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Der 2. Fall für den brillanten FBI-Berater Carter Blake.
Als in den Santa Monica Mountains eine verstümmelte Frauenleiche entdeckt wird, erlebt LAPD Detective Jessica Allen ein grausiges Déjà-vu. Seit Jahren wütet in der Gegend ein Serienkiller. Seine Beute: Frauen, die mit einer Autopanne liegenbleiben. Weil der Mörder sich ihnen als Helfer andient, nur um sie auf bestialische Weise zu töten, hat ihn die Presse zynisch „Der Samariter“ getauft. Die auf der Stelle tretende Polizei zieht den externen Berater Carter Blake hinzu. Blake will den Killer zur Strecke bringen – auch wenn er sich dafür den eigenen Dämonen stellen muss ...
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Seitenzahl: 556
Veröffentlichungsjahr: 2016
Buch
Als in den Santa Monica Mountains eine verstümmelte Frauenleiche entdeckt wird, erlebt LAPD Detective Jessica Allen ein grausiges Déjà-vu. Seit Jahren wütet in der Gegend ein Serienkiller. Seine Beute: Frauen, die nachts alleine unterwegs sind und mit einer Autopanne liegenbleiben. Weil der Mörder sich ihnen als Helfer andient, nur um sie auf bestialische Weise zu töten, hat die Presse ihn zynisch »Der Samariter« getauft. Die auf der Stelle tretende Polizei zieht den externen Berater Carter Blake hinzu. Blake will den Killer zur Strecke bringen – auch wenn er sich dafür den eigenen Dämonen stellen muss …
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MASON CROSS
Blutinstinkt
Thriller
Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel
»The Samaritan« bei Orion Books,
The Orion Publishing Group, London.
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1. Auflage
Originalausgabe März 2016
Copyright © der Originalausgabe 2015 by Mason Cross
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016
by Wilhelm Goldmann Verlag
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: Getty Images/Derek Bacon;
FinePic®, München
Redaktion: Martina Czekalla
LT · Herstellung: Str.
Satz: omnisatz GmbH, Berlin
ISBN 978-3-641-17376-0V001
www.goldmann-verlag.de
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Für Laura
ACHT JAHRE ZUVOR
Nevado Huacarán
Provinz Yungay, Peru
Ich beobachtete Murphy, der zum Rand des Überhangs krabbelte, das Fernglas an die Augen hob und auf eine Stelle drei Kilometer geradeaus richtete, wo die Straße aus dem engen Bergpass auftauchte. Regungslos blieb er fünf Minuten so liegen. Lange genug, damit sich eine feine Schicht aus Pulverschnee auf seinem Rücken bilden konnte.
»Sie werden nicht kommen.«
»Was willst du tun?«, fragte ich. »Feierabend machen? Nach Hause gehen und einen Kakao trinken?«
Er drehte seinen Kopf zu mir nach hinten. »Ich verstehe dich nicht, Mann«, erwiderte Murphy. »Du scheinst voll und ganz im Jagdfieber zu sein, und wenn’s endlich so weit ist, bist du so … ich weiß nicht … unverbindlich. Was ist los? Angst hast du sicher keine.«
»Die harte Arbeit ist erledigt«, sagte ich. »Für diesen Teil hier braucht ihr mich im Grunde nicht mehr.«
»Und trotzdem – ich merke, dass du dir nie die Gelegenheit entgehen lässt, in denselben Gewässern zu fischen wie wir.«
»Ich mag die frische Luft.«
Murphy rutschte zurück und setzte sich neben mich, während er sich mit den Handschuhen den Schnee von den Schenkeln klopfte. »Für mich ist das zu kalt. Heißer Kakao dagegen klingt ziemlich gut. Was ist bloß los mit dem Wetter?«
»Das ist normal«, erklärte ich.
»Gestern war es warm.«
»Das verdanken wir El Niño. Die Abweichung war gestern, nicht heute. Und das wiederum ist normal.«
»Ich dachte, El Niño gäbe es nur in Mexiko.«
»Der zieht über ganz Südamerika.«
»Woher weißt du eigentlich diesen ganzen Scheiß?«
Ich zuckte mit den Schultern, die eineinhalb Kilometer entfernte Straße ließ ich nicht aus den Augen.
»Nein, mal im Ernst«, fuhr er fort. »Woher weißt du so viel? Zum Beispiel auch, dass sie hier entlangkommen?«
»Das weiß ich nicht.«
Er starrte mich ein paar Sekunden lang an, bevor er den Kopf schüttelte. Dann sah er wieder den Hang hinunter, wo fünfzehn Meter tiefer die Straße vorbeiführte.
»Meinst du, Crozier hat die Drähte richtig angebracht?«
»Er weiß, was er tut.«
Pause. »Ich mag ihn nicht. Crozier.«
Mein Interesse war geweckt. Aus irgendwelchen Gründen redeten die Menschen nicht gerne über Crozier. Es war beinahe, als hätten sie Angst, das Thema anzusprechen. Ich hatte ein- oder zweimal kurz mit diesem Mann ein paar Worte gewechselt. Das hatte gereicht, um zu dem Schluss zu kommen, dass ich ihn mir auf Abstand halten wollte. »Er ist ein ruhiger Typ«, sagte ich unverbindlich.
