• Herausgeber: be.bra
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

Gero von Sarnau hat mal wieder mehr Probleme als Haare auf dem Handrücken. Sein Gelegenheitsjob als Fahrer eines alten Juweliers entwickelt sich zu einer halsbrecherischen Schatzjagd, bei der ihm nicht nur eine Bande von Neonazis in die Quere kommt, sondern auch der amerikaische Geheimdienst. Ganz zu schweigen von der draufgängerischen Amy, die Gero schnell den Kopf verdreht. Bei alledem muss der Berliner Werwolf auch noch seinen Cousin Ansgar in Schach halten, der unverhofft aus Norwegen angereist ist. Die Nähe des Blutsbruders facht allerdings auch Geros eigene Instinkte an. Schon bald zieht sich eine blutige Spur durch die Stadt ...

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Seitenzahl: 404

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Rainer Stenzenberger

Blutige Jagd

Ein Berlin Werwolf Roman

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CDROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

ebook im be.bra verlag, 2014

© der Originalausgabe:

berlin edition im be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2014

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

[email protected]

Lektorat: Marijke Topp, Berlin

Umschlag: Ansichtssache, Berlin

ISBN 978-3-8393-4114-8 (epub)

ISBN 978-3-8148-0203-9 (print)

www.bebraverlag.de

Inhalt

Vor wenigen Tagen

Tag 1, 18.30 Uhr

Tag 1, 21 Uhr

Tag 2, 6.30 Uhr

Tag 2, 8 Uhr

Tag 2, 12.30 Uhr

Tag 2, 14.45 Uhr

Tag 2, 17.30 Uhr

Tag 2, 19.30 Uhr

Tag 2, 20.30 Uhr

Tag 2, 23 Uhr

Tag 3, 2.30 Uhr

Tag 3, 7.15 Uhr

Tag 3, 11 Uhr

Tag 3, 14 Uhr

Tag 3, 15.30 Uhr

Tag 3, 17.30 Uhr

Tag 3, 22 Uhr

Tag 4, 0.30 Uhr

Tag 4, 8.30 Uhr

Tag 4, 10 Uhr

Tag 4, 14.15 Uhr

Tag 4, 18.30 Uhr

Tag 4, 23.30 Uhr

Tag 5, 0.15 Uhr

Tag 5, 2.30 Uhr

Tag 5, 4 Uhr

Tag 5, 10 Uhr

Tag 5, 13 Uhr

Tag 5, 15 Uhr

Tag 5, 16 Uhr

Tag 5, 16.30 Uhr

Tag 5, 18 Uhr

Tag 5, 19 Uhr

Tag 5, 22.30 Uhr

Tag 6, 0.45 Uhr

Tag 6, 11.30 Uhr

Tag 6, 12.45 Uhr

Tag 6, 20.45 Uhr

Tag 6, 22.45 Uhr

Tag 7, 2.45 Uhr

Tag 7, 10 Uhr

Tag 7, 14.30 Uhr

Tag 7, 18.30 Uhr

Tag 7, 22 Uhr

Tag 7, 23.30 Uhr

Tag 8, 0.45 Uhr

Tag 8, 3.15 Uhr

Tag 8, 11.30 Uhr

Tag 8, 20.30 Uhr

Tag 9, 17.30 Uhr

Tag 9, 19 Uhr

Tag 9, 21 Uhr

Tag 9, 22.30 Uhr

Tag 9, 23.45 Uhr

Vier Monate später, am frühen Abend

Über den Autor

Vor wenigen Tagen

Sie dreht ihren Kopf nach rechts zum Beifahrerfenster, damit er ihr Strahlen nicht bemerkt. Das wird eine geile Nacht! Voller Sex und Abenteuer, und wenn sie Glück hat, vielleicht sogar mit ein bisschen Liebe.

Ann-Cathrin streckt ihre Nase aus dem Fenster und genießt die nächtliche Luft. Danach lässt sie sich zurück in den Sitz fallen und blickt an ihren Beinen herab. Ihre Schenkel zeigen sich frisch rasiert und gebräunt, die Füße stecken in hohen Sommerhacken, der Körper in einem gelben Sommerkleid. Sie hat sich den halben Nachmittag für ihn hübsch gemacht und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Verstohlen blickt sie zu ihm und trifft dabei seinen Blick.

»Alles klar?«, fragt er und schiebt seinen rechten Mundwinkel ein wenig nach oben.

Er sucht in der Brusttasche seines Hemdes nach einer Zigarette, was ihr weniger gefällt. Aber davon lässt sie sich den Abend nicht verderben. Alles kann man eben nicht haben, denkt sie sich. Ihr Faible für böse Jungs hat ihr schon einige ungute Erlebnisse beschert, auf die sie lieber verzichtet hätte. Aber irgendeinen Ausgleich braucht sie für ihr perfektes Leben. Mit den weichen, lieben Jungs aus der Greenpeace-Zentrale kann sie privat wenig anfangen. Wenn die wüssten, in was für einem Benzinfresser sie gerade sitzt, gäbe es erst mal eine Predigt.

Sie lächelt bei dem Gedanken und blickt in ihren Ausschnitt. Was ein Push-Up doch ausmacht! Als sie sich vorhin zum zweiten Date trafen, bemerkte sie sofort, wie er in ihr Dekolleté starrte.

Na und, warum denn nicht?

Immerhin hat er sich bei der ersten Verabredung richtig benommen. Sie war mit Steffi anschließend alles noch einmal durchgegangen: Er hat bezahlt, sie abgeholt und nach Hause gebracht. Und er drängte beim ersten Treffen nicht gleich auf Sex.

Heute kann es passieren. Nein, heute soll es passieren!

Inzwischen haben sie die Außenbezirke der großen Stadt verlassen. Erster Programmpunkt: Ein feines Essen im Schwarzen Eber.

»Ich bin ein Jäger. Esse am liebsten Wild. Ist das okay für dich?«, hatte er sie vorgestern gefragt und seine Stimme klang so, als erwartete er keinen Widerspruch. Diese harte Kerlsnummer zog immer bei ihr. Dass sie sich künftig vegan ernähren will, hat sie ihm verschwiegen. Alle Kolleginnen verzichten inzwischen auf Fleisch und überhaupt auf Tierprodukte. Aber sie will ihm gegenüber nicht zickig oder wie eine verklemmte Ökotante erscheinen.

Sie blickt erneut aus den Augenwinkeln zu ihm. Was für ein attraktiver Kerl! Auf der Brust und an den Wangen ein bisschen zu behaart für ihren Geschmack, aber sein markantes Gesicht, seine athletische Figur und seine schönen, kräftigen Hände gefielen ihr auf Anhieb. Vielleicht wird sogar mehr daraus als nur ein heißes Abenteuer.

Was ihr weniger behagt, ist das zunehmende Keuchen und Husten, das ihn seit einigen Minuten plagt. Leidet er unter Asthma oder Heuschnupfen?

Er biegt mit seinem sportlichen Schlitten von der Landstraße ab und verreißt kurz das Lenkrad, als er wieder einen Hustenanfall bekommt, der so stark ausfällt, dass er sich im Sitz krümmt. Ann-Cathrin glaubt, ein Hinweisschild auf ein Lokal gesehen zu haben, konnte die Aufschrift beim Vorbeifahren aber nicht lesen. Nach zwei Kurven lässt er den Wagen ausrollen und hält nur wenige Meter vom Seeufer entfernt an.

»Sind wir schon da?«, fragt sie. Er räuspert sich, schlägt mit der Faust auf seinen Brustkorb und nickt, scheint nicht sprechen zu können.

Sie steigt aus und läuft vergnügt auf den See zu. Wie verlockend! Zu schade, dass sie keinen Bikini dabei hat. Wenn er glaubt, dass sie noch vor dem Essen hier nackt ins Wasser springt, hat er sich allerdings geschnitten. Erst wird fürstlich gespeist!

