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Ein kaltblütiger Attentäter und zwei Ermittler im Wettlauf gegen die Zeit …
Der atemberaubende Thriller für Fans von Sebastian Fitzek
Graz: Ein unbekannter Täter erschießt den Rektor des Bischöflichen Gymnasiums. Die Mordkommission um Sabrina Mara und Kurt Hutnagl nimmt sofort die Ermittlungen auf, und das gefährliche Spiel beginnt. Obwohl sie die Identität des Täters aufdecken können, stehen die beiden vor einem Rätsel: Was ist sein Motiv? Und wie kann er gestoppt werden? Als weitere Menschen getötet werden, findet Mara eine unerwartete Verbindung zwischen den Opfern – eine Verbindung, die zu einem alten Ritterorden führt. Bald merkt sie, dass sie einer tödlichen Verschwörung auf der Spur ist. Und die Gefahr ist viel näher, als sie denkt …
Dies ist eine Neuauflage des bereits erschienenen Titels Verdacht.
Erste Leserstimmen
„Wow! Was für ein spannender Thriller. Ich habe so oft den Atem angehalten!“
„Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, musste unbedingt wissen, wie es ausgeht und ob die Ermittler heil aus dem Attentat rauskommen.“
„Fesselnd, beklemmend und einfach nur von Anfang bis Ende spannend.“
„Paul Decrinis hat einen wahnsinnig atmosphärischen Krimi-Thriller geschaffen. Ich spreche eine klare Empfehlung für dieses Ebook aus!“
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2021
Graz: Ein unbekannter Täter erschießt den Rektor des Bischöflichen Gymnasiums. Die Mordkommission um Sabrina Mara und Kurt Hutnagl nimmt sofort die Ermittlungen auf, und das gefährliche Spiel beginnt. Obwohl sie die Identität des Täters aufdecken können, stehen die beiden vor einem Rätsel: Was ist sein Motiv? Und wie kann er gestoppt werden? Als weitere Menschen getötet werden, findet Mara eine unerwartete Verbindung zwischen den Opfern – eine Verbindung, die zu einem alten Ritterorden führt. Bald merkt sie, dass sie einer tödlichen Verschwörung auf der Spur ist. Und die Gefahr ist viel näher, als sie denkt …
Dies ist eine Neuauflage des bereits erschienenen Titels Verdacht.
Überarbeitete Neuausgabe Februar 2021
Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-96817-567-6 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-605-5
Copyright © 2020, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2020 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Verdacht (ISBN: 978-3-96817-065-7).
Covergestaltung: Vivien Summer unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com: © ozrimoz © j.chizhe © javarman Lektorat: Birgit Förster
E-Book-Version 15.08.2024, 10:20:47.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Dieses Buch widme ich
meinem Onkel Diplomkaufmann Ludwig Niki Decrinis,
meinem Onkel Doktor jur. Alexander Duller und
meinem Cousin Klaus Duller.
Leider war es euch nicht vergönnt,
den Tag der Veröffentlichung meines Romans
BLUTIGES GELÜBDEzu erleben.
Es weinen nicht die Lindenblüten um die Seele dieses Menschen.
(Aus einem lettischen Volksgedicht)
»Polizeinotruf«, meldete sich Inspektor Katolnigg, »Grüß Gott.«
»Hier ist Kaplan Birkner. Ein Maskierter bedroht unseren Direktor.« Es klang, als presste der Anrufer jedes Wort einzeln durch die Leitung.
»Wo sind Sie gerade?«, fragte der Polizist.
»Im zweiten Stock beim Fenster zum Lindenhof.«
»Welche Adresse?«
»Im Bischöflichen Gymnasium!«
»Was passiert da?« Inspektor Katolnigg gab die Anschrift der Schule ein und alarmierte per Knopfdruck die ersten Streifen.
»Ja, da … da werden … da werden Geiseln genommen.«
»Wie viele Geiseln?«
»Soll ich die zählen?«, fragte der Anrufer.
»Ungefähr«, bat Katolnigg um eine Schätzung.
»Es dürften in etwa … in etwa zwanzig sein.«
»Wie viele Täter?«
»Einer. Er trägt einen schwarzen Umhang. Mit seiner Maske sieht er aus wie Zorro.«
»Bewaffnet?«
»Bis auf die Zähne! Er hat schon in die Luft und auf den Altar geschossen. Der ist extrem aggressiv.«
Auf dem Schaltpult betätigte Katolnigg den Knopf für die Rettung. »Gibt es Verletzte?«
»Noch nicht, aber bald, wenn Sie nicht gleich kommen!«
»Ganz ruhig, Herr Birkner. Die Streife ist unterwegs zu Ihnen. Wissen Sie, wo genau sich der Täter mit den Geiseln verschanzt hat?« Der Daumen wanderte zu einem gelb umrahmten Knopf mit der Überschrift EKO COBRA. Mit einem Fingerdruck löste Katolnigg den Einsatzalarm für die Spezialeinheit aus.
»Ja, der Täter ist im Lindenhof und zwingt den Direktor, vor dem Altar zu knien.« Der Anrufer verfiel in einen Flüsterton. »Ich habe das Fenster einen Spalt weit geöffnet und mein Handy auf das Fensterbrett gelegt. Vielleicht hilft es euch.«
»Willkommen in der Gemeinschaft!«, hörte Katolnigg die kreischende Stimme des Täters. »Na, Todesernst, wie viele stehen auf eurer Abschussliste? Unsere Schülerzeitung, den Freireflex, habt ihr abgedreht! Ihr Schweinepriester habt mein Leben zerstört. Nun greift ihr überall nach der Macht. Nicht nur im Bischgym! Jetzt ist aber Schluss damit!«
Es knallte.
»Oh, mein Gott«, stammelte der Anrufer. »Er hat gerade den Direktor erschossen.«
»Spart euch die blöden Plakate mit dem ›Warum?‹«, krächzte die Stimme des Mörders.
Es krachte erneut.
Dann wieder.
Panisches Gebrüll.
Katolnigg tippte. Auf dem Bildschirm tauchte in dem Feld, das den Vorfall beschrieb, ein Wort auf.
Amok.
Ein Maunzen zog Sabrina Mara aus der Traumwelt. Die Katze setzte die Massage auf Sabrinas Brust fort.
»Ginger, ich hab doch heute frei«, sagte Sabrina verschlafen zu dem rot getigerten Kater und drehte sich um. Zugleich wurde ihr klar, dass der Versuch, sich die gemütliche Wärme des Schlafes zu erhalten, sinnlos war. Das Tier stupste schnurrend die Schnauze gegen ihre Nase. Dann spürte sie den sanften Stoß der Tatze an der Wange.
»Axel.« Sabrina tastete nach ihrem Freund. Ihre Finger gruben sich in das leere Laken. Beim nächsten Gedanken verschwand der Schreck. Ihr Schatz hatte Bereitschaftsdienst im Stützpunkt der Spezialeinheit Cobra.
Der Stubentiger setzte sich auf ihre Brust, schaute seinem Frauchen in die Augen und zwinkerte. Sie ließ die Hand über den Rücken des Tieres gleiten.
»Gleich gibt es Frühstück, Ginger.« Sabrina richtete sich auf. Sofort sprang die Mieze vom Bett herunter.
Sabrinas Weg führte sie zum Kühlschrank, aus dem sie eine Dose Nassfutter und ein Fläschchen Whiskas-Katzenmilch herausholte.
Die schneeweiße Tonic eilte mit hochgestrecktem Schwanz zu ihrem Bruder in die Küche und schmiegte sich an Sabrinas Beine. Ein Schnurren begleitete das Absetzen des Futters.
Wie würden die Katzen reagieren, wenn sie ein Kind von Axel bekäme? Würde es von ihr die schokobraune Haut erben, die ihr Schatz an ihr so wunderschön fand? Bei dem Gedanken an Nachwuchs huschte ein Lächeln über ihre Lippen.
Handyklingeln störte Sabrinas Ausflug in die Zukunft. Sie eilte ins Schlafzimmer und nahm das Gespräch an.
»Mara, aus dem freien Tag wird heute nichts.« Es war Kurt Hutnagl, ihr Vorgesetzter in der Gruppe Leib und Leben im Landeskriminalamt Steiermark.
»Warum?« Sabrina Mara setzte sich auf den Bettrand.
»Verbrecher halten sich leider nicht an unseren Dienstplan.« So angespannt hatte sie ihren Chef selten erlebt. »Und schon gar keine Amokläufer. Ich brauche Sie, und zwar sofort.«
»Wo?« Sie kramte in der Schublade des Nachtschränkchens nach Notizbuch und Kugelschreiber.
»Im Bischöflichen Gymnasium! Die Cobra klärt es ab. Mara, wo sind Sie gerade?«
»Zu Hause.«
»Dann wird’s Zeit, dass Sie sich auf den Weg machen. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten am Hasnerplatz vor der Pädagogischen Hochschule. Ich warte im Einsatzleitwagen auf Sie.«
Ein Klicken signalisierte, dass Hutnagl das Telefonat beendet hatte.
Ihre Halsschlagader pochte. Musste Axel auf ein bewaffnetes Kind schießen, um andere zu retten? Natürlich gehörte auch das zum Job der Spezialkräfte, aber so etwas wünschte sie niemandem. Schon gar nicht ihrem Freund.
Sabrina seufzte und erhob sich. Nach einer Katzenwäsche schälte sie sich aus dem Pyjama und schnappte sich eine frische Hose und eine weiße Leinenbluse aus dem Kleiderschrank. Vor dem Schrankspiegel justierte sie mit einer Rundbürste die gestern gelegte Wasserwelle nach und verteilte etwas Haargel auf die schwarzen Haare. Auf das Rouge noir auf den Lippen und Mascara auf den Wimpern musste sie verzichten. Ebenso ließ sie das Parfüm links liegen, stattdessen griff sie zum Deo und gönnte sich zur Erfrischung ein paar Spritzer.
