Blut und Dornen: Teil 1 - Tina Tannwald - E-Book

Blut und Dornen: Teil 1 E-Book

Tina Tannwald

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Beschreibung

Der Wald entscheidet, ob du lebst oder stirbst. Kiruna lebt am Fuße der Königsberge, zwischen Dirnen und Geächteten, umgeben von ungezähmten Wäldern, in denen eine dunkle Magie haust. Die reichen Städte auf den wolkenverhangenen Gipfeln sind ihresgleichen verschlossen. Doch sie hat Glück und wird in die Gilde der Diebe und Auftragsmörder aufgenommen, deren verschwiegene Dienste bei den Stadtbewohnern sehr begehrt sind. Als sie sich zum ersten Mal als Diebin beweisen muss, stellt ihr das Schicksal jedoch eine schier unlösbare Aufgabe. Einziger Ausweg ist die Flucht in den Wald, gemeinsam mit einem jungen Adeligen, der eigentlich tot sein sollte.

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Tina Tannwald

Blut und Dornen: Teil 1

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Kapitel 1 die Hände

Ein Schatten fiel auf Kirunas Gesicht.

Blinzelnd öffnete sie die Augen, doch es war niemand da. Nur die Spätsommersonne verschwand gerade hinter dem hohen Gipfel des Königsberges.

Gähnend setzte sie sich auf und streckte sich.

Kein Wunder, dass sie den größten Teil des Nachmittags verschlafen hatte, die Nacht im Wald steckte ihr zweifellos noch in den Knochen.

Um sie herum begannen die Frauen Grabstöcke, Hacken, Wäsche und die kleineren Kinder einzusammeln. Von ihrem Bruder Bow war nichts zu sehen, vermutlich tobte er mit seinen Freunden noch über die steinernen Einfassungen der Felder, die sich über mehrere, schmale Terrassen den sanften Hang hinunter zogen.

Nur hier, auf diesem kleinen Hügel, war es ihnen möglich, Gerste und Gemüse zu ziehen, ihre Wäsche ordentlich zu trocknen und den Kindern etwas von dem Sonnenlicht zukommen zu lassen, das sie so dringend brauchten. Den Grund der tiefen Schlucht, wo sie zuhause waren, erreichte die Sonne ebenso wenig wie den Boden des Waldes, der beinahe jedes freie Fleckchen zwischen den hoch aufragenden Bergen ausfüllte.

Kirunas Blick wanderte zum Königsberg hin, auf dessen stets wolkenverhangenem Gipfel die Stadt Rosenberg thronte. Hier oben konnte man über die massive Mauer hinwegblicken, die sich um den Fuß des mächtigen Berges zog; es brauchte beinahe zwei Tagesmärsche, um sie ganz zu umrunden.

Die älteren Häuser der beiden Siedlungen, die sich auf dem Weg hinauf in die Königsstadt rund um den spärlich bewachsenen, steilen Hang zogen, hatte man direkt in den Fels getrieben. Die neueren schienen sich mit aller Kraft an das Gestein zu klammern.

Aus vielen Kaminen stieg Rauch auf, denn in der unteren Ansiedlung lebten die Handwerker, die für die Herren auf dem Gipfel herstellten, was immer sie benötigten oder begehrten. Diese Unterstadt war der einzige Bereich des Königsberges, den zumindest einige von ihnen betreten durften. Vor allem die Tagelöhner und Wäscherinnen, zu denen auch ihre Mutter gehörte. Und einige Bettler; ihnen ein paar Almosen zu geben stellte eine Großzügigkeit zur Schau, die die Herren auf dem Gipfel in Wahrheit gar nicht besaßen.

Zu den größeren, prächtigen Häusern weiter oben, in denen die Händler und der niedere Adel lebten, hatten nur die Dirnen Zugang, wenn man sie denn einlud, ihre Körper und Seelen dort zu verkaufen. Einige von ihnen behaupteten, sogar in Rosenberg gewesen zu sein und schilderten die Königsstadt in märchenhaften Bildern. Doch die waren mit Sicherheit alle frei erfunden.

Seufzend erhob sie sich und begann, die Wäsche einzusammeln, die sie zum Trocknen in die Sonne gelegt hatte. Mochte sie auch einen ganz anderen Weg eingeschlagen haben als ihre Mutter, um den Haushalt musste sie sich trotzdem kümmern. Die Wäscherinnen gingen bei Sonnenaufgang hinauf in die Unterstadt und kehrten erst in der Dämmerung zurück. Doch schon sehr bald würden bessere Tage für sie anbrechen. Wenn alles gut lief, schon morgen.

Einen Moment hielt sie inne und blickte auf Bows Hose hinab, auf der sich ein Flicken an den nächsten reihte.

Es musste alles gut gehen, heute Nacht.

Sorgfältig legte sie die Kleider in den geflochtenen Korb, dann richtete sie sich auf und neigte lauschend den Kopf.

Helles Gelächter drang zu ihr herauf und sie wandte sich um. Zwischen den halbhohen Bäumen und Büschen auf der anderen Seite des Hügels erhaschte sie einen Blick auf die Kinder.

„Bow! Kommt herauf, wir müssen gehen!“

„Es dämmert ja noch gar nicht!“, antwortete die Stimme ihres kleinen Bruders. „Können wir nicht nachkommen? Wir passen schon auf!“

„Nein!“, erwiderte Kiruna bestimmt. „Und jetzt beeilt euch, wenn ich euch erst einfangen muss, nehme ich euch nicht mehr mit!“

Es raschelte im Gestrüpp, dann kamen sie schmollend heraus und trotteten aufreizend langsam zu ihr herauf.

Bow war zwar erst neun Winter alt, doch ihm traute sie durchaus zu, dass er nicht in Versuchung geriet, einen Abstecher in den nahen Wald zu unternehmen. Aber die Verantwortung für seine drei Spielkameraden konnte sie ihm auf keinen Fall aufbürden. Wortlos trotteten sie an ihr vorüber und sie setzte sich ebenfalls in Bewegung.

„Ein wenig schneller, wenn ich bitten darf“, bemerkte sie schmunzelnd. „Ihr wisst doch, dass ich noch zum alten Etzra muss, bevor sich das Tor öffnet!“

Der Kopf der blonden Iluna, die ein Jahr älter war als Bow, fuhr zu ihr herum.

„Holst du heute deine Krallen bei Etzra ab?“

Kiruna verbarg ihre Überraschung und blickte sie mit gerunzelter Stirn an.

„Wer hat dir denn so einen Blödsinn erzählt?“

Die Kleine wurde feuerrot und blickte schleunigst wieder nach vorn. Bow gab ihr einen Knuff in die Seite.

„Das ist ein Gildegeheimnis, du dumme Gans! Willst du, dass sie meine Schwester töten, weil sie ihren Schwur bricht?“

Iluna schüttelte den Kopf, sagte jedoch nichts mehr dazu.

Nachdenklich musterte Kiruna Bows dunklen Schopf. Gut möglich, dass er letzte Nacht verstohlen beobachtet hatte, wie sie abgeholt worden war. Und nicht nur die Kinder erzählten sich eine Menge Geschichten darüber, was die angehenden Diebe der Gilde wohl im Wald trieben, bevor sie zum ersten Mal beweisen mussten, dass sie ihr Handwerk ordentlich gelernt hatten.

Vielleicht wäre es sogar besser, ihm zu berichten, wie es gewesen war, tief in diesen Wald hineinzugehen, um das zu bekommen, was Iluna die Krallen nannte. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme und sie schauderte.

Dann würde er zweifellos lange Zeit an Albträumen leiden, aber mit Sicherheit sofort das Weite suchen, wenn die anderen begannen, sich die wildesten Geschichten auszudenken.