Vielleicht danach. Wenn er sich benimmt.

Sie blickt auf die Oberfläche des Wassers, das so ruhig wie die spiegelnde Platte eines Glastisches wirkt. Erstaunlich, dass sie sich um diese Uhrzeit fast darin erkennen kann.

So hell strahlt der Mond heute Nacht.

»Wo…?«, fragt sie in Richtung Auto, kann ihn aber nicht sehen. Leicht irritiert geht sie ein paar Schritte zurück und erkennt ihn schemenhaft im Nachtschatten eines Baumes hinter dem Wagen. Ist er das überhaupt? Er kniet auf dem Boden, zuckt und krümmt sich, als würde ihm jemand ein Messer in den Leib jagen.

»Du?«, fragt sie zaghaft mit aufkommender Besorgnis. Muss er sich übergeben? Inzwischen hat er sich beruhigt. Er richtet sich ächzend auf, wirkt größer und kantiger als zuvor. Schließlich verlässt er leicht gebückt den Schatten. Das Mondlicht beleuchtet sein Gesicht.

Ann-Cathrins Puls beschleunigt in wenigen Sekunden, ihr Herz schlägt bis zum Hals, als sie IHN erkennt. Bevor sie einen klaren Gedanken fassen kann, setzt er zum Sprung an. Sie stolpert vor Schreck nach hinten, wodurch er sie nur an der Schulter streift, dann aber mit seinen Krallen den Unterarm aufschlitzt und an ihr vorbei in das schlammige Ufer stürzt.

Ihr Überlebensinstinkt verdrängt die Fassungslosigkeit und sie wird nur noch von einem Gedanken beherrscht: Weg hier! Sie rennt, schreit, gibt Gas, so gut sie kann. Im Laufen schleudert sie die High Heels von den Füßen und spürt kaum die warme Erde des Ufers. Soll sie ins Wasser springen? Ja! Gute Idee! Sie setzt zum Sprung an.

Bevor sie abhebt, wird sie mit ungeheurer Wucht von den Beinen gerissen. Beide verknäulen sich und rutschen ins Wasser.

»Tu mir nicht weh!«, wimmert sie, als er sie auf den Rücken dreht. Doch sie wird nicht erhört.

Tag 1, 18.30 Uhr

»Mann, Gero, das ist ein Traum hier! Morgen kaufe ich mir einen Bart, lasse mir einen Norwegerpulli wachsen … halt, umgekehrt! Du weißt, was ich meine? Der Dude fühlt sich sauwohl! Wie ein Flummi in der Turnhalle! Schade, dass du nicht hier bist.«

»Erzähl mir was Neues, Dude«, knurre ich ins Telefon. »Ich wäre auch lieber auf den Lofoten geblieben.«

»Ich war mit deinem Vater fischen. Dein Alter ist noch ganz schön fit! Wie der die Netze an Bord zieht, meine Herren! Im Ernst, Gero, das ist … und heute Abend gehen wir zum Sommertanz. Der Dude wird sich an eine schöne Maid in Clogs und mit blonden Zöpfen ranmachen! Norwegen-Prom-Queen, falls du verstehst, was ich meine.«

Ich antworte nicht und wünsche mir, dass er sich beim Tanzen den Knöchel bricht. Okay: Den Fuß verdreht. Warum darf er sich amüsieren, während ich wieder zurück nach Berlin musste?

»Isser eigentlich aufgetaucht?«, fragt der Dude nach.

»Normalerweise spüre ich schon von Weitem, wenn er in der Nähe ist. Aber bisher habe ich nichts bemerkt.«

»Pass auf dich auf, Gero. Was die hier alle über deinen Cousin erzählen, klingt gar nicht gut.«

»Mach dir da ma keene Platte drum«, berlinere ich.

Wir plaudern noch ein wenig, dann gibt er das Telefon an meine Mutter weiter, die ebenfalls nach Ansgar fragt. Wir tauschen ein paar Freundlichkeiten aus, bis mir meine Mutter erzählt, dass sie mit meinem Vater im Herbst nach Berlin kommt. Vermutlich hat sie sich das spontan ausgedacht, um mich über den abgebrochenen Trip hinweg zu trösten. Meine Mutter eben. Paps bekommt man seit Jahren nicht mehr weg von seiner Insel, da mache ich mir keine Illusionen. Ich schicke ihr eine Umarmung durchs Telefon und lege auf.

Im Sommer ist Norwegen einfach fantastisch. Am Polarkreis kann man Ende Juni um Mitternacht noch Zeitung lesen. Die salzhaltige Luft, der raue Wind, die Orcas in der Ferne und natürlich meine Eltern, das alles steht für meine alte Heimat. Ich hatte großes Heimweh danach, bezahlte dem Dude und mir die Flugtickets und musste schon nach einer einzigen Nacht wieder abreisen, weil mein unberechenbarer Cousin Ansgar sich auf den Weg zu mir nach Berlin gemacht hatte.

Einen großen Teil meiner Kindheit habe ich mit ihm verbracht. Dickste Freunde waren wir, wie Brüder, nein, wie Blutsbrüder. Unseren ersten Lachs haben wir gemeinsam geangelt und uns in den dunklen, langen Polarnächten Geschichten von zornigen Göttern erzählt. Wir schworen uns ewige Freundschaft und unseren Feinden den Tod.

Dann wurden wir älter.

Die Pubertät bedeutet für einen Lupus noch sehr viel mehr als für einen Menschen. Sie fungiert als Weggabelung und markiert die Richtung, die ER danach einschlägt.

Ansgar nahm einen anderen Pfad als ich und uns beiden war bewusst, was das bedeutete.

Seit zwei Tagen sitze ich nur in der Bude und mir fällt die Decke auf den Kopf. Bevor ich die Wohnung verlasse, streife ich wie immer mit den gespreizten Fingern meiner rechten Hand durch das Rentierfell an der Wand.

Jetzt besuche ich erst mal denjenigen, an dem ich besonders hänge. Meinen Wagen.

Kaum trete ich vor die Tür, empfängt mich der für diesen Teil Kreuzbergs so typische Mix aus Gerüchen und Geräuschen. Ich sehe und spüre die Vibration der U-Bahn, die hier oberirdisch verläuft. Ein Zug der U1 verschwindet eben hinter der Kurve beim Schlesischen Tor.

Ich muss kurz warten, bis der Strom der Autos, Lieferwagen und Radler auf der Skalitzer Straße abreißt, um die Fahrbahn überqueren zu können.

Der Mustang steht wie immer unter der Hochbahn. Ich nutze eine Lücke im dichten Verkehr und springe auf den erhöhten Mittelstreifen, der als Fundament für die Stahlträger der darüber fahrenden Hochbahn und natürlich auch als Parkplatz dient. Auch beim fünftausendsten Mal freue ich mich noch, meinen Schlitten zu sehen.

Der dunkelgrüne Mustang steht nur ein paar Schritte entfernt. Selbst in den wenigen Tagen hat er ordentlich Staub angesetzt, was einiges über die Luftqualität aussagt. Ich blicke ins Innere und sehe Sammy eingerollt auf der Rückbank schlafen.

Vorsichtig klopfe ich an die Scheibe, doch er hört nichts. Mein persönlicher Park- und Autowächter Sammy, dessen Nachnamen und Eltern niemand kennt, schläft wie ein Murmeltier. Kein Wunder, denn normalerweise pennt dieser aus Nepal stammende Straßenjunge unter den Stahlträgern der Hochbahn. Der Rücksitz meines Wagens muss sich dagegen himmlisch anfühlen.

Ich starte den Motor. Das kräftige »Dumm-dumm« des Anlassers legt auch bei mir den Schalter um, meine Laune geht steil nach oben. Ich fahre vorsichtig über die Kante auf die Straße und reihe mich in den Verkehr ein. Da mir der Magen knurrt, steuere ich einen Hähnchenstand an. Als ich an der Ampel scharf bremsen muss, weil ein Angsthase bei Orange in die Eisen steigt, purzelt Sammy von der Rückbank in den Fußraum.