Im Flur ignorierte Sabrina das Boot, mit dem sie heute auf der Mur paddeln wollte, und schlüpfte stattdessen in ihre Ledermokassins. Dann schnappte sie sich die Handtasche, verstaute Notizbuch, Kuli und Smartphone darin und machte sich auf den Weg.
Sabrinas Puls beschleunigte sich etwas, während sie vom Gaspedal stieg. Durch die Windschutzscheibe sah sie eine Menschentraube an der Haltestelle der Linien vier und fünf. Dass die Leute vor der Pädagogischen Hochschule nicht auf die nächste Straßenbahn warteten, erriet sie auf den ersten Blick. Manche hielten ihre Handys an die Ohren. Andere versuchten mit wilden Gesten, die Polizisten davon zu überzeugen, sie wenigstens auf den Hasnerplatz zu lassen.
Sabrina ließ die Fensterscheibe runter, nahm die Kokarde in die Finger und glitt auf die Kollegen zu. Diese nickten und wiesen sie mit der Kelle an, nach links abzubiegen. Wenig später fuhr sie an mehreren Blaulichtwagen vorbei und parkte ihren meeresblauen Golf hinter einem Rettungswagen.
Sie stieg aus, eilte zum Befehlskraftwagen und klopfte an die Tür.
Die Schiebetür des VW-Busses öffnete sich quietschend. Der Geruch von Aftershave drang in ihre Nase. Das Logo von Raumschiff Enterprise auf dem roten T-Shirt fiel ihr sofort auf. Dass der Kriminaltechniker die Star-Trek-Welt seiner Jugendjahre nie verlassen hatte, überstieg ihr Verständnis. Wie konnte ein Dreißigjähriger, dem die blonden Haare ausdünnten, noch immer meinen, ständig Scotty spielen zu müssen? »Willkommen an Bord, Lieutenant Uhura«, grüßte er. Fehlte nur noch, dass Christof Istel salutierend die Hand an die hohe Stirn hob.
Im Gegensatz dazu spiegelte sich in Hutnagl die Gefahr, welche die Lehrer und Schüler des Bischöflichen Gymnasiums bedrohte. Die hellblauen Augen strahlten nicht die übliche Zuversicht aus. Im Gegenteil verstärkten das grau melierte Kopfhaar und der schwarze Schnauzer den besorgten Blick. Wie gewohnt trug Hutnagl das weiße Seidenhemd, doch die blaue Krawatte samt Nadel mit der emaillierten Muschel fehlte.
»Willst du dich zum Chief Petty Officer setzen?« Istel zeigte auf einen knapp Sechzigjährigen in Uniform. Die Rangabzeichen wiesen ihn als Chefinspektor aus.
Sabrina nickte und ließ sich auf dem freien Sitz bei der weißen Tafel nieder, während Istel neben ihrem Chef Platz nahm.
Hutnagl deutete mit seinem kantigen Kinn auf den Chefinspektor. »Teuschl, wie sieht es mit der Abriegelung aus?«
»Weiträumig abgesperrt. Für den gibt’s kein Entkommen, falls der noch drin ist.«
»Gut.« Hutnagl presste seine schmalen Lippen zusammen, sodass sie sich zu einem Strich verkleinerten.
»Haben wir schon einen Platz für die Pressefritzen?«, warf Sabrina ein.
»Die Kreuzgasse«, antwortete der Chefinspektor. »Die kriegen einen Blick auf die Schule, und wir haben sie dort immer gut im Griff.«
»Wenigstens etwas.« Hutnagl seufzte. Er zog eine Dose Kautabak aus der Sakkotasche und umklammerte sie. »Ganz ehrlich, das schaut nach einer Amoklage aus. Wir wissen, dass der Täter im Lindenhof den Direktor erschossen hat. Dann ist er in das Schulgebäude zurück. Kurz darauf dürfte er eine Granate gezündet haben. Deshalb habe ich gleich die Cobra hineingeschickt. Und die haben auf der Toilette neben dem Haupteingang eine Sporttasche voll Munition und eine Bombe gefunden. Das Bombenkommando kümmert sich gerade darum. Und was können wir jetzt tun?« Hutnagl legte die Dose Kautabak auf den Tisch und öffnete sie. »Beten und Tabak kauen.«
Sabrina warf einen Blick auf ihre s.Oliver-Armbanduhr. Ein Amoklauf in einer katholischen Schule war das Allerletzte, was sie sich wünschte. Wie viele Mütter könnten bald ihre Kinder glücklich in die Arme schließen? Wie oft würde die schreckliche Aufgabe auf sie zukommen, gegenüber den Eltern das Unaussprechliche in Worte kleiden zu müssen? Wie viele Väter würden heulend zusammenbrechen? Niemand konnte das jetzt sagen. Auf ihrer Armbanduhr zog der Sekundenzeiger still seine Bahn.
Hutnagl nahm ein Stückchen Kautabak aus der Dose und legte es sich in den Mund. »Herr Istel«, wandte er sich an den Kriminaltechniker, »haben wir den Notruf von der Leitstelle schon erhalten?«
»Aye, Captain.«
»Können Sie ihn abspielen?«, fragte Hutnagl.
»Aye.« Istel öffnete das Notebook. Seine Finger flogen über die Tastatur. Wenig später ertönte aus dem Laptop das Telefonat, das zu dem Einsatz geführt hatte.
»Wir sind uns alle einig«, führte Hutnagl nach dem Soundfile aus, »dass Kaplan Birkner ein Spitzenzeuge ist. Ich will ihn als Erstes befragen.«
»… wenn er es überlebt hat«, murmelte der Chefinspektor.
»Wollen wir’s hoffen.« Sabrina seufzte. Solange sich die Cobra nicht meldete, konnte sie nur raten, wie viele Opfer der Amoklauf gefordert hatte. Falls es ganz blöd lief, dann würde ihr geliebter Axel das Bischöfliche Gymnasium als Leiche verlassen. Nie wieder würde sie dann den beruhigenden Unterton in seiner festen Stimme hören, nie mehr würde sie ihren Kopf an seine Schulter lehnen können, und der Zauber der Liebe würde für immer im Dunkel der Trauer verschwinden. Ihre Finger klammerten sich an die Tischplatte.
Hutnagl fuhr sich mit der Hand über die Haare, als wollte er sie frisieren. »Wie auch immer. Der Hasnerplatz wird unser Sammelplatz. Für die Befragungen brauchen wir einen geeigneten Raum.«
»Da fällt mir der Sozialraum drüben in der PH ein.« Mit vibrierenden Fingern deutete Sabrina zur Pädagogischen Hochschule. Sie grübelte. »Wenn wir Herrn Birkner vernehmen, wäre das Soundfile vielleicht hilfreich für uns.«
»Captain. Lieutenant Uhura. Ich überspiele es euch.«
Sabrina legte das Handy auf den Tisch, und Hutnagl tat es ihr gleich. Der Techniker stellte die Verbindung zu den Geräten her und startete die Übertragung. Dabei sprang ihr Istels Daumennagel ins Auge, der einen halben Zentimeter über die Fingerkuppe ragte. Vergeblich hatte sie sich bemüht, es ihm auszureden, denn Istel hielt es für sein Markenzeichen. Nach zwei Minuten war der Transfer fertig.
»Dachstein eins von Cobra eins, kommen«, krähte es aus den Lautsprechern.
Hutnagl nahm das Funkgerät in die Hand. »Dachstein eins hört.«
»Durchsuchung abgeschlossen und Objekt gesichert. Ein Toter, keine Verletzten, kein Tatverdächtiger. Kommen.«
Sabrina ballte die Faust und löste sie sofort wieder. Allein Axel über Funk zu hören, kam einer Frohbotschaft gleich, die ihresgleichen suchte. Was für eine Leistung der Cobra, dass es nur beim Mordopfer im Lindenhof blieb. Wow. Sie verdiente einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde, wenn man den Täter gefasst hätte.
»Evakuierung einleiten«, befahl Hutnagl. »Falls ihr auf einen Kaplan Birkner stoßt, meldet es mir.«
»Verstanden«, bestätigte Axel Kleingott.
Hutnagl legte das Funkgerät auf dem Tisch ab. »Wir haben ein Wunder erlebt. Der Allmächtige hat seine Schutzengel ausgeschickt und das Bischöfliche vor einem Blutbad bewahrt.«
»Aber den Täter hat er uns nicht geliefert«, konterte Sabrina.
»Der ist einfach rechtzeitig weg«, warf Chefinspektor Teuschl ein. »Das erklärt, wieso niemand verletzt worden ist und die Cobra auch keine Verdächtigen gefunden hat.«
»Oder er hat sich unter die Opfer gemischt, als er uns bemerkt hat«, mutmaßte Sabrina.
Hutnagl nickte. »Macht alles Sinn.« Er wandte sich an Istel. »Für die Untersuchungsstraße benutzen wir in der PH die Turnhalle. Schließen Sie …«
»Captain«, unterbrach ihn Istel, »auf den Sportdecks riecht es immer so nach Schweiß. Mir gefiele die Messe neben der Kombüse besser. Ich möchte bald mal was essen.«
Sabrina grinste. Kein Wunder, dass der Kriminaltechniker über so eine Körperfülle verfügte, wenn er dauernd nur ans Futtern dachte.
»Herr Istel, ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, dass die Untersuchungsstraße Platz braucht. Und wo haben wir den?«
»Ja, dann werden wir doch auf dem Sportdeck die Lehrer und Schüler nach Schmauchspuren von terranischen Waffen abscannen.«
»Istel«, fuhr Hutnagl den Kriminaltechniker an. »Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass wir hier nicht im Kindergarten sind? Bitte lassen Sie den blöden Captain bleiben, und machen Sie Ihren Job! Und geben Sie mir Meldung, wenn der Test bei irgendwem anschlägt. Haben wir uns jetzt verstanden?«
Istel starrte ins Leere wie ein nass gespritzter Kater. Dann nickte er.
»Und Sie, Frau Mara«, wandte sich Hutnagl an Sabrina, »kümmern sich um den Sozialraum.«
***
Das war knapp gewesen, so richtig knapp.
