händen und blickte in ihre tränenvollen Augen.

»Ich will, dass du mir genau zuhörst. Du musst jetzt stark sein. So stark wie nie zuvor. Und wenn du keine Kraft mehr hast, wirst du tapfer sein. «

Mutters Unterarme umklammert, sah Luna zu ihr auf. Sie wollte fragen, warum sie nicht zu ihr herabstieg. Aber ihre Kehle brachte keinen Ton mehr hervor, als hätte der Schrei nach Vater ihre ganze Stimme verbraucht.

»Und jetzt wirst du diesem Gang folgen und dich im Wald verstecken, ganz gleich, was geschieht.« Luna bohrte ihr die Finger in den Arm und schüttelte den Kopf. Mutter presste die Lippen fest auf ihre Stirn. »Wir lieben dich, Luna. Unsere Liebe wird dich niemals verlassen. Wir sind immer da.«

Sie löste sich aus Lunas Umklammerung und erhob sich. Luna streckte die Arme nach ihr aus. »Mutter!« Mit Tränen in den Augen sah Mutter ein letztes Mal zu ihr hinab. Dann schloss sie die Luke und es wurde schlagartig dunkel. »Mutter!«

Ein Knall gefolgt von Donnern schallte durch die Vorratskammer. Es musste das Fass vor der Tür gewesen sein, das nun über den Boden polterte. Luna sog scharf die Luft ein und verstummte.

Eine fremde Stimme dröhnte durch den Raum. »Da steckst du. Ich hatte schon befürchtet, in jedem Fass nachschauen zu müssen.«

»Wo ist das Mädchen?«, fragte eine andere, schärfere Stimme.

»Wen interessiert das Mädchen, wenn wir diese bezaubernde Dame hier haben?« Luna hörte, wie Stoff zerriss, und zuckte zusammen. »Wie schweigsam du bist«, knurrte die rohe Männerstimme. »Ganz ohne Flehen. Glaubst du, das hier in Würde zu überstehen? Du wirst es nicht. Siehst du alle diese Männer hier? Sie werden dir deine Anmaßung schon noch austreiben.«

Jäh schrie ihre Mutter auf. Luna vergaß ihre eigene Angst, schlug die Fäuste gegen die Luke, flehte und bettelte an ihrer Stelle. In der Dunkelheit gab es nur Mutters Kreischen und das Gelächter der Männer, die bis in ihre Seele hallten. Irgendwann fuhren ihre Finger nur noch kraftlos über das Holz. »Mutter… Mutter…«

Durch das schwarze Feuer aus Schmerz und Verzweiflung, das sie verschlang, drang Mutters Stimme. Du musst jetzt stark sein. So stark wie nie zuvor. Und wenn du keine Kraft mehr hast, wirst du tapfer sein. Luna atmete, am ganzen Körper bebend, tief ein und aus. Wir lieben dich, Luna. Unsere Liebe wird dich niemals verlassen. Wir sind immer da. Langsam sanken ihre Hände herab. Und jetzt wirst du diesem Gang folgen und dich im Wald verstecken, ganz gleich, was geschieht.

Schluchzend ließ Luna sich auf die Knie fallen und tastete den Boden ab. Die Erde war feuchtkalt, die Luft modrig. Ein schmieriger Film legte sich auf ihre Haut. Wimmernd kroch sie in das undurchdringliche Schwarz. Nur schleppend kam sie voran. Hinter ihr verhallten nach und nach die heiseren Schreie ihrer Mutter.

Irgendwann hörte sie nur noch ihr eigenes Keuchen und das Schmatzen des Schlamms. Sie hetzte weiter, während die Erde gierig ihre Körperwärme aufsog. Scheinbar endlos erstreckte sich der Tunnel in die Dunkelheit. Immer wieder hob sie die Hand in der Hoffnung, eine Luke, eine Tür, irgendetwas zu erfühlen. Aber ihre Finger fassten jedes Mal in dunkle Leere. Gott. Bitte. Bitte…

Sie spürte an der Erdwand eine Biegung im Tunnel. Dann – endlich – ein schwacher Schimmer in der Ferne. Regungslos starrte sie ihm einige Herzschläge lang entgegen. Dann stürzte sie darauf zu. Die Erde wurde trockener, das Licht heller, gleißend. Luna tauchte in das Weiß. Geblendet richtete sie sich auf, wollte nur noch rennen. Doch sie wurde an Armen und Beinen zurückgehalten. Als sie danach griff, stachen Dornen in ihre Fingerspitzen. Sie bündelte ihre letzte Kraft und warf sich gegen die Ranken. Ihr Nachtkleid riss auf, rot perlte es über ihre bleiche Haut.

Mit einem Stoß brach sie durch das Dornengeflecht. Sie blinzelte gegen die Helligkeit. Schleichend formten sich Stämme aus dem blauweißen Schleier vor ihren Augen. Turmhoch schossen die Bäume empor und endeten in einem kupferroten Blätterdach. Der Wald. Luna fühlte feuchtes Laub unter den nackten Fußsohlen. Sah ihren Atem als Wolke aufsteigen. Und lief los.

Nebelschwaden jagten neben ihr her. Jedes Pochen ihres Herzens war wie ein Hammerschlag in der Brust. Sie rannte weiter und weiter, wusste nicht, wohin, wusste nicht einmal, wozu. Aber Mutter hatte es gesagt. Und sie würde ihren letzten Worten folgen.

Ihr Fuß wurde von einer Wurzel gepackt. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und fiel vornüber. Sie rutschte durch den Schlamm und stieß mit der Schläfe gegen einen Stein. Heiß lief es über ihr Gesicht. Vaters Ruf drang durch das Dröhnen in ihrem Kopf. Lauf! Lauf!

Sie stemmte Hände und Füße gegen die Erde und raffte sich auf. Einen Moment stand sie wankend. Dann hastete sie weiter, während ihr Blickfeld sich verzerrte wie in einem kranken Fiebertraum. Der Wald verschwamm zu einem reißenden Strom aus hell und dunkel. Die Geräusche verebbten, bis sie ganz von Taubheit überdeckt wurden. Übrig blieb nur ihr brennendes Keuchen.

Luna wurde langsamer. Und langsamer. Blieb stehen. Die Stämme umringten sie als Strudel und rissen sie unaufhaltsam mit.

Haltlos fiel sie zu Boden. Das Heben und Senken des Brustkorbs war ihre einzige Regung. Zusammen mit ihrem Blut verließ die Kraft ihren Körper und sickerte zwischen ihren Fingern in die Erde. Mutter… ich habe es versucht. Es tut mir leid…

Schwere senkte sich auf sie herab, wollte sie in Dunkelheit hineindrücken. Sie wehrte sich nicht länger.

Jäh stockte ihr Atem. Dieses Gefühl. Als würden Finger über ihre Haut streichen. Sie öffnete einen Spaltbreit die Augen. Im Baumschatten, nur wenige Schritte von ihr entfernt, glommen zwei Lichter auf. Eine warme Woge erfasste sie.

