Blutiger Abgrund - Nikolas Stoltz - E-Book
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Nikolas Stoltz

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Beschreibung

Du hast so oft an Rache gedacht ... bist du zum Mörder geworden?

Kommissar Simon Berger wacht ohne Erinnerungen an die letzte Nacht in einem Frankfurter Hotelzimmer auf. Neben ihm die Leiche von René Kollnitz, dem Mann, der vor vier Jahren Bergers Verlobte erschossen hat.

Während Frankfurt von weiteren brutalen Morden erschüttert wird, muss Berger sich fragen: Wollte ihn jemand aus dem Weg räumen? Oder hat er wirklich selbst tödliche Rache genommen? Seine Partnerin, die Profilerin Caro Löwenstein, setzt alle Hebel in Gang, um ihm zu helfen. Eine gnadenlose Jagd auf Berger beginnt. Und die Suche nach einem Killer, der vor nichts zurückschreckt ...

Alle spannenden Psychothriller mit Löwenstein & Berger:

1. Die Patienten

2. Todeskalt

3. Dein letztes Date

4. Blutiger Abgrund

eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung!

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

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Über den Autor

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Inhaltsbeginn

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Über dieses Buch

Du hast so oft an Rache gedacht ... bist du zum Mörder geworden?

Kommissar Simon Berger wacht orientierungslos in einem Frankfurter Hotelzimmer auf. Neben ihm die Leiche von René Kollnitz, dem Mann, der vor vier Jahren seine Verlobte erschossen hat. Berger kann sich an nichts erinnern, doch alles weist auf ihn als Mörder von Kollnitz hin. Er taucht unter, um die Wahrheit herauszufinden.

Währenddessen wird Frankfurt von brutalen Morden erschüttert. Berger ermittelte in dem Fall – sollte er aus dem Weg geräumt werden? Seine Partnerin, die Profilerin Caro Löwenstein, setzt alle Hebel in Gang, um ihm zu helfen. Eine vielversprechende Spur führt tief in die Vergangenheit, in eine abgeschiedene Villa im Taunus. Eine gnadenlose Jagd auf Berger beginnt. Und die Suche nach einem Killer, der vor nichts zurückschreckt...

Nikolas Stoltz

Blutiger Abgrund

Thriller

Prolog

Maya Winter sank erschöpft in den Ohrensessel der Künstlergarderobe. Ihre Muskeln brannten, und der Schweiß klebte wie eine zweite Haut an ihrem Körper. Der Abend hatte sie ausgelaugt – nicht nur die endlosen Tanzauftritte vor dem tobenden Publikum, sondern auch das Lächeln, das sie für die Gäste aufgesetzt hatte. Für Männer, deren Blicke wie klebrige Finger an ihr hafteten.

Heute hatte sie mehr Trinkgeld als sonst ergattert. Ein schwacher Trost, der ihr ein paar Tage länger die Miete sichern würde.

Es war drei Uhr zwanzig in der Nacht. Das Varieté-Theater war längst leer gefegt. Die letzten Gäste hatten bereits vor einer Stunde das Parkett verlassen, und auch das Personal war gegangen.

Maya blieb zurück, gefangen zwischen roten Samtvorhängen und dem Geruch von kaltem Rauch und verschüttetem Sekt. Sie wartete auf den Nachtbus, der um diese Zeit nur noch in unregelmäßigen Abständen nach Rödelheim fuhr.

Sie griff nach ihrem Handy, doch der Bildschirm blieb schwarz. Der Akku war leer. Sie fluchte leise, während sie sich in den Sessel schmiegte und dem Knacken der alten Rohre lauschte. Doch plötzlich nahm sie ein Geräusch wahr, das nicht hierhergehörte.

Ein dumpfes Rumpeln, als würde jemand einen schweren Körper über den Boden schleifen. Dann ein verzweifelter Schrei, der durch Mark und Bein schnitt. Er wurde abrupt erstickt, gefolgt von einem keuchenden, röchelnden Laut, der in der Stille des Theaters widerhallte. Maya erstarrte. Das war kein Scherz, kein betrunkenes Gegröle – das war Todesangst.

War das Remzi? Sie sprang auf, Adrenalin schoss ihr durch die Adern.

Stimmen drangen durch die Wände, undeutlich, drohend. Dann wieder ein Schrei, noch lauter, noch panischer.

Hau ab von hier!

Mit zitternden Fingern öffnete sie die Tür. Der Korridor lag in gespenstischem Halbdunkel, nur das grüne Licht des Notausgangschilds flackerte. Ihr Atem ging flach. Sie schlich hinaus, jeder Schritt voller Angst.

Die Stimmen kamen von irgendwo hinter der Bühne. Maya presste sich gegen die Wand, spürte das kalte Mauerwerk an ihrem Rücken.

Wenn sie es schaffte, den Theatersaal zu durchqueren, könnte sie das Foyer erreichen und von dort auf die Straße entkommen.

Ein weiterer Schrei zerriss die Stille. Todesangst packte sie. Auf allen vieren kroch sie unter den Tischen hindurch. Die roten Plüschsessel warfen gespenstische Schatten. Ihr Herz hämmerte, und ihre Bluse klebte an ihr wie ein feuchtes Laken.

Hinter dem Bartresen suchte sie Schutz. Noch ein Schrei – und diesmal war sie sicher: Es war ihr Chef. Wurde er überfallen? Ermordet?

Die Tür zum Foyer war zum Greifen nah, zwanzig Meter vielleicht – und doch Lichtjahre entfernt.

Gerade als sie loslaufen wollte, bemerkte sie eine dunkle Gestalt am anderen Ende des Saals. Der Schatten bewegte sich kaum, beobachtete, lauerte. Maya wagte nicht zu atmen. Hatte er sie gesehen?

Sie wartete, die Knie schmerzten, der Tresen schnitt ihr in die Rippen.

Endlich verschwand der Schatten, aber Maya wusste nicht, ob er weiter hinter dem Vorhang verharrte oder bereits auf dem Weg zu ihr war. Der Fluchtweg war versperrt, sie würde es nicht unbemerkt bis zum Ausgang schaffen. Panik stieg in ihr auf, heiß und lähmend.

Ihr Blick fiel auf die Treppe zur Empore, verborgen hinter der Bar. Remzis Büro lag dort oben – vielleicht ein sicherer Zufluchtsort, vielleicht eine Falle.

Maya atmete tief durch, dann kroch sie langsam Stufe für Stufe die Treppe hinauf. Im Schutz der Brüstung robbte sie bis vor die Tür von Remzis Büro. Sie betete, dass sie unverschlossen war – und tatsächlich, sie gab nach.

Maya schlüpfte hinein, zog die Tür hinter sich zu, so leise, wie es ihre zittrigen Hände zuließen. Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, während sie sich an Remzis Schreibtisch schleppte. Das Telefon war ihr letzter Hoffnungsschimmer. Doch als sie den Hörer abnahm, herrschte Stille. Tot. Kein Freizeichen, nur ein leises Knistern.

Plötzlich wurde das Büro von gleißendem Licht geflutet. Maya zuckte zusammen, presste sich gegen die Wand. War jemand im Raum? Nein – das Licht kam von draußen. Durch die riesige Glasscheibe, die einen Blick auf den Theatersaal bot. Ein Scheinwerfer war aufgeflammt und richtete sich auf die Bühne.