»Scheiße!«, krächzt er, rappelt sich auf und klettert auf den Vordersitz. Er gähnt so herzzerreißend, dass ich ihm leicht eine Billardkugel in den Mund stopfen könnte.

»Willste mich umbringen, Alter? Und wieso biste schon zurück?«, fragt er, während er sich die Augen reibt und das Beifahrerfenster herunterkurbelt.

»Ich bekomme Besuch«, erwidere ich. »Hast du Hunger, Sammy? Ich wollte mir im Hühnerhaus 36 was holen.«

»Alter, da war ich gestern schon. Lass zu Mäckie!«

»Hmkay.« Ich beschleunige den Wagen, biege vor dem Schlesischen Tor nach links in die Wrangelstraße zu McDonald’s ab und muss scharf bremsen, weil eine Gruppe asiatischer Touristinnen mitten auf der Straße ihren Stadtplan entfaltet. Sie kichern und entschuldigen sich, laufen zurück und bringen fast einen Fahrradkurier zum Sturz. Wir nehmen uns beim Drive-In zwei Big Macs, vier Hamburger und zwei Cokes mit. Während wir am Außenschalter auf unser Fleisch warten, knufft Sammy mich und hält die Hand auf.

»Du weißt schon.«

Ich weiß schon und pflücke einen Zehner aus meinem Geldbeutel, den ich ihm für seine Wachdienste in die offene Hand lege. Wie immer küsst er den Schein, rollt ihn zusammen und schiebt ihn in die Hosentasche.

»Wo ist denn das Gothic-Mädel?«, frage ich ihn nach seiner hübschen Begleitung von neulich. Auch wenn Sammy schätzungsweise erst elf oder zwölf sein dürfte, bewegt er sich gern mit Mädchen durch Kreuzberg, die mindestens vierzehn sind.

»Die wollte nur meinen Körper!«, grinst er und fummelt eine Zigarette hinter seinem rechten Ohr hervor.

»Sammy!«, schnauze ich ihn an.

»Was denn?«, blökt er zurück.

»Nicht vor dem Essen! Wir bekommen doch gleich die Burger.«

Kurz darauf befinden wir uns wieder auf der Skalitzer und mampfen dabei unsere Hamburger, während sich mein Pony durch die türkischen Dreier BMWs, die Taxen, Paketausfahrer, Fahrschulautos und verirrten Lkws hindurchschlängelt.

»Was machen wir eigentlich, alter Mann? Nur rumcruisen? Ist cool für mich«, meint Sammy und schlürft geräuschvoll die letzten Colareste aus seinem Becher, während er sich aus dem Fenster lehnt.

»Weiß ich selbst noch …«, will ich antworten, als ich ein Plakat an der Wand des Audi Händlers kurz vor dem Kottbusser Tor sehe. Ich ziehe halb auf den Bordstein und zeige auf das bunte Poster, das schöne Erinnerungen weckt.

»Deutsch-Amerikanisches Volksfest. Wie wär’s, Sammy? Bist du schon mal Achterbahn gefahren?«

»Deutsch-Amerikanisches Volksfest. Wie wär’s, Sammy? Bist du schon mal Achterbahn gefahren?«

Er schüttelt den Kopf und zieht die Stirn in Falten.

»Hat der große Sammy etwa Angst?«, grinse ich ihn an.

»Maul!«, lacht er. »Fahr los, Cowboy!«

Tag 1, 21 Uhr

Sammy futtert eine Portion Zuckerwatte, die fast so groß ist wie er selbst. Auch wenn er sich sonst rotzig und abgezockt gibt, auf diesem Rummelplatz verwandelt er sich zurück in ein Kind, das Freude an dem Getöse und den bunten Lichtern hat. Wie ich.

Im linken Arm hält er ein unglaublich hässliches, aber dafür umso größeres Stofftier, dessen Gattung ich nicht ermitteln kann und für das ich mindestens zwanzig Euro in Losen investiert habe. Wir sind bereits Achterbahn gefahren, ich habe uns zwei Plastikrosen geschossen, die hinter unseren Ohren klemmen, dann haben wir uns in einer Art schrägem Fass gegen die Wände pressen lassen und jetzt schlendern wir an den restlichen Fahrgeschäften vorbei. Weiter hinten leuchtet die Aufschrift der »Wilden Maus«, einer Kinderachterbahn, die es allerdings in sich hat.

Vor allem der Mix aus Gerüchen ist für meine hochempfindliche Nase ein kleines Fest. Mandeln, Zuckerwatte, Schaschlik, all die feinen Essensdüfte kriechen in meine Nase und die fast ebenso empfindlichen Ohren erfreuen sich an der Kakophonie aus Discoklängen, kreischenden Teens und zusammenstoßenden Autoscootern. Was mir sonst oft zu viel wird, der Overkill an Eindrücken aus Nase und Ohren, mixt sich hier zu einer herrlichen Rummelplatz-Sinfonie.

Langsam senkt sich die Sonne, was für ein Volksfest ja nicht das Schlechteste ist – umso besser erkennt man die Illuminationen an den Fahrgeschäften. Von denen gibt es allerdings nicht mehr allzu viele, denn das Deutsch-Amerikanische Volksfest erlebt seit Jahren einen Niedergang. Seit sie von dem angestammten Gelände an der Clayallee vertrieben wurden und hinter den Hauptbahnhof gezogen sind, geht es abwärts. Jedes Jahr werden weniger Attraktionen aufgebaut, aber immerhin ist der amerikanische Teil mit dem großen Zelt, den Steakbuden, dem elektrischen Bullen und der großen Bühne für Bands geblieben.

Aus der Ferne höre ich bereits vertraute Country- und Western-Klänge. Wir schlendern in die Richtung, aus der die Musik kommt, als mich Sammy am Ärmel zerrt. Er deutet auf eine kleine Menschenmenge, die vor einer Bühne steht, hinter der sich zwei Kassen befinden. Diese führen in eine Arena, wie ich auf dem großen Schild über der Bühne lese: »Frankie’s Box Tempel«, illustriert mit handgemalten Porträts großer Boxveteranen wie Muhammad Ali, Mike Tyson oder der Berliner Rocky.

Ein Ansager bellt in sein gigantisches Mikrofon und stellt die Boxer auf der Bühne vor, einer hässlicher als der andere. Ob die fürs Wochenende Ausgang aus dem Knast bekommen haben, um sich hier ein paar Kröten dazuzuverdienen?

»Zweihundertfünfzig Euro, meine Damen und Herren! Demjenigen, der einen unserer Boxer besiegt. Natürlich nur per K.O. Sie können dabei …«, rhabarbert er weiter wie ein Staubsaugerverkäufer und spricht gezielt einige potenzielle Opfer an, zum Beispiel die üblichen Gruppen junger Türken und Araber, die sich stets untereinander beweisen müssen. Schon zieht sich ein relativ kleiner, aber sehr bulliger Kerl aus einem Pulk von Türken die Sommerjacke aus. Er reckt seinen rechten tätowierten Oberarm nach oben, der Ansager nickt und bittet ihn auf die Bühne sowie die Umstehenden um Applaus. Die Freunde des Muskelprotzes johlen. Sammy knufft mich.

»Na los! Du hast doch nie Kohle! Zwohundertfuffzich, Alter!«

Ich rolle mit den Augen und schüttle den Kopf. Sammy weiß, dass ich Jahre lang bei den Einzelkämpfern im Einsatz war, bis zum Hauptmann hatte ich es gebracht. Und in Kombination mit meiner anschließenden, unglücklich verlaufenen Karriere als Stuntman bin ich für ihn so etwas wie Superman. Nur kann ich leider überhaupt nicht boxen, jedenfalls nicht im sportlich sauberen Sinn. Meine Reflexe sind erstklassig, das verdanke ich den Lupusgenen, und ich habe allein deshalb schon etliche Prügeleien siegreich bestritten, aber richtig nach Regeln boxen? No way.