»Er ist nicht nur einfach ruhig. Er ist ein gottverdammter Psychopath.«
»Er spielt in der richtigen Mannschaft.«
»Nein, Mensch, du kapierst das nicht. Hast du vor ein paar Monaten von Baqubah gehört?«
»Klar. Crozier hat dort fünf oder sechs von den Ganoven erledigt. Das mit den Geiseln war nicht sein Fehler.«
»Es waren sechs. Du warst nicht dabei. Du hast nicht gesehen, was er mit ihnen gemacht hat.«
Ich wandte mich zu ihm und wartete, was er noch erzählen würde. Verglichen mit den anderen war Murphy eher ein Plappermaul.
»Das meine ich so. Es war, als hätte man da drin Ted Bundy losgelassen.«
»Er ist ein Schütze. Deswegen ist er hier.«
Murphy schwieg, als überlege er genau, was er als Nächstes sagen wollte. »Du hast von der Geschichte gehört.«
Ich hatte von der Geschichte gehört. Ich hatte sie sogar von ein paar Quellen gehört und war nicht sicher, ob ich sie glauben oder in die Kategorie Klatsch am Arbeitsplatz einordnen sollte. Das war das Komische: Bei Crozier hatte man immer das Gefühl, dass alles möglich war.
»Ich habe von dem Gerücht gehört.«
Murphy packte mich so an den Schultern, dass ich ihn ansehen musste. Ganz plötzlich schien ihm wichtig zu sein, dass ich ihm wirklich Gehör schenkte. »Es ist die Wahrheit.«
Ich war mir unschlüssig, was ich erwidern sollte. Da bemerkte ich, wie sich eineinhalb Kilometer entfernt ein Sonnenstrahl in Glas oder Metall spiegelte.
»Sie sind da.«
2015
SAMSTAG
1
Los Angeles
Die Menschen drehen durch, wenn es in L.A. regnet.
Das ist schlicht eine Binsenweisheit – es ist eine der Macken, die sich in jeder Großstadt bilden. Aber wie so oft steckt in der Tat eine gute Portion Wahrheit dahinter. Obwohl es in Los Angeles kaum an Regen mangelt, fällt er doch so selten, dass er zum Ereignis wird, wenn es dazu kommt. Und aus diesem Grund sind Angelenos nicht daran gewöhnt, bei Regen zu fahren. Das führt dazu, dass einige Menschen ihre lockere Art und ihre Nerven verlieren und viel zu schnell oder viel zu langsam unterwegs sind. Vielleicht eine enge Kurve in einem zu hohen Tempo nehmen, so als wäre die Straße trocken. Die Tatsache, dass die Stadt für Wüstenbedingungen errichtet wurde, hilft auch nicht gerade. Das Abflusssystem ist in null Komma nichts überlastet, was zu Überflutung und gestautem Wasser führt. Die Regenrillen in der Straßendecke füllen sich rasch mit Wasser und verursachen Aquaplaning. Die Statistik bestätigt die Legende: Wenn es regnet, steigt die Unfallrate um fünfzig Prozent. Wahnsinnig.
Genau daran dachte Kelly, als sie mit ihrem Porsche 911 den Mulholland Drive entlangfuhr, diesen gewundenen zweispurigen Asphaltstreifen. Der Regen flutete an der Windschutzscheibe nach unten wie in einer Waschstraße, nur etwa jede Sekunde von den Scheibenwischern unterbrochen, die sich auf höchster Stufe hin- und herbewegten. Im Moment schien es irrsinnig zu sein zu fahren. Basta. Einfach nur irrsinnig – egal wie vorsichtig man war.
Kelly umklammerte das Lenkrad und zog sich nach vorne, als würden die wenigen Zentimeter, die sie näher an der Windschutzscheibe saß, irgendeinen Unterschied machen. Sie lebte bereits fast ihr ganzes Leben in Los Angeles, konnte sich aber an einen solchen Regen nicht erinnern. Die Tachonadel tanzte knapp über fünfunddreißig, einer Geschwindigkeit, bei der sie sich angesichts des steilen Abhangs rechts von ihr noch einigermaßen wohlfühlte. Trotzdem überlegte sie, ob sie es riskieren sollte, das Gaspedal noch ein bisschen mehr durchzudrücken und vielleicht mit fünfzig zu fahren. Sie machte sich Sorgen wegen eines anderen Fahrzeugs, das sich ihr von hinten näherte und offensichtlich nichts davon hielt abzubremsen. Jemand, der weniger vorsichtig war. Jemand, der viel zu schnell fuhr.
Man musste schon selten bescheuert sein, an einem solchen Abend auf einer Straße wie dieser derart zu rasen, aber so war es nun einmal: Menschen werden wahnsinnig. Kelly entschied sich für einen Kompromiss und ließ die Tachonadel auf knapp über vierzig steigen. Sie atmete schnell durch die Nase und versuchte, nicht zu blinzeln.
Der Mulholland Drive war eine komische Straße, gebaut vor langer Zeit für weitaus weniger Verkehr. Er wand sich an den Häusern der Stars vorbei, aber auch durch dunklere, ländliche Gebiete, in denen man sich wie im sprichwörtlichen Niemandsland vorkam. Eine Menge überraschend auftauchender Kurven neben steilen Abhängen. Kelly fühlte sich auf dieser Straße auch unter den besten Bedingungen nicht wohl, doch an diesem Abend hätte sie genauso gut auf der anderen Seite des Planeten sein können. Es schien Stunden her zu sein, seit sie das Sloan’s verlassen hatte. Sie riskierte einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett – erst fünfundzwanzig Minuten waren seitdem vergangen.
