Blutland - Von der Liebe verschlungen - Delilah S. Dawson - E-Book
Beschreibung

Blutland - eine Welt, die von Blut und Magie regiert wird und in der selbst die harmlosesten Dinge tödlich sein können. Wie Prinzessin Ahnastasia. Die unschuldig aussehende junge Frau ist ein Raubtier, ebenso gefährlich wie verführerisch. Aber als ihre Familie ermordet wird und Ahna selbst nur durch einen Zufall überlebt, ist sie das erste Mal in ihrem Leben hilflos. Sie schwört Rache, doch dazu braucht sie den Musiker Casper Sterling. Sie zieht ihn hinein in ihren Kampf um den Thron - und er zieht sie in einen Sturm der Leidenschaft, aus dem es kein Entrinnen gibt ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:602


Delilah S. Dawson

BLUTLAND

Von der Liebeverschlungen

Roman

Aus dem amerikanischen Englischvon Silvia Gleißner

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2013 by D. S. Dawson

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Wicked as she wants«

Originalverlag: Pocket Books, A Division of Simon & Schuster, Inc.

Published in agreement with the author,

c/o BAROR INTERNATIONAL, INC., Armonk,

New York, USA

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Mona Gabriel

Titelillustration: © missbehavior.de

Umschlaggestaltung: © missbehavior.de

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-4622-7

Sie finden uns im Internet unter

www.luebbe.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Für Jan Gibbons

Du warst nicht nur die erste Superheldin,der ich je begegnet bin,sondern auch eine großartige Mentorin undeine noch bessere Freundin. Du fehlst mir jeden Tag,besonders, wenn ich Bilder vonGerard Butler sehe.

1.

Ich weiß nicht, was mich mehr anzog: seine Musik oder sein Blut. Gefangen im Dunkel und geschwächt bis an die Schwelle des Todes, erwachte ich, nur um ihn auszusaugen bis auf die Seele, bis seine Noten und sein Blut bis auf die letzten Tröpfchen in meine Adern fließen würden. Wer auch immer er war, er war mein Untergebener, meine Beute, und sein Leben gebührte mir. Wozu ist man schließlich Prinzessin, wenn man seine Untertanen nicht erlegen darf?

Sein Blut war gewürzt mit Wein, so viel konnte ich erkennen. Während ich der Musik zuhörte und mich zwang, ruhiger zu atmen und mein Herz wieder zum Schlagen zu bringen, ging mir auf, dass ich das Lied, das er spielte, gar nicht kannte. Es war keines der frostländischen Schlaflieder meiner Kindheit, und auch nichts, was bei Hofe gefragt war. Ich konnte sogar das Geräusch seiner Fingerspitzen hören, die über die Tasten strichen, und das, ohne dass es durch Seidenhandschuhe gedämpft wurde. Eigenartig. Kein Wunder, dass ich ihn riechen konnte, wer auch immer er war – er schützte seine köstliche Haut nicht vor der Welt. Vor mir.

Er hörte auf zu spielen und seufzte, und meine Instinkte übernahmen die Kontrolle. Ich stürzte mich auf diesen berauschenden Duft. Aber mein Versuch, zuzuschlagen, wurde schmerzhaft vereitelt durch … etwas. Leder. Ich war gefangen, eingesperrt in einem Kasten und darin zusammengerollt zu einem Ball, Kehrseite nach unten. Als er wieder zu spielen begann, ließ ich meine Hand seitwärts an das muffige Leder wandern. Mit einer meiner bösartigen Klauen begann ich, mir einen Weg nach draußen zu bahnen.

Ein winziger Lichtstrahl fiel herein, in düsterem Orange. Frische Luft drang an mein Gesicht, und damit sein Duft. Es erforderte jedes Quäntchen der mir so mühsam anerzogenen Geduld, still und reglos zu bleiben, und nicht wild zu strampeln und herumzutasten, um mich zu befreien aus was immer mich da gefangen hielt wie einen Kraken aus der Tiefe. In meinen Gedanken erklang die Stimme meiner Mutter, in ihrem unverkennbaren königlichen Tonfall.

Lautlosigkeit. List. Schnelligkeit. So bringt man dem Feind den Untergang, Prinzessin. Du bist das Raubtier der Raubtiere. Die Königin der Bestien. Jetzt töte ihn. Langsam.

Meine Fingernägel waren überlang gewachsen und schärfer, als bei Hofe in Mode war, und so fiel der Rest des Leders in einem langen Stück ab. Ich hob die Klappe mit einer Hand an und spähte vorsichtig hinaus.

Es war ein Raum mit hoher Decke und Holzfußboden; er war düster und fast leer. Stühle mit spindeldürren Beinen standen auf runden Tischen. Gegenüber, beleuchtet von einem orangefarbenen Gasscheinwerfer, befand sich eine Bühne, und auf dieser Bühne stand ein Cembalo, und an diesem Cembalo spielte mein Mittagessen.

Als ich ihn dort sah, zog sich die Prinzessin zurück, und die Bestie übernahm das Regiment. In Kauerhaltung, die Finger zu Klauen gekrümmt, schlängelte ich mich durch das Loch aus diesem Kasten hinaus, ohne den Blick von meiner Beute zu wenden. Er hatte die Kreatur, die aus den Schatten Jagd auf ihn machte, noch nicht bemerkt. Seine Augen waren geschlossen, und er sang etwas Schwermütiges, irgendetwas über jemanden namens Jude. Ich war nicht Jude, also spielte es keine Rolle.

Der kultivierte Teil meines Gehirns registrierte kaum, dass ich hochhackige Schuhe und raschelnden Taft trug. Ich war sehr gut in der Lage, in meinen besten Kleidern zu schleichen, schließlich tat ich das schon seit meinen Kindertagen in Leinenschürzchen mit Hermelinkragen. Während ich in den Schatten an der Wand entlangschlüpfte und in Richtung Bühne glitt, pochte der Hunger in mir, im Takt zu meinem Herzschlag und seinen langsamen Tastenanschlägen. Es fühlte sich an, als sei ein ganzes Leben vergangen, seit ich zuletzt etwas zu mir genommen hatte. Und vielleicht war es ja so. Noch nie hatte ich mich derart ausgetrocknet gefühlt.

Es gelang mir, den Raum zu durchqueren, ohne dabei entdeckt zu werden. Währenddessen jammerte er weiter über diese Jude, und seine rauchige Stimme war so traurig, dass sie sogar das Tier in mir rührte. Ich hielt inne, um ihn zu betrachten, hinter tiefroten Samtvorhängen, die eindeutig schon bessere Tage gesehen hatten. Aber ich sah keinen Mann. Nur Nahrung. Und in diesem Sinne präsentierte er sich mir regelrecht auf einem Silbertablett: Er lief mit offenem Hemd herum, ohne Stiefel, und auch Handschuhe waren nirgendwo zu sehen. So exponiert und mit dem Alkoholgeruch, der von ihm ausging, war er ein leichtes Ziel.

Er unterbrach sein seltsames Lied und griff nach einer grünen Flasche. Er setzte sie an die Lippen, die gerötet waren von Blut und Gefühlen. Ich sah zu, wie er den Kopf in den Nacken warf, wie sich sein Adamsapfel bewegte, und ein ohrenbetäubendes Brüllen überkam mich. Ich konnte mich nicht länger zurückhalten. Innerhalb eines Herzschlages war ich über die Bühne und fiel ihn an.

Und so klein ich auch war, der Schwung meines Angriffs warf ihn rücklings von der Bank. Die Flasche schlitterte über den Boden, und er machte einen erbärmlich unbeholfenen Versuch, danach zu greifen. Mit einer Hand hielt ich sein langes Haar gepackt, mit der anderen drückte ich seinen Brustkorb zu Boden, und meine langen Klauen gruben sich in sein Fleisch, aus dem winzige Blutstropfen hervortraten und die Luft würzten. Ich atmete tief ein und genoss den Duft. Er war so gut wie tot. Ich lächelte und ließ meine Reißzähne sehen.

Seine rotgeränderten Augen begegneten meinem Blick. Er verstand, und mit einem animalischen Glitzern, das mich überraschte, erwiderte er mein Lächeln. Plötzlich krachte etwas gegen meinen Kopf, und er rollte mich auf den Rücken und taumelte mit einem wilden Auflachen auf die Füße. Rote Flüssigkeit lief über mein Haar und mein Gesicht, und ich schüttelte mir mit einem Fauchen grüne Glasscherben von den Schultern. Der dreiste Bastard hatte mich mit seiner Flasche geschlagen. Wenn ich nicht schon vorgehabt hätte, ihn zu töten, dann hatte ich jetzt guten Grund dazu.

Ich wischte mir mit dem Handrücken den brennenden Wein aus den Augen und umkreiste ihn. Ich war schwindlig vor Hunger, beinahe benommen, und er machte sich meine geschwächte Verfassung zunutze, indem er vorwärtssprang und mir mit dem gesplitterten Ende seiner zerbrochenen Flasche den Unterarm aufschlitzte. Ich fauchte wieder und ging ihm an die Kehle – doch im letzten Moment ließ mich etwas abrupt innehalten. Er roch nicht so gut, nicht mehr.