Andererseits …

Zweihundertfünfzig Euro sind für einen Mann mit chronisch knapper Kasse eine Menge Holz. Trotzdem kann ich mich nicht aufraffen, zu gering erscheinen mir die Chancen. Sammy reagiert auf mein erneutes Kopfschütteln, indem er eine steile, ärgerliche Falte auf die Stirn zaubert.

»Hat der große Gero etwa Angst?«

Ich sitze auf einem harten Schemel im hinteren, von dunkelblauen Planen abgeschirmten Teil des Zeltes, während mir ein stoisch dreinblickender, hagerer Typ mit Geiernase und versifftem Unterhemd die Boxhandschuhe anzieht und zuschnürt. Mein Hemd musste ich ausziehen, die Cowboystiefel ebenfalls. Meine Füße stecken in getragenen Boxschuhen, am Oberkörper trägt man natürlich nichts. Sammy steht neben mir und freut sich ein Loch in den Bauch. Mit seinen Fäusten bearbeitet er die Luft, knockt imaginäre Gegner aus. Während ich den Geruchsmix draußen noch genossen habe, verfluche ich nun meine empfindliche Nase. Hier vermengen sich Angstschweiß, Pisse und abgestandene Luft zu einem ekligen Gestank.

Die Geiernase prüft nochmal den Sitz der Handschuhe.

»Mf Minuten«, würgt er heraus, klopft mir auf die Schulter und geht zum nächsten Leichtsinnigen, der auf einem Schemel links von mir sitzt. Ein hoch gewachsener, italienisch aussehender Schrank mit wuchtigem Kiefer und langen Koteletten. Allerdings schwankt er bedenklich auf seinem Schemel und lächelt vor sich hin. Die lassen einen Angetrunkenen in den Ring? Ob sich seine Signora freut, wenn er mit ein paar Zahnlücken nach Hause kommt? Er grinst mir zu, ich winke mit dem Handschuh.

»Viele Glücke! Mein Name Francesco.«

»Gero. Dir auch. Mach ihn platt!«

Aus dem Zentrum des Zeltes höre ich einen dumpfen Aufschlag und anschließendes Gejohle der Zuschauer. Der Ansager bellt etwas, schon sticht Geiernase ums Eck und winkt mir zu.

Ich stehe auf und mache beim Gehen Trippelschritte, um meine Muskeln aufzuwärmen, gleichzeitig trainiere ich noch etwas Schattenboxen. Geiernase drückt mich ins Hauptzelt.

Im Boxring steht der siegreiche Kämpfer aus Frankie’s Crew und lässt sich von seinem Trainer mit einem grauen Handtuch den Schweiß abtrocknen. Sein Publikumsgegner kommt mir entgegen, genauer gesagt wird er auf einer Bahre an mir vorbeigetragen. Die rot-blaue Pampe auf seinem Hals müsste das Gesicht sein, aber immerhin atmet er und stöhnt Unverständliches.

Das Innere des Zeltes besteht im Wesentlichen aus dem Boxring und einer Tribüne, die sich wie ein U um den Ring formt. Ich laufe an einer der dicht belegten Sitzbänke vorbei und bemerke einige Amerikaner oder zumindest Fans der Vereinigten Staaten, denn sie tragen kleine Stars-and-Stripes-Fähnchen in der Hand. Vielleicht boxt einer ihrer Freunde nach mir. Für einen kurzen Moment treffen meine Augen auf jene einer Frau in dieser Gruppe. Azurblau, umgeben von zahlreichen Sommersprossen und rotblonden Haaren. Sie lächelt mich an und in diesem Augenblick, in dem die Zeit stillzustehen scheint, weiß ich mit Gewissheit, dass ich siegen werde.

Sportsgeist ist offensichtlich ein Fremdwort für Frankie und seine Gang. Mein Gegner wiegt mindestens dreißig Kilo mehr als ich und ist einen Kopf größer. Mit seinem ordentlichen Bauch wirkt er nicht sehr athletisch, eher wie der jüngere Bruder von Jabba the Hutt. Der immense rötliche Backenbart soll ihm wohl etwas Furchterregendes verleihen. Das Riesenbaby grinst debil in meine Richtung, ich nicke zurück.

Okay, der Homunkulus ist riesig und hat bestimmt einen ordentlichen Wumms drauf, aber ich bin mit Sicherheit schneller. Der Ringrichter bittet uns zu sich, erzählt etwas von unerlaubten Tiefschlägen und drei Runden, in denen ich meinen Gegner K.O. schlagen muss, um zu siegen, dann ertönt der Gong.

Tatsächlich gelingt es mir, seinen Schlägen auszuweichen. Ich wende den Ali-Shuffle an und tänzle um den Backenbärtigen herum, ducke mich und setze immer wieder Körpertreffer bei ihm, allerdings ohne jede Wirkung. Es fühlt sich an, als würde ich in einen Reifenstapel schlagen. Es wabbelt, aber dann kommt das Gummi wieder zurück. Die ersten Zuschauer buhen, weil sie sich eine deftige Prügelei wünschen.

Könnt ihr haben! Ich werde leichtsinnig und versuche, ihn am Kinn zu treffen. Ich verschätze mich bei der Distanz und rutsche nur an seiner Wange vorbei. Sein brettharter Konter trifft mich am Ohr und ich spüre Metall hinter dem Handschuh. Hat der Kerl Hufeisen da drin?

Der Schmerz fährt unfassbar grell in meinen Kopf, als wäre ich gegen eine Abrissbirne gelaufen. Die Beine sacken weg und ich klatsche auf die Bretter, mein Gesicht hängt direkt in den Seilen vor Sammy, der am Ring steht.

»Nicht schlappmachen, Alter! Wir brauchen die Kohle! Steh auf!« Wir? Welches wir?

Während mich der Ringrichter anzählt, rapple ich mich auf und fühle mich wie betrunken. Das Riesenbaby grinst mich an.

Ich komme wieder zu mir und passe nun besser auf, weiche jedem Schlag aus und treffe ihn immer wieder an Schlüsselbein und Hals – an den Kopf schaffe ich es nicht, dafür ist er einfach zu routiniert. Soll das Publikum buhen, ist mir scheißegal. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen und ich merke, wie ihm meine Schläge nicht nur zusetzen, sondern wie er auch langsam wütend wird. Sollte er jetzt seine Konzentration verlieren, erwische ich ihn sicher bald am Kinn und kann mit meiner Belohnung nach Hause.

In der dritten Runde geht ihm langsam die Luft aus, wie allen Typen mit zu viel Körpermasse. Ich bewege mich ebenfalls langsamer, wittere aber meine Chance. Als ich den Riesen in die Seile dränge und zu meinem entscheidenden Schlag ansetzen will, zieht mich etwas am Fuß. Ich blicke nach unten: Geiernase hält meinen Knöchel fest. »Was zur Hölle …?«, frage ich ihn. Er grinst dreckig und lässt sofort wieder los.

Der kurze Moment der Ablenkung hat ausgereicht. Das Riesenbaby verpasst mir mit seinen Metallhandschuhen einen mächtigen Schlag von unten gegen die Leber und meine Rippen.

Von einer Sekunde auf die nächste möchte ich sterben. Der Schmerz ist unbeschreiblich, steigert sich aber noch, als ich es knacken höre. Eine Rippe?

Ich kippe nicht mehr auf die Bretter, sinke aber auf die Knie, bekomme keine Luft mehr. Der Ringrichter hält das Riesenbaby von mir ab, zählt mich an und beendet nach »zehn« den Kampf. Das Publikum johlt und buht im Wechsel, aber allzu viel bekomme ich davon nicht mit. Mir ist schwarz vor Augen und ich kann wegen der höllisch schmerzenden Rippe nur noch flach atmen. Zwei Männer haken mich unter und schleppen mich aus dem Ring, am Riesenbaby vorbei. Der kommt nah an mich heran, umarmt mich und schenkt mir einen gefühlten Liter seines Schweißes.

