Bluthunger - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Harry Dresden, Chicagos einzigen Berufsmagier, hatte schon schlimmere Aufgaben, als verdeckt am Set eines Erotikfilms zu ermitteln - etwa die Flucht aus einem brennenden Gebäude voller erzürnter Affendämonen oder die Konfrontation mit einem Pflanzenmonster. Dennoch hat sein aktueller Fall etwas Beunruhigendes an sich. Der Produzent des Films hält sich für das Opfer eines finsteren Entropiefluchs, tatsächlich aber sind es die Frauen in seinem Umfeld, die sterben, und zwar auf zunehmend spektakuläre Weise. Harry ist doppelt frustriert, weil er sich auf diesen Fall nur eingelassen hat, um Thomas, seinem selbstsüchtigen, ständig flirtenden Vampirbekannten, dessen Integrität nicht gerade über jeden Zweifel erhaben ist, einen Gefallen zu tun. Dieser hat ein persönliches Interesse an dem Fall, das Harry nicht nachvollziehen kann, bis ihn seine Ermittlungen direkt zu Thomas' sexbesessener Vampir-Familie führen. Harry muss feststellen, dass Thomas' Stammbaum ein schockierendes Geheimnis birgt, eine Entdeckung, die sein Leben für immer verändern wird.

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Seitenzahl:513

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Sammlungen



Autor: Jim Butcher

Deutsch von: Jürgen Langowski

Lektorat: Angela Troni

Art Director: Oliver Graute

Umschlagillustration: Chris McGrath

© Jim Butcher 2004

© 2009 der deutschsprachigen Übersetzung bei Droemersche

Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

© 2012 der vorliegenden Ausgabe Feder&Schwert GmbH

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-126-7

Originaltitel: Blood Rites

Bluthunger ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Jim Butcher 2011. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Jim Butcher.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Für meine Nichten und Neffen Craig, Emily, Danny, Ellie, Gabriel, Lori, Anna, Mikey, Kaitlyn, Greta, Foster und das noch ungeborene Baby. Hoffentlich habt ihr alle später einmal so viel Freude am Lesen wie euer Onkel.

1. Kapitel

Das Gebäude brannte, aber das war nicht meine Schuld.

Als ich um eine Ecke zum Ausgang des verlassenen Schulgebäudes im Südwesten von Chicago sprintete, rutschte ich beinahe auf den Fliesen aus. Einige ferne Straßenlaternen waren die einzigen Lichtquellen, auf dem staubigen Flur und in den alten Klassenzimmern gähnten große, stockfinstere Löcher.

Ich trug eine mit schönen Schnitzereien verzierte Holzkiste in der Größe eines Wäschekorbes, unter deren Gewicht mir die Schultern wehtaten. Bei verschiedenen Gelegenheiten hatte ich auf beiden Seiten Schussverletzungen erlitten, und so dauerte es nicht lange, bis sich das Brennen der Muskeln zu einem schmerzhaften Stechen entwickelte. Die verdammte Kiste war schwer, mal ganz zu schweigen vom Inhalt.

Ein Wurf schlappohriger, grauer und schwarzer Welpen winselte und fiepte darin. Die Tiere wuselten durcheinander, während ich rannte. Ein Hündchen, das aufgrund eines kleinen Unfalls eine Scharte im Ohr hatte, war mutiger oder dümmer als seine Geschwister. Es tappte umher, bis es die Pfoten gegen den Rand der Kiste stemmen konnte, und stieß ein schrilles Bellen, gefolgt von einem quiekenden Knurren aus, während es mit großen, dunklen Augen in den Flur hinter mir blickte.

Ich rannte schneller, und mein knielanger schwarzer Ledermantel pendelte um meine Beine. Als ich ein Rascheln und Zischen hörte, wich ich so gut ich konnte nach links aus. Eine Kugel aus irgendeiner giftig riechenden Substanz zischte, in gelbweiße Flammen gehüllt, an mir vorbei und prallte ein paar Schritte vor mir auf den Boden. Sofort schossen Flammen empor.

Meine Stiefel waren anscheinend nur zum Schreiten gemacht und nicht dazu da, über staubige Fliesen zu rennen. Als ich die Flammen umrunden wollte, glitt ich endgültig aus und fiel hin. Ich versuchte, den Sturz so gut wie möglich abzufedern und rutschte schließlich, mit den Flammen im Rücken, auf dem Hinterteil weiter. Einen Augenblick lang wurde es heiß, aber die Schutzzauber, die ich in meinen Mantel gewirkt hatte, bewahrten mich vor Verbrennungen.

Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig wegdrehen, als eine weitere Feuerkugel angeflogen kam. Die Substanz, was immer es auch war, klebte wie Napalm und brannte mit übernatürlicher Heftigkeit. In den düsteren Fluren hinter mir hatten sich bereits ein Dutzend Metallspinde in Schlacke verwandelt.

Die Ladung traf mich an der linken Schulter, prallte jedoch von der magischen Barriere ab und spritzte neben mir an die Wand. Dennoch zuckte ich zusammen, verlor das Gleichgewicht und kippte dabei die Kiste aus. Die pummeligen, kleinen Hündchen purzelten wimmernd und jaulend heraus.

Ich sah mich um.

Die Wachdämonen erinnerten an besessene purpurne Schimpansen, wenn man mal von den rabenschwarzen Flügeln auf ihren Schultern absah. Drei von ihnen waren meinem ausgeklügelten Betäubungszauber entgangen und verfolgten mich jetzt. Mit großen Sprüngen und getragen von den schwarzen Flügeln kamen sie den Flur herunter.

Einer von ihnen griff zwischen seine krummen Beine und … ich will es nicht allzu bildhaft beschreiben. Jedenfalls wählte er genau die Munition, die Primaten im Zoo bevorzugen. Der Affendämon stieß einen zwitschernden Schrei aus und schleuderte die Ladung, die mitten im Flug zündete. Ich musste mich hastig ducken, damit mich die giftige, brennende Pampe nicht im Gesicht traf.

Eilig sammelte ich die kleinen Hunde ein und schob sie zurück in die Kiste, dann rannte ich weiter. Hinter mir kreischten die Affendämonen.

Ein quiekendes Bellen ließ mich innehalten. Der kleine Hund mit der Scharte im Ohr stemmte die dicken Pfötchen fest in den Boden und verbellte trotzig unsere Verfolger.