Mein Sternenpaar. Du bist gekommen. Sie hob die Hand aus dem Schlamm und streckte sie nach dem Schein aus. Ihr Arm versteinerte in der Bewegung. Schockstarr gewahrte sie den Schattenriss eines Wolfes, der die Lichter umgab. Nein …

Der letzte Zauber ihrer Jugend verflog. Es gab kein Sternenpaar. Es hatte nie eins gegeben. Nicht Sterne hatten mit ihr tanzen wollen, sondern Augen sie beobachtet, sie angestarrt. Ein Tier. Eine Bestie. Luna schloss die Augen, wollte nichts mehr sehen, nichts mehr fühlen. Tränen quollen unter ihren Lidern hervor, in denen sich ihr letzter Lebenswille mischte.

Komm. Komm und töte mich. Trink dich satt an meinem Blut.

Lass mich sterben.

Kapitel 2

Wolfsaugen

Wärme ließ ihre Haut prickeln. Was war das nur für ein Boden, auf dem sie lag? So weich. So warm. Luna vergrub das Gesicht darin, atmete tief ein. Dieser Duft. Wie Regen auf sonnenwarmem Stein.

Ihre kurze Seligkeit wurde von einem Pfeilregen aus Erinnerungen durchbohrt. Schreiendes Feuer. Blut. So viel Blut. Ein Sog aus hell und dunkel. Der pochende Schattenriss des Wolfs. Bin ich tot?

Ihr Kopf fühlte sich seltsam leicht ein, obwohl er durch den Schlag auf den Stein dröhnen müsste. Sie spürte nicht einmal Blut an ihrem Gesicht kleben. Aber wenn dies das Himmelreich war, wieso war ihr Rücken so kalt? Etwas stimmt nicht. Ich bin nicht tot.

Langsam öffnete sie die flackernden Lider. Ihre Hand ruhte auf einem Pelz, in dem sich rauchgraue mit weißen Haaren vermischten. Ehrfürchtig strich sie über das Fell. Es war glatter und glänzender als alle Seidenstoffe, die sie je auf dem Markt berührt hatte. Für einen Moment ließ es sie all ihren Schrecken vergessen.

Plötzlich hob sich der Pelz, mit ihm Lunas Kopf und Brust, und senkte sich wieder. Voller Entsetzen stellte sie fest, dass sie mit dem Oberkörper auf dem Wolf lag. Sie war eindeutig nicht im Himmel.

Luna erstarrte vor Angst, wagte es kaum zu atmen. Als sich der Wolf nicht weiter regte, siegte der Drang, der Gefahr ins Auge zu sehen. So vorsichtig wie möglich hob sie den Kopf.

Der Wolf lag seitlich ausgestreckt, den Rücken ihr zugewandt. Sein Kopf ruhte in einem Winkel auf dem Waldboden, der ihr den Blick auf sein Gesicht verwehrte. Er war – gewaltig. Sie hätte drei Schritte setzen müssen, um die Länge seines Rückens abzumessen. Allein seine Pfote war dreimal so groß wie ihre Hand. Wie war diese enorme Größe nur möglich? Und warum hatte er sie noch nicht gefressen? So ein Riese hatte gewiss auch einen riesigen Hunger.

Verzweifelt versuchte sie, eine Erklärung zu finden. Handelte es sich um eine Wölfin, die ihre Welpen verloren hatte und sie als ihr neues Junges aufnehmen wollte? Mit angehaltener Luft beugte sich Luna über den mächtigen Brustkorb. Wenn die Wölfin volle Zitzen hatte, würde das ihre Annahme bekräftigen.

Aber was sie erblickte, bewies das Gegenteil. Es war ein männlicher Wolf. Und welchen Grund hatte er, sie nicht zu töten?

Sie hastete zurück, bis ihr Rücken gegen einen Baum stieß. Der Wolf rollte sich auf den Bauch und drehte den Kopf über die Schulter. Wie eine Faust traf sein Blick ihr Herz und ließ es einen Schlag aussetzen. Seine Iris war so leuchtend, als wäre sie mit Blattgold überzogen. Ihr versagte der Atem. Wie er mich ansieht. Er betrachtete sie mit einer Tiefgründigkeit, die fast menschlich wirkte.

Ruckartig stand er auf. Sie musste den Kopf heben, da er hoch wie ein Pferd vor ihr aufragte. Ich muss rennen, schreien, irgendetwas tun. Aber ihr Körper gehorchte ihr nicht länger; es war, als hielten die Wolfsaugen sie mit einem Bannfluch gefangen.

Langsam trat er auf sie zu. Nicht ein Lidschlag unterbrach sein Starren. Mit jedem Schritt hoben und senkten sich seine Schultern. Ihr Blick huschte zu seinen Krallen, die, wie Dolche gekrümmt, tiefe Abdrücke in der Erde hinterließen. Als sie wieder aufsah, stand er unmittelbar vor ihr und senkte den Kopf. Sein warmer Atem traf auf ihren kalten. Sie wollte nicht sehen, wie er die Zähne fletschte, und schloss die Lider. Tränen zogen eisige Bahnen über ihr Gesicht.

Anstatt sie zu töten, schmiegte er seine Stirn gegen ihre Wange und wischte die Tränen fort. Er schob die Schnauze unter ihr Kinn und hob es ein Stück an. Luna öffnete die Lider und betrachtete ihn entgeistert. Der Wolf war ihr so nah, dass sie in seinen Augen unzählige Linien wie bei einem geschliffenen Edelstein ausmachen konnte. In diesem Moment wurde sie sich bewusst, dass diese Augen jenes Sternenpaar waren, das sie von klein auf vom Turmfenster aus beobachtet hatte. Es war, als seien sie all die Jahre durch ihre Blicke wie durch ein unsichtbares Band vereint gewesen.

Luna fühlte sich, als hätte sie den Wolf ihr Leben lang vermisst. Es wurde ganz still in ihr. Sie streckte ihre Hand aus, die winzig im Vergleich zu seinem Kopf wirkte, und legte sie zwischen seine Augen. Der Wolf schloss die Lider. Langsam ließ sie die Finger seine Schnauze hinabgleiten. »Astrum meum. Mein Stern.«

Ein Gedanke durchzuckte ihren Kopf und zersplitterte die Stille darin. Was tue ich hier? Hastig zog sie die Hand zurück. Jede Berührung könnte der Wolf als Drohung empfinden. Er war offenbar nicht hungrig, sonst hätte er ihr schon das letzte Fleisch von den Knochen genagt. Doch er würde sich gewiss zur Wehr setzen, sobald er einen Angriff auch nur vermutete.

Mit steifen Gliedern wich sie an dem Stamm entlang vor ihm zurück. Der Wolf beobachtete sie, folgte ihr aber nicht. Einige Schritte von ihm entfernt drückte sie sich in die Ausbuchtung einer Weißtanne. Die Hände gegen die raue Rinde gepresst, überlegte sie fieberhaft, noch weiter fortzukriechen, bis der Wolf außer Sichtweite war, und dann loszurennen. Doch sie fürchtete, seinen Jagdtrieb dadurch erst zu erwecken. Und so blieb sie, wo sie war, in der schwachen Hoffnung, der Wolf würde von selbst gehen.

Kälte kroch von allen Seiten heran. Luna zog die Knie an ihren Leib und schlang die Arme darum. Das dünne Schlafkleid bot kaum Schutz. Bald wurde ihr Zittern zu einem durchdringenden Beben, bis sie am ganzen Körper schlotterte und ihre Zähne aufei-nanderschlugen.

Hätte der Wolf sie nicht gewärmt, wäre sie wohl bereits zu einem starren Bündel gefroren. Sie hörte, wie er unruhig auf und ab lief. Obwohl sie den Kopf von ihm abgewandt hielt, damit sie ihn nicht ungewollt herausforderte, glitt ihr Blick eigenmächtig zurück.

