Blut und Dornen: Teil 2 - Tina Tannwald - E-Book

Blut und Dornen: Teil 2 E-Book

Tina Tannwald

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Beschreibung

Wenn du uns suchst, werden wir dich finden . Schweren Herzens folgt Kiruna Liuwolf in Feindesland, denn ein alter Priester seines Volkes ist die einzige Chance, das Rätsel um die Dornenfrauen zu lösen und die Macht der Gilde zu brechen. Auch auf der anderen Seite des Flusses geschehen seltsame Dinge und uralte Kräfte greifen nach ihr, um sich mit ihr zu verbinden. Nur langsam begreift Kiruna, dass sie am Ende dieser Reise nicht mehr sie selbst sein wird – oder tot.  

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Tina Tannwald

Blut und Dornen: Teil 2

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Kapitel 1 Vertrauen finden

Weit nach Mittag hielten sie an, um eine Pause zu machen. Kiruna war froh darum und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch wenn es nicht mehr so warm war wie vor dem Gewitter, der Weg war nun seit geraumer Zeit sanft aber stetig angestiegen. Rundherum war nur Wald zu sehen, doch die Nadelbäume, die es inzwischen reichlich gab, zeigten an, dass sie einen lang gezogenen Hügel hinaufstiegen. Am Stamm einer Tanne ließen sie sich nieder und Amar verteilte den gebratenen Hasen. Zu Kirunas Erstaunen schmeckte er hervorragend und war gut gewürzt.

„Ich wusste gar nicht, dass du dich mit Kräutern auskennst“, sprach sie ihn an. „Und auch noch kochen kannst!“

Er schmunzelte leise. „Es gibt eine Menge Dinge, die du nicht von mir weißt, Kiruna. Aber die Wahrheit ist, dass ich gern gut esse und es war nie jemand da, der für mich gekocht hat. Also musste ich selbst herausfinden, wie man das macht.“

Darauf zumindest hätte sie kommen können, schoss ihr durch den Kopf. Seine Mutter hatte sich oft in Lutas Taverne herumgetrieben, bis sie dann eines Tages mit den Dirnen in die Stadt hinaufgezogen und nicht mehr zurückgekehrt war. Seitdem hatte sich die Gilde um ihn gekümmert und schon bald hatte man gemunkelt, dass einer von ihnen wohl sein Vater wäre. Sie hatte ihn nie danach gefragt, aber wenn sie nun Verbündete waren und einander vertrauen sollten …

„Meister Luta ist tatsächlich dein Vater, oder?“

Amar schien nicht überrascht von der Frage.

„Er glaubt es zumindest. Immerhin gehen alle davon aus, dass ich zur Hälfte ein Vinca bin. Und das grenzt die Auswahl selbst bei meiner Mutter doch ziemlich ein.“

Er nahm einen Bissen Fleisch und richtete den Blick auf die Bäume.

„Als Kind glaubte ich, Etzra sei mein Vater, er hat sich sehr um meine Mutter und mich gekümmert. Leider habe ich es nie gewagt, ihn danach zu fragen.“

Der alte Etzra? Kiruna musterte ihn erstaunt. Das war wohl eher unwahrscheinlich, aber sie verstand, dass ihn diese Vorstellung sicher getröstet hatte.

„Mir scheint“, meldete sich Liuwolf vorsichtig, „dass es bei euch viele Kinder gibt, die ihre Väter nicht kennen, oder?“

Sie nickten beide.

„Das liegt allerdings auch daran“, erklärte Amar, „dass man früher bei den Vinca nur über die mütterliche Linie zu einer Sippe gehörte. Die Väter spielten dabei keine Rolle.“

Davon hatte Liuwolf offenbar noch nie gehört und auch Kiruna war baff. Aber es erklärte so einiges und nun verstand sie auch, warum das in Stein gemeißelte Gesicht an diesem eisernen Tor im Fluss keinen König zeigte, sondern, wie Nibae gesagt hatte, die erste Stammesmutter der Vinca.

„Woher weißt du das?“, fragte sie Amar.

„Das steht in den Schriftrollen geschrieben, die Meister Luta so streng hütet.“ Er begann zu grinsen. „Kein Wunder, dass sie niemand sehen soll, oder?“

„Allerdings!“, erwiderte sie. „Und es erklärt außerdem, warum Nibae Meister Luta und Etzra so hasst. Damit ist sie ja sowas wie eine Stammesmutter, aber darauf hatten die beiden wohl keine Lust mehr. Und einige andere auch nicht!“

„Das denke ich auch“, bekräftigte Amar. „Es schien mir allerdings klüger zu sein, das für mich zu behalten, als wir in ihrem Dorf waren.“

„Und Luta hat dich diese Schriftrollen lesen lassen?“, wollte Liuwolf wissen.

Amar schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Ich habe ihm letzten Winter den Schlüssel gestohlen, als er stockbetrunken war. Immerhin hat er mich ja zum Dieb ausgebildet.“

Kiruna musste lachen und es hatte etwas sehr Befreiendes. „Stimmt, da ist er selber schuld! Aber Hut ab, ich hätte mich nicht einmal auf zwei Meter an ihn herangewagt, und wenn er noch so betrunken gewesen wäre.“

„Mir haben auch ehrlich gesagt die Knie geschlottert, wie niemals zuvor“, gab er zu. „Aber jetzt weiß ich, dass er wirklich gar nichts merkt, wenn er volltrunken einschläft.“

Sein Blick wurde ernst und Kiruna verstand. Vor allem, warum sie Luta niemals auch nur angetrunken in seiner Taverne erlebt hatte.

„Und weiß noch jemand, dass der allseits gefürchtete Meister doch eine Schwäche hat?“, fragte sie leise.

Amars Blick wurde eindringlich. „Nachdem Chitho nun tot ist? Nur wir drei.“

„Denkst du etwa darüber nach, diese Schwäche zu nutzen“, meldete sich Liuwolf, „falls Meister Luta in Nelkenburg ist?“

„Kiruna hat deinen Decknamen gut ausgewählt.“ Zögernd wandte sich Amar ihm zu. „Es ist äußerst gewagt, einen solchen Plan zu verfolgen, denn dann müsste ich ihm einen wirklich guten Köder anbieten, um ihn davon zu überzeugen, dass ich ihm noch immer treu ergeben bin.“

„Wenn Meister Luta tatsächlich in Nelkenburg ist“, stellte Liuwolf fest, „müssten wir also unser Leben vollkommen in deine Hände legen, um dir die Chance zu geben, ihn ebenfalls zu töten.“

Amar nickte bedächtig. „Es ist allerdings nicht mehr als ein Gedanke, der mir durch den Kopf geht. Zuerst einmal müssen wir mit diesem Priester sprechen, um Etzras Rätsel zu lösen. Vielleicht tut sich ja eine Lösung auf, die gar keinen Meuchelmörder mehr braucht.“

Er sah Kiruna an, die seinen Blick schweigend erwiderte, sodass er sich wieder seiner Hasenkeule zuwandte.

Was ihm da durch den Kopf schwirrte, brachte ihn in größte Gefahr. Mochte dieser Chlodomer auch noch so gut bewacht werden, keiner seiner Soldaten besaß eine Ausbildung, die der eines Gildemörders gleichkam; von den Rutseei ganz zu schweigen. Ihn zu ermorden war ohne Weiteres möglich. Um Meister Luta zu töten, musste man allerdings das eigene Leben aufs Spiel setzen. Niemand in der Gilde konnte sicher sein, dass er ihnen alles beibrachte, was er selbst wusste und an Fähigkeiten besaß. Nahm Amar etwa schlicht in Kauf, selbst getötet zu werden? Sie widmete sich ebenfalls dem Essen und auch Liuwolf schien es vorzuziehen, zu schweigen.

 

Ebenso schweigend machten sie sich wieder auf den Weg. Diesmal blieben Liuwolf und Amar an ihrer Seite, doch ein Blick in ihre Gesichter zeigte, dass sie ihren eigenen Gedanken nachhingen. Kiruna war das ganz recht, denn ihr ging es nicht anders. Der Gedanke, dass Amar bereit schien, sein Leben zu opfern, ließ sie nicht mehr los.

