Blutiges Echo - Joe R. Lansdale - E-Book

Blutiges Echo E-Book

Joe R. Lansdale

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Beschreibung

Für den Collegestudenten Harold Wilkes lauert der Schrecken buchstäblich an jeder Straßenecke: Vor seinem geistigen Auge spielen sich grauenhafte Szenen aus der Vergangenheit ab, wenn er, ohne es zu wollen, dem Schauplatz eines Unglücks oder eines Verbrechens nahe kommt. Um diesen Visionen zu entfliehen, betäubt Harry sich mit Alkohol. In seiner Stammkneipe lernt er Tad kennen, einen ehemaligen Kampfkunstlehrer, der seine Probleme ebenfalls in Bier ertränkt. Gemeinsam versuchen sie, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Doch dann taucht Harrys Kindheitsschwarm Kayla auf und bittet ihn, mithilfe seiner besonderen Gabe den Mord an ihrem Vater aufzuklären ... Ein unheimlicher Thriller, die bewegende Geschichte einer geplagten Seele und ein weiteres literarisches Meisterstück im facettenreichen Werk von Joe R. Lansdale, der auch hier wieder alle Genregrenzen sprengt.

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Seitenzahl: 467

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Joe R. Lansdale

Blutiges Echo

Deutsch von

Heide Franck

Impressum

LOST ECHOES

Die Originalausgabe ist 2007 bei Vintage Books erschienen.

© 2007 by Joe R. Lansdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2013 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Robert Schekulin

Korrektur: Hellfrid Niesche

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

Satz und E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

[email protected]

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-83-7 (Druckausgabe)

ISBN: 978-3-942396-84-4 (E-Book)

Inhalt

Impressum

Teil I - Das Honkytonk und die Wege des Schicksals

Teil II - Die Gespenster in den Geräuschen

Teil III - Zieh mich aus, zeig mir den Mond

Teil IV - Im Schlund der gefräßigen Bestie

Teil V - Das Herz des Verbrechens

Weitere Bücher bei Golkonda

Phantastik im Golkonda Verlag

Und wieder für Karen

Our echoes roll from soul to soul,

And grow for ever and for ever.

Alfred Tennyson

HOUSTON CHRONICLE

Rätselhafter Fall in East Texas

Am Fuße eines von Ranken und Gebüsch überwucherten Hügels mitten in Mud Creek, Texas, wurden in einem Pkw zwei Leichen gefunden. Der Hügel mit seiner malerischen Aussicht war bisher ein beliebter Parkplatz für junge Paare. Nun allerdings gilt er den meisten ortsansässigen Teenagern als Tabuzone, obwohl von den beiden Leichen nur mehr Skelette übrig waren und sich sowohl das Auto als auch die sterblichen Überreste offenbar bereits seit mehreren Jahren dort befanden.

Aufgrund des Gefälles und des darunter befindlichen steilen Abhangs war der Wagen von der Hügelkuppe aus nicht zu sehen. Wie ein Ortsansässiger außerdem berichtet, »kamen die meisten Besucher sowieso nachts her, und das nicht, um die Aussicht zu genießen«.

Der Wagen wurde von Wanderern gefunden, die den Abhang hinunterklettern wollten. »Erst wussten wir gar nicht, was das war«, so einer der Wanderer, der nicht namentlich genannt werden möchte. »Es sah aus wie ein Erdklumpen, der in einem Baum hing, dabei war es ein Auto, das völlig zugewuchert war.«

Zunächst gingen die Behörden davon aus, dass der Pkw bei einem Unfall den Abhang hinuntergerutscht sei, doch die Schädel der beiden Opfer weisen Einschusslöcher in der Stirn auf. Das Pärchen, ein junger Mann und eine junge Frau, wurde vorläufig anhand der Ausweispapiere in Portemonnaie und Handtasche identifiziert, doch die Namen werden von den Behörden noch unter Verschluss gehalten, bis die nächsten Angehörigen benachrichtigt sind.

Teil I

Das Honkytonk und die Wege des Schicksals

Kapitel 1

Später, als Erwachsener, erinnerte sich Harold Wilkes oft an die Ereignisse seiner Kindheit, mit denen alles angefangen hatte, und dachte dann: Wenn ich die Nacht bloß durchgeschlafen hätte.

Das war ihm jedoch ein schwacher Trost. Genau genommen war es überhaupt kein Trost. Nur ein klischeehaftes »Wenn ich das geahnt hätte«, wie aus einem Groschenroman. Trotzdem dachte er hin und wieder daran zurück und kam ins Grübeln.

Denn wie sich sein Leben dann entwickelt hatte – mit all den Dingen, die er hören musste, die er sehen musste und die er dadurch in Erfahrung brachte – das war eigentlich kein Leben.

Kapitel 2

Die Wohnzimmerfenster waren so angeordnet, dass Harry wie durch das Facettenauge einer Biene hinausschaute. Mit seinen sechs Jahren wusste er zwar nichts über das Facettenauge der Biene, aber es gefiel ihm, wie die Welt durch diese Fenster aussah.

Das Haus stand auf einem Hügel in East Texas, die blauen Vorhänge waren zurückgezogen, und die zahlreichen großen Fenster erstreckten sich von einer Zimmerecke bis zur anderen. Von dort oben sah er die Straße, dahinter ein Honkytonk – die typische rustikale Countrykneipe – und dann den Highway und ein Autokino, das von einem glänzenden Wellblechzaun eingefasst war.

Ein Wunderland.

Stellten die Fenster die Augen einer Biene dar, so waren es allerdings trübe Augen, denn eine feine Staubschicht überzog sie wie Talkumpuder einen Babypopo. Anfangs hatten seine Eltern die Fenster regelmäßig geputzt, doch die vorbeifahrenden Autos wirbelten auf der Straße vor dem Haus immer wieder den Sand auf, also war das eine Sisyphusarbeit. Inzwischen machten sie sich nur noch gelegentlich die Mühe, ansonsten ließen sie es einfach bleiben.

Ein Wunderland hinter einer Staubschicht.

Auch auf der Westseite des Zimmers gab es solche Fenster, aber sie verliefen nur bis zur Hälfte der Wand und waren weniger staubig. Die restliche Wand war schmutzig weiß gestrichen; die Fenster auf der Westseite gingen auf einen Schrottplatz hinaus und auf den Wald dahinter, und Harry fand, dass die Autos nachts wie die Käfer aussahen, die über die Badezimmerfliesen krabbelten, wenn er das Licht einschaltete. Nur größer. Viel größer. Riesige, rostige, buckelige Käfer, die in extremer Zeitlupe auf den Schutz der Bäume zukrochen. Oder zumindest tat Harry gerne so, auch wenn er wusste, dass es Autos waren, für immer erstarrte Autoleichen.

Dabei sahen sie dem Wagen seines Vaters überhaupt nicht ähnlich, genauso wenig wie den Autos auf der Straße. Tagsüber waren sie rot vor Rost und lagen fast auf dem Erdboden auf, denn die Reifen waren schon längst platt oder geklaut. Tagsüber sahen sie einfach nur müde aus.

Dass die Wagen aus der Zeit um 1950 herum stammten, konnte Harry nicht wissen. Das jüngste Modell war Baujahr 1959. Es hatte mehr gelitten als die anderen, und die Windschutzscheibe war bei einem Unfall zerborsten.

Harry hatte von alldem keine Ahnung, kannte sich auch nicht mit den verschiedenen Automodellen aus. Sie gehörten einfach mit zu seinem Wunderland.

Das Haus selbst flößte Harry ebenfalls Ehrfurcht ein.

Es war groß und früher einmal sehr hübsch gewesen, doch damit war es jetzt vorbei. Sonst hätten er und seine Eltern dort auch gar nicht gewohnt.

Wie sein Vater zu sagen pflegte: »Wenn Scheißen einen Nickel kosten würde, müssten wir kotzen.«

Trotzdem besaß das Haus noch einen gewissen Stil. Es war recht groß, und eine breite Veranda verlief von der Eingangstür bis zur Ecke und dann wie ein L an der Seitenmauer entlang. Dort führte sie zu einer Treppe, die genauso aussah wie die an der Eingangstür. Beide Treppen hatten Schlagseite, sodass man sich auf ihnen immer leicht steuerbord halten musste, um sie zu erklimmen.

Bei starkem Wind erzitterte das Dach, senkte sich noch ein Stück tiefer und hing über der Veranda wie ein alter Schlapphut. Die Rückwand des Hauses hatte einen Teil ihrer Standfestigkeit eingebüßt, da die Steine in einen Erdhörnchenbau abgesackt waren. In der Küche gab es kein fließend Wasser, nur einen Schlauch, der von draußen durchs Fenster zum Spülbecken führte. Und in einer Ecke stand ein alter Holzofen, der wohl ungefähr zu der Zeit, als Eisenhower seine Uniform eingemottet hatte, auf Gas umgestellt worden war.

