Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein Urlaub in Dänemark mit tragischem Ausgang. Ein junges Paar gerät in einen Terroranschlag der Al-Kaida in einem dänischen Ferienort: Olaf und Sarah sind ein normales Paar mit normalen Alltagsproblemen. Sie entschließen sich, Urlaub in Dänemark zu machen, um einmal gründlich abzuschalten. Sie fahren in einen neuen Ferienort: Gråeng. Beide genießen Sonne, Strand und Meer, die Geschäfte, die herrliche Natur. Dann, innerhalb einer Sekunde, ist ihr Leben nie mehr dasselbe: Fünf Bomben der Al-Kaida setzen ihrem Urlaub und ihrem Glück ein Ende...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Blutiger Sand
Sonja Reineke
Rechtliche Hinweise:
Keine der hier benutzten Namen oder Personen haben einen realen Bezug. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sowie ähnlich klingende oder existierende Namen sind rein zufällig.
S. ReinekeErstausgabe 2007
Copyright © 2007/2012 S. Reineke/M. Buchheim. Alle Rechte vorbehalten.
ISBN der Printversion: 9781291213225
Impressum:
Buchheim Promotion
Charentoner Straße 4
33142 Büren
Staub ist das Erste, was er wahrnimmt. Er ist überall, in seinen Haaren, den Überresten seiner Kleidung, seiner Nase, in seinen Lungen.Licht fällt durch das Loch im Dach, Zugluft dringt durch die zersprungenen Fensterscheiben.
Ein summendes, hohles Flirren ist alles was er hört.
Er liegt zusammengekauert in einer Ecke. Er hustet und würgt, nur um noch mehr Staub einzuatmen, dreht sich mühsam herum und kriecht auf Händen und Knien zu einer Wand aus Stühlen und Trümmern, die über ihm und um ihn herum aufragt. Er schiebt ein paar Stühle zur Seite, und einige kleinere Holzteile fallen ihm auf den Kopf. Er kriecht durch die entstandene Lücke in eine Hölle aus brennenden Stühlen, Tischen, Vorhängen und Menschen.
Die Bilder wird nie mehr vergessen.
Eine Frau umklammert ihr Bein und hüpft auf dem anderen nach draußen. Ein weißer Stock ragt aus ihrem Schienbein. Es ist der Knochen. Sie rutscht in einer Blutlache aus und stürzt. Schluchzend bleibt sie liegen.
Um ihn herum winden sich verletzte Menschen am Boden, starren tote Augen ins Leere. Knochensplitter und Glasscherben zerschneiden seine Handflächen.
Er kriecht weiter in Richtung Ausgang, aber das Licht dort wird dunkler und dunkler, die teilweise eingestürzte Türöffnung verschwindet und es bleibt nur noch ein langer, finsterer Tunnel… und er kriecht weiter… raus hier, nur raus. Eine zitternde Hand berührt ihn, und er dreht den Kopf und sieht in ein grausam entstelltes Gesicht. Er fährt aus dem Albtraum hoch und schreit. Jede Nacht ist er wieder dort, und jede Nacht dauert der Traum länger, werden die Erinnerungen klarer und die Details grausamer. Er setzt sich vor den Fernseher, wie in jeder Nacht, in der an Schlaf nicht mehr zu denken ist, und sieht sich die Home Shopping Sender oder alte Filme an. Er ist dünn geworden. Er spürt, dass er mit jemandem reden muss, und ruft Neal an. Er ist froh dass er Neal hat. Denn die Welt dreht sich einfach weiter, nur nicht mehr für ihn.
„Urlaub sollte eigentlich nicht damit anfangen, dass man um drei Uhr nachts aufsteht“, knurrte Olaf und zog ein verwaschenes T-Shirt an. Es war noch stockdunkel.
„Du bist und bleibst ein Morgenmuffel“, grinste Sarah. Sie war schon viel weiter als Olaf, hatte geduscht, sich angezogen und holte die kleinen Flaschen mit Cola und Saft aus dem Kühlschrank. „Normalerweise bist du auch so!“ Olaf schmollte. Sarah war tatsächlich schon gut drauf heute Morgen. Oder eher heute Nacht. Er gähnte so herzhaft, dass sein Unterkiefer knackte.