Seine Kiefermuskeln malmten, während seine Augen sich immer wieder auf sie richteten. Hart stieß er die Luft durch die Nase aus. Mit jedem Schritt schien er unruhiger zu werden. Lunas Kehle wurde drückend eng.

Sie rieb ihre frostigen Finger über die Arme, um sich zu wärmen. Aber es war, als würde sie Eis auf Eis reiben. Ihr Blick stieg zu den Baumkronen, die hoch über ihr hin und her schwangen. Durch das Astgeflecht beobachtete sie, wie der letzte Schein der Abenddämmerung über die Wolkenfetzen strich. Im Osten hatte die Nacht begonnen, den Wald mit seinem Schwarz zu durchtränken.

Als die Dunkelheit das letzte Licht verschlang, wurde Luna neben der Kälte von Angst gepackt. Suchten die Angreifer aus der Burg nach ihr? Mit schwerem Atem ließ sie den Blick durch die Finsternis irren, voller Furcht, jeden Moment Fackeln zu erkennen. Sie horchte nach Stimmen und Hufschlägen. Einen Moment meinte sie, Schreie in der Ferne zu hören. Doch hallten diese Todesschreie nur in ihrem Kopf. Luna presste die Augen zusammen.

Vater… Mutter… Sie wusste, ihre Eltern waren tot. Sie hatte es gesehen, sie hatte es gehört. Dennoch blieb es ihr unbegreiflich. Das erlebte Grauen hatte sie mit solch einer Wucht getroffen, dass es sie gegenwärtig betäubte. Sie war ihren eigenen Erinnerungen so fern, als hätte jemand anderes den Schrecken erlebt.

Die Kälte biss mit immer schärferen Eiszähnen zu. Die Zehen spürte Luna bereits nicht mehr. Sie drückte die Stirn gegen die Knie. Für einen Moment fragte sie sich, warum ihre Platzwunde dabei nicht schmerzte. Dann schüttelte sich ihr Körper abermals und verdrängte den Gedanken. Ich sollte zurückkehren. Hier werde ich erfrieren. Sie sah über ihre verschränkten Arme hinweg in den Wald. Wie ein feiner Nebel sickerte das Sternenlicht durch die Baumkronen. Den Wolf nahm sie bloß noch als Schattenriss mit reflektierenden Augen wahr. Selbst wenn sie in dieser Düsternis zur Burg zurückfand, fürchtete sie sich zu sehr davor, dass die Angreifer dort noch wüteten. Wohin sie auch gehen wollte, überall lauerte der Tod. Sie senkte den Kopf.

Ich bin so müde. Wie von selbst beugten sich ihre Schultern immer weiter zur Seite. Sie setzte die Hand auf das feuchtnasse Laub und schob sie langsam über die Erde. Der Reif an den Blätterrändern stach in ihre Haut. Ich werde mich nur kurz hinlegen. Sie bettete den Kopf auf ihre Armbeuge. Nur einen Moment die Augen schließen. Ihr Körper erzitterte ein letztes Mal, dann blieb er still, als hätte er auf dem Waldboden seinen Frieden gefunden.

Eine gnädige Glut umfing sie, als würde ein Engel seine Flügel um sie legen. Sie erbebte, doch war es ein wohliger Schauer, der sie durchdrang. Ihre Finger gruben sich in die Wärme. Trotz der Taubheit darin spürte sie, dass sie sich nicht in Federn, sondern in Fell krallte. Es gab in ihr keinen Raum mehr für Angst. Sie war bloß noch eine kalte Hülle, die von dieser Sonne trinken wollte.

Luna zog sich hoch, bis ihr Oberkörper auf dem Brustkorb des Wolfes zum Liegen kam. Sie schmiegte die Wange in das dichte Haar und sog den Duft ein. Zusammen mit seinen Atemzügen hob und senkte sich ihr Kopf. Ist das ein Traum?Mein letzter Traum?

Anstatt anzuwachsen, wich die Müdigkeit zurück, bis ihr Geist wieder klar war. Luna öffnete die Augen. Der Wald hatte sich zu einem Wechsel aus Licht und Schatten geformt. Sie blickte auf und entdeckte einen fast vollen Mond zwischen dem Kräuseln der Äste. Sie sah hinab. Ein silberheller Glanz fing sich in jedem einzelnen Haar des Wolfpelzes. Sie bemerkte, dass er seinen buschigen Schwanz um sie geschlungen hatte. Ihre Beine hatten sich an seinen schneeweißen Bauch gedrückt, ihre nackten Füße in sein Fell vergraben, wo es weich wie Flaum war.

Der Wolf beugte seinen Hals zur Seite, um auf sie herabzusehen. Für einen Moment verlor sie sich im goldenen See seiner Augen. Jener Augen, die sie seit frühester Kindheit beobachtet hatten. Bei dem Gedanken wanderte ein Schauer wie eine kalte Geisterhand ihren Rücken herab. Warum starrt ein Wolf ein Mädchen in einem Turm an? Nicht für einige Stunden, sondern jede Nacht über Jahre hinweg. War das noch das Verhalten eines Tieres? Ihr Herz schlug einen schnelleren Takt an. Was wollte er von ihr? Er trachtete ihr offenbar nicht nach dem Leben. Doch kann ich dir trauen?

Sie zog die Hand zurück, die sie in sein Fell getaucht hatte. Der Wolf sah ihr mit festem Blick entgegen. Sie wusste von Vater, nur ein anschleichendes Raubtier starrte seine Beute an. Die Härchen an ihren Armen richteten sich auf. Was für ein Geheimnis verbarg sich hinter diesen Augen?

Die Frage in ihr war so drängend, dass sie die Worte laut aussprach. »Weshalb hast du mich all die Jahre beobachtet?« Als er mit der Schnauze durch ihr Haar glitt, fühlte es sich an, als würde er auf ihre Frage antworten. Luna strich über seinen breiten Wangenknochen. Sie wollte ihn nicht einfach nur als Wolf im Gedächtnis behalten. »Astrum. So werde ich dich nennen. Denn ich glaubte, du wärst ein Sternenpaar.«

Eines seiner Ohren drehte sich nach hinten, als würde er nach etwas horchen. Sie blickte zwischen die Stämme, von denen sie wie schwarze Säulen umringt waren. In der Dunkelheit meinte sie einen Schatten, dunkler als die Nacht, vorbeihuschen zu sehen. Das Herz schlug ihr mit einem Mal bis zum Hals. Wölfe waren Rudeltiere. Nahten andere von seiner Größe? Und waren diese nicht so sanftmütig? Luna hauchte in die Kälte. »Bist du allein?«

Astrum schloss die Augen und zog die Brauen zusammen. War es möglich, dass er ihre Worte verstanden hatte? Ihre Furcht wich Mitgefühl. Du wirkst so kummervoll, als wärst du einsam seit langer Zeit. Sie strich über seine Wange, als könnte sie seine Trauer fortwischen. Warum bist du allein? Hat dein Rudel dich verlassen? Oder gibt es einen Grund, weshalb dich andere Wölfe scheuen?

Astrum strahlte solch eine Wärme aus, dass selbst die Kälte aus dem Boden unter ihr wich. Die Müdigkeit kehrte zurück, diesmal keine trügerische, die sie in den ewigen Schlaf locken wollte. Ihre Lidschläge wurden häufiger und langsamer. Sie hob die Hand und deutete zwischen seine Augen.