Harry war das alles einerlei. Armut war ihm kein Begriff. Er war sechs Jahre alt, und allem wohnte ein Zauber inne. In diesem großen alten Haus war er daheim, und es war ein tolles Haus.

Vor allem die Fenster.

An dem Tag, als alles anfing, war Harry krank. Es war ein Samstag, und das war echt blöd. An einem Samstag wollte keiner krank werden. Den ganzen Tag lag er mit hohem Fieber im Bett und schlief, wie ein Braten in der Röhre. Irgendwann wachte er plötzlich auf und war gar nicht mehr so verschwitzt, sondern energiegeladen und gelangweilt. Vor allem aber sauer, weil er die Zeichentricksendungen am Vormittag verpasst hatte. Schlimmer noch, es war bereits Nacht.

Morgen, dachte er, würde er auf den Apfelbaum hinterm Haus klettern und wieder Raumschiff spielen. Mit Raumschiffen kannte er sich aus. Seine Mutter hatte ihm ein Buch darüber vorgelesen, und sein älterer Cousin kannte eine Geschichte von einem Raumschiff unter einem Apfelbaum, genau so einem wie dem hinten im Hof.

Im Haus herrschte Stille. Seine Eltern schliefen. Er schaute aus den Fenstern, sah unten das Honkytonk mit seinen Lichtern und hörte die Stimmen und die laute Countrymusik von dort. Lieder vom Saufen und vom Abschiednehmen schallten herüber. Hinter dem Highway konnte er über den Zaun hinweg sehen, was auf der großen weißen Leinwand im Autokino gezeigt wurde.

Er wusste nicht, dass gerade eine Filmreihe mit alten Zeichentrickserien auf dem Programm stand; er begriff lediglich, dass da Cartoons liefen und er sie am Vormittag im Fernsehen verpasst hatte. Also zog er sich einen Stuhl ans Fenster heran, setzte sich und schaute zu, wie die Figuren der Warner Brothers – Bugs Bunny, Duffy Duck und wie sie alle hießen – ihre Possen trieben. Hören konnte er sie ohne Lautsprecher nicht. Seine Tonspur kam vom Honkytonk, im Moment gerade ein alter Song von Loretta Lynn über traurige Mädels aus Kentucky, dem bald ähnliche Liedchen folgten.

Unter der Woche, wenn sein Vater an den großen Trucks schrauben musste, saß Harry abends normalerweise mit seiner Mutter hier am Fenster und schaute die Filme. Größtenteils ältere Produktionen. Italowestern, Schwarz-Weiß-Krimis. Manchmal lief etwas Neueres, doch die meisten Vorführungen zeigten alte Streifen. Genau das war das Besondere an diesem Autokino. Ein neues Gebäude, das von altem Glanz erfüllt wurde – so versuchten die Betreiber, ein wenig vom Zauber der Vergangenheit einzufangen.

Seine Mutter und er schauten dabei zu, und sie erzählte ihm dann, was die Schauspieler sagten. Was natürlich hieß, dass sie es sich ausdachte. Harry glaubte, sie habe irgendwelche übersinnlichen Kräfte, könne Gedanken lesen oder wisse eben einfach alles. Schließlich war sie seine Mutter. Bestimmt gab es nichts, was sie nicht wusste, einschließlich dessen, worüber die großen Menschen auf der Leinwand sprachen oder was die Zeichentrickfiguren schrien, wenn sie von der Klippe stürzten.

Doch im Grunde war es gar nicht so wichtig, was gesagt wurde. Nicht bei den Zeichentrickfilmen. Die Geschichte erschloss sich aus den Bewegungen der Figuren. Dazu brauchte er seine Dolmetscherin, seine Mom, eigentlich gar nicht. Wie er jetzt so dasaß und den Zeichentrickfiguren zuschaute, fand er, dass er diesen Part selbst übernehmen konnte. Also flüsterte er vor sich hin, was die Figuren seiner Meinung nach von sich gaben. Nichts Besonderes. Hier ein Huch und da ein Wow, dies und das.

Ziemlich lange schaute er so zu, lachte hin und wieder, und während die Nacht voranschritt, verpuffte seine Energie. Allmählich wurde er wieder müde. Ihm war heiß. Die Kehle tat ihm weh, genau wie sein Hals an den Seiten, aber das Schlimmste war sein rechtes Ohr. Es fühlte sich an, als steckte eine Biene darin. Ganz tief drinnen summte es so komisch. Die Biene schwoll an und füllte sein Ohr aus, seinen ganzen Kopf. Ihr hitziger Flügelschlag war schier unerträglich.

Harry hatte Mühe, auf dem Stuhl sitzen zu bleiben. Die Cartoons gerieten ins Schwanken, genau wie die Fenster. Sie schlingerten um ihn herum, als wäre er von Glasteufelchen umzingelt, die Schummerlicht und Kneipenmusik ausspien und Zeichentrickfarben bluteten, die dann in verrückten Mustern über die Wand tanzten. Das Haus drehte sich im Kreis. Die Decke fiel herunter, und der Boden stieg empor. Die Biene in seinem Ohr geriet völlig außer Rand und Band.

Das gesamte Wunderland fuhr eine Runde Walzerbahn.

Am nächsten Morgen fand sein Vater ihn bewusstlos auf dem Fußboden, wo er neben dem Stuhl in einer Urinlache lag.

Als Harry die Augen öffnete, war die ganze Welt weiß und grell. Er sah eine Gestalt in Weiß vorbeischweben, und irgendetwas steckte in seinem Arm; es fühlte sich an, als hätte ihm jemand einen Zahnstocher unter die Haut gerammt. In dem Zimmer war es sehr hell, und das Weiß schien darin umherzukriechen. Er fühlte sich müde und matt, ihm war heiß, und sein Arm schmerzte. Er schloss die Augen wieder und trieb auf einem trägen Fluss davon, hinein in einen Traum von einer Zeichentrickwelt, in der es von leuchtend bunten sprechenden Hasen und plappernden Enten und großen roten Dynamitstangen wimmelte, die mit den Worten Bumm und Kawumm in gelber Schrift explodierten; Federn flogen, Entenschnäbel schnatterten, Kojoten stürzten von Klippen.

Und als der Kojote fiel, fiel Harry mit ihm und bekam gar nicht mehr mit, wie er unten aufschlug.

»Es war doch nur Mumps«, sagte Harrys Mutter. Sie war schmal und schwarzhaarig und erinnerte ein wenig an Frauen auf Fotografien aus der Depressionszeit. Hübsch, aber mit deutlich sichtbarem Eisen- und Vitamin-B-Mangel.

»Schon gut, Billie«, sagte ihr Mann. »Das wird schon wieder.«

Jake Wilkes wollte noch etwas hinzufügen, aber er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste bloß, dass sein Sohn krank war und seine Frau darunter litt. Und er teilte ihr Leid. Wenn er dieses Leid irgendwie zu fassen gekriegt hätte, die Ursache für all dies, dann hätte er es vermöbelt. Er war es gewohnt, die Dinge mit den Händen anzugehen: seine Arbeit, seine Probleme – vorausgesetzt, das Problem verlangte nach einem breiten Rücken und kräftigen Armen oder nach einer Tracht Prügel.

Aber das hier?

Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte.

»Ich kann gar nicht verstehen, dass er so krank ist«, sagte sie. »Es war doch nur Mumps. Jedes Kind hat irgendwann Mumps. Du und ich, wir hatten als Kinder auch Mumps.«

»Das konntest du doch nicht wissen«, sagte Jake.

»Ich bin seine Mutter«, sagte Billie. »Ich hätte es wissen sollen, dass er irgendwann aufwacht, nachdem er den ganzen Tag geschlafen hat. Dass er aufwacht und dann über die Stränge schlägt. Was, wenn er …«

»Mach dich nicht verrückt«, unterbrach Jake sie. »Er kommt schon wieder auf die Beine.«

Sie saßen im Foyer des Krankenhauses und warteten. Jake hielt Billies Hand, und sie drückten sich auf den Wartezimmerstühlen eng aneinander. Billie trug einen dunkelblauen Morgenmantel und Pantoffeln, die wie Bärenköpfe aussahen. Jake hatte eine Bluejeans an, die er über seine Schlafanzughose gezogen hatte, sein Pyjamaoberteil und Hausschuhe. Er bemerkte – oder bildete sich ein –, dass ein Hauch von Sex in der Luft lag, der hartnäckige Geruch der Lust. Er und Billie hatten miteinander geschlafen, womöglich genau zur gleichen Zeit, als Harry im Wohnzimmer umhergestreift war oder auf dem Stuhl gesessen und Cartoons geguckt hatte. Dass sie Liebe gemacht hatten und Harry unbemerkt auf gewesen war oder vielleicht schon auf dem Boden gelegen hatte, während sie sich miteinander vergnügten, ließ das alles irgendwie noch schlimmer erscheinen. Billie hatte nichts dergleichen geäußert, aber er wusste, dass ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, weil er auch ihm durch den Kopf ging, und nach zehn Jahren Ehe hatte man das einfach im Gespür. Zumindest wenn der andere an etwas Schlimmes dachte. Bei anderen Dingen war es nur ein Schuss ins Blaue, reine Spekulation. Doch bei schlimmen Dingen entwickelte man irgendwann eine Art Radar.