Vor fünfundzwanzig Minuten schien es noch eine gute Idee gewesen zu sein, sich von Sarah zu einer Probefahrt mit deren neuem Spielzeug verführen zu lassen und sich hinter das Lenkrad zu setzen. Zehn Minuten später, als sich der Himmel geöffnet hatte, hatte Kelly ihre Entscheidung bereut.
Noch um die siebzehn Kilometer bis zu Sarahs Haus. In den ersten segensreichen trockenen zehn Minuten hatte sie ein gutes Stück zurückgelegt – zu dieser Zeit herrschte auf der 405 nur schwacher Verkehr, selbst in der Autometropole des Planeten Erde. Wie weit war es noch? Acht Kilometer? Neun? Unter diesen Bedingungen könnte sie noch die ganze Nacht brauchen.
Kelly hielt den Atem an und tippte in der nächsten Kurve, die etwas enger war als erwartet, leicht auf die Bremse. In der Dunkelheit und bei dem starken Regen ließen sich die Straßenverhältnisse schwer einschätzen. Es gab keine Straßenlaternen, und die Scheinwerfer beleuchteten vor ihr nur ein winziges Stück der Straße, bevor sie sich in der Dunkelheit verloren. Die ganze Unternehmung war dumm, dachte sie erneut. Das war … wahnsinnig. Sie sollte bei der nächsten Gelegenheit die Straße verlassen – vielleicht an einem der Aussichtspunkte – und das Ende des Regens abwarten.
Allerdings ließ sich nicht sagen, wie lange es noch regnen würde, und Sarah verließ sich auf sie, dass sie das Auto rechtzeitig zurückbrachte. Sarahs Vater würde um ein Uhr zu Hause sein, und sollte der Porsche nicht in der Garage stehen, würde er seine Tochter mit Sicherheit in ihrem Zimmer aufsuchen und sie zur Rechenschaft ziehen.
Unglaublich, aber der Regen schien noch stärker zu werden, als wolle er sie veräppeln. Die Scheibenwischer schienen immer weniger ausrichten zu können.
Plötzlich wurde sich Kelly bewusst, dass das Radio noch lief, ein lokaler Sender mit klassischem Rock. »Black Hole Sun« von Soundgarden. Für eine Sekunde zogen sich ihre Mundwinkel nach oben, als ihr in den Sinn kam, was wohl ihr eigener Vater dazu sagen würde – zu einem Lied mitten aus den Neunzigerjahren, das als Klassiker bezeichnet wird.
Doch sie wurde gleich in die Gegenwart zurückgerufen: In dem Augenblick zwischen einem Gang der Scheibenwischer und der neuen Schicht Regenwasser beleuchtete der Scheinwerfer des Porsche etwas Dunkles auf der Straße, das ihr den Weg versperrte. Die Scheibenwischer gewährten ihr einen weiteren kurzen Blick auf die Straße – das Dunkle waren Erde und Geröll, ein Erdrutsch, der von der linken Seite aus nur noch eine gefährlich schmale Lücke frei ließ. Mit angehaltenem Atem bremste Kelly und zielte auf diese Lücke zwischen dem Haufen und dem Straßenrand.
Sarah wird mich umbringen, dachte sie, als der linke Vorderreifen über einen ziegelsteingroßen Gesteinsbrocken knirschte, während rechts von ihr der Abhang steil nach unten fiel.
Doch der Porsche glitt durch den Spalt, ohne auch nur das Geröll zu streifen, und blieb wunderbarerweise mit allen vier Rädern auf der Straße.
Sie stieß die Luft mit einem kurzen Husten aus, gleichzeitig dankbar und schuldbewusst, als wäre sie einer Kugel ausgewichen. Sie quetschte sich am letzten Stück des Erdrutsches vorbei, hielt Ausschau nach entgegenkommenden Lichtern. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, löste sie ihre Hand zum ersten Mal seit zehn Minuten vom Lenkrad und schaltete das Radio aus. Chris Cornells Stimme erstarb, nur noch das Staccato des prasselnden Regens auf Glas war zu vernehmen.
Eine Ablenkung weniger, dachte sie, als sie ihre Hand wieder aufs Lenkrad legte. Wenigstens eine weniger …
Ein lauter Knall durchbohrte den Rhythmus des Regens wie ein Schuss, und plötzlich rutschte das Heck des Wagens unter ihr weg. Ein geplatzter Reifen?
Der Wagen schlitterte nach rechts auf den Abhang zu. Kelly riss das Lenkrad herum, doch das Fahrzeug reagierte nicht, glitt immer näher auf den siebzig Meter tiefen Abhang und auf die Vergessenheit zu. Es gab keine Schutzplanke, weil hier die Straße relativ gerade war. Doch das war nur von Vorteil, wenn man den Wagen unter Kontrolle hätte.
Oh, Mist. Soll ich in die Richtung lenken, in die ich rutsche? Soll ich gegenlenken? Was tut man in einer solchen …
So unvermittelt, wie die Schlingerpartie angefangen hatte, war sie zu Ende – das Lenkrad blieb wieder ruhig der Wagen richtete sich aus. Kelly drückte auf die Bremse, und an ihr Ohr drang ein metallenes Quietschen, das wie ein Nagel auf einer Tafel klang, als der Porsche genau am Rand des Abhangs stehen blieb.