Die Bestie in mir zog sich zurück, und ich richtete mich auf. Meine Arme hingen, nun nutzlos, herab. Er hatte einen Finger im Mund, und als er den mit einem dramatischen Plop wieder herauszog, waren seine Lippen rotgefärbt von meinem Blud. Jetzt roch er genauso wie ich. Und weniger nach Nahrung.

»Nicht heute Nacht, Josephine«, sagte er mit einem rotzfrechen Grinsen.

Ich kämpfte darum, mich aufrecht zu halten und nicht zu wanken. Jetzt, da er von meinem Blud gekostet hatte, hatte die Bestie in mir nicht länger Kontrolle über mich, und es gab nichts mehr, was mich aufrecht hielt. Ich war leer wie eine Wolke, leicht wie eine Schneeflocke und hungrig über den Hunger hinaus. Mein Herz schlug kaum noch, und ich fühlte mich mehr als nur ein wenig verwirrt.

»Oh je«, sagte ich mit einer Hand an meinem tropfnassen Haar. »Ich glaube tatsächlich, ich könnte ohnmächtig werden. Und du hast auch noch mein Kleid ruiniert. Dein Herr wird dich einfach ausweiden und vierteilen lassen.«

Und dann fiel ich tatsächlich in Ohnmacht. Während die Welt um mich schwarz wurde, fühlte ich seine Hände, die mich auffingen, sein köstliches – wenn auch nicht mehr unerträglich aufreizendes – Blut, das nur Millimeter von mir entfernt durch seine Adern floss.

»Ganz ruhig, kleines Mädchen«, sagte er. Ich roch Wein und Trauer an ihm, und noch etwas anderes, tief und moschusartig, und irgendwie nicht richtig.

Sanft half er mir, zu Boden zu sinken, während ich im Fieberwahn kaum noch flüstern konnte: »Ich bin kein kleines Mädchen, und du bist der Diener mit dem schlechtesten Benehmen, das mir je untergekommen ist.«

Die Welt versank in Finsternis, und sein Lachen und seine Musik verfolgten mich bis in meine Träume.

2.

Noch bevor meine Augen sich öffneten, und ehe ich ganz wach war, trank ich schon. Vier große Schlucke, und ich lechzte nach mehr. Ich packte die leere Glasphiole, die mir an den Mund gehalten wurde, und schleuderte sie zu Boden.

»Mehr«, krächzte ich. »Ich verlange mehr.«

Eine weitere Phiole erschien, und aufseufzend schluckte ich wieder. Jemand lachte leise. Das Blut rann durch meine Kehle, kühl und warm zugleich. Es schmeckte exotisch. Musste das hierzulande gängige Aroma sein.

»Wie lange warst du denn in diesem alten Koffer versteckt?«

Ich öffnete die Augen. Plötzlich war mir die so gar nicht damenhafte Natur meiner Zwangslage deutlich bewusst: Ich lag auf dem Boden, die Beine auf staubigen Holzdielen ausgestreckt. Um meine Schultern lag der Arm eines Mannes, und seine unbedeckte menschliche Hand hielt eine Phiole an meine Lippen, während ich das Blut trank, so gierig wie ein Kind, das Süßigkeiten nascht. Mein Haar war in Unordnung, und einige der üppigen Locken um mein Gesicht waren rot gefärbt mit etwas, das roch wie alter Wein. Ich schlug auch diese Phiole zu Boden – natürlich erst, nachdem ich sie bis auf den letzten Tropfen geleert hatte.

»Du Schurke«, knurrte ich so damenhaft, wie ich konnte. »Du frevlerischer Hund. Wie kannst du es wagen, mich anzurühren? Ich werde dein Blut als Tinte benutzen.«

Ich riss mich aus seinem Griff los und versuchte, aufzustehen, aber meine Beine waren zu schwach. Ohne seinen Körper hinter mir kippte ich direkt nach hinten über und plumpste auf den Rücken wie ein Fisch. Was immer man mir angetan hatte, zwei Phiolen Blut waren nicht genug, um mich wieder auf die Beine zu bringen.

Doch – was war mir eigentlich angetan worden? Und von wem?

»Du«, befahl ich und musterte ihn mit schmalen Augen.

Er hockte einige Fuß von mir entfernt, die Ellbogen lässig auf den Knien, und beobachtete mich. Noch nie hatte ich so viel entblößte Haut an einem Diener gesehen, der nicht als Mahlzeit offeriert wurde. Seine Augen waren strahlend blau und betrachteten mich mit Neugier und einer bemerkenswerten Abwesenheit von Angst und Respekt.

»Was hast du mit mir gemacht, du Schlachtvieh?«

Er lachte leise und grinste dabei. Er hatte Grübchen. »Ich bin ziemlich sicher, dass ich dir das Leben gerettet habe, direkt nachdem du mich angegriffen hast. Aber ich mache dir keinen Vorwurf. Sieht so aus, als hätte man dich ausgeblutet.«

»Ausgeblutet?«

»Du kannst ja nicht einmal stehen, kleines Mädchen.«

Ich wollte eine Hand heben, um ihm die Kehle zu zerquetschen, aber mein Arm war tonnenschwer. Das Gefühl der Benommenheit kam wieder, ein Gefühl, als läge ein Felsbrocken auf meiner Brust. Ich rang um Luft. Etwas bewegte sich, und ich sah eine frische Phiole mit Blut in seiner Hand aufblitzen, die er durch seine Finger hin- und herwandern ließ. Noch nie hatte ich etwas so Schönes gesehen, und ich musste ein ungebührliches Sabbern unterdrücken.

»Gib mir das«, verlangte ich heiser im Befehlston.

»Zuerst sagst du mir, wer du bist.«

Daraufhin fing ich an zu keuchen, während ich zusah, wie er das Blut zwischen seinen Fingern hin- und herschob. Er mochte ja mein eigenes Blud zu sich genommen und damit die Bestie in mir ruhiggestellt haben, aber trotzdem roch er noch immer nach Nahrung. Hätte ich ihm nur die Kehle herausreißen können – ich hätte mich bis zu den Ohren in seinem Hals vergraben und voller Ekstase getrunken. Aber ich zwang die Vorstellung davon aus meinem Kopf und begegnete seinem finsteren Blick aus stahlblauen Augen, während ich darum kämpfte, die Kontrolle über die innere Bestie zu behalten, die sich wieder an die Oberfläche drängte.

»Damit wir uns richtig verstehen«, sagte ich und sprach dabei jedes einzelne Wort besonders deutlich aus. »Ich bin nicht klein, und ich bin kein Mädchen. Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt, und ich bin eine Prinzessin. Und du, wer auch immer du sein magst, bist mein Untertan. Du schuldest mir Ehrerbietung, Treue und Blut.«

»Dann komm und hol es dir«, antwortete er unerwartet gut gelaunt und mit spöttischem Grinsen. Er hielt die Phiole in die Höhe, und das Glas schimmerte im bernsteinfarbenen Licht.

»Du weißt sehr gut, dass ich das nicht kann«, stieß ich hervor und kämpfte darum, mich zu beherrschen. Noch nie war ich so hilflos gewesen, und er verspottete mich auch noch. Das war untragbar. Sobald ich wieder bei Kräften war, würde er dafür bezahlen.

»Dann werden wir wohl verhandeln müssen, nicht wahr?«

»Ich verhandle nicht.«

»Dann viel Glück, Prinzessin.«

Er stand auf und ging zurück zu seinem Cembalo. Langes kastanienbraunes Haar fiel ihm wirr über das fleckige weiße Hemd, und ich gelobte im Stillen, dass ich eines Tages einen Mopp daraus machen würde. Rasender Zorn verzehrte mich. Zorn und Hunger.

Als spüre er meine Wut, drehte er sich um, zwinkerte mir mit einem seiner verdammungswürdigen blauen Augen zu – und dann warf er die Phiole in die Luft. Ich schluckte schwer, als ich zusehen musste, wie das kostbare Glasröhrchen in einem perfekten Bogen herumwirbelte. Dann zerschellte es auf dem Boden, und ich stieß ein unmenschliches Heulen aus und versuchte, mich über die abgenutzten Dielen zu schleppen. Ich war eine Prinzessin, aber in diesem Moment hätte ich liebend gern das Blut inmitten winziger Glassplitter von dem schmutzigen Boden aufgeleckt. Doch ich konnte mich nicht bewegen, nicht einen Zentimeter. Alle Ausbildung und Erziehung, alles Jagen auf der Welt hatten mich nicht auf eine derartige, absolute Hilflosigkeit vorbereitet.

»Warte«, keuchte ich, und meine schwarzen Hände kratzten über die Bodenbretter. Bei dem Geräusch meiner langen weißen Krallen, die nutzlos über das Holz schrammten, zuckte ich zusammen. Er musste recht haben, nur eine Ausblutung konnte mich so tief sinken lassen, dass ich wimmerte wie ein Kätzchen. Und voll Verzweiflung bettelte.

»Hmm?« Er drehte sich um, um mich noch einmal mit diesen verhassten Grübchen anzugrinsen.