„Ich glaube, ich sollte besser fahren. Du bist ja noch im Traumland. Oder du hättest vielleicht kalt duschen sollen.“ Sarah hievte die drei größten Koffer vor die Haustür.
„Wenn ich kalt dusche, schrumpfen mir wichtige Körperteile ein, willst du das vielleicht, hm? Mit solchen Vorschlägen schneidest du dir nur ins eigene Fleisch, Weib“, stichelte Olaf. Seine Laune besserte sich etwas, obwohl ihm noch vor den sechs langen Stunden im Auto graute. Seine Vorstellung von Urlaub war es nicht, in glühender Hitze im Stau zu stecken. Deshalb hatte Sarah vorgeschlagen, spätestens um vier Uhr in der Früh loszufahren. Grade in Richtung Dänemark stand man sonst wirklich vor der Grenze im Stau. Grauenhaft. Er öffnete eine der kleinen Colaflaschen und nahm einen großen Schluck.
„He, Mr. Schrumpfnudel, die sind für unterwegs!“ Sarah versuchte ihm die Flasche zu entreißen, aber Olaf zog sie weg.
„Wie hast du mich genannt?“ Er hielt sie hoch über seinen Kopf, außerhalb ihrer Reichweite.
Sie lachte und piekte ihm mit dem Zeigefinger in die Rippen. Stöhnend ergab Olaf sich und reichte ihr die Flasche, die sie zusammen mit den anderen Getränken und ein paar Broten in der Kühltasche verstaute.
„Hab Erbarmen, wenn ich schon keinen Kaffee kriege, dann lass mich doch wenigstens so zu meinem Koffein kommen. Oder soll ich am Steuer einschlafen?“
„Jetzt hör doch mit dem Kaffee auf. Oder soll’s uns gehen wie Stefan und Birgit? Die haben letztes Jahr vor ihrer Abreise Kaffee gekocht, den Rest in der Maschine vergessen, und als sie nach zwei Wochen wiederkamen, wuchs ein Baum aus der Kanne. Birgit hat die ganze Maschine gleich weggeworfen. In der Küche hat es übelst gestunken. Vergiss dein Koffein, oder wenn du unbedingt einen Kaffee brauchst, halten wir in Garbsen. Das wäre aber ein Tiefpunkt nach nur einer Stunde die erste Pause einzulegen.“ Olaf gab auf.
„Ich bring schon mal die Koffer zum Auto“, seufzte er. Wie das alles in den Kofferraum passen sollte, war ihm sowieso ein Rätsel. Drei riesige Koffer, einer allein für Bettwäsche, Bettdecken und Kopfkissen. Mehrere Plastiktüten gefüllt mit Schuhen und anderem Zeug. Eine Schultertasche voll mit Sachen, die unbedingt nach vorne ins Auto sollten: Kohletabletten, Aspirin, irgendein Magenmittel. Die Kamera. Batterien für die Kamera. Ein Aufladegerät für die Batterien. CDs. Eine Wäscheleine, falls es am Haus keine gab. Warum die nach vorne sollte, war ihm ein weiteres Rätsel, aber er hielt sich da lieber raus. Er nahm die beiden größten Koffer und stapfte vorsichtig die Treppe hinunter. Die Nachbarn wollte er nicht wecken. Schließlich war Frau Kraier so nett, sich um die Blumen zu kümmern, so lange sie weg waren. Er ging insgesamt viermal, bis er die Tür endlich zuschließen konnte. Sarah hing noch kopfüber im Wagen und räumte Tüten und Taschen um, bevor sie sich endlich zufrieden gab, einstieg und sich anschnallte. Es ging los. Kaum zu glauben, es ging los! Der Wagen war so voll, dass man meinen könnte, die Familie Stabmeier - Gellert wanderte aus. Das alles für drei Wochen Urlaub. Olaf hatte nur einen halben Koffer gebraucht und Sarah ermahnt, sich ihn zum Vorbild zu nehmen.
„Wir haben ein Luxushaus mit einer Waschmaschine und einem Trockner. Wieso nimmst du deinen ganzen Kleiderschrank mit?“ hatte er zu fragen gewagt.