Und sein Radar sagte ihm ziemlich eindeutig, dass sie sich Vorwürfe machte. Vielleicht fürchtete er insgeheim sogar ein wenig, dass sie ihm Vorwürfe machte.

Nun, das würde sich wieder geben, wenn alles gut ausging.

Wenn nicht – dann gnade ihm Gott. Dann gnade Gott ihnen beiden.

»Ich hätte ihn heute zum Arzt bringen sollen«, sagte Billie, ohne zu bedenken, dass der Samstag längst vorbei war und sich der Sonntag bereits durch die Hintertür hereingeschlichen hatte. »Ich hätte ihn noch mal gründlich untersuchen lassen sollen. Aber ich wollte nicht für die Notaufnahme zahlen. Ist das zu fassen? Er kam mir zwar schon ziemlich krank vor, aber ich habe gedacht, warten wir erst mal ab bis Montag. Wir hätten das Geld bestimmt irgendwie aufgetrieben, wenn ich ihn hergebracht hätte. Wir hätten das schon hingekriegt.«

»Es sah nicht aus wie ein Notfall.« Jake tätschelte ihr die Hand. »Da wirkte es noch nicht so schlimm.«

»Wenn ich ihn hergefahren hätte, wäre vielleicht alles gut gegangen.«

»Der Arzt meinte, es wäre Mumps. Wir konnten das doch nicht wissen.«

All das sagte Jake gerade so, als würde es dadurch wahr werden.

Langsam kroch das Morgenlicht den Flur hinunter, und am anderen Ende, dem dunkleren Ende, erschien schließlich der Arzt. Sie sahen ihn in seinem weißen Kittel mit gleichmäßigen Schritten auf sich zukommen. Beim Gehen wogte sein dunkles Haar auf und ab und fiel ihm in die Augen. Er war noch ein junger Mann. Vielleicht zu jung, dachte Jake. Er war nicht ihr Arzt. Der war verreist. Er hatte bei Harry Mumps diagnostiziert, dann war er verschwunden. Hatte nur erwähnt, dass er für eine Weile hoch in den Norden wolle. Irgendein Ärztezirkus. Eine Versammlung von Weißkitteln. Vermutlich ein Golfturnier.

Dieser Arzt hieß Smatermine, und er war zu jung. Dessen war Jake sich inzwischen sicher. Zu jung.

Der Doktor kam den Flur entlang und sah sie lächelnd an. »Ihr Sohn kommt wieder auf die Beine«, sagte er. »Das Ohr allerdings … er hat eine ziemlich böse Infektion. Es ist nicht ganz abzusehen, was mit seinem Gehör auf dieser Seite passieren wird. Vielleicht verliert er es zum Teil, vielleicht behält er es aber auch vollständig. Ich weiß, das hilft Ihnen so oder so nicht viel. Aber wir tun, was wir können. Ich würde Ihnen raten, einen Spezialisten aufzusuchen.«

»Aber er wird wieder?«, fragte Jake.

»Ja«, antwortete der Arzt. »Er wird wieder.«

Billie begann zu weinen.

Kapitel 3

Harry fand das Ganze eigentlich gar nicht so schlimm, abgesehen von dieser blöden Geschichte mit dem rechten Ohr, auf dem er nichts hörte. Er durfte ein paar Wochen in der ersten Klasse fehlen, mit einigen Kissen im Rücken im Bett liegen und fernschauen. Er fand ein Programm, das alte Filme zeigte, und die gefielen ihm irgendwie.

Eines Tages setzte sich seine Mutter zu ihm ans Bett und sagte in sein gesundes linkes Ohr: »Weißt du was, es gibt auch neuere Sendungen. Die hier waren schon veraltet, als dein Daddy und ich geheiratet haben, mein Schatz. Das sind die Dinosaurier des Fernsehens.«

»Ich mag die aber«, antwortete Harry. »Ich mag Tarzan.«

»Es gibt viele verschiedene Tarzans, nicht nur diesen einen. Einige sind sogar in Farbe.«

»Mir gefällt der hier.«

»Na schön«, sagte seine Mutter, stand auf und ging zur Tür. »Ich mach dir was zu essen.«

Sobald sie draußen war, wandte Harry sich wieder Johnny Weissmüller zu, der sich an einer Liane von Baum zu Baum schwang. Er meinte, eine Art Stange zu sehen, an der Tarzan hing, und das kam ihm komisch vor. Gab es so was im Dschungel? Lianen mit Stangen, an denen man sich festhalten konnte?

Er musste sich leicht schräg aufsetzen, damit sein linkes Auge und Ohr dem Fernseher zugewandt waren. Wenn er den Kopf zu weit herumdrehte, klang der Ton eigenartig. Vorsichtig tippte er sich gegen das rechte Ohr. Er hörte nichts, spürte lediglich die Erschütterung. Das Ohr selbst fühlte sich seltsam an, als hätte ihm jemand ein Ei hineingestopft.

Er tippte noch einmal dagegen, ein wenig stärker. Diesmal gab es eine regelrechte Explosion. Von tief drinnen brach sie hervor, und mit ihr flutete ein Strom warmen Eiters wie Wasser bei einem Dammbruch heraus. Er spritzte Harry auf die Wange und auf das Kopfkissen, ein grüner, feuchter Batzen.

Harry stieß einen Schrei aus.

In der Küche schepperten Töpfe, und seine Mutter kam herbeigelaufen.

»Hm«, machte der Arzt.

Es war nicht der Arzt aus dem Krankenhaus, sondern ein Hals-Nasen-Ohren-Fritze namens Mishman. Er war um die vierzig, und man sah ihm jedes einzelne Jahr an, plus ein paar Jahre obendrauf. Seine Augenbrauen wucherten wild in alle Richtungen, wie die Fühler eines Insekts. Die Wilkes gingen regelmäßig zu ihm, seit sie Harry in die Notaufnahme gebracht hatten.

Harry hockte auf dem Untersuchungstisch, ließ die Beine über die Kante baumeln und die Turnschuhe hin und her schwingen, während der Arzt mit einer kleinen Lampe vorsichtig das Innere seines Ohrs untersuchte.

Billie und Jake standen neben dem Tisch, und Billie hielt Harry sanft am Oberarm.

»Also«, fragte Jake, »ist er gesund?«

»Na ja, es könnten immer noch Probleme auftreten«, antwortete der Arzt. »Bei solchen Sachen weiß man nie genau. Aber er kann wieder hören. Der Mumps hat sein Gehör beeinträchtigt, und er hatte diese Eiterbeule im Ohr. Ich muss zugeben, dass ich die nicht gesehen habe. Eigentlich habe ich gründlich nachgeschaut, aber nichts entdeckt, um ehrlich zu sein. Sie muss hinter dem Gehörgang gelegen haben. Es gab nicht mal eine Schwellung; jedenfalls nicht, als ich ihn das letzte Mal untersucht habe. Aber ganz offensichtlich ist die Beule angeschwollen, während er zu Hause war. Und jetzt ist sie geplatzt. Durch die Entzündung war sie prall gefüllt, und als er das Ohr berührt hat, war sie reif. Er hat sich selbst geheilt.«

Mishman verstummte und betrachtete den Jungen einen Augenblick lang.

»Stimmt was nicht, Doktor?«, fragte Jake. »Sie wirken zerstreut.«

Mishman schüttelte den Kopf. »Nein, bloß … an dieser Geschichte ist irgendetwas merkwürdig. So was ist mir noch nie untergekommen. Das Ganze ist keine große Sache, nichts Aufsehenerregendes im medizinischen Sinne, aber es folgt eben nicht den bekannten Gesetzmäßigkeiten.«

»Gesetzmäßigkeiten?«, fragte Jake.

»Die Krankheit verläuft nicht wie eine normale Infektion. Aber das Wichtige ist, dass er jetzt wieder hört, und das Schlimmste haben wir offenbar hinter uns. Vielleicht schaue ich mir noch ein oder zwei Dinge genauer an, aber er ist wohl über den Berg. – Hören Sie ihm doch nur mal zu.«

Harry hatte das Interesse an der Unterhaltung der Erwachsenen verloren, und wie er da so auf dem Rand des Untersuchungstisches saß, hatte er angefangen, ein paar Takte von Old McDonald Had a Farm vor sich hin zu singen.