Dann erstarrte sie. Die dunkle Gestalt schleifte Remzi Maloku auf die Bühne. Er war nackt, sein Körper übersät mit blutenden Wunden, und eine rote Spur zog sich hinter ihm über den Boden. Die Gestalt fesselte Remzis Handgelenke an zwei Seile und zog sie hoch, bis sein Körper wie eine groteske Marionette über der Bühne hing. Sein Kopf fiel schlaff auf die Brust, die Beine baumelten leblos hinab. Das Bild brannte sich in Mayas Netzhaut, ein grausames Abbild eines Gekreuzigten, nur dass das Kreuz fehlte.

Maya war gefangen in ihrem eigenen Körper, unfähig, sich zu bewegen, zu schreien, zu fliehen. Der Schock lähmte ihre Glieder, ließ sie zu einer stummen Zeugin des Grauens werden.

Dann drehte sich die Gestalt um. Das Licht eines Scheinwerfers fiel auf sein Gesicht. Maya schnappte nach Luft. Sie kannte den Mann.

   

   

   

Fünf Tage später ...

1

Simon Berger fuhr jäh aus einem traumlosen Schlaf hoch.

Ein stechender Schmerz durchbohrte seine Schläfen, als wollte jemand rostige Nägel in seinen Schädel treiben. Sein Körper lag schwer und taub auf einem weichen Untergrund, jeder Muskel schien von Blei durchzogen. Die Luft war schwül, getränkt von einem säuerlichen Gestank, der ihm die Kehle zuschnürte. Schweiß rann ihm in klebrigen Bahnen über die Haut. Aus weiter Ferne drangen Stimmen an sein Ohr, verzerrt und drohend.

Etwas stimmte nicht. Panik kroch in ihm hoch. Wo war er? Was war geschehen?

Mit aller Kraft zwang Berger seine verklebten Augenlider auseinander. Ein milchiges Licht stach ihm entgegen, ließ die Konturen des Raumes verschwimmen. Seine Schläfen pochten, das Verlangen, die Augen wieder zu schließen, war übermächtig. Doch ein instinktives Gefühl warnte ihn, dass er nicht nachgeben durfte. Mühsam hob er den Kopf, als würde er gegen eine unsichtbare Macht ankämpfen.

Langsam schälte sich die Umgebung aus dem Nebel: Sonnenlicht, das durch schäbige Vorhänge fiel, ein staubiger Röhrenfernseher auf einer Kommode, daneben ein massiver Schrank aus dunklem Holz.

Wo zum Teufel bin ich?

Ein fremdes Bett. Vielleicht ein billiges Hotelzimmer.

Der säuerliche Geruch wurde stärker, kroch ihm wie ein lebendiges Wesen in die Nase. Die Stimmen draußen klangen jetzt lauter, aggressiver, als stünde ein Streit kurz vor dem Eskalieren.

Berger zwang sich, den Kopf zur Seite zu drehen – und erstarrte.

Neben ihm lag ein nackter Männerkörper, leblos und schlaff. Die Haut war fahl und von dunklem, geronnenem Blut überzogen. Fettige, rötliche Haare klebten an der Stirn, die Augen starrten glasig an die Decke. Brust und Unterleib waren übersät mit Einstichen, als hätte jemand in rasender Wut immer wieder zugestochen.

Entsetzt wich Berger zurück. Er kannte den Toten.

René Kollnitz!

Der Mann, dessen Schatten ihn seit Jahren verfolgte. Sofort flackerten Erinnerungen auf, düster und schmerzhaft: an jenen Moment, als Kollnitz in einem italienischen Restaurant auf Bergers Verlobte geschossen hatte. Er sah das Loch in ihrer Brust. Hörte das verzweifelte Keuchen, als Sarah in seinen Armen starb.

Vier Jahre war das her – vier Jahre voller Schuld und Rachegedanken.

Verfluchter Mörder!

Kollnitz war nach dem tödlichen Schuss entkommen und seither wie vom Erdboden verschluckt. Bis heute.

Berger setzte sich ruckartig auf, das Laken klebte blutig an seiner Haut. Er war fast nackt, nur mit Unterhose bekleidet, sein Körper verschmiert mit Blut. Sein Herz raste.

Was war hier passiert? Warum konnte er sich an nichts erinnern?

Der gleißenden Sonne zufolge war es Mittag. Seine Erinnerung war am späten Nachmittag – vermutlich des Vortages – abgerissen. Er hatte in Frankfurt ermittelt, so viel wusste er noch.

Bergers Team war derzeit auf eine Mordserie in der Frankfurter Unterwelt angesetzt. Ein brutaler Killer versetzte das Bahnhofsviertel seit einigen Monaten in Angst und Schrecken. Er schlug nachts zu, tötete Dealer und Clanmitglieder mit zahlreichen Messerstichen und stellte ihre toten Körper öffentlich zur Schau. Die Polizei stand vor einem Rätsel.

Berger hatte im Zuge der Ermittlungen einen Informanten in einer Frankfurter Bar getroffen. Doch er konnte sich an das Gespräch nicht mehr erinnern. Als würde eine dunkle Wolke über seinem Gedächtnis liegen.

Sein Blick hetzte durch das Zimmer, suchte nach Anhaltspunkten. Die Laken des Doppelbettes waren durchtränkt von Blut, weitere Spritzer bedeckten Teppich, Möbel, sogar die Fensterscheibe. Das reinste Massaker!

Es war unerträglich heiß, der Schweiß tropfte ihm von der Stirn.

Als er aus dem Bett steigen wollte, versagten ihm die Knie. Er musste sich am Nachttisch festklammern, der bedrohlich wackelte.

Auf dem Teppich lag seine Dienstwaffe, blutverschmiert. Berger bückte sich, hob sie auf und prüfte das Magazin. Drei Patronen fehlten.

Scheiße.

Immerhin wies Kollnitz' Leiche keine Schusswunden auf. Stattdessen unzählige Messerstiche. Ein klassischer Overkill – Ausdruck hemmungslosen Hasses und eines Täters mit einem persönlichen Motiv.

So wie ich es habe!

Berger schleppte sich ans Fußende des Bettes, fand seine blutverschmierte Hose und zog sie mühsam an.

Das ergab alles keinen Sinn. Warum hatte er sich ausgezogen? Wo waren die Erinnerungen an die letzten Stunden?

Ein schmaler Flur führte zur Tür, an der ein Hinweisschild »Verhalten im Brandfall« prangte. Es war also wirklich ein Hotelzimmer, anonym und billig.

Vor der Tür rumpelte ein Rollwagen vorbei, vermutlich eine Reinigungskraft. Wie spät war es? Hatte er die Check-out-Zeit bereits überschritten? Würde gleich jemand hereinkommen und das Gemetzel entdecken?

Im Spiegel sah er das Gesicht eines Fremden: blutverschmiert, das rechte Auge geschwollen, die Oberlippe aufgeplatzt, der Körper übersät mit Blutergüssen. Ein Bild des Grauens.

Ein unbändiger Drang, das Blut abzuwaschen, trieb ihn ins Bad. Er riss die Tür auf – und erstarrte erneut.

Der weiß geflieste Raum war mit Blut überschwemmt, als hätte jemand einen Eimer roter Farbe gegen die Wände geschleudert. In der Badewanne lag eine junge, dunkelhaarige Frau, ebenfalls nackt, mit aufgeschlitzter Kehle. Der Kopf hing leblos über dem Rand der Wanne, die Haare klebten blutgetränkt an den Fliesen. Ihre weit aufgerissenen Augen starrten Berger an, als wollten sie ihn anklagen.

Was zur Hölle ist hier passiert?

Wie in Trance tappte er zum Waschbecken, ließ kaltes Wasser über Hände und Gesicht laufen. Er spürte die Kälte kaum, als wäre seine Haut taub. Abgestumpft. Sein Gesicht schien aus leblosem Gummi zu bestehen. Mit zitternden Händen zog er ein weißes Handtuch von der Stange und durchtränkte es mit Wasser. Dann rubbelte er so lange über Gesicht und Körper, bis er das Blut halbwegs entfernt hatte.