Selbst wenn es ihm gelang, Luta zu töten, es gab in der Gilde genügend Männer, die nicht eher ruhen würden, bis sie diese Blutschuld gerächt hätten. Auch ohne die Macht ihrer Rutseei und selbst wenn er dann wirklich so ein hoher Rat in Liuwolfs Diensten war.

Langsam aber sicher schlich sich das schlechte Gewissen an sie heran. Sollte es tatsächlich stimmen, dass er das ihretwegen tat, um sie zu beeindrucken?

Unwillkürlich ballte sie die Fäuste. Das war doch ungerecht. Sie hatte rein gar nichts getan, um ihn zu so einer lebensgefährlichen Dummheit anzustacheln. Und sie würde sich auch ganz gewiss nicht in ihn verlieben, wenn er ihr Lutas Kopf vor die Füße legte!

„Ein Goldstück für eure Gedanken“, ertönte Liuwolfs Stimme und sie schreckte auf.

„Ihr beide schaut so verdrossen auf eure Füße hinab, dass mir ganz mulmig wird. Was ist los?“

Hatte sie wirklich so verdrießlich geguckt? Kiruna warf Amar einen Blick zu, der ihn ein wenig verlegen erwiderte.

„Ich habe gerade über Kirunas Rutseei nachgedacht“, gab er preis. „Und über ein Gildegeheimnis, das nur die Mörder kennen.“

„Ach ja?“, erwiderte sie und hob die Augenbrauen. „Das würde mich aber brennend interessieren.“

„Das habe ich mir gedacht“, gab er zurück. „Aber als Lohn musst du uns verraten, was dir durch den Kopf geht.“

Ihr Blick verdunkelte sich. „Ich mag solche Spielchen nicht, das weißt du doch!“

„Also, ich für mein Teil habe überschlagen, wie viele Soldaten zurzeit in Nelkenburg stationiert sind“, schaltete sich Liuwolf ein. „Und ob der alte Hauptmann noch im Dienst ist, der mir den ersten Unterricht an Schwert und Bogen gab.“

„Und wie viele sind es?“, wollte Amar wissen und beugte sich ein wenig vor, um ihm ins Gesicht schauen zu können.

„Einige sind vor ein paar Wochen flussabwärts nach Nesselberg verlegt worden. Aber so um die dreihundert müssten noch dort sein.“

„Dreihundert …“ Amar stieß einen leisen Pfeifton aus. „Das reicht vollkommen, um Nelkenburg und Rosenberg zu übernehmen. Chlodomer wollte nicht verraten, wie viele Soldaten dort stationiert sind. Traust du ihm zu, dass er sie alle hinter sich bringt?“

„Schwer zu sagen“, erwiderte Liuwolf. „Aber möglich ist es. Die Soldaten folgen ihren Truppführern und den Hauptleuten. Sie sind es vor allem, die Chlodomer überzeugen muss.“

„Also insgesamt ….“, Amar kniff die Augen zusammen, „zwölf Truppführer und drei Hauptleute, richtig?“

 „Richtig! Woher weißt du das? Oh, natürlich!“ Liuwolf winkte ab und zog eine Grimasse. „Mein Onkel. Was hat er euch noch alles verraten?“

„Eine ganze Menge denke ich“, schaltete sich Kiruna ein. „Aber können wir das Mal kurz hintenanstellen und über meine Rutseei sprechen?“

Die beiden Männer blickten sie irritiert an und sie hob beschwichtigend die Hände.

„Ich weiß, dass es wichtig ist, über die Soldaten nachzudenken! Aber ich habe gerade versprochen, meine Rutseei nur noch im Notfall zu tragen, weil du sie für gefährlicher hältst, als ich mir vorstellen kann, Liuwolf.“

Sie wandte sich Amar zu und sah ihn herausfordernd an.

„Da sollte ich das Geheimnis, das du da eben so nebenbei erwähnt hast, doch besser kennen, oder?“

Amar hielt inne und sie blieben ebenfalls stehen.

„Du hast ihm wirklich versprochen, deine Rutseei nur noch im Notfall zu benutzen?“

Kiruna nickte mit wachsender Ungeduld.

„Eine gute Entscheidung, denke ich“, fuhr er fort. „Auch wenn sich deine Rutseei ganz anders entwickeln, als meine oder die der anderen. Nun …“

„Sie entwickeln sich?“, unterbrach ihn Liuwolf. „Willst du damit sagen, sie sind tatsächlich so etwas wie eigenständige Wesen?“

„Das weiß ich nicht“, erwiderte Amar. „Aber alle in der Gilde, die sie schon länger tragen, behandeln sie so. Das eigentliche Geheimnis ist jedoch, dass sie sich nicht nur selbst verändern, sondern auch ihre Besitzer. Es ist etwas Gegenseitiges ….“

In Kirunas Kopf purzelten die Gedanken ruckartig durcheinander. „Aber … Luta hat nur gesagt, dass sie sich mit den Eigenschaften ihres Trägers verbinden.“

Amar schnaubte leise. „Das ist zwar nicht gelogen, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die Veränderung beginnt, wenn man zum ersten Mal mit ihnen getötet hat. Nun, wo ich gesehen habe, was deine Rutseei können, bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob das Töten der eigentliche Grund dafür ist …“

Seine Stimme verlor sich und er blickte nachdenklich auf den Waldboden hinab.

„Und was geschieht dann?“, drang Kiruna in ihn. „Geben sie einem dann mehr Kraft und Ausdauer?“

Sein Kopf ruckte hoch. „Woher weißt du das?“

„Kein normaler Mensch hätte uns zu Fuß beinahe ebenso schnell verfolgen können, wie wir mit dem Boot gefahren sind“, erwiderte sie. „Aber was passiert denn nun mit einem selbst, wenn sie sich verändern?“

Amar fuhr sich durch das Haar. „Das ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Es ist … berauschend, zu spüren, wie die eigene Kraft wächst, die Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Ausdauer. Sie lassen sogar Wunden schneller heilen. Aber …“ Er schluckte. „Innerlich wird man immer kühler, es macht einem nichts mehr aus, zu töten. Und man entfernt sich von anderen Menschen, sogar von den anderen in der Gilde. Wichtig ist nur noch, den nächsten Auftrag noch besser auszuführen als den letzten.“

Schweigend musterten sie ihn, was ihm die verlegene Röte in die Wangen trieb.

„Du meinst man verliert seine Gefühle?“, wagte Kiruna zu fragen und er nickte.

„So kann man es wohl nennen.“

„Aber du hast doch erst zwei Menschen getötet, wenn man Chitho mitzählt, oder nicht? Geht das wirklich so schnell?“

„Das ist richtig“, erwiderte er. „Aber man kann es beschleunigen, wenn man sie mit dem eigenen Blut füttert.“

„Und kann es sein“, hakte nun auch Liuwolf nach, „dass Meister Luta zu töten der größte Auftrag überhaupt wäre, der dich augenblicklich zum besten Gildemörder aller Zeiten macht, wenn er gelingt?“

„So ist es“, bestätigte Amar ohne zu zögern.

Es ging also gar nicht um sie? Erleichterung durchflutete Kiruna, mischte sich jedoch augenblicklich mit der alten Furcht vor ihm, die sich gerade erst ein wenig gelegt hatte.

„Ist das der eigentliche Grund, warum du uns helfen willst?“, fiel ihr ein. „Um an Meister Luta heranzukommen?“

„Nein. Der eigentliche Grund ist, dass ich kein kaltherziger Diener der Dornenfrau und der Gilde sein will.“

Er hob seine Hände und blickte die Rutseei an, als wären es seltsame Geschöpfe, die von ihm Besitz ergriffen hatten.

„Gestern Nacht war das erste Mal seit vielen Wochen, dass ich sie ausgezogen habe. Ich kann es eigentlich gar nicht mehr, denn ohne sie fühle ich mich furchtbar, ganz nackt und vollkommen hilflos. Und so geht es allen in der Gilde, bis auf Kosa und dich.“ Er ließ die Hände sinken und sah sie an. „Allerdings wird Kosa nun vermutlich sehr viel schneller zur Mörderin ausgebildet, als es sonst üblich ist.“

Kiruna lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Das müsste ja bedeuten, dass alle in der Gilde Mörder sind?!“

„Natürlich.“ Amar lächelte bitter. „Dass es keine andere Wahl gibt, eröffnet Luta den Neulingen allerdings erst, wenn sie die Prüfung zum Dieb bestanden haben und ihre Rutseei ohnehin nicht mehr zurückgeben können.“

Der alte Etzra fiel ihr ein; hatte er sie deshalb so eindringlich darauf hingewiesen, dass sie die Handschuhe auch ablehnen konnte, nachdem er ihr gezeigt hatte, dass sie mit Blut gefüttert werden mussten?