» Was denkst du?«, wisperte sie so leise, dass sie ihre eigene Stimme nicht hörte. Dann sank sie in einen traumlosen Schlaf.

***

Er ließ den Blick über ihre geschlossenen Lider gleiten, ihren leicht geöffneten Mund, durch den ihr Atem nun in gleichmäßigen, tiefen Zügen strömte. Was sind die Gedanken einer Bestie?

Er stieß abfällig die Luft durch die Schnauze aus. Es sind einsame Gedanken. Und es sind grausame Gedanken. Er legte den Kopf in den Nacken und sah durch die Äste zu den Sternen. Astrum. Der Name ist so weich. So zart. Wie du. Nicht wie ich.

Sein Blick senkte sich zurück auf das Schwarz, das von den Strahlen des Monds wie von Klingen durchstochen wurde. Er versuchte, seinen alten Namen wachzurufen. Über hundert Jahre hatte er nicht mehr an ihn gedacht, seit über zweihundert ihn nicht mehr ausgesprochen. Langsam stieg der Name aus dem Abgrund in seinem Innern auf. Gottwin … Ein Name aus einer anderen Zeit. Einem anderen Leben. Gerne würde ich ihn zurücklassen, diesen mordenden, blutbesudelten Gottwin und werden zu Astrum tuum. Deinem Stern. Doch das Blut lässt nicht los.

Er schloss die Augen, hörte ihr kleines Herz pochen. Das deine fließt so ruhig. So warm. Er presste die Lider zusammen und drehte den Kopf von ihr fort. Mag ich es noch so sehr versuchen. Am Ende wird dein Blut kalt zu meinen Krallen fließen. Er sah zum Nachthimmel auf, doch erloschen die Sterne in seinem verschwimmenden Blickfeld. Es tut mir leid, Luna. Es tut mir leid.

***

Ein warmer Schauer lockte Luna aus ihrem ohnmachtsähnlichen Schlaf. Was ist das?

Blinzelnd sah sie in den Wald, an dem das graue Zwielicht der Morgendämmerung klebte. Astrum beugte sich über sie und füllte ihr Blickfeld mit seinem Fell aus. Zuerst konnte sie nicht erkennen, was er tat. Sie spürte nur, wie seine Schnauze zwischen ihren Fingern einen Weg zu ihrer Handfläche suchte. Dann leckte er über ihre Schürfwunde. Kein Pelz, kein Stoff, kein Öl, nicht einmal ein Sonnenstrahl konnte ihre Haut so fühlen lassen.

Sie fuhr hoch und wich durch das Laub vor ihm zurück. Fassungslos starrte sie ihn an, die Faust auf ihr rasendes Herz gepresst. Sie senkte ihre Hand und öffnete die Finger. Nicht einmal eine Narbe deutete mehr auf eine Verwundung hin. Wie ist das bloß möglich? Ihr Blick kroch zurück zum Wolf. Du bist nicht nur ein Wolf. Du bist mehr.

»Was bist du?« Sie tastete ihre Schläfe ab, mit der sie gegen den Stein geschlagen war. So viel Blut war über ihr Gesicht geflossen. Nun fand sie nicht einmal mehr eine wunde Stelle.

Du bist es gewesen. Du hast mich vor dem Tod bewahrt.

Sie war zu keiner Reaktion fähig, starrte nur verstört auf ihre Hand. Mit ruhigen Schritten ging Astrum los und warf ihr einen Blick über die Schulter zu. Luna runzelte die Stirn. Willst du, dass ich dir folge? Sie erhob sich ebenfalls und krallte die Finger in die Rinde des Stammes neben ihr. Doch wohin wirst du mich führen? Abermals stieg die eine Frage in ihr auf: Kann ich dir trauen?

Ihr Blick kreiste über die Baumgiganten. Jegliche Orientierung war ihr verloren gegangen. Welche Wahl hatte sie, als ihm zu vertrauen? Zögernd folgte sie ihm.

Nahezu lautlos bewegten sie sich zwischen den moosbewachsenen Stämmen. Traten abwechselnd in Licht und Schatten. Scheu betrachtete sie ihn von der Seite. Hast du je einen Menschen getötet? Bin ich das erste Mädchen, das du beobachtest?

Mit verstreichender Zeit ließ Erschöpfung ihren Kopf immer tiefer sinken. Ihr Blick wankte zwischen ihren wunden Füßen hin und her, die sich mühsam vorwärts schleppten.

Jäh ging es bergab. Ihre Schritte stockten. Mit einem unheilvollen Ahnen sah Luna auf. Ein ihr nur zu bekannter Hang senkte sich zu ihren Füßen. Hinter der Flussbiegung ragte die Schwarzburg empor, die ihren Namen mit dem angrenzenden Schwarzwald teilte. Das Bild, das ihr Leben lang Heim, Sicherheit und Geborgenheit bedeutet hatte, traf sie nun wie ein Steingeschoss in die Brust.

Zum ersten Mal bekam die Schale ihrer Betäubung Risse. Es tat weh. Entsetzlich weh. Sie war nicht bereit für diesen Schmerz.

»Nein. « Eine Erschütterung durchfuhr sie. »Nein, ich gehe nicht zurück! « Sie fuhr herum und rannte zurück in den Wald. Ihr war gleich, wohin, nur fort von diesem Schmerz.

Unversehens sprang Astrum ihr in den Weg. Luna bremste ab. Keuchend sah sie ihm entgegen. Mit bohrendem Blick senkte er den Kopf. Ihre Beine wichen von selbst einen Schritt vor ihm zurück. Nun wusste sie, der Wolf war nicht nur von sanftem Gemüt.

Er wird mich nicht gehen lassen. Sie sah an ihm vorbei zwischen die Stämme. Ernüchterung erfasste sie, die sie ansonsten wahrscheinlich erst nach vielen Stunden des Umherirrens überkommen hätte. Ich kann nicht im Wald überleben. Was soll ich essen? Wie mich wärmen? Ihre Kehle wurde eng, als sie über die Schulter zurück zur Schwarzburg blickte. Sie musste sich dem Schmerz stellen.

Mit tränenvollen Augen drehte sie sich um und setzte den ersten Schritt in Richtung der Burg, die zu einem Bild der Zerstörung geworden war. Balken ragten wie ein Gerippe aus den eingefallenen Dächern. Die Steinmauern waren rußgeschwärzt. Doch die größte Schwärze hatte sich Lunas Herzens bemächtigt. Nichts würde mehr so sein, wie es einst gewesen war.

Sie blickte nochmals zurück den Hang hinauf. Astrum stand auf einem breiten Felsen. Der Wind schlug Wellen über seinen Pelz. Er senkte den Kopf, den Blick in ihre Augen versunken. Sie atmete tief in ihre schwere Brust ein. Werde ich dich je wiedersehen?

***

Luna. Kleine Luna. Komm nie mehr zu mir zurück.

Kapitel 3

Tränen im Schwarz

Du musst jetzt stark sein. So stark wie nie zuvor. Und wenn du keine Kraft mehr hast, wirst du tapfer sein. Und das war Luna nun. Tapfer. Denn sie spürte keine Kraft mehr in sich.