Was für ein Albtraum!

Immer wieder fiel sein Blick auf die Leiche. Hatte er in einer Art Blutrausch Kollnitz und die Frau ermordet? Hatte er deshalb einen Blackout?

Berger schleppte sich zurück ins Zimmer. Sein Kopf dröhnte, ein schrilles Pfeifen durchzog seine Ohren.

Er suchte nach Hinweisen. Hinter dem Bett fand er die Kleidung der Frau: ein schwarzes Kleid, hochhackige Lackpumps, aber keine Handtasche, kein Ausweis.

Sein eigenes Hemd lag, zusammen mit den Schuhen, vor dem Fenster. Fast schon mechanisch zog er die blutverschmierten Sachen an.

Aber wo war die Tatwaffe? Verzweifelt durchwühlte Berger das Zimmer, sah unters Bett, öffnete Schränke und Schubladen. Nichts. Das Messer war verschwunden.

Draußen ratterte wieder der Servicewagen vorbei. Berger hielt den Atem an. Dann klopfte es an der Zimmertür.

2

Carolin Löwenstein drehte den Ventilator auf die höchste Stufe und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Der Sommer hielt das Rhein-Main-Gebiet fest im Griff. Dabei war der Höhepunkt der aktuellen Hitzewelle noch nicht einmal erreicht.

Ab dem frühen Nachmittag wurde es besonders schlimm, wenn die Sonne auf die Südseite des Gebäudes wanderte und ihr Büro in einen Glutofen verwandelte. Die Zentralstelle des hessischen Landeskriminalamtes in Wiesbaden war nicht klimatisiert, was infolge der ständigen Budgetkürzungen auch in den nächsten Jahren nicht zu erwarten war.

Caro lehnte sich zurück und strich sich die langen, naturroten Haare hinter die Ohren. Ihr T-Shirt klebte an der Haut, als hätte sie es gerade erst aus der Waschmaschine gezogen. Sie sehnte sich nach einer eiskalten Dusche.

Mit Mitte dreißig steckte sie die Hitzewelle immerhin noch besser weg als die älteren Kollegen. Es war bereits ihr zweiter Sommer als Profilerin hier im LKA. Caros zierliche Figur, ebenso wie das schlanke Gesicht mit der feinen Nase, lenkten davon ab, dass sie in der Abteilung für Gewaltverbrechen die brutalsten Morde aufklären musste. Morde, die beständig an ihrer Seele kratzten.

Mit einem Seufzer zwang sie sich, den Blick auf den Bildschirm zu richten. Der Obduktionsbericht von Remzi Maloku lud langsam, baute sich Zeile für Zeile auf. Offenbar kämpfte auch der Computer gegen die quälende Hitze.

Maloku, der Geschäftsführer des schlüpfrigen Varieté-Theaters Salon Rouge, war vor fünf Tagen tot in seinem Club aufgefunden worden.

Unwillkürlich erinnerte sich Caro an den Moment, als sie den Tatort betreten hatte. Sie war als Erste vor Ort gewesen, noch bevor die Kollegen der Spurensicherung eingetroffen waren.

Die Luft im Salon Rouge roch abgestanden, durchdrungen von einer Mischung aus Parfüm, Alkohol und kaltem Rauch. Das Theater verströmte den dekadenten Charme eines Pariser Stripclubs. Rote Plüschsessel, goldene Tische und Kronleuchter unter einer Decke aus rotem Satin ließen den Saal wirken wie aus der Zeit gefallen.

Doch all das geriet in Vergessenheit, als Caros Blick von einem einzelnen Scheinwerfer auf die Bühne gelenkt wurde: Im Lichtkegel hing Remzi Maloku, nackt, mit gespreizten Armen an Seilen, die Beine gekreuzt, der Kopf schlaff auf die Brust gesunken, die Augen weit aufgerissen vor Angst und der Unterleib von blutverkrusteten Einstichen entstellt. Die makabre Szene glich einer Kreuzigung – nur ohne Kreuz.

Jetzt, Tage später, im stickigen Büro, spürte sie noch immer das kalte Entsetzen. Die Bilder ließen sie nicht los.

Caro schüttelte sich und überflog den Obduktionsbericht. Dreizehn Messerstiche. Alle nicht sonderlich tief, sodass Maloku nur langsam verblutet war. Als der Täter ihn an den Seilen in die Höhe gezogen hatte, war er noch am Leben gewesen. Möglicherweise sogar noch bei Bewusstsein.

Caros Blick sprang auf die Magnettafel an der gegenüberliegenden Wand. Dort hingen die Fotos fünf weiterer Opfer, die in den vergangenen Monaten im Frankfurter Bahnhofsviertel ermordet worden waren: drei Dealer, zwei Drogenkuriere – alle brutal erstochen, die Leichen in dunklen Gassen oder Hinterhöfen zur Schau gestellt, ebenso wie Maloku an Seilen mit gespreizten Armen aufgehängt.

Auf den Straßen rund um den Frankfurter Hauptbahnhof herrschte seit Beginn der Mordserie pure Angst. Die Drogenszene war nervös, das Misstrauen greifbar. Dealer fürchteten sich mehr vor dem Killer als vor der Polizei oder verfeindeten Gangs.

Das Sonderbare an dem Fall war: Niemand hatte den Täter je zu Gesicht gekommen. Er war wie ein Phantom. Es gab keine Zeugen, keine brauchbaren Spuren. Nichts. Das LKA-Ermittlungsteam um Kommissar Simon Berger tappte im Dunkeln – und die Zeit arbeitete gegen sie.

Da der Täter bisher immer nachts zugeschlagen hatte und die Vermutung bestand, dass Selbstjustiz gegen die Drogenszene hinter den Morden steckte, hatte die Boulevardpresse ihm einen Namen gegeben: »Der schwarze Richter«. Manche nannten ihn auch einfach nur »den Richter«.

Wieder heftete sich Caros Blick an die Fotos der Opfer. Malokus Fall war anders. Er war kein Dealer, kein Drogenkurier. Der Mord hatte nicht auf offener Straße stattgefunden, sondern in seinem Club, nachts, als das Varieté längst geschlossen war. Die Messerstiche und die makabere Darbietung des Opfers hingegen bildeten die Gemeinsamkeit mit den anderen Fällen.

War es derselbe Täter? Oder ein sogenannter Trittbrettfahrer? Was verband Maloku mit den anderen Opfern? Und warum diese seltsame Inszenierung? Gab es vielleicht einen religiösen Hintergrund?

Caro rieb sich die Schläfen, versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Die Hitze machte es schwer, einen roten Faden zu finden.

»Was sagt der Obduktionsbericht?«

Caros Kollege Darling, der mit ihr das Büro teilte, riss sie aus ihren Überlegungen.

Er trat hinter ihren Rücken und spähte auf den Monitor. Eigentlich hieß er Matthias Darlinger, wurde aber aufgrund seines attraktiven Äußeren im Landeskriminalamt ausschließlich Darling genannt. Der Fünfundzwanzigjährige würde mit seinem durchtrainierten Körper, dem männlich kantigen Gesicht und dunklen, gewellten Haaren bei jedem Model-Wettbewerb als Sieger hervorgehen.

Caro las die Zusammenfassung des Berichtes. »Herzversagen durch akuten Blutverlust infolge zahlreicher Messerstiche.«

»Glaubst du, dass es der Richter war?« Darling zeigte auf den Obduktionsbericht. »Ist ja naheliegend.«

»Es könnte sich auch um einen Trittbrettfahrer handeln. Aber warte einen Moment.«

Caros Augen flogen über die Zeilen des Obduktionsberichtes.