Er hatte es gerade noch nach draußen geschafft, als es geknallt hatte. Die mächtige Eichentür am alten Haupteingang hatte zwar gezittert, jedoch hatte sie der Druckwelle standgehalten. Kein einziger Splitter war auf die Grabenstraße geflogen. Niemand hatte die Explosion bemerkt. Die Autos waren so wie an jedem Tag gefahren.
Trotzdem hatte er weggemusst.
So schnell wie möglich.
Martinshörner. Bald hätte es von Bullen gewimmelt. Gleich wären sie in der Kreuzgasse aufgetaucht. Wenn er sich nicht aus dem Staub gemacht hätte, wäre er ihnen aufgefallen.
Die Polizeisirenen waren näher gekommen.
Er war höchste Zeit gewesen.
Losgestürmt war er über den Zebrastreifen.
Da hatte er seinem Instinkt vertraut.
Rechts hatte sich ihm ein Schlupfloch geboten. Er hatte nur den Fuß auf das Grundstück des Nachbargymnasiums in der Kirchengasse gesetzt, um aus der Gefahrenzone zu entkommen. Er war über den Parkplatz jener Schule auf die andere Seite gehuscht. Dort war er am Eingangstor stehen geblieben und hatte auf die Bergmanngasse gespäht.
Rasende Streifenwagen.
Blaulicht.
Martinshörner.
Ein schwarzes Ungetüm, eine Mischung aus Auto, Laster und Rammbock, war an ihm vorbeigeprescht. Aus dem Dach hatten zwei Köpfe mit Sturmhaube und Einsatzhelm hervorgeragt.
Cobra, übernehmen Sie.
Bei dem Gedanken hatte er grinsen müssen.
Sie hatten ihn keines Blickes gewürdigt.
Er hatte es geschafft. Es war alles nach Plan verlaufen.
Er hatte die Verkehrsader überquert, war einige Straßenzüge entlang weitergewieselt, bis das Jugendstilhaus am Ende der Grillparzerstraße aufgetaucht war. Das Eingangsgatter im Maschendrahtzaun hatte sich noch nie so leicht öffnen lassen wie diesmal. Es hatte nicht einmal gequietscht. Ein Zeichen, dass er den Sand im Getriebe seines Lebens beseitigt hatte.
Beschwingt hatte er die Haustür aufgesperrt, war in das Hochparterre geeilt und von dort aus über die Wendeltreppe in den zweiten Stock hochgerannt. Endlich hatte er die Tür hinter sich versperren können. Fürs Erste war er in sicheren Gefilden angekommen.
Im Flur seiner Wohnung sah er im Spiegel die Schweißperlen in seinem Gesicht. Die Haare fielen ihm chaotisch in die Stirn. Der Schweiß hatte dunkle Flecken auf dem T-Shirt hinterlassen. Auch die Hose hatte die Mission nicht unbeschadet überstanden. Aber das war jetzt egal.
Er schaltete den Radiowecker auf der Kommode ein. Antenne Steiermark spielte ein Lied. Vielleicht brachten Sie nach dem Song seine Heldentat zur Sprache.
Neben dem Radio ruhte eine Schachtel Parisienne, in der sich nur noch eine einzige Fluppe befand. Sie lag verkehrt herum in der Packung.
Die Glückszigarette.
Er holte sie hervor und ließ sich auf dem antiken Polstersessel, dem Kanadier, fallen.
»Wir spielen für Sie die aktuellen Hits. Nun kommt der neueste Superhit von Lady Gaga.«
Die kräftige Stimme der Sängerin trällerte über den Äther.
Hatte die Polizei ein Nachrichtenverbot verhängt? Wäre ja typisch, wenn sie ihn totschwiegen. Eine Nachrichtensperre hielt ihn nicht auf. Dafür sorgten allein Facebook, Twitter und die Videoportale. Sobald er die folgende Aktion startete, musste man darüber reden. Spätestens dann kehrte ihn niemand mehr unter den Teppich.
Ein Griff nach dem Feuerzeug erweckte einen Augenblick später die Flamme zum Leben. Kurz darauf glühte der Tabak auf. Wie schön, sich nach der erfolgreichen Mission zu entspannen. Die Zigarette half, das Lied abzuwarten.
Die letzten Takte verstummten.
Es durfte nicht wahr sein.
Ohne Kommentar spielten sie noch einen Song.
Sie versuchten, ihn zu ignorieren. Lächerlich. Eine SMS an den Medienmann reichte aus, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Doch galt es nun, den restlichen Glimmstängel zu genießen.
»Hier ist Antenne Steiermark mit einer Sondermeldung: Amoklauf im Bischöflichen Gymnasium. Die Cobra ist in die Schule eingedrungen und sucht den Täter. Wie viele Opfer die Tat gefordert hat, können wir noch nicht sagen. Wir werden Sie informieren, sobald es Neuigkeiten gibt. Bleiben Sie dran.«
Nichtssagend.
Dennoch konnte er einiges damit anfangen. Sie hatten soeben bestätigt, dass ihm Zeit blieb. Während die Cobra im Bischgym herumirrte, bereitete er sich in der Wohnung in aller Ruhe auf Phase zwei vor. Er dämpfte die Zigarette aus, erhob sich aus dem Armsessel und entledigte sich der schweißgetränkten Kleidung. Wie schön, ein letztes Mal den Teppichboden unter den nackten Füßen zu spüren und für eine Dusche ins Badezimmer zu schreiten.
Erstmals stand in der Kabine ein Held, der notfalls zum Sterben bereit war. Das Wasser prasselte auf seinen Körper, es massierte seine Schultern und floss die Arme hinab. Über die Finger lief es, ehe es sich an den Fingerkuppen sammelte und in die Duschtasse abtropfte.
Ich wasche meine Hände in Unschuld.
Das Warmwasser verlor an Kraft. Er drehte den Armaturenhebel nach rechts und genoss den wärmeren Strahl.
Noch verstand niemand, dass er in Wahrheit dem Bischgym gedient und es von Todesernst erlöst hatte.
Nach dem überraschenden Ableben des Vorgängers hatten sich Lehrer, Eltern und Schüler in einem Brief an den Bischof für den beliebten Chemieprofessor eingesetzt. War auch logisch, denn der hatte an die Talente in allen Jugendlichen geglaubt und sie motiviert. Todesernst hingegen hatte sogar nach dem Abitur den Vätern seiner »Lieblinge« gesteckt, dass sie zu blöd für ein Studium seien.
Todesernst hatte die Strippen in der Kirche gezogen, um sich selbst zum Direktor zu küren. Angeblich hatte der Chemiker auf den Posten verzichtet, um Administrator zu werden. Dabei wusste doch jeder, dass dieser Schritt genauso freiwillig wie die Teilnahme des Klosterschülers an der Klassenmesse gewesen war.
Keine Frage, er duschte sich in Unschuld.
Sanft trug er das Shampoo auf seine Haarpracht auf. Er schloss die Augen und wusch sich die Haare. Das Kraulen der Finger auf der Kopfhaut fühlte sich herrlich an. Das Wasserrauschen wirkte wunderbar entspannend. Frische verdrängte das abgekämpfte Gefühl. Er lauschte dem Prasseln der Tropfen in der Duschtasse.
Später öffnete er den Mund und ließ es in den Rachen regnen. Es füllte die Wangen aus. Dann schluckte er und nahm bewusst wahr, wie das Nass seinen Weg in den Magen fand. Es erquickte ihn.
Wasser des Lebens.
Bis gestern hatten alle unter Todesernst gelitten. Der Tyrann hatte das volle Programm gefahren, um so manchem den Alltag zu vermiesen. Aber heute war der Tag der Abrechnung gekommen.
Wasser des Todes.
Als Einziger in der Stadt besaß er es. Wenn er es über Graz regnen ließ, konnte er Tausenden ein qualvolles Ende bereiten.
Noch wusste das keine Seele.
Tabun hieß die letzte Option.
Der Feldzug hatte erst begonnen.
Paukenschläge, Trompeten und Trommeln aus dem Radio rissen ihn aus seinen Gedanken. Er drückte auf den Armaturenhebel, stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Aus dem Badezimmer eilte er ins Wohnzimmer.
Dramatische Hintergrundmusik begleitete die Worte der Sprecherin. »Antenne Steiermark hat das Programm geändert und informiert Sie laufend und aktuell über den Amoklauf im Bischöflichen Gymnasium. Unser Reporter Norbert Fink ist für uns live vor Ort. Hallo Norbert?«
»Hallo Michaela«, erwiderte Fink die Begrüßung.
»Es soll im Bischöflichen einen Amoklauf gegeben haben. Weißt du inzwischen mehr darüber?«
»Nun. Eine schwarz vermummte Person ist heute früh in das Bischöfliche Gymnasium eingedrungen. Der Täter hat im sogenannten Lindenhof das Feuer eröffnet und dürfte den Direktor erschossen haben. Ob es weitere Tote oder Verletzte gibt, kann man noch nicht sagen. Gerüchten zufolge hat der Täter auch eine Handgranate gezündet. Die Cobra ist bereits in die Schule eingedrungen, um den Amokläufer zu stoppen.«
»Was siehst du im Moment?«, hakte die Moderatorin nach. »Kannst du uns die Situation schildern?«
»Ich befinde mich gerade in der Grabenstraße vor dem Bischöflichen Gymnasium in Graz. Man sieht hier nichts außer Chaos. Es ist ein Blaulichtmeer aus vielen Rettungswagen, Notarztwagen, Polizeiwagen. Natürlich ist es auch schwierig für die Eltern, die besorgt sind um ihre Kinder. Die mit ihren Kindern in Verbindung stehen über Handy, die natürlich auch das Verkehrschaos mit verursachen. Ob es weitere Tote und Verletzte gibt, kann man derzeit noch nicht sagen. Ebenso weiß man noch nicht, ob sich der Täter irgendwo im Gebäude verschanzt oder die Flucht ergriffen hat.«
Triumphierend ballte er die Faust.