„Einigen von uns ist ihr Aussehen eben wichtig“, hatte sie gegrinst und ungerührt weiter gepackt. Er hatte sie sanft in den Hintern getreten, sodass sie aufs Bett fiel, sich auf sie geworfen und durchgekitzelt, bis sie drohte, ins Bett zu machen. Seit drei Jahren waren sie ein Paar. Olaf liebte ihren Humor und ihre Schlagfertigkeit. Aber es hatte auch schon etwas gekriselt. Nach einem Streit, an den Olaf nur sehr ungern zurückdachte, hatte fast einen ganzen Monat Funkstille geherrscht. Sarah nahm normalerweise nichts so schnell krumm, und Olaf hatte ihr Rückzug ziemlich erschreckt. Dann hatte Olaf spontan Urlaub für die ersten drei Juliwochen eingetragen, sich mit seinem Chef herumgestritten und Sarah aufgefordert, das Gleiche zu tun. Sie brauchten mal etwas Abstand, hatte er gesagt. Sie sah es ein und kämpfte so lange, bis auch sie ihre drei Wochen hatte. Beide waren kinderlos und ihre Chefs sahen es nicht gern, dass sie in der Hauptsaison Urlaub machten.
„Wohin fahren wir?“, hatte Sarah gefragt und Olaf etwas ratlos angesehen.
„Du bist früher immer mit deinen Eltern in den Urlaub gefahren, wir immer nur auf den Campingplatz, zu unserem Wohnwagen.“ Es grauste ihn bei der Erinnerung. „Such du was aus.“
„Wir sind früher oft nach Dänemark gefahren... nachFanø. Das war sehr schön.“
„Na, dann fahren wir eben nach Dänemark“, schlug er vor. „NachFanø? Oder möchtest du woanders hin?“
„Woanders... warum nicht, ich guck mal im Internet nach.“ Zwei Stunden später hatten sie nicht nur nachgesehen, sondern sich sogar schon ein Ferienhaus gemietet. InGråeng. Ein neuer Ferienort in der Nähe von Blavand, und auch sehr ähnlich aufgebaut. Sogar einen Burgerladen einer großen Fast Food Kette gab es da, obwohl die Dänen dort an jeder Ecke wunderbare Burger anboten, wie Sarah gelesen hatte. Manche nanntenGråengsogar „Blavand zwei“. Olaf hatte noch nie davon gehört. Aber da es ein größerer Urlaubsort nicht allzu weit von der Grenze war, hatte er sofort zugestimmt. Wenigstens würde er dann nicht noch stundenlang auf einer dänischen Autobahn herumkurven müssen.
Die Fahrt verlief angenehmer als gedacht. Sarah versorgte ihn mit Broten und Cola, stellte ihm seinen Lieblingssender ein und legte schließlich sein geliebtes Black Album von Metallica ein. Sie hatte nichts gegen Metal, aber im Auto hörte sie eigentlich lieber Radio. Olaf beschloss, sich doch nicht ablösen zu lassen. Er war jetzt wach und gut gelaunt. Sie hielten auch nicht in Garbsen auf einen Kaffee. Die Autobahn war ungewohnt leer, nur um Hamburg herum war mehr los. Immerhin hatten sie keine Probleme vorm Elbtunnel. Stau vorm Elbtunnel, das hörte er oft in der Verkehrsdurchsage. An seinem ersten Urlaubstag wollte er es aber nicht hören. Und erleben erst recht nicht. Er sah kurz zu Sarah hinüber und lächelte. Sie trug ein bequemes T-Shirt und eine alte Jeans für die Fahrt. Das braune Haar hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden. Oder eher Pferdeschwänzchen. Es war etwas zu kurz für einen richtigen Schwanz. Aber wenn es so zurückgebunden war, konnte er ihre drei Ohrlöcher sehen, die sie mit ständig wechselnden Ensembles von silbernen Ohrringen oder -steckern schmückte. Ihren Hosenknopf hatte sie - wie immer im Auto - geöffnet. In ihren gemeinsamen Jahren hatte sie etwas zugelegt. Er selbst allerdings auch. Man wurde eben doch bequem, wenn man ein Weibchen mit seiner Keule niedergeschlagen und in seine Höhle geschleppt hatte, dachte er. Eine vernünftigere Ernährung nebst Sport hatte er Sarah bereits angedroht.