 

Sie ließen den Hügel hinter sich und erreichten den breiten Weg, der zur Schlucht führte. Von klein auf lernten alle, die dort unten am Fluss lebten, sich nicht dem Wald zu nähern, der sich kaum zwanzig Ellen entfernt links und rechts dicht und dunkel ausbreitete. Blutrote Blüten waren vage zu erkennen, leuchtend orangefarbene und violette Früchte, doch sie blieben hinter den Bäumen zurück. Kein Strauch oder Kraut und nicht einmal ein Grashalm überwuchsen die unsichtbare Grenze, hinter der der Weg begann. Und das war auch gut so.

Hinter ihnen schrie eine Frau auf und Kiruna wirbelte herum. Ein Blick reichte aus, dann schoss sie los, dem Kleinkind hinterher, das in erstaunlichem Tempo mit vorgestreckten Händen auf die Früchte eines Dornenstrauches zulief.

Sie erwischte den Kragen seiner Tunika und der Junge, der kaum drei Jahreszeiten alt sein konnte, begann augenblicklich zu weinen. Ohne darauf einzugehen, packte sie ihn wie ein Paket und stellte ihn vor seiner Mutter ab, die sie mit schreckgeweiteten Augen ansah. Sie war noch sehr jung; viel zu jung.

„Halt ihn besser fest, wenn du ihn großziehen willst“, wies sie sie halblaut an, dann wandte sie sich brüsk ab.

 

Bow und die anderen starrten wie hypnotisiert zum Waldrand hin, als sie zu ihnen trat.

„Sie hat sich bewegt“, wisperte ihr Bruder und blickte zu ihr auf. „Hat sie das Kind etwa …. gesehen?“

„So ungefähr“, bestätigte sie knapp.

„Ich hab‘ überhaupt nichts gesehen!“, stellte Iluna fest und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und sie hat ja auch gar keine Augen!“

„Die braucht sie nicht“, erwiderte Kiruna und hob eine Augenbraue. „Sie hat ja auch keine Zähne und frisst dich trotzdem, wenn sie dich erwischen kann!“

Das Mädchen reckte trotzig das Kinn vor. „Ich glaube, das sind nur Märchen, damit wir Angst kriegen und nicht im Wald spielen! Es gehen ja auch Jäger hinein und kommen lebendig wieder raus.“

Die Kleine wusste erstaunlich gut Bescheid, was bedenklich war. Einige Männer waren tatsächlich verrückt oder verzweifelt genug, um nicht nur ihr Jagdglück herauszufordern. So auch Ilunas Vater, der allerdings schon vor ein paar Jahren verschwunden war. Es stand unter schwerer Strafe zum Jagen in den Wald zu gehen, also hatte ihre Mutter verbreitet, er hätte sie verlassen, um in einer der anderen Siedlungen weiter flussabwärts zu leben. Was durchaus öfter geschah, doch in diesem Falle war es eine Lüge. Der Gildemeister hatte die Überreste ihres Vaters im Wald gefunden und die Nachricht ihrer Mutter überbracht.

„Hör zu, Iluna“.

Kiruna hockte sich hin und blickte dem Mädchen tief in die Augen.

„Ich war dort drinnen und ich sage dir, dass eine Dornenpflanze, die sich Hasen, Füchse oder kleine Kinder greift, bei Weitem nicht das Schlimmste ist, was dir in diesem Wald begegnen kann! Und wenn du noch einmal sagst, dass wir von der Gilde Lügen über den Wald verbreiten, bringe ich dich zu Meister Luta, damit er dir persönlich den Hintern versohlt! Hast du verstanden?“

Die Kleine wurde bleich und nickte, dann füllten sich ihre Augen mit Tränen. Augenblicklich packte Kiruna das schlechte Gewissen. Sie streckte die Hand aus, besann sie sich jedoch anders und stand auf.

„Und nun lauft nachhause, die Treppe könnt ihr ja allein hinabsteigen.“

Wie der Wind machten sich Bows Spielkameraden aus dem Staub und sie blickte ein wenig betreten auf ihn hinab.

„Ich glaube dir“, sagte er jedoch ganz ernsthaft. „Iluna hat bestimmt gelogen und doch gesehen, wie sich die Ranke zum Waldrand hingeschlichen hat.“

Kiruna schüttelte den Kopf. „Das denke ich nicht. Es gibt viele Menschen, die es gar nicht bemerken, wenn sie sich anschleichen, Bow. Und ich bin sehr froh, dass du nicht dazugehörst. Komm, wir wollen doch Mutter nachher am Tor abholen.“

 

Mehr als zweihundert Stufen waren vor langer Zeit in den Fels geschlagen worden, um in das schmale Tal hinabsteigen zu können. Kiruna erinnerte sich noch daran, dass ihre Mutter sie wie alle kleineren Kinder in einer Kiepe auf dem Rücken hinaufgetragen hatte zum Hügel.

Dann jedoch hatten sich einige kräftige Männer aufgemacht, einen schmalen Weg anzulegen, der sich nun seit einigen Jahren in engen Schleifen hinab und auf der anderen Seite des schmalen Tales hinaufzog, sodass die Kleinen und Alten ihn gehen konnten. Und sogar schwer bepackte Maultiere. Der Handel mit der Unterstadt war damit viel einfacher geworden, auch wenn sie kaum mehr anzubieten hatten als Fische, Schalentiere und einige Steinmetzarbeiten.

Während Bow vor ihr aufmerksam die Stufen hinabstieg, ließ Kiruna ihren Blick über das Dorf schweifen. Die meisten der knapp drei Dutzend Behausungen waren aus Bruchsteinen nah an die Felswände gebaut worden. Lediglich einige wenige Holzhäuser, aus Treibholz gezimmert, standen direkt am Ufer. Man hatte sie auf Stelzen gesetzt, damit das reißende Hochwasser der Schneeschmelze sie nicht erreichen konnte.

Im Hochsommer bot die Schlucht angenehme Kühle und hielt im Winter die eisigen Winde fern, doch dafür fing sich der klamme Nebel zwischen den Felswänden und zog in jedes Haus und jeden einzelnen Knochen.

Viele Kinder, die im späten Herbst oder Winter geboren wurden, überstanden die ersten Wochen nicht, obwohl sie keinen Hunger leiden mussten. Das mangelnde Sonnenlicht nagte an ihrer Lebenskraft, denn im Winter war es ein waghalsiges Unterfangen, sie die vereisten Stufen oder den spiegelglatten Pfad hinaufzubringen. Kiruna hatte es gewagt und den Kampf um Bows Leben gewonnen.

Ihre Mutter wurde trotzdem nicht müde, ihr immer wieder zu versichern, dass es ihnen hier sehr viel besser ging, als in den anderen Siedlungen flussabwärts, und dass sie dies allein der Gilde verdankten. Ihretwegen zogen es die Soldaten des Königs vor, weiter flussabwärts ein wenig für Ordnung zu sorgen und den Bestand an unerwünschten Bewohnern noch, um einiges niedriger zu halten als es die Natur und der Wald besorgten.

Zudem brachte ihnen die Gilde Silbermünzen für ihre Handelswaren ein und sorgte dafür, dass sie Fleisch, Käse und gut verarbeitete Kleidung zu einem halbwegs vernünftigen Preis kaufen konnten. Alles Dinge, die die anderen niemals zu Gesicht bekamen.

Allerdings teilten alle Leute am Fluss dasselbe Schicksal; sie gehörten zum Bettelreich, wie die Bewohner der Berge ihre Dörfer nannten, und dabei entweder die Nase rümpften oder herzhaft lachten.

 

Kiruna steuerte eines der ältesten Bruchsteinhäuser am Dorfeingang an und ignorierte wie immer all die Gestalten, die sich in der Nähe der Holzhäuser am Ufer herumdrückten oder bereits das einzige Wirtshaus bevölkerten. Es gehörte Luta, dem Gildemeister, denn nur er besaß die nötigen Verbindungen, um Branntwein und Bier zu beschaffen.