»Schulligung«, nuschelt er mir ins Ohr. Es klingt ehrlich. Ich will ihm antworten, kann aber weder einen klaren Gedanken fassen noch meine Zunge kontrollieren. Außerhalb des Rings setzen mich die zwei Männer auf einen Stuhl und plötzlich erhalte ich eine kalte Ladung ins Gesicht. Sammy spritzt mir Wasser aus einer Sprudelflasche in die Augen, was meine Lebensgeister weckt.

»Aufwachen, du Opfer!«, höre ich Sammy und spüre eine Ohrfeige. »Mhm«, brumme ich und stehe auf. Jetzt schnell nach hinten, umziehen, nach Hause fahren und drei Tage schlafen. Ich stütze mich auf Sammy und laufe an den Zuschauerbänken mit den Amerikanern vorbei. Die jubeln nun laut, weil einer der ihren den Ring betritt. Nur die hübsche Lady mit den Sommersprossen blickt zu mir und hebt den Daumen.

»Good Fight!«

Frankies Truppe war so entgegenkommend, mir eine halbvolle Tube Salbe gegen Prellungen sowie einen uralten Verband in die Hand zu drücken. Sammy hat mir das Zeug auf die lädierte Stelle oberhalb der Leber geschmiert, die inzwischen ziemlich fies aussieht. Ob die Rippe gebrochen ist? Anschließend habe ich den Verband mit Sammys Hilfe um den Oberkörper gewickelt.

Wir schlendern im Schneckentempo über den Rummelplatz. Vermutlich sollte ich mich hinlegen, aber mir gehen die Sommersprossen nicht mehr aus dem Kopf, vor allem das schöne Gesicht darunter. Und wenn ich mich vorsichtig bewege, spüre ich die Rippe kaum.

»Alter, du hast super gekämpft. Der war fast fertig, wieso hast du plötzlich aufgehört?«, fragt mich Sammy, während wir ein paar gebrannte Mandeln futtern.

»Mich hat einer festgehalten. Am Fuß«, spiele ich kurz die Szene nach.

»Ja ja, am Fuß! Was geht?«, lacht Sammy. Toller Freund.

Wir kommen am großen Zelt der Amerikaner vorbei, wo am späteren Abend Line Dance und Ähnliches dargeboten wird. Die Hauptattraktion ist der elektrische Bulle. Natürlich wartet das Publikum vor allem auf junge Frauen, die immer wieder gegen den Knauf des Bullen gepresst werden. Sammy knufft mich erneut.

»Keine Chance. Jetzt bist du dran, Sammy.«

In diesem Moment höre ich Gelärme von einer Gruppe, die hinter mir das Zelt betritt. Die Amis. In ihrer Mitte bewegt sich ein gut aussehender Typ der Marke Surferboy, dessen einziger Makel ein riesiges Veilchen im Gesicht ist. Das war also der Mutige aus ihrer Reihe, der sich in den Ring gewagt hat. Miss Sommersprosse löst sich aus der Gruppe und kommt auf uns zu.

»Mikey fragt, ob ihr euch nicht zu uns setzen wollt?« Sie zeigt auf den Surferboy, der mir zuzwinkert. Solidarität unter Kämpfern. Bevor ich antworten kann, fragt sie nach. »Oder hast du schon etwas vor?«, höre ich ihren niedlichen Akzent.

»Ja!«, antwortet Sammy.

»Nein«, erwidere ich und trete Sammy in die Kniekehle.

Wir sitzen eng gedrängt auf Bierbänken und ich habe den besten Platz im ganzen Zelt, gegenüber von Amy. So heißt Lady Sommersprosse, die mir nicht nur Mikey vorgestellt hat, der ihr Freund zu sein scheint, sondern auch ihren Bruder Buck. Der sieht aus, als wäre er einem Reagenzglas für amerikanische Superhelden entsprungen. Groß, rotblond wie seine Schwester, muskulös, mit Bürstenschnitt und einem Kinn, unter dem sich Kinder verstecken können. Wenn er lacht, vibriert der Boden. Vermutlich war er Captain im Football-Team seines Colleges und leitet jetzt das Kinderkrankenhaus von Boston. So viel positive Ausstrahlung ist schwer auszuhalten. Was er und Amy in Berlin machen, konnte ich noch nicht herausfinden.

Alle starren zum Bullriding, ich blicke auf Amy. Bei allen nordischen Göttern, ich bin schon jetzt vernarrt in dieses verflucht schöne Wesen, das bestimmt schon einige Beziehungen vergiftet hat. Ganz meine Liga.

Wie ihr Bruder lacht sie viel und zeigt dabei ihre etwas zu großen Schneidezähne, eine jener kleinen Besonderheiten bei Frauen, auf die ich stehe. Obwohl sie höchstens Ende zwanzig sein dürfte, bilden sich bereits Lachfalten an den Seiten ihrer blauen Augen heraus, auch das ein Pluspunkt, der Lebensfreude verrät. Ganz reizend: Ihre Sommersprossen, die ihr etwas Mädchenhaft-Fröhliches verleihen und Grübchen, die sich beim Lachen an ihren Wangen bilden. Sie trägt ein Top mit dem Aufdruck einer Uni aus Michigan und ich tue jetzt schon zum dritten Mal so, als würde ich die Aufschrift lesen, dabei blicke ich nur in den Ausschnitt, denn ihre Beine, mein primäres Objekt der Begierde, kann ich unter der Bierbank leider nicht inspizieren. Sammy bemerkt das und grinst mich wissend an, worauf ich noch ein Bier für mich und ein Spezi für ihn bestelle. Kleiner Bastard!

Als die Bedienung das Bier bringt, steht Amy auf, um den elektrischen Bullen zu erklimmen. Nun erhasche ich doch noch den Blick auf ihre Beine und sehe Cowboystiefel.

Cowboystiefel! Ein Cowgirl und der Mustangfahrer. Ride on, Girl! Wenn das keine Fügung des Schicksals ist!

Ich möchte ihr wie alle anderen aufmunternd zuprosten, als mir das Glas aus der Hand fällt. Das Bier ergießt sich über Sammy und mich, das Glas donnert auf den Boden. Sammy springt hinterher, hebt das halbvolle Glas auf und stellt es auf den Tisch.

»Pennst du, Alter, oder was?«

Schlimmer, Sammy. Schlimmer.

Meine Finger verkrampfen sich, als hätte ich Zement in meinen Adern. Während Amy unter lautem Gejohle ihrer Freunde den Bullen reitet, blicke ich unter dem Zeltdach hinaus nach draußen. Der Mond steht bestenfalls halb gefüllt am Himmel, aber ich erahne, was die Verwandlung in Gang gesetzt haben könnte. Meine Verletzung. Vermutlich hat sich die gebrochene Rippe ins Fleisch gebohrt und eine Menge Adrenalin freigesetzt. Adrenalin, der Trigger Nummer eins bei jedem Lupus, auch wenn uns kein Vollmond ins Gesicht strahlt.

Verflucht! Ich muss weg hier, solange ich noch kann!

»Sammy. Mein Magen! Muss kotzen. Bleib hier. Oder fahr nach Hause«, würge ich durch das Gelärme in Richtung Sammy heraus, der mich verständnislos ansieht. Ich nicke nochmal zur Bekräftigung und stolpere dann eilig aus dem Zelt. Meine Beine knicken bereits weg, ich beginne, zu keuchen, weil mein Hals anschwillt und die Kehle zuschnürt.

Weg, weg, weg! Wohin?