Auf einen kurzen Moment der Euphorie – sie war sich ihres Todes sicher gewesen, doch irgendwie hatte sie überlebt – folgten die Gewissensbisse. Hatte sie an Sarahs neuem Porsche einen Totalschaden verursacht? In der Kneipe hatte Sarah behauptet, nicht zu wissen, wie viel der Wagen gekostet hatte, doch Matt hatte ihr, mit einem üblichen leichten missbilligenden Unterton in seiner Stimme, flüsternd verraten, es wären so was um die hunderttausend gewesen. Der Regen prasselte unvermindert weiter auf den Wagen, als wolle er sie am Denken hindern – daran, ihr Hirn auf den Punkt zu konzentrieren, von dem aus sie endlich herausfinden könnte, was passiert und was als Nächstes zu tun war. Doch bevor sie auch nur ansatzweise über den mehrere hunderttausend Dollar hohen Schaden nachdenken konnte, den sie womöglich verursacht hatte, wurden diese Sorgen – sowie alle anderen Gedanken – durch eine Gefahr ausgeblendet, die bis eben nicht an ihr Bewusstsein gedrungen war:
Um sie herum völlige Dunkelheit und ein Regensturm, und sie saß nahe einem steilen Abhang auf einem engen Highway in einem liegen gebliebenen Fahrzeug.
Hektisch tastete sie nach dem Türgriff, den sie erst nach einer Ewigkeit fand, und stieß die Tür auf. Sie kletterte aus dem Wagen – hinaus in den sintflutartigen Regen; die Wassermassen durchtränkten ihre Kleider, als würde sie in einen See eintauchen. Mit einer Hand über ihrer Stirn versuchte sie, den Regen abzuschirmen, und spähte blinzelnd die Straße entlang, zunächst in die eine, dann in die andere Richtung. Nachdem sie nirgendwo ein Licht entdecken konnte, griff sie ins Wageninnere, zog den Zündschlüssel ab und ging zum Heck des Wagens, um den Kofferraum zu öffnen. Sie machte sofort kehrt, als sie sich erinnerte, dass sie es mit einem Porsche zu tun hatte: im Heck der Motor, der Kofferraum vorne. Sie hoffte, dort einen Mantel, einen Schirm, eine Plane zu finden – egal was. Nichts. Der Kofferraum war völlig leer. Verdammt.
Wieder blickte sie auf die Straße, umrundete dann den Porsche, untersuchte ihn so gut sie konnte auf Schäden. Wie durch ein Wunder schimmerte die silberne Lackierung der Karosserie unversehrt durch den Regenvorhang – doch vorne links entdeckte sie den wahren Schaden: Der Reifen war tatsächlich geplatzt, und die Felge hatte sich zum Teil in die Straße gebohrt. Das war vermutlich die Ursache für das grausame Quietschen gewesen, als sie angehalten hatte. Laut fluchend wischte sie sich das Wasser aus den Augen.
Ein Lichtblitz riss sie aus ihren Gedanken. Von einem Fahrzeug, etwa hundert Meter entfernt, auch wenn sie den Motor noch nicht hören konnte. Es kam direkt auf sie zu. Kelly rannte über die Straße und dem Fahrzeug entgegen, rief laut und wedelte mit den Armen. Sie wünschte, sie hätte sich etwas Auffälligeres als eine Jeans und ein schwarzes Oberteil angezogen. Der Wagen, ein Ford, zischte an ihr vorbei, wich kurz darauf dem liegen gebliebenen Porsche aus, und verpasste dabei nur um ein Haar den linken hinteren Kotflügel, der auf die andere Fahrspur ragte. Das Arschloch am Steuer besaß auch noch die Frechheit, auf die Hupe zu drücken, während er munter seinen Weg fortsetzte. Kelly betete, er möge über das gleiche Hindernis fahren, von dem sie aufgehalten worden war, doch der Ford fuhr weiter, brachte den Erdhaufen unbeschadet hinter sich, und dann waren die Rücklichter verschwunden.
Kelly war nass bis auf die Haut. Sie rannte zum Wagen zurück und riss die Fahrertür auf. Ihre Tasche lag auf dem Beifahrersitz, sah auf dem teuren Leder irgendwie protzig aus. Sie schnappte sich die Tasche und setzte sich wieder hinters Steuer, beschloss, lieber eine Weile im Trockenen zu sitzen und das Risiko einzugehen, dass sich wieder ein Fahrzeug näherte. Man soll in einer solchen Situation aussteigen und sich an den Straßenrand stellen – aber diejenigen, die das verlangen, werden ja auch nicht klatschnass. Herannahende Scheinwerfer würde Kelly doch sowieso rechtzeitig bemerken. Oder etwa nicht? Sie verdrehte sich so auf dem Sitz, dass sie nach hinten auf die Straße sehen konnte, während sie in ihrer Tasche kramte; den Müll, der sich dort angesammelt hatte, schob sie hin und her, bis sie ihr Telefon in der Hand hielt. Sarah anzurufen und ihr zu erzählen, was passiert war, war keine Option. Selbst wenn sie ans Telefon gehen würde, könnte sie nicht helfen – Kelly hätte ihr lediglich den Abend mit Josh verdorben. Auch die Pannenhilfe schied aus: Kelly besaß kein eigenes Fahrzeug, und sofern ihr Chef nicht spontan den Entschluss fasste, ihr Gehalt zu verdoppeln, bezweifelte sie, dass sie sich in absehbarer Zeit eins kaufen könnte. Damit blieb ihr nur noch eine Option – ihr Vater.