»Lass uns verhandeln.«

»Ich wusste, dass du mir zustimmen würdest.« Er kam wieder zurück und holte noch eine Phiole aus seiner Hemdtasche. Dann ließ er sich im Schneidersitz auf dem Boden wieder, gerade außerhalb meiner Reichweite, und fing an, auch diese durch seine Finger wandern zu lassen. Das Gefühl, das ich dabei verspürte, erinnerte mich an eine Wolfshündin, die einst meinem Vater gehört hatte, an die Art, wie sie unter ihrem juwelenbesetzten Halsband schluckte, wenn mein Vater sie zwang, einen Knochen auf ihrer Schnauze zu balancieren, bis er ihr das Zeichen gab, dass sie ihn fressen durfte. Ich musste auch schlucken.

»Zuerst einmal, wer bist du wirklich?«, fragte er.

Ich schloss die Augen und kämpfte darum, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Ich hatte noch nie gebettelt, und noch nie hatte ich mich in einer Position befunden, in der ich nicht über absolute Macht verfügte. Und ganz eindeutig war ich noch nie so hilflos gewesen, zu nackten Füßen eines Pinkies, eines Knechtes, eines armseligen Menschlings. Meine Hände ballten sich zu Fäusten in den eisblauen Taft meines Kleides, und meine Krallen zerrissen die Rüschen und gruben sich schmerzhaft in meine Handflächen.

»Ich bin Prinzessin Ahnastasia Feodor. Meine Mutter ist die Bludzarina von Frostland, und wir residieren im Eispalast zu Moskovia.«

Bei der Erwähnung meines Namens zeigte sich eine Reihe eigenartiger Emotionen auf seinem Gesicht, von Erkennen zu Verstehen, bis hin zu etwas, das wie Mitleid aussah.

»Dann habe ich schlechte Neuigkeiten, Prinzessin. Ich lese regelmäßig Zeitung. Du wurdest vor vier Jahren für tot erklärt. Es heißt, man habe dich entführt und deine Asche in deinem gravierten Phiolenkästchen in den Palast zurückgeschickt.«

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich mich noch schwächer und benommener fühlen könnte, als es ohnehin schon der Fall war, aber Angst und Wut versetzten meinen kaum noch atmenden Körper in Aufruhr. Ich, entführt und ausgeblutet? Ich stellte mir meine Eltern vor, in ihren Händen das goldene Kästchen, das sie mir an meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt hatten, als Behältnis für Phiolen mit Blut, das nur den hochwertigsten Dienern mit dem besten Stammbaum entnommen wurde. Ich versuchte mir vorzustellen, wie das majestätische Gesicht meiner Mutter wohl bei meiner Bestattungszeremonie ausgesehen haben mochte, ob ihre sorgfältig einstudierte Maske wohl zerbrochen war, während meine angebliche Asche im Wind eines Schneesturms davonwehte. Ob sie geweint hatte? Wusste sie überhaupt, wie das ging?

Ich schluckte schwer. Meine Kehle fühlte sich an wie ein Reibeisen. »Das kann nicht sein.«

Er neigte den Kopf und musterte mich blinzelnd von oben bis unten. Ich war es gewohnt, in den Augen eines Bludmannes Ehrfurcht, Angst und höfliche Bewunderung zu sehen. Aber noch nie hatte ein Mensch mir so schamlos ins Gesicht gesehen, mit einem Blick, der bis in meine Seele zu reichen schien und das, was er dort sah, in Frage stellte. Doch genau das tat dieser Mann. Und der Ausdruck, der daraufhin auf seinem Gesicht erschien, zeigte unwillkommenes Mitgefühl. Sein prüfender Blick ließ mich zurückweichen.

»Du siehst wie die Abbildung auf den Flugblättern aus, auch wenn die Zeichnungen dich etwas jünger zeigen. Wenn du ausgeblutet wurdest und jahrelang in diesem Koffer versteckt warst, könntest du es sein, denke ich. Wenn du wirklich Prinzessin Ahnastasia bist, dann wird deine Schwester ebenfalls vermisst, und dein Bruder kränkelt.« Er senkte den Blick und spielte wieder mit der Blutphiole herum, und meine Augen folgten ihm. »Ich weiß nicht, wie ich dir das beibringen soll, aber deine Eltern sind tot. Sie wurden vor einigen Monaten hingerichtet, bei einem Putsch der Zigeunerhexe Ravenna. Sie ist nur noch einen Herzschlag davon entfernt, die absolute Kontrolle über Frostland zu erlangen. Sag mir, Prinzessin: Woran kannst du dich noch erinnern?«

»Ich habe nicht … ich kann nicht …« Ich stockte und schloss die Augen. Sie waren zu trocken für Tränen. »Ich brauche mehr Blut«, flüsterte ich. »Bitte.«

Mit einem weiteren mitleidigen Blick entkorkte er die Phiole in der Hand. Ich gestattete ihm, mich in eine sitzende Position zu bringen, und schluckte das Blut so vornehm wie möglich hinunter. Dabei war ich so voller Kummer, dass es sich anfühlte, als würde ich einen Felsbrocken schlucken. Nachdem ich die Phiole geleert und den Rand des Glases abgeleckt hatte, murmelte ich: »Mehr.«

Er kam dem nach und holte eine weitere Phiole aus seiner Hemdtasche. Bis dahin war ich wieder genug bei Kräften, um seine Hand wegzuschlagen und die Phiole selbst zu halten, aber ich ließ zu, dass er seinen Arm um meinen Rücken gelegt hielt, um mich zu stützen. Meine Krallen waren grässlich lang und begannen sich an den kleinen Fingern schon zu unmodischen Korkenziehern zu verdrehen. Wenigstens würde meine Mutter mich nie so zu sehen bekommen. Ich verzog das Gesicht, als ich die Phiole auf den Boden legte. Der Blutverlust, der übergroße Kummer – das alles war einfach zu viel.

»Das ist alles Blut, das ich habe.« Er steckte die leeren Phiolen wieder in die Tasche und wischte sich die Hände ab, als würde er die Glasröhrchen nicht gerne berühren. »Ich fürchte, vor heute Nachmittag ist keine neue Lieferung zu erwarten. Niemand kommt vormittags ins Seven Scars, außer mir und Tom Pain. Stimmt’s, Tommy?«

Und dann roch ich etwas überaus Seltsames. Ein Tier. Ein Raubtier wie ich, aber fremdartig und irgendwie nicht bedrohlich. Ein grollendes Geräusch erklang, und eine merkwürdige Kreatur tappte aus den Schatten. Sie war schwer, schwarz und pelzig, mit einem großen, grünen Auge, das mich philosophisch musterte. Das andere Auge war vernarbt, eine hässliche Schmarre im Gesicht der Kreatur. Etwas Derartiges hatte ich noch nie gesehen.

»Was ist das für ein Monster?«

»Das ist kein Monster. Es ist eine Katze.«

Als er die Hand ausstreckte, um die knurrende Kreatur zu streicheln, fiel mir plötzlich auf, dass ich von allein aufrecht saß. Endlich hatte ich wieder genug Kraft, um mich ohne Unterstützung aufrecht zu halten. Der Mann war auf das Tier konzentriert, und ich rutschte unauffällig zu der zerbrochenen Blutphiole hin, zog meine Finger durch die rote Pfütze und leckte sie mit neu erwachter Verzweiflung ab.

»Was denn, gibt es keine Katzen in Frostland?«, fragte er. »Ich dachte, Katzen gibt es überall. Der alte Tommy lebt schon länger hier im Seven Scars, als es jeder Katze erlaubt sein sollte, zu leben. Man sagt, Katzen haben neun Leben, und er ist schon bei seinem zehnten.«

Der Mann kraulte das Katzending unter dem Kinn, und das Tier schloss genussvoll sein Auge und rieb seinen Kopf an ihm auf völlig schamlose Art, die dabei auch noch Überlegenheit ausstrahlte. Ich begann die Katze zu mögen. Der Mann dagegen …

»Ich habe deine Frage beantwortet«, sagte ich, während mit meiner Kraft auch mein Hochmut zurückkehrte. »Jetzt wirst du meine beantworten. Wer bist du? Und was bist du? Du hast den falschen Geruch.«

»Ich bin Casper Sterling.« Es war beunruhigend, diese Art, wie er mich unverwandt ansah. Ich weigerte mich, zu blinzeln, während ich auf die Antworten wartete, die er mir schuldete. »Ich bin der größte Musikant in London, vielleicht in der ganzen Welt von Sang. Und ich bin die meiste Zeit betrunken.«

»Das ist es nicht, was so falsch an dir riecht. Ich kenne den Geruch von Alkohol. Da ist noch etwas anderes.«

»Ich habe deine Frage beantwortet, Prinzessin«, knurrte er. »Jetzt wird verhandelt.«

»Ich will zugeben, dass ich dir etwas schulde«, antwortete ich ruhig. »Und du schuldest mir ebenfalls etwas. Also sind wir quitt.«

Er lachte, düster, nüchtern und unbekümmert.