„Gut, warum nicht. Aber erstnachdem Urlaub, das ist ja wohl klar“, hatte sie bestimmt. „Ich werde doch nicht in ein Land fahren, das das beste Eis produziert, das ich je gegessen habe, und da Diät machen. Und wenn Birgit und Stefan uns zum Grillen einladen, willst du dann sagen, nee, wir sind auf Diät?“ Olaf hatte nur pflichtbewusst genickt und innerlich geseufzt. Sarah hatte Birgit von ihren Urlaubsplänen erzählt, und Birgit hatte, begeistert von den Bildern im Internet, Stefan gedrängt, ebenfalls die ersten drei Juliwochen zu nehmen. Sie hatte es sogar geschafft, das Haus neben Olaf und Sarah zu mieten. Stefan hatte allerdings nicht drei Wochen bekommen, sondern nur zwei. Aber diese zwei Wochen würden sie Tür an Tür wohnen. Olaf war davon alles andere als begeistert. Sie waren ja ganz nett, aber er wollte seinen Urlaub gerne mit Sarah verbringen. Nun würde jeden Morgen Birgit auf der Matte stehen und den Tag verplanen. Birgit und Stefan hatten zwei kleine Kinder. Also würden sie auch im Urlaub früh aufstehen müssen. Und Olaf dann wohl oder übel auch. Er hatte Sarah deswegen angebrummelt, und sie hatte versprochen, das zu regeln. „Wir werden Zeit für uns haben, das verspreche ich dir. Ich rede mit Birgit. Aber ab und zu einen Stadtbummel, oder abends zusammen grillen ist doch okay, oder nicht?“
„Klar“, hatte er gesagt, aber nicht gemeint. Im Grunde war es nicht okay. Sarah fuhr jeden Freitag zu Birgit und holte sie zu einem Weiberabend ab. Wieso mussten sie jetzt auch noch den Urlaub zusammen... „Ach, egal, “ seufzte er.
„Hm? Was hast du gesagt?“ Sarah wühlte in der Kühlbox herum und holte einen Schokoriegel heraus. „Nichts, nichts“, knurrte er. Sarah durchschaute ihn wie Glas.
„Du musst dir keine Gedanken machen. Ich habe überGråengein bisschen gegoogelt. Da gibt’s einen tollen Spielplatz und ein Badeland. Damit sind die vier allemal beschäftigt. Ponyreiten und so was gibt`s da bestimmt auch. Und da machen wir natürlich nicht mit. Du würdest womöglich vom Pony fallen, oder das arme Vieh würde unter deinem Gewicht zusammenbrechen.“ Sie biss in ihren Schokoriegel.
„Na, ich will ja nicht uncharmant sein, Madame, aber wenn Sie neben einem Pony stünden und sich bückten, könnte es durchaus passieren, dass manIhnenden Sattel auflegt.“ Olaf wieherte anzüglich.
„Jajajaja. Nach dem Urlaub geht`s los, versprochen. Aber ich werde dich in den Boden stampfen. In einem Monat werde ich zwanzig Kilo abnehmen, Robbie Williams wird sich unsterblich in mich verlieben und dann heiraten. Und du und dein Fettbauch werdet dann allein sein. Ha!“ Sie nahm sich noch eine Cola.
„Das Risiko gehe ich ein“, erwiderte Olaf ungerührt und überholte ein Wohnmobil mit aufgeschnallten Fahrrädern. Bei diesen Dingern war ihm immer etwas mulmig. Man wusste nie, ob man nicht plötzlich ein Fahrrad auf der Windschutzscheibe kleben hatte. Sarah zog ihn öfter auf wegen seinem Sicherheitsfimmel. Zu Hause gab es zwei Überwachungskameras, eine im Garten und eine an der Haustür.
Im Garten selbst hatte er noch einen Bewegungsmelder angebracht. Drei Zeitschaltuhren in der Küche, im Wohnzimmer und im Arbeitszimmer würden abends in den nächsten drei Wochen das Licht einschalten, damit es den Anschein hatte, dass jemand zu Hause war. Wenn er sein Auto verließ, nahm er immer das Bedienteil vom Radio mit.