„Du denkst jetzt über Etzra nach, nicht wahr?“

Amar betrachtete sie forschend und Kiruna nickte.

„Er wusste es“, fuhr er fort. „Aber wer hätte dem Wald seinen Tribut geben sollen, wenn die Wahrheit alle neuen Gildemitglieder augenblicklich vertrieben hätte?“

Sie nickte abermals, ohne es so recht zu merken. Doch es änderte nichts daran, dass Etzra mitgeholfen hatte, die jungen Gildeanwärter in eine Falle zu locken, die aus ihnen ähnlich seelenlose, blutrünstige Monster machte wie die Dornenwesen im Wald.

„Lasst uns weitergehen“, sagte sie matt. „Und danke, dass du mir die Augen geöffnet hast, Amar.“

 

Wie lange sie noch durch den Wald gegangen waren, als Amar und Liuwolf erneut anhielten, wusste Kiruna nicht.

Sie hob den Kopf und musste blinzeln, die rötlichen Strahlen der tief stehenden Sonne trafen ihre Augen. In einiger Entfernung schien sie an den Stämmen der Bäume vorbei; der Wald endete dort.

„Hier solltet ihr bleiben, bis ich zurück bin“, verkündete Amar und ließ den Rucksack von der Schulter gleiten. „Und zündet kein Feuer an. Nach Einbruch der Dämmerung komme ich zurück.“

Als wollte der Wind bestätigen, dass sie das Ende ihres Marsches erreicht hatten, fuhr eine leichte Böe durch die Bäume und brachte den Geruch mit, von dem er gesprochen hatte. Feuer, Ruß und etwas leicht Beißendes trafen Kirunas Nase und Gaumen und sie verzog das Gesicht.

„Daran wirst du dich gewöhnen müssen“, sagte Amar, der es bemerkt hatte. „Im Dorf riecht es immer so.“

„Brauchen wir nicht ein besseres Versteck?“, wollte Liuwolf wissen. „Vielleicht kommen die Bewohner in der Dämmerung zum Jagen in den Wald.“

Amar schüttelte den Kopf. „Das lohnt sich nicht. Es gibt in weitem Umkreis kaum mehr als ein paar Eichhörnchen und Wühlmäuse. Und Holz schlagen sie inzwischen auf der anderen Seite des Berges.“

Was er da sagte, verstärkte das dumpfe Gefühl in Kirunas Bauch, das schon begonnen hatte, sich in ihr auszubreiten, seit er ihr die Wahrheit über die Rutseei anvertraut hatte.

Sie ließ sich nieder, wo sie gestanden hatte und richtete ihren Blick auf den Waldrand. Doch das Sonnenlicht war zu hell, um von Dorf und Berg etwas erkennen zu können.

„Kiruna?“ Amar ging vor ihr in die Hocke. „Du musst dir keine Sorgen machen. Ich halte mich an meinen Schwur, um jeden Preis.“

„Ja“, gab sie zurück und wich seinem Blick aus. „Ich bin nur etwas müde.“

Einen Moment schien es, als wollte er noch etwas sagen, dann erhob er sich jedoch.

„Viel Glück, mein Freund“, erklang Liuwolfs Stimme. „Lass dich nicht einfangen.“

„Bestimmt nicht“, erwiderte Amar. „Sollte ich aber bis zum Einbruch der Nacht nicht zurück sein, müsst ihr fort von hier.“

Kiruna hörte, wie sie einen Handschlag tauschten, dann setzte sich Liuwolf zu ihr.

„Ich werde dich kurz allein lassen und deinen Rutseei etwas zu fressen besorgen, in Ordnung?“

Sie richtete den Blick auf den Beutel an ihrem Gürtel, in dem sich jedoch nichts rührte. Dann nickte sie und musste sich einen Ruck geben, um ihn anzusehen.

„Danke …“

Mehr brachte sie nicht heraus, doch seinen Augen war anzusehen, dass er ahnte, warum sie so in sich gekehrt war.

„Schwör mir, dass du dich nicht von der Stelle rührst, bis ich zurück bin“, verlangte er. „Los, leg die Hand auf dein Herz, oder wie immer man das bei euch macht, und sag es!“

„Schon gut!“, entfuhr ihr barscher als beabsichtigt. „Ich hab nicht vor wegzulaufen!“

„Jedenfalls nicht ohne mich“, erwiderte er und lächelte leise. „Aber darüber reden wir, wenn ich zurück bin.“

Damit erhob er sich, griff nach Bogen und Köcher und lief den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Kiruna blickte ihm nach und fragte sich, wo er bloß immer wieder die gute Laune hernahm und die Hoffnung, dass alles gut gehen würde.

Und wie konnte es sein, dass Amar nicht ebenso mutlos war wie sie, angesichts all der Lügen und Verstrickungen, in die sie da hineingetappt waren? Und dabei spielte es noch nicht einmal eine Rolle, dass sie Liuwolf gerettet hatte! Vielleicht war Amar schon zu sehr Teil der Gilde geworden, die den ahnungslosen jungen Leuten, die sie bewunderten, bedenkenlos das Leben stahl, um es dem Wald und Meister Lutas Plänen zu opfern.

Mit fahrigen Fingern nestelte sie die Schnur los, die den Beutel an ihrem Gürtel hielt, und warf ihn fort.

Er traf einen der Rucksäcke, als weigerten sich die Rutseei, im Unterholz verloren zu gehen. Mit tief gerunzelter Stirn starrte sie ihn an, brachte es jedoch nicht fertig, aufzustehen und dafür zu sorgen, dass sie ihn nicht so einfach wieder finden würde.

Solange sie in der Gewissheit unterwegs gewesen waren, dass die Macht ihrer ganz besonderen Handschuhe ihr beistehen würde, hatte auch sie daran glauben können, dass sie es schafften, alles zum Guten zu wenden; zumindest halbwegs. Sie hatte es jedenfalls glauben wollen, denn es war die einzige Chance, um zurückkehren zu können. Doch war das nicht ebenfalls eine Lüge?

Wenn sie zu spät kamen, wenn die Soldaten aus Nelkenburg bereits in ihren fliegenden Booten unterwegs waren, um Rosenberg einzunehmen, waren Bow und ihre Mutter in der Stadt gefangen. Und wer sollte sie dann dort herausholen, wenn die Macht der Rutseei nicht mehr existierte und die Gilde nicht mehr war als eine Bande von Raufbolden? Die zudem keinen Anführer mehr besaß.

Konnten sie noch zurück? Würde Nibae sie aufnehmen, damit sie sich gemeinsam mit den Dorfbewohnern tief im Wald verstecken und abwarten konnten, bis die Herren vom Berg ihre Rebellion ausgefochten hatten und die Dinge sich beruhigten? Versonnen strich sie mit der Hand über das hohe Gras hinweg.

Nein, das konnten sie nicht. Die Dorfbewohner würden sie nicht bei sich dulden.

Und selbst wenn doch, mussten sie sic dort bleiben und ständig auf der Hut sein. Luta würde Amar und sie nicht am Leben lassen, sie wussten einfach zu viel. Dass er sie als Rutseeimeisterin haben wollte, war sicher nur eine weitere Lüge, die er der Gilde aufgetischt hatte. Und Liuwolfs Aussichten, dass sein Onkel ihn am Leben ließ, waren sogar noch schlechter. Also blieb ihnen nur, all ihre Hoffnungen auf diesen Priester zu setzen.

Ohne die Kraft ihre Rutseei war sie nun jedoch nicht mehr als ein Gepäckstück, dass die beiden Männer mitschleppen und beschützen mussten. Der Gedanke war mehr als bitter. Sie hob den Kopf, blickte zu dem Lederbeutel hin und erstarrte.

Kleine, lang gestreckte Käfer krabbelten darauf herum. Nein, keine Käfer. Ameisen! Sah es nur so aus oder versuchten sie tatsächlich, hineinzugelangen?