Es machte ihm Spaß, weil er seine Stimme wieder auf beiden Ohren hörte.

Er fand, er klang verdammt gut.

Sie führten noch mehr Untersuchungen durch.

Mishman suchte nach einem Tumor.

Er fand keinen.

Das Ohr sah gesund aus.

Doch der Verlauf der Krankheit kam ihm seltsam vor. Mishman konnte nicht genau sagen, was daran seltsam war, aber es fühlte sich nicht ganz korrekt an. Diese ganze Angelegenheit hielt sich irgendwie nicht an die üblichen Regeln. Es war eine medizinische Anomalie.

Er sollte noch eine Zeit lang über dieses seltsame Phänomen nachdenken, doch dann vergaß er Harry Wilkes und seine Ohrinfektion allmählich. Zugegeben, es war ein bemerkenswerter Vorfall, aber als sich neben seinem sechsten Sinn noch etwas anderes bei ihm regte und er eine Affäre mit einer langbeinigen Arzthelferin anfing, von der seine Frau nichts wissen durfte, nahm das den Großteil seines Denkens und seiner Zeit in Anspruch und ruinierte schließlich irgendwann seine Praxis. Die Arzthelferin ließ ihn sitzen, und alles, was ihm blieb, war die Erinnerung daran, wie sie es am liebsten nackt bis auf die Arzthelferinnenlatschen getrieben hatte.

Mit einer solchen Erinnerung konnte die seltsame Ohrinfektion eines kleinen Jungen nicht mithalten.

Kapitel 4

Harry fiel wohl hier und da etwas auf, aber das war alles nicht weiter schlimm, bis er zwölf wurde. Mit zwölf Jahren kam er in die Pubertät, sein Körper produzierte Hormone im Überschuss, und nun war wirklich etwas zu bemerken. Nicht nur die Hormone und ihre drängenden Botschaften, sondern das mit seinem Ohr.

Sein erstes einprägsames Erlebnis hatte Harry, als er gerade in einem der alten Autos draußen vor dem Haus spielte. Eigentlich durfte er hier gar nicht hin, aber er schlich sich oft hinaus, setzte sich hinter ein quietschendes altes Lenkrad und tat, als könne er Auto fahren. Zuweilen nahm er seinen Freund Joey Barnhouse mit, doch manchmal zog er auch allein los. Meistens sogar. Er hatte festgestellt, dass es ihm nichts ausmachte, allein zu sein. Im Gegenteil. Er konnte sich ausdenken, was immer er wollte, und tun, was immer ihm Spaß machte. Er musste mit niemandem aushandeln, wer wen fangen sollte oder welcher Ninja-Turtle er war, wer Spider-Man und wer den Schurken spielte und so weiter. Oder er konnte sich vorstellen, mit einem Mädchen an seiner Seite herumzukurven, mit Kayla zum Beispiel. Auch sie hatte sich in letzter Zeit verändert, und ihm gefielen diese Veränderungen.

An diesem Tag also, an dem er einen Vorgeschmack auf das bekam, was ihm bevorstand, war er in den alten 59er Chevy geklettert. Der hatte in den letzten paar Jahren gründlich gelitten. Der Lack blätterte ab, und irgendwer – vermutlich Jugendliche – hatte einen Ziegelstein in die bereits gesprungene Windschutzscheibe geworfen.

Harrys Vater sagte immer, dass es schön wäre, wenn der Typ, dem das Grundstück nebenan gehörte, dieses ganze Gerümpel verkaufen würde, abschleppen oder verschrotten ließ, was auch immer, Hauptsache, es verschwand aus dem Sichtfeld des Hauses. Aber nichts dergleichen geschah, und Harrys Vater ging der Sache nie weiter nach, denn er fand, dass er dem Kerl ja nicht vorschreiben konnte, was der auf seinem eigenen Stück Land trieb, auch wenn es ihm selbst nicht passte.

Harry hoffte, dass der Besitzer das Grundstück nie leerräumen würde. Dort konnte man toll spielen.

Als er diesmal hineinkletterte und die knarzende, rostige Tür kraftvoll hinter sich zuschlug, wurde ihm plötzlich übel. Ein Lärm brach los, als würde jemand mehrere Lagen Alufolie in der Mitte durchreißen, und dann gab es einen Knall, in seinem Kopf blitzte ein Chaos aus Formen und Farben auf, und er schrie.

Oder irgendjemand schrie.

Er hörte ihn klar und deutlich, diesen Schrei, aber er konnte sich nicht daran erinnern, überhaupt den Mund aufgemacht zu haben. Ganz sicher war er sich allerdings nicht. Der Schall füllte seinen Schädel aus wie die Luft einen Ballon.

Das Ganze war nur ein kurzes Aufblitzen von Farben und Bildern und Geräuschen und Übelkeit. Ein Gesicht, das vor seinem inneren Auge erbebte und hin und her sprang. Eine rote Explosion. Ein feiner weißer Riss quer durch seinen Verstand, gefolgt von …

Erschöpfung.

Einer schweißnassen Stirn.

Vollgepinkelten Hosen.

Im Prinzip passierte nicht viel.

Innerhalb von Sekunden war alles vorbei.

Mit wackligen Knien stieg er aus dem Auto, schloss langsam die Tür, ging nach Hause, um Hose und Unterhose zu wechseln, und spielte nie wieder bei den Autowracks.

Kapitel 5

Nun passierte in dem Honkytonk unterhalb von Harrys Haus eines Nachts, an einem Samstag, Folgendes: Nachdem die Kneipe die Schotten dichtgemacht hatte und all der Rummel vorüber war und die Autos weggefahren waren und auch alle Besucher das Autokino auf der anderen Seite des Highways verlassen hatten, geschah gegen drei Uhr morgens, während des Aufräumens eine halbe Stunde nach Feierabend, ein Mord.

Niemand erfuhr davon, bis am Montag gegen zwei Uhr nachmittags das Honkytonk wieder aufmachen sollte.

Der Kerl, der die Leiche entdeckte, war ein Stammkunde namens Seymour Smithe – ausgesprochen wie Smith, aber Smithe geschrieben, und damit nahm Seymour es sehr genau. »Mein Name ist Smithe, mit einem e am Ende.«

Die meisten Menschen hielten ihn einfach für einen Säufer.

Er hatte mehr Jobs verloren, als ein Eichhörnchen Nüsse futterte.

Doch eins konnte er, und zwar Bibeln verkaufen. Das machte er richtig gern. Er hatte keinen Schimmer von dem Buch, abgesehen davon, was er in dem uralten Schinken Die zehn Gebote gesehen hatte, doch er kriegte die Dinger los wie warme Semmeln, weil all die Christen – oder Möchtegern-Christen – unbedingt eine haben und auch ganz bestimmt darin lesen wollten.

Seymour machte sich ihre Angst zunutze. Mit Angst ließen sich die meisten Dinge verkaufen.

Versicherungen.

Politik.

Krieg.

Und Bibeln mit Goldschnitt.

Wenn Smithe nicht gerade Bibeln verkaufte, trank er.

Und darin war er wirklich gut, im Trinken.

In ihm offenbarten sich gewissermaßen das Alte und das Neue Testament des Trinkers.

Gerade dachte er ans Trinken und daran, dass er heute noch ein paar Bibeln verkaufen musste, und er dachte an die Frau, mit der er sich tags zuvor auf ihrer Veranda unterhalten hatte. Was für eine Granate. Und irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ihn wiedersehen wollte, auch wenn sie weder eine Bibel gekauft noch ihn hereingebeten hatte.

Aber sie hatte gelächelt. Und sie hatte Interesse gezeigt, obwohl sie ihm nichts abgenommen hatte. Zwischen ihnen hatte es geknistert; da war er sich fast sicher.

Fast.

Er brauchte Gewissheit und meinte, nach vier bis fünf Bier würde er klarer sehen.

Die Tür war angelehnt, auf dem Schild stand Geöffnet, also ging Seymour geradewegs hinein. Drinnen war es kühl und dunkel, und es roch genau wie immer, nach Bier und Schweiß und Notgeilheit, alles vermengt von der Klimaanlage. Aber da lag noch etwas anderes in der Luft. Nur ganz schwach, doch er erkannte den Geruch sofort wieder.

Früher hatte er mal einen Sommer lang in einem Schlachthaus gearbeitet, und wenn man diesen Geruch einmal in der Nase gehabt hatte, erkannte man ihn überall wieder, egal ob frisch oder alt – in jedem Zustand roch er anders und doch irgendwie gleich.

Es war der Geruch von Blut.

Seymour stellten sich die Nackenhaare auf, und er dachte – oder bildete sich ein –, dass er neben dem Kneipengeruch seine eigene Angst roch, einen sauren Gestank nach Schweiß und Verwesung. Und hinten auf seiner Zunge schmeckte er Kupfer. Langsam und geduckt drehte er sich um und rechnete jeden Augenblick damit, dass jemand wie eine gottverdammte Gazelle aus der Dunkelheit auf ihn zusprang.