»Ist über den mutmaßlichen Täter irgendetwas bekannt?«
»Nein, aber ich versuche, Kontakt mit dem Pressesprecher der Polizei herzustellen. Doch hier ist ein derartiges Chaos. Ich habe ihn nicht ausfindig machen können, und rund um das Bischöfliche Gymnasium herrscht natürlich Ausnahmezustand. Moment«, Norbert Fink stockte, »ich erfahre gerade, dass man demnächst mit der Evakuierung beginnen will.«
»Antenne-Korrespondent Norbert Fink live vor dem Bischöflichen Gymnasium in Graz, wo sich heute früh ein Amoklauf ereignet hat. Wir halten Sie weiter auf dem Laufenden.«
Dafür sorge ich, ihr werdet heute noch weltberühmt.
Zeit für Phase zwei.
Über die Kleidung für die kommende Etappe brauchte er nicht lange nachzudenken. Gestern hatte er sie auf einem Hocker hergerichtet. Nach Slip, Socken und Bermudahose band er sich den Geldgürtel, mit dem er die Schlüssel transportierte, um den Leib. Darüber zog er sich ein T-Shirt, auf dem ein blaues Blitzsymbol prangte, an.
Hier konnte er, hier durfte er auf keinen Fall bleiben. Norbert Fink hatte es ihm soeben bestätigt. Die Cobra wusste es schon. Bald war auch das LKA darüber informiert, dass im Bischgym ein Todesritter den Tyrannen hingerichtet hatte. Spätestens wenn die Polypen das Foto fanden, kämen sie dahinter, wer Todesernst hingerichtet hatte.
Also nichts wie weg, bevor die Zeit ablief.
Das Smartphone blieb für eine ultimative Funktion auf der Kommode zurück. Stattdessen schnappte er sich den bereitgelegten USB-Stick. Im Flur schaute er mit Wehmut in die Wohnung. Hierher war er nach dem Abitur gezogen. Nun verließ er sie für immer.
Die Tür fiel mit lautem Hall ins Schloss. Raschen Schrittes lief er die Wendeltreppe hinab, bis er den Keller erreichte. Die allerletzte Fahrradfahrt seines Lebens stand auf dem Programm. Er schob das blaue Herrenrad durch die hintere Kellertür.
Nicht auffallen, ermahnte er sich. Dennoch beäugte er die Hecken auf beiden Seiten, die ihn vor neugierigen Blicken schützten.
»Hast du schon gehört?«, vernahm er eine Frauenstimme vom Grundstück nebenan. »Im Bischöflichen hat es einen Amoklauf gegeben.«
»Dass so etwas bei uns passiert«, antwortete eine andere Frau. »Ich mache mir solche Sorgen um den Rupert.«
»Um Gottes willen. Der geht ja dort zur Schule.«
Ignorieren!, befahl er sich.
Für einen Todesritter von Graz gab es heute noch viel zu tun. Er rollte seinen Drahtesel durch den überdachten Durchgang, schwang sich auf den Sattel und fuhr los.
Ein schmächtiger Mann betrat den Sozialraum, den Sabrina für die Befragungen in der Pädagogischen Hochschule organisiert hatte. Die rotbraunen Haarlocken auf der hohen Stirn und die blassbraunen Augen hinter der Nickelbrille verursachten ihr ein flaues Ziehen im Magen. Dazu trug er ein Hemd, das dem Klischee eines Theologen entsprach.
»Kontrollinspektorin Mara.« Sie schritt auf ihn zu, reichte ihm die Hand und fragte sich, wieso ihre Knie schlotterten. Ihr gegenüber stand schließlich keine wuchtige Finalgegnerin bei der Polizei-EM im Ringen, sondern sie hatte es mit einem traumatisierten Zeugen zu tun.
»Benedikt Birkner.« Der Händedruck fühlte sich seltsam an. »Ich bin Kaplan und Erzieher in unserem Bischöflichen Internat.«
»Kurt Hutnagl.« Sabrinas Chef zeigte nach dem Handschlag auf die modernen Bilder neben der Küchenzeile. »Dieses Gekritzel wird Sie doch nicht ablenken, oder?«
Kaplan Birkner lächelte. »Na, Picasso ist das keiner.«
»Auch kein Klimt. Bei mir zu Hause hängt ein Poster vom Lebensbaum.« Hutnagl wies auf die Sitzgarnitur. »Hochwürden, setzen wir uns.«
Birkner nickte. Er ließ sich auf dem Sofa vor dem zwei Meter hohen Fenster nieder.
»Zuerst brauchen wir Ihren Ausweis«, sagte Sabrina. »Wir werden Sie als Zeugen befragen.«
»Selbstverständlich.« Birkner zog seine Geldbörse aus der Hosentasche. Mit zitternden Fingern zupfte er das hellblaue Kärtchen hervor und übergab es ihr.
Er trug die Nickelbrille wie auf dem Foto. Die braunen Locken stimmten mit dem Bild überein, doch der Oberlippenbart war einer Rasur zum Opfer gefallen. Das Alter hatte Sabrina aufs Jahr genau richtig eingeschätzt; vor 35 Lenzen hatte er das Licht der Welt erblickt. Birkner ähnelte einem Pfarrvikar aus ihrer Kindheit in den Osttiroler Bergen.
»Sie sind also Magister Benedikt Birkner.« Sie schämte sich für den bibbernden Unterton in ihrer Stimme. »Woher stammen Sie?«
»Ursprünglich aus Gnas, seit meiner Jugend lebe ich in Graz. Ich habe in Graz Theologie studiert und vor zwei Jahren die Priesterweihe empfangen. Jetzt bin ich in unserem Bischöflichen Internat Kaplan.«
Die Stimme des Zeugen passte perfekt zu ihrer Kindheitserinnerung. Die Anspannung wollte sich nicht lösen. »Haben Sie Verwandte in Osttirol?«
»Nein.« Kaplan Birkner schüttelte den Kopf.
Reiß dich zusammen!, schien Hutnagl mit seinem Blick zu sagen. Bleib professionell.
Es holte sie aus ihrer Kindheit in den Osttiroler Bergen in die Grazer Gegenwart zurück. Sie reichte Birkner den Ausweis. »Wollen Sie einen Kaffee?«
»Habt ihr Wasser?« Kaplan Birkner verstaute die Ausweiskarte in seiner Geldbörse, die er wiederum in seiner Hosentasche verschwinden ließ.
Hutnagl zwinkerte ihr zu. »Mir bringen Sie bitte einen Schwarzen.«
»Kein Problem.« Sabrina schritt zur Kaffeemaschine. Mit seinem Augenzwinkern hatte ihr Vorgesetzter ihr zu verstehen gegeben, dass er die Vernehmung durchführen wollte. Ihr war das recht, denn das Störfeuer der Erinnerung an ihre Jugend in Osttirol hätte ihr die Arbeit enorm erschwert. Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete sie die Klappe der Kaffeemaschine, nahm die Kanne heraus und füllte die Tassen. »Chef, Sie trinken ihn mit zwei Stück Zucker, oder?« Sabrina übergab ihm die Schale und überreichte ihm den Würfelzucker auf einem Unterteller.
»Danke.« Hutnagl ließ die Zuckerwürfel in die dunkle Brühe fallen.
Sabrina schüttete etwas Milch in ihren Kaffee und goss Leitungswasser in das Glas für den Zeugen. Sie stellte die Getränke auf den Tisch und setzte sich neben Hutnagl auf das Sofa. Dann nahm sie ihr Handy aus der Handtasche, aktivierte die Diktierfunktion und legte es auf den Couchtisch.
»Heute ist der schlimmste Tag meines Lebens. Nicht nur als Erzieher, sondern vor allem als Priester und als Mensch.« Kaplan Birkner faltete seufzend die Hände. »Dass es ausgerechnet unser Bischöfliches Gymnasium treffen musste. Unglaublich, was der Irre uns angetan hat. Ich helfe euch, wie immer ich nur kann, ihn zu schnappen.«
Hutnagl zog das Notizbuch aus der Brusttasche seines Hemds. »Also, Hochwürden, dann fangen wir gleich mit Ihrer Hilfe an. Erzählen Sie uns so genau wie möglich, was Sie heute früh beobachtet haben. Lassen Sie sich ruhig Zeit. Jedes Detail kann absolut entscheidend sein.«
Kaplan Birkner hielt ein Weilchen inne und seufzte. »Ich wollte auf mein Zimmer gehen, um dort das Brevier zu beten. Auf dem Weg hab ich Frau Professor Kremser getroffen, die ins Konferenzzimmer wollte. Wir haben uns zuerst nichts dabei gedacht, als wir die Schülertraube vor den Fenstern zum Lindenhof gesehen haben. Dann haben wir ein Knallen gehört, und da haben wir gleich nachgeschaut.«
Der Zeuge formte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis. »Dort war ein maskierter Typ im Zorrokostüm. Er hat wie von Sinnen auf die Schüler und den Direktor eingebrüllt. Uns war sofort klar, dass die Sache richtig gefährlich wird. Also hat Professor Kremser die Kinder schnellstens vom Fenster verscheucht und sich mit ihnen im Biologiesaal nebenan verbarrikadiert. Ich habe dann den Notruf gewählt und mir gedacht, dass ich euch helfe, wenn ihr das Gebrüll des Täters mithören könnt.«
»Ja, das hat funktioniert«, Hutnagl deutete mit dem Kinn auf Sabrina, »wir werden darauf noch zurückkommen. Wie ging es weiter?«
»Tja.« Kaplan Birkner verschlug es die Stimme. Er griff nach dem Wasserglas. »Er hat den armen Herrn Direktor gezwungen, vor dem Altar auf die Knie zu fallen. Er hat eine Tirade losgelassen und dann … «, die Lippen des Klerikers bebten, »… dann hat er ihn eiskalt erschossen. Er hat irgendwas Flaches in den Kragen der Leiche gesteckt und dann ist er in Richtung Grabenstraße weggelaufen. Wer noch dort war, ist in die entgegengesetzte Richtung gerannt. Keine Sekunde zu früh. Kurz danach hat es irrsinnig laut geknallt, sodass das Glas der Tür zum Lindenhof zerborsten ist. Da war ich mir sicher, dass der Typ Amok läuft.«
Kaplan Birkner wartete einige Momente und stieß einen Seufzer aus. »Gott sei Dank ist dann nichts mehr passiert. Da hat der Herr die himmlischen Heerscharen zu uns geschickt.«
»Stimmt.« Hutnagl blickte einen Augenblick lang zu Sabrina. »Ich habe das vorhin mit meiner Kollegin besprochen.«
Nicht schon wieder! Sabrina verdrehte die Augen.