»Ich schulde dir etwas? Wir sind quitt? Bockmist. Du hast mich angegriffen, und ich habe dir trotzdem das Leben gerettet. Du schuldest mir was. Punkt.«

»Du hast mich geschnitten. Da wo ich herkomme, haben diejenigen, die das Leben Adeliger bedrohen, noch Glück, wenn sie nur ausgeweidet, gevierteilt und den Bludlemmingen und Schneewölfen zum Fraß vorgeworfen werden. Wenn du mein Diener wärst und mich absichtlich verletzt hättest, so wie du es tatsächlich getan hast, würde man deine gesamte Familie auf den Gefrorenen Hügeln pfählen und in einem Festakt bei lebendigem Leib verspeisen. Deine Schuld mir gegenüber ist weit größer als umgekehrt, denn durch Spezies und Geburt bin ich dir naturgegeben überlegen.«

Ich funkelte ihn an. Er funkelte zurück. Dann stand er auf und kam zu mir, und seine nackten Füße streiften den zerrissenen und verblichenen Taft meines Rocks. Er bückte sich, bis sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt war, und bleckte mir die Zähne. Mir! Ich konnte seine Böswilligkeit und den Alkohol spüren, die von ihm ausgingen.

»Also dann, verletze mich. Mach schon. Beiß mich. Mach mir ein Ende. Ich habe alles verloren, was mir je etwas bedeutet hat. Ich würde es begrüßen, Prinzessin.«

Die Worte kamen als ein Knurren zwischen blitzenden Zähnen heraus, und ich zuckte unwillkürlich zusammen. Ich hob eine zitternde, schwarzgeschuppte Hand. Unsere Blicke trafen sich – seine Pupillen waren wie Stecknadeln in dämmerigem Blau. Mit jedem bisschen Kraft, das ich aufbringen konnte, voll Wut über seine niedere Natur und sein Mitleid, drückte ich meine scharfen Klauen um seine Kehle. Ich konnte seinen Puls dort hämmern sehen, konnte die Wut, die in ihm pochte, riechen. Ich packte noch fester zu und wartete auf das nasse Aufplatzen seiner Haut, das harte Krachen seiner Wirbelknochen.

»Tu es!« Seine Lippen zogen sich zurück und entblößten Eckzähne, die schärfer waren, als ich erwartet hatte. »Mach ein Ende! Schick mich zurück in das Grab, wo ich hingehöre, du gottverdammtes Monster!«

Ich fauchte und drückte zu.

Doch ich schaffte es nicht einmal, seine Haut zu durchbohren.

Ich ließ seinen Hals los, und meine Kehle bebte mit einem Schluchzen. Ich konnte mir nicht einmal nehmen, was mir gehörte. Er hatte recht – ich war ein Monster. Ein gebrochenes Monster.

»Das habe ich mir gedacht«, sagte er leise.

Ich fiel wieder zu Boden und krümmte mich schluchzend zusammen. Eine einzelne Träne rollte mir über die Wange, fiel auf mein Handgelenk und hinterließ eine pinkfarbene Spur. Das bisschen Kraft, das ich hatte sammeln können, war aufgebraucht. Ich brauchte mehr Blut, wenn ich ihn töten wollte. Und ich würde ihn töten, denn jeder Mensch, der königliche Tränen sieht, erblickt damit sein eigenes Verderben.

»Ich werde dir ein Ende machen«, flüsterte ich. »Ich werde Blut auftreiben und wieder zu Kräften kommen, und dann werde ich dich vollkommen aussaugen. Nichts wird wundervoller sein als dein Tod.«

Der Blick, mit dem er mich musterte, war eigenartig. »Tu das«, antwortete er mit einer Stimme, die klang wie reißendes Papier.

Und schon wieder begann ich, das Bewusstsein zu verlieren, aber ich fühlte seine Arme, die mich vom Boden aufhoben und irgendwo hintrugen. Die Samtvorhänge streiften meine Stiefel wie ein vorbeiziehendes Flüstern.

Das Letzte, was ich hörte, bevor ich ohnmächtig wurde, war sein Flüstern: »Selbst der Tod ist besser als das hier.«

3.

Mein erster Gedanke, als ich wieder aufwachte, war, dass dieses ständige In-Ohnmacht-Fallen doch schrecklich ungehobelt war. Mein zweiter Gedanke war, dass, wer auch immer mir die Stiefel ausgezogen hatte, ich denjenigen küssen wollte. Mein dritter Gedanke, während ich meine Füße streckte, war, dass ich eben denjenigen nach dem Küssen würde töten müssen, denn schließlich kann man doch nicht so einfach mal eine Prinzessin entkleiden ohne ihre Erlaubnis. Mein vierter Gedanke war, dass ich keine Prinzessin mehr war. Wenn meine Mutter wirklich tot war, dann war ich jetzt die Zarina.

Da plötzlich fiel mir auf, dass Casper mich beobachtete.

Ich hielt meine Augen geschlossen und stellte mich schlafend. Gleichzeitig versuchte ich meine körperliche Verfassung zu analysieren. Zwar erinnerte ich mich an alles, was geschehen war, seit ich in diesem schrecklichen Koffer aufgewacht war, aber ich hatte noch immer keine Ahnung, wo ich war, welcher Tag oder überhaupt welches Jahr war, oder was mein Geiselnehmer/Retter von mir eigentlich wollte. Ich musste mir eine Strategie überlegen, aber meine Gedanken waren so durcheinander wie ein Schneesturm in einer mondlosen Nacht.

»Ich weiß, dass du wach bist, Prinzessin. Ich kann sehen, wie du die Füße bewegst.«

»Du schon wieder, Knecht?« Ich versuchte, mich aufzusetzen, und knallte mit der Stirn gegen etwas Hartes.

»Die Decke ist ziemlich niedrig«, meinte er trocken, als ich zurückfiel. »Etwas Besseres kann ich mir nicht leisten. Das hier ist nicht der Eispalast.«

Meine Augen gewöhnten sich an das Dämmerlicht, und es gelang mir, mich auf einen Ellbogen zu rollen. Er saß auf der anderen Seite des kleinen Zimmers – eigentlich eher ein größerer Wandschrank – auf einem Stuhl und zog gerade ein Paar glänzender kniehoher Stiefel mit silbernen Schuhkappen an. Eigentlich wollte ich etwas Abfälliges erwidern, aber er war einfach zu interessant. Der ungepflegte, unbekümmerte, betrunkene Taugenichts von vorhin hatte sich in eine attraktive Kreatur, einen regelrechten Dandy, verwandelt. Enge Wildlederhosen, ein gerüschtes Hemd mit federleichten Schichten aus Spitze und ein edelsteinbesetzter Mantel, der im Dämmerlicht glitzerte. Sein Haar fiel ihm in glänzenden Wellen über die Schultern. Er erinnerte mich an Mutters Lieblings-Hauspinkie, ausstaffiert für eine Parade, wenngleich da etwas vage Bedrohliches an ihm war. Ich konnte nicht genau sagen, was es war, seine Körperhaltung, sein Duft oder sein wölfisches Grinsen – aber unter der Oberfläche von Casper Sterling lauerte etwas Gefährliches.

»Zeit für meinen Auftritt.« Er stand auf und betrachtete sein Erscheinungsbild prüfend in einem Spiegel, der an der Wand hing. »Du musst genau da bleiben, wo du bist. Ich habe mir ein paar alte Flugblätter angesehen, und jeder, der nicht allzu betrunken ist, würde dich in Sekundenschnelle erkennen. Also denke schon mal darüber nach, was du tun kannst, um das zu ändern – angefangen bei deinem Haar.«

Meine bloße Hand fuhr an die langen, weißblonden Locken, die sich über die Seite des Bettes kräuselten. Du meine Güte, hatte er die Nadeln herausgezogen, während ich schlief? Der Gedanke an diese langgliedrigen Finger in meinem Haar empörte mich. Und er erwartete allen Ernstes von mir, dass ich das änderte, was mir am besten an mir gefiel? Die eisblauen Augen meiner moskovitischen Herkunft konnte ich nicht ändern, also war mein Haar die einzige logische Wahl. Und dann wurden mir erst die Konsequenzen dessen, was er gesagt hatte, klar.

»Warum sollte ich mich verkleiden?« Ich straffte die Schultern und schob das Kinn vor, meiner undamenhaften Position zum Trotz. »Ich bin die Prinzessin. Bald werde ich Zarina sein. Sobald die Obrigkeit von meinem Aufenthaltsort Kenntnis erlangt, wird man mich in den Eispalast zurückbringen. Du könntest sogar eine Belohnung für deine Mühe erhalten.«

Bevor wir dich ausbluten und dein Herz auf Toast essen, fügte ich im Stillen hinzu.

»Wir sind hier nicht in Frostland. Und Frostland ist nicht mehr, was es noch vor vier Jahren war. Dort gibt es Bürgerunruhen und Gerüchte über eine Revolte gegen das brutale Regiment des Bludadels. Auf deinen Kopf ist ein hoher Preis ausgesetzt, und falls du es tatsächlich lebend bis nach Hause zurück schaffen solltest, würde Ravenna dich töten lassen. Falls das Volk dich noch immer will, weiß es nichts davon. Alle sind vollkommen ihrer Macht unterworfen. Fasziniert oder schikaniert oder nur mit Propaganda abgefüttert. Vielleicht auch alles zusammen.«

»Du lügst.« Jedes meiner Worte troff vor Eiseskälte.