Eine Wolkendecke hing tief und schwer über der Schwarzburg. Luna schritt auf das Tor zu, das einem weit aufgerissenen Maul glich. Zwischen den Rauschwaden stand eine Frau, die Hände wie zum Gebet gefaltet. Unter der Haube hatten sich einzelne Strähnen hervorgestohlen und klebten auf ihren breiten Wangen. Luna atmete durch ihre wunde Kehle ein. Tante Binhildis.

Als hätte diese ihre Gedanken gehört, wandte sie sich ihr zu. Für einen Moment starrte ihre Tante sie an, als sehe sie einen Geist. ›Luna‹ formte sie mit den Lippen. Dann drückte sie einen Kuss auf ihre gefalteten Hände. »Du lebst. Gepriesen sei der Herr!«

Sie raffte die schlammigen Röcke und stürmte auf sie zu. Luna blieb regungslos stehen – fühlte nichts. Binhildis Arme schlangen sich um ihren Rücken und drückten sie fest. Doch waren ihr diese Arme fremd.

»Kind, wir dachten, du wärst tot! Wo hast du gesteckt?« Ein Kloß raubte ihr die Stimme. Binhildis strich ihr eine Strähne hinter das Ohr. »Sorg dich nicht, Liebes, wir kümmern uns um alles.«

Erst verstand Luna nicht, dann flackerten Vaters Worte in ihr auf. Da ich ohne Söhne geblieben bin, wird im Falle meines Todes das Burgrecht zwischen meinem Bruder und deinem künftigen Ehemann geteilt. Was auch geschieht, du wirst die Herrin der Schwarzburg sein.

Ihr Blick schweifte über Binhildis Schulter und erfasste einen dunkelblonden Mann auf der Zugbrücke. Seine knotige Hand strich über einen kurzen, ergrauten Bart. Die Augen lagen tief in den Höhlen und blickten stechend wie die eines Raubvogels. Er war der Bruder ihres Vaters, Hanco, der neue Burgherr, und somit ihr neuer Gebieter. Für Luna war er ein Fremder. Zusammen mit ihrer Tante hatte sie ihn lediglich an hohen Festtagen gesehen und auch dann bloß die üblichen Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht.

Binhildis legte die Hand um ihre Schultern und führte sie näher. Scheppernd tönten ihre Schritte auf der Zugbrücke in der angespannten Stille. Hanco presste die dünnen Lippen aufeinander, ansonsten zeigte er kein Zeichen der Rührung. Als sie ihn erreichte, nahm er sie unverhofft an der Hand.

Gemeinsam traten sie durch das Tor in die Vorburg. Diese war der Magen der Schwarzburg und nährte das Herz, die Kernburg. Wo sonst geschäftiges Treiben zwischen den Ställen und Handwerkshäusern herrschte, war es nun so still wie in einer Gruft. Mit jedem Schritt eröffnete sich ihr das volle Ausmaß der Zerstörung.

Jährlich hatte die Schmiede viele Reisende in die Schwarzburg gelockt. Nun war sie vollständig abgebrannt. Ein scharfer Wind wirbelte die Asche auf und ließ die noch schwelende Glut aufleuchten. Luna versuchte, den mit dunklem Blut gefüllten Fußabdrücken auszuweichen. Ihre Eingeweide krampften sich zusammen.

»Es waren Plünderer«, begann Hanco mit schwerer Stimme. »Vermutlich Raubritter. Sie haben einen der Wachmänner auf ihre Seite geschlagen, der ihnen die Tore geöffnet hat. «

Luna zuckte zusammen bei der Erinnerung der Klinge, die durch die Brust des Wächters stach. Das Knirschen von bohrendem Stahl durch Knochen tönte immer wieder in ihr auf.

Hanco umklammerte fester ihre Hand. Seine Stimme war ein raues Knurren. »Ich hoffe, sie haben diesem Verräter sein Entgelt in den Rachen gestopft und ihn daran krepieren lassen. Räuber verstehen sich selten aufs Teilen. «

Am Wegesrand stritten Raben um einen blutigen Fleischbrocken Luna wandte das Gesicht ab, bevor sie etwas Menschliches an dem Klumpen ausmachen konnte. Sie drückte den Handrücken gegen die Lippen und kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit.

Hinter dem Zimmermannshaus ragten zwei Beine hinter der Wand hervor. Als Luna sich zur Seite beugte, erkannte sie voller Entsetzen, dass die Hüfte vom Rumpf abgetrennt war.

Sie presste die Augen zusammen und riss den Kopf zur Seite, doch hatte sie die teuren Stiefel bereits erkannt. Jorgen – der Schmied. Kalt rann es zwischen ihren Schulterblättern herab.

»Die Angreifer straften jeden Widerstand mit dem Tod«, fuhr Hanco fort. »Sie haben Dächer in Brand gesetzt, um für Verwirrung zu sorgen.« Er schnaubte. »Oder aus Zerstörungswut.«

Ihre Schritte stockten, als sie vor einem Gewirr aus verkohlten Balken ankamen, wo zuvor der Viehstall und mehrere Scheunen sich in die Höhe gestreckt hatten. Luna, die von klein auf Mutter bei der Verwaltung der Burg zur Seite gestanden hatte, wusste sogleich, welche zahlreichen Folgen die Zerstörung nach sich zog.

Allerlei Werkzeuge wurden in den Scheunen aufbewahrt. Jetzt hatten sie nicht einmal mehr eine Harke. Und keinen Schmied, der uns neue anfertigen könnte. Das wenig verbliebene Vieh hatte nun weder Heu noch einen Unterstand. Und wenn das Vieh verhungert, was werden wir dann essen? Ihr Magen wurde kalt.

Aus dem Augenwinkel nahm sie den Burgkaplan Berchtold wahr, der die bebende Hand über den geneigten Kopf der Steinmetzfrau hielt. »… wenn unser irdisches Haus abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel.«

Luna vernahm die Worte, doch blieb es in ihr dumpf und leer.

Sie erreichten das Tor der Kernburg, einem Bollwerk aus riesigen Bruchsteinquadern. Bergfried, Marstall und Wohnturm dahinter waren allesamt aus Stein errichtet und mit einem Dach aus Ziegeln versehen, wodurch sie vom Feuer verschont geblieben waren.

Ihr Blick huschte zu der sonnengebleichten Holztür, durch die sie mit Mutter geflohen war. Die Vorratskammer war unterirdisch angelegt und somit der Gier der Flammen entkommen. Aber Luna wusste, sie war nur dürftig gefüllt, da schwere Regenfälle bei den umliegenden Gehöften für eine schlechte Ernte gesorgt hatten. Mit entgeistertem Blick saß Stallmeister Siegbert vor dem Mar-stall, aus dem kein Schnauben und Wiehern drang. Auf seinen ausgestreckten Händen hing schlaff ein zerrissener Zügel.

Hanco senkte die Stimme. »Die Pferde konnten den Räubern entkommen und sind in den Wald geflüchtet. Es bleibt nur zu hoffen, dass sie von alleine zurückkehren. «

Luna sah zur Burgmauer, hinter deren Stein irgendwo ihre treue Stute ausharrte. Allet. Komm zurück.

Sie wandte sich zum Wohnturm, der vier Stockwerke hoch in den bleichen Himmel stach. Davor entdeckte sie bekannte Gesichter unter Ruß, verkrustetem Schlamm und eingetrocknetem Blut.