Das Gras um sie herum wogte plötzlich hin und her, sodass sie in die Höhe fuhr. Noch mehr Ameisen! Sie erklommen die Halme, bis sie kaum noch zu sehen waren unter ihren Leibern. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, es mussten Tausende sein. Dann hielten sie inne und Kiruna meinte eine gespannte Aufmerksamkeit zu spüren.

Sie warteten auf etwas? Worauf denn bloß?

Mit bebenden Knien beugte sie sich hinab, um sie genauer zu betrachten. Das waren auf keinen Fall die Ameisen, die sie im Boot mit über den Fluss gebracht hatten. Nicht nur, weil es viel zu viele waren, sie waren auch um einiges größer, besaßen starke Beißzangen und das Braun ihrer Körper war viel dunkler; beinahe schwarz. Alle, die auf den Halmen saßen, wandten sich in dieselbe Richtung, als betrachteten sie etwas hinter ihr.

Zögernd drehte sie sich um und ihr Blick fiel auf den Beutel, auf dem die Ameisen ebenfalls innegehalten hatten und sie anzuschauen schienen.

„Was … was ist das denn?“

Kiruna fuhr herum und entdeckte Liuwolf, der auf den dunklen Teppich aus Ameisen hinab starrte, der sich vor ihm ausbreitete.

„Das sind aber ein paar mehr als wir mitgebracht haben!“ Er hob den Kopf. „Was wollen die von dir, Kiruna?“

„Ich bin mir nicht sicher ….“, gab sie zurück. „aber ich glaube, sie wollen zu meinen Rutseei in den Beutel.“ Sie zeigte hinüber und sein Blick folgte ihrer Hand.

„Dann warten sie wohl darauf, dass du ihn öffnest?“

„Es sieht ganz danach aus. Aber was wollen sie von ihnen?“

„Sich opfern vielleicht?“, schlug er vor und hob die leeren Hände. „Ich habe nicht einmal ein Eichhörnchen entdeckt.“

Kiruna runzelte skeptisch die Stirn. „Das wird wohl kaum funktionieren. Soweit ich weiß, haben Ameisen kein Blut in sich.“

Allerdings fiel ihr ein, was die Ameisenkönigin zu ihr gesagt hatte, dort unter der Erde; dass sie da sein würden. Aber dies hier war doch nicht ihr Volk. Und woher sollten sie wissen, dass die Rutseei in dem Beutel waren und sie sie unbedingt füttern musste?

„Einen Versuch ist es wert“, meldete sich Liuwolf. „Sie scheinen mir jedenfalls nicht feindselig zu sein. Aber sei trotzdem vorsichtig, der Saft, mit dem sie ihre Opfer töten, ist auch für Menschen sehr schmerzhaft!“

Kiruna nickte; dass man besser nicht von mehr als einer Ameise gebissen wurde, hatte sie schon als Kind festgestellt. Und mit diesen großen hier wollte sie sich gewiss nicht anlegen. Den Beutel versuchsweise zu öffnen war jedoch allemal besser als abzuwarten, bis der Hunger die Rutseei heraustrieb, um Jagd auf ihre Finger zu machen.

Sehr langsam hob sie einen Fuß und beobachtete, wie die Ameisen von den Halmen herunter hasteten und auswichen, damit sie ihn absetzen konnte. Zu ihrer Verblüffung tat sich vor ihr eine Gasse auf, die sie genau zum Lederbeutel führte.

Mit wenigen Schritten war sie dort und löste mit bebenden Fingern die Verschnürung, die die Ameisen gerade ausreichend geräumt hatten. Kaum war der Beutel offen, strömten sie hinein und sie wappnete sich gegen das übliche, wilde Getümmel.

„Was passiert nun?“, wollte Liuwolf wissen.

„Sie sind hineingelaufen“, gab sie Auskunft. „Aber seltsamerweise passiert da drinnen überhaupt nichts.“

 „Aber hier tut sich etwas. Dreh dich mal um.“

Kiruna tat es und ihr Blick fiel auf das wogende Gras, in dem eine Raupe auftauchte, dort ein Schmetterlingsflügel und an anderer Stelle eine halbe, dunkelrote Beere.

Zielstrebig näherte sich die Karawane dem Lederbeutel und die Ameisen legten vor ihm ab, was sie ansonsten wohl in ihre eigene Vorratskammer gebracht hätten.

Vollkommen erstaunt sah sie dabei zu, wie das Häuflein wuchs, bis eine Hand voll zusammengetragen war. Dann hielten die Ameisen inne und reckten ihre Köpfe in die Höhe.

„Ich … danke euch sehr“, brachte sie heraus, auch wenn sie gar nicht so recht wusste, wofür.

Den Tierchen schien es zu reichen, denn sie zogen sich zurück und das sich bewegende Gras zeigte an, dass sie in den Wald hinein verschwanden.

Eilig kam Liuwolf zur ihr herüber und sie starrten gemeinsam auf das offene Säckchen hinab.

„Sie haben ihnen tatsächlich etwas zu essen gebracht“, stellte er leise fest.

„Aber was ist mit den Ameisen geschehen, die rein gekrabbelt sind?“, wunderte sich Kiruna ebenso leise. „Rausgekommen sind sie nicht und es sah gar nicht danach aus, dass sie aufgefressen wurden.“

„Tja …“, machte er. „Dann geben wir den Rutseei doch, was die anderen ihnen da gelassen haben und schauen, was passiert.“

Es dauerte einen Moment, bis Kiruna einfiel, dass sie dafür den Beutel in die Hand nehmen musste. Liuwolf machte jedenfalls keine Anstalten, ihr dies abzunehmen, also gab sie sich einen Ruck und hockte sich hin.

Vorsichtig griff sie nach dem Lederbeutel und atmete hörbar auf, denn die Rutseei sprangen ihr nicht entgegen. Liuwolf sammelte Raupen und Früchte ein, dann streckte er die Hand aus und sah sie an.

„Rein damit“, wisperte sie.

Augenblicklich begann es drinnen zu zappeln und und sie sprangen beide zurück.

Es dauerte nur einen Augenblick, dann lag er wieder still da. Kiruna hob den Kopf und begegnete Liuwolfs verblüfftem Blick.

„Was immer die Ameisen da drinnen getan haben“, stellte sie fest, „Blut brauchen die Rutseei nun wohl nicht mehr.“

Er nickte. „Und damit ist auch klar, dass diese Ameisen auf keinen Fall zufällig in unserem Boot gesessen haben!“

Seltsam, dass er das jetzt erst begriff, schoss Kiruna durch den Kopf, sie hatte ihnen doch berichtet, dass die Ameisenkönigin mit ihr gesprochen hatte. Dann ging ihr auf, dass er das wohl nur für wirres Gerede gehalten hatte. „Kannst du sie herausholen?“, bat er. „Vielleicht haben sie sich gerade … entwickelt, oder so etwas in der Art.“

Der Gedanke war ziemlich unheimlich, aber es waren immer noch ihre Rutseei. Und wenn sie nun kein Blut mehr brauchten, konnte es sich eigentlich nur um eine Entwicklung zum Besseren handeln.

Sie hob den Beutel auf, griff beherzt hinein und zog einen der Handschuhe heraus. Dann steckten sie die Köpfe zusammen und betrachteten ihn aus der Nähe.

Auf den ersten Blick sah er aus wie immer, doch dann hielt Kiruna den Atem an. Zwischen den Schuppen des Schlangenleders zeichneten sich schwach die nun ebenfalls schwarzen Leiber der Ameisen ab.

„Heiliger Sol“, murmelte Liuwolf. „Was geht hier vor sich?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte sie. „Aber Amar sollten wir vorerst nichts davon erzählen.“

„Du traust ihm noch immer nicht?“

„Dem alten Amar traue ich inzwischen schon ….“ Sie hob den Kopf und sah ihn eindringlich an. „Ich bin mir nur nicht sicher, wie viel davon noch übrig ist.“

Hinter Liuwolfs Stirn begann es zu arbeiten, das war deutlich zu sehen.