»Warum sollte ich lügen? Wir sind hier in London, und ich bin ein abgehalfterter Musiker, der in einer drittklassigen Bludbar Melodien für Kupferlinge klimpert. Ich bin ein tanzender Affe. Wenn ich dir wehtun wollte, dann hätte ich dich den Coppers übergeben, als du noch schliefst, und die Belohnung eingestrichen.« Er band seine Krawatte und ließ das Grinsen mit den Grübchen aufblitzen. »Es liegt bei eintausend Silberlingen, weißt du. Man hält dich zwar für tot – aber irgendjemand ist sich nicht ganz sicher.«

Äußerlich blähten sich meine Nasenflügel vor Zorn. Doch innerlich zerbrach ich, und die Risse zogen sich durch mich hindurch wie durch einen Gletscher, der im Begriff war, in die bodenlose Tiefe zu stürzen. Wenn er die Wahrheit sagte, dann waren meine Eltern tot, und der wunderschöne Palast, in dem ich ein geborgenes Leben geführt hatte, war über tausend Meilen entfernt und nicht mehr sicher für mich. Das Meer, die Berge, die Wildnis der Tundra, all das stand zwischen mir und meinem Zuhause. Nur die Erkenntnis, dass jemand meinen Tod wollte, stellte das noch in den Schatten. Und es fehlte nicht viel, dass dieser Jemand seinen Willen bekommen hätte.

»Ich muss zurück.« Ich musste herausfinden, was Ravenna die Kontrolle über mein Land und das letzte meiner Geschwister verlieh. Wenn die Lage so schlimm war, wie er sie beschrieben hatte, dann war es meine Pflicht ihnen gegenüber und mein Geburtsrecht.

»Zuerst mal würde ich mir Gedanken darüber machen, aufzustehen. Sieht so aus, als hätte man dich ausgeblutet bis an die Schwelle des Todes. Was ist das Letzte, woran du dich erinnerst?«

Er beugte sich vor, in einen goldenen Strahl der untergehenden Sonne, der durch ein kleines einem Bullauge ähnlichen Fenster fiel. Die blutunterlaufenen Augäpfel ließen das Blau seiner Pupillen noch stärker strahlen. Ich holte tief Luft und stellte fest, dass sein Geruch mich beschäftigte. Er war kein Bludmann, das war sicher. Aber was war er dann?

Und wo war ich die letzten vier Jahre lang gewesen?

»Das Letzte, woran ich mich deutlich erinnere, ist, dass ich am Brunnen im Hinterhof saß. Er war von einer dünnen Eisschicht bedeckt, so wie auf Blut brulée. Ich habe Muster in das Eis gezeichnet, den Kois darunter beim Schwimmen zugesehen und versucht, mit meinen Fingern durch die Kruste zu greifen.«

»Und dann?«

»Und dann war ich im Dunkeln und plante deinen Tod.«

»Wie nett.«

»Ich bin nicht nett«, grollte ich. Mit ein wenig Mühe zog ich mich in eine sitzende Position hoch, am anderen Ende des Bettes, wo die Dachsparren nicht so niedrig waren. »Nett ist für Kindermädchen und Stallburschen. Ich bin ein Mitglied des Königshauses. Ich bin Pragmatikerin. Und ich bin ein Morgenmuffel. Warum riechst du so anders?«

»Das geht dich verdammt noch mal nichts an.«

»Deine Einstellung gefällt mir nicht.«

»Ich bin nicht dein Knecht.«

Ich fauchte. »Wenn du mein Diener wärst–«

»Schau mal, das ist ja alles ganz süß, du mit deinen Drohungen die ganze Zeit. Aber du bist schwach, du wirst gesucht, und du bist in meiner Gewalt. Gewöhn dich dran. Ich muss in fünf Minuten auf der Bühne sein, oder ich habe kein Geld, um mehr Blut für dich zu kaufen. Kann ich mich darauf verlassen, dass du hierbleibst?«

Endlich etwas, womit ich arbeiten konnte.

Ich schenkte ihm mein betörendstes Lächeln, das meine kleinen spitzen Zähne sehen ließ, und klimperte mit den Wimpern. »Natürlich. Ich werde einfach ein Nickerchen machen, während ich warte, und danach können wir ein Transportmittel organisieren.«

Er lachte leise, und meine Wangen wurden heiß.

»Weißt du, vor zwei Jahren wäre ich darauf noch hereingefallen. Aber seitdem ist eine ganze Menge passiert, und ich erkenne eine Lügnerin, wenn ich sie sehe.«

Meine Hände ballten sich zu Fäusten in die kratzige Decke auf seinem Bett. Langsam gewöhnte ich mich an das Gefühl meiner überlangen Nägel, die sich in Stoff gruben. Inzwischen machte es mir nicht mehr so viel aus. Aber als ich meine Füße auf den Boden setzte und mich in Angriffsposition duckte, drückte er mir seelenruhig eine behandschuhte Hand gegen die Schulter und schubste mich hart zurück auf das Bett.

Ich prustete empört auf und kämpfte gegen die Schwerkraft an, aber ich war noch immer sehr schwach. Mich aufzusetzen, hatte mich schon alle Kraft gekostet, die ich hatte. Das Gefühl der Schande, das da anfing, wo die Schwäche aufhörte, brachte mich fast um.

»Ich traue dir nicht, Prinzessin. Ich weiß nicht, was du denkst und was du tun wirst, aber ich traue dir nicht.« Er kramte in einer schiefen Schublade herum und hielt dann eine Hand voll Seidenkrawatten in die Höhe.

»Das würdest du nicht wagen.«

»Du kannst mich nicht daran hindern.« Er grinste.

Ich wehrte mich, aber es half nichts. Er summte leise vor sich hin, während er meine Hände an den Handgelenken zusammenband. Als er nach meinen Knöcheln griff, die nur von Strümpfen bedeckt waren, ließ mich tief anerzogene Schicklichkeit schwach nach ihm treten.

»Niemand«, japste ich, »hat jemals meine Knöchel berührt.«

»Niemand hat jemals gedroht, mich zu töten, und das zehnmal auf zehn verschiedene Arten an einem einzigen Tag.«

Geschickt schnappte er sich meine Knöchel und wand ein rotweinfarbenes Seidenband darum. »Aber ich brauche diesen Job. Mittlerweile habe ich mich durch jedes Theater und jede Bar der Stadt gesoffen, und nach dem hier wäre meine nächste Station Deep Darkside und Beggar’s Row. So tief will ich nicht sinken.«

Er redete mit sich selbst. Ich war gefesselt an Händen und Füßen, zusammengeschnürt wie eine Fliege in einem Spinnennetz – oder, ehrlicher gesagt, wie eine Spinne, vorübergehend gefesselt von einer sehr törichten Fliege. Mein Verstand schaltete von Flucht auf List um, und ich hielt ganz still und ließ ihn weitermachen. Je mehr ich über meine Beute lernen konnte, die zu meinem Geiselnehmer geworden war, umso besser standen meine Chancen, ihn zu schlagen.

»Was ist passiert?«, fragte ich sanft.

»Ich bin gestorben. Du weißt nicht, wie das ist. Oder, vielleicht weißt du es ja doch, jetzt. Aber die Musik ist alles, was ich noch habe. Ich war berühmt. Gefeiert, in zwei verschiedenen Welten. Und beide Male habe ich alles verloren. Ein Mädchen, von dem ich dachte, dass ich es liebe, hat mir erzählt, dass der Verlust meine Erlösung sein würde. Aber weißt du was? Ich fühle mich nicht erlöst.«

»Niemand ist je völlig selig«, fügte ich besänftigend hinzu.

Er holte eine Münze aus seiner Tasche und begann, sie über seine Fingerknöchel hin- und herwandern zu lassen. Seine Augen waren geschlossen, und ein Ausdruck von Schmerz huschte über sein Gesicht. Immer schneller drehte sich die Münze in den letzten Strahlen der abendlichen Sonne, glitzerte im Licht und zeigte mir das in Kupfer gegossene Gesicht eines freundlichen älteren Herrn mit Schnurrbart. Ich bewegte keinen Muskel und beobachtete einfach nur meine Beute, wie ich es gelernt hatte. Er schluckte schwer, und ich konzentrierte mich auf seine Lippen, auf die sinnliche Krümmung der Unterlippe, und wartete darauf, was er als Nächstes enthüllen würde.

»Oi, Maestro«, rief da jemand mit blecherner Stimme von irgendwo hinter der geschlossenen Tür. »Das ist deine letzte Chance, Kumpel. Wenn du nicht in der Gosse enden willst, dann kommst du besser runter und fängst an zu spielen.«

»Noch mehr Drohungen«, murmelte er leise. »Heute muss Montag sein.«

Er überprüfte noch einmal die Knoten, und als er merkte, dass ich es geschafft hatte, sie nur ein winziges bisschen zu lockern, zog er sie so fest zusammen, dass ich auf ganz undamenhafte Art aufkreischte.

»Wie kannst du es wagen –«

»Du weißt ganz genau, wie ich es wagen kann.« Er ließ den Blick über mich schweifen und atmete tief ein, als wolle er die Luft riechen. »Denke einfach nur daran, wenn du deine Kraft wiedergewonnen hast, dass ich dir viel Schlimmeres hätte antun können.« Er leckte sich über die Lippen, während sein Blick auf dem tiefen Ausschnitt meines Kleides ruhte, so düster, dass es mich siedend heiß durchfuhr. Ich zeigte ihm die Zähne.