Zum Boxring! Dahinter lag viel Gerümpel und Müll, es gab sogar Büsche, wenn ich mich recht erinnere. Beeilung!

Während ER erwacht und von innen gegen die Wände trommelt, haste ich davon. Humpelnd, kriechend, rennend, an überraschten und angewiderten Menschen vorbei, die mich für einen Betrunkenen halten, die Losbude links liegen lassend, während kochend heißes Öl durch meine Adern pulst. Ich beiße mir vor Schmerz in die Zunge, als ich den Boxwagen endlich erreiche.

ER streckt sich bereits in mir, was sich anfühlt, als würde ein Blitz von der Schläfe in den Knöchel fahren. Der Schmerz streckt mich nieder. Spitze Krallen wachsen aus den Enden meiner Fingerglieder und kratzen auf dem Boden.

Auf allen Vieren krieche ich im Dunkeln hinter den Wagen und spüre bereits das Fell auf Bauch und Rücken. Mein Kiefer knackt, schiebt sich nach vorn, um Platz für eine neue Zahnreihe zu schaffen. Niemand zu sehen. Meine Farbsicht lässt bereits nach. In wenigen Sekunden werde ich schwarz-weiß sehen und wenn ER schließlich erscheint, schaltet sich alles auf Rot.

Dort, hinter das Fass. Wie ein verwundetes Insekt krabble ich zwischen ein großes Bierfass und einen Busch. Ich zucke ein letztes Mal, falle dabei mit offenem Maul auf die Erde und fresse Staub.

Dann erhebt ER sich. In mir. Aus mir heraus.

Strecke mich! Recke mich!

Durst. Will Blut!

Von Geiernase. Hat Lupus betrogen!

Wo… bist… du?

Schnüffle. Nase hoch! Wo… da!

Rückseite von Zelt.

Ganz nah. Ist er. In Zelt. Rieche ihn.

Mache Satz nach vorn. Zu Zelt.

Strecke Kopf rein. Vorsicht. Ist laut drin. Jubeln.

Bin hinten. Wo ich war. Vorhin.

Viele Gerüche. Schweiß. Aber… wo… riecht…

Hier! Geiernase! Sehe ihn. Rechts an Plane. Innen. Steht allein. Macht Pause. Raucht.

Lupus muss schnell sein.

Großer Satz. Geier sieht mich. Zigarette fällt. Vor Schreck.

Packe ihn am Knöchel. Das kennst du!

Renne weg. Mit Beute. Er schreit. Aber in Zelt laut.

Bin draußen. Renne weiter weg. Mit Beute an Hand. Geiernase schleift an Boden.

Lupus rast wie Teufel. Weg von Platz.

Geiernase schleift, Kopf auf Boden. Immer wieder. Geiernase schreit.

Dann leise.

Irgendwann.

Lupus jetzt weit weg.

Wo? Was das? Da vorn?

Schiffe. Hafen. Großes Haus. Schornstein.

Kommt warm raus. Großer Ofen. Gut!

Geiernase stöhnt. Liegt. Verwundet. Holt Messer aus Hose. Hand zittert. Lupus sieht Geiernase an. Stich zu!

Geiernase will Lupus in Hand treffen. Weiche aus.

Er versucht nochmal. Gelingt nicht.

Bist müde?

Jetzt wirst du schlafen!

Öffne Maul weit.

Tag 2, 6.30 Uhr

Etwas krabbelt über meine Wange. Ich verscheuche es mit geschlossenen Augen, bekomme die Lider nicht nach oben.

Wieso fuhr der 38-Tonner dreimal über mich? Über die Knöchel, den Brustkorb und meinen Schädel. Jedenfalls fühlt es sich so an, als wäre jeder Knochen gebrochen.

Jetzt habe ich es. Das war kein Unfall mit einem Truck. Irgendein urzeitliches Monster hat mich gefressen, verdaut und wieder ausgespuckt, an einem gottverlassenen Fleck kurz vor der Hölle.

Nicht nur die Knochen, auch meine Muskeln jammern. Die Bezeichnung Muskelkater wird dem Stechen nicht gerecht, das mich plagt. Als wären alle Stränge gerissen und wieder zusammengeknüpft worden.

Komm, heul nicht rum wie ein Mädchen!

Ich rieche Bier und den Geruch von kaltem Ketchup auf labbrigen Pommes. Es gelingt mir, meine Augen zu öffnen und ich erblicke einige Bierflaschen, leere Pommesschalen und Chipstüten, Kronkorken und Plastikbecher, die typischen Hinterlassenschaften einer kleinen Privatparty am Wasser. Meine Augen gewöhnen sich an das Licht und ich kann nun mehr erkennen, auch auf mittlere Entfernung.

Ich liege auf einer zum Wasser abfallenden Böschung gegenüber vom Westhafen. Es ist noch sehr früh am Morgen, denn ich höre nichts außer dem Rascheln der Plastiktüten, die der Wind gegen den Busch neben mir drückt. Da ich mich zwischen zwei Büschen befinde, hat mich wohl niemand gesehen.

Besser so. Denn ich bin halbnackt und barfuß.

Immerhin trage ich noch die Jeans, die an mehreren Stellen lange Risse aufweist und mir in Fetzen von den Schenkeln hängt. Von meinem T-Shirt, den Socken und den Stiefeln keine Spur. Verdammt, das waren meine Lieblingsstiefel. Und das letzte Paar.

Gero, denk nach.

Meine Gedanken formieren sich. Wie immer kann ich den Film als Lupus nicht komplett, sondern nur in Bruchstücken abspulen. Vor der Verwandlung erscheint mir das meiste recht klar: Wie ich im Zelt vergnügt Amy beim Bullriding zugesehen habe, bis ER sich plötzlich meldete. Danach durfte ich keine Zeit verlieren und verließ rasch das Zelt. Was als Lupus geschieht, bleibt mir nur in wenigen Schnappschüssen in roter Farbe im Gedächtnis.

Was passiert ist, ist passiert, diese Haltung habe ich mir im Lauf der Jahre angewöhnt. Meist erwischt es die Richtigen. Sie haben ihr Schicksal verdient. Meistens.

Aber nicht immer. Aufkommende Reue in solchen Fällen verdränge ich, worin ich inzwischen eine gewisse Übung besitze. Nur die Träume kann ich nicht kontrollieren, in denen ich meinen Opfern begegne. Willkommen im Club, Geiernase.

Ich drehe mich auf die Seite und spüre dabei Staub auf meinen Lippen. Hoffentlich lag ich nur auf der Erde, bei all dem Müll hier. Ich richte mich auf und kratze mir den Kopf, blicke an mir hinab. Vom Hals entlang bis hinunter zur Hüfte erstreckt sich eine breite Spur getrockneten Blutes.

Nicht meins.

Nachdenken!

Der Mustang steht vermutlich noch auf dem Parkplatz vom Volksfest. Meine Schlüssel befinden sich sogar noch in der Jeans. Perfekt! Ich rapple mich auf und bemerke, dass meine gestern Abend noch gebrochene Rippe wieder ordentlich ihren Dienst verrichtet wie ihre Brüder und Schwestern. Wundheilung in Hochgeschwindigkeit gehört zu den Segnungen jedes Lupus. Aber ich fühle mich noch immer wacklig, als hätte ich Pudding in den Knien. Barfuß marschiere ich los. Nach einigen Metern trete ich in eine scharfkantige, abgebrochene Schraube. Oh, yeah!

Ich humple Richtung Süden, bis ich zum Parkplatz komme und innerlich juble, als ich mein dunkelgrünes Pony sehe.

Tag 2, 8 Uhr

Unter der Dusche erscheinen mir die Splitter von heute Nacht wie Szenen eines schlecht gedrehten Films mit Tonausfall. Habe ich den Typen wirklich zu einem gigantischen Ofen geschleppt oder bilde ich mir das ein? Besser, ich scanne später wie üblich die Nachrichten. Ich hasse die Unruhe nach jenen Nächten.