Dann stieß sie auf die entscheidende Passage. »Nein. Es war tatsächlich derselbe Täter. Maloku wurde mit der gleichen Art Klinge getötet wie die anderen Opfer. Die Stichkanäle sind identisch.«

»Also Opfer Nummer sechs.« Darling runzelte die Stirn. »Ich verstehe noch immer nicht, warum sich der Täter die Mühe macht, die Leichen aufzuhängen.«

»Er sucht offensichtlich die Aufmerksamkeit. Vermutlich, um Angst zu sähen. Möglicherweise auch irgendwas Religiöses. Allerdings hänge ich noch am Motiv für den Mord an Maloku. Bisher hat der Richter nur Dealer und Drogenkuriere getötet.«

»Vielleicht war Maloku ja auch im Rauschgifthandel tätig«, vermutete Darling.

»Ja, vielleicht. Frag bitte mal bei den Kollegen aus dem Drogendezernat nach, ob sie mehr wissen.«

Darling nickte. »Hast du eigentlich was von Berger gehört? Er wollte doch gestern seinen Frankfurter Informanten anhauen.«

Caro legte ihre Stirn in Falten. »Ich habe ein paarmal versucht, Simon anzurufen. Aber er geht nicht ran. So langsam mache ich mir Sorgen.«

»Vielleicht verfolgt er eine heiße Spur.«

»Schon möglich.«

Caro war schon seit dem frühen Morgen in Sorge, weil Berger nicht wie üblich als Erster im Büro aufgetaucht war, wollte aber auch nicht die hysterische Freundin mimen. Sie war seit fast einem Jahr mit Berger zusammen, was bei ihren Vorgesetzten nicht gerade auf Gegenliebe stieß.

»Lange warte ich nicht mehr«, fuhr Caro mit zitternder Stimme fort, »bis ich nach ihm suche.«

»Es wird schon nichts passiert sein«, versuchte Darling sie zu beruhigen. »Vielleicht hat er einfach nur vergessen, sein Handy anzuschalten.«

»Vielleicht. Ich ...«

Ein forderndes Klopfen unterbrach ihren Satz. Im selben Moment wurde die Bürotür aufgerissen, und die hagere Statur von Jens Schröder, dem Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen, tauchte im Rahmen auf. Offensichtlich war er aufgebracht, denn seine Augen zuckten nervös hinter der randlosen Brille hin und her. Mit seinen dunkelbraunen, zurückgegelten Haaren, dem feinen, grauen Anzug, in Kombination mit einem weißen Hemd, wirkte er wie ein Unternehmensberater. Doch hinter der biederen Fassade verbarg sich ein knallharter Ermittler, den man niemals unterschätzen sollte.

»Wo steckt Berger?«, bellte er los.

Caro schüttelte den Kopf. »Das wissen wir leider auch nicht. Er ist heute Morgen nicht ins Büro gekommen, und meine Anrufe landen direkt auf dem Anrufbeantworter. Ist was passiert?«

»Und ob was passiert ist. Berger hat gestern Abend im Frankfurter Bahnhofsviertel randaliert, sich geprügelt und eine Tänzerin entführt.«

»Bitte was?« Caro riss die Augen auf. »Es muss sich um eine Verwechslung handeln.«

»Keine Verwechslung! Die Frankfurter Kollegen haben mir ein Überwachungsvideo aus dem Salon Rouge geschickt, auf dem eindeutig zu sehen ist, wie Berger einen bulligen Kerl vermöbelt und eine dunkelhaarige Frau entführt.«

Das Büro schien sich zu drehen. Caro konnte nicht glauben, was sie hörte. Berger war kein gewalttätiger Mensch und neigte nicht zu Ausrastern.

»Das ... ist ... unmöglich!«, stammelte sie.

Auch Darling starrte den Vorgesetzten mit weit aufgerissenen Augen an.

»Leider ist es sehr wohl möglich, denn es hat sich genauso abgespielt«, konterte Schröder. »Ich habe das Video mit eigenen Augen angeschaut.«

»Ist denn das Theater schon wieder geöffnet?«, fragte Darling ungläubig.

»Die Untersuchungen am Tatort sind abgeschlossen«, erwiderte Schröder unwirsch. »Der Bruder des Mordopfers bereitet gerade die Wiedereröffnung vor. Und genau den hat Berger verprügelt.«

Caro sprang auf. »Ich fahre sofort los und suche ihn.«

»Wenn du ihn findest, gib ihm zu verstehen, dass er unverzüglich seinen Hintern in mein Büro bewegen soll!«

Schröder drehte sich auf dem Absatz um und knallte die Tür ins Schloss.

Caro zuckte zusammen.

»Ich komme mit!«, sagte Darling bestimmt. »Vier Augen sehen mehr als zwei.«

Caro nickte wie in Trance.

Was zum Teufel ist da passiert?

3

Ein lebhaftes Stimmengewirr erfüllte die Trattoria Romana, Gläser klimperten, und aus den Lautsprechern plärrte Eros Ramazotti. Der betörende Duft von Pasta und Basilikum lag in der Luft, während ein trockener Chianti den Gaumen umschmeichelte. Berger konnte sein Glück kaum fassen. Wenn er Sarah ansah – so strahlend, so anmutig, so voller Herzlichkeit – durchströmte ihn ein Rausch aus Glück, der jede Faser seines Körpers erfasste. Die Farben um ihn herum leuchteten intensiver, die Musik vibrierte bis in sein Innerstes. ›Più bella cosa‹. Seine Verlobte. Seine Sarah.

Doch im nächsten Moment kippte die Szenerie. Die Farben verblassten abrupt zu einem trostlosen Schwarz-Weiß, das Licht erlosch, und selbst die Musik erstarrte.

Die Tür des Restaurants wurde aufgerissen. Ein Mann mit wildem, rotem Haar stürmte herein. Im Anschlag hielt er ein doppelläufiges Gewehr, sein Gesicht grotesk verzerrt vor Hass und Mordlust.

Berger erkannte ihn sofort: René Kollnitz. Erst vor Kurzem hatte er den Intensivstraftäter hinter Gitter gebracht. Wie konnte Kollnitz schon wieder auf freiem Fuß sein? Seine Gedanken rasten, doch die Zeit blieb stehen, als der Gewehrlauf auf Bergers Brust zielte. Kollnitz' Hände zitterten, der Lauf schwankte bedrohlich.

Instinktiv griff Berger nach seiner Dienstwaffe – doch seine Hand tastete ins Leere. Für Sarah hatte er heute auf die Pistole verzichtet. Sie hasste Waffen.

Der Knall war ohrenbetäubend. Ebenso Sarahs erstickter Schrei.

Mitten in der Brust seiner Verlobten klaffte ein tiefes Loch. Blut sprudelte hervor. Zu viel Blut!

Berger hörte seinen eigenen Schrei, sprang auf, stürzte sich auf den Angreifer und riss ihn zu Boden. Das Gewehr krachte auf die Terrakottafliesen. Kollnitz riss sich los, taumelte zur Tür und verschwand in der Frankfurter Nacht.

Benommen schwankte Berger zurück zu Sarah. Ihre Augen zuckten panisch, während sie röchelnd nach Luft rang und Blut spuckte. Verzweifelt presste Berger seine Hände auf die Wunde, flehte sie an, durchzuhalten, zu kämpfen, ihn nicht zu verlassen. Irgendwo rief ein Gast den Notarzt.