Elß, die Frau des Schmieds, saß mit hochgerecktem Kopf auf der hölzernen Außentreppe. Tränen zogen helle Bahnen über ihre Wangen. Otto, der einzig verbliebene Kriegsknecht, sah blinzelnd umher, als könne er immer noch nicht fassen, am Leben zu sein. Kettlein, die Küchenmagd, kam taumelnd näher. Als sie ihnen das Gesicht zuwandte, erkannte Luna voller Schrecken, dass von der linken Hälfte nur schwarzrotes, verbranntes Fleisch übrig war.

Aber es gab auch viele Gesichter, die sie nicht fand. Wo war die Waschmagd Änniin, die bei der Arbeit stets sang? Wo war die Küchenmagd Brid, die so ein würziges Brot backen konnte? Wo war der Stallknecht Fridolin, der – obwohl er sich keine Hoffnungen machen konnte – ihr immer schöne Augen gemacht hatte?

Hanco presste die Lippen aufeinander. »Zuletzt haben die Plünderer alles mitgenommen, dessen sie habhaft wurden, und sind johlend abgezogen. Keiner dieser feigen Hunde hat ein Wappen offen getragen oder den Helm abgenommen. Wir wissen somit nicht einmal, wer diese Bastarde waren.«

In Luna wogte das Bild des Anführers auf, der begann das Visier seines Helms hochzuschieben. Doch wurde die Erinnerung von der ihres Vaters verdrängt, als er von Klingen zerhackt zu Boden ging. War das der Grund, weshalb die Raubritter ihn aufgesucht und getötet hatten? Damit Vater sie nicht erkannte und an den Kaiser verriet? Warum wollten sie dann auch mich?

Eine Bö riss an ihren Haaren. Es war der erste Stoßseufzer des Winters. Eines Winters voller Entbehrungen und Trostlosigkeit.

Ihre Tante pfriemelte kleine Äste und Blätter aus Lunas Haaren und Kleidung. Selbst unter diesen Umständen konnte Binhildis ihre Eigenart nicht ablegen, beständig an einem herumzuzupfen. Abschließend strich sie ihr sanft über das Haar. »Geh in deine Kammer und zieh dir Gebände und Schleier über. Dieses Weißblond ist tatsächlich zu auffällig, um es offen zu tragen. «

Mit gesenktem Kopf stieg Luna die Außentreppe in den ersten Stock hoch und ließ die Eingangstür zur großen Halle aufschwingen. Als sie aufblickte, huschten die Geister ihrer Erinnerung durch den Saal. Zitternd sog sie die Luft ein. Wo ist Vater? Wo Mutter?

Die Kälte des Schlamms biss durch die Schuhe in ihre Füße. Luna zog das schwarze Tuch enger um ihre Schultern und ließ den Blick über die in Leinentücher gewickelten Toten schweifen.

Die Leichenbündel wirkten wie Kokons. Doch würden keine Schmetterlinge aus ihnen schlüpfen, sondern sich einzig Maden durch den Stoff nach außen fressen.

Luna schloss die Lider. Am Rande ihres Bewusstseins vernahm sie die brüchige Stimme des Burgkaplans über den Friedhof schweben. »In seiner Vergänglichkeit gleicht der Mensch dem Gras und einer Blume auf dem Felde. Wo bleibt seine Blüte, wenn der Wind darüber weht?«

Sie öffnete die Augen. Zwei zusammengeschnürte Bündel, eins etwas größer und breiter, wurden in die Grube zu ihren Füßen herabgelassen. Vater… Mutter. Das Erdloch war eng, wodurch es wirkte, als würden ihre Eltern sich aneinanderschmiegen.

Die erste Schaufel voll Erde fiel nieder und ließ Luna zusammenzucken. Mit ihnen gingen auch ihre letzten Tage der Kindheit zu Grabe. Nur die beiden Köpfe waren noch unverdeckt. Dann versanken auch ihre verhüllten Gesichter im Braun der Erde. Das Kreuz wurde in den Schlamm gerammt und stand leicht schief. Luna konnte nicht begreifen, dass ihre Eltern für immer in die Erde gebettet waren. Ihre Namen von nun an einzig im Holz eingeschnitzt. Nie hatte sie sich ein Leben ohne Vater und Mutter vorgestellt, hatte sich stets auf ihre Liebe und ihren Schutz verlassen, wie auf die Sonne, die selbst nach der tiefsten Nacht wieder über den Horizont aufstieg. Und nun seid ihr fort. Tot. Und ich bin allein.

»Lasst mich ziehen, haltet mich nicht…«, tönten die Worte des Burgkaplans. Sie erreichten ihr Ohr, aber nicht ihr Herz.

Luna wollte den selbst geflochtenen Blumenkranz über das Holzkreuz legen, doch entglitt er ihren zitternden Fingern und landete in der Regenpfütze zu ihren Füßen. Schluchzen kämpfte sich ihre Kehle empor, drohte ihre Brust auseinanderzureißen.

»Beherrsche dich«, verlangte ihr Onkel und warf einen gehetzten Blick zum Burgkaplan.

Binhildis legte ihr die Hand auf die dünne Schulter. »Hanco. Sie ist doch noch ein Kind.«

Seine Stirn zerfurchte in zahllose Falten. »Alardus und Evelin sind nun beim Herrn. Es ist Gotteslästerung, sie so zu betrauern.« Er warf Luna einen Seitenblick zu. »Und es ist nicht gut für sie.«

Luna starrte mit leerem Blick auf den Boden. Wie sie über ihren Kopf hinweg über sie sprachen, als stünde sie nicht direkt neben ihnen. Jäh versiegten ihre Tränen. Hier war nicht der Ort für ihre Trauer. Nicht die richtigen Menschen.

Sie richtete den Blick auf das kleine Kreuz neben das ihrer Eltern. Viele Male hatte sie die Inschrift im Holz gelesen. ›Hoc asinini meum vale et priores‹. Dies ist mein Abschied von dem ehemaligen Stern. Es waren die einzigen Worte, die sie in Latein neben den Kirchengebeten kannte. Unter der moosüberwachsenen Erde war ihr kleiner Bruder begraben. Nur wenige Monate war er alt geworden. Danach hatte Mutter kein Kind mehr empfangen.

Luna verharrte bei einem Wort der Inschrift. Astrum. Langsam sah sie an ihrem herabhängenden Schleier vorbei zum Wald.

Wie betäubt ging sie den Weg zurück zur Schwarzburg hinter Onkel und Tante her, den Kopf gesenkt, die Augen blicklos.

Als ihr Schuh von feuchter Erde auf das Holz der Zugbrücke trat, erwachte sie aus ihrem Dämmerzustand und sah auf. Erst jetzt erkannte sie, wie weit sie von den anderen zurückgefallen war, die bereits auf das Tor der Kernburg zusteuerten.

Bevor sie einen weiteren Gedanken fassen konnte, warf sie sich herum und rannte los. Mit jedem Auftreten stießen sich ihre Füße stärker ab, trieben sie gnadenlos vorwärts. Mit rauem Keuchen erreichte sie den Waldhang und kämpfte sich die Steigung empor. Als der Schlamm ihre Schuhe schluckte, hastete sie barfuß weiter.