In der Nähe seines geräumigen Hauses gab es auch hier unten für die Dirnen einiges zu verdienen, denn die meisten der Gildeangehörigen waren nun einmal Männer, die dem Trinken und dem schnellen Vergnügen nicht abgeneigt waren. Nur wer demnächst einen Auftrag zu erledigen hatte, hielt sich fern, wenn er nicht vom Meister vor die Tür gesetzt werden wollte.

Kiruna öffnete das eiserne Bügelschloss, trat ein und stellte den Korb mit der Wäsche auf dem Boden neben dem rauen Holztisch ab.

„Soll ich dich nachher abholen, wenn ich zum Tor hinaufgehe?“

Bow schüttelte den Kopf, während er bereits zu einem zweiten, sehr viel kleineren Tisch hinüber ging, auf dem seine Steinarbeiten lagen.

„Ich will die Schale hier heute noch fertig machen, damit Mutter sie morgen mit in die Unterstadt nehmen kann.“

Ein schmerzliches Lächeln tauchte in Kirunas Gesicht auf. Er besaß unbestreitbar großes Talent für dieses Handwerk und trug bereits mehr an Verantwortung für sie alle als gut für ihn war. Sie gab sich einen Ruck, ging hinüber, schlang ihm die Arme um den schmalen Rücken und drückte ihm einen Kuss auf das Ohr.

„Das musst du nicht, kleiner Bruder. Ab morgen bin ich eine richtige Diebin, dann essen wir mehr Fleisch, als du in einer Woche herunterschlingen kannst!“

Er zog kichernd den Kopf ein und nickte. „Geh schon, sonst versohlt dir Etzra vielleicht auch den Hintern, weil du zu spät kommst!“

„Huch, da fürchte ich mich aber gewaltig!“ Sie gab ihn frei und fuhr ihm noch einmal durch das dichte Haar. „Verriegle die Tür hinter mir, ja?“

Er nickte erneut und Kiruna ging zum Ausgang, um sich dort noch einmal umzudrehen.

„Sofort, Bow!“

Mit leisem Schnauben erhob er sich endlich.

Draußen wartete sie, bis sie hörte, wie er den Holzbalken mit einiger Mühe in seine Halterung schob, dann ging sie los.

 

Die Frauen und Kinder, die eben vom Hügel herab gekommen waren, mischten sich mit den Alten, die sich den Weg hinauf nicht mehr allzu oft antaten. Man setzte sich plaudernd vor die Häuser, sortierte Kleidung und geerntetes Gemüse und die Kinder spielten auf dem dürren Grasboden. Kiruna suchte sich ihren Weg durch das bunte Treiben und nickte dem einen oder anderen grüßend zu.

Früher war sie stets mit gebeugtem Kopf, den Blick starr zu Boden gerichtet, eilig zum Flussufer hinübergehuscht, denn den Weg über die vielen Gesteinsbrocken nahm so gut wie niemand, wenn er quer durchs Dorf gehen musste. Nun jedoch trug sie bereits seit zwei Jahren das schwarze Wams der Gilde, mit den ebenso schwarzen Hosen und hohen Stiefeln und musste damit nicht mehr befürchten, von Volltrunkenen angehalten zu werden, die nach ein wenig Unterhaltung suchten. Ihre langen braunen Locken mit dem leichten Rotstich versteckte sie jedoch noch immer unter einem Tuch; sie waren einfach viel zu auffällig.

Ohne so recht zu wissen, warum, wanderten ihre Gedanken zwei Jahre zurück, während sie geschickt über das steinige Ufer balancierte.

Die erste Zeit des Trainings war mehr als hart gewesen, denn Meister Luta machte nur wenig Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Doch während die jungen Männer vor allem im Kampf mit Faust und Messer glänzen wollten, war Kiruna Lutas Rat gefolgt und hatte vervollkommnet, was die Natur ihr bereits mitgegeben hatte.

Heute war sie den Männern beim Klettern und Anschleichen weit voraus. Und im Stillhalten sogar die beste Schülerin, die es je in der Gilde gegeben hatte.

Stundenlang bewegungslos in einem Versteck auszuharren, bis die Gelegenheit kam, die man brauchte, war die größte Tugend, die ein Dieb besitzen konnte, sagte Luta. Und wenn man es dann auch noch vermochte, sich aus der Starre heraus in eine Schleichkatze zu verwandeln, war man der geborene Meisterdieb.

Oder besser Meisterdiebin, denn von den Burschen, die gemeinsam mit ihr die Ausbildung begonnen hatten, gab es keinen, der ihr diesbezüglich auch nur annähernd das Wasser reichen konnte. Selbst die mutige Kosa, die einzige weitere junge Frau in ihrer Gruppe, war ihr da unterlegen.

Im Kampf Mann gegen Mann, der immer das letzte Mittel für einen Dieb war, um zu entkommen, hatten die Männer sie allerdings ausgiebig spüren lassen, was ihr an Kraft und Ausdauer fehlte. Meister Luta hatte einige Male dazwischen gehen müssen. Einen hatte er sogar mit dem Stock bestraft, denn er hatte ihr beinahe den Arm gebrochen.

Nachdenklich blieb Kiruna stehen und blickte auf das schnell fließende, blaugrüne Wasser des Flusses hinaus, das sie so sehr liebte, und ihr Blick blieb an der inzwischen recht altersschwachen Holzbrücke hängen, die hinüberführte auf die andere Seite.

Sie wusste bis heute nicht, warum ausgerechnet Amar versucht hatte, sie so ernsthaft zu verletzten, dass sie niemals eine Diebin hätte werden können.

Gut, er hielt nicht viel davon, dass Frauen in der Gilde ausgebildet wurden, aber sie hatten als Kinder miteinander gespielt und sich sehr gemocht. Und als sie älter geworden waren, hatte er ihr sogar Blumen gepflückt, was hier so ungefähr das Romantischste war, das einem Mädchen passieren konnte.

Und zudem hatte Meister Luta ihn doch kurz vor diesem unseligen Übungskampf als Sohn anerkannt, was ihm augenblicklich einen sehr hohen Rang in der Gilde eingebracht hatte. Das aufs Spiel zu setzen, indem er einen Gildeschüler schwer verletzte, war mehr als dumm gewesen.

Amar hatte schon als Junge unbedingt einer von den Meuchelmördern werden wollen, die hier unten ebenso gefürchtet wie geachtet wurden. Und oben in der Stadt erst recht, denn niemand von den feinen Herren wagte es, sie auch nur zu verdächtigen, wenn einer von ihnen unerklärlich früh verstarb. Sie dagegen verabscheute die Mörder zutiefst und es war ihr ein Rätsel, warum sie ebenfalls zur Gilde der Diebe gehörten.

Kiruna riss sich vom Anblick des Flusses los und setzte ihren Weg fort. Mittlerweile war der Lärm des Dorfes hinter ihr zurückgeblieben, denn der alte Etzra zog es vor, ein wenig abseits von den anderen zu leben.

Luta hatte ihr erklärt, dass nur gute Diebe auch das Zeug zum Auftragsmörder hatten. Es sei eine angeborene Begabung, doch erst in der Ausbildung zum Dieb zeige sich, ob die eigene Seele auch die Bereitschaft besitze, Leben zu nehmen, ohne zu zerbrechen.

Offenbar besaß Amars Seele diese spezielle Bereitschaft, denn er hatte seine Ausbildung zum Dieb schon vorzeitig im letzten Winter abgeschlossen, um endlich in die sehr geheime Ausbildung der Mörder wechseln zu können. Ihre Wege hatten sich damit getrennt, was sie insgeheim sehr erleichtert hatte.