Doch alle Worte waren vergebens. Ihre Arme erschlafften, der Kopf fiel auf die Brust, und ihre Augen wurden starr.

Der Schmerz ihres Todes traf Berger wie ein Faustschlag – erbarmungslos und endgültig.

Das hämmernde Klopfen riss Berger aus seinen düsteren Erinnerungen. »Hallo? Zimmerservice!« Die kratzige Frauenstimme mit schwerem osteuropäischem Akzent dröhnte durch die Tür. »Ich öffne jetzt.«

Berger warf einen raschen Blick über die Schulter – auf Kollnitz' blutverschmierte Leiche, die reglos auf dem Bett lag.

»Einen Moment«, rief er, zwang seine Stimme zur Ruhe. »Ich brauche noch ein paar Minuten.«

»Sie hätten schon um zwölf auschecken müssen.«

»Tut mir leid. Ich habe verschlafen«, improvisierte Berger.

»Beeilen Sie sich. Ich bin mit dem Gang fast durch.«

Für dieses Zimmer würde sie erheblich länger brauchen.

Was jetzt?

Den Notruf wählen? Die Einsatzzentrale anrufen? Seinen Vorgesetzten informieren? Doch was würde dann geschehen? Das Bild, das sich in diesem Zimmer wie ein düsteres Puzzle zusammensetzte, machte ihn zum Hauptverdächtigen.

Er würde in einem Verhörraum landen, gefangen in einer Endlosschleife aus Fragen, auf die er keine Antworten hatte. Damit würde er jede Chance verspielen, selbst herauszufinden, was in der vergangenen Nacht wirklich geschehen war. Sein Schicksal läge in den Händen anderer Ermittler, die sich möglicherweise mit der erstbesten Erklärung zufriedengaben.

Er könnte auch Caro anrufen. Sie würde sicher zu ihm halten und ihn bei eigenmächtigen Ermittlungen unterstützen. Allerdings würde er sie dadurch in schwerste Gewissenskonflikte bringen, da sie dem LKA gegenüber Rechenschaft schuldig war. Vielleicht würde sie sogar ihren Job verlieren.

Und wenn sich die Indizien gegen ihn verdichteten? Wenn er Kollnitz wirklich getötet hatte?

Nein. Keine Polizei, kein Anruf bei Caro.

Nicht jetzt. Erst musste er die Lücken in seinem Gedächtnis füllen, musste in Erfahrung bringen, was geschehen war. Auch wenn es bedeutete, in den tiefsten Abgrund seiner selbst zu blicken. Sollte er Kollnitz und die unbekannte Frau tatsächlich mit eigenen Händen getötet haben, würde er die Verantwortung für sein Handeln übernehmen.

Aber war er wirklich in der Lage, zwei Menschen so bestialisch abzuschlachten? In einem regelrechten Blutrausch? Und wenn ja, was hatte ihn dazu getrieben?

Berger riss das Fenster auf. Schwüle Hitze schlug ihm entgegen. Draußen wartete ein trister Innenhof. Eine schmale Metallbrüstung zog sich an der Mauer entlang zur Feuerleiter. Für gebrechliche Gäste war dieses Hotel eine Todesfalle.

Berger zögerte und warf einen letzten Blick auf Kollnitz' Leiche. Sollte er doch den Notruf wählen? Wenn er jetzt aus dem Fenster stieg, würde er vom angesehenen Polizisten zum Gejagten werden. Zur Persona non grata.

Aber es war gleichsam auch seine einzige Möglichkeit, genau das zu vermeiden, indem er sich selbst rehabilitierte. Sofern das überhaupt möglich war.

Berger traf seine Entscheidung. Er kletterte hinaus.

Seine Muskeln brannten, der Kopf dröhnte, Schwindel drohte ihn zu überwältigen. Zitternd kraxelte er über den Steg, tastete sich an der rauen Wand entlang, bis er die Feuerleiter erreichte. Jeder Knochen schien zu schreien, als er die Sprossen hinabstieg. Schweiß brannte ihm in den Augen. Keine Zeit zum Nachdenken – das Zimmermädchen würde jeden Moment die Leiche entdecken und die Polizei alarmieren. Vielleicht gab es sogar Videoaufnahmen, auf denen er zu sehen war. Schon bald würde die Großfahndung nach ihm laufen.

Unten angekommen, ging Berger hinter einem Müllcontainer in Deckung. Der Gestank nach vergorenem Abfall schlug ihm entgegen, Fliegen summten. Ihm wurde übel, Schweiß perlte auf seiner Stirn. Dann übergab er sich gegen die Hauswand.

Nach einigen Minuten zwang er sich weiter. Er schlich zu einer rostigen Tür, die einen Spalt offen stand, spähte hindurch. Ein schmaler Korridor führte ins Hotel, vermutlich in Richtung Lobby. Berger musste es irgendwie schaffen, ungesehen aus dem Hotel hinauszukommen.

Er zog die Tür auf, betrat den kühlen Flur. Der Drang, sich einfach hinzulegen, wurde übermächtig, doch er zwang sich weiter. Mit schweren Beinen stieg er mehrere Stufen hinauf, gelangte in einen gefliesten Raum mit Fahrstuhl und Durchgang zur Rezeption. Hinter dem Tresen saß eine tätowierte Frau mit schwarzen Locken.

Berger konnte unmöglich an ihr vorbeispazieren. In seiner blutverschmierten Kleidung würde er sofort auffallen. Es gab jedoch keinen anderen Ausgang. Er musste sie irgendwie ablenken.

In diesem Moment klingelte das Telefon an der Rezeption. Die Frau nahm ab, wurde bleich, ließ den Hörer fallen.

Die Leichen sind entdeckt worden!

Berger wich zurück, verbarg sich hinter einer Säule. Er hörte, wie die Rezeptionistin den Notruf wählte, ihre Stimme zitterte vor Panik. »Hotel Diamant ... bitte, schicken Sie sofort die Polizei ... hier ist jemand getötet worden ...«

Sie nannte die Adresse, legte auf und stürmte direkt auf Berger zu. Im letzten Moment zog er seinen Kopf zurück, sie rannte an ihm vorbei ins Treppenhaus.

Jetzt oder nie! Berger schlüpfte durch die Lobby und trat hinaus auf die Straße. Gleißende Sonne und unerbittliche Hitze empfingen ihn. Er musste sich zusammenreißen, um nicht erneut zu würgen. Erschöpft lehnte er sich gegen eine Hauswand und holte tief Luft.

Die Straße kam ihm bekannt vor – am Rand des Frankfurter Bahnhofsviertels. Es war nicht weit bis zur Kneipe von Santos, seinem langjährigen Informanten, den er am Vortag aufgesucht hatte. Berger erinnerte sich vage, mit dem Portugiesen gesprochen zu haben. Aber worüber? Der Film schien mitten in der Szene gerissen zu sein. Genau an dieser Stelle musste er den Faden wieder aufnehmen.

Doch seine Kleidung war blutverschmiert. Er würde auf der Straße Aufsehen erregen und Zeugen auf den Plan rufen, die ihn später beschreiben konnten, wenn die Polizei nach ihm fahnden würde.

Es half nichts. Er konnte sich nicht unsichtbar machen.

Seine Sorge war unbegründet. Die Hitze trieb die Menschen in die Häuser, nur vereinzelt lungerten Junkies in den Hauseingängen. Erst nachts würde das Viertel wieder erwachen.

Ohne Zwischenfälle erreichte Berger die Kneipe. Santos reparierte gerade fluchend seine Zapfanlage. Schweißperlen tropften von seinem blank rasierten Schädel in den Bart, sein Muskelshirt klebte am Körper.