Sie packte über die Schulter ihren Schleier und riss ihn mitsamt Nadeln vom Kopf. Achtlos ließ sie ihn in den Schmutz fallen. Das Stirnband entlang ihrer Schläfen wurde zu einer klammernden Eisenfessel, das Kinnband zu einer Seilschlinge um ihrer Kehle. Sie riss und zerrte an ihnen, hörte mit Genugtuung Stoff reißen, dann schickte sie die Bänder dem Schleier nach in den Dreck. Alles ließ sie hinter sich, ohne nochmals zurückzusehen.

Als sie die Anhöhe bewältigt hatte, tauchte sie in den erdigen Geruch des Waldes ein und rannte, rannte, rannte. Sie musste fort. Fort von diesen Fremden, die ihre Eltern ersetzen sollten. Fort von dem leblosen Kreuz, unter dem ihr Leben beerdigt worden war.

Ihre Füße hetzten über totes graubraunes Laub. Schneidend fuhr die Kälte durch ihre Brust, während das Unterholz rote Linien auf ihre Hände riss. All die Jahre war es ihr Wunsch gewesen zu laufen. Weiter und weiter, bis in die Tiefen des Waldes.

Aber so habe ich es nicht gewollt. Sie rang um Luft, die mit einem Mal brannte wie Rauch. Niemals habe ich es so gewollt.

Neben einer turmhohen Weißtanne fiel sie auf die Knie und stieß den Atem aus. Hier ist es. Der Ort, an dem sie zum ersten Mal Astrum begegnet war. Hier, wo sie nun saß – allein.

Schluchzen drängte sich erneut ihre Kehle hinauf, heftiger, grausamer als zuvor. Sie schlang die Arme um ihre Mitte und wiegte sich vor und zurück. Ihre bebenden Lippen öffneten sich, wollten nach Vater und Mutter rufen. Doch blieb ihre Stimme erstickt.

Plötzlich durchdrang ein leises Fiepen die Stille. Luna riss den Kopf zur Seite. Sie blinzelte die Tränen fort, um sicher zu sein, richtig zu sehen. Aber dort stand er. Astrum meum. Er hatte den Kopf auf die Höhe seiner Schultern gesenkt und seine Augen …

Langsam ließ sie die Hände sinken. Wie kann es sein …?

Das Schluchzen in ihrem Hals verebbte. Astrum schloss die Lider. Als er sie wieder öffnete, rannen Tränen über sein Fell. Schwach schüttelte sie den Kopf. Wölfe können nicht weinen.

Vorsichtig streckte sie die Hand nach ihm aus und berührte mit der Fingerspitze eine Träne, die sich warm an ihre Haut schmiegte. Vielleicht hatten sich seine Augen entzündet. Aber sie waren weder rot noch geschwollen. Seine Ohren hingegen hielt er an den Kopf gepresst, den Hals gekrümmt. Deine Pein kommt aus dem Herzen.

Lunas Brust zog sich zusammen und überschwemmte sie mit einer neuen Schmerzwelle. Ihre Gedanken wurden in einen schwarzen Abgrund gerissen. Übrig blieb nur der Drang, sich zu halten. Sie schlang die Arme um Astrums Hals und klammerte sich an ihn. Er fuhr mit der Schnauze zwischen ihre Schulterblätter und drückte sie an sich. Ihre Tränen fielen nicht mehr haltlos zu Boden, sondern sickerten in sein Fell. Und dort … Sie atmete tief ein. Zum ersten Mal drang Wärme durch den eisigen Reif und umfasste ihr Herz.

Sie hätte nie gedacht, so lange weinen zu können. Erst als die Sonne tief im Westen stand, klang der Schmerz ab. Sie konnte freier atmen, als wäre mit den Tränen ein Teil ihrer Trauer fortgespült.

Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen zwischen die Bäume und umhüllte ihre beiden Gestalten mit rotgoldenem Schein. Luna bettete ihren Kopf auf Astrums Pfoten. Während sie sich gegenseitig ansahen, versiegte langsam der Schmerz in ihrem Herzen. Doch sie musste zurück. Viel zu lange schon bin ich fort.

Als sie das Tor erreichte, glich die Schwarzburg einem aufgeschreckten Wespennest. Männer schleppten ächzend verkohlte Balken, Frauen füllten im Burggraben Eimer mit Wasser, Bauern, die Frondienst leisten mussten, schoben Schubkarren mit überhäufendem Geröll, selbst Kinder halfen, die Asche abzutragen.

Schlechtes Gewissen nagelte sich in Lunas Brust. Sie war die künftige Burgherrin und war einfach fortgelaufen. Mutter hätte sich für mich geschämt.

Sie hoffte, unbehelligt im Durcheinander des emsigen Treibens unterzutauchen, da erschien ihr Onkel am Toreingang. Mit Mühe hielt er Vaters Dunkelfuchs am Zügel, der nicht minder aufgeregt war als sein neuer Besitzer. Unruhig schlug der Hengst den Kopf hin und her, während seine Hufe tiefe Furchen in die Erde schlugen. Trotz der Kälte standen Schweißperlen auf Hancos Stirn.

Mit einem Ruck am Zügel riss er den Kopf des Pferdes herunter. »Wirst du wohl endlich mitkommen?«

Luna schluckte. Ihr Onkel war der vierte Sohn und somit der jüngste in der Erbfolge. Unerwartet waren zwei seiner Brüder letztes Jahr am Schweißfieber gestorben. Ganz gewiss hatte Hanco nicht damit gerechnet, plötzlich als Burgherr – oder in diesem Fall eher als Gebieter eines Trümmerhaufens – dazustehen. Ihr war bekannt, welche Aufgaben sich auf ihn niederschlugen. Er hatte die Arbeiten auf der Burg zu überwachen und die Frondienste der Bauern zu bestimmen. Bald musste er Gericht abhalten, es waren viele Streitigkeiten in der Zuteilung der Habseligkeiten zu erwarten.

Zudem lag es an ihm, dem Kaiser vom Überfall zu berichten und eine Senkung der Lehnabgaben zu ersuchen. Wahrscheinlich wollte er in die umliegenden Gehöfte reiten, um nachzusehen, wie groß die Schäden dort waren und ob die Bauern trotzdem ihren Pflichten ordnungsgemäß nachgingen.

»Was tust du da?«, rief Hanco zu einem Arbeiter, der einen Heuballen von seinem Rücken fallen ließ. »Ich sagte dorthin!« Der gescholtene Mann machte eine wegwerfende Geste und stampfte davon. »Verdammt, muss man hier alles allein machen?«

Luna drückte sich enger gegen die Lehmwand hinter ihr. Es würde sich so manch einer weigern, Hanco als neuen Herrn anzusehen. Seine unruhige, aufbrausende Art wirkte zusätzlich gegen ihn. Er wird niemals wie Vater sein. Ihr Onkel trat gegen den Heuballen und ließ einzelne Halme aufstoben. Sie versuchte, seine Erregung zu nutzen, um an ihm vorbeizuschleichen.

»Luna!«, schallte es hinter ihr. Sie zog den Kopf ein und drehte sich schuldgebeugt um. Hanco stürmte auf sie zu. »Wo zum Teufel bist du gewesen?«

Was soll ich sagen? Dass ich Trost bei einem Wolf gesucht habe? »Im Wald«, brachte sie stockend hervor.

»Du gehst in den Wald, während hier die Hölle los ist? Und dann sagst du nicht einmal ein Wort zu jemanden?«

Den Kopf gesenkt, knetete sie die Hände. »Es tut mir leid. Ich habe nicht daran gedacht.«

Der Dunkelfuchs kaute unruhig auf seiner Trense. Das Klappern von Metall auf Zahn tönte unangenehm in ihren Ohren.