Etzras altes Holzhaus tauchte auf; gut zehn Ellen über ihr stand es auf einem großen Felsbrocken, von dem es hieß, Riesen hätten ihn vor langer Zeit dort vergessen, als sie durchs Land gezogen waren und aus purem Übermut all die Berge aufgetürmt hatten. Kiruna stieg die ins Gestein gehauenen Stufen empor und wandte sich um.

Von hier oben konnte man das enge Tal ein ganzes Stück weit überblicken. Das Treiben im Dorf wirkte friedlich, wie immer um diese Tageszeit. Unangenehm wurde es erst nach Einbruch der Dunkelheit, wenn einige Bewohner längst viel zu viel getrunken hatten und sich in die Haare gerieten. Mit leisem Seufzen blickte sie in die andere Richtung.

Flussaufwärts rückten die Felswände immer näher an das Wasser heran, bis man schließlich nur noch mit einem Boot weiterkam. Einige der Fischer hatten die Gegend dort erkundet und berichtet, dass sich das Gestein weiter hinten schloss und zur dunklen Höhle wurde, in die sie sich jedoch nicht weit hineingewagt hatten. Und natürlich hatten sie Geschichten verbreitet, von großen Wesen, die sich dort im Dunkel geregt und sie lautlos wie Wasserschlangen eine ganze Weile verfolgt hatten.

„Suchst du etwas, Kiruna?“

Sie wandte sich um und blickte in das wettergegerbte, von unzähligen Lachfalten durchzogene Gesicht des alten Etzra, der sie mit seinen durchdringenden, hellblauen Augen unter den silberweißen Brauen musterte.

„Ich weiß nicht“, gab sie schmunzelnd zurück. „Sollte ich denn etwas suchen?“

„Oh ja, allerdings! Aber was das ist, musst du schon selbst herausfinden.“ Er grinste breit. „Komm herein, ich habe schon auf dich gewartet.“

 

Kiruna war schon als Kind oft in Etzras Haus gewesen, was eine ganz besondere Ehre war, denn der Alte war nicht gerade erpicht auf Besuch, der seine Hände nicht bei sich behalten konnte. Sein Zuhause war vollgestopft mit seltsamen Dingen, eisernen Gerätschaften, getrockneten Pflanzen und ausgestopften Tieren, die in hohen Regalen standen, auf Tischen und Stühlen lagen und sogar von der Decke hingen. Allein der Geruch war ein so eigentümliches Gemisch aus Kräutern, Salben, Ölen und leise vor sich hin schimmelnden Dingen, dass man ihn niemals mehr vergaß.

Erklärungen zu all dem Zeug gab es keine von ihm, doch Kiruna war stets vollauf damit zufrieden gewesen, still bei ihm zu sitzen und alles anzuschauen. Das Einzige, was er ihr mit der Zeit erlaubt hatte, war, seine Mäuse zu füttern und ihre Käfige zu säubern. Er züchtete sie und insgeheim war sie davon überzeugt, dass er ihre Gesellschaft sehr viel mehr genoss als die der Dorfbewohner.

Etzra bot ihr mit einer Handbewegung an, an dem großen Holztisch Platz zu nehmen, an dem acht Personen bequem sitzen konnten, und verschwand hinter einem wollenen Vorhang.

Es dauerte nur einen Moment, dann kam er zurück, einen ledernen, gut verschnürten Beutel in der Hand, der allein schon recht wertvoll war, denn gegerbte Tierhäute waren hier unten sehr selten.

„Hier sind sie, Kiruna, deine Rutseei.“

Er legte den Beutel auf den Tisch und Kirunas Puls beschleunigte sich.

„Und … was bedeutet dieses Wort?“

„Es ist ein geheimes Wort, das nur die Mitglieder der Gilde kennen“, gab er Auskunft. „Die Sprache ist sehr alt, unsere Vorfahren sprachen sie. Es bedeutet einfach Hände.“

„Hände?“ Ihre Augen wurden groß. „Aber … ich dachte es sei ein besonderes Geschenk, also vielleicht eher so  eine Art Handschuhe?“

Etzra begann zu schmunzeln. „Ja, so könnte man sie auch nennen. Deine eigenen Hände kannst du also behalten, allerdings nur, wenn du gut auf sie achtgibst.“

Kiruna spürte, wie sich ihr Magen zusammenballte. „Könntest du bitte aufhören, mir Angst einzujagen?“

Das Gesicht des Alten wurde ernst. „Es ist nicht verkehrt für eine Diebin, ein wenig Angst zu haben. Das hält dich am Leben. Also gut, hol mir eine Maus, dann wirst du sehen, was ich meine.“

„Eine Maus?“ Ungläubig sah sie ihn an.

Er nickte lediglich, also ging sie hinüber zu den Käfigen, öffnete den Erstbesten und schloss ihre Finger um eines der graubraunen Tierchen.

Als sie sich herumdrehte, fiel ihr Blick auf den Beutel und sie verharrte mitten im Schritt. Etwas in ihm bewegte sich, als suchte es den Ausgang.

„Was …?“, hörte sie sich wispern und starrte Etzra an.

„Gib sie mir“, sagte der Alte und sie musste sich einen Ruck geben, um die paar Schritte zu tun und ihm die Maus zu geben.

Er packte das Tier mit der Linken, während er mit der anderen den Knoten der ledernen Schnur aufschob und sie blitzschnell hineinstopfte.

Das laute Fiepen ließ Kiruna zusammenzucken, die fassungslos auf das wilde Hin und Her im Beutel starrte. Dann war es auch schon vorbei, als wäre nichts geschehen.

„Das Wesen, das dir letzte Nacht von seinen Dornen gab“, sagte Etzra, „will Blut. Und deine Rutseei wollen es auch. Wenn du ihnen keines gibst, nehmen sie deines, während du sie trägst. Ich werde dir einen der Käfige mitgeben, wenn du dich entscheidest, deinen Weg fortzusetzen.“

Kiruna rauschte das Blut in den Ohren und das Herz schlug ihr dröhnend bis in die Kehle hinauf. Matt ließ sie sich auf dem Stuhl nieder und starrte den Beutel an.

Niemand in der Gilde hatte auch nur die leiseste Andeutung zu dem gemacht, was Etzra ihr da eröffnete. Der Wald würde ihnen ein Geschenk machen, hatte es geheißen. Eines, das sie zu den besten Dieben der Welt machte, mit goldenen Händen, denen keine Beute entging.

Bis eben war sie davon ausgegangen, dass der Schrecken der letzten Nacht eine einmalige Sache gewesen war, eine Hürde, die sie eben hatte nehmen müssen, um sie dann gründlich und für immer zu vergessen.

Etzra griff nach ihrem Arm. „Hast du mich gehört, Kiruna? Du kannst dich anders entscheiden und sie ablehnen. Niemand in der Gilde wird es dir vorwerfen, du bist dann lediglich verpflichtet, dieses Geheimnis niemals preiszugeben.“

Sie schluckte und blickte ihn an. „Und wenn ich sie nehme, aber die Prüfung heute Nacht nicht bestehe, was ist dann?“

„Dann wirst du sie wiederholen und beim zweiten Mal erfolgreich sein“, erwiderte er und nickte ihr aufmunternd zu.

„Du weißt, was ich meine. Kann ich sie auch später zurückgeben?“

Er schüttelte den Kopf. „Der Pakt mit dem Wald ist geschlossen, wenn du sie annimmst. Das ist dann für immer.“

Der Pakt mit dem Wald ….

