Blutkristalle - Ursula Poznanski - E-Book

Blutkristalle E-Book

Ursula Poznanski

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Beschreibung

Stalking im Schnee - ein eiskalter Kurz-Thriller von Bestseller-AutorinUrsula Poznanski Ella ist für Wolfram bestimmt, das weiß er, seit er sie das erste Mal gesehen hat. Und das wird auch Ella bald begreifen, dessen ist Wolfram sich sicher. Seit vier Jahren hat sie keine feste Beziehung mehr gehabt, dafür hat Wolfram gesorgt – mit soviel Nachdruck, wie eben nötig war. Doch seit drei Monaten gibt es Paul, und bei ihm versagen alle Mittel, die bisher zum Erfolg geführt haben. Paul weicht Ella nicht von der Seite, er schirmt sie vor Wolfram ab, er ist ein lästiges Hindernis auf dem Weg zum Glück. Als er gemeinsam mit Ella eine mehrtägige Winter-Wanderung plant, wittert der Stalker seine Chance. Er wird Ella retten, in mehr als nur einer Hinsicht. Kurz, aber heftig: ein Thriller für eine Nacht.

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Seitenzahl: 85

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Ursula Poznanski

Blutkristalle

Thriller

Knaur e-books

Über dieses Buch

Ella ist für Wolfram bestimmt, das weiß er, seit er sie das erste Mal gesehen hat. Und das wird auch Ella bald begreifen, dessen ist Wolfram sich sicher. Seit vier Jahren hat sie keine feste Beziehung mehr gehabt, dafür hat Wolfram gesorgt – mit so viel Nachdruck, wie eben nötig war.

Doch seit drei Monaten gibt es Paul, und bei ihm versagen alle Mittel. Paul weicht Ella nicht von der Seite, er schirmt sie vor Wolfram ab, er ist ein lästiges Hindernis auf dem Weg zum Glück. Als Paul gemeinsam mit Ella eine mehrtägige Winterwanderung plant, wittert Wolfram seine Chance. Er wird Ella retten, in mehr als nur einer Hinsicht.

Inhaltsübersicht

Prolog1.2.DonnerstagFreitagSamstagSonntagSonnenuntergang
[home]

 

 

 

 

– Ist sie nicht schön? Jetzt sag doch mal, ist sie nicht schön?

– Jaja. Aber wir hätten einen anderen Tisch nehmen sollen. Sie wird dich noch entdecken.

– Wird sie nicht. Sie sieht nur meinen Rücken.

– Sie wird bemerken, dass du sie heimlich mit dem Handy filmst. Und wenn nicht sie, dann ihr Freund.

– Er ist nicht ihr Freund. Nicht wirklich.

– Hm. Bist du sicher? Hast du gesehen, wie sie gerade nach seiner Hand gegriffen hat? Hörst du, wie sie lacht?

– Lass das. Ich warne dich.

– Mich? Das ist drollig. Wovor genau willst du mich denn warnen?

– Sei still. Ich versuche zu hören, was sie sagt. Ich glaube, es ist bald so weit. Das, was auf dem Tisch liegt, sind Kataloge. Ich wusste es, er wird sie in Gefahr bringen, dieses Schwein.

– Aber du wirst sie retten?

– Und ob ich sie retten werde.

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1.

Wolfram hasste dieses Café, diese Shabby-Chic-Höhle mit ihrer Indie-Musik und dem coolen Publikum. Niemals hätte er sie freiwillig betreten, doch Ella schien es hier zu gefallen. In den letzten zwei Wochen war sie dreimal hier gewesen, jedes Mal mit diesem widerlichen Typ. Wahrscheinlich war das der Grund: Sie kam ihm zuliebe her und mischte sich unter die Leute, die nicht einfach Kaffee bestellten, sondern mit wichtiger Miene Cold Brew, Espresso mit Kurkuma oder Nitro Coffee orderten.

Ihr Begleiter passte haargenau in dieses affige Ambiente. Dreitagebart, ein Tribal-Tattoo auf dem Unterarm und eines dieser Fitted Shirts, unter denen jede Muskelbewegung sichtbar war. Er besuchte viermal pro Woche das ShapeUp, ein Fitnessstudio im Stadtzentrum, so viel hatte Wolfram bereits herausgefunden. Nein, eigentlich noch viel mehr als das: Der Kerl hieß Paul, war sechsundzwanzig und studierte Wirtschaft. Daneben jobbte er als Tennis- und Skilehrer, je nach Saison. Auf seinem Instagram-Account reihte sich ein perfektes Foto ans nächste, zum Kotzen war das.