„Verdammt“, fluchte ich und lief zurück, als der erste Affe auf den Hund herabstoßen wollte. Ich ging es an wie ein Fußballspieler, rutschte mit den Füßen voran dem Dämon entgegen und trat ihn mit der Hacke meines Stiefels kräftig auf die Nase. Zwar bin ich kein Schwerathlet, aber ich bin deutlich über einen Meter achtzig groß, und ein Leichtgewicht bin ich ganz sicher auch nicht. Der Tritt reichte aus, um den Dämon aufschreien und abdrehen zu lassen. Er prallte gegen einen Spind und hinterließ eine zentimetertiefe Delle.

„Dummer, kleiner Sargnagel“, murmelte ich und schnappte mir das Hündchen. „Deshalb habe ich eine Katze.“

Der Welpe bellte unverdrossen und wütend weiter. Ich steckte ihn etwas unsanft in die Kiste, wich zwei weiteren Feuerbällen aus und trat im dichter werdenden Rauch hustend den Rückzug an. Wo ich gerade noch gewesen war, wurde es allmählich heller, weil die brennenden Geschosse der Dämonen überall an den alten Wänden und auf dem Boden kleben blieben.

Ich rannte weiter zur Vordertür, drückte mit der Hüfte gegen den Riegel und wurde dabei zwangsläufig erheblich langsamer.

Auf einmal sprang mir ein Dämon in den Rücken, zerrte an meinen Haaren und biss mich in den Hals und ins Ohr. Es tat weh. Ich versuchte, mich rasch zu drehen und ihn abzuschütteln, doch er hielt eisern fest. Dabei bemerkte ich einen zweiten Dämon, der es auf mein Gesicht abgesehen hatte, und duckte mich, um ihm zu entgehen.

Dann ließ ich die Kiste los, um den Affen auf meinem Rücken zu packen. Er heulte und biss mich in die Hand. Mit einem wütenden Knurren drehte ich mich um und warf mich mit dem Rücken gegen die Wand. Der Angreifer kannte diesen Trick offenbar schon, denn er sprang im letzten Augenblick von meiner Schulter herunter, woraufhin ich mit dem Hinterkopf schmerzhaft gegen einen Metallspind prallte.

Einen Augenblick lang sah ich Sterne, und als ich die Benommenheit abgeschüttelt hatte, sprangen bereits zwei Dämonen herbei und schleuderten brennende Kleckse auf die Holzkiste, die sofort Feuer fing.

Gleich neben mir hing ein alter Feuerlöscher an der Wand. Ich schnappte ihn mir, als mein Gegner abermals angriff, knallte dem Affendämon das untere Ende des Metallbehälters auf die Nase und schaltete ihn damit vorläufig aus. Dann drehte ich den Feuerlöscher um und sprühte eine staubige, weiße Wolke über die Holzkiste. Die Flammen erloschen schnell, und danach deckte ich die beiden übrigen Dämonen mit dem Löschmittel ein.

Endlich konnte ich mir die Kiste schnappen, nach draußen verschwinden und die Tür der Schule hinter mir zudrücken.

Drinnen war ein Poltern zu hören, dann wurde es still.

Keuchend betrachtete ich die winselnden, weiß bestäubten Welpen in der Kiste, die mir ihre feuchten Nasen entgegenstreckten.

„Bei den Toren der Hölle“, schnaufte ich. „Ihr habt Glück, dass Bruder Wang euch unbedingt zurückhaben will. Wenn er nicht die Hälfte im Voraus bezahlt hätte, dann würde ich jetzt in der Kiste liegen, und ihr müsstet mich schleppen.“

Kleine Schwänze wedelten hoffnungsvoll.

„Dumme Hunde“, grollte ich, hob die Kiste hoch und trug sie zum Parkplatz vor der alten Schule.

Als ich die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, riss irgendetwas die Türen des Gebäudes gegen die Bewegungsrichtung der Scharniere nach innen auf und stieß ein tiefes, lautes Knurren aus. Dann kam eine King-Kong-Version der Schimpansen zur Tür herausgestampft.

Das Biest war purpurn, hatte Flügel und wirkte ausgesprochen sauer. Es war knapp drei Meter groß und wog sicher vier- bis fünfmal so viel wie ich. Zwei kleinere Dämonen flogen geradewegs auf den Riesenaffen zu, der sie einfach absorbierte und dabei noch einmal gut vierzig Kilo zulegte. Anscheinend hatten die kleineren Wachdämonen ihre Kräfte in einem einzigen Körper vereint und auf diese Weise meinen Betäubungszauber überwunden.

King Dämon breitete Flügel aus, die einem Sportflugzeug alle Ehre gemacht hätten, und sprang mit einer absolut unfairen Anmut hinter mir her. Während meiner Tätigkeit als Privatdetektiv und professioneller Magier hatte ich schon die unterschiedlichsten Ungeheuer erlegt und im Laufe vieler Begegnungen und vieler Jahre eine Technik entwickelt, die sich im Umgang mit großen, bösen Monstern immer wieder bewährt hatte.

Weglaufen. So schnell wie möglich.

Der Parkplatz und der blaue Käfer, mein verbeulter alter Volkswagen, waren nur noch zehn oder fünfzehn Meter entfernt, und wenn ich entsprechend motiviert bin, kann ich ziemlich schnell rennen.

King Kong brüllte. Das reichte mir als Motivation.

Es knallte, dann überstrahlte ein grellrotes Licht die Straßenlaternen. Nur ein paar Schritte entfernt war ein weiterer Feuerball wie eine Kanonenkugel eingeschlagen und hatte im Pflaster einen sarggroßen Krater aufgerissen. Der riesige Dämon brüllte, schoss auf schwarzen Geierflügeln an mir vorbei, legte sich schräg und griff abermals an.

„Thomas!“, rief ich. „Lass den Motor an!“

Die Beifahrertür schwang auf, und ein unglaublich gutaussehender junger Mann mit dunklem Haar, engen Jeans und einer Lederjacke, unter der er nichts weiter trug, schob den Kopf heraus und betrachtete mich über seine runden grünen Brillengläser hinweg. Er riss den Mund auf.

„Nun lass schon den Wagen an!“, rief ich verzweifelt.