Nachdem sie ihr Schweigegelübde abgelegt hatten, hatte Meister Luta ihnen eröffnet, dass es ein geheimes Bündnis gab zwischen dem Wald und der Gilde, das ihr ganzes Dorf schützte. Ohne diesen Pakt würde sich der Wald den Hügel, auf dem ihre Felder lagen, in Windeseile zurückerobern und selbst die Schlucht wäre dann keine sichere Zuflucht mehr. Damals war sie sehr stolz darauf gewesen, bald selbst zum Schutze des ganzen Dorfes beitragen zu können.

Leise regte sich das Verstehen in ihr und rang mit einem gewissen Zorn auf den Gildemeister. Wenn er gleich zu Beginn preisgegeben hätte, dass sie als vollwertige Gildemitglieder ein Stück dieses grausamen Waldes ein Leben lang bei sich tragen und füttern mussten, um nicht mit dem eigenen Blut zu bezahlen, hätte wohl nicht nur sie selbst auf dem Absatz kehrt gemacht.

Nun jedoch war sie so weit gekommen, hatte all ihre Hoffnungen, ihre eigene Zukunft und die Bows und ihrer Mutter mit dem Ziel verknüpft, eine Diebin der Gilde zu werden.

Sie konnte nicht mehr zurück, unmöglich.

Ganz egal, was Etzra sagte, die Verachtung der Gilde und des gesamten Dorfes wäre ihr gewiss, und ihrer Mutter und Bow ebenfalls.

„Also gut“, sagte sie und holte tief Luft. „Ich nehme sie. Was muss ich tun?“

„Zieh sie an, mehr braucht es nicht.“

Er schob den Beutel zu ihr hin und Kiruna beäugte die Öffnung. Etwas Schwarzes war zu sehen, doch es regte sich nicht.

Endlich streckte sie die Hand aus und griff hinein.

Ihre Finger ertasteten etwas unerwartet Kühles, aber zu ihrer Erleichterung keine Überreste der Maus und nichts Feuchtes. Stirnrunzelnd zog sie die Handschuhe heraus, deren grauschwarze Oberfläche leicht geschuppt wirkte.

„Schlangenleder“, wisperte Etzra. „Ebenfalls ein Geschenk, wenn auch nicht vom Wald.“

Ihr Puls begann zu fliegen, als sie den Ersten über die rechte Hand zog und hastig den zweiten überstreifte.

Nichts geschah, keine Zähne waren zu spüren, die sich in das Fleisch ihrer Finger bissen, nur das kühle Schlangenleder. Das sich jedoch zu erwärmen begann.

Überrascht riss sie die Augen auf, denn mit der Wärme strömte eine seltsame Art von Kraft und Zuversicht in sie hinein. An der Spitze der Finger und auf den Handflächen begannen sich Dornen zu zeigen, die beinahe unmerklich vibrierten.

„Interessant“, murmelte Etzra. „Sie zeigen sich in ihrer ursprünglichen Form.“

„Was meinst du damit?“, wollte Kiruna wissen. „Wie sollten sie denn sonst aussehen?“

„Oh, ähm, das ist sehr unterschiedlich“, erwiderte der Alte und wirkte beinahe, als habe er sich verplappert. „Sie wandeln sich sowieso, je nachdem, wofür du sie brauchst. Zum Klettern oder, ähm … Festhalten.“

„Oder zum Töten?“

Sie hielt seinen Blick gefangen, bis er schließlich nickte.

„Aber sei unbesorgt, sie werden dir gehorchen, wenn du sie gut behandelst. Und das solltest du von nun an immer tun, denn dieser Ledersack wird sie nicht aufhalten, wenn ihr Hunger zu groß ist.“

Kirunas Blick wanderte zu den Mäusen hinüber. Zumindest war nun geklärt, warum er sie züchtete. Und warum man erst zum Dieb ausgebildet wurde, bevor man sich für die Mörderlaufbahn entscheiden konnte, gleich mit.

Stumm zog sie die Handschuhe aus und schob sie zurück in den Beutel. Er besaß einen Knoten, der sich zuschieben ließ, doch sie wickelte auch den Rest der Schnur darum.

Etzra erhob sich, ging zu den Käfigen hinüber und wählte einen mit vier Tieren aus. Dann kam er zurück und stellte ihn vor Kiruna auf dem Tisch ab, die zu ihm aufsah.

„Und wie oft müssen sie gefüttert werden?“

„Eine Maus pro Tag reicht vollkommen. Du kannst wiederkommen und dir neue holen, die Gilde sorgt für das Futter.“

„Gut, dann …danke ich dir, Etzra. Ich muss los, sie werden das Tor bald öffnen.“

Sie erhob sich, griff nach Beutel und Käfig und nickte dem Alten zum Abschied zu.

An der Tür hielt sie jedoch inne und wandte sich noch einmal um.

„Es gibt noch mehr Geheimnisse hinter diesem Pakt mit dem Wald und diesen Rutseei, oder?“

„Ja“, erwiderte Etzra mit unbewegter Miene. „Aber dieses Wissen ist nicht für dich bestimmt. Zumindest noch nicht.“

 

Düster starrte Kiruna auf die knirschenden Kiesel unter ihren Stiefeln hinab. Bow würde die niedlichen Mäuse zweifellos sofort ins Herz schließen. Wie sollte sie ihm erklären, wohin sie verschwanden und warum sie ständig neue nach Hause brachte? Er war zu klug, um ihm die billige Lüge aufzutischen, dass sie ihr dauernd fortliefen. Der Gedanke, sie diesen seltsamen Handschuhen zu opfern, war ihr ja selbst zuwider.

Und den Beutel konnte sie auch nicht ernsthaft vor ihm verstecken. Nicht auszudenken, was geschah, wenn die Dinger sich selbstständig machten und sie nicht da war, um sie einzufangen. Ihn irgendwo im Haus zu lassen war sicher um Längen gefährlicher, als ihn ständig bei sich zu tragen. Aber auch das behagte ihr ganz und gar nicht. Worauf hatte sie sich da bloß eingelassen!

„Kiruna? Alles in Ordnung?“

Wie ertappt sah sie auf und blickte Kosa ins Gesicht. Es war nicht schwer zu erraten, wohin sie unterwegs war. Sie waren letzte Nacht gemeinsam im Wald gewesen, und auch auf sie wartete heute der letzte Teil der Gildeprüfung. Kosas Blick erfasste den Beutel und die Mäuse.

„Ja, alles in Ordnung …“, erwiderte Kiruna endlich. „Wenn du zu Etzra unterwegs bist, wirst du gleich wissen, warum ich gerade ein wenig seltsam wirke.“

Sie versuchte ein Lächeln und Kosa erwiderte es in einer Mischung aus Verständnis und Sorge. Sie waren nicht unbedingt beste Freundinnen geworden, in den vergangenen zwei Jahren, denn so etwas gab es hier unten ohnehin kaum, wenn man älter wurde. Doch sie schätzten und vertrauten einander und das war weitaus mehr als die meisten der jungen Männer in der Gilde miteinander verband.

„Wir schaffen das heute Nacht“, erwiderte Kosa, dann senkte sie den kurzgehaltenen, dunklen Schopf und machte sich auf den Weg.

Kiruna blickte ihr nach, als sich plötzlich ein zappelnder Fisch in ihre Gedanken schob.

Fisch, natürlich! Damit würde sie diese Rutseei füttern, dann würde den Mäusen nichts geschehen und Bow wäre glücklich. Die verblüffende Lösung ließ sie lächeln, dann wandte sie sich um und eilte weiter.

Den Fisch würden sie allerdings zusätzlich kaufen müssen, denn vom Angeln oder Reusen setzen verstanden sie alle drei nichts. Und auch das Futter für die Mäuse würde einiges kosten. Doch das wäre ja kein Problem mehr mit einer ordentlichen Entlohnung als Diebin. Und ihre Mutter und Bow würde sie nicht belügen, basta!

 

Bow war sofort an der Tür, als sie ungeduldig klopfte. Kaum öffnete sie sich, hielt Kiruna ihm den Käfig hin.