Seine Brieftasche trug er nie in der hinteren Hosentasche. Er bevorzugte sowieso Brustbeutel und besaß vier Stück in verschiedenen Größen und Farben. Unsichere Urlaubsländer wären für ihn auch niemals in Frage gekommen. Sarah bedauerte sehr, dass sie mit Olaf zusammen nie nach New York kommen würde. Olaf wollte diese Stadt immer besuchen, aber nach dem 11. September war das natürlich gestorben. Sarah hatte öfter eingewandt, dass das doch Unsinn wäre, aber Olaf blieb in solchen Dingen stur. New York war tabu. Genauso wie London, Madrid, und so ziemlich jedes Land, in dem es mal irgendetwas gegeben hatte, sei es Terror oder Naturkatastrophen. Da Sarah das wusste, hatte sie gleich von Dänemark gesprochen, als er sie fragte wo sie hinwollte. In Dänemark war noch nie etwas passiert, und vor Einbrechern oder Taschendieben musste man sich für gewöhnlich auch nicht fürchten. Obwohl seit einigen Jahren Einbrüche in Ferienhäusern nichts Neues mehr waren. Aber das musste Olaf ja nicht wissen.
„Werden immer mehr davon“, brummte Olaf und setzte zum x-ten Mal den linken Blinker.
„Hm? Was wird immer mehr?“
„Wohnmobile, Wohnwagen, Anhänger mit Fahrrädern. Wo wollen die denn alle hin?“
„Na, nach Dänemark natürlich. Die haben viel bessere Fahrradwege. Und windsurfen kann man da auch wunderbar.“
„Zu gefährlich“, knurrte Olaf und zog wieder rüber auf die rechte Fahrbahn. Sarah seufzte.
Die Fahrt über die Grenze gefiel beiden. Keine Passkontrolle mehr, niemand in den Betonkästen. Man fuhr einfach durch. Das war schon seit Jahren so, aber Olaf fuhr ja selten ins Ausland.
„Hurra, wir sind in Dänemark!“ Sarahs Augen glänzten. Sie nahm den Zettel mit der ausgedruckten Route zur Hand.
„Also... mal sehen… ich glaube, wir müssen erstmal Richtung Ribe… ach was rede ich denn da… also… auf die E 45… und dann…“
„Sag mir einfach, wann ich ab- oder einbiegen muss.“ Olaf wurde schnell unleidlich, wenn Sarah eine Karte oder etwas Kartenähnliches in den Händen hielt und ihm den Weg sagen sollte. Das klappte nämlich selten. Typisch Frau eben, auch wenn er so etwas niemals laut ausgesprochen hätte. Sie fanden den Weg aber doch sehr leicht. Alles war prima ausgeschildert, spätestens ab Esbjerg, von wo auch die Fähre nachFanøabfuhr. Das Autofahren machte in Dänemark auch viel mehr Spaß, wie Olaf schnell feststellte. Hier drängelte niemand, keiner fuhr dicht auf. Er entspannte sich. Entspannung – genau das hatte er ja gesucht. Schön, dass sie schon so schnell anfing. Sie verließen die Autobahn und näherten sich ihrem Ziel. Olaf sah wunderschöne Wälder, die zum Spazierengehen einluden. Auf breiten Radwegen fuhren ganze Familien vorbei.
„…Ja… da vorne ist der Gråengvej.Jetzt sind wir gleich da!“, frohlockte Sarah.
„Bist du sicher, dass du das richtig ausgesprochen hast?“, grinste Olaf. Seit sie in Dänemark waren, hörten sie Radio Victor, und hatten kaum ein Wort verstanden.
„Oh nein, wohl eher nicht“, kicherte Sarah. „Die Aussprache ist wirklich der Hammer. Aber zum Glück sprechen hier sehr viele Deutsch. Und wenn nicht, dann aber Englisch. Wir werden wohl keine Probleme haben. Oh, wir sind da!Gråeng!“ Sie fuhren über einen kleinen Hügel an einem Drachengeschäft vorbei auf der Hauptstrasse. Geschäfte, Imbissstuben und Büros von Ferienhausvermittlungen säumten die breite Straße. Olaf stöhnte. Menschenmassen schlenderten zu beiden Seiten auf den Bürgersteigen, Fahrradfahrer, Hunde, Spaziergänger. Und alle paar Sekunden wechselten sie die Straßenseite.
„Scheiße, ist das voll!“ stöhnte er. Seine Vorfreude war wie weggeblasen.