Während ich mich abtrockne, denke ich an Sammy. Die Frage, ob er gut nach Hause gekommen ist, bereitet mir weniger Sorgen. Sammys Straßenschläue übertrifft uns alle. Wichtiger ist, dass er nichts gemerkt hat, sonst hätte ich ein großes Problem. Nur sehr wenige Menschen wissen von IHM, und ich möchte, dass es dabei bleibt.

Mein Kühlschrank klagt mich mit großer Leere an. Aber ich habe noch zwei Eier, die knapp über dem Verfallsdatum liegen, und im Tiefkühlfach entdecke ich etwas Toast. Ich zünde mir eine Camel am Gasherd an und hole eine Pfanne aus dem Schrank.

Eine Viertelstunde später tunke ich mit dem Toastbrot den letzten Rest des Spiegeleis vom Teller und spüle mit einem Schluck heißen Kaffee nach. Ich nehme die Kaffeetasse mit an den Rechner und surfe kurz danach die wichtigsten Berliner Zeitungen ab. Noch gibt es keinerlei Meldungen über ein Verbrechen letzte Nacht. Diesen Check werde ich heute noch einige Male wiederholen, aber jetzt stellt sich die Frage, was ich mit dem angebrochenen Tag anfange.

Seit sie mich als Stuntman rausgeschmissen haben, leide ich nicht nur unter akutem Geldmangel, sondern auch unter einer gewissen Leere. Mir fehlt eine Aufgabe, ich brauche einen Job. Nur was? Drei Dinge kann ich besonders gut: Als Einzelkämpfer Gegner ausschalten, als Stuntman von Häusern fallen und verdammt schnelle Autos fahren. Wer könnte mich und meine Fähigkeiten gebrauchen?

Ich zünde mir eine Camel an und blicke aus dem Fenster, recke meine Nase in die Höhe, als wäre ich bereits verwandelt. Auch in dieser Form erkennt sie mehr Gerüche und Düfte als jede andere menschliche Nase. Ich kann sämtliche Zutaten des kleinen Ladens mit Gemüsedöner in zweihundert Meter Luftlinie exakt bestimmen. Die vielen Essensgerüche gehören zur angenehmen Seite des Kreuzberger Geruchsmixes, dem die verwahrloste aus Abfall und anderen menschlichen Hinterlassenschaften entgegensteht, an die ich nicht denken möchte. In der Ferne sehe ich das gigantische Graffiti mit dem Astronauten an einer Hauswand nahe dem Heinrichplatz, eines meiner liebsten Kunstwerke auf Berliner Hauswänden. Das USA-Thema erinnert mich an Amy, das Cowgirl mit den Sommersprossen.

Gestern habe ich den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt erwischt, um zu verschwinden. Ich weiß weder, wie sie mit Nachnamen heißt, noch wo sie sich in Berlin aufhält. Wie könnte ich an sie rankommen? Indem ich heute Abend zum Zelt der Amis gehe und rumfrage? Wäre eine Idee, vielleicht kennt dort jemand einen aus der Gruppe. Zum Rumfragen muss man aber rumlaufen. Zum Rumlaufen braucht man Schuhe. Und mein letztes Paar Stiefel ist gestern Nacht irgendwo abhanden gekommen.

Okay, also hier der Plan, geordnet nach Prioritäten: Stiefel kaufen. Sammy sprechen. Amy finden. Job suchen.

Tag 2, 12.30 Uhr

»Passen wie angegossen«, schnarrt Kip, was mich einerseits bestätigt, andererseits aber nicht viel bedeutet, denn das sagt er zu jedem Stiefel, den ich anprobiere.

»Zwozwanzig sind das letzte Wort?«, frage ich zurück und blicke wohlwollend auf die mit Pythonhaut besetzte Stiefelspitze.

»Da habe ich meinen Rabatt bereits abgezogen. Das sind Mezcalero, Gero, die werden von kleinen Mexikanerinnen mit geschickten Händen gefertigt, da sitzt jede Naht, sonst fliegen die achtkantig raus und ihre Kinder müssen verhungern! Das Beste, was die da drüben fertigen, mein Wort drauf! Mel Gibson und Kevin Costner sind Stammkunden und der gute alte Kip, weil ich meine Beziehungen pflege, Mister! Dann kommen die geilen Teile mit dem Schiff über das große Wasser, der Container dafür kostet mich ein Vermögen und in Hamburg schlagen sie zu meiner allergrößten Freude die ganzen beschissenen Zollgebühren drauf. Danach zieht mir der Großhändler seinen Anteil ab, weil er ’ne Menge hungriger Mäuler zu stopfen hat. An deinen Stiefeln hier verdiene ich jetzt keinen Euro mehr.«

Kips fettige und nach hinten gekämmte Haare zittern vor Entrüstung. Der in die Jahre gekommene Großstadtcowboy trägt seine grimmige Laune so verlässlich wie die stets viel zu engen Röhrenjeans und die bestickten Westernhemden. Seine ohnehin vorhandene schlechte Grundstimmung hellt sich nicht auf. In den besten Stiefelladen Berlins latschen und dann auch noch handeln wollen wie auf dem Basar, das empfindet er als Majestätsbeleidigung. Andererseits habe ich im »Saloon« schon mindestens zehn Paar gekauft, und schließlich einigen wir uns auf »zwohundert glatt, du machst mich arm, Gero«. Er packt mir noch ein Lederfett ein, das ich sowieso nicht benutzen werde, und ist gerade dabei, den Betrag in die Kasse einzutippen, als ich den Finger hebe.

»Es gibt da ein kleines Problem, Kip.«

Die folgende Unterhaltung mit meinem Stiefellieferanten Nummer eins gestaltet sich unangenehm und besteht im Wesentlichen aus Flüchen und Vorwürfen von Kip, der die Stiefel schließlich wieder ins Regal stellen will.

»Am Wochenende bin ich wieder flüssig, Kip. Ich würde dich nicht anbetteln, aber das ist eine Notlage. Soll ich wie ein verschissener Hipster in Chucks rumlaufen?«

Er blickt mich grimmig an, dann lächelt er unvermittelt und schnippt mit den Fingern.

»Lucky Boy. Ich habe noch eine offene Lieferung für eine Kundin in Schöneberg. Du bringst ihr die drei Kartons. Jetzt! Verstanden? Dann habe ich mir den Lieferservice gespart. Und in drei Tagen bekomme ich die zwofuffzig für die Boots. Kein Gequatsche, keine Ausreden, keine beschissenen Schuldscheine, sondern bar auf die Kralle.«

»Du hast zweihundert gesagt, Kip!«

»Zwofuffzig. Ladenpreis. Haben wir einen Deal?«

Er streckt die Hand aus, ich schlage ein.

»Halsabschneider.«

»Immer wieder gern!«, ruft er mir zu, als er in den Lagerraum verschwindet.

Kurz darauf kehrt der hagere Ladenchef mit drei großen Kartons zurück, auf dem obersten klebt die Adresse der Kundin. Eisenacher Straße, Schöneberg.

Die Stiefel drücken, als ich den »Saloon« verlasse. Die Python muss lange gekämpft haben.

Ich packe die Kartons in den Wagen und schließe danach wieder ab. Den Mustang lasse ich vor dem Laden stehen, weil ich am Kotti vermutlich keinen Parkplatz finde. Ich gehe die Oranienstraße entlang in Richtung Heinrichplatz und passiere den »Elefanten«. Meine sensitive Nase empfängt den Geruch von altem Holz und frischem Bier, den ich so schätze. Aber ich zwinge mich, weiterzugehen, weil ich unbedingt Sammy finden will.