Thomas nickte und verschwand wieder im Käfer. Der Motor spuckte und hustete, erwachte dann jedoch rumpelnd zum Leben. Der noch funktionierende Scheinwerfer flammte auf, dann gab Thomas Gas und fuhr in Richtung Straße.

Im ersten Moment fürchtete ich, er würde mich im Stich lassen, doch dann bremste er gerade weit genug ab, damit ich ihn einholen konnte, lehnte sich herüber und hielt mir die Beifahrertür auf. Vor Anstrengung schnaufend sprang ich in den Wagen, wobei ich fast die Kiste verloren hätte. Im letzten Augenblick konnte ich sie festhalten. Der Welpe mit der Scharte im Ohr kletterte schon wieder hoch und war anscheinend immer noch fest entschlossen, sich der Schlacht zu stellen.

„Was zum Teufel ist das denn?“, rief Thomas. Seine schulterlangen schwarzen Locken pendelten um sein Gesicht, als das Auto beschleunigte und die kühle Herbstluft durch die offenen Fenster hereinströmte. Er hatte die grauen Augen weit aufgerissen. „Sag schon, was ist das?“

„Fahr einfach!“, rief ich und verstaute die Kiste mit den winselnden Welpen auf dem Rücksitz. Dann nahm ich meinen Sprengstock und kletterte durchs offene Fenster halb hinaus, bis ich in der Tür saß, mich mit dem Oberkörper auf dem Dach abstützen und den Sprengstock auf den Dämon richten konnte. Ich sammelte all meine Willenskraft und meine Magie, und sofort entstand am Ende des Sprengstocks ein hellroter Schein.

Als ich die Ladung auf den Dämon abfeuern wollte, stieß dieser jedoch mit einer neuen Feuerkugel in der Hand herab und schleuderte sie auf unser Auto.

„Aufpassen!“, rief ich.

Thomas hatte es anscheinend im Spiegel beobachtet. Der Käfer schlingerte wild umher, und das brennende Geschoss traf nur den Asphalt. Tosend schossen die Flammen empor, und in den Häusern auf beiden Straßenseiten gingen Scheiben zu Bruch. Thomas wich auf den Gehweg aus, um nicht mit einem geparkten Wagen zusammenzustoßen, wobei der Käfer heftig bockte und fast außer Kontrolle geriet. Ich hätte beinahe das Gleichgewicht verloren und fragte mich schon, wie groß wohl meine Aussichten wären, einigermaßen weich zu landen, als Thomas mich am Fußgelenk packte. Mit nur einer Hand hielt er mich fest und lenkte zugleich mit der anderen das Auto. Über den Kraftaufwand hätte jeder gestaunt, der nicht wusste, dass er kein Mensch war.

Als der riesige Dämon abermals herabstieß, zielte ich mit dem Sprengstoff auf ihn und rief: „Fuego!“

Eine weißglühende Feuerlanze schoss von der Spitze des Sprengstocks aus durch den Abendhimmel und beleuchtete die Straße taghell. Da ich im Fenster des Käfers ordentlich durchgeschüttelt wurde, hatte ich damit gerechnet, mein Ziel zu verfehlen, doch mein Feuerstoß traf King Dämon mitten in den Bauch. Kreischend stürzte er ab, und Thomas lenkte den Käfer auf die Straße zurück.

Sogleich richtete sich der Dämon wieder auf. „Halt an!“, rief ich.

Thomas trat auf die Bremse, und abermals wäre ich um ein Haar auf die Straße geflogen. Als ich endlich sicher saß, war auch der Dämon schon wieder auf den Beinen.

Mit einem frustrierten Knurren bereitete ich den nächsten Feuerstoß vor und zielte genau.

„Was soll das noch?“, rief Thomas. „Du hast ihn gelähmt, lass uns verschwinden!“

„Nein“, gab ich zurück. „Wenn wir ihn nicht ausschalten, lässt er seine Wut an allen Menschen aus, die er in der Nähe findet.“

„Aber das werden dann nicht mehr wir sein.“

Ich achtete nicht weiter auf Thomas und konzentrierte mich auf meinen nächsten Angriff, bis von meinem Sprengstock Rauchwölkchen aufstiegen.

Dann verpasste ich dem großen Affen einen Schuss mitten zwischen die schwarzen Knopfaugen.

Das Feuer traf ihn wie eine Abrissbirne, und der Kopf des Dämons zerbarst zu einer leuchtenden, purpurnen Dampfwolke. Zusammen mit den roten Lichtpünktchen sah es wirklich nett aus.

Dämonen, die in die Welt der Sterblichen eindringen, haben keinen Körper wie wir. Sie legen sich einen zu, wie wir Kleidung anziehen, und solange das Bewusstsein des Dämons in dem konstruierten Körper steckt, ist dieser sehr real. Nachdem der Kopf explodiert war, hatte der Dämon nicht mehr genug Lebensenergie und ließ seine Hülle fallen. Der Affe zuckte noch einige Sekunden, dann blieb er reglos liegen und löste sich zu einem Haufen durchsichtiger Gelatine auf – Ektoplasma, die Materie aus dem Niemalsland.

Vor Erleichterung wurde mir etwas schwindlig, als ich mit weichen Knien wieder in den Käfer stieg.

„Erlaube mir, die Frage zu wiederholen“, schnaufte Thomas gleich darauf. „Was zum Teufel war das?“

Schwer atmend ließ ich mich auf dem Sitz nieder, vergewisserte mich, dass den Welpen in der Kiste nichts zugestoßen war, und schnallte mich an. Dann schloss ich seufzend die Augen. „Shen“, sagte ich. „Chinesische Geistwesen. Dämonen. Gestaltwandler.“

„Himmel, ich wäre dabei fast umgekommen!“

„Stell dich nicht so an, es ist doch nichts passiert.“

Thomas starrte mich finster an. „Du hättest es mir wenigstens vorher sagen können.“

„Hab ich doch“, entgegnete ich. „Im Mac’s habe ich dir versprochen, dich nach Hause zu bringen, und darauf hingewiesen, dass ich auf dem Weg noch etwas zu erledigen habe.“

Thomas’ Miene wurde noch finsterer. „Etwas erledigen, das bedeutet zum Beispiel tanken und einen Liter Milch kaufen. Es bedeutet ganz sicher nicht, von fliegenden Gorillas gejagt zu werden, die mit brennender Kacke schmeißen.“

„Du kannst ja beim nächsten Mal die Hochbahn nehmen.“

Er funkelte mich an. „Wohin fahren wir überhaupt?“

„Zum O’Hare.“

„Warum denn das?“

Ich winkte in Richtung Rücksitz. „Ich muss meinem Klienten sein gestohlenes Eigentum zurückgeben. Er will die Hunde so schnell wie möglich wieder nach Tibet bringen.“

„Gibt es sonst noch etwas, das du mir verschwiegen hast? Ninja-Wombats oder so?“

„Ich wollte dir nur mal zeigen, wie das so ist“, sagte ich.