„Du meinst, er sollte die besonderen Fähigkeiten deiner Rutseei besser nicht kennen, falls du sie gegen ihn einsetzen musst.“

„Ja“, bestätigte sie und zog auch den zweiten Handschuh aus dem Beutel. „Doch dafür muss ich diese Fähigkeiten kennen, nicht wahr?“

 

 

Kapitel 2 Zorn und Zärtlichkeit

Liuwolfs Blick verdunkelte sich. „Sie werden dir schon zeigen, was sie können, wenn du sie brauchst.“

„Du vergisst, dass Amar seine Rutseei schon viel länger trägt als ich. Wenn ich sie wirklich brauche, ist es vielleicht zu spät.“

Sie maßen einander mit Blicken und Kiruna konnte seinen Augen ablesen, dass er nicht einverstanden war.

„Und was soll ich tun, wenn die Ameisen dafür sorgen, dass die Handschuhe mit dir weglaufen, oder so etwas?“

„Bei allen Göttern, Liuwolf!“ Kiruna sprang auf und funkelte ihn an. „Das ist doch Blödsinn! Als ich dich mit den Dornenkrallen über die Stadtmauer geschafft habe, hast du doch auch nicht befürchtet, dass sie dir augenblicklich an die Kehle gehen!“

Es zuckte in seinen Augen, dann erhob er sich ebenfalls und etwas Verlegenes tauchte in seinem Gesicht auf.

„Der Gedanke kam mir durchaus, aber da hatte ich ja keine Wahl und musste dir vertrauen.“

Kirunas Unmut verpuffte und sie sah ihn betroffen an. „Du vertraust mir nicht?“

„Doch“, erwiderte er. „Dir vertraue ich vollkommen, nur den Rutseei nicht. Und nach dem, was Amar uns verraten hat, ist das ja wohl auch nicht ganz unbegründet.“

„Aber meine Rutseei sind ganz anders als Amars!“, hielt sie dagegen.

„Du hast es mir versprochen!“

Ihr entfuhr ein Schnauben, auf dieses unselige Versprechen wollte er sie nun festnageln?!

„Ich muss dich nicht um Erlaubnis fragen, Versprechen hin oder her!“

Sie hörte selbst, dass ihre Stimme vor Zorn bebte, auch wenn sich im Hintergrund das schlechte Gewissen meldete.

„Also gut! Dann lass es uns zusammen tun!“

„Was?“ Ungläubig riss sie die Augen auf. „Wie soll das denn gehen? Nur ich darf die Handschuhe tragen!“

„Ich will sie ja nicht anziehen …“, erwiderte Liuwolf und wirkte nun selbst überrascht von seinem verrückten Vorschlag.

„Aber … ich könnte dich festhalten.“ Er straffte sich und nickte. „Genau! Dann kann ich dafür sorgen, dass du nicht in der Erde verschwindest! Und wenn du ihnen mitteilst, dass ich dein Freund bin, werden sie mir nichts tun. Das heißt, wenn du das kannst …“

„Natürlich!“ Kirunas Augen wurden schmal. „Warum sollte ich das nicht können?“

„Weil du mir gesagt hast, dass sie auf deine Gefühle reagieren. Eine Lüge kann man ihnen also nicht auftischen.“

Blitzartig schoss ihr die Röte in die Wangen und sie senkte den Blick. Verdammt! Wieso war sie ihm schon wieder in die Falle getappt, ohne es zu merken? Eigentlich sollte sie ihn nun anbrüllen, oder einfach stehen lassen, oder …. Aber der Zorn von eben machte sich bereits beschämt davon.

„Ich muss sie nicht belügen“, murmelte sie.

Sie zwang sich, ihn anzuschauen und schaffte es zumindest, die Stirn zu runzeln. Sein unterdrücktes Schmunzeln machte es allerdings ein wenig leichter, ihn böse anzuschauen.

„Meinetwegen!“, lenkte sie ein. „Können wir es dann endlich probieren oder willst du warten, bis Amar zurückkommt?“

„Jetzt möchte ich es sogar unbedingt und augenblicklich probieren“, erwiderte Liuwolf. „Dreh dich um.“

Unsicher, was er nun vorhaben mochte, tat sie ihm den Gefallen. Er schlang ihr die Arme um die Taille und zog sie eng an sich.

„Ich werde dich nicht loslassen“, wisperte er ihr ins Ohr. „Egal, was geschieht. In Ordnung?“

Kiruna brachte ein knappes Nicken zustande, denn das warme Gefühl, das in ihr aufstieg, kämpfte mit dem Gedanken, dass er sie genau genommen schon wieder behandelte wie ein kleines Mädchen.

„Warte noch einen Moment“, bat er, als sie bereits die Hände hob. „Es ist sicher nicht gut, die Rutseei anzuziehen, wenn du so zornig auf mich bist. Du solltest dich erst beruhigen.“

„Ich bin gar nicht …..“

„Schsch“, machte er und seine Hände legten sich auf ihren Bauch. „Atme einfach mit mir tief ein und aus, dann wird es vergehen.“

Mit ihm atmen? Kiruna musste unwillkürlich grinsen; was für ein Blödsinn war das denn?

„Vielleicht solltest du etwas für mich singen“, fiel ihr ein. „Dann muss ich lachen und kann gar nicht mehr wütend sein.“

„Ich meine es ernst“, erwiderte er sehr leise. „Versuch es einfach. Bitte.“

Kiruna krauste die Stirn, dann holte sie hörbar Luft und spürte, dass er es ebenfalls tat. Sie atmete aus und Liuwolf mit ihr. Einen Augenblick ließ sie ihn warten, bevor sie den nächsten Atemzug tat und er passte sich ihr wortlos an. Seine Hände lagen nun locker auf ihrem Leib, und plötzlich spürte sie sie viel intensiver als zuvor.

Sie hoben und senkten sich im Rhythmus ihrer Atemzüge und eine fremdartige, aber sehr angenehme Ruhe begann sich in ihr auszubreiten. Ohne ihr Zutun schlossen sich ihre Augen und ihre Schultern sanken herab.

Es tat gut, das leise Rascheln der Blätter zu hören, den sanften Wind zu spüren und den weichen Waldboden unter ihren Stiefeln. Und seine warmen Hände auf ihrem Bauch, die genau dort hinzugehören schienen.

Etwas löste sich in ihr, wie ein Knoten, von dem sie bisher gar nicht gewusst hatte, dass er da gewesen war.

War es wirklich so wichtig, die Rutseei auszuprobieren? Sie war sich plötzlich nicht mehr sicher.

„Jetzt kannst du sie anziehen“, flüsterte Liuwolf.

Blinzelnd öffnete Kiruna die Augen und hob die Hände, während sich seine Arme wieder fest um sie schlossen. Ein wenig umständlich zog sie erst den rechten, dann den linken Handschuh an.

Die bereits gewohnte Zuversicht und Kraft strömten in sie hinein und Liuwolfs Atem stockte. Hatte er es etwa auch gespürt? Nein, das konnte nicht sein, mochte er sich auch noch so sehr an sie schmiegen. Doch nun musste sie sich auf die Rutseei konzentrieren, wenn das denn überhaupt möglich war.

Sie blickte ihre erhobenen Hände an.

Die leicht gewölbten Leiber der Ameisen waren zwischen dem Schlangenleder gut zu erkennen, doch es rührte sich nichts. Blitzartig fiel ihr ein, dass sie Liuwolf noch nicht als Freund vorgestellt hatte. Dann fiel ihr auf, dass das offenbar gar nicht nötig war, die Handschuhe hatten ihn ja schon oft genug berührt und ihn nicht als Feind betrachtet. Oder taten sie es nur, wenn sie ihnen das Gefühl eingab, dass er sie bedrohte?

Eilig schob sie den Gedanken beiseite; sie wollte ja auf keinen Fall, dass sie sich gegen ihn wandten.

Doch was hatte es denn nun auf sich mit den Ameisen? Warum hatten sie sich mit den Rutseei verbunden, und wozu war das gut? Die Ameisenkönigin würde ihr sicher darauf antworten können, doch der Baum, an dem sie ihr neues Reich in den Waldboden gruben, lag inzwischen weit hinter ihnen. Und zurückkehren in die Erde durfte sie nicht; sie hatte es versprochen.