Als Kelly die Taste drückte, um den Bildschirm zu aktivieren, blieb dieser jedoch hartnäckig dunkel. Verdammtes Apple-Teil! Vierhundert Kröten für ein Telefon, und der Akku schaffte auch bei geringer Nutzung nicht einmal acht Stunden. Vorhin in der Kneipe allerdings hatte sie es viel genutzt – Bilder gemacht, auf Facebook nachgesehen, Matt angerufen, als er zu spät dran war, ein Cocktailrezept im Internet gesucht, um einen Streit beizulegen …
Toll. Toter Wagen, totes Telefon. Könnte es in dieser Nacht noch schlimmer kommen?
Kelly stieg aus und setzte sich dem Monsun erneut aus, blickte in beide Richtungen der Straße. Nichts. Sie ging ihre Möglichkeiten durch, bezweifelte, körperlich in der Lage zu sein, den Wagen auch ohne kaputten Reifen an den Straßenrand zu schieben. Aber mit einem Platten war es ganz aus. Sie saß ohne Mantel, ohne Telefon und ohne Hoffnung mitten im Nichts fest.
Doch dann … ein Lichtschimmer.
In der Ferne sah sie, wie ein Scheinwerfer verschwand und wieder auftauchte, als ein Fahrzeug um eine Kurve bog. Kelly begab sich wieder auf die andere Straßenseite, hielt sich aber diesmal so weit in der Mitte wie möglich. Sie wedelte mit den Armen und rief noch heftiger und lauter als beim letzten Mal; das Wissen um ihr totes Telefon verlieh ihrer Stimme mehr Dringlichkeit.
Fünfzig Meter vor ihr verlangsamte der Fahrer das Tempo, als er sie erblickte. Sobald er noch ein Stück näher herangekommen war, erkannte Kelly, dass es sich um einen Pritschenwagen handelte. Das war gut, weil er vielleicht eine Winde oder dergleichen dabeihatte, um den Porsche von der Straße zu ziehen. Mit diesen Überlegungen ging sie allerdings schon wieder zu weit – zunächst einmal musste er anhalten. Wieder winkte Kelly, sprang diesmal sogar auf und ab aus Angst, der Fahrer könnte wieder aufs Gaspedal treten und an ihr vorbeisausen wie der davor. Doch das tat er nicht. Der dunkle Wagen – Kelly konnte bei diesen Wetter- und Lichtverhältnissen unmöglich die genaue Farbe ausmachen – bremste sanft ab und hielt mit laufendem Motor neben ihr. Langsam senkte sich das Fenster auf der Fahrerseite. Das mangelnde Licht und die Wand aus Regen sorgten auch hier dafür, dass Kelly nichts und niemanden im Wageninnern erkennen konnte.
»Hallo?«, sagte sie zaghaft.
Schließlich bewegte sich im Wageninnern etwas, und ein Kopf erschien am Fenster. Ein Mann, dachte sie, obwohl sie auch das nicht sagen konnte.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte eine tiefe, aber leise Stimme, die über das Rauschen des Regens kaum zu verstehen war.
Der Kerl trug eine dunkelblaue oder dunkelgrüne Baseballkappe ohne Logo, die er so weit nach unten gezogen hatte, dass drei Viertel seines Gesichts durch den Schild verdeckt im Finstern lagen. Nur sein glatt rasiertes Kinn war sichtbar.
Kelly schluckte, und ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter, was nichts mit den durchnässten Kleidern zu tun hatte. Sie war sich nicht sicher, ob seine Stimme oder eine Art Urangst daran schuld war, die daher rührte, dass sie das Gesicht ihres Gegenübers nicht sah – plötzlich spürte sie das Verlangen, dem Fahrer zu sagen, es wäre alles in Ordnung; sie wolle auf das nächste Fahrzeug warten.
Doch dies stand nicht zur Debatte. In einer solchen Nacht wäre es dumm … nein, wahnsinnig, das Angebot abzulehnen.
»Ja.« Sie nickte. »Ja, Sie können mir wirklich helfen.«
2
Fort Lauderdale
Samstagabend, im Zentrum von Fort Lauderdale. Ich hatte das Gefühl, ganz weit vom Strand entfernt zu sein. Obwohl die Sonne bereits Stunden zuvor untergegangen war, war es in der Bar kühl im Vergleich zu draußen. Zu kühl für meinen Geschmack. Als würde man einen begehbaren Kühlschrank betreten. Ich blieb an der Tür stehen, ließ den Blick schweifen, um alle wichtigen Informationen aufzunehmen.
Die Decke war niedrig, und die Wände waren vor ein oder zwei Jahrzehnten schwarz gestrichen worden. Ein relativ großer offener Bereich, spärlich besucht für einen Samstagabend. Vielleicht zwei Dutzend Gäste. Am anderen Ende erstreckte sich die Theke fast die gesamte Wand entlang, lief in einer Kurve aus, bevor sie vor einem Durchgang endete, der laut Beschilderung zu den Toiletten und zum Notausgang führte. Runde Tische, geschmückt mit Kerzen in leeren Schnapsflaschen. Ich ging die zwei Stufen vom Eingang hinunter und quer durch den Raum, während mein Blick die Gesichter abtastete, als suchte ich nach einem Freund. Die meisten Gäste waren zu zweit oder in kleinen Gruppen hier, außer einer einsamen Blondine an einem der Tische in der Ecke. Sie hatte aufgesehen, den Blick aber wieder gesenkt, als ich die Bar betreten hatte. Ich betrachtete sie nicht länger als die anderen Gäste – eine unauffällige Mischung aus professionellen Kneipenhockern und verirrten Touristen.