„Was soll das nun wieder heißen?“

„Hör doch auf, Thomas. Du gehst sicher nicht ins Mac’s, um dort herumzuhängen und Freunde zu treffen. Du bist reich, hast Beziehungen und bist obendrein ein Vampir. Du hättest mich nicht bitten müssen, dich nach Hause zu bringen, denn du hättest ohne weiteres ein Taxi oder eine Limousine bestellen oder irgendeine Frau überreden können, dich mitzunehmen.“

Thomas’ gerunzelte Stirn glättete sich wieder, und sein Gesicht wurde ausdruckslos. „Ach, ja? Warum bin ich dann hier?“

Ich zuckte die Achseln. „Da du mich nicht überfallen hast, nehme ich an, dass du mit mir reden willst.“

„Ein rasiermesserscharfer Verstand. Du solltest Privatdetektiv werden.“

„Willst du mich jetzt beleidigen, oder hast du mir etwas zu sagen?“

„Ist ja schon gut“, lenkte Thomas ein. „Du musst mir einen Gefallen tun.“

Ich schnaubte. „Was für einen Gefallen? Hast du schon vergessen, dass wir eigentlich Kriegsgegner sind? Die Magier gegen die Vampire? Klingelt da was?“

„Wenn du möchtest, kannst du mir gern unterstellen, ich setzte subversive Techniken ein, um dich mit unerhört bösartigen Tricks zu manipulieren.“

„Gut“, stimmte ich zu. „Es würde nämlich meine Gefühle verletzen, wenn ich mir die Mühe mache, einen Krieg anzuzetteln, und dann spielst du einfach nicht mit.“

Er grinste. „Ich wette, du fragst dich, auf wessen Seite ich stehe.“

„Nein“, erwiderte ich. „Du stehst auf Thomas’ Seite.“

Er setzte dieses typische strahlende, jungenhafte Grinsen auf, bei dem die Unterwäsche sämtlicher Frauen im Umkreis spontan zu Staub zerfiel. „Stimmt. Aber ich habe dir in den letzten zwei Jahren ein paar Mal einen Gefallen getan.“

Ich runzelte die Stirn. Das traf zu, auch wenn ich den Grund nicht wusste. „Ja, richtig. Und was jetzt?“

„Jetzt bin ich an der Reihe. Ich habe dir geholfen, diesmal brauche ich eine Gegenleistung.“

„Ah. Was soll ich für dich tun?“

„Du sollst für einen Bekannten, der Hilfe braucht, einen Fall übernehmen.“

„Dazu habe ich keine Zeit“, wandte ich ein. „Ich muss irgendwie meinen Lebensunterhalt verdienen.“

Thomas schnipste ein Stück flambierten Affen von seinem Handrücken. „Verdienst du auf diese Weise deinen Lebensunterhalt?“

„Jobs sind ein Teil des Lebens. Vielleicht hast du schon mal davon gehört. Man nennt das auch Arbeit. Manchmal leidet man darunter, dass man nervige und erniedrigende Dinge tun muss und am Ende kaum etwas dafür bekommt. Es ist wie in diesen japanischen Gameshows, nur ohne den Ruhm.“

„Unfug. Ich sage ja nicht, dass du umsonst arbeiten sollst. Der Kunde wird dein normales Honorar bezahlen.“

„Pah“, machte ich. „Warum braucht er denn meine Hilfe?“

„Er glaubt, jemand trachtet ihm nach dem Leben. Ich denke, er hat recht damit.“

„Warum?“

„In seiner Umgebung gab es letztens zwei verdächtige Todesfälle. Vorgestern schickte er seine Fahrerin, sie hieß Stacy Williams, mit seinen Golfsachen zum Wagen, weil er vor dem Mittagessen noch ein paar Löcher spielen wollte. Sie öffnete den Kofferraum und wurde von etwa zwanzigtausend angriffslustigen Bienen getötet.“

Ich nickte. „Bäh. Da will ich nicht widersprechen. Es ist widerlich und gibt einem zu denken.“

„Am nächsten Morgen wurde seine persönliche Assistentin, eine junge Frau namens Sheila Barks, von einem Auto getötet, das sich selbständig gemacht hatte. Sie war auf der Stelle tot.“

Ich schürzte die Lippen. „So was passiert schon mal.“

„Sie fuhr gerade Wasserski.“

Ich blinzelte verdutzt. „Wie ist das denn passiert?“

„Wie ich hörte, fiel das Auto von einer Brücke herunter, die über den See führt. Es durchbrach das Geländer und landete direkt auf ihr.“

„Oh“, staunte ich. „Gibt es schon einen Verdacht?“

„Nein. Könnte es ein Entropiefluch sein?“, fragte Thomas.

„Wenn das zutrifft, dann ist es ein ungenauer, der jedoch teuflisch stark ist. Die Todesfälle sind recht spektakulär.“ Ich sah noch einmal nach den Welpen. Sie hatten sich zu einem staubigen Haufen zusammengerottet und schliefen. Obenauf lag der kleine Kerl mit der Kerbe im Ohr. Er öffnete kurz die Augen und knurrte mich schläfrig, aber unverkennbar warnend an. Dann schlief er wieder ein.

Thomas warf einen kurzen Blick zur Kiste. „Niedliche, kleine Racker. Was steckt dahinter?“

„Sie sollen in einem Kloster im Himalaja als Wachhunde dienen. Irgendjemand hat sie entführt und hierher verschleppt. Zwei Mönche haben mich beauftragt, sie zurückzuholen.“

„Gibt es denn in Tibet keine Hundezüchter?“

Ich zuckte die Achseln. „Sie glauben, die Tiere stammen von den alten Foo Dogs ab.“

„Blaublütige Köter? Du meine Güte.“

Ich schnaubte nur und hielt die Hand wie eine Tragfläche in den Fahrtwind. „Die Mönche sind überzeugt, der Urahn der Hunde sei ein göttliches Geistwesen gewesen. Ein himmlischer Wachgeist, ein Foo Dog eben, und damit seien die Welpen etwas ganz Besonderes.“

„Stimmt das denn?“

„Mann, woher soll ich das wissen? Ich bin nur der Postbote.“

„Ein schöner Magier bist du mir.“

„Das Universum ist groß, und niemand kann alles wissen“, gab ich zu.