Als er Berger sah, riss er die Augen auf und ließ den Schraubenschlüssel sinken. »Que diabos ...?! Wie siehst du denn aus?«

»Frag nicht und mach mir lieber einen Drink klar!« Berger trat an die Theke und ließ sich auf einem der Barhocker nieder. »Ein großes Glas Cola.«

»Hast du mich schlecht verstanden, als ich dir gesagt habe, dass du nicht mehr herkommen sollst?«

»Das ist ein Notfall«, konterte Berger.

Santos beugte sich über den Tresen und kam Berger so nahe, dass seine Alkoholfahne überschlug. »Ich lege keinen Wert darauf, gefoltert und zerstückelt zu werden. Entendido?«

»Worüber haben wir gestern gesprochen, Santos?«

Der Portugiese verzog das Gesicht. »Bist du jetzt vollkommen durchgeknallt, oder was?«

»Verdammt! Ich hab einen totalen Blackout. Ich weiß nichts mehr. Nur noch, dass ich hier war.«

»Du hast wohl gutes Zeug eingeworfen, was?«

Santos schob ihm das Glas über die Theke.

»Scheiße, Santos, nein! Es ist wichtig. Worüber haben wir gesprochen?«

Der Portugiese schüttelte den Kopf. »Filho da puta!« Dann senkte er seine Stimme. »Wir haben über den Richter gesprochen, Mann. Ich hab dich ins Salon Rouge geschickt.«

Berger trank einen kräftigen Schluck Cola. »Willst du mich verarschen? Wir haben das Theater doch schon komplett auseinandergenommen.«

»Habt ihr nicht.«

Bergers Kopf dröhnte. »Warum laberst du so einen Bullshit?«

»Kein Bullshit. Ich sag's dir jetzt ein letztes Mal, Berger! Und dann verpisst du dich!« Santos beugte sich erneut über die Theke. »Eine der Tänzerinnen hat ihn beobachtet.«

»Wen? Den Richter?«

»Exatamente! Als er Maloku kaltgemacht hat.« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann's echt nicht glauben, dass du das nicht mehr weißt. Wir haben erst gestern Abend darüber gesprochen.«

»Geh mir nicht auf den Sack, Santos! Wie heißt das Mädchen? Hast du einen Namen für mich?«

Berger fixierte den Portugiesen mit einem durchdringenden Blick.

»Nein, Mann, ich weiß nur das, was man auf der Straße so redet. Und das war's. Mehr gibt's nicht. Keinen Namen.«

Berger dachte an die tote Frau aus dem Badezimmer, bei der es sich möglicherweise um eine Tänzerin gehandelt hatte. War sie die unbekannte Zeugin gewesen? Wenn ja, dann war die Spur mit viel Blut im Abfluss der Badewanne versickert.

»Und jetzt verpiss dich endlich.« Santos zeigte auf die Tür. »Ich will heute nicht als Messerblock enden.«

Berger grinste gequält. »Schon gut. Ich habe ohnehin ein Date im Salon Rouge.«

»An deiner Stelle würde ich mich da nicht mehr blicken lassen.«

»Was meinst du damit?«

»Was man so hört, ist dein Besuch gestern aus dem Ruder gelaufen. Du hast dich wohl ziemlich danebenbenommen.«

Verdammt!

Bergers Kopf pochte. Was würde noch alles an die Oberfläche kommen?

»Was habe ich ...?«

Santos fuhr ihm ins Wort. »Ist mir scheißegal. Hau jetzt endlich ab, sonst rufe ich die Bullen! Die interessieren sich bestimmt für deine blutige Kleidung.«

»Santos, bitte! Ich muss erfahren, was passiert ist.«

Der Portugiese legte drohend seine Hand auf das Telefon neben der Kasse.

Berger fiel in sich zusammen. Das dünne Band der Zweckbeziehung, das sie über Jahre verbunden hatte, war endgültig zerrissen.

Wie ein geprügelter Hund verließ er die Kneipe.

Die Puzzleteile, die Santos vor seinen Füßen ausgeschüttet hatte, ergaben noch lange kein Bild. Er musste der Fährte weiter folgen.

Entschlossen trat Berger den Weg zum Salon Rouge an.

Kaum war er in die Elbestraße eingebogen, blieb er schlagartig stehen: Ein Streifenwagen parkte am Straßenrand. Der Polizist auf dem Beifahrersitz blickte geradewegs in seine Richtung.

4

Die Fahrt von Wiesbaden nach Frankfurt zog sich über gut dreißig Minuten hin, während die Klimaanlage gegen die Hitze ankämpfte. Die Sonne brannte erbarmungslos, ließ den Asphalt flimmern und tauchte die vorbeiziehende Landschaft in einen milchigen Dunstschleier.

Als Caro gerade von der Autobahn abfuhr, rief Jens Schröder an und gab ihr und Darling die knappe, prägnante und vor allem dringliche Anweisung, unverzüglich zum Hotel Diamant in der Frankfurter Innenstadt zu fahren. In einem Zimmer waren zwei Leichen entdeckt worden, für die möglicherweise »der Richter« verantwortlich war.

Als er aufgelegt hatte, schlug Caro mit der Hand aufs Lenkrad. »Verdammt schlechtes Timing.«

»Ich könnte übernehmen, dann kannst du nach Berger suchen«, bot Darling an.

»Danke. Aber wir fahren erst mal zu diesem Hotel. Dann versuche ich, mich abzusetzen.«

»Mach dir keine Sorgen. Es gibt bestimmt eine gute Erklärung für all das.«

Caro schüttelte den Kopf. »Er war weder zu Hause noch im Büro. Und dann die Prügelei in Frankfurt. Das sieht ihm gar nicht ähnlich.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, warum er eine Tänzerin entführt haben sollte.«

Caro bog in die Mainzer Landstraße ein. »Ich auch nicht. Das ergibt alles keinen Sinn.«

Das Hotel Diamant machte seinem Namen keine Ehre. Der graue Bau aus den Sechzigern hätte besser Pflasterstein oder Betonklotz heißen sollen. Vor dem Eingang, der bis zur Straße mit Flatterband abgesperrt war, parkten mehrere Einsatzfahrzeuge und ein Transporter der Spurensicherung. Auch der grüne Audi von Simone Schweitzer, der Rechtsmedizinerin, stand bereits dort.

Caro hielt auf einem Parkstreifen auf der gegenüberliegenden Straßenseite und stellte den Motor ab. Als die beiden Ermittler ausstiegen, schlug die Hitzekeule gnadenlos zu. Bei achtunddreißig Grad Außentemperatur sehnte man sich einfach nur zurück ins klimatisierte Auto.

Caro und Darling überquerten die glühende Straße und wiesen sich gegenüber einem Streifenpolizisten aus. Er schickte sie in die zweite Etage des Hotels. Zimmer dreiundzwanzig.

Auch das Innere des Hotels hatte mit einem Diamanten wenig gemein. Die Lobby wirkte altbacken, und der Muff eines halben Jahrhunderts schien aus den vergilbten Tapeten zu kriechen. Die abgestandene Luft schlug Caro auf den Kreislauf und ließ den Boden schwanken.

Sie mühten sich die schäbige Treppe hinauf, weil der Fahrstuhl wenig Vertrauen erweckte.

In der zweiten Etage herrschte eine angespannte Betriebsamkeit. Kollegen in weißen Overalls huschten mit Kameras und Schwarzlichtlampen durch den Flur, während jemand gerade ein provisorisches Labor auf einem Klapptisch aufbaute.