Nur bei dem dunkelhaarigen Typ, der neben der Musikbox saß, gingen meine Alarmglocken an. Unsere Blicke kreuzten sich, und er taxierte mich, als ich vorbeiging, wandte sich aber hierauf desinteressiert wieder ab. Seine besonderen Kennzeichen waren eine gebrochene Nase und große Hände. Ein Kämpfer, wenn auch nicht unbedingt ein guter. Er trug eine Lederjacke. Alles in allem eine passende Entsprechung zu den beiden ähnlich aussehenden Herren, die sich draußen gegenüber der Bar herumgetrieben hatten. Interessant, aber nichts für mich. Ich archivierte diesen Umstand für eine spätere Wiedervorlage und setzte mich ans Ende der Theke in die Nähe des Notausgangs.
Von dieser Position aus hatte ich die beste Übersicht über die Kneipe. Ich ließ den Blick ein zweites Mal über die Gesichter schweifen und nickte, als der Barmann auf mich zukam. Ich widerstand dem Drang, ein kaltes Bier zu bestellen, und entschied mich stattdessen für ein kaltes Mineralwasser mit einer Scheibe Zitrone. Nicht alkoholisch, sieht aber wie ein echter Drink aus, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen.
Ich trank mein Wasser und versuchte, das Europop-Geplärre aus dem Lautsprecher zu ignorieren, der eineinhalb Meter von meinem rechten Ohr an der Wand hing – der einzige Nachteil meiner ansonsten strategisch guten Position. Ich drehte den Kopf wieder von rechts nach links, um mein Bild von der Kneipe aufzufrischen. Der Typ an der Musikbox hatte sich nicht bewegt. Mein Blick wanderte in die Ecke, in der die Blondine saß. Oder vielmehr – in der sie nicht mehr saß, weil sie aufgestanden war und quer durch den Raum in meine Richtung ging.
Während sie näher kam, wurde mir bestätigt, dass ihr lockiges, schulterlanges Haar in überzeugender Weise – und damit für viel Geld – gefärbt war. Sie trug eine Jeans und eine schwarze Bluse, die einen kleinen Rettungsring erkennen ließ, dazu Lederstiefel mit Sieben-Zentimeter-Absätzen. Über ihrer rechten Schulter hing eine kleine Ledertasche.
Ich wandte den Blick ab Richtung Tür, als würde ich jemanden erwarten. Die Blondine blieb an der Theke stehen und stützte sich mit den Armen ab. Sie hatte am Hocker neben meinem Stellung bezogen, was bedeutete, dass sie einen Umweg von fünf Schritten gemacht hatte. Was bedeutete, dass sie absichtlich hier landen wollte. Was für mich eine Planänderung bedeutete.
Sie blickte geradeaus, während sie einen Wodka bestellte, drehte sich aber schließlich zu mir und lächelte.
»Hey.«
Ich lächelte zurück und versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu deuten. Wusste sie, warum ich hier war? Ich vermutete, sie könnte durchaus bemerken, wenn sich jemand für sie interessierte, oder dass die Möglichkeit bestand, dass sie auf der Suche nach einem bestimmten Typ war. Aber genau darauf kommt es mir an: Ich arbeite hart daran, nicht wie ein bestimmter Typ auszusehen, egal welcher.
»Mir gefällt dieses Lied«, sagte sie nach einer Weile und musterte mich von oben bis unten. »Wie heißen Sie?«
Ich kam zu dem Schluss, dass ich mir keine Sorgen machen musste. Sie wusste nicht, wer ich war. Sie wollte nur ihren Spaß haben, tat interessiert an einem einsamen Fremden, der die Bar gerade betreten hatte. Betonung auf tat interessiert.
»Ich heiße Blake.«
»Aha.« Sie nickte, als hätte ein Name irgendeine Bedeutung. »Ich heiße Emma. Sind Sie mit jemandem hier?«
Sie drängte wie eine Telefonverkäuferin auf Kaltakquise, die an einem schlechten Arbeitstag noch kurz vor Feierabend eine Lebensversicherung an den Mann bringen wollte. Keine Frau, die so aussah wie sie, würde es nötig haben, einen Kerl in einer Kneipe anzubaggern. Keine Frau, die aussah wie sie, hätte es nötig, sich einem Kerl überhaupt zu nähern. Worum ging es also? Es war mir nicht unangenehm, mich auf dieses Dilemma zu konzentrieren. Ich beschloss herauszufinden, wohin die Sache führen würde.
»Sagen Sie es mir.«
Lächelnd legte sie eine Hand auf meinen linken Arm gleich unterhalb der Schulter. Ich spürte durch den Ärmel ihren Druck, als würde sie mich testen, und dann war mir klar, was sie von mir wollte.
Sie ließ ihre Hand sinken, als der Barmann zurückkehrte, eine Serviette auf die Theke fallen ließ und darauf das Glas stellte. Er schielte zu meinem noch halb vollen Glas, ich schüttelte den Kopf.