Wir fuhren eine Weile schweigend weiter.

„Äh, darf ich dich fragen, was mit deinem Auto passiert ist?“

Das Innere des Käfers sah tatsächlich kaum noch nach einem VW aus. Sämtliche Sitzbezüge waren ebenso verschwunden wie die Polster darunter und die Teppiche im Fußraum. Im hölzernen Armaturenbrett klafften mehrere große Löcher. Ein bisschen Plastik war noch da, außerdem alles, was aus Metall bestand. Der Rest war vollkommen verschwunden.

Mit einigen Brettern, Drahtkleiderbügeln, billigem Isoliermaterial aus der Campingabteilung des Supermarkts und diversen Rollen Klebeband hatte ich das Auto notdürftig geflickt. Jetzt sah es ein wenig postmodern aus und entsprach ungefähr dem, was man nach einem größeren nuklearen Schlagabtausch als Verkehrsmittel benutzen mochte.

Andererseits war das Innere des Käfers extrem sauber. Alles hat seine guten Seiten.

„Schimmeldämonen“, sagte ich.

„Schimmeldämonen haben dein Auto gefressen?“

„Gewissermaßen. Jemand hat sie aus den Überresten im Wageninneren heraufbeschworen, und sie haben alles organische Material benutzt, das sie finden konnten, um sich Körper zu konstruieren.“

„Hast du sie gerufen?“

„Teufel, nein. Sie waren das Geschenk eines Schurken, dem ich vergangenen Sommer begegnet bin.“

„Ich wusste gar nicht, dass im Sommer so viel los war.“

„Du bekommst eben auch nicht alles mit. Im Übrigen dreht sich mein Leben nicht ausschließlich darum, gegen Halbgötter und Krieg führende Nationen zu kämpfen oder Rätsel zu lösen, bevor sie mich umbringen.“

Thomas zog eine Augenbraue hoch. „Nein, es dreht sich natürlich auch um Schimmeldämonen und brennende Affenkacke.“

„Was soll ich sagen? In meiner Magie wird das ‚I!’ großgeschrieben.“

„Schon klar. Darf ich dich noch was fragen?“

„Schieß los.“

„Hast du in den letzten zwei Jahren wirklich unablässig die Welt gerettet?“

Ich zuckte die Achseln. „Gewissermaßen.“

„Es heißt, du hättest eine Feenprinzessin erledigt und einen Krieg zwischen Winter und Sommer verhindert“, fuhr Thomas fort.

„Vor allem habe ich meinen eigenen Arsch gerettet. Zufällig war die Welt an der gleichen Stelle.“

„Dieses Bild wird mir Albträume bescheren“, gab Thomas zurück. „Was ist im letzten Jahr aus diesen Dämonen geworden?“

Ich schüttelte den Kopf. „Sie wollten die Menschheit mit einer üblen Seuche infizieren, die aber nicht lange angehalten hätte. Es sollte eine nette, kleine Apokalypse werden. Im Grunde wussten sie, dass sie nicht sehr viel erreichen würden, aber sie haben es trotzdem versucht.“

„Wie beim Lotto“, überlegte Thomas.

„Ja, so ähnlich. Die Völkermordlotterie.“

„Und du hast sie aufgehalten?“

„Ich habe dabei geholfen und die Sache überlebt. Allerdings gab es kein Happy End. Ich habe nicht mal ein Honorar bekommen. An brennender Affenkacke verdiene ich besser. Da stimmt doch was nicht.“

Thomas lachte leise und schüttelte den Kopf. „Ich kapier’s nicht. Warum spielst du immer den einsamen Rächer? Du wirst ständig vermöbelt und kommst gerade mal so über die Runden. Du wohnst allein in einer feuchten, kleinen Höhle, du hast weder Frau noch Freunde und fährst mit diesem Schrotthaufen durch die Gegend. Dein Leben ist ein einziges Trauerspiel.“

„Denkst du das wirklich?“, fragte ich.

„Ich sag’s nur so, wie ich es sehe.“

Ich lachte. „Was glaubst du denn, warum ich es mache?“

Er zuckte die Achseln. „Entweder du bist von einem tiefen, masochistischen Selbsthass erfüllt, oder du bist nicht recht bei Trost. Zu deinen Gunsten habe ich kolossale Dummheit von der Liste gestrichen.“

„Thomas, du kennst mich überhaupt nicht“, sagte ich lächelnd.

„Ich denke schon, denn ich habe mitbekommen, wie du dich verhältst, wenn du unter Druck gerätst.“

„Na schön, aber wie oft siehst du mich denn? Vielleicht ein oder zwei Tage im Jahr, und auch dann nur, wenn gerade irgendein Ungeheuer Anstalten macht, mich zu Brei zu schlagen. Allerdings hast du keine Ahnung, wie mein Leben an den restlichen dreihundertdreiundsechzig Tagen verläuft. Du weißt nicht viel über mich. Mein Leben dreht sich nicht ausschließlich um magisches Gemetzel und kreative Brandstiftung in Chicago.“

„Oh, das ist mir klar. Ich habe gehört, dass du vor ein paar Monaten im exotischen Oklahoma warst. Es soll mit der landesweiten Sturmwarnung und einem Tornado zu tun gehabt haben.“

„Ich habe der neuen Sommerlady einen Gefallen getan und einen wild gewordenen Sturmsylphen gebändigt. Dazu musste ich mit den Sturmjägern kreuz und quer durch die Gegend fahren. Du hättest mal das Gesicht des Fahrers sehen sollen, als ihm bewusst wurde, dass der Tornado uns gejagt hat.“

„Das ist eine nette Geschichte, aber was willst du mir damit sagen?“

„Ich will damit sagen, dass es in meinem Leben viele Dinge gibt, von denen du keine Ahnung hast. Außerdem habe ich Freunde.“