„Hier, die sind für dich, ich muss los, zum Tor!“

„Aber ….“

Vollkommen überrascht nahm er die Mäuse entgegen. Sie beugte sich hinab und drückte ihm einen Kuss ins Haar.

„Wenn ich zurück bin“, flüsterte sie, „erzähle ich Mutter und dir ein großes Geheimnis, die Mäuse gehören auch dazu. Und jetzt sperr‘ wieder gut zu, ja?“

Damit fuhr sie herum und lief den anderen hinterher, die bereits der Brücke zuströmten, um auf der anderen Seite der Schlucht die Treppe hinaufzusteigen.

Schon immer machten sich nicht nur die Dirnen in der beginnenden Abenddämmerung auf den Weg zur großen Mauer, sondern auch die Dorfbewohner, um diejenigen ihrer Familien abzuholen, die den Tag über in der Unterstadt gearbeitet hatten.

Es war eine Mischung aus Angst und Hoffnung, die sie hinauftrieb, denn früher waren nicht unbedingt alle, die am Morgen in die Stadt gegangen waren, am Abend auch wieder zurückgekehrt. Das war zwar schon lange nicht mehr vorgekommen, doch die Sorge hatte die Dorfbewohner nie verlassen. Und abgesehen davon war es ohnehin besser, zu zweit ein Auge auf die Entlohnung zu haben, die die Arbeiter täglich erhielten.

Kirunas Mutter hatte ihr erst nach ihrem Eintritt in die Gilde erzählt, dass es auch ihrem Vater so ergangen war. Er hatte als Tagelöhner in der Unterstadt arbeiten dürfen, und obwohl sie deutlich jünger gewesen war als Bow, konnte sie sich noch vage daran erinnern, dass er eines Abends nicht mehr nachhause gekommen war.

Ihre Mutter war überzeugt davon, dass die Herren vom Berg ihn getötet hatten. Mehr hatte sie jedoch nie dazu gesagt und auch keine ihrer Fragen beantwortet.

So war sie nun mal, denn auch von Bows Vater hatte sie nur preisgegeben, dass er nicht mehr gewesen war als ein zärtlicher Schatten in einer einsamen Neumondnacht, den sie nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte.

Für Bow und sie war es allerdings kein Problem, keinen Vater zu haben. Für alle Kinder hier unten waren die Mütter und Geschwister das Wichtigste, die Väter verschwanden nur allzu oft aus den unterschiedlichsten Gründen.

 

Es dauerte eine Weile, bis sie das Plateau erreichten, auf dem sich der Königsberg erhob. Die Mauer, die ihn umgab, schob sich hier nah an die Schlucht heran und war so hoch, dass man den Kopf weit in den Nacken legen musste, um die Wachen oben entdecken zu können, wenn man direkt vor dem Tor stand. Sie bestand aus massiven Steinblöcken, die sorgsam gepflegt und ausgebessert wurden, sodass ihre Außenseiten stets glatt geschliffen waren.

Nicht weit entfernt begannen sich Felder auszudehnen, den Wald hatte man weit zurückgedrängt und er blieb auch, wo er war. Gelungen war ihnen das nicht nur mithilfe von Feuer und Äxten, wie es hieß, sondern auch mit ihrer ganz eigenen, fremden Magie. Ob es stimmte, wusste niemand, nicht einmal Etzra, denn von dieser Magie war seit vielen Generationen weder etwas zu sehen, noch zu spüren. Doch was immer es letztendlich gewesen sein mochte, der Wald schien es immer noch zu fürchten.

Über dem zweiflügeligen Holztor mit den eisernen Verstrebungen hatte man bereits Fackeln entzündet und nicht nur die Soldaten der Torwache sammelten sich auf dem Wehrgang.

Während die Dirnen plappernd weiter gingen, blieben Kiruna und die anderen in sicherem Abstand stehen und blickten zu den feinen Herren und Damen hinauf. Nichts hasste sie so sehr wie dieses Schauspiel, das sich in unregelmäßigen Abständen wiederholte. Mit behandschuhten Händen hielten sie ihre reich verzierten Kappen und Hüte fest, beugten sich über die Mauerkrone und blickten hinab in die Schlucht, um die Häuser und Menschen dort unten zu begaffen.

Sie hatte Bow strikt verboten, sich den Kindern anzuschließen, die sich dann am Flussufer sammelten und winkten, in der Hoffnung, dass Silberlinge oder kleine Leckereien hinabgeworfen wurden. Manchmal waren es allerdings auch Steine oder totes Getier.

„Es sieht nur so aus, als würden sie ein paar Sumpfratten füttern“, ertönte eine Stimme hinter ihr und sie wandte sich um.

Es dauerte einen Moment, bis sie den dunkelhaarigen jungen Mann in schwarzer Gildekleidung erkannte, der sie musterte und schluckte.

„Amar! Was machst du denn hier?“

Auch wenn es bereits zu dämmern begann, die Furcht in ihren Augen hatte er gewiss gesehen. Sein Kreuz schien breiter geworden zu sein, seit dem letzten Winter, und muskulöse Arme spannten sich unter der Tunika.

„Eigentlich haben sie große Angst vor uns“, fuhr er fort, als hätte er ihre Frage gar nicht gehört und kam näher.

Dann richtete er den Blick auf das feine Volk, das nun damit beschäftigt war, die milden Gaben hinabzuwerfen.

„Ich habe gesehen, wie du durchs Dorf gelaufen bist, mit deinem Beutel.“

Unwillkürlich zuckte Kiruna zusammen und packte den Lederbeutel fester.

„Du gehst also heute Nacht mit Kosa hinauf?“ Amars Blick bohrte sich in ihren.

Sie nickte knapp und wandte sich dem Tor zu, das sich knarrend öffnete. Was wollte er von ihr? Er ging doch wohl nicht davon aus, dass sie mit ihm ein wenig über die bevorstehende Prüfung plaudern würde.

„Ich war heute auch bei Etzra“, sagte er leichthin. „Im Morgengrauen, und habe mir meinen Schmetterling abgeholt.“

Ein Schauer lief Kiruna über den Rücken, doch sie sah ihn nicht an. Deshalb war er ihr also gefolgt, um ihr stolz zu berichten, dass er seinen ersten Menschen getötet hatte und nun den schwarzen Schmetterling der Mörder auf der Haut tragen durfte? Wenn er sich irgendeine Art von Bewunderung dafür erhoffte, war er dümmer als sie bisher gedacht hatte. Er wusste schließlich, was sie von den Auftragsmördern hielt.

„Ich weiß, dass du mir diesen Kampf noch immer nicht vergeben hast, Kiruna, aber …“

„Da hast du Recht!“, erwiderte sie, fuhr nun doch herum und funkelte ihn an. „Ich kann mich auch gar nicht daran erinnern, dass du mich um Verzeihung gebeten hast!“

„Dafür gibt es Gründe“, erwiderte er mit gerunzelter Stirn. „Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass du mich danach gefragt hast.“

„Ich hätte zu dir kommen sollen, damit du mir erklärst, warum du mich zum Krüppel machen wolltest? Luta hat dich wirklich zu Recht mit dem Stock bestraft! Verschwinde einfach und lass mich in Ruhe!“

Demonstrativ drehte sie ihm wieder den Rücken zu, während Zorn und Empörung ihr beinahe den Atem nahmen. Aus dem Tor kamen inzwischen die Arbeiter heraus und sie reckte den Kopf, um ihre Mutter unter ihnen zu entdecken.

„Steig heute Nacht direkt am Tor hinauf“, hörte sie ihn nah an ihrem Ohr.

Sie zuckte zurück und wollte einen Schritt zur Seite machen, doch Amar ergriff ihren Arm und hielt sie fest.