»Und was tun Sie, Blake?«
Ich wägte meine Antwort ab und kam zu dem Schluss, dass es keinen Grund zum Lügen gab. »Ich bin so eine Art Berater.«
Sie kniff die Augen etwas zusammen. »Was für eine Art Berater?«
»Von der üblichen Sorte«, antwortete ich. »Menschen bezahlen mich dafür, dass ich Probleme löse, die sie selbst nicht lösen können.«
Sie lachte, als hätte ich den Witz des Jahrhunderts gerissen, und kippte ihren Schnaps in einem Zug. »Sie lösen Probleme. Hervorragend.«
»Mein Ziel ist es, meine Kundschaft zufriedenzustellen.«
»Und was ist Ihrer Meinung die wichtigste Fähigkeit, die einen Berater ausmacht?«
»Warum? Möchten Sie Beraterin werden?«
»Vielleicht.«
»Dann würde ich sagen: Improvisationstalent.«
»Gut.« Sie beugte sich zu mir. »Möchten Sie hier raus?«, flüsterte sie mit stark wodkageschwängertem Atem.
Ich blickte kurz zur Tür, dann zurück zu ihr. »Jetzt sofort?«
Sie nickte. »Hören Sie«, begann sie in verschwörerischem Ton. »Da draußen warten zwei Typen auf mich …«
»Typen, denen Sie lieber aus dem Weg gehen würden?«
»Richtig.«
»Zwei Typen.«
»Das habe ich doch gesagt, oder?«
»Ich wollte nur sichergehen.«
Sie lachte unsicher, als hätte ich etwas falsch verstanden. »Na ja, es wird keine Schwierigkeiten geben oder so, wenn Sie mich zu meinem Wagen bringen.«
Angst zeigte sich in ihren Augen, die Sorge, dass sie mich abgeschreckt hatte. Was bedeutete, dass es doch Schwierigkeiten geben würde. Wahrscheinlich viel größere, als ihr klar war.
Ich lehnte mich zurück, nahm einen Schluck Wasser und tat so, als würde ich mir den Vorschlag gründlich durch den Kopf gehen lassen. Der Barmann am anderen Ende der Theke bediente Gäste. Das war gut.
»Wo steht Ihr Wagen?«
»Gleich draußen vor der Tür. Ein rotes Coupé.«
Das zumindest stimmte. Ich hatte den kleinen roten Audi A5 etwa zwanzig Meter vom Eingang entfernt am Straßenrand gesehen.
Ich beugte mich wieder nah zu ihr vor. »Also gut. Sie tun so, als hätte ich Sie beleidigt«, erklärte ich so leise, dass mich über die Musik hinweg niemand sonst hören konnte. »Sie stehen erbost auf und geben vor, auf die Toilette zu gehen. Im Flur hinter mir befindet sich der Notausgang. Dort verschwinden Sie nach draußen und warten auf mich.«
Einen Moment sah sie ziemlich verdutzt aus, wahrscheinlich weil sie eigentlich nicht erwartet hatte, dass ihr willfähriger Handlanger das Heft in die Hand nähme. Sie kam aber rasch darüber hinweg und signalisierte ihre Zustimmung mit einem kurzen, verschlagenen Lächeln – das erste ehrliche Zeichen an ihr, seit sie an mich herangetreten war.
Schon stieß sie ihren Hocker kräftig zurück und erhob sich, verdrehte verächtlich die Augen, während sie forteilte. Zum Glück hatte sie nicht übertrieben und mir eine Ohrfeige verpasst oder mich angeschrien. Sie spielte die Beleidigte viel besser als die Romantikerin.
Ich sah ihr hinterher und wartete ein paar Sekunden. Wie erwartet stand der Kerl in Lederjacke sogleich auf und ging schnurstracks Richtung Toiletten. Er konnte genauso gut lesen wie ich. Er wusste, wo sich der Notausgang befand. Deswegen hielt er sich in der Bar auf, während seine Freunde draußen warteten. Im Vorbeigehen warf er mir einen flüchtigen Blick zu; ich tat so, als merkte ich es nicht.
Stattdessen stand ich ebenfalls auf und folgte ihm, als er sein Tempo beschleunigte. Die Toilettentüren lagen links, ein weiterer Wegweiser für den Notausgang führte den Flur entlang nach rechts.
»Entschuldigung«, sagte ich.
Sobald er sich auch nur ein Stück weit zu mir umgedreht hatte, legte ich mein ganzes Gewicht in einen kurzen, schnellen Hieb auf seine Nase. Er schrie vor Schmerzen auf und wollte einen Satz nach vorne in meine Richtung machen, doch ich schnappte mir seinen Kopf und knallte ihn gegen mein Knie. Der Kerl fiel bewusstlos auf den mit Bierflecken übersäten Teppich. Ich blickte hinter mich, um sicherzugehen, dass sein Schrei von der Musik übertönt worden war, ging auf die Knie und suchte ihn ab. Seine Waffe steckte in einer Innentasche seiner Jacke. Es war eine Heckler & Koch HK45. Nahezu mit allen Qualitäten einer Militärwaffe, bedeutete eindeutig Ärger. Ich nahm ihm die Last ab und schob sie hinten in meinen Gürtel.
Ich eilte das letzte Stück des Flurs entlang, wo die Blonde am offenen Notausgang stand. Natürlich hieß sie nicht Emma, sondern Caroline Elizabeth Church. Sie war vierundzwanzig Jahre alt. In ihrem Führerschein aus Massachusetts stand sie mit einer Größe von eins achtundsiebzig, braune Augen, braunes Haar. Die Beschreibung von zwei Drittel der Menschen passte auf die Person vor mir.
»Mein Wagen steht vor der Bar«, sagte sie, ohne das Chaos im Flur bemerkt zu haben.