„Monsterjäger, Werwölfe und einen sprechenden Schädel.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das sind noch lange nicht alle. Übrigens mag ich meine Wohnung. Mensch, ich mag sogar mein Auto.“

„Du magst dieses … diesen Schrotthaufen?“

„Es macht vielleicht nicht viel her, doch es hat alles, was nötig ist.“

Thomas sank hinter dem Lenkrad in sich zusammen und machte eine skeptische Miene. „Ich glaube, ich habe die monumentale Dummheit vorschnell gestrichen.“

„Mit meinem blauen Käfer bin ich unschlagbar. Er hat nur vier Zylinder, aber ein tapferes Herz.“

Thomas’ Gesicht wurde völlig ausdruckslos. „Was ist mit Susan?“

Wenn ich wütend werde, würde ich auch gern so eine versteinerte Miene aufsetzen, allerdings gelingt mir das meist nicht so gut. „Was soll mit ihr sein?“

„Sie war dir wichtig. Du hast sie zu einem Teil deines Lebens gemacht, und sie ist deinetwegen unter die Räder gekommen. Alle möglichen unfreundlichen Zeitgenossen sind über sie hergefallen, und sie wäre fast gestorben.“ Er starrte nach vorn. „Wie kommst du damit klar?“

Beinahe wäre ich tatsächlich wütend geworden, doch mir fiel gerade noch rechtzeitig etwas ein, und mein Zorn verflüchtigte sich gleich wieder. An einer Ampel konnte ich Thomas’ Profil betrachten. Er gab sich große Mühe, völlig unbeteiligt zu wirken, was bedeutete, dass ihn irgendetwas sehr berührte. Er dachte an jemanden, der ihm wichtig war.

„Wie geht es Justine?“, fragte ich.

Seine Miene verhärtete sich. „Das ist unwichtig.“

„In Ordnung. Aber wie geht es ihr?“

„Ich bin ein Vampir.“ Er sprach die Worte kalt und abweisend aus, obwohl seine Stimme bebte. „Sie ist meine Freund…“ Das Wort wollte ihm nicht über die Lippen, und er hustete, um seine Verlegenheit zu überspielen. „Sie ist meine Geliebte. Sie ist Nahrung. So sieht das aus.“

„Ah“, erwiderte ich. „Du musst wissen, dass ich sie mag, seit sie mich erpresst hat, dir gegen Biancas böse Spielchen zu helfen. Das hat Mut erfordert.“

„Ja“, stimmte er zu. „Den hat sie.“

„Wie lange seid ihr jetzt zusammen?“

„Vier Jahre“, sagte Thomas. „Beinahe fünf.“

„Gibt es sonst noch jemanden?“

„Nein.“

„Burger King“, folgerte ich.

Thomas blinzelte verständnislos. „Was?“

„Ich esse gern bei Burger King. Aber selbst wenn ich es mir leisten könnte, würde ich nicht fünf Jahre lang jeden Tag dort essen.“

„Was willst du damit sagen?“, fragte Thomas.

„Ganz einfach. Es liegt auf der Hand, dass Justine nicht nur Nahrung für dich ist.“

Er starrte mich einen Moment mit leerem Gesicht und nicht menschlichen Augen an. „Das ist sie aber. Es kann gar nicht anders sein.“

„Warum fällt es mir nur so schwer, dir zu glauben?“, sagte ich.

Thomas starrte mich an, seine Augen wurden sogar noch kälter. „Lass das Thema sofort fallen.“

Ich entschied mich, ihn nicht zu bedrängen. Er gab sich große Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, und wenn er nicht darüber reden wollte, dann musste ich das respektieren.

Eigentlich wollte ich ebenfalls nicht darüber reden. Thomas war ein nervtötender Schnösel, den jeder schon nach kurzer Bekanntschaft umbringen wollte. Wenn ich mit jemandem so viel gemeinsam habe, dann kann ich nicht umhin, ihn ein wenig zu mögen. Es konnte nicht schaden, ihm etwas Bewegungsfreiheit zu lassen.

Andererseits geriet viel zu leicht in Vergessenheit, was er wirklich war, und das konnte ich mir nicht leisten. Thomas war ein Vampir vom Weißen Hof. Wie alle seine Artgenossen trank er kein Blut, sondern nährte sich von Gefühlen und nahm auf diese Weise die Lebensenergie seiner Beute in sich auf. Soweit ich wusste, geschah das vor allem beim Sex, und die Angehörigen seines Volks waren fähig, einen Heiligen zu verführen. Ich hatte Thomas einmal beobachtet, als er sich nähren wollte. Dabei war seine menschliche Seite völlig untergegangen, und er hatte sich in ein kaltes, wunderschönes marmorweißes Wesen voller nackter Gier verwandelt. Es war eine ausgesprochen unschöne Erinnerung.

Die Weißen waren körperlich nicht ganz so furchterregend wie die Vampire vom Roten Hof und besaßen nicht die rohe, schreckliche Kraft der Schwarzen, litten jedoch auch nicht unter den üblichen Schwächen der Vampire. Sonnenlicht stellte für Thomas kein Problem dar, und nach allem, was ich gesehen hatte, störten ihn auch Kruzifixe und andere heilige Objekte nicht weiter. Aber nur weil sie nicht ganz so schrecklich waren wie die anderen Höfe, waren die Weißen noch lange nicht ungefährlich. In gewisser Weise waren sie sogar gefährlicher als die anderen. Ich rechne damit, dass mich hin und wieder ein mit Schleim bedecktes Monster aus den Abgründen der Hölle anfällt, doch bei einem Wesen, das einem Menschen täuschend ähnlich sieht, lässt die Wachsamkeit rasch nach.

Tatsächlich war ich ja schon drauf und dran, Thomas zu helfen und den Auftrag zu übernehmen, als wäre er ein ganz normaler Klient. Wahrscheinlich war das nicht gerade klug. Gut möglich, dass es ungesunde oder gar tödliche Folgen haben konnte.

Der Vampir schwieg wieder. Da ich nicht mehr rannte und schrie, wurde mir bald ungemütlich kalt. Ich kurbelte das Fenster hoch, damit die kühle Herbstluft draußen blieb.