„Geh nicht mit Kosa zusammen durch die Stadt“, sprach er leise weiter. „Warte nicht auf sie, wenn deine Arbeit getan ist und sei sehr vorsichtig! Etwas geht dort oben vor sich, ich habe es gespürt, letzte Nacht.“

Verblüfft sah sie ihm in die blaugrauen Augen, die ihren Blick beinahe bittend erwiderten.

„Und wenn es deinen Zorn mildert, Luta hat hart zugeschlagen. Ich hatte ihn darum gebeten!“

Damit ließ er sie los und ging mit großen Schritten davon.

„War das etwa Amar?“

Kiruna wandte sich um und nickte, während ihre Mutter sie besorgt musterte.

„Er meinte wohl, er müsste mir ein paar Ratschläge für die Prüfung geben, der Idiot!“ Sie schnaubte vernehmlich und befahl ihrem Gesicht, ein Lächeln aufzusetzen.

„Komm, gib mir die Kiepe und lass uns nachhause gehen, ich muss dringend mit euch reden, bevor ich aufbreche.“

Die Stirn ihrer Mutter zeigte lediglich ein Runzeln, dann nickte sie und ließ den Korb von ihrem Rücken gleiten. Kiruna war daran gewöhnt und nahm es ihr nicht übel. Nicht umsonst hatte sie ihr immer wieder eingebläut, außerhalb ihrer Hütte niemals offen zu zeigen, was in ihr vorging, oder gar darüber zu sprechen.

 

Einige Zeit später sah Kiruna dabei zu, wie ihre Mutter scheinbar gelassen ihren heutigen Lohn auspackte und den Laib Brot, die schmale Speckseite und das Gemüse sorgsam auf den Tisch legte.

Doya, wie sie im Dorf genannt wurde, war nie einverstanden damit gewesen, dass sie eine Gildediebin werden wollte, doch sie hatte weder Einwände erhoben, noch versucht, es ihr auszureden. Das Leben als Dieb war gefährlich und kurz, das war ihre Überzeugung. Und das der Auftragsmörder war sogar noch kürzer und außerdem verflucht. Doyas Meinung nach war es am wichtigsten, zu überleben, und zwar möglichst so, dass man weder dem Wald, noch den Herrschern auf den Bergen jemals auffiel.

Was sie tun würde, wenn sie nun erfuhr, dass auch das Leben der Diebe verflucht war und sie ihr diesen Fluch ins Haus brachte, war mehr als ungewiss. Und das brachte Kiruna dazu, verzweifelt nach Worten zu suchen, zumal Bow den Käfig mit den Mäusen auf den Tisch gestellt hatte und sie erwartungsvoll anstarrte.

Die Zeit drängte, also musste sie das Geheimnis entweder jetzt mit ihnen teilen oder erst morgen, wenn sie zurück war. Eigentlich gab es ja gar keinen Grund, es ihnen sofort zu eröffnen.

Blödsinn, schalt sie sich stumm. Ihre Mutter hatte zweifellos nicht nur die Mäuse bemerkt, sondern auch den Beutel, den sie an ihren Leib presste.

Sie gab sich einen Ruck und legte ihn auf den Tisch.

„Ich …“, begann sie und räusperte sich, „Ich habe heute meine Diebeshände von Etzra bekommen. Sie, ähm, sie sind hier drin.“

Sie klopfte sacht auf das Leder und war froh, dass sich drinnen rein gar nichts rührte. Ihre Mutter hatte innegehalten und blickte erst den Beutel an, dann sie. Ihre hellen, blauen Augen schienen Kiruna plötzlich bis auf die Knochen zu blicken.

„Ich weiß, was da drinnen ist. Und auch, wozu die Mäuse da sind. Aber bisher dachte ich immer, du wolltest niemals eine Ubiitsa werden!“

Kiruna riss die Augen auf; die Art, wie sie dieses Wort aussprach, hatte sie heute schon einmal gehört.

„Ist das etwa das alte Wort für … Mörderin?“

Ihre Mutter nickte, das Gesicht so ausdruckslos wie Etzras, als er sie vorhin verabschiedet hatte. Nur ihre Augen funkelten, als wollte sie sie schlicht mit ihrem Blick durchbohren.

„Das will ich auch nach wie vor niemals werden“, erwiderte Kiruna. „Aber man bekommt die Rutseei nun mal schon als Dieb. Wenn ich sie nicht angenommen hätte, wären zwei Jahre Ausbildung umsonst gewesen.“

Es zuckte in Doyas Augen und schließlich zeigte sich doch eine steile Falte auf ihrer Stirn.

„Und warum willst du dieses Geheimnis der Gilde gegen alle Regeln nicht nur mit mir, sondern auch mit einem Kind wie Bow teilen?“

„So klein bin ich nun auch nicht mehr“, meldete sich Bow, doch Kiruna wagte es nicht, ihren Blick aus dem ihrer Mutter zu lösen.

„Weil sie sehr viel gefährlicher sind, als ich auch nur ahnen konnte. Und weil ich nicht will, dass er unvorsichtig wird und seine Neugier bitter bezahlen muss.“

Sie öffnete den Beutel, zog die Handschuhe heraus und streifte sie über.

Augenblicklich war das Wohlgefühl wieder da und fuhr ihr prickelnd durch die Adern. Das schwarze Schlangenleder glänzte im Schein der Öllampe und wirkte damit sehr viel lebendiger als am Nachmittag in Etzras Haus. Selbst ihre Mutter ließ sich in maßlosem Staunen auf die Bank sinken, als sie ihnen die Handflächen hinhielt, auf denen sich die Dornen regten.

„Sie nähren sich von warmem Blut“, erklärte Kiruna leise. „Die Gilde nennt sie das Geschenk des Waldes, aber einen Fluch kann man sie wohl ebenso gut nennen. Und nun müsst ihr mir sehr aufmerksam zuhören. Vor allem du, Bow.“

 

Als sie ihren Bericht beendete, starrten beide die Handschuhe an und Bow zog den Mäusekäfig bis ans andere Ende des Tisches.

„Ich besorge morgen Früh den Fisch“, erklärte er ein wenig tonlos, dann sah er auf, „Werden sie dir auch wirklich nichts tun?“

„Etzra meinte, sie werden mir gehorchen“, gab sie zurück. „Und ich glaube ihm.“

Zumindest wollte sie das unbedingt, aber das würde sie Bow nicht auf die Nase binden.

„Und dieses Wesen im Wald ….“, sagte ihre Mutter zögernd. „Hat sie dich berührt?“

Kiruna war, als habe sie sie mit eiskaltem Flusswasser übergossen.

„Ja …“, erwiderte sie, griff nach dem Beutel und erhob sich. „Es wird Zeit, ich muss gehen.“

Aus dem Augenwinkel nahm sie sehr wohl war, dass Bow bereits den Mund geöffnet hatte, um mehr von diesem Wesen zu erfahren. Doch er schloss ihn wieder und musterte stattdessen seine Mutter.

Kiruna verstaute die Handschuhe, während sie zu der hölzernen Truhe hinüber ging, in der sie aufbewahrte, was die Gilde ihr an Ausstattung gegeben hatte.

Mit fahrigen Fingern holte sie den fest gewebten Gürtel heraus, schnallte ihn um und vergewisserte sich, dass der Dolch fest in seiner Scheide saß. Dann griff sie nach dem Leinenbeutel, der Feuerstein, Zunder und ein Seil enthielt, und nach dem dünnen schwarzen Tuch. Es diente dazu, ihr Gesicht zu verhüllen, sodass nicht mehr von ihr zu sehen war als ihre Augen.

Bow und ihre Mutter standen hinter ihr, als sie sich umdrehte, und ihr kleiner Bruder schlang ihr die Arme um die Taille.