„Tja, Hauptsaison, mein Lieber. Aber das ist hier bestimmt nur der Ortskern. Die Häuser sind abgeschiedener und total ruhig. Nur am Strand stehen sie enger zusammen. Na ja, ich hoffe es jedenfalls. Warte, du musst da rechts rein, das ist der Parkplatz vom Büro!“ Olaf bog gehorsam rechts ab, nachdem er zwei Radfahrer und sechs Fußgänger vorbeigelassen hatte.
„Ich hole die Schlüssel!“ Sarah sprang aus dem Auto und eilte zum Büro. Olaf seufzte. Jetzt kam noch die größte Herausforderung, das Haus zu finden. Zum Glück war Sonntag. Eigentlich hätten sie ihr Haus gestern schon beziehen können, aber erst nach drei Uhr nachmittags. Und so passend loszufahren hätte bedeutet, auf jeden Fall im Stau zu stehen. Oder man fuhr früh los und verbrachte den Tag müde, gereizt und stinkend im Ort oder am Strand. So wie Stefan, Birgit und die Kinder gestern. Nein, dann lieber erst sonntags ankommen, dann war der Schlüssel wenigstens sofort da. Olaf öffnete die Wagentür und ließ die Beine herausbaumeln. Es dauerte jetzt schon fast fünfzehn Minuten. Hauptsaison eben. Das Büro war bestimmt auch an einem Sonntag voll mit Touristen. Endlich kam sie wieder, mit einem großen Umschlag in der Hand. „Fahr los, die haben mir genau gesagt, wo es ist. Wir müssen links.“ Olaf stöhnte. Bei dem Chaos hier links abbiegen… aber er staunte nicht schlecht, als ein Däne ihn hereinwinkte.
„Die scheinen recht nett zu sein“, meinte er.
„Total nett. Und das kann nicht einfach sein manchmal. Eben im Büro hat's solange gedauert, weil sich da ein deutsches Paar beschwert hatte. Wegen nichts. Das Haus war ihnen nicht sauber genug. Und dann nach der langen Tirade haben sie noch gesagt, dasssofortein Techniker das Wasser im Whirlpool wechseln müsste, weil eins ihrer Kinder reingepinkelt hat. Oh Mann.“
„Aber du magst es doch auch perfekt sauber“, wandte Olaf ein und fuhr langsam die quirlige Straße entlang. Sarah nickte.
„Ja, aber der Ton macht die Musik. Und der war alles andere als okay.“ Sie sah kopfschüttelnd auf die kleine Straßenkarte.
„Ah ja, Genau! Links!“ kommandierte sie. Olaf fuhr links. „Moment! Nicht so schnell! Wir müssen jetzt gleich rechts rein… ja genau! Hier rechts!“ Olaf fuhr rechts und verließ die Straße. Der Weg war jetzt sehr viel schmaler, mit einer Mischung aus Sand und Kies bedeckt, der laut unter den Reifen knackte. „Langsam ...weiter… noch weiter… nicht so schnell…“
„Das gleiche sagst du im Bett auch immer“, witzelte Olaf.
„Traurig genug, dass ich da auch immer Anweisungen geben muss“, konterte sie. „So, die Hausnummer stimmt, der Aufkleber am Briefkasten auch. Fahr mal rein da.“ Sie wedelte mit der Hand. Olaf folgte den Reifenspuren in einen Carport. Der gehörte zu einem großen, weißen Haus, das den Mittelpunkt eines riesigen Grundstücks bildete. Sarah pfiff anerkennend durch die Zähne. „Ich probier mal, ob der Schlüssel passt.“
„Wieso sollte er nicht passen, wenn die Hausnummer stimmt?“ Für Olaf war die Sache erledigt. Er öffnete den Kofferraum und nahm schon mal die beiden großen Koffer raus. Sarah hatte in der Zwischenzeit aufgeschlossen und brach in ein verzücktes „Uhhhhhh“ aus. Olaf folgte ihr und war genauso begeistert. Sie standen in einer Art Vorraum mit gefliestem Boden. Direkt vor ihnen gab es an der linken Wand einen kleinen Brennofen. Dahinter befand sich eine Holztür. Sarah öffnete sie.