Wolfram hatte den Kopf über die Zeitung gesenkt, warf nur alle paar Sekunden einen Blick in Richtung des Tisches, an dem zu gerne er gesessen hätte anstelle des dauerlächelnden Märchenprinzen. Nein, korrigierte er sich. Des todgeweihten Märchenprinzen, der jetzt Ellas Hand losließ, weil sie aufstehen wollte. Leider nicht, um ihm eine Szene zu machen, sondern bloß, um zur Toilette zu gehen. Wolfram faltete die Zeitung zusammen und stand ebenfalls auf, um sich eine andere zu holen. Machte dabei einen kleinen Umweg, gerade so weit, dass er sehen konnte, was da auf Ellas Tisch lag.

Tatsächlich Kataloge. Bergwandern Wintersaison, Region Felnitz, las er. Abenteuer in Schnee und Eis. Um mehr erkennen zu können, hätte er stehen bleiben müssen, und das sollte er besser nicht. Bloß nicht auffallen, sonst kam Ella vielleicht noch auf die Idee, dass er der Mann war, vor dem sie solche Angst hatte.

Wieder zu Hause, verwandelte er sich in Rike. Natürlich nicht wirklich, nur virtuell. Rike war Ellas Freundin, ihre engste Vertraute im Stalking-Forum. Dafür hatte Wolfram einen ebenso unheimlichen wie ungeschickten Verfolger erfunden, einen Mann um die vierzig, der einen dunkelgrauen Opel fuhr und Rike heimlich fotografierte, sobald sie aus dem Haus ging. Nirgendwo war sie sicher, weder im Supermarkt noch im Park, noch im Café.

Das verband sie, denn auch wenn Ella sagte, dass sie ihren Stalker noch nie wissentlich zu Gesicht bekommen hatte, so fühlte sie sich doch ständig beobachtet. Zu Recht, wie Wolfram wusste. Manchmal fand sie Nachrichten oder kleine Geschenke im Briefkasten, der zu ihrem Pech vor und nicht in ihrem Wohnhaus angebracht war. Gepresste Blumen, Süßigkeiten, Glücksbringer. Sie warf alles sofort weg, las aber immerhin die Briefchen.

Er ist verrückt, hatte sie an Rike geschrieben. In seine letzte Nachricht hat er einen Ring geklebt und ein Foto von dem Brautkleid, das ich tragen soll. Er ist völlig wahnsinnig, und er weiß, wo ich wohne.

Wolfram wusste noch viel mehr als das. Ella arbeitete in einem Sportgeschäft, und er hatte genaue Informationen über ihre Kolleginnen dort gesammelt – und über die Kollegen natürlich. Er kannte Ellas Sozialversicherungsnummer, ihre Lieblingsspeise, ihren Lieblingsfilm. Er wusste, dass sie Angst vor Nadeln hatte. Und selbstverständlich wusste er alles über ihre Liebschaften. Die nie von langer Dauer waren, dafür hatte er bisher immer gesorgt.

Seitdem er sich Rike als Alter Ego geschaffen hatte, war sein Wissen um ein Vielfaches gewachsen. Ella schüttete ihr das Herz aus, ließ sich von ihr trösten und beruhigen. Ein paarmal hatte Wolfram schon überlegt, die Karten auf den Tisch zu legen. Siehst du, wie einfühlsam ich sein kann?, hätte er gern geschrieben. Warum vertraust du mir nur, wenn ich mich Rike nenne?

Aber das wäre das Ende ihrer Konversationen gewesen. Er musste es anders angehen; ihr beweisen, dass niemand so sehr auf ihrer Seite stand wie er.

Als Rike loggte er sich ins Forum ein und beantwortete pro forma ein paar Posts – es wäre zu auffällig gewesen, immer nur auf Ellas Beiträge zu reagieren. Er tröstete Cordula, die von ihrem geschiedenen Mann belästigt wurde, und Tanja, die sich nicht mehr in den Garten traute, seit sie dort ein totes Meerschweinchen gefunden hatte.

Das war doch kein Zufall, schrieb sie. Das war eine Drohung.

Rike schrieb zurück, es sei wahrscheinlich nur das Haustier eines Nachbarn gewesen, das sich durch den Zaun gequetscht habe, und sie solle sich nicht zu viele Sorgen machen. Gleichzeitig machte Wolfram sich eine innere Notiz: ein totes Tier im Briefkasten?

Ella loggte sich erst um halb sieben ins Forum ein. Habe heute nicht viel Zeit, es gibt so viel vorzubereiten, schrieb sie in den Chat. Paul und ich müssen unsere Ausrüstung zusammenstellen.