„Also“, fragte er. „Wirst du mir nun helfen?“

Ich seufzte. „Ich sollte nicht einmal mit dir in einem Auto sitzen, denn ich habe auch so schon genügend Schwierigkeiten mit dem Weißen Rat.“

„Junge, deine eigenen Leute mögen dich nicht. Erzähl mir was Neues.“

„Leck mich doch“, gab ich zurück. „Wie heißt der Mann?“

„Arturo Genosa. Er ist Filmproduzent und hat gerade eine eigene Firma gegründet.“

„Weiß er Bescheid?“

„In gewisser Weise schon. Er ist ein ganz normaler Mensch, aber ziemlich abergläubisch.“

„Warum soll gerade ich ihm helfen?“

„Weil nur du ihm helfen kannst. Wenn du ablehnst, wird er die nächste Woche wohl nicht überleben.“

Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete ich Thomas. „Entropieflüche sind bereits eine hässliche Angelegenheit, wenn sie präzise funktionieren. Die ungenauen sind erheblich schlimmer. Ich riskiere Kopf und Kragen, wenn ich versuche, sie abzuwehren.“

„So etwas habe ich auch für dich getan.“

Ich dachte kurz darüber nach. „Ja, das stimmt.“

„Dafür habe ich nicht mal Geld verlangt.“

„Schon gut“, willigte ich ein. „Ich rede mit ihm. Versprechen will ich nichts, aber falls ich den Job übernehme, musst auch du mich bezahlen, unabhängig von dem, was dieser Arturo ausspuckt.“

„So revanchierst du dich also, wenn man dir einen Gefallen tut.“

Ich zuckte die Achseln. „Du kannst jederzeit aussteigen.“

Er schüttelte den Kopf. „Schon gut. Du bekommst das doppelte Honorar.“

„Nein“, erwiderte ich. „Du sollst mich nicht mit Geld bezahlen.“

Er zog die Augenbrauen hoch und sah mich über den Rand seiner modischen grünen Brille hinweg an.

„Ich will den Grund wissen“, fuhr ich fort. „Ich will wissen, warum du mir damals geholfen hast. Wenn ich den Fall übernehme, musst du mir reinen Wein einschenken.“

„Du würdest es mir sowieso nicht glauben.“

„Das ist mein Angebot. Nimm es an, oder lass es bleiben.“

Thomas seufzte nur, und wir fuhren einige Minuten schweigend weiter. „Also gut“, sagte er schließlich. „Abgemacht.“

„Abgemacht“, antwortete ich. „Die Hand darauf.“

Er schlug ein. Seine Finger waren sehr kalt.

2. Kapitel

Wir fuhren zum O’Hare, wo ich Bruder Wang in der Kapelle des internationalen Terminals traf. Er war ein kleiner, drahtiger Mann mit wallenden Gewändern in der Farbe eines Sonnenuntergangs und einem glänzenden Kahlkopf. Sein Alter war schwer zu schätzen, und sein Gesicht hatte die Falten eines Menschen, der oft lächelt.

„Missa Dresden“, sagte er strahlend, als ich ihm die schlafenden Welpen brachte. „Haben Sie zu uns die kleinen Hunde wiedergegeben.“

Bruder Wangs Englisch war noch schlechter als mein Latein, und das will etwas heißen, doch seine Körpersprache war unmissverständlich. Ich erwiderte sein Lächeln und reichte ihm die Kiste mit einer angedeuteten Verbeugung. „Es war mir ein Vergnügen.“

Wang stellte sie vorsichtig auf den Boden und überprüfte den Inhalt. Ich sah mich unterdessen in der schlichten, kleinen Kapelle um. Jeder, der an irgendetwas glaubte, sollte hier einen stillen Raum zur Meditation finden und tun können, was ihm sein Glaube gebot. Die Betreiber des Flughafens hatten den beigefarbenen Teppich durch einen blauen ersetzt und die Wände neu gestrichen. Vorne stand eine neue Kanzel, und auch die gepolsterten Betstühle waren neu.

Blut hinterlässt dauerhaft Flecken, ganz egal, wie viel Putzmittel man einsetzt.

Traurig, aber nicht verbittert betrachtete ich die Stelle, wo ein sanfter, alter Mann sein Leben geopfert hatte, um mich zu retten. Er und ich würden noch einmal genau die gleichen Entscheidungen treffen, wenn wir noch einmal in der gleichen Situation wären. Ich wünschte nur, ich hätte ihn früher kennengelernt. Es gibt nicht viele Menschen, die etwas über den Glauben lehren können, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren.

Bruder Wang betrachtete das weiße Pulver im Fell der Welpen und hob fragend eine mit Staub bedeckte Hand.

„Hoppla“, sagte ich nur.

„Ah.“ Wang nickte. „Hoppla. Okay.“ Dann betrachtete er wieder die Kiste.

„Stimmt etwas nicht?“

„Alle kleinen Hundchen sind sie im Kasten?“

Ich zuckte die Achseln. „Ich habe alle mitgenommen, die im Gebäude waren. Allerdings weiß ich nicht, ob irgendjemand vorher einige Hunde woanders hingeschafft hat.“

„Okay“, sagte Bruder Wang. „Am besten weniger als gar nichts.“ Er richtete sich auf und gab mir die Hand. „Vielen Dank von meinen Brüdern.“

Ich schlug ein. „Gern geschehen.“

„Flugzeug fliegt jetzt nach Hause.“ Wang griff in seine Gewänder und zog einen Umschlag hervor. Er gab ihn mir, verbeugte sich noch einmal, nahm die Kiste mit den Hunden und ging hinaus.

Die Tatsache, dass ich das Geld genau nachzählte, sagt vermutlich eine Menge über meinen Zynismus aus. Ich hatte für diesen Auftrag ein recht hohes Honorar bekommen. Zuerst hatte ich die Spur des Hexers verfolgen müssen, der die Hunde gestohlen hatte. Dann hatte ich ihn eine Weile beobachtet, um herauszufinden, wann er essen ging. Nach fast einer ganzen Woche voll sechzehnstündiger Arbeitstage hatte ich endlich die verborgene Kammer entdeckt, wo er die Welpen untergebracht hatte. Da mich die Auftraggeber gebeten hatten, sie zurückzuholen, hatte ich die Wachdämonen identifizieren und einen Zauber entwickeln müssen, um sie auszuschalten, ohne dabei – beispielsweise – das ganze Gebäude in Schutt und Asche zu legen. Hoppla.