Leise seufzend schloss sie die Augen; vielleicht reichte es ja aus, wenn sie die Ameisen in ihren Handschuhen um eine Antwort bat. Lebendig waren sie nun sicher nicht mehr, aber sie mussten sich ja mit der Magie der Rutseei verbunden haben; irgendwie.

Magie … Das Wort waberte durch ihren Kopf und schien plötzlich sehr bedeutsam zu sein. Es gab keine Magie auf dieser Seite des Flusses, jedenfalls nicht im Wald. Wie also kam es, dass diese großen Ameisen aufgetaucht waren, um ihre Handschuhe auf eine Art zu verändern, die ohne Magie gar nicht möglich war?

Die Ameisenkönigin und ihr kleines Volk? Kirunas Herz tat einen rumpelnden Schlag, was Liuwolf dazu brachte, fester zuzupacken. Sie schlug die Augen auf und die Luft entwich ihr mit einem dumpfen Laut.

Die Dornen waren erschienen, allerdings länger und spitzer als sonst. Und zudem mit etwas Feuchtem überzogen.

„Bei Sol“, wisperte Liuwolf hinter ihr. „Das ist sicher der starke, beißende Saft der großen Ameisen!“

„Ja … “, gab Kiruna zurück, „sieht so aus, aber …“

Sie verstummte, denn die Krallen zogen sich zurück und machten filigranen, schwarzen Gebilden Platz, die sich an den Fingerspitzen in die Höhe reckten. Wie feine Tentakel bewegten sie sich, als würden sie etwas suchen. Ein Impuls tauchte in ihr auf, sich umzudrehen und ihre Rutseei eilten ihr voraus, bis sie schließlich der Aufforderung nachkam.

Liuwolf starrte die Handschuhe an, die sich seinem Gesicht näherten und der Griff seiner Arme lockerte sich. Dann jedoch besann er sich anders, zog Kiruna wieder fest an sich und blickte ihr in die Augen.

„Keine Angst“, hörte sie sich flüstern. „Sie wollen dich nur näher kennen lernen.“

Tatsächlich fuhren die schwarzen Dinger sacht über sein Gesicht, doch nun wirkten sie fester und plötzlich erkannte Kiruna, was da vor sich ging. Als Kind hatte sie oft beobachtet, wie sich die Ameisen mit den feinen Fühlern auf ihren Köpfen gegenseitig sanft betasteten, als würden sie miteinander reden oder einander streicheln.

Das Gefühl von Verbundenheit und Vertrauen, das in ihre Finger floss und weiter wanderte, bis es ihren Körper erfüllte, passte mehr als gut dazu.

Liuwolf begann zu lächeln und der Ausdruck in seinen braunen Augen wurde zart. Sie waren beinahe goldbraun, das hatte sie bisher noch gar nicht bemerkt.

Sehr langsam beugte sich sein Kopf herab und Kiruna schloss die Augen, als er seine Lippen auf die ihren legte.

Sein sanfter Kuss jagte wie eine heiße Woge purer Kraft durch sie hindurch. Etzras Gesicht blitzte auf, mit glücklichem Lächeln, in einer dunklen Höhle hoben unzählige Schlangenfrauen die Köpfe aus dem Wasser und neigten sie lauschend. Unter dichten Bäumen hielt ein formloses Etwas aus Dornen inne und ein Wind schien um sie herum zu brausen, doch er streifte sie nicht. Nibae tauchte auf, der der knorrige Stock aus der Hand rutschte. Starr wie ein Stein stand sie da, am Ufer des Flusses, und blickte hinüber auf die andere Seite, maßlos verblüfft und entsetzt zugleich.

Dann blickte sie Liuwolf ins Gesicht, der sie mit glühenden Wangen und strahlenden Augen betrachtete und sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es kein Bild mehr war, sondern real.

„Hast du …“ Sie musste sich räuspern, denn ihre Stimme hatte offenbar vergessen, wie das Sprechen funktionierte.

„Hast du das auch gesehen?“

„Was? Ähm, nein, ich habe es vor allem gespürt.“

Einen langen Moment sah Kiruna ihn irritiert an, dann begriff sie endlich und die Hitze schoss ihr bis in die Haarspitzen hinauf. Er hatte sie geküsst! Und sie ihn!

„Das, ähm, … das meine ich nicht“, brachte sie mit Mühe heraus und stellte fest, dass ihre Hände seinen Nacken umfangen hielten.

Sie ließ ihn los und wollte sich aus seiner Umarmung lösen, doch er hielt sanft dagegen. Und etwas in ihr war der Meinung, dass es genau das Richtige war. Kribbelnde, süße Aufregung meldete sich in ihrem Bauch, für die ihre Handschuhe diesmal wohl nicht verantwortlich waren, denn sie zeigten inzwischen nichts weiter als das schwarze Leder.

„Was hast du denn gesehen?“, fragte er leise, doch sein Blick ruhte auf ihren Lippen und es war fraglich, ob er es tatsächlich wissen wollte.

„Nibae und Etzra“, antwortete Kiruna trotzdem, während ihr das Herz gegen die Rippen pochte, als wollte es hinaus und unter seine Kleider kriechen. „Und die Wasserschlangen und das Dornenwesen. Zumindest glaube ich, dass es eines von ihnen war. Und von dem Wind hast du auch nichts gemerkt?“

Er schüttelte den Kopf, dann verschloss er ihr den Mund mit einem weiteren Kuss, der sich zwar anders anfühlte als der erste, aber nicht weniger gut. Die tiefe Verbundenheit von eben wich einem beinahe beängstigenden, wilden Verlangen, das ihr den Atem nahm.

Mit einem tiefen Seufzen gab Liuwolf sie frei und holte bebend Luft. Dann begann er zu schmunzeln.

„Nein, ich habe nichts von all dem gesehen. Aber ich muss auch zugeben, dass mein Verstand sich schlicht davon gemacht hat. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn jemals wiederfinde.“

„Das musst du aber“, erwiderte sie einigermaßen verlegen. „Wir brauchen ihn ja noch.“

„Ja …“, erwiderte er und musterte sie nachdenklich. „Sag mir, waren es deine Rutseei, die mich küssen wollten, oder warst du es?“

Kiruna schluckte; der Zauber war vorbei und die Wirklichkeit wieder da, mit allem, was auf sie wartete. Und was zwischen ihnen stand.

„Es … waren nicht nur meine Rutseei“, gab sie zu und wand sich sanft aus seinen Armen heraus. „Aber du weißt doch, wir kommen aus zwei verschiedenen Welten, und …“

Sie verstummte. Was sollte sie ihm denn dazu sagen? Er wusste doch selbst, dass es ihnen nur Schmerz und Leid einbringen würde, sich aufeinander einzulassen.

„Das ist wahr“, sagte er. „Aber zurück können wir ohnehin nicht mehr. Und wenn wir erfolgreich sind, werden diese beiden Welten nicht mehr existieren, sondern nur noch eine. Eine, die besser und gerechter ist und uns gemeinsam gehört.“

Erstaunt sah sie ihn an. „Das glaubst du tatsächlich? Dass uns die Tore eurer Städte offenstehen werden und wir gemeinsam dort leben werden?“

Es zuckte in seinen Augen, doch er nickte.

Kiruna schüttelte den Kopf. „Das ist nur ein Traum, Liuwolf! Selbst wenn du König bist und es so verfügst, werden deine Leute kaum mit uns an einem Tisch sitzen wollen. Oder gar dulden, dass sich der König vom Berg mit einer aus dem Bettelreich einlässt. Und das weißt du auch.“

Statt zu antworten, griff er nach ihren Handgelenken und zog die Handschuhe herunter. Die Rutseei ließen es widerstandslos geschehen, was Kiruna doch erstaunlich fand. Er ließ sie schlicht ins Gras fallen, griff nach ihren Händen und zog sie näher zu sich hin.

„Selbst wenn du Recht hast, ist es für uns beide nicht von Bedeutung, denn uns hat die alte Magie zusammengeführt.“

Seine Stimme war immer leiser geworden und sein Blick so eindringlich, dass Kiruna den Atem anhielt.

„Und das weißt du auch, mein Herz.“

Er gab ihre Hände frei, um sie erneut in seine Arme zu ziehen. Kiruna ließ es geschehen, legte den Kopf an seiner Schulter ab und schloss die Augen.