Er tätschelte mir übers Haar, und ich schüttelte ihn mit einem Fauchen ab. Die Bewegung erschöpfte mich über alle Maßen, aber ich hasste den Gedanken, dass seine schmutzigen Bauernhände mich anfassten. In meinem Kopf tötete ich ihn zum tausendsten Mal, lachend, während sein Blut meine Zähne färbte.

»Ich werde nicht an das denken, was du nicht getan hast«, flüsterte ich, während ich mich auf der Seite zusammenrollte und bereitmachte, zu schlafen, in Ohnmacht zu fallen, oder was auch immer mich da ständig überkam. »Ich werde nur an das hier denken.«

4.

Immer wieder driftete ich zwischen Schlafen und Wachen hin und her und war zu leer, um zu träumen. Als ich wieder aufwachte, konnte ich irgendwo unter mir sein Cembalo hören, manchmal lieblich, langsam und lockend, manchmal laut, aufdringlich und begleitet von stampfenden Stiefeln, obszönen Rufen und Gesang. Doch zugleich war da immer ein melancholischer Unterton in den Melodien, eine Trauer, die zwischen den Noten selbst der fröhlichsten Weisen durchschimmerte. Es war das, was auch ich in mir fühlte – ein gähnender Abgrund des Kummers, der sich nicht überbrücken ließ. Aber dagegen würde ich etwas tun.

Als die Tür sich endlich öffnete, war ich so gut wie wach, lag auf der Seite und nagte mit meinen Reißzähnen fleißig an der Seidenkrawatte um meine Handgelenke. Ich versuchte erst gar nicht, es vor ihm zu verbergen, sondern lächelte nur über dem, was von seiner Krawatte noch übrig war, und machte weiter. Mit der schwarzen Katze auf den Fersen duckte er sich durch die Tür und tat so, als sei ich gar nicht da. Er warf seine Handschuhe auf die Kommode und ließ nacheinander seine Fingerknöchel knacken, während er mich sinnend betrachtete.

»Du bist ein angriffslustiges kleines Monster, nicht wahr?«, fragte er schließlich, leicht lallend.

»Ich bin kein Monster.« Damit spuckte ich einige Überreste seiner Krawatte aus und rieb mir über die wunden Handgelenke. Die Seide schmeckte zu sehr nach Mensch und Seife und nach etwas anderem, einem moschusartigen Gestank, der mir nicht gefiel. Ich warf sie zu Boden, und Tommy Pain wirbelte sie herum wie ein Spielzeug. Charmant, diese Katzenkreatur. Casper hingegen nicht. »Ich erwarte gar nicht, dass du verstehst, wer ich bin oder was ich meine. Du bist unzivilisiert.«

»Ich bin ziemlich zivilisiert.«

»Zivilisierter Anstand hat etwas damit zu tun, dass man andere Leute nicht fesselt.«

»Wenn die Rollen vertauscht wären, würdest du nicht zögern«, murmelte er. »Du würdest mich ganz langsam umbringen. Ich kann es in deinen Augen sehen. Und es ist eine Schande. Sie wären so hübsch, wenn sie nicht immer so auf Mord konzentriert wären.«

Ich ließ ein tiefes, süßes Lachen hören. Er wusste nicht mal die Hälfte. Aber ich hatte nachgedacht. Ich hatte mir eine Möglichkeit ausgedacht, rundum alles zu bekommen, was ich wollte. Meine Kraft zurück, mein Leben zurück, meine Rache und, zu gegebener Zeit, seinen Kopf auf einem Silbertablett.

»Ich will dich nicht mehr töten.« Ich lächelte zuckersüß. »Ich denke, wir können einander helfen.«

»Ach tatsächlich?« Er drehte mir den Rücken zu. Mein Zorn kochte hoch, darüber, dass er mich für so unbedeutend und harmlos hielt.

Dann zog er sich aus, und ich musste den Blick abwenden – oder zumindest so tun als ob. Nicht nur, weil ich entrüstet war, sondern auch, weil er trotz des eigenartigen Geruchs noch immer voll Blut war, kaum verhüllt von warmer Haut. Wie mein geliebtes altes Kindermädchen zu sagen pflegte – für das richtige Getränk stellt auch eine Teetasse mit Sprung ein hübsches Gefäß dar. Und diese Teetasse auf zwei Beinen hier war alles andere als durch Sprünge verunstaltet.

Er warf sein glitzerndes Jackett über die Kommode und zerrte sich die Krawatte vom Hals. Danach kam sein Rüschenhemd an die Reihe, das er sich über den Kopf zog und in die Ecke warf. Seine Haut war goldfarben, wie man es in meinem Land, wo eisiges Weiß in Mode war, gar nicht kannte. Er war breiter gebaut als die Mitglieder von Königshäusern und Hochadel, mit denen ich aufgewachsen war, und seine muskulösen Schultern brauchten keinerlei zusätzliche Polsterung. Feines Haar kräuselte sich auf seiner Brust und weiter abwärts.

Ich hörte, wie er den Knopf seiner Hose öffnete, und vielleicht hätte ich rein aus Neugier einen Blick riskiert – aber in diesem Augenblick schien er sich daran zu erinnern, wo er war, hielt inne und begegnete meinem Blick mit einem spöttischen Lächeln. Stattdessen kickte er seine Stiefel durch das Zimmer und rammte eine Faust in die weiß gestrichene Wand. Tommy Pain schoss fauchend unter das niedere Bett. Der gesprungene Spiegel, der an einem Draht hing, fiel zu Boden und zersprang in tausend Stücke, und jede Scherbe reflektierte das erbärmliche kleine Zimmer und uns, seine jämmerlichen Bewohner.

Ich, eine verschollene Prinzessin und künftige Königin, weit weg von der Heimat und so schwach, dass ich nicht einmal die Krawatte um meine Fußknöchel losbinden konnte. Er, ein unzivilisierter und gefallener … was auch immer er war. Ich konnte die Wut in der Anspannung seines Rückens erkennen, an seinen weißen Fäusten vor der bröckelnden Wand, wo der Spiegel gehangen hatte. Selbst in der Totenstille war er ein Sturm.

»Das bedeutet sieben Jahre Pech.«

»Drei habe ich schon hinter mir.« Er schlug leicht mit dem Kopf gegen die Gipswand. »Was wird nach vier weiteren noch von mir übrig sein?«

»Wenn du meinen Vorschlag annimmst, ein reicher Mann.« Ich setzte mich auf. »Also, hast du noch mehr Phiolen?«

Er stieß sich von der Wand ab und nagelte mich mit einem stechenden Blick aus seinen stahlblauen Augen fest. Ich blinzelte nicht mal.

»Bitte?«, fügte ich hinzu, so schwer es mir auch fiel.

Mit einem leisen Auflachen fischte er drei Glasröhrchen aus seinem Jackett und entkorkte die erste davon auf Pinkie-Art mit zwei Händen. Nachdem ich alle Phiolen hinuntergestürzt hatte, war ich wieder kräftig genug, um meine Füße loszubinden und aufzustehen, auch wenn die niedere Decke nicht einmal meiner kindergroßen Gestalt erlaubte, sich ordentlich zu strecken. Seit ich ihn unten angegriffen hatte, war ich nicht mehr aufrecht gestanden, und mein Korsett hing lose um meine Taille und juckte. Allerdings war ich zu gut erzogen, um mich zu kratzen.

Die ganze Zeit über beobachtete er mich, vorsichtig, aber neugierig und ohne ein Lächeln. In Caspers Gegenwart fühlte ich mich unsicher, ein Gefühl, das ich ihm zutiefst übel nahm; schließlich existierte eine Prinzessin nur, um bewundert und gefürchtet zu werden. Noch ein Punkt gegen ihn. Ich sah an mir herab auf den zerknitterten Sack eines Kleides, der an meinem ausgemergelten Körper herunterhing. Es war einmal mein drittbestes Kleid gewesen, hochmodisch, handgenäht mit Goldfaden. Was musste er von mir denken, schwach und mädchenhaft, und in einem Koffer zurückgelassen, um darin zu verrotten? Und doch lauerte da etwas Hungriges in seinem Blick.

Ich würde ihm schon zeigen, was er von mir zu denken hatte. Ich bückte mich, um ihm seine Krawatte zu geben.

»Hier ist mein Angebot.« Ich faltete die Hände und ahmte den akkuraten Tonfall meiner Mutter nach. »Ich muss zu meinem Volk zurückkehren. Ich verstehe, dass ich gejagt werde und dass ich leicht zu erkennen bin, und ich gebe zu, dass ich nur wenig über das armselige Leben außerhalb des Eispalastes weiß. Du wirst mich tarnen und nach Moskovia geleiten, als mein Führer und Wächter. Du wirst mir helfen, herauszufinden, welche Macht Ravenna über mein Königreich hat, und du wirst mir helfen, sie abzusetzen. Wenn wir Erfolg haben, wirst du der Hofmusiker der Zarina von Frostland sein, Komponist am Schneehof von Moskovia. Du wirst nie wieder etwas entbehren müssen. Was auch immer du bist, du wirst alles haben, was du brauchst. Alles, was du dir wünschst.«

»Alles, was ich mir wünsche?« Eine seiner Augenbrauen ging nach oben, und eine eigenartige Vorahnung ließ mich schaudern. Ich ignorierte es.