»Vergiss es«, erwiderte ich.
Ich packte sie am Oberarm und zog sie nach draußen in eine enge, schmuddelige Gasse. Mülltonnen säumten die Mauer, aus einigen quoll der Abfall und war über den fleckigen Beton verteilt. Rechts von mir endete die Gasse nach sieben Metern als Sackgasse, links von mir führte sie nach zwanzig Metern auf die Straße, von welcher aus es wiederum auf die Hauptstraße vor der Bar ging. Die ein- und zweistöckigen Gebäude auf beiden Seiten waren die fensterlosen Rückseiten von Kneipen, Imbissbuden und anonymen Büros. Wenn wir schnell genug wären, könnten wir über die Straße und um den Block herum verschwinden und in meinen gemieteten Honda steigen, ohne dass uns die beiden Typen bemerkten, die die Bar im Auge behielten. Sofern sie ihre Position nicht verlassen hatten.
Im Vertrauen darauf, dass Caroline mir folgen würde, marschierte ich im Eilschritt los. Sie enttäuschte mich nicht.
»Was zum Teufel soll das heißen, ›Vergiss es‹?«, fragte sie, als sie mich eingeholt hatte.
Im Mündungsbereich der Gasse war noch immer niemand zu sehen. Ich ließ meinen Blick über die niedrigen Dächer gleiten. »Die beiden Kerle vorne – wer sind sie?«
»Mach langsam!«
Ich blieb stehen und drehte mich zu ihr. »Wer sind die?«
Sie blickte zur Seite. »Niemand. Nur mein Exfreund. Er ist durchgedreht. Wollte mich nicht gehen lassen.«
»Nur ein Ex?« Ich ging weiter.
Wieder holte Caroline mich ein. Trotz ihrer hohen Absätze war sie überraschend schnell. »Ja! Warum?« Neugier in ihrer Stimme. Sie wusste – ich wusste –, dass sie Informationen zurückhielt, und war mehr interessiert daran, woher ich das wusste, als ihr Geheimnis für sich zu behalten.
»Weil ein normaler Ex dich zu Hause beobachtet und böse Nachrichten auf deine Facebook-Seite schreibt. Besonders Mutige werden auch schon mal handgreiflich. Sie lauern dir aber nicht mit bewaffneten Schergen auf. Es sei denn, diese gehören zum üblichen Umgang des Ex.«
»Wer ist ein bewaffneter Scherge?«
Ich zog die Waffe heraus und hielt sie ihr auf meiner offenen Hand vor die Nase. »Die habe ich gerade dem dritten Typ in der Bar abgenommen. Demjenigen, den du nicht auf dem Schirm hattest. Das ist eine HK45 Compact Tactical. Kostet etwa zwölfhundert Dollar. Das ist kein Anfängermodell. Wer ist dein Freund?«
»Oh, Scheiße. Er hat mir tatsächlich angedroht, mich umzubringen, aber …«
Wir erreichten das Ende der Gasse. Ich bedeutete Caroline, stehen zu bleiben, und hielt die Waffe, den Finger am Abzug, vor mir. Als ich um die Ecke spähte, blickte ich meinerseits in die Mündung einer Waffe.
Was eine weitere Planänderung bedeutete.
3
Carolines Exfreund war der größere der beiden Männer, die ich bereits vorher draußen gesehen hatte. Ich schätzte ihn auf Mitte bis Ende vierzig, doch er war gut in Form, hatte pechschwarzes Haar und ein kantiges, hübsches Gesicht. Die Kombination aus Designerlederjacke, teurer Waffe und dem toten, desinteressierten Blick seiner grauen Augen sagten mir alles, was ich wissen musste.
Er winkte uns in die Gasse zurück und befahl mir, die Waffe fallen zu lassen. Das tat ich dann auch. In seinen Augen spielte sich mehr ab, als auf den ersten Blick erkennbar gewesen war: Berechnung, Vorsicht. Das war gut. Das hieß, ich hatte es nicht mit einem Durchgeknallten zu tun. Langsam hob ich meine Hände, spähte dabei die Straße entlang. Er war allein. Vermutlich bewachte der andere noch den Vordereingang.
»Was soll das, Lizzie?«, fragte er und warf dem Mädchen mit der endlosen Liste an Alias-Namen einen Blick zu. »Schon wieder ein Neuer?« Er sprach nahezu akzentfrei. Müsste ich raten, würde ich auf Serbe tippen. In Anbetracht seines Alters und seiner Bereitschaft, eine Waffe auf Menschen zu richten, würde ich die Wahl auf Kosovo-Veteran eingrenzen. Die Stimme bestärkte meinen Eindruck eines ruhigen, vorsichtigen Mannes; sie sagte mir auch, dass er Caroline nicht nur wegen ihrer weiblichen Tricks aufgelauert hatte.
»Das ist niemand, Zoran«, erklärte sie. »Lass ihn gehen.«
Er würdigte sie keines Blickes, sondern sah mich an. Ich freute mich über die leichte Bestürzung in seinem Gesicht. Wir beide hatten ein Problem: Ich war derjenige, dem eine Waffe vors Gesicht gehalten wurde, doch er musste entscheiden, was er damit anfangen sollte. Ein irrationaler Mensch würde mich niederknallen und mich auf dem Bürgersteig verbluten lassen. Stimmte meine Einschätzung, würde er die möglichen Folgen nicht tragen wollen, zumindest nicht ohne einen guten Grund dafür zu haben.
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