Und er sah tatsächlich jemanden.

Aber sie würde keine großen Sprünge mehr tun.

Evelyn Gibson.

Die einst so attraktive Evelyn Gibson, die Inhaberin des Honkytonk. Die lebhafte kleine Frau mittleren Alters mit dem dunklen, wogenden Haar, dem federnden Schritt und dem schwingenden Hinterteil, letzteres meist hübsch verpackt in schwarze Minikleider, die Backen von breiten schwarzen Absätzen emporgehoben.

Sie hockte neben der Jukebox und hatte den Kopf darangelehnt, doch er war eigentümlich weit zur Seite geneigt. Das lag daran, dass ihre Kehle von einem Ohr zum anderen aufgeschlitzt war. Die ganze Jukebox war mit Blut bespritzt, genau wie sie selbst und die Wand hinter ihr. Ihr Haar war von Blut verfilzt und klebte wie ein großer Spuckebatzen an dem Schallplattenautomat. Auch der Boden zu ihren Füßen war besudelt. Ihr Kleid war bis zu den Oberschenkeln hochgerutscht, und Seymour konnte ihr Höschen sehen. Es war dunkel und wahrscheinlich einmal weiß gewesen, bevor es von Blut durchtränkt worden war.

Seymour wich zur Tür zurück und blickte dabei ständig über die Schulter nach hinten. Da das Blut schon angetrocknet war, musste der Mord vor einer ganzen Weile stattgefunden haben. Dennoch schaute er sich hektisch um, ob nicht irgendein Verrückter mit einem Messer auf ihn losging.

Er schaffte es hinaus in die grelle Sonne und bis zu seinem Auto, wo ein Handy auf dem Beifahrersitz lag. Von dort rief er die Polizei, und während er auf die Bullen wartete, wünschte er sich wieder und wieder, er hätte ein Bier. Oder vielleicht einen Whiskey. Einen Schluck Franzbranntwein. Vergällten Alkohol. Egal, irgendeinen Fusel.

Die Bullen tauchten auf, sahen sich um, machten Notizen und Aufnahmen, nahmen Fingerabdrücke und so weiter. Sie quetschten Seymour aus, bis er wirklich einen Drink nötig hatte.

Ungefähr ein halbes Jahr lang galt Seymour dann als Hauptverdächtiger, doch das erledigte sich von selbst. Sogar diejenigen, die ihn tatsächlich für unschuldig hielten, ließen die Sache auf sich beruhen, nachdem Seymour einmal sternhagelvoll die Kontrolle über seinen Wagen verlor, von der Straße abkam und dabei dermaßen auf die Bremse stieg, dass eine Kiste mit Goldschnitt-Bibeln vom Rücksitz vorgeschleudert wurde und ihm in den Nacken knallte. Ein Volltreffer, der ihm das Genick brach und ihn ins Jenseits schickte.

Danach tat sich im Fall Evelyn Gibson nicht mehr viel. Ein paar Leute wollten Seymour partout nicht für schuldig halten. Sie gingen verschiedenen Spuren nach, besonders einer oder zwei bestimmten, doch kam nichts dabei heraus.

Niemand ahnte, wer es gewesen war.

Niemand ahnte, warum.

So verging ein Jahr.

Kapitel 6

Nun wieder zurück zu Harry. Inzwischen war er dreizehn, und er war total spitz. So spitz, dass er auf einer Skala von eins bis zehn ungefähr bei elf gelegen hätte, vielleicht sogar bei zwölf. Er war also wuschig, und er kannte sich mit all diesen Dingen überhaupt nicht aus, aber es hatte ihn richtig gepackt, und er meinte, etwas kapiert zu haben. Was er nicht wusste, erzählte ihm Joey Barnhouse. Zwar entsprachen nicht alle Informationen von Joey der Wahrheit, aber interessant waren all diese Auskünfte von Klowänden und aus Joeys Mund schon, und den Rest erledigte die eigene Phantasie.

Eines Tages versuchte Harry, Kayla Jones einen Kuss abzuluchsen, der hübschen Blondine, die ein paar Häuser weiter gegenüber von Joey wohnte. Aber dafür verpasste sie ihm eine ordentliche Tracht Prügel. Danach mochte er sie umso mehr. Kayla hatte ordentlich Feuer unterm Hintern. Dünn wie eine Bohnenstange, Haare so gelb wie die gleißende Mittagssonne und Fäuste aus Eisen. Sie war chronisch schlecht gelaunt, weil ihr Vater ständig ihre Mutter anschrie und umgekehrt, und später erinnerte sich Harry mit dem Gefühl an diese Zeit zurück, dass ihn und Kayla irgendetwas miteinander verbunden hatte.

Joey mochte sie nicht, jedenfalls behauptete er das; sie war ihm zu groß und zu zäh. Das lag daran, dass er ungefähr eins zwanzig hoch und einen knappen halben Meter breit war und so schnell wuchs wie totes Gras. Allerdings hatte er große Füße, und er behauptete, das sei ein Zeichen dafür, dass er noch wachsen werde; außerdem trage er einen Hammer mit sich herum wie Thor, wenn der sein Teil zwischen den Beinen geschwungen hätte.

Harry wusste es besser. Genau wie er selbst huschte Joey nach dem Sportunterricht immer rasch in die Dusche, wandte den anderen so oft wie möglich den Rücken zu, hielt sich die Hand vor die Weichteile und griff hastig nach seinem Handtuch.

Gar nichts ließ er sehen. Im Gegensatz zu William Stewart, der eine gottverdammte Python zwischen den Beinen hatte. Der schlenkerte damit herum, als könnte sie jeden Moment zuschnappen, sich vielleicht jemanden aus der Umkleide packen, erwürgen und zum späteren Verzehr auf einen Baum zerren.

Nein, dachte Harry sich, Joey hatte auf dem Gebiet auch nicht mehr zu bieten als er. Doch das war nur ein schwacher Trost.

Genau das beschäftigte ihn. Unzulänglichkeit. Probleme, mit denen sich sein Dad mit dreizehn Jahren wahrscheinlich überhaupt nicht rumschlagen musste, für die er gar keine Zeit gehabt hatte, weil er sich den Großteil seiner Jugend abgerackert hatte, aber Harry konnte nun mal nichts dagegen tun. Er machte sich eben Gedanken. Die Ängste des Harry Wilkes in voller Pracht. Zum Beispiel während spätnächtlicher Streifzüge durch eine Männerzeitschrift, die Joey ihm zugesteckt hatte und die er unter seiner Matratze verbarg.

Ja, das war typisch für ihn. In einer Hand die Zeitschrift, in der anderen sich selbst, so vollbrachte er sein schmutziges Werk – und fühlte sich schlecht dabei, dank Sonntagsschule und Gottesdienst, denn ein bärtiger, voyeuristischer, grinsender, selbstgerechter Gott schaute ihm über die Schulter, während er sich die Lanze polierte.

Das konnte einen ganz schön nervös machen.

Kein Zweifel, dachte er, während er so im Bett lag. Ich hab … wie heißt das noch mal …?

Ach ja.

Komplexe.

Genau so was hab ich.

Gottverdammte Komplexe.

Am Morgen nach seinem Kampf mit den Komplexen erwachte Harry mit einem Plan.

Eine Mutprobe. Das war es.

Einem Geist die Stirn bieten, und zwar vor den Augen eines Mädchens. Eines Mädchens wie Kayla. So konnte man zeigen, dass man aus dem richtigen Holz geschnitzt war, um mit einem Mädel zu gehen, das ihm das Fell über die Ohren ziehen konnte. Einen Geist suchen und ihm furchtlos entgegentreten, damit musste er doch punkten.

Bloß – so mutig war Harry nicht. Also rang er sich dazu durch, Joey mit ins Boot zu holen. Besser, man hatte Verstärkung dabei. Er fand – oder hoffte zumindest –, dass man auch mit Verstärkung Eindruck schinden konnte. Das sollte doch zu schaffen sein.

Denn einen Geist gab es ja, so richtig übersinnlich und mit allem Drum und Dran. Joey, Kayla und er hatten durch ältere Nachbarskinder von ihm erfahren, und Harry hatte sogar seine Mutter mit Joeys Mutter darüber reden hören. Im Honkytonk am Fuß des Hügels. Ein echtes Gespenst.

Es war der Geist der armen alten Evelyn Gibbons. Sie saß im leer stehenden Honkytonk fest, wo sie nachts umherstrich; der Kopf hing ihr seitlich auf die Schulter, und ihr Hals war so rot, als trüge sie einen scharlachroten Schal.