»Hochwürden«, Hutnagl blätterte in seinem Notizheft zu einer leeren Seite, »haben sie eine Idee, was den Mörder dazu bewogen haben könnte, ausgerechnet den Lindenhof als Tatort zu wählen?«
»Ja, allerdings.« Ein kurzes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Zeugen. »Bei uns steht stets der gelebte Glaube im Mittelpunkt. In der Fastenzeit bieten wir den Schülern ein Mal in der Woche die Möglichkeit, vor dem Unterricht die heilige Messe in unserer Gemeinschaft zu feiern. Meist zelebrieren wir sie in der Schulkirche, aber wenn das Wetter es uns erlaubt, weichen wir dafür ab und zu in den Lindenhof aus. Auf der Pinnwand hinter dem Haupteingang geben wir bekannt, wo die Fastenmesse stattfindet.«
»Wann und wie wird das entschieden?«, fragte Sabrina.
»Manchmal leg ich das fest«, antwortete Kaplan Birkner, »aber meistens der Spiritual.«
»Wer ist denn das?« Ihr sagte der Begriff gar nichts.
Hutnagl hob den Zeigefinger. »Mara, das kommt von dem lateinischen Wort Spiritus. Es hat aber nichts mit dem Fusel zu tun, sondern damit ist ein Geistlicher gemeint. Er ist mit einem normalen Pfarrer vergleichbar, nur dass er eben als Seelsorger für dieses Haus zuständig ist.«
»Schön erklärt«, lobte Kaplan Birkner.
»Wer hat diesmal die Entscheidung getroffen?«, hakte sie nach.
»Unser Spiritual.«
»Wann?« Sabrina roch die erste Fährte.
»Gestern am späten Nachmittag. Am frühen Abend habe ich mit meiner Gruppe den Altar für den Gottesdienst gestaltet.«
Hutnagl nahm den Kugelschreiber in die Hand und drückte zwei Mal auf den Knopf. »Ist Ihnen etwas aufgefallen?«
Kopfschütteln.
»Also gut, Herr Kaplan, kommen wir nun zum Mitschnitt Ihres Notrufs. Mir geistern da ein paar Fragen durch den Kopf.« Hutnagl zog sein Handy hervor und spielte die Aufnahme ab.
»Willkommen in der Gemeinschaft«, bemerkte Sabrina nach dem Ende der Sequenz. »Was könnte der Täter damit gemeint haben?«
»Entschuldigung.« Birkner nahm die Brille ab und legte sie auf den Couchtisch. Mit einem Papiertaschentuch wischte er sich eine Träne aus den Augen. »Der Direktor hat auf Pünktlichkeit bestanden. Oft musste er die Schüler ermahnen. Dafür hat er gern auch diesen Spruch benutzt.«
»Herr Kaplan, fällt Ihnen spontan jemand ein, der notorisch zu spät kam?«
Der Erzieher setzte sich nach Hutnagls Frage die Brille wieder auf. »Da hat es durchaus ein paar Kandidaten gegeben, aber eines sage ich euch gleich. Von denen kommt keiner infrage. Wissen Sie, in unserem Augustinum legen wir in allen Institutionen Wert auf Achtung und Ehrfurcht. Wir lösen die Probleme auf Basis des Evangeliums. Sollte sich jemand nicht an die Grundregeln des christlichen Miteinanders halten, wird er bei uns nicht alt.«
»Verstehe.« Sabrina hatte keine Ahnung, warum die Präsenz dieses Priesters sie geistig in ihre Kindergartenzeit zurückversetzte und ihr so die Luft zum Atmen nahm. »Er hat von Schweinen geredet«, presste sie ihre Frage hervor. »Wen könnte er da noch gemeint haben?«
»Wahrscheinlich war er wütend auf die Professoren und Präfekten«, sagte Birkner.
»Er hat aber gesagt: Ihr Schweine greift überall nach der Macht«, sagte sie. »Gibt es irgendjemanden in Ihrem Haus, der in einem Parlament sitzt oder dafür kandidiert hat? Oder der sich sonst irgendwie politisch engagiert hat?«
»Nein.« Birkner lachte auf und schüttelte den Kopf. »Machtgier ist in unserem Augustinum etwas völlig Fremdes. Als christliche Erzieher bemühen wir uns, Bescheidenheit vorzuleben.«
»Der Täter hatte das Opfer Todesernst genannt«, hakte Hutnagl nach. »Warum?«
»In unserer Gemeinschaft haben wir es auch mit pubertärem Protest zu tun. Leider brauchen manche länger, um den Geist unseres Hauses zu begreifen. Der Direktor war bei der Leistungsbeurteilung sehr streng. Wenn der Schüler den Stoff nicht beherrschte, gab er in Einzelfällen sogar in Religion eine Fünf. Da meinen einige Außenseiter, unseren Direktor so nennen zu können. Sie suchen die Schuld beim Professor anstatt bei sich. Das verstehen Sie doch, oder?«
»Hochwürden«, bohrte Hutnagl weiter. »Vermuten Sie, dass es ein Schüler war?«
»Die verzerrte Stimme habe ich eindeutig erkannt.«
»Mmh«, brummte ihr Chef. »Haben Sie einen konkreten Verdacht?«
»Sie gehört dem Sprecher des Internetvideos. ›Warum!‹ heißt es.« Birkner klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. »Vor zwei Jahren haben wir euch auf diesen Drohfilm hingewiesen.«
»Ja, wir haben uns damit beschäftigt.« Hutnagl fuhr mit der Hand über seine Haare.
»Eine einzige Amokdrohung.« Birkner hielt einige Augenblicke inne. »Mir kommt es so vor, als hätte ich dieses Machwerk erst gestern gesehen. Es verherrlicht die Massenmörder von A bis Z und bezeichnet sie als heilige Amokläufer. Man stelle sich das mal vor. Das haben wir sofort YouTube gemeldet. Die haben es gleich vom Server genommen und den Account gesperrt. Und ich sage euch: Dem traue ich alles zu. Noch mehr Morde oder Wilderes. Der macht einen Rachefeldzug gegen unsere Professoren und Erzieher. Aber wieso muss immer erst was passieren, bis die Polizei endlich eingreift?«
»Hochwürden«, entgegnete Hutnagl. »Wir haben sofort nach dem Urheber des Videos gesucht. Leider umsonst.«
»Für YouTube«, warf Birkner ein, »braucht man ein Google-Konto. Ihr müsstet doch den Urheber des Videos ermitteln können, oder? Das kann ja nicht so schwer sein.«
»Der war nicht blöd«, konterte Sabrina. »Er hat natürlich ein Pseudonym benutzt, oder glauben Sie wirklich, dass er Thunderbolt heißt?«
»Warum habt ihr unser Augustinum nicht observiert?«, warf er der Kripo vor.
»Haben wir«, erwiderte Hutnagl. »Der Verdacht, dass mehr hinter dieser Drohung steckt, hat sich jedoch nicht erhärtet.«
Es klopfte.
»Herein«, sagte Hutnagl.
»Ich habe es nicht eher geschafft.« Die Staatsanwältin betrat den Raum und reichte keuchend dem Zeugen, Hutnagl und Sabrina die Hand. »Opitz.« Sie brachte ihren Namen kaum hervor.
»Falls Sie durstig sind«, Sabrina deutete auf die Kästen oberhalb der Küchenzeile, »die Gläser stehen da oben.«
»Danke.« Die Staatsanwältin schnappte sich ein Wasserglas und setzte sich auf die Couch. Langsam nahm das Schnaufen ab. Ihre Brille rutschte etwas nach unten, sodass ihr Gesichtsausdruck trotz des schwarzhaarigen Pagenschnitts an eine strenge Lehrerin erinnerte. »Könnt ihr mich bitte auf den aktuellen Stand bringen?«
Hutnagl berichtete, was man bereits über den Mord wusste, und legte danach für einen Moment die Hand auf die Schulter des Zeugen. »Wir sollten den Herrn Kaplan in die Tatortbesichtigung einbinden. Er hat in der brenzligen Lage die Nerven bewahrt und uns zugleich Beweismaterial geliefert. Er ist ein Tatzeuge, wie man ihn sich nur wünschen kann. Außerdem kennt er das Haus wie niemand sonst.«
Opitz rückte ihre Brille zurecht. »Keine schlechte Idee.«
Ein strahlendes Lächeln huschte über Birkners Gesicht. Sein Daumen und Zeigefinger deuteten eine Lupe an. »Ich habe auf die wesentlichen Details geachtet. Sie werden sehen, dass Gott mir ein Adlerauge geschenkt hat.«
Das hatte noch gefehlt. Dieser Eifer war die Garantie für Spurenvernichtung. Welcher Teufel hatte die Staatsanwältin geritten, dass sie dem zustimmte? Nicht nur die Pater-Brown-Ambitionen setzten Sabrina zu. Erneut drifteten ihre Gedanken zu jenem Tag, an dem sie heulend an der Tür zu ihrem Elternhaus gestanden hatte. Damals hatte Mama sie aufgerichtet. Doch mit den Bildern aus ihrer Kindheit im Kopf vermochte sie kaum professionell zu arbeiten. Sie beschloss, das Problem elegant zu lösen.
»Herr Birkner«, Sabrina bemühte sich um eine freundliche Miene, »fühlen Sie sich denn imstande, zum Tatort zurückzukehren? Ich sage es Ihnen ganz ehrlich. Es könnte zu viel für Sie sein.«
»Leicht ist es nicht für mich.« Birkner atmete tief ein. »Aber ich muss alles tun, damit der feige Mörder hinter Schloss und Riegel kommt.«
»Nun gut«, Opitz griff an ihren Ohrschmuck. »Halten Sie sich bitte genau an unsere Anweisungen.«
»Selbstverständlich«, antwortete Kaplan Birkner.