Als Caro Zimmer dreiundzwanzig erreichte, kam ihr Simone Schweitzer entgegen, ebenfalls mit einem Overall bekleidet. Die etwa fünfzigjährige Rechtsmedizinerin mit der dickwandigen Brille war für ihre scharfe Zunge bekannt und berüchtigt. Doch gerade deshalb konnte Caro sie so gut leiden.

»Na, sieh mal an, meine Lieblingskollegen. Wo habt ihr denn Berger gelassen?«

»Das wüsste ich auch gerne.«

Caro spürte den schmerzenden Stich, den ihr die Frage versetzte.

»Die Turteltäubchen stecken doch wohl hoffentlich nicht in einer Beziehungskrise.«

»Mach dir mal um uns keine Sorgen«, konterte Caro.

Simones Blick fiel auf Darling. »Wenigstens hast du den schönsten Mann des LKAs mitgebracht.«

Sie zwinkerte dem jungen Kollegen zu.

»Ich bin mir sicher, ihr freut euch schon auf den weißen Plastiksack.«

Sie hielt Caro einen zusammengelegten Overall vor die Nase.

»Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen«, entgegnete Caro.

»Bei der Sauerei da drin ...« Die Rechtsmedizinerin nickte in das Hotelzimmer. »... wirst du dich gleich über den Schutz freuen.«

»So schlimm?«, fragte Darling mit leicht zitternder Stimme.

»Viel schlimmer, Sweetheart!«

Die beiden Ermittler schlüpften in die Overalls und betraten gemeinsam mit Simone das Hotelzimmer. Ein säuerlicher Geruch stieg Caro in die Nase und brachte ihre Magensäfte zum Brodeln.

Aus dem Augenwinkel nahm sie das blutrote Badezimmer wahr, doch ihre Aufmerksamkeit wurde von der männlichen Leiche auf dem Bett gefesselt.

Ist das etwa ...?

Caro trat ein paar Schritte näher.

Es gab keinen Zweifel. Bei der Leiche handelte es sich um René Kollnitz, den Mörder von Bergers damaliger Verlobten. Er hatte ihr die Bilder von Kollnitz Dutzende Male gezeigt. Außerdem hing ein Foto des rothaarigen Mannes neben weiteren gesuchten Schwerverbrechern auf einem Fahndungsplakat im Korridor ihrer Dienststelle.

»What the Fuck!?«, entfuhr es Darling. »Das ist doch ...«

»Ja, er ist es.«

»Shit!«

»Klärt ihr mich vielleicht auch mal auf?«, fragte Simone dazwischen. »Oder wollt ihr weiter den Louis de Funès machen?«

»Das ist René Kollnitz«, erklärte Caro.

»Oh Mist. Der Mörder von ...?«

»Genau der!«

»Scheiße, jetzt sehe ich es auch.«

Caro hatte die Rechtsmedizinerin selten sprachlos gesehen. Aber jetzt fehlten ihr die Worte.

»Hast du die Leiche schon untersucht?«, fragte Caro.

Simone nickte. »Er wurde mit dreißig Messerstichen getötet. Klassischer Overkill.«

Caro versuchte, den sich aufdrängenden Gedanken wegzuschieben, schaffte es aber nicht. Berger fraß sich in ihren Kopf.

»Wie lange ist er schon tot?«, erkundigte sich Darling.

»Schätzungsweise zwölf Stunden. Er wurde gestern Nacht getötet. Aber schaut euch mal seinen Körper an und denkt euch das Blut weg.«

Caro folgte ihrem Blick. Zwischen den frischen Einstichen klafften zahlreiche Narben, auch im Gesicht.

»Er hat ganz schön was mitgemacht.«

»Das kannst du laut sagen.« Simone Schweitzer nickte. »Jemand hat ihn hart rangenommen. Mehr kann ich aber erst nach der Obduktion sagen.«

Caro schüttelte den Kopf. Wieder ertappte sie sich dabei, an Berger zu denken. Nein! Das konnte nicht sein. Berger war kein Mörder. Nicht mal den meistgehassten Menschen auf der Welt würde er umbringen. Oder doch? Hatte er für einen kurzen Moment die Kontrolle verloren? Hatten seine Dämonen ihn heimgesucht? Diese Art von Overkill war klassisch für ein persönliches Motiv. Für einen tief sitzenden Hass. Für ...

Nein! So ist Berger nicht! Basta!

Simone riss sie aus den Gedanken. »Schaut euch auch mal das Bad an. Da liegt noch eine Leiche.«

Caro schluckte. Sie wandte ihren Blick von Kollnitz ab und schwankte auf das Bad zu. Ihr Kopf fühlte sich betäubt an, als sie das blutige Stillleben erfasste: eine dunkelhaarige, nackte Frau mit zahlreichen Blutergüssen und durchgeschnittener Kehle.

»Weiß jemand, wer sie ist?«, fragte Caro mit brüchiger Stimme.

»Keine Ahnung«, erwiderte die Rechtsmedizinerin. »Aber sie ist bestimmt eine Prostituierte.«

»Wie kommst du darauf?«, fragte Darling.

»Gemachte Brüste, verführerisches Parfüm, transparentes Kleid, High Heels. Eindeutig eine Prostituierte.«

Oder eine Tänzerin, dachte Caro. Schröders Worte gingen ihr durch den Kopf. Berger hat eine Tänzerin entführt. Eine dunkelhaarige Frau.

Caro musste dringend raus. Nach Luft schnappen. Sie rannte aus dem Hotelzimmer. Alles drehte sich. Die Wände schwankten. Caro holte tief Luft und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Dann war der Spuk vorbei.

»Alles okay, Caro?«, fragte Simone mit besorgter Stimme.

»Gib mir ein paar Minuten.«

»Ja, ja, die Hitze ist wirklich penetrant.«

Die Hitze war gerade Caros geringstes Problem.

»Caro?« Darlings Stimme kam aus dem Hotelzimmer. »Caro?«

Mit wackligen Knien folgte sie der Stimme. »Was ist?«

»Ich habe was ... äh ... gefunden. Aber das kann nicht ...«

»Was? Was hast du gefunden?« In Caros Kopf kreischte eine Alarmsirene.

Darling hielt einen blutverschmierten LKA-Polizeiausweis in die Höhe.

5

Berger wich dem Blick des Streifenpolizisten aus und schlenderte – so lässig wie möglich – die Straße entlang. Der Beamte nahm keine Notiz von ihm. Er wirkte auch nicht sonderlich aufmerksam. Vielleicht dachte er gerade an seine Freundin und sah einfach durch Berger hindurch. Nicht mal die blutige Hose rüttelte ihn auf.

Berger atmete tief durch. Offenbar gab es noch keine Fahndung nach ihm, was ihm einen kleinen Vorsprung verschaffen würde. Aber nicht mehr allzu lange. Sie würden Fingerabdrücke und DNA-Spuren finden, die wie Leuchtpfeile auf ihn zeigen würden. Spätestens dann musste er herausgefunden haben, was in diesem verfluchten Hotelzimmer passiert war.

Berger postierte sich hinter einen Lieferwagen und beobachtete den Eingang des Salon Rouge. Ein Plakat kündigte die nächste Vorstellung für den Abend an. Offensichtlich war der Betrieb trotz Malokus Tod wieder aufgenommen worden, nachdem die Polizei den Tatort freigegeben hatte.

Um diese Zeit war das Theater allerdings noch geschlossen. Es öffnete seine Tore erst am späten Abend.

Berger beschloss, trotzdem reinzugehen. Er konnte es sich nicht leisten zu warten.

Berger spähte zu dem Polizeiwagen hinüber, der etwa fünfzig Meter entfernt parkte. Die Kollegen nahmen keine Notiz von ihm.