So erzählte man sich. Manche Leute behaupteten, sie gesehen zu haben. Andere meinten, man könne sie dann und wann schreien hören. Joeys großer Bruder Evan, der sie alle von Zeit zu Zeit verprügelte – sogar Kayla, obwohl sie sich tapfer wehrte –, sagte, er habe Evelyn Gibbons zweimal kreischen hören, und beide Male hätten sich ihm die Nackenhaare aufgestellt und er hätte die Beine in die Hand genommen.

Gut möglich, dass Evan log.

Er trieb gern seine Späße mit ihnen.

Doch in diesem Punkt glaubte Harry ihm lieber, weil es in seinen Plan passte.

Er musste an den Geist glauben.

In erster Linie musste Kayla an den Geist glauben, der stöhnend dort unten im Honkytonk umherschwebte und schrie.

Und auf sie wartete.

Die Nacht war voll samtweicher Dunkelheit und schimmerndem Mondlicht. Umrandet von seinen Silberstrahlen, huschten ihre drei Schatten über die Erde, während sie den Hügel hinabrannten.

Als sie unten angekommen waren, hielten sie kurz vor dem Honkytonk inne, um zu verschnaufen.

»Wenn Daddy rausfindet, dass ich abgehauen bin«, sagte Joey, »dann krieg ich eine schlimmere Tracht Prügel als letzte Woche.«

Damit meinte Joey sein Auge. Sein Vater hatte ihm ein Veilchen verpasst. Joey lief oft mit einem blauen Auge, einer geschwollenen Lippe, einem geprellten Kiefer oder einer Beule am Kopf herum.

Harry hatte einmal miterlebt, wie Joeys Vater ihm eine Ohrfeige verpasst hatte. Wegen einer Kleinigkeit. Joey hatte eine Schublade offen stehen lassen oder so.

Harrys Vater sagte, James Barnhouse sei ein verbitterter alter Mistkerl. Er sei wütend, weil sein Bein in der Highschool kaputtgegangen war. Eine Football-Verletzung. Zu viele muskelbepackte Jungs auf seiner Kniescheibe. Davor war er echt spitze gewesen, hatte das Zeug zum Profi gehabt. Danach konnte er von Glück sagen, einen Job als Caddie zu bekommen und die Golfschläger reicher Typen herumschleppen zu dürfen. Er lebte von seinem geringen Gehalt und ein bisschen Trinkgeld, las Krimi- und alte Sex- und Bondage-Heftchen und verdrosch seine Söhne, wenn sie die Dinger in die Finger kriegten und lasen. Außerdem schlug er hin und wieder seine Frau, nur damit der Arm beweglich blieb und er nicht aus der Übung kam.

Er lief im Leerlauf – so bezeichnete Harrys Vater das Verhalten von Mr Barnhouse – und tat sich selber leid.

Doch Joey jagte sein alter Herr nicht allzu viel Angst ein. Er ließ es jederzeit darauf ankommen und kassierte dann eben die Tracht Prügel. Aber jetzt war er merklich nervös.

»Ich kriege Hausarrest«, sagte Kayla. »Kein Fernsehen, kein Telefon, nichts.«

»Das ist nicht dasselbe wie ein Fausthieb ins Auge«, erwiderte Joey.

»Lieber Schläge als Hausarrest«, antwortete Kayla.

»Das sagst du nur so lange, bis du das erste Mal Dresche beziehst«, sagte Joey. »Bis mein Alter dir den Arsch versohlt; dann würdest du lieber Hausarrest bekommen. Glaub mir. Aber Harry, der würde bloß eine Standpauke kriegen, stimmt’s, Harry? Keinen Hausarrest und erst recht kein blaues Auge.«

»Meine Eltern halten nichts von Prügelstrafe«, sagte Harry. »Und richtig schlagen würden sie mich sowieso nie. Aber Hausarrest könnte ich schon kriegen.«

»Ach ja«, fragte Joey, »wann ist denn das schon mal passiert?«

»Hausarrest oder nicht«, gab Harry zurück, »ich will jedenfalls nicht erwischt werden.«

»Deine Eltern bestrafen dich nie für irgendwas«, sagte Joey.

Das kam der Wahrheit ziemlich nahe. Seit er als Kind krank gewesen war, seit der Ohrenentzündung, stand seine Mutter schützend vor ihm wie ein Eishockeytorwart vor dem Netz. Sie fürchtete, er habe Asthma, was nicht zutraf; oder Allergien, was eventuell zutraf; oder dass er hinknallte, was ziemlich oft passierte – um alles machte sie sich Sorgen. Wenn er und sein Dad nach draußen gingen, um Baseball zu spielen, bestand sie darauf, dass er Knieschützer unter der Hose trug und einen Fahrradhelm aufsetzte.

Einen Fahrradhelm beim Ballspielen. Das war das Letzte. Allein die Vorstellung, er würde mit Knieschonern und einem Fahrradhelm da draußen stehen, um mit seinem Vater ein paar Bälle zu werfen – also, das kam gar nicht infrage.

Schlechter Stil, wie er einmal einen englischen Schauspieler im Fernsehen hatte sagen hören.

Zum Glück hatte Dad ihr das ausgeredet, denn sonst hätte Harry sich gleich einen Zettel auf den Rücken kleben können: »Größtes Weichei auf der ganzen Welt. Bitte kräftig in den Arsch treten.«

Sie standen eine Weile am Fuß des Hügels und betrachteten die Rückseite des dunklen, verlassenen Honkytonk. Auf der anderen Seite des Highways sah man die Leinwand des Autokinos. Kung-Fu-Kämpfer sprangen auf dem großen weißen Rechteck herum, rissen die Münder weit auf und stießen stumme Schreie aus.

»Sind wir jetzt hier, um ’nen Geist zu sehen, oder nicht?«, fragte Kayla.

»Klar sind wir das«, antwortete Harry.

»Ich glaub eh nicht, dass es hier spukt. Mein Daddy sagt, es gibt keine Geister, und er ist Polizist.«

»Aber mein Bruder sagt, es gibt sie wohl«, entgegnete Joey. »Ein Polizist, der kennt sich vielleicht mit Handschellen aus und mit Donuts, aber wenn es um Geister geht, hat er auch nicht mehr Ahnung als andere.«

»Seit wann hörst du auf deinen Bruder?«, fragte Kayla. »Der hat uns auch erzählt, dass Mädchen schwanger werden, wenn man ihnen den kleinen Finger in den Hintern steckt. Also was weiß der schon?«

»Das hat er doch nicht ernst gemeint.«

»Ich glaube schon. So viel Dummheit trau ich ihm zu.«

»Vielleicht stimmt es ja auch«, sagte Joey. »Beug dich doch mal vor und lass es mich ausprobieren.«

»Wenn ich das mache, nimmst du garantiert nicht deinen Finger, das weiß ich. Bleib mir bloß vom Leib.«

»Ihr zwei seid eklig«, sagte Harry.

»An mir liegt’s nicht«, sagte Kayla. »Er ist der mit dem dummen Bruder.«

So ging das eine Weile hin und her, dann schlichen sie sich auf der dunklen Seite hoch zur Kneipe. Joey griff nach dem Fensterrahmen und versuchte ihn hochzuschieben. Er bewegte sich keinen Millimeter.

»Wir müssen die Scheibe einschlagen«, sagte Joey.

»Ich weiß nicht«, sagte Harry. »Irgendwas kaputtzumachen gehörte nicht zu meinem Plan.«

»Du willst doch ’nen Geist sehen, oder?«, fragte Joey. »Mann, das Ganze war doch deine Idee. Wenn ich sowieso verdroschen werde, will ich die Nummer auch durchziehen und nachgucken, was da drin los ist.«

»Ich meine ja nur, dass wir nichts kaputtmachen sollten.«

Kaum war Harry dieser Satz über die Lippen gekommen, schaute er zu Kayla. Sie stand im Schatten, und er sah nicht viel von ihr, aber er erkannte ihre Umrisse, und das war irgendwie aufregender, als sie in voller Beleuchtung zu sehen. Er musste es wirklich unbedingt schaffen, dass sie ihn für einen mutigen Kerl hielt. Er schluckte trocken. »Also gut, machen wir’s.«

»Vielleicht lassen wir es doch lieber sein«, sagte Kayla. »Wenn du nicht möchtest, müssen wir ja nicht, Harry.«

»Ach was«, sagte Joey, »das geht schon in Ordnung. Er ist einverstanden, macht ihm gar nichts aus. Den Schuppen benutzt sowieso keiner mehr.«

Dann hob er einen Stein auf und ließ ihn gegen eine Fensterscheibe krachen. Das Glas zersprang. Er fasste durch das Loch hindurch nach dem Griff und drehte ihn. Mühelos schob er das Fenster hoch und kletterte hinein.

Als Nächstes war Kayla dran. Harry verschränkte die Hände, damit sie darauftreten und durchs Fenster steigen konnte.