Hatte Etzra deshalb gelächelt, eben, in dieser Vision, oder was immer das gewesen sein mochte? Mit seinen letzten Worten hatte er ihr versichert, dass ihr Liuwolf von dem alten Gott Viu gesandt worden war. Dem Gott, dessen Namen er trug.

Ein Schauer rann ihr über den Rücken, dann schlang sie ihm die Arme um den Leib und schmiegte sich an ihn.

 

Etwas regte sich in Kiruna, störte die Stille und Wärme, in der sie eng umschlungen dastanden. Unwillig versuchte sie, es beiseitezuschieben, doch es begann nur umso mehr in ihr zu pochen. Schließlich öffnete sie die Augen und erschrak. Die Dämmerung war längst hereingebrochen und es begann zu dunkeln. Mit einem Ruck fuhr sie zurück und Liuwolf blickte sie verwirrt an.

„Amar! Er kommt zurück“, entfuhr ihr. „Er darf nicht merken, was hier geschehen ist!“

Suchend blickte sie sich um, entdeckte die Rutseei und hob sie eilig auf.

„Das wird sich kaum vermeiden lassen“, erwiderte Liuwolf. „Gefühle lassen sich ja nicht vollkommen verstecken.“

„Oh doch“, widersprach sie. „Man muss es nur wollen! Also tu es einfach, wenn du nicht willst, dass Amar auf seinen Treueeid pfeift und uns verrät. Oder Schlimmeres!“

Er atmete tief ein und aus und fuhr sich durchs Haar.

„Du verlangst viel von mir Kiruna. Aber ich werde mich wohl fügen müssen. Und wenn ich dafür sorge, dass du möglichst oft wütend auf mich bist, wird es schon klappen.“

Kiruna öffnete den Mund, um ihm eine passende Antwort zu geben, als es in einiger Entfernung vernehmlich raschelte. Sie schloss ihn wieder und beeilte sich, die Rutseei in den Beutel zu stopfen. Auch Liuwolf hatte es gehört und wandte sich um.

Amars Gestalt tauchte auf, in leichtem Lauf kam er auf sie zu und war ein wenig außer Atem, als er vor ihnen anhielt.

„Viu sei Dank, ihr seid noch da!“ Er stutzte und runzelte die Stirn. „Wolltet ihr gerade aufbrechen?“

„Aber nein“, erwiderte Kiruna. „Ich bin nur unruhig geworden, weil du so lange fort warst, und dachte schon, sie hätten dich geschnappt.“

Die Ausrede war ein wenig dürftig, aber sie passte ganz gut und erklärte hoffentlich, warum sie beide ein wenig seltsam auf ihn wirkten. Amar war nicht einmal beleidigt, sein Gesicht entspannte sich und er winkte ab.

„Die Gefahr besteht momentan nicht. Soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, ist niemand von der Gilde in der Stadt. Zumindest ist den Frauen, mit denen ich gesprochen habe, keiner aufgefallen, der infrage käme. Und die wissen am besten, was in der Stadt und im Dorf so vor sich geht. Sie würden uns auch aufnehmen, wenn wir bereit sind, für sie zu arbeiten.“

Kiruna hatte gar nicht damit gerechnet, dass er so erfolgreich sein würde, und blickte ihn verblüfft an. Dass er von Frauen sprach, die Arbeit für sie hatten, war allerdings ungewöhnlich.

„Sie nehmen uns alle drei auf?“, hakte sie nach.

Amar nickte und begann seltsamerweise zu grinsen, sodass sie ein ungutes Gefühl beschlich.

„Und was für eine Arbeit müssen wir für sie tun?“

„Keine schwere“, gab er zurück. „Bier ausschenken, den Haushalt besorgen und ihnen unliebsame Freier vom Hals halten.“

Liuwolf lachte leise, während Kiruna Amar wie vom Donner gerührt anstarrte.

„Du hast uns in einem Hurenhaus untergebracht? Bist du vollkommen verrückt geworden?“

„Warum?“, schaltete sich Liuwolf ein. „Das ist doch die perfekte Tarnung für uns. Und als Haushälterin kannst du dir sicher sein, dass jeder Mann, der dir zu nahe kommt, eine ordentliche Tracht Prügel bekommt. Oder auch mehr.“

„Eher viel mehr“, bekräftigte Amar. „Und natürlich habe ich ihnen gesagt, dass meine Schwester ihnen lediglich den Haushalt führt. Liuwolf und ich übernehmen den Rest. Dafür haben wir freie Kost und Unterkunft. Und das Haus steht in der Stadt, das ist ein großer Vorteil für uns.“

Beide blickten sie fragend an, also hing die Entscheidung wohl von ihr ab.

„Also gut“, stimmte sie zu. „Das wird aber nicht lange gut gehen, ich bin nämlich alles andere als eine gute Köchin!“

„Das wird schon“, beruhigte Liuwolf sie. „Ich habe ja auch noch nie einen Freier zur Tür hinaus befördert.“

„Dann packt zusammen und lasst uns gehen“, sagte Amar. „Auf uns warten ein warmes Essen und halbwegs anständige Betten! Den Bogen kannst du mitnehmen, Liuwolf, der Großteil der Dorfbewohner sitzt bereits in den Tavernen und kümmert sich nicht um Neuankömmlinge.“

 

Der Wind drehte, während sie auf die letzten Baumreihen zuhielten, und brachte erneut den rauchig-verbrannten Geruch mit. Kiruna verzog das Gesicht, doch daran würde sie sich nun wohl gewöhnen müssen, solange sie in Nelkenburg waren. Hoffentlich gelang es ihnen schon morgen, diesen Priester ausfindig zu machen, dann konnten sie gleich wieder verschwinden. Wenn tatsächlich niemand von der Gilde in der Stadt war, musste es doch eigentlich recht einfach sein, ihn aufzutreiben, diesen … Sie musste einen Moment überlegen, dann fiel ihr wieder ein, dass Liuwolf den Priester Wido genannt hatte.

„Wie ist die Stimmung in der Stadt?“, wollte Liuwolf wissen, der neben Amar ging. „Ist etwas von Chlodomers Rebellion zu merken?“

Amar schüttelte den Kopf. „Dass er den König und die Königin begleitet, ist kein Geheimnis, es gab eine offizielle Begrüßung vor dem Haus des Stadthalters. Seitdem wurden sie allerdings nicht mehr gesehen. Ich hatte aber den Eindruck, dass mir Halona nicht mehr verraten wollte; jedenfalls noch nicht. Sie hat mich angesprochen, in einer Taverne.“

Kiruna musterte ihn, doch es gab nicht das geringste Anzeichen dafür, dass er es sonderbar fand, von einer Hure angesprochen zu werden. Bei ihnen zuhause kam das nicht so oft vor, die meisten Dirnen aus dem Dorf fürchteten sich vor den Männern der Gilde. Es hieß, dass sie mit Vorliebe ihre Rutseei trugen, wenn sie bei den Frauen lagen, was die eine oder andere schon in nackte Angst versetzt hatte. Nicht mitzugehen, wenn einer ihre Dienste wollte, wagten sie allerdings nicht.

„Also ist es ungewiss, ob der König und seine Frau noch leben“, stellte Liuwolf fest. „Und Chlodomer hat wohl noch nicht genügend Soldaten für sich gewinnen können. Das würde uns ein wenig mehr Zeit verschaffen.“

„Ist es denn so schwierig, diesen Wido zu treffen?“, meldete sich Kiruna.

„Ja und nein“, erwiderte er. „Der große Tempel steht allen offen, die Schule nicht. Wenn wir Glück haben, treffen wir Wido im Tempel an, aber wenn wir Pech haben und uns beeilen wollen, müssen wir entweder heimlich in die Schule gelangen oder ihm eine Nachricht zukommen lassen. Und beides ist sogar sehr schwierig.“

„Wie man es nimmt“, sagte Amar und warf Kiruna einen Blick zu. „Immerhin haben wir zwei ausgebildete Diebe dabei. Wir müssen also nicht darauf warten, dass er im Tempel vorbeischaut.“

„Das wird nicht reichen“, entgegnete Liuwolf, „denn ich bin leider kein ausgebildeter Dieb. Ihr müsst mich aber mitschleifen, denn sonst wird er euch kein Wort glauben. Zudem hat die Schule einen eigenen Trupp Wachsoldaten.“

„Das lass ruhig unsere Sorge sein“, erwiderte Amar und blieb stehen.