Immerhin hielt ich nun zwei dicke Packen Dollarnoten in der Hand. Hätte ich allerdings vorher von der brennenden Kacke gewusst, dann hätte ich einen Zuschlag verlangt. Sonderleistungen gehen nun mal extra.

Ich kehrte zum Auto zurück. Thomas saß auf der Haube des Käfers. Er hatte sich nicht erst die Mühe gemacht, zum Parkplatz zu fahren, sondern wartete vor dem Terminal in einer Ladezone. Offenbar hatte ihn eine recht hübsche Polizistin auffordern wollen, den Wagen wegzufahren, doch da Thomas nun einmal Thomas war, hatte er sich inzwischen ihre Uniformmütze in einem verwegenen Winkel aufgesetzt, und sie stand entspannt und lachend vor ihm, als ich mich den beiden näherte.

„He“, sagte ich. „Wir müssen aufbrechen. Wir haben noch viel zu tun.“

„Leider“, sagte er, während er die Mütze abnahm und sie der Polizistin mit einer kleinen Verbeugung reichte. „Es sei denn, Sie wollen mich verhaften, Elizabeth?“

„Dieses Mal wohl nicht“, erwiderte sie.

„Da habe ich aber Glück gehabt.“

Sie lächelte ihn an, dann wandte sie sich mit gerunzelter Stirn an mich. „Sind Sie nicht Harry Dresden?“

„Allerdings.“

Sie nickte und setzte sich die Mütze auf. „Ich dachte mir schon, dass Sie es sind. Lieutenant Murphy meint, Sie seien ganz in Ordnung.“

„Danke.“

„Das war kein Kompliment. Murphy ist nicht sehr beliebt.“

„O je“, sagte ich. „Ich werde immer rot, wenn mir jemand schmeichelt.“

Die Polizistin rümpfte die Nase. „Was stinkt hier eigentlich so?“

Ich ließ mir nichts anmerken. „Verbrannte Affenkacke.“

Sie beäugte mich einen Moment, weil sie nicht wusste, ob ich sie auf den Arm nahm, dann verdrehte sie die Augen und entfernte sich langsam. Thomas schwang die Beine von der Haube herunter und warf mir die Schlüssel herüber.

„Na gut“, sagte ich, als der Vampir eingestiegen war. „Wo kann ich mich mit diesem Kerl treffen?“

„Er gibt heute Abend in seinem Apartment an der Gold Coast eine Soiree für seine Mitarbeiter. Getränke, Diskjockey, Snacks und so weiter.“

„Snacks“, sagte ich. „Dann bin ich dabei.“

„Versprich mir nur, dass du dir nicht lauter Erdnüsse und Kekse in die Hosentaschen steckst.“ Thomas beschrieb mir den Weg zu einem teuren Wohnhaus ein paar Meilen nördlich des Loop, und ich fuhr los. Unterwegs schwiegen wir.

„Hier geht es rechts“, sagte der Vampir schließlich und reichte mir einen weißen Umschlag. „Gib das den Wachleuten.“

Ich hielt in der Einfahrt und drückte dem Wächter im kleinen Häuschen den Umschlag in die Hand.

In diesem Moment ertönte direkt unter meinem Sitz ein etwas weinerliches Knurren. Ich zuckte zusammen.

„Was war das denn?“, fragte Thomas.

„So ein Mist.“ Ich tastete mit meinen magischen Sinnen nach der Quelle des Knurrens. „Ich glaube, das ist einer der …“

Auf einmal überflutete mich ein schmieriges, widerliches Gefühl, und mir wurde so kalt, dass ich kaum noch atmen konnte. Gleichzeitig nahm ich einen Gestank wie im Schlachthaus wahr. Blut und verwesendes Fleisch. Was ich für einen Wachmann gehalten hatte, war ein Vampir vom Schwarzen Hof.

Früher war er ein junger Mann gewesen. Seine Züge kamen mir irgendwie bekannt vor, doch sein Gesicht war eingefallen und zu hager, um sicher zu sein. Besonders groß war er nicht. Der Tod hatte ihn in die ausgemergelte Karikatur eines Menschen verwandelt. Auf seinen Augen lag ein weißer Belag, und von den sich auflösenden spröden Lippen rieselten graue Schuppen herab. Von seinem Kopf standen Haare ab, die an trockenes Gras erinnerten, und dazwischen wuchs eine Art Moos oder Schimmel.

Mit übermenschlicher Geschwindigkeit griff er nach mir, doch meine Magiersinne hatten mich vorgewarnt. Der Vampir erwischte mit den Fingerspitzen gerade noch den Ärmel meines Ledermantels. Ich riss den Arm zurück, doch das Wesen hatte in den Fingerspitzen mehr Kraft als ich im ganzen Oberkörper. Ich zerrte und verdrehte die Schultern, um mich loszureißen. Vor Angst stieß ich einen dünnen, schrillen Schrei aus.

Der Vampir glitt wie eine gefriergetrocknete Schlange durchs Fenster des Wachhäuschens und stürzte sich auf mich. Wenn er im Auto über mich herfiel, konnte man meine Organe danach aus einem Haufen Altmetall herauskratzen.

Ich war nicht stark genug, um ihn daran zu hindern.

3. Kapitel

Offenbar waren Thomas’ Sinne nicht ganz so empfindlich wie meine, denn der Vampir vom Schwarzen Hof hatte schon den Oberkörper ins Auto gezwängt, als mein Beifahrer mit erstickter Stimme rief: „Heilige Scheiße.“

Ich rammte dem Angreifer meinen linken Ellenbogen ins Gesicht. Wehtun konnte ich ihm kaum, aber das verschaffte mir hoffentlich etwas Luft, um mich zu wehren. Sein Kopf flog zur Seite, und ich langte mit der freien Hand blitzschnell in ein Kästchen zwischen den Sitzen, um die Waffe herauszuholen, die mich vielleicht retten konnte. Der Vampir griff mit dürren Fingern und krallenartigen Nägeln nach mir. Wären die Schutzzauber meines Mantels nicht mehr wirksam gewesen, dann hätte er mir einfach die Hand in die Brust gestoßen und mir das Herz herausgerissen, doch das schwere, mit Zaubern verstärkte Leder hielt ihn ein oder zwei Sekunden auf. Genug Zeit, um mit dem Gegenangriff zu beginnen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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