»Pass auf die Scherben auf«, sagte er.

Kayla lächelte ihn an. Jetzt stand sie nicht mehr in den tiefen Schatten, und er konnte ihr Lächeln genau erkennen. Es ließ ihn ganze zwei Meter wachsen.

Sie stieg auf seine Hände und durch den Fensterrahmen. Harry warf noch einen letzten Blick auf die Autokino-Leinwand, bevor er ihr hinterherkletterte. Es war eine blutige Todesszene. Ein Kung-Fu-Meister mit einem scharfen Schwert enthauptete eine Kriegerin.

Drinnen erwarteten sie dichte Schatten und dicker Staub. Der schnürte ihnen die Kehle zu, und Harry fing an zu husten. Kayla zog eine kleine Taschenlampe aus der Gesäßtasche und knipste sie an.

Tische standen herum, auf einer Seite befand sich ein langer Tresen, und an der Wand stand eine Jukebox. Es herrschte ein eigentümlicher Geruch, der sie einhüllte und an ihnen haften blieb wie Spinnweben.

»Hier stinkt’s«, bemerkte Harry.

»Geister haben einen Eigengeruch«, sagte Kayla. »Hab ich mal gelesen.«

»Riechen sie nach Scheiße?«, fragte Joey. »Leuchte mal da drüben hin.«

Der Lichtstrahl fiel auf einen Kater und übergoss ihn für einen kurzen Moment mit Gelb. Er schoss davon und verschwand hinter der Theke.

»Muss wohl irgendwo ein Loch in der Mauer sein«, sagte Harry.

»Los, wir fangen sie«, schlug Joey vor. »Schnappen wir uns die Katze.«

»Nein«, sagte Kayla.

»Wozu denn?«, fragte Harry. »Lass doch das arme Viech in Ruhe.«

»Ich mag keine Katzen«, gab Joey zurück.

»Wehe, du tust ihr was«, sagte Kayla. »Wenn du eine Katze quälst, rede ich nie wieder ein Wort mit dir.«

Joey ließ diese Information kurz sacken, während er Kayla betrachtete, die herausfordernd hinter dem kleinen Lichtstrahl stand. Dann wandte er sich vom Tresen ab. »Dieser Gestank, das ist Katzenscheiße. Passt bloß auf, wo ihr hintretet.«

»Gar nicht so einfach«, sagte Harry. »Wir haben nur eine Taschenlampe.«

»Und die hab ich«, sagte Kayla.

Die beiden Jungs schoben sich dichter an sie heran. Harry konnte ihre Haare riechen. Sie dufteten nach irgendeinem blumigen Shampoo. Und sie hatte sich mit einer ordentlichen Dosis Parfüm eingenebelt. Kayla benutzte immer viel zu viel Parfüm, aber er mochte das. Es gab ihm am ganzen Körper ein ganz eigenartiges Gefühl. Er hätte gerne den Arm um sie gelegt, doch er ließ es lieber sein.

»Leuchte mal auf die Jukebox«, sagte Joey.

Kayla schwenkte die Lampe hinüber. Die Schallplatten lagen immer noch hinter der Scheibe. Tatsächlich schwebte noch eine auf der Stapelachse, um jeden Moment nach unten zu fallen.

»Hier wurde sie ermordet, hab ich gehört«, sagte Joey. »Neben der Jukebox.«

»Das kannst du doch gar nicht wissen«, erwiderte Harry.

»Das stand alles in der Zeitung, Harry«, sagte Kayla. »Mein Vater hat’s mir erzählt. Er hat sich auf der Wache mit den Bullen unterhalten, die damals hier waren. Sie haben sie an die Jukebox gelehnt gefunden. Das weiß jeder.«

»Ihr Kopf war fast komplett abgesäbelt«, sagte Joey. »Los, wir gucken nach, ob noch Blut da ist.«

Sie gingen näher heran und leuchteten umher. Das Blut war längst vom Boden und von der Jukebox abgewischt worden, aber es waren noch kleine Flecken an der Wand zu sehen, und die drei erklärten es für Blut, auch wenn es vielleicht keines war.

»Ganz schön stickig hier drin«, sagte Kayla.

»Ja«, stimmte Harry ihr zu. »Und kalt.«

»Ich hab gehört, wenn es irgendwo plötzlich kühl wird, ist ein Geist in der Nähe«, sagte Joey. »Das nennt man eine kalte Stelle, wisst ihr. Hier müsste sie doch sein, oder? Genau in dieser Ecke.«

»Seh ich aus wie ein Geisterexperte?«, fragte Harry. »Woher soll ich das wissen?«

»Hier gibt’s überhaupt keinen Geist«, sagte Kayla.

Joey piekte Harry mit dem Finger in die Seite, und Harry zuckte zusammen.

»Wir brauchen gar keinen Geist«, sagte Joey. »Harry hat so schon die Hosen voll.«

Harry versetzte ihm einen kräftigen Stoß vor die Brust, sodass er rückwärts an die Wand knallte, gegen die Jukebox rempelte und dort hängen blieb.

»Hey«, sagte Joey. »War doch nicht böse gemeint.«

Als er sich mit einer Hand an der Jukebox abstützte, um sich aufzurichten, rutschte sie ein Stück nach hinten. Im selben Augenblick fiel die Schallplatte von der Stapelachse und schlug klackend auf der darunterliegenden Scheibe auf.

In Harrys Ohren klang der kurze Aufprall von Vinyl auf Vinyl wie ein kräftiger Beckenschlag, und es folgten noch weitere Geräuschexplosionen, die er nicht zuordnen konnte – Klänge, die hinter einer unsichtbaren Schranke gelauert zu haben schienen –, und dann erstrahlte ein gleißendes Licht, genau wie beim letzten Mal, nur noch heller und extrem heiß.

Und da war Loretta Lynn, die von der Fist City sang. Zunächst klangen die Worte gedämpft, als würde ein Insekt in einer Tüte die Flügel schlagen, ehe sie allmählich lauter und deutlicher wurden, als wären die Worte und Töne nun greifbare Gegenstände, unsichtbare Kreaturen, die im Raum umherhüpften, auf seinen Ohren landeten und hineinkrabbelten. Und im Finstern seines Schädels explodierte ein ganzes Malergeschäft. Farbe spritzte in alle Richtungen, begleitet von einem lauten Rumms, dann ertönte noch ein Geräusch, als würde jemand mit einem Kugelschreiber einen Strich auf ein Blatt Papier krakeln. Schließlich wurde ihm warm, und er spürte einen Druck von außen, als hätte ihn jemand zu fest in eine flauschige Wolldecke gewickelt.

Danach kamen die Bilder: ein Raum, und zwar der, in dem er gerade war, hell erleuchtet und deutlich zu erkennen. Er stand allein in der Mitte, und trotzdem sah er gleichzeitig alles aus der Vogelperspektive.

Sonst befand sich in diesem Moment nichts weiter in dem Raum, weder Kayla noch Joey. Nur die Wärme, das Licht und das Gefühl der Enge; und dann sah er eine Frau in einem kurzen schwarzen Kleid, nicht besonders jung, sondern ungefähr im selben Alter wie seine Mutter. Sie stand gegen die Jukebox gelehnt. Und da war ein Mann. Genau wie die Frau schien er aus dem Nichts aufzutauchen; Schatten huschten aus irgendeinem Loch hervor, versammelten sich und schufen diesen Mann. Er war unrasiert, und an der Oberlippe hatte er eine große Narbe und noch ein paar kleine auf den Wangen. Als er sich bewegte, wippte sein dichtes schwarzes Haar wie ein Wischmopp.

In der Hand hielt er ein Messer mit geschwungener Klinge.

Das Messer blitzte auf; das Licht von der Decke spiegelte sich in der Klinge und ließ sie wie einen von Fackeln beleuchteten Silberklumpen in einer Mine funkeln. Dann bewegte sich die Klinge weg vom Licht, und rote Perlen flogen umher. Die Perlen erstarrten. In diesem Augenblick sah Harry, dass die Frau, die sich umgedreht und zum Sprechen angesetzt hatte, eine rote Kordel um den Hals trug. Sofort begriff er, dass das überhaupt keine Kordel war. Es war ein Schnitt. Eine dünne Linie, die immer breiter wurde.

Die roten Perlen lösten sich aus ihrer Starre und spritzten zur Seite, die Frau taumelte vorwärts, und der Mann packte sie und schleuderte sie gegen die Jukebox. Mit einer Hand an der Wunde versuchte sie aufzustehen, doch er schlitzte ihr noch einmal quer über die Kehle, schnitt ihr in die Hand und trennte eine ihrer Fingerspitzen ab. Sie riss ihre verstümmelte Hand fort und klammerte sich an die Jukebox, dann sackte sie zu Boden.

Sie blickte auf. Ihre dunklen Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie hatte den Gesichtsausdruck von jemandem, der gerade begriff, dass er in ein Wespennest gegriffen hatte.