„Viel Glück. Und komm gesund zurück, hörst du?“

„Natürlich“, erwiderte sie und bemühte sich um einen scherzhaften Tonfall. „Ich bin die beste Diebin, die je in der Gilde ausgebildet wurde, schon vergessen?“

Bow grinste zu ihr auf, dann gab er sie frei. Doya wies stumm zur Tür hin und ging voraus.

 

Es war dunkel geworden und der Lärm aus der Taverne wehte zu ihnen herüber, als sie auf der Schwelle standen.

Kiruna sah ihre Mutter an, dann entschloss sie sich doch, nachzufragen.

„Woher weißt du, dass das Wesen weiblich ist? Hast du es selbst gesehen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Frag Etzra danach. Er wird es dir erklären, wenn du ihm sagst, dass ich ihn darum bitte.“

„Etzra?“ Kirunas Augen verengten sich. „Warum erklärst du es mir nicht?“

„Weil er es besser kann als ich!"

Einen Moment starrten sie einander an, dann seufzte ihre Mutter.

"Hast du es denn immer noch nicht gemerkt? Ich habe dieselben hellen Augen wie er und du hast sie auch, Kiruna. Das ist inzwischen selten geworden, aber ein paar von uns sind noch da und geben die Blutlinie weiter. Etzra ist nicht nur Rutseeimeister, sondern auch der, der das alte Wissen hütet. Und nun geh, mögen dich unsere Ahnen beschützen.“

 

 

 

 

 

Kapitel 2 die Nacht des Schmetterlings

Die Haustür schloss sich und Kiruna musterte sie nachdenklich. Vielleicht sollte sie wieder hineingehen und ihrer Mutter sagen, was sie davon hielt, ihr ausgerechnet jetzt irgendein krauses Zeug über ihre Herkunft mit in die Prüfung zu geben. Allerdings war sie sich sicher, dass ihr Gesicht zuklappen würde wie eine Flussmuschel. Wie immer, wenn sie nun mal nicht mehr preisgeben wollte, als sie bereits gesagt hatte. Ob Etzra ihr tatsächlich mehr verraten würde, wenn er hörte, dass ihre Mutter ihn darum bat? Einen Versuch war es jedenfalls wert, gleich nach ihrer Rückkehr.

Sie schob den Gedanken beiseite, zog das Tuch bis über die Nase und machte sich mit schnellen Schritten auf zur Taverne, wo Meister Luta ihnen ihre Aufträge zuteilen würde.

Es war eine Nacht wie jede andere, doch heute schienen das Gegröle, Gelächter und Gezanke der Dorfbewohner weit entfernt und nicht zu dieser Welt zu gehören.

Die meisten Leute, die ihr begegneten, wichen ihrer vermummten Gestalt respektvoll aus und wer zu betrunken war, wurde beiseite gezogen. Aus dem Augenwinkel bemerkte Kiruna eine weitere schwarze Gestalt und blieb stehen. Kosa hielt vor ihr an, einen Moment blickten sie einander in die Augen, dann setzten sie ihren Weg gemeinsam fort.

 

Wenig später umrundeten sie Lutas Holzhaus und stiegen auf der dem Fluss zugewandten Seite eine kleine Treppe hinauf. Klopfen mussten sie nicht, der Meister öffnete ihnen, als hätte er sie bereits bemerkt. Stumm nickten sie ihm zu, gingen an ihm vorbei hinein und zogen die Tücher herunter.

„Setzt euch!“

Er wies zu dem Tisch hinüber, den Kiruna schon oft bewundert hatte. Unzählige Schnitzereien, die Bäume, Pflanzen und Waldtiere darstellten, zogen sich die Beine hinauf und das rötlich gemaserte Holz glänzte im Schein der Öllampen, obwohl es sehr alt war. An ihm saßen sonst nur der Gildemeister und die besten unter den Dieben und Mördern, der Rest von ihnen hatte zu stehen. Ehrfürchtig setzten sie sich nebeneinander auf die zum Tisch passenden Stühle und Kiruna hatte das eigentümliche Gefühl, in etwas lange Vergangenes einzutauchen, fremd und vertraut zugleich.

Meister Luta ging zu einer großen Truhe aus demselben Holz hinüber, zog einen Schlüssel hervor, den er an einer Kette um den Hals trug, und öffnete das rostige Bügelschloss.

Kiruna reckte den Hals, doch von ihrem Platz aus war nicht mehr zu sehen als einige Pergamentrollen. Etzra hatte ihr erzählt, dass es früher viele solcher Rollen aus gegerbter und gebleichter Ziegenhaut gegeben hatte, doch sie hatten schon vor langer Zeit aufgehört, sie herzustellen und ihr Wissen aufzuzeichnen. Der fehlenden Ziegen wegen, denn egal, was sie auch angestellt hatten, irgendwann waren die Gatter oben auf dem Hügel stets leer gewesen und die Tiere offensichtlich dem Wald zum Opfer gefallen.

Mit einer dieser Rollen kehrte Luta zurück und breitete sie aus, bis sie den Tisch beinahe ganz bedeckte. Es war eine großflächige Zeichnung darauf zu erkennen, die sich in drei ineinander liegenden Kreisen ausbreitete.

„Das … sind ja die Siedlungen auf dem Berg, oder?!“ Kiruna hob verblüfft den Kopf und sah zu dem breitschultrigen Gildemeister auf, der zustimmend nickte.

„Sehr viele von uns haben daran mitgewirkt“, erläuterte er, „indem sie sich Häuser und Wege einprägten und Etzra erklärten, was er wo einzeichnen muss. Nun dient sie neuen Gildemitgliedern dazu, ihren Weg besser finden zu können. Ihr beide werdet heute in die Mittelstadt gehen.“ Er deutete auf den mittleren Kreis.

„Nicht ganz hinauf nach Rosenberg?“, fragte Kosa und sah ein wenig enttäuscht aus.

„Heute noch nicht“, gab Luta zurück, ohne sie anzusehen. „Dies hier ist dein Ziel, Kosa; das Haus des reichsten Tuchhändlers der Stadt mit Namen Borwind. Präg dir gut ein, wo es steht und suche dir einen Weg dorthin. Den musst du dir ebenfalls gut merken.“

Kosa schluckte und senkte die Nase tief auf die Karte, während Kiruna den Meister erwartungsvoll ansah.

„Du wirst in das Haus eines Adeligen gehen“, gab er preis. „Die Sippe nennt sich vom roten Felsen und auch ihr Haus ist rot, du findest es hier.“

Er deutete auf eines der größeren Gebäude, das Etzra mit zwei kleinen Türmen versehen hatte.

Kosa hob den Kopf. „Hat mein Haus auch eine besondere Farbe?“

Luta schüttelte den Kopf und sie verzog das Gesicht.

„Dann hat Kiruna aber einen Vorteil!“

„Er ist Tuchhändler, Kosa“, erwiderte der Meister milde. „Sein Haus ist das größte in der Tuchhändlergasse und an einem Schild zu erkennen, sieh genau hin, es ist eingezeichnet.“

Kirunas Augen wanderten bereits auf der Karte vom großen Tor in der Unterstadt den breiten Hauptweg hinauf, der in der Mittelstadt, wie Luta sie genannt hatte, auf einen weiteren, ebenfalls recht breiten Weg traf.

Dieser führte rund um den Berg herum und damit auch mitten durch die Stadt. Von der Kreuzung aus, wo beide aufeinandertrafen, war es nicht mehr weit bis zu dem Haus mit den Türmen. Es war jedoch sicher keine gute Idee, schlicht die Hauptstraße hinauf zu spazieren. Sie hob den Blick und Luta zog erwartungsvoll eine Augenbraue in die Höhe.

„Gibt es dort oben auch Tavernen? Oder einen bestimmten Platz, wo die Dirnen auf ihre Freier warten?“