»In angemessenem Rahmen.«

Kaltes Schweigen hing zwischen uns, und die Spiegelscherben auf dem Boden leuchteten heller als Schnee.

»Du hast keine Erfahrung mit Verhandlungen, oder?«, fragte er schließlich.

»Wie bitte?«

»Nun, im Grunde hast du mir erklärt, falls ich das Unmögliche schaffe, dich über einen mehr als tausend Meilen langen Weg am Leben zu erhalten und einen der mächtigsten Despoten der ganzen Welt zu stürzen, dann darf ich im Schnee herumsitzen und Cembalo spielen, wann immer du mit deiner kleinen Klaue winkst. Aber ich werde trotzdem noch ein Untergebener sein, nicht wahr? Dein Haus- und Hofsklave.« Er gluckste und lehnte sich an die Wand, mit überkreuzten, nackten Füßen. »Sowas nennt man eine Mogelpackung – einen Handel, auf den sich nur ein Dummkopf einlässt.«

»Mir kommst du wie ein Dummkopf vor.«

»Was, weil ich hier auf dem Dachboden hocke und Piano spiele für irgendwelche blutsaugenden Fabrikarbeiter, die Beethoven nicht von Brahms unterscheiden können? Weil ich die meiste Zeit über betrunken bin und mir etwas Stärkeres als Alkohol wünsche? Oder weil ich Mitleid hatte mit einem Wesen, das ich für ein hungerndes Kind hielt, das sich aber als mörderische kleine Eisschlampe entpuppt hat, die die Weltherrschaft an sich reißen will?«

Als er so auf mich zukam in dem winzigen Zimmer, schwer atmend vor Zorn und leicht gebeugt, entdeckte ich in ihm einen Schatten der inneren Bestie eines Bludmannes, und ich fragte mich, was er wirklich war. Aber nach außen hin lächelte ich über seine kleine Tirade.

»Du bist ein Dummkopf, weil du mich unterschätzt.« Ich fuhr mit dem Daumen über die scharfe Kante der Spiegelscherbe, die ich hinter meinem Rock verborgen hielt. Für nur einen Moment hatte er mir den Rücken zugedreht, und ich hatte sie vom Boden aufgehoben.

Dann machte ich damit einen Satz auf seinen Hals zu.

Es war gar nicht so viel Kraft oder Wucht nötig, um ihn von den Füßen zu holen – er musste betrunkener sein, als er aussah. Er riss den Arm hoch, gerade noch rechtzeitig, um meinen Hieb nach seiner Halsschlagader abzuwehren, und ich fauchte und zielte auf seine nackte Schulter. Die Spiegelscherbe bohrte sich in seine Haut, und noch während er aufschrie und versuchte, sich freizustrampeln, zog ich sie wieder heraus und drückte meine Lippen auf die Wunde.

Endlich. Echtes Blut. Direkt vom Tier, so wie es sich gehörte. Phiolen konnten einfach nicht mithalten mit diesem Rausch, dieser ekstatischen Wonne.

Außer–

Ich wich zurück und starrte auf das Blut, das aus der Wunde tropfte. Es war nicht richtig, irgendwie.

In dieser Sekunde der Neugier, während Casper seine Schulter umklammert hielt und in Worten fluchte, die ich noch nie zuvor gehört hatte, landete etwas Schweres fauchend auf meinem Rücken. Klauen gruben sich in die zarte Haut über meinem Korsett und Zähne schnappten nach meinem Hals. Ich knurrte und schlug mit meinen Krallen nach der schweren, fellbedeckten Gestalt. Mit einem letzten beleidigten Fauchen sprang Tommy Pain von mir herunter und schoss zurück unter das Bett, wo er noch einmal drohend aus den Schatten heraus fauchte. Ich beschloss, dass ich mir noch nicht sicher war, ob ich Katzen mochte.

Casper brach unter mir aus und warf mich auf die staubigen Bodendielen. Dann taumelte er dorthin, wo einmal der Spiegel gewesen war, und fluchte noch etwas mehr, während er versuchte, den Schaden abzuschätzen, den ich angerichtet hatte.

Ich leckte mir nachdenklich über die Lippen und fragte mich immer noch, was das für ein bitterer Geschmack sein mochte. Mein ohnehin schon ruiniertes Kleid sah nun aus wie ein Müllsack, und mein Haar hing mir in cremefarbenen staubigen Strähnen über die Schultern, klebrig von Blut und altem Wein. Und noch immer tobte der Hunger in mir. Sein Blut war nicht perfekt, aber es hätte seinem Zweck gedient, hätte ich nicht innegehalten und über sein Blut nachgedacht.

Wäre ich ein geringeres Geschöpf gewesen, hätte ich mir jetzt selbst sehr leidgetan und vielleicht sogar wieder zu weinen angefangen. Doch unter den gegebenen Umständen hielt ich Casper eine Hand hin und sagte: »Du darfst uns nun als gleichgestellt betrachten. Dein Blut im Austausch dafür, dass du mich gefesselt hast. Wollen wir Freunde sein?«

Ich meinte es nicht so. Weder den Teil mit gleichgestellt noch den Teil mit Freunde. Einmal hatte ich einen Menschen beobachtet, wie er einigen Tauben vorsang und damit eine nahe genug heranlockte, um ihr den Hals umzudrehen. So singen konnte ich auch.

Er sah meine Hand an, als wäre darin noch immer die Spiegelscherbe. Zum Glück war sein Blut schon geronnen, sodass es mir nicht allzu schwerfiel, mich zu beherrschen. Ich hatte ein paar gute Mundvoll bekommen, und das war genug. Aber ich wollte, dass er mir aufhalf. Dass er anfing, sich als meinen Diener zu betrachten. Also lächelte ich. Und wartete.

Casper blieb so lange über mir stehen, dass mein Arm anfing zu zittern. Bis jetzt hatte ich es geschafft, das beständige Klagen meines Körpers und die Schmerzen zu ignorieren, die mich seit meinem Auftauchen aus dem Reisekoffer plagten. Aber nicht einmal das frische Blut konnte vier Jahre des Hungers, der Reglosigkeit und allgemeiner körperlicher Schwäche beheben, selbst bei einer Bludfrau.

»Hmm?«, fügte ich hoffnungsvoll hinzu.

Doch statt mir zu helfen, griff er in seine Tasche und ließ noch eine Phiole in meine Hand fallen. Instinktiv krallten sich meine schwarzgeschuppten Finger um das kühle Glas, und sofort dachte ich nur noch daran, wie gut es schmecken würde, wenn es meine Kehle hinabrann. Ich hatte nie mehr als zwei Phiolen pro Tag getrunken, aber im Augenblick fühlte ich mich, als würde ich nie wieder satt werden.

»Trink es«, sagte er, und seine Stimme klang düster und tödlich. »Ich habe Besorgungen zu machen. Wenn du diesen lächerlichen Handel immer noch mit mir abschließen willst, dann bleibst du hier in diesem Zimmer und schläfst. Du brauchst Kraft und Ausdauer, wenn das funktionieren soll. Ich werde hier sein und reisefertig, wenn du aufwachst.«

»Dann hilfst du mir also? Du bringst mich zurück nach Frostland?«

Naive Hoffnung durchdrang meine Stimme. Vielleicht gab das schließlich den Ausschlag.

»Alles ist besser als das hier.« Er nickte einmal kurz und stürmte hinaus.

Ich schluckte das Blut hinunter, noch bevor seine nackten Füße die Treppe erreichten.

Ich hatte richtig geraten – er war ein Dummkopf. Und mit Dummköpfen kannte ich mich aus.

5.

Ich konnte nicht schlafen. Ich musste über viel zu vieles nachdenken – und Casper sollte ja nicht glauben, dass ich ihm gehorchte. Je länger ich dalag und an die niedrige Decke starrte, umso mehr dachte ich an das, was ich verloren hatte. Meine Eltern waren nie von der warmherzigen und liebenden Sorte gewesen – wie auch, als Raubwesen und königlich von Kopf bis Fuß? Und meine Schwester Olgha war sogar noch schlimmer gewesen. Aber sie waren meine Familie, mein Anker, das Gerüst, um das herum mein ganzes Leben geplant worden war. Und nun war dieser Plan dahin, und ich war allein und verstört.

All das, und dann auch noch diese dumme Katze unter dem Bett, die andauernd dieses völlig unangemessene grummelnde Geräusch von sich gab. Also gab ich den Versuch zu schlafen auf und tat etwas, das ich noch nie zuvor getan hatte.

Ich spionierte herum. Ich durchwühlte Schubladen und Kleidungsstücke, suchte nach losen Bodendielen und drehte sogar die Matratze um – sehr zum Verdruss von Tommy Pain. Und ich gab mir keine Mühe, mich dabei unauffällig zu verhalten. Wenn Casper mit harten Bandagen kämpfte, dann konnte ich das schon lange.