Sie hatten den Waldrand erreicht, Windböen strichen ihnen das Haar zurück und Kirunas Blick fiel in der beginnenden Dunkelheit auf eine erstaunlich große Ansammlung von niedrigen Häusern und Lichtern, die sich bis zu einem Berg hinzogen. Seine Hänge waren bei Weitem nicht so steil, wie die des Königsberges. Genau genommen gehörte er zu einem Bergkamm, der sich auf der anderen Seite des weiten Plateaus hinzog.

Nicht sehr hoch über dem Dorf waren die feinen Gebäude der Herren vom Berg zu erkennen, mit ihren großen Glasfenstern, in denen wie in Rosenberg Kerzenleuchter stehen mussten, denn sie waren hell erleuchtet. Und es gab tatsächlich keine Stadtmauer.

Zu Kirunas Überraschung war der Gipfel wolkenfrei und sie meinte zwei imposante Bauwerke auszumachen, von denen eines einen trutzigen Turm besaß.

„Gehört der Turm dort oben zum Haus des Stadthalters?“, fragte sie Liuwolf.

„Ja“, erwiderte er, „aber es ist eher eine Burg. Gerade noch klein genug, um nicht König Grimoalds Unmut zu wecken. Und genau daneben stehen Sols großer Tempel und die Schule. Sie sind aber nicht beleuchtet, die Priester halten nichts von Verschwendung.“

Amar setzte sich wieder in Bewegung und sie folgten ihm. Nun fiel Kiruna auf, dass der breite Weg aus festgestampfter Erde, der schnurgerade zum Berg hinführte, links und rechts von Baumstümpfen gesäumt war. Sie hielt inne und ließ ihren Blick über das Dorf gleiten.

Es war kein einziger Baum oder Strauch zu sehen, nicht einmal in der Ferne hinter den Dächern, und selbst der Bergkamm war kahl. Der Wald war fort, soweit das Auge reichte und zwischen den Hütten gab es nur nackte Erde.

Aus dem Holz der Bäume hatten sie sicher die Häuser gebaut, von denen die meisten genauer betrachtet eher windschiefe Hütten waren. Und natürlich die Schmelzöfen und Schmiedefeuer damit gefüttert.

Deshalb, ging ihr auf, wehte der Wind hier auch viel stärker und heulte im Winter sicher genauso um die Häuser wie in ihrer Schlucht am Königsberg. Doch dort gab es Gras und Bäume und Wasser … Trauer und Zorn überfielen sie so heftig, dass sie sich unwillkürlich krümmte.

„Was ist los, Kiruna?“, ertönte Liuwolfs Stimme und sie brauchte einen Moment, um ihm ins Gesicht schauen zu können.

Eine Frage tauchte in ihrem Kopf auf und es war mehr als erstaunlich, dass sie ihr jetzt erst in den Sinn kam.

„Kann es sein, dass sich deine Vorfahren damals auf die Suche nach einer neuen Heimat gemacht haben, weil es bei ihnen keinen Wald mehr gab, den sie abholzen konnten?“

Betreten sah er sie an, als habe er schon seit Langem befürchtet, danach gefragt zu werden.

„Ich … bin mir nicht ganz sicher“, erwiderte er zögernd. „In den Schriftrollen steht lediglich, dass sie gehen mussten, weil das Land wüst und leer geworden war.“

Kiruna entwich ein Schnauben, dann ging sie an ihm vorbei, um zu Amar aufzuschließen, der einige Schritte entfernt auf sie wartete. Sein Blick sprach für sich selbst; wortlos schloss er sich ihr an und sie gingen weiter.

„Aber es könnte auch ein großer Sturm gewesen sein“, sagte Liuwolf, der sie eingeholt hatte. „Oder eine Dürre.“

„Natürlich“, gab Kiruna knapp zurück und es war ihr sehr Recht, dass ihre Stimme kaum abfälliger klingen konnte.

„Ich kann mir gut vorstellen, was gerade in dir vorgeht“, meldete sich Amar zu Wort. „Mir ging es nicht anders, als ich zum ersten Mal hier war. Und das war bei hellem Tageslicht. Aber ganz so einfach ist es nicht, Kiruna.“

Unwillig hob sie den Kopf. „Tatsächlich? Und warum nicht?“

„Weil auch wir davon profitieren. Die Dolche zum Beispiel, die alle neuen Gildeschüler bekommen, werden hier geschmiedet.“

Kiruna hielt inne, griff nach der Lederscheide an ihrem Gürtel und ließ sie fallen.

„Dann gebe ich ihn mit bestem Dank zurück!“

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, ging sie weiter, doch aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass Amar sich bückte.

Die beiden Männer folgten ihr schweigend, während sie mit großen Schritten voran stapfte. Die Musik, die zu ihnen herüberwehte und das Gelächter, das sich ab und zu hineinmischte, schienen ihr aus einer anderen Welt zu stammen. Wie konnten sich die Dorfbewohner vergnügt betrinken, wenn um sie herum das Land verwüstet wurde und sogar die Luft verpestet war? Und sie selbst zudem in den Eisenerzstollen schuften mussten, für dieses elende Pack auf dem Berg! Eine Hand griff nach ihrer Schulter und zwang sie anzuhalten.

„Wir müssen hier entlang“, sagte Amar.

Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie das Dorf bereits durchquert hatten und über ihnen steinerne Gebäude aufragten. Er wandte sich nach rechts und sie folgte ihm wortlos. Wenige Schritte weiter bog er in eine mit Steinen gepflasterte Straße ein, die zwischen den Häusern den Berg hinauf führte.

Der Zorn und noch einige andere, wirre Gefühle brannten nach wie vor in Kiruna, doch sie zwang sich, den Kopf zu heben und sich umzusehen.

Auf der Straße war niemand zu sehen, nur die eine oder andere Silhouette hinter dem Kerzenschein in den Fenstern zeigte, dass hier Menschen lebten.

Amar bog ein weiteres Mal ab, in eine schmale, dunkle Gasse, die lediglich von einer einzelnen Feuerschale beleuchtet wurde. Vor ihr blieb er stehen und wandte sich zu ihnen um.

„Von nun an dürfen wir uns nur noch mit unseren Decknamen ansprechen“, sagte er leise. „Ihr wisst sie doch noch?“

Kiruna runzelte angestrengt die Stirn, es schien Wochen her zu sein, dass sie sich im Wald darauf verständigt hatten.

„Du bist jetzt Tonar“, meldete sich Liuwolf verhalten, „ich Akai und Kiruna heißt nun Bena.“

Amar nickte und griff nach einem Seil, an dessen oberen Ende eine Glocke hing.

„Lasst mich sprechen. Und es wäre gut, wenn du nicht ganz so grimmig guckst, Kiruna.“

Damit läutete er und Kiruna hatte Mühe, zu verhindern, dass sich ihr Blick noch mehr verdüsterte. Sie atmete tief ein und straffte sich, denn er hatte ja Recht. Wenn sie diesen unbändigen Zorn nicht zurückdrängte, würden die Damen es sich vielleicht anders überlegen und sie fortschicken.

Es dauerte einen langen Moment, bis sich ein kleines Fenster in der hölzernen Tür öffnete und zwei tiefblau bemalte, helle Augen auftauchten.

„Oh, da seid ihr ja!“, ertönte die dazugehörige Stimme und drinnen wurde ein Riegel beiseitegeschoben.

Ein Schwall süßlich-herber Luft strömte ihnen entgegen, als die Tür geöffnet wurde. Kiruna starrte die Frau an, die wohl ein wenig jünger war als ihre Mutter und die von ihrem Anblick ebenfalls ganz gebannt zu sein schien. Ihre Augen waren von einem wasserhellen Blau und ihr langes, braunes Haar glänzte rötlich im Schein der gläsernen Lampe, die sie in der Hand hielt.

„Nun glaube ich dir, Tonar“, sagte sie und nickte Amar zu. „Kommt herein.“

Liuwolf kam der Aufforderung zögernd nach und Kiruna folgte ihm. Hinter ihr schloss die Frau die Tür und schob den Holzbalken in seine Verankerung. Dann wandte sie sich um.