Er überquerte die Straße.

Aus dem Haupteingang des Theaters kam gerade ein Getränkelieferant mit einer Sackkarre heraus. Berger nutzte die Gelegenheit und huschte durch die Tür. Niemand hielt ihn auf.

Das Foyer war leer. Von irgendwo aus den Tiefen des Gebäudes drangen Stimmen. Er war nicht allein im Haus.

Berger wusste, dass die breite Flügeltür vor ihm ins Parkett des Theaters führte. Vor knapp einer Woche war er zusammen mit Caro hier gewesen, um Remzi Malokus Tod zu untersuchen.

Er dachte an Santos Worte. Wenn seine Behauptungen zutrafen, dann hatte eine Tänzerin des Clubs den Mord beobachtet. Es wäre die erste heiße Spur zum Richter. Doch sein Bauchgrummeln unterstrich die Befürchtung, dass die Zeugin tot in der Badewanne des Hotels Diamant lag.

Berger öffnete die Flügeltür zum Theatersaal. Die Stimmen wurden lauter.

Vor ihm lag der schwach beleuchtete Zuschauerraum mit den roten Plüschsesseln und goldenen Tischen, dahinter die Theaterbühne, auf der Maloku tot aufgefunden worden war.

Auf der linken Seite des Saales, an einer rötlich beleuchteten Bar, standen drei Personen zusammen: ein junger, muskulöser Mann mit kahl rasiertem Schädel und zwei Frauen, die mit dem Rücken zu ihm an der Theke saßen.

Berger ging auf die Bar zu. Noch hatte niemand ihn bemerkt.

Als er näherkam, erkannte er, dass es sich bei dem Mann um Sami Maloku handelte, den Bruder des getöteten Geschäftsführers. Auf seiner Nase klebte ein weißes Pflaster, das rechte Auge war geschwollen. Er redete wild gestikulierend auf die beiden Frauen ein: die eine schlank, mit langen, blonden Haaren und einem auffälligen Jesus-Tattoo auf dem Dekolleté, die andere mit lilafarbenem Pagenschnitt und üppigen Rundungen.

Als Berger die Bar fast erreicht hatte, wurde Sami Maloku plötzlich auf ihn aufmerksam. Sein Gesicht verfinsterte sich und mutierte zu einer wutentbrannten Fratze.

»Fuck!« Er sprang mit einem Satz hinter der Theke hervor, in der Hand ein Kampfmesser.

Die beiden Frauen blieben erschrocken sitzen.

Berger hob beschwichtigend die Hände. »Bleib ruhig, Mann! Ich will nur reden.«

Doch der tätowierte Kerl war außer Rand und Band. Er stürmte auf Berger zu und warf sich mit seinem gesamten Körpergewicht gegen ihn. Berger konnte gerade noch verhindern, dass Sami Maloku ihm das Messer in den Bauch rammte. Die Klinge traf ins Leere, aber Berger krachte gegen eine Säule. Seine Rippen knirschten, und sein Brustkorb explodierte vor Schmerzen. Im gleichen Moment rammte ihm der Kerl den Ellenbogen ins Gesicht. Durch die Wucht des Hiebs wurde Berger zu Boden geworfen und schlug mit dem Hinterkopf auf dem roten Teppich auf. Benommen blieb er liegen.

Das Muskelpaket setzte sich auf seine Brust und hielt ihm das Messer an die Kehle.

»Du hast Nerven, hier aufzutauchen!«, sagte er mit eisiger Stimme. »Noch mal lasse ich mich nicht von dir verarschen, Bulle.«

Er legte mehr Druck auf die Klinge, sodass sie sich schmerzhaft in Bergers Haut einschnitt.

»Warte!«, keuchte Berger. »Ich kann mich nicht erinnern, was gestern hier passiert ist.«

»Dann helfe ich deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge, Arschloch. Du hast mir die Nase gebrochen und mein Mädchen entführt. Und jetzt nenn mir einen einzigen Grund, warum ich dir nicht die Kehle durchschneiden sollte.«

Berger spürte, wie ihm Blut den Hals herunterlief. Lange würde es nicht mehr dauern, bis die Klinge seine Halsschlagader durchtrennte. Er musste seine Strategie ändern.

»Du willst dein Mädchen doch bestimmt zurückhaben.«

Berger presste die schmerzdurchtränkten Worte heraus, obwohl er wusste, dass das nie passieren würde. Aller Wahrscheinlichkeit nach lag eben dieses Mädchen tot im Badezimmer des Diamant-Hotels.

Ungezähmte Wut verzerrte das Gesicht des Zuhälters. »Was hast du mit ihr gemacht, Bulle?«

»Nimm erst mal das verdammte Messer weg«, schnaufte Berger. »Dann sage ich dir, wo sie ist.«

»Nee! So läuft das nicht«, schrie Maloku mit sich überschlagender Stimme und schnitt tiefer in Bergers Haut. »Du sagst mir jetzt sofort, wo mein Mädchen ist!«

Der Kerl war inzwischen derart zornentbrannt, dass er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Berger hatte nicht den Hauch einer Chance gegen die Klinge. Jeden Moment konnte es vorbei sein.

Plötzlich hallte eine scharfe Stimme durch den Saal. »Polizei! Messer runter! Sofort!«

Aus dem Augenwinkel erkannte Berger einen der beiden Polizisten, die die Straße überwacht hatten. Er hielt seine Dienstwaffe im Anschlag.

Sami Maloku schien einen Moment lang zu überlegen, ob er Berger nicht doch die Klinge durch die Kehle ziehen sollte, besann sich aber eines Besseren. Der schmerzvolle Druck an Bergers Hals nahm ab, dann ließ sein Kontrahent das Messer fallen.

»Hände hinter den Kopf und herkommen!«, befahl der Polizist.

Der kahl rasierte Kerl fügte sich und wurde auf einen der roten Sessel verfrachtet.

Der Beamte wandte sich an Berger. »Aufstehen! Na los!«

»Simon Berger. Landeskriminalamt«, brachte Berger mühsam hervor, während er sich langsam erhob.

»Das sehen wir gleich. Hände hinter den Kopf!«

Jetzt tauchte auch der andere Polizist aus dem Auto auf und unterstützte seinen Partner. Er nahm Berger die Waffe ab, die noch in seinem Hosenbund steckte, und bugsierte ihn an die Bar, neben die beiden Frauen.

»Rufen Sie meinen Vorgesetzten an«, sagte Berger. »Jens Schröder. Landeskriminalamt. Ich kann mich gerade nicht ausweisen.«

Er hoffte, dass die Spurensicherung im Diamant-Hotel noch keinen Durchbruch erzielt hatte.

»Das machen wir. Jetzt beruhigen sich erst mal alle.«

Die beiden Frauen tuschelten, während ihr Boss von den Beamten in Schach gehalten wurde.

»Ich rufe im LKA an«, erklärte der erste Polizist. »Danach nehmen wir die Aussagen auf.«

Er zog sich in den hinteren Bereich des Saales zurück. Berger hörte seine Stimme, konnte aber nicht verstehen, was er sprach.

In diesem Moment beugte sich die blonde Tänzerin mit dem Jesus-Tattoo zu ihm herüber und flüsterte in sein Ohr: »Du hast den rothaarigen Mann getötet!«

Dann zog sie sich wieder zurück.

Berger erstarrte.

Was hatte sie mit der Sache zu tun? Was wusste sie von Kollnitz?

Noch während sich sein Gedankenkarussell drehte, kam der hochgewachsene Polizist zurück. »Herr Berger, ich muss Sie leider mitnehmen.«

6