Wie es schien, hatte der enervierende Mann nur sehr wenige Besitztümer. Seine Kleidung, eine versteckte Flasche Wein, die mit Wachs versiegelt war, und ein kleines Notizbuch, das bizarre Poesie in beinahe unleserlicher Handschrift enthielt. Wütende Striche zogen sich über fast jede Seite. Auf der ersten Seite stand »Grasblätter«, was mir mehr als lächerlich vorkam. Grashalme vielleicht. Aber Blätter? Ich blätterte durch das Buch und versuchte, einen offenbar sehr wütenden und diffusen Verstand zu begreifen.

Ein Satz stand ganz für sich auf einer Seite, jedes Wort in Blockbuchstaben mit einem schweren Stift geschrieben.

So beginne ich jetzt, siebenunddreißig Jahre alt, in vollkommener Gesundheit,Und hoffe nicht eher aufzuhören, bis zum TodeFahr zur Hölle, Walt Whitman.

Was für ein ungewöhnlich bizarrer Mann. All seine Habseligkeiten lagen vor mir ausgebreitet, und doch war ich meinem Ziel keinen Schritt näher gekommen. Irgendwie musste es mir gelingen, diesen Diener zu kontrollieren, dem ich zum Heil meines Landes Freundschaft heucheln würde. Und mir lief die Zeit davon. Also ließ ich mich, so ungebührlich und unangenehm es auch war, auf den staubigen Boden nieder und streckte meinen Arm, so weit ich konnte, unter das ungepflegte Bett. Meine Hand streifte etwas Kleines an der Wand, und ich zog meinen Arm aus dem Reich der Schatten zurück, mit dem Objekt in meiner Hand und einem Kratzer von Tommy Pain für meine Mühe.

Es war ein kleines Kästchen aus poliertem Holz mit einem simplen Scharnierverschluss. Ich öffnete es. Darin lagen eine einzelne Kupfermünze und eine tiefrote Feder.

»Dass du versucht hast, den Maestro umzubringen, war wohl nicht genug. Versuchst du jetzt auch noch, ihn zu bestehlen?«, erklang da eine Stimme an der Tür.

Ich knallte das Kästchen wieder zu und warf es zurück unters Bett, wo es den verrückten Kater mit einem kräftigen thwack traf. Der schoss aus der Dunkelheit hervor und rollte sich in einer Ecke zusammen, um sich dort auf extrem unschickliche Art und Weise die Genitalien zu lecken. Ich hüstelte vornehm.

Zwar würde meine Körpergröße mich nie imposant wirken lassen, doch trotzdem stand ich auf, bevor ich mich dem Ankläger stellte. Und tatsächlich war ich doch ausnahmsweise einmal größer als mein Gegenüber. Dieser Jemand trug mehrere Schichten schmuddeliger und fleckiger Kleidung, eine Fliegermütze und eine Brille, sodass ich nicht erkennen konnte, was ich da eigentlich vor mir hatte: ein Mädchen, einen Jungen, ein Kind, einen Jugendlichen. Das Einzige, was ich auf die Entfernung in dem kleinen Raum sagen konnte, war: Es war menschlich.

Und ich würde es leer saugen.

»Ich habe eine Haarnadel unter dem Bett verloren«, sagte ich knapp. »Es ist nicht meine Schuld, wenn er seinen Kram bei den Wollmäusen aufbewahrt.«

Ich glitt auf meine Beute zu und krümmte die Finger zu Klauen. Die Gestalt grinste und ließ ein Messer sehen.

»Lektion eins. Keine Späße mit einem Spaßvogel, Kleine. Du saugst Blut von mir, und Casper liefert dich für eintausend wohlverdiente Silberlinge aus, sofern ich dich nicht zuerst ausweide. Übrigens, ich heiße Keen.«

Ich nickte dem kleinen Bastard zu. »Sei gegrüßt, Keen. Ich bin Ahnastasia, Prinzessin des Großen Schneehofes von Moskovia, Königsstadt der Zarina von Frostland.«

»Oh ja, und ich bin der Scheißkönig von Frankia.« Keen grinste und zeigte für ein, wie ich annahm, verlaustes Findelkind erstaunlich weiße Zähne. Tommy Pain hatte mittlerweile seine ekelhafte Fellpflege beendet und strich um Keens Füße herum. Als die fleckigen braunen Handschuhe begannen, ihn unterm Kinn zu kraulen, grummelte er wie eine Dampflok.

»Was kümmert dich dieser unerträgliche Mann?«, fragte ich.

»Geht dich verdammt noch mal nichts an.«

»So etwas höre ich hier ziemlich oft.«

»Das liegt daran, dass arme Leute wie wir reiche Leute hassen, die uns immer das Gefühl geben wollen, wir seien Abfall«, antwortete Keen mit schmalen Augen.

»Sehe ich reich für dich aus?« Ich breitete die Arme aus, um ihm mein ruiniertes, blutbespritztes Kleid zu zeigen.

»Der Maestro hat mir erzählt, dass du vier Jahre lang in einem Koffer verstaut warst, also klar, dass dein Kleid aussieht wie ein gebrauchtes Taschentuch. Aber ich wette, dieses Garn ist immer noch aus genug Gold, um mich ein ganzes Jahr lang zu ernähren. Ich sehe, wie du mich anstarrst, als wäre ich ein Nichts, das sich vor dir verbeugen und dir die Füße küssen sollte. Aber dazu wird es nie kommen.«

Ich setzte mich wieder aufs Bett und sah es Keen finster an. Das Straßenkind holte eine Kugel aus poliertem Messing aus der Jackentasche, warf und rollte sie in behandschuhten Händen hin und her und lächelte dabei vor sich hin. Ich sah eine Weile lang zu, registrierte die Markierungen und Beulen in dem Metall und fragte mich, was das wohl für ein Ding war. Ein Blick unter hochgezogenen Augenbrauen machte mir klar, dass ich gerade absichtlich gequält wurde, und ich seufzte resigniert. Sogar das bisschen Stehen hatte mich erschöpft.

»Genug dieses lächerlichen Stillstandes. Wo ist dein Maestro?«

»Alles für die Reise vorbereiten. Er hat mich gebeten, dich zum Kostümschneider zu bringen, für deine Verkleidung.«

»Warum ist er nicht selbst gekommen?«

»Habe ich doch gesagt. Er ist beschäftigt.«

Ich strich mir über Kleid und Haare, als ob es irgendetwas gäbe, dass ich selbst tun könnte, um mich darauf vorzubereiten, mich auf der Straße sehen zu lassen. Was, wenn dort draußen Leute waren – also nicht niederes Volk wie Casper und Keen, sondern Leute. Richtige Leute, die eine Rolle spielten; Leute, die mich vielleicht kennen würden. Ich schauderte innerlich und neigte huldvoll den Kopf.

»Nun, ich denke, ich bin bereit. Geh voran.«

»Aber vorher muss ich noch etwas tun.« Keen zeigte mir ein breites Grinsen. Erst jetzt, als ich dieses strahlende Grinsen sah, wurde mir klar, dass sie ein Mädchen war, noch dazu ein junges und hübsches, das sich aus irgendeinem Grund unter kurzem Haar, unförmiger Kleidung und einem albernen Hut versteckte. In ihren Augen blitzte Bosheit auf.

»Nun gut.« Ich verschränkte die Arme und nickte. »Dann tue es.«

Sie griff in ihre Jacke, steckte die Kugel weg und holte eine schartige, rostige Schere hervor, von der Sorte, mit der unsere Gärtner Unkraut oder die Köpfe lästiger Bludlemminge abschnitten.

»Als Erstes müssen wir deine Haare abschneiden.«

Fauchend wich ich zurück und hielt meine langen, weißblonden Locken an meine Brust geklammert.

»Nein«, flüsterte ich.

»Abmachung ja oder nein, Prinzessin?« Sie ließ die Schere auf- und zuklappen. »In der Bar drüben haben sie immer einen Platz für Bludhuren, wenn du nicht willst.«

Mein Haar war noch nie geschnitten worden. Nicht ein Mal in den ganzen siebenundzwanzig Jahren meines Lebens. Halt nein, einunddreißig. Ich hatte vier Jahre verloren und war nun auf dem besten Wege dazu, bei Hofe hinter vorgehaltener Hand als alte Jungfer bezeichnet zu werden – falls ich denn lange genug lebte, um von irgendeiner höhnischen Baroness dergleichen genannt zu werden. Doch Keen ließ mir kaum eine andere Wahl, und ich wusste selbst, dass mein Haar das deutlichste Merkmal war, an dem man mich erkennen würde.

Das kleine Monster ließ es mich noch nicht einmal vorher kämmen. Sobald ich die paar Silbernadeln, die noch übrig waren, herausgezogen hatte, sauste sie hinter mich und wickelte sich die knielange Lockenpracht um einen ihrer schmutzigen Handschuhe. Ich kreischte und wehrte mich, doch sie zog nur mein Haar straff, und ich war noch immer geschwächt. Sofort machte sie sich meine Schwäche zunutze und hackte mit ihrer Schere in die Haarpracht. Tränen des Schmerzes und der Trauer brannten in meinen Augen. Das Ziehen tat weh, aber meine verletzte Eitelkeit schmerzte noch viel mehr.