Hutnagl räusperte sich. »Dann gehen wir’s an. Ich gebe dem Amtsarzt Bescheid.«
***
Die Leute hielten ihn für einen harmlosen Radfahrer, und das war gut so. Die letzten Meter führten ihn an den Fuß des Ruckerlbergs. Schwer atmend stieg er am Ziel von seinem Fahrrad ab. Setzte ihm etwa die beginnende Steigung zu, oder lag es an den Zigaretten?
Völlig egal.
Die Gartentür quietschte. Den Stainzer Hartgneis entlang spazierte er, ein Todesritter von Graz, auf den Eingang der zwei Stockwerke hohen Villa zu. Griechische Säulen trugen eine Veranda, deren Geländer aus Stein das noble Flair der Gründerzeit versprühte. Über dem Balkon umrahmten Kringel aus Gips ein vierteiliges Wappenschild. Im ersten Feld prangte ein weißes Kreuz auf karminrotem Hintergrund. Im Quadrat daneben schien die Sonne über den verschneiten Bergen. Links unten leuchteten die goldenen Weintrauben über der hellroten Fläche. Das letzte Viertel enthielt ein schnörkeliges Monogramm, das in dunklem Rot in den Schnee gezeichnet war. Der Schriftzug über dem Schild verriet, wem das Domizil gehörte:
Franziscenhaus.
Neben dem Eingang fiel ihm erstmals seit Langem die verdreckte Messingtafel auf. Ein Eingeweihter kannte die Inschrift, doch ein Besucher hatte es schwer, den Text zu entziffern:
Katholische Akademische Hochschulverbindung
Franzisca zu Graz,
Gegründet am
6. Juni 1954
Er überschritt die Schwelle. Eine Mischung aus kaltem Rauch, verschüttetem Alkohol und muffigem Holz stieg ihm in die Nase.
Der Geruch hatte sich seit seinem allerersten Besuch der Bude nie verändert. Damals hatten ihn die Studienkollegen ausgelacht, nachdem er den Dufflecoat am Blumenornament des Treppengeländers aufgehängt hatte. Nur sein bester Freund hatte nicht mitgewiehert. »Nimm es nicht so tragisch«, hatte der zu ihm gesagt, den Mantel genommen und ihn auf einen Haken an der Garderobe gehängt. Sie waren zum Festsaal im ersten Stock geschlendert. Nach ein paar angenehmen Gesprächen war das peinliche Gefühl verschwunden. Bald hatte es ihm gedämmert, dass auf der Franzisca ein wertschätzendes Miteinander herrschte.
»Omnes ad loca! Omnes surgite zum Einzug der Chargierten!« Mit jenem Satz startete das legendäre Studentenfest, das sie Kneipe nannten. Die Kostüme der Vorsitzenden der Veranstaltung erinnerten an die Uniformen aus den Tagen Napoleons. Mit dem Schlagen von stumpfen Fechtwaffen auf den Tisch sorgten sie vor jedem Lied für Ruhe. Anfangs war es ihm bizarr erschienen, doch im Lauf des Abends fand er Gefallen an den Ritualen. Das gemeinsame Feiern von Studenten und namhaften Personen aus Politik und Wirtschaft faszinierte ihn. Mit einem hohen Tier von der Kripo oder einem Vorstand einer Großbank einen Krug zu stemmen, verlieh dem Zeremoniell etwas Magisches. Am Ende des Events hatte er die Entscheidung gefällt und das Aufnahmegesuch unterzeichnet.
Hier in diesem Haus hatte seine Reise begonnen, die ihn zu einem Todesritter gemacht hatte. Dennoch hatte er die Unterschrift nie bereut. Im Lauf der Zeit inspirierten ihn die Bargespräche mit wichtigen Leuten, die man in der Verbindung als Alte Herren bezeichnete. Laufend war sein Stolz gewachsen, ein aktiver Bursch der Franzisca zu sein. Passend zu der Überzeugung, ein waschechter Couleurstudent zu sein, marschierte er zum Klubraum auf dem Dachboden hinauf, wo er an der Bar das letzte Budenbier zapfte. Langsam floss der Gerstensaft in das Bierglas. Dann stellte er das Glas ab, schlenderte zum Radio und schaltete es ein.
Eine Fanfare verkündete ihm, dass er es im richtigen Moment getan hatte.
»Hier ist Antenne Steiermark mit den neuesten Entwicklungen zum Amoklauf im Bischöflichen Gymnasium! Der Täter befindet sich auf der Flucht. Vor einer Stunde war die Lage noch sehr unübersichtlich. Unser Reporter Norbert Fink berichtet für Sie live vor Ort. Norbert, weiß man inzwischen schon mehr?«
»Nun. Die Gerüchteküche brodelt, aber es kristallisiert sich heraus, dass der Direktor ums Leben gekommen ist. So, wie es aussieht, hat die Tat wie durch ein Wunder keine weiteren Opfer gefordert. Dass vor allem die Eltern erleichtert sind, ist überall zu spüren. Durch das rasche Einschreiten der Cobra konnte wahrscheinlich Schlimmeres verhindert werden.«
Sie hatten null Ahnung, worum es ging. Bald würde er noch eine Botschaft senden, die den Medien mehr Klarheit über den sogenannten Amoklauf brachte.
»Wissen wir schon etwas über den Täter?«, fragte die Nachrichtensprecherin.
»Es dürfte ein männlicher Täter sein. Sein Alter ist momentan unbekannt. Ob er Schüler dieser Schule ist oder war, weiß man zurzeit auch noch nicht. Man vermutet, dass er im Umkreis des Bischöflichen Gymnasiums untergetaucht ist. Es wurden auch Straßensperren errichtet. Die Polizei bittet, zu Ihrer Sicherheit im Raum Graz keine Anhalter mitzunehmen.«
»Ich fahre nie Autostopp!«, murmelte der Todesritter.
»Gibt es Möglichkeiten für die Eltern der Schüler dieser Schule, an Informationen zu gelangen, die darüber hinausgehen?«, fragte die Moderatorin.
»Nun«, sagte Norbert Fink. »Es herrscht noch immer Chaos hier. Das Gebäude müsste inzwischen zur Gänze durchsucht worden sein. Soeben wird mir gemeldet, dass die Evakuierung begonnen hat. Die Schüler und Lehrer werden vorläufig in der benachbarten Pädagogischen Hochschule untergebracht. Die Polizei will um halb zehn Uhr in der Kreuzgasse eine Pressekonferenz geben. Eventuell erfahren wir da Näheres darüber, was die Eltern tun sollen.«
»Sobald wir mehr wissen, bringen wir Sie sofort auf den neuesten Stand. Antenne Steiermark hat das Programm geändert und berichtet laufend und umfassend über das Bischöfliche Gymnasium, wo es heute einen Amoklauf gegeben hat. Nun zu den weiteren Nachrichten …«
Es lief alles bestens. Das Glück musste er sich erhalten. Er nahm das volle Bierglas, gönnte sich einen großen Zug und stieß einen Genussseufzer aus.
Mit dem Bier in der Hand trottete er zum Rechner. Dort trank er einen weiteren Schluck und stellte das Glas auf dem Computertisch ab.
Nach dem Hochfahren des Computers steckte er den mitgebrachten USB-Stick in den dafür vorgesehenen Anschluss. Alles klappte, wie es sollte. Er loggte sich auf dem exotischen Videoportal ein. Gott sei Dank war der Account dort bislang unversehrt geblieben. Auch das Hochladen lief wie am Schnürchen. Bald würde die Welt verstehen, worum es ging. Mit einem Mausklick startete er die Videobotschaft.
Der Trauermarsch aus dem Musical Evita dröhnte aus den Lautsprechern. Beim Anblick einer Reihe von Grabkerzen inmitten eines Teppichs aus Blumen, musste er lächeln. Dazwischen tauchte immer wieder ein Foto oder eine Engelsfigur auf. Dauernd garnierten selbst gebastelte Plakate den Kitsch des Gedenkens. Darauf las er stets das gleiche Wort.
WARUM?
»Servus!«, sagte eine Frauenstimme hinter ihm.
Er erschrak. Die kannte er nur zu gut. Beim letzten Mal hatte sie nicht sehr freundlich geklungen.
Gleichzeitig drückte er auf die Tasten ALT und F4.
Der Webbrowser verschwand. Auf dem Monitor war nur noch das Verbindungswappen zu sehen.
Er drehte sich zu ihr um.
Hier stand sie, die Dunkelblonde mit den schulterlangen Haaren, und sah ihn unschuldig an. Wie immer war sie wie eine Schaufensterpuppe für Sommermode mit Schminke und Schmuck herausgeputzt.
»Habe ich dich erschreckt?«
Jenny, was soll die blöde Frage?
»Nein«, antwortete er. »Warum?«
Sie lächelte und legte die Handtasche auf die Bartheke. »Wieso so schüchtern?«
Hoffentlich hatte sie nicht bemerkt, welches Video er gerade am Rechner ansehen wollte. Er erhob sich, nahm das Bierglas vom Computertisch und ging auf die Bar zu. »Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.«
»Ich hätte nie gedacht, dass wir uns auf der Verbindung wiedertreffen«, sagte sie. »Netter Zufall, gell.«
»Stimmt, netter Zufall«. Er stellte das Glas auf der Theke ab, eilte zum Radio und schaltete es aus. Wenn Jennifer Stefanetz die Meldung aus dem Bischöflichen Gymnasium hörte, käme garantiert die Diskussion auf, wer der Mörder wäre. Kein Todesritter durfte sich in dieser heiklen Phase der Mission auf so etwas einlassen.
Jetzt konnte er ein Lächeln riskieren. »Willst du etwas trinken?«
»Machst du mir einen Cappuccino?«, flötete sie.