Packt ein Leichentuch ein, dachte er. Rike ließ er allerdings etwas anderes schreiben: Das wird sicher ein großartiger Trip, ich beneide dich. Und sonst? Hattest du heute Ruhe?

Es dauerte fünf Minuten, bis Ella antwortete: Ja, keine unangenehmen Zwischenfälle. Vielleicht hat er endlich mitgekriegt, dass es Paul gibt. Wäre wirklich Zeit. Ich wünsche dir, dass dein Furunkel sich auch bald in nichts auflöst.

So nannte sie Wolfram. Furunkel. Ein Geschwür, das man nicht loswurde. Es war beleidigend, aber sie begriff eben noch nicht, was sie an ihm hatte. Einen unsichtbaren Begleiter, einen Schatten, der sie umhüllte und alles Bedrohliche von ihr fernhielt.

So wie Hannes, zum Beispiel. Ein halbes Jahr war das her, im Forum hatte Ella entzückt von ihrem neuen Lover berichtet, der Schlagzeuger war in einer Band, die sicher bald groß rauskommen würde. Außerdem fuhr er Motorrad, und demnächst würden sie ihre erste gemeinsame Ausfahrt machen.

Motorrad, wenn das nicht blanker Wahnsinn war. Der Mann würde Ella in Lebensgefahr bringen, jeder halbwegs vernünftige Mensch wusste, dass Motorradfahrer bloß Organspender in spe waren.

Und wie sich zeigte, behielt Wolfram recht. Er musste Hannes nicht mal umnieten, er musste ihm nur nachfahren, als er an einem lauen Frühlingsabend über die Hügel zog, an einem der ersten Tage, an denen die Temperatur über zwanzig Grad stieg.

Er überholte ihn in der Kurve und riss dabei das Lenkrad ganz kurz nach rechts. Keine Berührung, nichts. Doch Ellas dummer Freund wich reflexartig aus, kam von der Straße ab und … tja. Es war am nächsten Tag in den Nachrichten zu lesen. Aus ungeklärter Ursache.

Die Sache mit Hannes war bisher Wolframs elegantester Coup gewesen. Auch an eine andere Geschichte, in der ein Boot vorkam, erinnerte er sich gern, aber die war am Ende nicht so schön ausgegangen. Da hatte er sich in der Frau getäuscht, sie war den Aufwand nicht wert gewesen. Doch nun gab es Ella, die Liebe seines Lebens, diesmal bestand kein Zweifel.

Nach Hannes’ Tod weinte Ella sich im Forum aus, aber sie kam darüber hinweg – sie hatte Hannes ja noch nicht lange gekannt. Rike tröstete sie. Beteuerte, wie froh sie war, dass Ella nicht auch auf der Maschine gesessen hatte.

Das war das erste Mal gewesen, dass Ella nach einem Treffen gefragt hatte. Wollen wir uns nicht einmal sehen? Das wäre viel persönlicher, als immer nur über das Forum zu schreiben. Ich könnte eine Schulter zum Ausweinen brauchen.

Nichts hätte Wolfram ihr lieber gewährt als das. Doch als Rike musste er leider ablehnen. Ich würde dich so gerne sehen, aber wir wohnen zu weit auseinander. Siebenhundert Kilometer! Hier bin ich aber jederzeit für dich da.

Er hatte schon befürchtet, Ella könne ein Telefongespräch vorschlagen, doch das hatte sie zum Glück nicht getan. Rikes Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten war eine ständige Gratwanderung. Umso wichtiger war es, dass Ella endlich Wolfram selbst kennenlernte. Unter idealen Umständen. Als ihren Retter, als Helden. Bei einer tatsächlichen Gratwanderung.

Er verbrachte den Abend damit, sich im Internet über das Gebiet schlauzumachen, das Paul für diese halsbrecherische Tour ausgesucht hatte. Felnitz.

Im Winter war das ein schneesicherer Ort in den Bergen, allerdings gab es kaum nennenswerte Skipisten. Dafür hatte die Gemeinde sich etwas Ungewöhnlicheres einfallen lassen: mehrtägige Schneewanderungen für trainierte Menschen mit entsprechender Ausdauer. Die Tagesstrecken waren nicht allzu lang, in jeweils sechs Stunden sollten sie zu bewältigen sein. Dafür wurde man mit spektakulären Schneelandschaften belohnt, gefrorenen Wasserfällen, eisglitzernden Teichen. Drei Hüttenübernachtungen waren in der Buchung inbegriffen.

Wolfram hob jeden Tag Gewichte. Nicht in einem Fitnesscenter wie dieser lächerliche Paul, sondern zu Hause in seinem Schlafzimmer. Er war trainiert und vor allem motiviert. Er wusste, dass Vorbereitung alles war.