„Boah… sieh dir mal dieses Badezimmer an!“ Ihr Gesicht sah aus wie das eines kleinen Kindes am Weihnachtsmorgen. Olaf sah über ihre Schulter. Ein riesiges Badezimmer, fast so groß wie ihr Wohnzimmer zu Hause, tat sich vor ihm auf. Helle Fliesen, zwei Fenster. An der rechten Wand stand eine Waschmaschine. An der Wand gegenüber der Tür hatten die Besitzer eine Duschnische aus Glasbausteinen errichtet. Ein paar Meter daneben prangte ein Whirlpool. Gegenüber dem Whirlpool, links neben der Tür, war das Waschbecken. Es war von Schränken umgeben. Genug Platz für Sarahs ganzes Zeug und Olafs Rasiersachen.
„Hier guck mal.“ Sarah betätigte einen Regler, der neben ihrem Kopf in der Wand eingelassen war. „’Ne Fußbodenheizung!“
„Und da drüben ist auch ein Handtuchtrockner.“ Olaf war wirklich beeindruckt. Das Bad war so groß, dass die Stimmen der beiden darin widerhallten. Die beiden verließen das kleine Paradies und schauten sich noch mal in dem großen Vorraum um. Ein Fernseher stand auch da, komplett mit Satelliten Receiver.
„Da drüben ist ja noch eine Tür.“ Olaf eilte zur rechten Seite des Raumes. Er wollte dieses Mal der erste sein.
„Oh, ein schönes Schlafzimmer, komm mal!“ Sie schaute über seine Schulter
„Hui, Laminat, und so ein schönes helles, jetzt siehst du mal, wie gut das aussieht! Wenn wir wieder zu Hause sind, nehmen wir dasselbe fürs Wohnzimmer. Ich hab dir schon tausendmal gesagt wie genial das aussehen würde!“
„Jaja, schon gut.“ Olaf wollte sich die Laune nicht verderben lassen. Im Zimmer standen ein großes Doppelbett, ein Kleiderschrank und zwei Nachttischchen. Die Wände waren hier nicht verputzt wie im Vorraum, sondern aus Holz. Farbenfrohe Vorhänge umrahmten zwei Fenster. Olaf stellte schon mal die beiden Koffer hier ab. Er verließ das Schlafzimmer und ging den schmalen Flur entlang, der in den anderen Teil des Hauses führte. „Du, hier geht’s noch weiter. Oder willst du im Schlafzimmer bleiben?“ Sie folgte ihm. Links und rechts des Flurs befanden noch mal jeweils zwei Türen. Auf der linken Seite waren zwei kleinere Schlafzimmer mit etwas primitiveren Betten, auf der rechten ein weiterer Schlafraum, mit zwei Etagenbetten für Kinder. Hinter der nächsten Tür verbarg sich ein kleines Badezimmer. Das war grün gefliest, hatte ein ebenfalls grünes Waschbecken und eine Dusche mit einem alten, aber sauberen Duschvorhang. Sarah blickte kurz über seine Schulter.
„Ok, das Bad hier kannst du haben, ich nehme das andere!“ Kichernd huschte sie weg bevor er an ihrem Pferdeschwänzchen ziehen konnte. Sie betraten den großen Raum hinter dem Flur. Eine kleine offene Küche auf der rechten Seite, eine Essnische auf der linken. Neben dem Esstisch hing ein Bambusvorhang, der eine Terrassentür verdeckte. Hinter der Küche und der Essnische war das Wohnzimmer. Klein, aber sehr gemütlich, mit einer bequemen Couch und einem offenen Kamin. Und einem weiteren Fernseher. „Wahnsinn, ein zweiter Fernseher! Damit dürfte das Konfliktpotential gleich null sein für den Urlaub!“
„Hör auf, dir geht noch einer ab.“ Olaf grinste sie frech an.
„Dafür ist der Whirlpool da.“ Sie sah ihm herausfordernd in die Augen und zwinkerte.
„Uhh, das klingt aber vielversprechend.“ Olaf rieb sich die Hände.
„Oder aber bedrohlich, such`s dir aus! Mann, ist das ein schönes Haus. Komm, wir holen die Sachen rein und beziehen die Betten. Dann kaufen wir ein paar Sachen ein und hauen uns ein Weilchen aufs Ohr. Sonst schwächelst du noch im Whirlpool.“ Sie zog ihr Handy aus der Handtasche.
„Was machst du?“
„Ich schicke Birgit eine SMS, damit sie nicht in einer Stunde oder so hier auftaucht.“