»Das nächste Mal kommst du nicht so ungeschoren davon, verstanden?« Sein Kopf ruckte zur Seite. »Und jetzt sieh zu, dass du deiner Tante mit den Verwundeten hilfst! Du bist hier nicht die Einzige, die eine harte Zeit durchmacht.«

Sie wandte sich sogleich um. Am liebsten wäre sie gerannt, aber das war unschicklich für ihr Geschlecht und allemal für die künftige Burgherrin. Hanco brüllte ihr hinterher.

»Und was hast du mit deinem Gebände gemacht?«

Das versickert im Schlamm.

Obwohl er murmelte, vernahm sie seine Worte. »Je schneller ich einen Mann für dich finde, umso besser. Ich versteh nicht, warum dein Vater dich nicht längst verheiratet hat.«

Sie ergriff eine ihrer Strähnen und klammerte sich daran, als wäre ihr Haar das Einzige, was ihr noch Halt bot.

Die große Halle im ersten Stockwerk, in der sie aßen und Bankette abhielten, diente nun als Krankenlager. Auf dem Boden lagen die Verwundeten dicht an dicht. Wie ein Chor der Verdammten hallte ihr Stöhnen und Wimmern von den Wänden.

Nachdem sich Luna einen neuen Schleier angelegt hatte, wandte sie sich an ihre Tante. Mit vor Anstrengung gerötetem Gesicht drückt ihr Binhildis einen Berg blutiger Verbände in die Arme. Luna senkte die Lider und machte sich an die Arbeit.

Die Nacht kroch durch die Schlitzfenster und drang schleichend in ihr Innerstes. Lange nach dem Einbruch der Dunkelheit arbeitete sie weiter im zuckenden Lampenschein. Aber als die letzte Flamme im Öl ertrank, musste sie sich der Finsternis stellen und allem, was sie aus ihrem Innern hervorbringen würde.

Sie stieg die knarzenden Leitersprossen empor und öffnete die Kammerluke. Mit vier weiten Schritten konnte sie die Länge des Raumes durchmessen, mit nur drei die Breite. Das Zimmer bot lediglich Platz für ein altes Bett und eine schmucklose Truhe.

Bevor der Bergfried errichtet worden war, diente das höchste Geschoss des Wohnturms als Aussichtsplatz. Die Kammer war das Quartier für die Wächter gewesen. Nur weil die Leiter in die Frauenkammer mündete und sie somit keinen nächtlichen Männerbesuch empfangen konnte, war es ihr erlaubt, hier allein zu schlafen.

Sobald sie die Luke unter ihren flachen Händen schloss, senkte sich die Dunkelheit wie ein Bleikleid auf sie herab. Für einen Moment war als Einziges ihr Atem in der Stille zu hören.

Dann begann es. Hundertfach verstärkt hallte Mutters Kreischen von den Wänden. Sie presste die Hände auf ihre Ohren. Aber die Schreie kamen nicht von außen, sondern von innen.

Bilder wogten aus der Finsternis auf. Mit dumpfem Aufprall fiel die abgetrennte Hand ihres Vaters zu Boden. Luna kniff die Augen zusammen, doch stiegen die Gestalten aus dem Schwarz hinter ihren Lidern auf. Sie sah, wie die eingeschnürten Bündel von Maden zerfressen wurden und im Schlamm zuckten. Sie versuchte, durch ihr eigenes Kreischen das ihrer Mutter zu übertönen. Doch es gab kein Wegsehen, kein Weghören.

Ihre Kehle wurde zu eng zum Atmen. Sie krallte die Hand in den Hals, taumelte zum Fenster und schlug die Läden auf.

Kälte rauschte ihr entgegen und ließ sie die Luft einsaugen. Hinter ihr flatterte der Schleier im Wind. Sie klammerte die Finger in den Rand des Steinsimses. Ich schaff das nicht. Ich schaffs nicht.

Ihr Blick fiel in die Tiefe und versank in Dunkelheit. Mit jedem Luftholen beruhigte sich ihr Atem mehr. Das rasende Herzklopfen in ihrer Brust wurde langsamer. Und langsamer.

Es kann alles ein Ende haben. Hier und, jetzt. Sie sah zum Mond auf und überblendete mit seinem Schein das Wüten im Innern, bis eine tödliche Ruhe sie erfasst hatte. Sie setzte einen Fuß auf den Fenstersims. Dann den anderen. Der Wind presste den Schleier gegen ihre Wange, während die Worte des Burgkaplans durch ihren Geist hauchten. Selbstmörder fallen geradewegs in die Hölle.

War das nicht bereits die Hölle? Sie schloss die Lider. Nun wurde es still. Grabstill.

Ein bekanntes Gefühl durchströmte sie und wärmte ihr erkaltetes Blut. Sie öffnete die Lider. Dort war es. Mein Sternenpaar.

Ihr Atem kletterte als Dampfwolke an ihrem Gesicht empor. Sie wusste jetzt, die Lichter im Waldschatten waren Astrums Augen. Für einen Moment verschwand das Leuchten, als er blinzelte.

Nach wie vor herrschte Dunkelheit in ihr. Doch nun durchbrachen die zwei Sternenfunken die Finsternis. Aber da war noch etwas anderes, tief in ihr. Etwas, für das sie keine Worte fand. Gleich einem Schauer stellte es die feinen Härchen an ihrem Körper auf.

***

Gottwin schloss die Augen und atmete tief durch seine Schnauze ein. Wie eine unsichtbare Hand streckte sich Lunas Duft nach ihm aus. Sie roch nach Schnee. Schnee, der auf Eiswasser fällt.

Gottwin hob die Lider und sah über das rauschende Schwarz des Burggrabens zum Turm, der sich zwischen den Sternen reckte, ein dunkler Riese aus Stein. Wie stets wurde sein Blick von dem höchsten Fenster aufgesogen. Von der hellen Gestalt, die das Mondlicht einfing. Seine ferne Erinnerung überschnitt sich mit dem Bild der Gegenwart und zog ihn zurück in die Vergangenheit.

Das kleine Mädchen musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um über den Sims des Turmfensters zu spähen. Dann sah er zum ersten Mal ihre Augen, dieses leuchtende Eis. Ihm war, als würde er durch einen gefrorenen See brechen und von Wasser umschlungen werden. Sein Atem und seine Gedanken kamen zum Stillstand, er war schwerelos, machtlos. Er war bloß noch fähig, die Eisdecke anzustarren, durch die der Mond seine Strahlen tanzen ließ.

Erschaudernd stieß Gottwin die Luft aus und kehrte in die Gegenwart zurück. Nach wie vor überwältigte ihn diese Erinnerung. Er presste die Ohren an den Kopf. Ich wollte dich nur ansehen, kleine Luna. Niemals hätte ich gewagt, mehr zu hoffen.

Er riss den Blick von ihr los und starrte auf seine Krallen, die sich knirschend in die Erde bohrten. Ich wollte sie töten. Jede Erinnerung an dich. Niemand darf sie sehen. Die Augen zusammengepresst, krümmte er den Hals. Doch ich habe versagt. Die gesamte Nacht nach seinem ersten Blick auf sie war er gerannt, verfolgt von den Schattenstimmen in seinem Kopf.