Um diese Uhrzeit und bei dem milden, sonnigen Wetter zeigt sich die Touristenmeile in diesem Teil Kreuzbergs sehr belebt. Dänische, spanische und amerikanische Urlauber ziehen in Kleingruppen durch die Straße, probieren Sonnenbrillen für vier Euro, kaufen sich beim Türken Sonnenblumenkerne, fotografieren Graffiti, besichtigen Hinterhöfe und finden alles einfach »awesome!«. Ich laufe an einem der vielen Friseurläden vorbei und sehe, wie sich junge Türken den immer gleichen Haarschnitt verpassen lassen, der aussieht, als wollten sie in den Heiligen Krieg ziehen.

Schließlich nähere ich mich dem Kotti. Seit einiger Zeit versucht die Bezirksverwaltung, die Gegend um den Kreisel aufzuhübschen, aber die zählebigen Obdachlosen und Junkies finden immer neue Wege, sich zu versammeln, sobald die Polizei verschwunden ist.

Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf Sammys Geruch. Manchmal klappt das, aber der Erfolg hängt von den Umgebungsgerüchen ab und die überlagern alles Erwünschte. Autoabgase, Essensgerüche aus allen Ecken, Müll, der über den Boden fliegt. Aber wozu habe ich gute Ohren? Ich höre Sammys helle Stimme. Wo kommt sie her? Sobald ich die Augen öffne, verschwindet sie. Noch einmal konzentriere ich mich. Sie kommt aus dem Orient-Eck, unserer bevorzugten Dönerbude am Platz.

Der Laden könnte Geld drucken und würde dann nicht mehr einnehmen, so brummt er Tag und Nacht. Die Besitzer fahren alle einen dicken Mercedes, den sie sich durch harte Arbeit verdient haben. Geschätzte sechzehn Stunden dürften sie hier jeden Tag ackern, mehrere Brüder und Schwestern sind hier am Werk.

Ich ziehe die leichte Plexiglastür auf und erkenne Sammy, der soeben am Tresen seine Bestellung entgegennimmt, ein »Spezi«, das mit dem gleichnamigen Getränk nichts gemein hat, sondern aus einem pfiffig gemischten Döner-Teller besteht. Der kleine Poser trägt ein Kapuzenshirt mit einer Basecap darüber, Boxerschuhe und eine Cargohose.

Er bemerkt mich und gibt mir ein High Five.

»Alter, was geht? Wo warst du gestern?«, fragt er mich, während er sich eine Pommes vom Teller in den hungrigen Mund schiebt. Der Typ hinter dem Tresen gibt ihm mehr als vierzig Euro heraus. Woher hat Sammy so viel Geld?

Ich bestelle mir bei Murat, einem der Chefs hier, ebenfalls ein »Spezi«. Murat hat sich die Haare heute wieder zu einem Samuraidutt zusammengeknotet, was einen skurrilen Kontrast zu seinen Badelatschen, der Trainingshose und dem grauen Schlabbershirt über seinem gigantischen Wanst darstellt.

Kurz darauf sitzen sich Sammy und ich an einem der Tische im Freien gegenüber. Neben uns schnattern drei junge Mädels mit Kopftüchern.

»Mir war schlecht. Ich hab manchmal einen empfindlichen Magen, dann muss ich weg, sonst kotze ich alles voll«, erkläre ich meine gestrige Flucht. Er nickt.

»Bist du gut nach Hause gekommen? Tut mir leid, aber das ging ’ne ganze Weile und als ich wieder nachgesehen habe, warst du weg«, lüge ich in der Hoffnung, dass er nicht mehr lange geblieben ist.

»Kein Problem! Mir war langweilig mit denen. Bin dann mit der Bahn zurück.«

Das »Spezi« bekämpft meine Geschmacksnerven mit scharfer Sauce. Ich spüle mit Cola nach, denn in diesem Laden gibt’s leider kein Bier. »Wo hast du die Kohle her?«, frage ich Sammy, der so tut, als wüsste er nicht, wovon ich rede.

Was wir beide wissen: Sammy besitzt ausgesprochene Talente als Langfinger.

»Gefunden«, murmelt Sammy und stochert im Essen.

»Gefunden?«, wiederhole ich und setze nach.

»Wenn du nicht willst, dass ich dir die Ohren bis zum Kotti langziehe, sagst du es mir jetzt. Na los!«

Er stochert und futtert und trinkt und blickt an mir vorbei zum Kotti.

»Spuck’s aus«, fordere ich ihn auf.

»Der Typ da. Gestern«, druckst er herum, während er weiter isst. »Wer genau?«

»Der da halt. Der Bruder von dieser Bitch, die du immer angeglotzt hast.«

Er hat Buck beklaut. Na prima. Das ist ein Supereinstieg, um seine Schwester näher kennenzulernen.

»Hat er was gemerkt?«

Sammy schüttelt den Kopf.

»Hast du irgendwas gehört? Also, wo die herkommen, arbeiten, irgendwas? Sind die von der Army?«

Er blickt mich an und zuckt die Schultern.

»Nein. Gar nichts. Ich schwör! Außerdem, ich wollte das nicht. Ehrlich! Der Schein hat aus seinem Geldbeutel rausgeschaut, da am Arsch. Hab ich halt genommen, und? Als die Tussi auf dem Ding saß, bin ich geflitzt.«

Wenn ich es mir recht überlege, verlief der Abend an dieser Stelle ideal. Sammy schöpfte keinen Verdacht wegen meiner Abwesenheit, aber ich habe einen Grund, Buck aufzusuchen, um ihm das Geld zurückzugeben.

Zumindest den größten Teil. Ein bisschen was brauche ich für mein durstiges Pony.

»Gib mir den Rest.«

Tag 2, 14.45 Uhr

Im Akazienkiez in Schöneberg leben diejenigen Alternativen und sich nicht angepasst Fühlenden, die es geschafft haben, aus den Szenevierteln herauszukommen, erwachsen zu werden und einen Job zu finden. Was man leider auch daran spürt, dass es in diesem verdammten Viertel weit und breit keine Parkplätze gibt, weil hier alle mehrere Autos pro Familie besitzen, selbstverständlich spritsparende. Auf dem Gehweg kommen mir die hier typischen Edel-Ökos entgegen, mit gefüllten Einkaufskörben unbedenklicher, fair gehandelter Waren und Kleinkindern an der Hand, die Holzspielzeug hinter sich herziehen, das von glücklichen Behinderten in Dänemark gefertigt wurde.

Ich stelle den Mustang quer über eine Bürgersteigecke und suche die Adresse in der Eisenacher Straße auf. Dort klingle ich bei Schäfer und als sich eine Frauenstimme meldet, kündige ich eine Schuhlieferung an, worauf der Summer ertönt.

Wie nicht anders zu erwarten, wohnt die Kundin im vierten Obergeschoss, was bei einem Berliner Altbau mit seinen hohen Decken rund einhundert Stufen bedeutet. Leicht keuchend erklimme ich den letzten Absatz, wo ich in der offenen Tür bereits erwartet werde.

»Na endlich! Ich warte schon lange auf meine Schätzchen«, begrüßt mich fröhlich eine etwa vierzigjährige schlanke Frau. Sie präsentiert sich mit leicht gebräunter Haut und brünettem Bob-Haarschnitt, trägt ein weites, beigefarbenes Sommerkleid mit tiefem Dekolleté, in dem eine Halskette mit großen, verschieden farbigen Steinen liegt. Links und rechts hängen dazu passende Ohrringe in der Größe von Gullydeckeln. Ihr linkes Bein endet in einer eleganten, mittelhohen Sommersandale, das rechte steckt in einem dicken, langen Gips.

»Kommen Sie rein«, fordert sie mich auf und dreht bereits humpelnd ins Innere ab, ohne mir die Chance auf Widerworte oder Übergabe der Kartons zu geben.

»Ich soll nur die Schuhe …«, rufe ich, während ich ihr durch einen schmalen Flur nachgehe. Sie dreht nach links in das Wohnzimmer ab, aus dem mich ein Geruch empfängt, den ich das letzte Mal im Zirkus gerochen habe.