Loretta Lynn sang unbeirrt weiter.

Der Mann beugte sich zu der Frau hinunter, setzte das Messer unterhalb ihres linken Ohrs an und führte es fest und langsam nach vorn zum Kinn, entlang der inzwischen schon dicken roten Linie, die er zuvor gezogen hatte, und weiter bis fast zum anderen Ohr.

Ihr Kopf kippte zur Seite und knallte gegen die Jukebox.

Ihr Blick wurde leer, ihre Augen tot wie schwarz angelaufene Pennys.

Überall war Blut.

Der Mann trat einen Schritt zurück, und Harry konnte sein Gesicht sehen – aber nur ganz kurz, denn die Schatten, die ihn geformt hatten, zerfielen und flohen in alle Richtungen, und der Mann war verschwunden. Dasselbe passierte mit der Frau, ein Flattern von Dunkelheit, und sie war fort, und die Musik verschwand mit ihr, als würden die gesungenen Worte einen Abfluss hinuntergesogen.

Harry blieb allein mit dem Gefühl von Wärme und Enge und dem Licht zurück. Dann verblasste das Licht, die Temperatur sank, und sein Schädel zerplatzte in tausend Farben. Schließlich umgab ihn fahles Grau, am Ende Schwärze.

»Harry, alles in Ordnung?«

Das war Kayla. Sie hatte den Arm unter seinen Kopf geschoben und beugte sich über ihn, sodass ihr langes blondes Haar wie ein Vorhang um sein Gesicht hing. Er roch den feinen Duft ihres Shampoos, die Überdosis Parfüm, und einen Moment lang dachte er, dass er die Geister, die auf ihn eingestürmt waren und sich in seinem Kopf breitgemacht hatten, so hässlich und krank sie auch waren, vielleicht in Kauf nehmen konnte, wenn er dafür in Kaylas Arm erwachte.

»Ich hab den Geist gesehen«, sagte er. »Und nicht nur einen.«

»Wir haben nicht das Geringste gesehen«, sagte Joey.

»Ihr müsst sie gesehen haben. Die Frau … das Messer!«

»Gar nichts«, sagte Joey.

»Und du, Kayla?«

»Gar nichts«, wiederholte sie.

»Aber ich hab ihn gesehen. Ganz ehrlich!«

»Von wegen«, sagte Joey. »Hier war kein Schwein. Du bist ohnmächtig geworden, du Lusche.«

»Nein, bist du nicht«, widersprach Kayla. »Du bist ganz heiß geworden. Hast den ganzen Raum aufgeheizt.«

»Lusche«, sagte Joey.

»Erzähl mal«, sagte Kayla.

Harry berichtete, was er erlebt hatte.

»Manchmal sehen bestimmte Menschen Geister, die kein anderer wahrnimmt«, sagte Kayla.

»Wir hätten sie gesehen«, sagte Joey. »Wenn da Geister gewesen wären, hätten wir das mitgekriegt. Hast du was mit den Augen?«

Harry setzte sich auf. Zwar löste er sich äußerst ungern von Kaylas Arm im Nacken, doch er musste sich unbedingt aufsetzen, um nicht mehr ganz so mitleiderregend zu wirken.

»So was hab ich mal im Fernsehen gesehen«, fuhr Kayla fort. »Manche können sie sehen, andere nicht.«

»Im Fernsehen gesehen, ja?«, sagte Joey. »Wo denn? Im Luschenprogramm?«

Kapitel 7

»Von einem Ohr zum anderen?«, fragte Kayla.

Harry nickte.

»Wow«, machte sie.

Sie saßen auf Harrys Veranda, einen Tag nach dem großen Ereignis. Joey war nicht dabei. Heute war Harry froh darüber. Hierfür brauchte er keine Verstärkung.

»Danke, dass du so getan hast, als würdest du mir glauben«, sagte er.

»Gern geschehen. – Moment mal. Ich hab nicht bloß so getan.«

»Echt nicht?«

»Ich glaube dir, dass du es glaubst.«

»Aber du glaubst nicht, was ich euch erzählt hab? Was denn nun, Kayla?«

»Ich glaube nicht, dass du mich anlügst, aber ich kann mir vorstellen, dass du das Ganze geträumt hast. Dass du wegen der Hitze in Ohnmacht gefallen bist, dir dabei vielleicht den Kopf angeschlagen hast, und das alles ein Traum war. Wir haben jedenfalls nichts gesehen.«

»Aber du hast doch gemeint, im Fernsehen haben sie gesagt, dass manche Leute Geister sehen können und andere nicht. Im Luschenprogramm!«

Sie lachte und boxte ihm fest gegen den Arm. Es tat echt weh. Er rieb sich die schmerzende Stelle.

»Tschuldige«, sagte sie.

»Was uns nicht umbringt … – Aber du nimmst mir nicht ab, dass ich einen Geist gesehen hab?«

»Das klingt einfach ziemlich abgedreht.«

»Du bist doch extra losgezogen, um einen Geist zu sehen.«

»Klar, weil’s mir Spaß gemacht hat. Aber ich hab nicht wirklich damit gerechnet. Ich wollte einfach nur mitkommen, weil ihr da hingegangen seid.«

»Echt?«

»Echt. Ich glaube dir, dass du was gesehen hast. Auch wenn du es bloß geträumt hast. Du würdest mich bei so was doch nicht anlügen. Oder?«

»Nie im Leben. Du würdest mich ja grün und blau schlagen.«

»Jetzt mal im Ernst.«

»Im Ernst, du würdest mich grün und blau schlagen.«

»Stimmt. Aber mal ehrlich, du würdest mich doch nicht anlügen, oder, Harry?«

»Niemals.«

»Hab ich mir gedacht. Hast du es deinen Eltern erzählt?«

»Nein.« Harry schüttelte den Kopf. »Ich kann ihnen ja schlecht sagen, wo ich gewesen bin – du weißt schon.«

»Stimmt. Blöde Frage. Das wär nicht besonders clever, was?«

»Du hast doch deinen Eltern auch nicht erzählt, wo du warst, oder?«

»Natürlich nicht«, sagte sie. »Joeys Dad hat’s allerdings rausgefunden, wie immer, und Joey hat eine Tracht Prügel bezogen. Jetzt hat er zwei blaue Augen. Ich hab ihn den Rasen mähen sehen. Er hat kaum hochgeschaut. Und ein bisschen gehumpelt.«

»Heftig.«

»Ja, heftig … – Du, Harry, eigentlich wollte ich dir noch was anderes erzählen, was nichts mit dem Geist zu tun hat.«

»Was denn?«

»Wir ziehen weg.«

Harry kam es vor, als hätte ihm gerade jemand einen Hammer gegen die Stirn gedonnert.

»Oh. Und wann?«

»Nächstes Wochenende.«

»Aha.«

Sie nickte. »Hab’s eben erst erfahren.«

»Hat dein Dad einen neuen Job?«

»Nein. Nur Mom und ich ziehen weg.«

»Oh.«

»Tja. Sie haben sich gestritten.«

»Du musst mit mir nicht darüber reden.«

»Wir haben doch schon oft darüber geredet.«

»Dein Vater wird schnell wütend.«

»Genau wie Mama. Aber diesmal … diesmal ist es anders. Er hatte was mit einer anderen Frau. Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn er hierbleibt. Er arbeitet auch nicht mehr bei der Polizei, sondern will eine Autowerkstatt aufmachen. Er mag handwerkliche Arbeit. Und Mom hat einen Job in Tyler gefunden, in einem Kleidergeschäft.«

»Tut mir echt leid, Kayla.«

»Na ja, es ist, wie es ist, sagt Mom. Wir fahren ziemlich bald. Mom hat schon ein Haus gemietet.«

»Oh.«

»Ist das alles, was du dazu sagen willst? Oh?«

»Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll … außer dass ich nicht will, dass du wegziehst. Ich will, dass du hierbleibst und hier zur Schule gehst. Wir könnten zusammen aufs College gehen. Ist doch eine nette Stadt.«

»Es ist schon ganz okay hier. Aber ich könnte in Tyler aufs College gehen, hierher zurückkommen und bei den Bullen anfangen, so wie Dad.«

»Ich will nicht, dass du gehst.«

»Ich auch nicht. Glaubst du, dass manche Menschen füreinander bestimmt sind? Du weißt schon, wegen der Sterne und so?«

»Mit den Sternen kenne ich mich nicht aus. Aber vielleicht sind manche Leute echt füreinander bestimmt. Vielleicht hat man ab und zu Glück und alles ist einfach perfekt. Wie Puzzleteile, die zusammenpassen.«

»Und jetzt werden sie wieder auseinandergerissen.«

»Irgendwie schon.«

»Es muss ja nicht für immer sein.«

»Auf gar keinen Fall.«