»Klar doch.« Er startete die Kaffeemaschine. »Wie lange bist du schon auf der Bude?«
»Ich bin gerade erst gekommen. Wieso?«
»Egal, ist nicht so wichtig.«
Das Mahlwerk hörte auf zu brummen; es folgte ein Klacken und Piepsen. Er holte die Tasse von der Tropffläche. Seine Hände zitterten, als er sie vor ihr abstellte. Beinahe hätte er etwas Kaffee verschüttet. Auf den Handflächen hatte sich dieser verfluchte Schweißfilm gebildet. Mit einer Papierserviette wischte er sich diskret die Finger ab.
»Warum so nervös? Ich beiße doch nicht.«
»Es ist alles okay.«
»Du wirkst aber angespannt. Ist doch ein schöner Tag.«
Ob es sich um einen guten oder schlechten Tag für einen Todesritter handelte, hing vom Erfolg seiner Mission ab. Und der fußte darauf, wie lange er sich mit dieser Kuh herumschlagen musste.
Jennifer nahm den ersten Schluck. »Das alles erinnert mich an Peter.« Sie seufzte.
Diskret sah er auf Jennys Armbanduhr. Noch blieb ihm Zeit bis zur nächsten Station des Feldzugs. Allerdings musste er darauf achten, dass er sie rechtzeitig von der Verbindung wegbrachte.
»Das tut mir leid.«
»Ich sage dir, am Anfang war er ein süßer Kerl, aber nachdem wir zusammengezogen sind, ist es richtig schlimm geworden mit ihm. Nicht einmal drei Monate nach der Hochzeit bin ich in unserer Wohnung auf Peter und eine seiner Affären gestoßen.«
Sie trank einen Schluck. »Er hat sich nicht einmal dafür geschämt. Hat mir vorgeworfen, dass ich ihm dauernd nachspioniere. Dass ich schuld daran bin, dass es so weit gekommen ist. Der hat mir eiskalt gesagt, dass es aus ist, und hat mich rausgeschmissen. Dabei habe ich geglaubt, dass ich meinen Seelenpartner gefunden hatte.«
Ihr Leid bewies, dass es höchste Zeit war, zu handeln. Der Todesritter trank einen Schluck Bier. »Betrügen kommt für mich nicht infrage. Dafür ist mir die Liebe viel zu wertvoll. Das habe ich dir schon vor sieben Jahren auf der Bude gesagt.«
»Stimmt. Du bist total anders. Das habe ich gleich gemerkt. Du verstehst mich wie sonst kein Mann.«
»Ich gebe mir alle Mühe.«
Jennifer nippte an ihrer Kaffeetasse. Auf ihre Fingernägel hatte sie einen Glitzerlack aufgetragen. »Was hat sich so bei dir getan? Arbeitest du noch bei Siemens?«
Die Weiber mit ihrem Gespür. Warum schnitten sie dauernd die unguten Themen an? Fehlte nur, dass sie nach Todesernst fragte.
Er griff zur Schale, führte sie zum Mund und nahm einen Schluck; der bittere Geschmack passte zu den Erinnerungen.
»Nein. Diese Firma ist schon Geschichte. War so eine blöde Intrige. Du glaubst nicht, was so ein Meeting bei Rotary ausmachen kann. Da haben mich ein paar Großkopferte beim Bereichsleiter schlechtgemacht. Dann hat der Abteilungsleiter mich in sein Büro zitiert. ›Wie geht es Ihnen?‹, hat der mich scheinheilig gefragt, um mich gleich darauf abzumahnen. Vierzehn Tage später hat der Personalchef mir gesagt, dass auch der Betriebsrat nichts gegen mein Ausscheiden hätte.«
Er stellte das halb volle Bierglas auf der Theke ab.
»Die Jobsuche danach war echt beschissen. Vielen Dank für Ihre interessanten Unterlagen, aber wir haben uns leider für einen anderen Kandidaten entschieden oder: Wir erlauben uns, Ihre Bewerbung in Evidenz zu halten«, zitierte er mit hoher Stimme aus den verlogenen Abfuhren. »Die haben nicht einmal die Eier zum Absagen. Entweder rumlügen oder gar keine Antwort geben. Acht Monate lang habe ich kämpfen müssen, bis ich endlich einen neuen Job gefunden habe.«
»Wo?« Jenny hob ihre Tasse und trank daraus.
Er ächzte. »Bei Ernst & Partner. Das ist der beschissenste Posten, den es überhaupt in der IT gibt. Die haben mir gleich am Anfang das Leben zur Hölle gemacht. Die wollen mich endgültig in den Abgrund stoßen. Aber ich habe die Gefahr erkannt und einen Nebenjob als Stadtführer gefunden.«
»Cool.« Jenny deutete auf die Kartons auf dem Tisch gegenüber der Bar. »Er hat meine letzten Sachen in diese Schachteln getan, und ich hole sie gerade ab. Da muss ich dir noch was zeigen. Da siehst du, was für ein Kotzbrocken der Peter ist.«
Er lächelte. Der Todesritter wusste das seit der Lumpenparty vor sieben Jahren, aber Jenny hatte dafür leider mehr Zeit gebraucht.
Sie kramte in ihrer Handtasche, holte ihr Handy heraus und tippte darauf herum. Dann hielt sie ihm die SMS von Peter vor die Nase.
Dein Zeug ist nun vogelfrei auf der Bude. Wer weiß, wann im Burschensalon das Schloßberglied gesungen wird?
»Ja, und?«, fragte er.
»Da sind die Leonardo-Weingläser dabei. Die hat mir mein Opa kurz vor seinem Tod zum Achtzehnten geschenkt. Hier will man sie als Biertulpen missbrauchen!« Sie legte das Smartphone auf der Bartheke ab.
»Ex und dann zerschellt das Glas«, murmelte er. Jedem steirischen Couleurstudenten war klar, was diese SMS bedeutete. Sobald eine Runde beim Studentenlied »Träumend sah vom Schloßberg nieder« an diese Zeile gelangte, flog oft manch gläserner Krug mit Wucht zu Boden.
»Wir müssen sie in Sicherheit bringen. Und zwar so schnell wie möglich«, führte er aus. »Heute heiratet Peter sogar kirchlich, und da sind alle Bundesbrüder nach der Messe zur Agape eingeladen. Da werden einige nachher angeheitert hierherkommen.«
»Peter hat so ein Talent, Leuten wehzutun.«
»Stimmt.« Es weckte in ihm eine schmerzliche Erinnerung. »Bei der Lumpenparty hat er sein wahres Gesicht gezeigt.«
»Da hast du mir so leidgetan.« Jenny packte das Handy wieder in ihre Handtasche. »Kann ich dich um einen Gefallen bitten?«
Er seufzte und trank einen Schluck. »Welchen?«
»Als Franzisce bist ja auch du eingeladen.«
»Ja, warum?«
»Weil ich mich um halb zwölf mit meinem Anwalt in der Alten Münze treffen werde. Du kannst Peter einen schönen Gruß von Dr. Posetto und mir ausrichten. Am besten im Dom! Sag ihm ruhig, dass ich ihn ausziehen werde bis aufs letzte Hemd.«
Wenn das kein Zeichen für einen Todesritter war. Diesmal musste er sich das Lächeln nicht abzwingen. Stattdessen zog er ein allerletztes Mal an der Parisienne. Die Freude über die gute Nachricht ließ er mitsamt dem Rauch in die Lungen strömen. Sein Feldzug hatte sich soeben wesentlich vereinfacht.
»Unser Haupteingang.« Kaplan Birkner deutete auf den dunklen Glasanbau vor dem Schulgebäude und stieß einen Seufzer aus. »Mir wäre es lieber, wenn ich euch unser Haus aus anderem Anlass zeigen dürfte.«
augustinum, las Sabrina.
Das fahle Grau der Taube sowie der Schriftzug auf dem schwarzen Glas verstärkten ihr Unbehagen. Es schien ihr, als zerquetschte ein harter Griff aus dem Nichts ihren Brustkorb, um ihr die Erinnerungen an ihren größten Fehler in den Kopf zu pressen.
Zusammenreißen!
Sabrina hielt die Luft an. Gemeinsam mit Hutnagl, Staatsanwältin Opitz, Kaplan Birkner und dem Amtsarzt marschierte sie auf den dunklen Glaswürfel zu. Die elektrischen Schiebetüren öffneten sich.
Der Campus lebt, las Sabrina die in Silber gehaltene Inschrift auf dunklem Hintergrund. Ein kurzes Lächeln huschte über ihre Lippen. Irgendwie skurril.
Hinter dem gläsernen Sarkophag erstrahlte die zwei Stockwerke hohe Eingangshalle im Tageslicht. In der Wand gegenüber führten zwei quadratische Durchgänge in den Gang dahinter. Auf der Etage darüber hatte man in gleicher Art die Vierecke in die Mauer gestanzt, sodass es wie ein riesiges Kreuz aussah.
Zwischen den Passagen stand die Pinnwand, die Birkner bei der Befragung erwähnt hatte. Auf einem DIN-A4-Zettel wiesen übergroße Buchstaben darauf hin, dass die Fastenmesse heute um 06:30 im Lindenhof stattfand.
Ein Mosaik aus Fliesen, das die Seitenwand ausfüllte, weckte Sabrinas Aufmerksamkeit. Welche Botschaft die bunten Flecken enthielten, blieb ihr jedoch verborgen.
»Das dürfte auch kein Picasso sein«, sagte Sabrina zu Hutnagl und deutete auf das Monumentalbild.
»Nein.« Kaplan Birkner seufzte. »Der Künstler hat es extra für unser Augustinum angefertigt. Es soll den ordnenden Geist über der Schöpfung darstellen. ›Brannte nicht unser Herz‹, hat er das Werk genannt. Entlehnt aus der Erzählung über die nach dem Tod Jesu verzweifelten Jünger auf dem Weg nach Emmaus.« Ein Seufzer folgte. »Es erinnert uns daran, dass wir auch in dieser schweren Stunde Jesus vertrauen dürfen.«
»Das gehört zum Glauben und ist Ihr Metier.« Mit Herzklopfen wandte Sabrina den Blick von dem Riesenmosaik ab. »Deswegen sind wir aber nicht hier. Sondern um einen Mord aufzuklären.«
»So ist es«, bekräftigte Hutnagl.
»Herr Oberstleutnant?!« Ein uniformierter Polizist kam durch den rechten Durchgang auf sie zu.
»Was gibt’s?«, fragte Sabrinas Chef.
»Die Cobra hat da drinnen eine Sporttasche voller Munition entdeckt. Dazu eine Bombe, Marke Eigenbau. Man würde meinen, dass er einen Amoklauf geplant hat.«
»Sieht so aus«, schloss die Staatsanwältin.
»Gott sei Dank ist es ihm nicht gelungen, seinen Plan in die Tat umzusetzen«, sagte der Amtsarzt.
Der Streifenpolizist beugte sich zu Hutnagl vor. »Nur, das Ding ist eine Attrappe. Sehr leicht zu erkennen. Die Sprengstäbe sind aus Styropor. Wir haben zur Sicherheit den Hund auf Sprengstoff schnüffeln lassen. Der hat nicht angeschlagen.«
Opitz entfernte sich einen Schritt von der Gruppe und kratzte sich am Ohr. »Möglich, dass der Mörder doch nicht Amoklaufen wollte.«
»Ist denkbar«, sagte Hutnagl.
»Höchstwahrscheinlich«, sagte der Kollege in Uniform.
»Wieso?«, fragte Sabrina.
»Weil die Patronen im Sportbeutel uralt sind«, antwortete der Polizist.
»Wie alt?«, hakte Sabrina nach.
»Baujahr 1934!«
»Wie bitte?«
»Die waren noch originalverpackt.«
»Jetzt machen’s aber mal einen Punkt.« Hutnagl verschränkte die Arme.
»Dann folgen Sie mir aufs Klo, wenn Sie es mir nicht glauben«, grantelte der Uniformierte.
»Okay.« Sabrina folgte dem Streifenpolizisten gemeinsam mit den anderen in den Gang hinter der Vorhalle. Mit einem Grinsen auf dem Gesicht öffnete der Streifenbeamte die Tür zur Herrentoilette.
Der Geruch von Desinfektionsmittel schlug ihnen entgegen. In der Toilette stand neben dem Waschbecken ein Schubwagen mit drei Ablagen. Auf der mittleren Ebene lag ein verschnürtes Rohrpaket, aus dem vier grüne Kabel ragten. Die Zeitanzeige auf der Digitaluhr verharrte auf 10:50. Man merkte der Bombe auf den ersten Blick an, dass es sich um eine Attrappe handelte.
Sabrina nahm den Pappkarton auf der oberen Stellfläche unter die Lupe. 25 Stück Steyr–Repetierpistolen-Patronen Kaliber 9 Millimeter, las sie auf dem verblassten, mit Altersflecken übersäten Etikett des Deckels. Fünfzehn Projektile steckten in Reih und Glied in der Packung, während zwei Kugeln lose darin herumrollten. Der Hülsenstempel zerstreute jeden Zweifel. Das eingestanzte H im Norden zeugte von der Waffenfabrik Hirtenberger als Hersteller. Im Süden verriet die Punze das Kaliber. Die Ziffern im Osten und Westen verkündeten das Produktionsjahr: 19 und 34.
»Es gibt nichts, was es nicht gibt«, sagte Sabrina.
»Altes Polizeimotto«, kommentierte Hutnagl.
»Stimmt«, fügte Opitz hinzu.
»Und die funktionieren noch?« Birkner deutete auf die Schachtel.
»Ja, Herr Kaplan«, erklärte Hutnagl. »Munition, trocken und fachgerecht gelagert, kann man auch nach hundert Jahren noch problemlos verschießen.«
»Glauben Sie mir jetzt?« Der Uniformierte wartete die Antwort nicht ab. »Auch die mutmaßliche Tatwaffe dürfte aus dem Museum stammen. Eine Walther P38 mit dem Firmenzeichen auf dem Verschlussstück. Haben wir selten. Das Logo wurde nur bis 1940 draufgeprägt.«
»Die sich wo befindet?«, fragte Hutnagl. Sabrina meinte einen aufgeregten Unterton in seiner Stimme zu hören.
»Dort, wohin der Täter wahrscheinlich geflüchtet ist.« Der Streifenpolizist wies in die östliche Richtung.
»Das dürfte der uralte Haupteingang in der Grabenstraße sein.« Hutnagl schien ein Weilchen zu überlegen. »Ich denke, wir statten dem einen Besuch ab. Damit wir keine Spuren vernichten oder selbst welche hinterlassen, gehen wir im Gänsemarsch. Ich bin so frei, ihn anzuführen. Sie, Herr Kaplan, folgen mir.«
»Ich überlasse den Damen gerne den Vortritt«, sagte Birkner.
Hutnagl deutete auf Sabrina. »Meine Kollegin wird auf Sie aufpassen, damit wir nicht unabsichtlich Spuren vernichten.«
»Selbstverständlich.«
So brav, so harmlos hatte auch der Pfarrvikar in ihrem Heimatdorf geklungen, wenn er sich mit den Eltern unterhalten hatte. Er hatte jedoch kein Problem damit gehabt, ihr auf dem Schulhof die Ohren lang zu ziehen. Vor allen Kindern hatte er gesagt, man müsse der Göre den Teufel austreiben.
»Ich werfe ein Auge auf Sie!« Endlich hatte Sabrina den richtigen Ton getroffen. Die schwelende Angst zerstreute sich.
»Wir werden das Schlusslicht bilden«, schlug die Staatsanwältin vor.
»Wie im Leben«, bemerkte der Amtsarzt. »Die Justiz kommt nach der Medizin.«
»Genau«, sagte Hutnagl. »Abmarsch.«
Momente später bog der Tross nach rechts in einen weiten Gang ab. Drei Reihen von Bildern säumten den Korridor bis zum Ende. Das erinnerte Sabrina an einen Film, den sie vor einigen Monaten im Fernsehen gesehen hatte. Den Club der toten Dichter hätte man genauso gut hier drehen können. Sie musste an die Szene im Film denken, in welcher der Lehrer die Schüler zu den Fotos früherer Jahrgänge führte.
Sabrina durfte sich nicht länger mit dieser Geschichte aufhalten, sondern musste auf Birkner aufpassen. Das ungute Gefühl verstärkte sich, dass er in seinem Übereifer bald Spuren vernichtete. Nach dem Flur erreichten sie hinter einer Glastür den Eingang, den die Schüler vor hundert Jahren benutzt hatten. Auch wenn die uralte Lobby renoviert worden war, erschien es ihr, als wäre die Zeit um 1900 erstarrt.
»Um Gottes willen!« Kaplan Birkner setzte zum Ausscheren aus dem Gänsemarsch an. »Die Theologie!«
Mit einem reflexartigen Griff an seine Schulter verhinderte Sabrina Schlimmeres. »Bleiben Sie in der Gruppe!«
Sabrina verstand sein Entsetzen. Die Handgranate hatte dem Wandgemälde bei der Explosion unzählige Wunden zugefügt. Zahlreiche Splitter hatten tiefe Kerben in das Gesicht, in das rote Kleid und den Thron geschnitten, auf dem die biedere Frauenfigur saß. An der Stelle, wo die Füße sein sollten, klaffte ein Loch. Die Explosion hatte auch die Säulen, die das Bild einrahmten, in Mitleidenschaft gezogen.
»Ja, das hat der Täter angehabt!« Kaplan Birkner zeigte auf den auf dem Boden liegenden Stofffetzen vor dem beschädigten Mosaik.
Die Granate hatte einen gewaltigen Krater in den Holzboden geschlagen. Von dem schwarzen Hut war nur ein Fetzen, vom Umhang ein Lumpen übrig geblieben. Die Plastikmaske hatte es in tausend Stücke zerrissen. Nur durch enormes Glück war es nicht zum Brand gekommen.
»Das dürfte die Waffe sein.« Hutnagl bückte sich über den Mülleimer.
»Walther P38, 480er-Serie, der Schriftzug ist in den Eichenholzgriff gestanzt. Seriennummer: 1934.«
»Schon wieder 1934.« Sabrina öffnete die Notiz-App auf ihrem Handy und trug das Detail ein. »Wenn wir Glück haben, finden wir die Waffe im zentralen Waffenregister.«
»Gute Idee, Mara.« Hutnagl strich mit dem Finger über seine ergrauten Augenbrauen. »Das machen wir, sobald wir mit der Tatortbesichtigung durch sind. Jetzt werfen wir erst mal einen Blick auf die Leiche.«
Kaplan Birkner machte Anstalten, direkt auf die zerstörte Tür zum Innenhof zuzugehen.
Abermals stoppte Sabrina ihn mit einem Griff an der Schulter. »Diesen Weg dürfen wir nicht gehen.«
»Wegen der Spuren, nicht wahr?«
»Erfasst, Hochwürden«, sagte der Chef. »Wir laufen im Gänsemarsch so zurück, wie wir gekommen sind, und gehen dann von der anderen Seite aus in den Lindenhof.«
In Hutnagls Hosentasche piepste es. Er zog das Handy heraus und warf einen flüchtigen Blick auf das Display. »Wir verschieben die erste Pressekonferenz um eine halbe Stunde. Ich ruf gleich unseren Pressesprecher an.«
***
Es war nicht blöd, Jennifer Stefanetz behilflich zu sein. Für einen Todesritter war es wichtig, sie möglichst schnell vom Grund der Franzisca zu schaffen. »Ich helfe dir gerne mit den Schachteln.«
»Danke, das ist sehr nett von dir.«
Er verließ die Bar, ging auf die Tische zu und griff sich mit beiden Händen einen Karton. »Gehen wir’s an.«
Zehn Minuten später hievte er die letzte Box in den Kofferraum. »Ui, das passt gerade noch rein.«
»Danke nochmals.« Jenny warf ihm einen Kuss zu, öffnete den Wagen und setzte sich hinter das Lenkrad.
