Blutmagie - Kim Harrison - E-Book

Blutmagie E-Book

Kim Harrison

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Beschreibung

Knisternde Lesemomente für zwischendurch

Ivy Tamwood, ihres Zeichens sexy Vampir und ehrgeiziger Cop der Inlander Security, muss sich mit manipulierten Beweisen in einem Mordfall herumärgern. Doch damit nicht genug: Sie steht zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten…

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Seitenzahl: 168

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1Kapitel 2Copyright

1

Ivy Tamwood schaufelte sich noch ein wenig Chili auf ihre Pommes und lehnte sich über das Wachspapier, damit nichts auf ihren Schreibtisch tropfte. Das Telefon hatte sie zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Kisten ließ sich über irgendwas oder irgendwen aus. Sie hörte ihm nicht zu, weil sie genau wusste, dass er ihre halbe Mittagspause lang reden würde, bevor er endlich zum Ende kam. Es war wirklich schön, am Nachmittag neben dem Kerl aufzuwachen, und es war wunderbar, sich vor Sonnenaufgang mit ihm zu amüsieren, aber er redete einfach zu viel.

Was der Hauptgrund ist, ihn zu ertragen, sinnierte sie und ließ die Zunge über ihre Zähne gleiten, bevor sie schluckte. Ihre Welt war seit dem Flug von Kalifornien nach Hause zu schnell von lebhaft zu still übergegangen. Mein Gott, sind es schon sieben Jahre? Ein Kind aus einer hochkastigen Familie in eine wohlwollende Camarilla zu überführen und sie für die letzten zwei Jahre der High School aus ihrer Familie und ihrem Zuhause zu reißen, war ein ungewöhnlicher Schritt gewesen. Aber Piscary, der Meistervampir, zu dem ihre Familie aufsah, hatte ein zu intensives Interesse an ihr gezeigt, bevor sie die mentalen Werkzeuge entwickeln konnte, um damit umzugehen. Ihre Eltern hatten trotz hoher Kosten für sich selbst interveniert und damit wahrscheinlich ihre geistige Gesundheit gerettet. Meine Probleme allein würden Freud lebenslang mit Havannas versorgen, dachte Ivy und nahm sich noch einen Bissen Kohlenhydrate mit Proteinen. Mit dreiundzwanzig sollte sie eigentlich weit genug entfernt sein von der Sechzehnjährigen, die verängstigt auf dem Rollfeld gestanden hatte. Aber selbst jetzt noch, nach vielen verschiedenen Blut- und Bettpartnern, einem sechsjährigen Studium der Sozialwissenschaften und mit einem herausragenden Job, in dem sie ihre Ausbildung auch einsetzen konnte, musste sie feststellen, dass ihr Selbstbewusstsein immer noch an genau die Dinge geknüpft war, die sie fertigmachten.

Sie vermisste Skimmer. Sie hatte sie ständig daran erinnert, dass das Leben mehr bot, als nur auf sein Ende zu warten, um dann wirklich anzufangen zu leben. Und auch wenn Kisten ihrer Zimmergenossin auf der High School nicht im Geringsten ähnelte, hatte er in diesen letzten paar Jahren diese Lücke angenehm ausgefüllt.

Ivy schaute mit einem bösartigen Lächeln durch die Glaswand, die den Blick auf ein ganzes Stockwerk voller Schreibtische freigab. Sie überschlug die Beine und lehnte sich weiter über den Tisch, während sie darüber nachdachte, welche ganz besondere Lücke Kisten als Nächstes füllen sollte.

»Verdammte Vampirpheromone«, hauchte sie und richtete sich wieder auf. Es passte ihr nicht, wohin ihre Gedanken wanderten, wenn sie zu viel Zeit in den unteren Stockwerken des Inderland-Security-Hochhauses verbrachte. Seit sie beim Morddezernat der I.S. arbeitete, hatte sie ein echtes Büro bekommen statt einem Schreibtisch neben allen anderen Lakaien, aber es gab zu viele Vamps – sowohl lebende als auch untote – hier unten, sodass die Klimaanlage nicht damit fertig wurde.

Kistens Tirade über dämliche Scherzanrufe endete plötzlich. »Was haben Vamppheromone damit zu tun, dass meine Pizza-Lieferanten von Menschen angegriffen wurden?«, fragte er in einem lausig schlechten britischen Akzent. Das war sein neuester Tick, und sie hoffte inständig, dass er bald den Spaß daran verlieren würde.

Sie rollte ihren Stuhl näher an den Tisch und nahm einen Schluck von ihrem Mineralwasser, während sie ihre Augen auf die geschlossene Bürotür der Chefin auf der anderen Seite des Raums gerichtet hielt. »Nichts. Soll ich auf dem Weg nach Hause irgendwas holen? Ich komme hier vielleicht früher raus. Art ist im Büro, was heißt, dass jemand gestorben ist und ich arbeiten muss. Ich wette um den ersten Biss, dass er mir die Mittagspause kürzen will« – sie nahm noch einen Schluck – »und das hole ich mir dann am Ende des Tages zurück.«

»Nein«, sagte Kisten. »Danny geht heute einkaufen.«

Einer der Vorteile, wenn man über einem Restaurant wohnt, dachte sie, während Kisten eine Einkaufsliste herunterleierte, die sie nicht im Geringsten interessierte. Sie zog den Teller mit den Pommes vom Tisch und stellte ihn sich auf den Schoß, achtete aber sorgfältig darauf, dass nichts auf ihre Lederhose fiel. Die Tür der Chefin öffnete sich und erregte ihre Aufmerksamkeit. Art kam heraus und schüttelte Mrs. Pendleton die Hand. Er war fast eine halbe Stunde dort drin gewesen. Er hielt einen Stapel Papiere in der Hand, und Ivys Pulsschlag beschleunigte sich. Sie saß schon viel zu lange hier rum und zermarterte sich den Kopf über Arts ungelöste Mordfälle. Der Mann hatte keinerlei Berechtigung, im Morddezernat zu arbeiten.Tot hieß nicht automatisch klug.

Außer die Klugheit liegt darin, uns so zu manipulieren, dass wir den Untoten unser Blut geben. Ivy zwang sich, weiterzuessen, und dachte darüber nach, dass die Untoten ihre lebenden Vampirverwandten eher aus Eifersucht ins Visier nahmen, und weniger, um das gute Verhältnis zu den Menschen zu bewahren, wie sie immer behaupteten. Da sie mit dem Vampirvirus in ihrem Genom geboren worden war, genoss Ivy einen Teil der Stärken der Untoten, ohne die Nachteile wie Lichtempfindlichkeit oder Schmerzen durch religiöse Symbole hinnehmen zu müssen. Auch wenn ihre Fähigkeiten nicht an die von Art herankamen, war sie doch stärker und konnte besser hören als jeder Mensch und ihr Geruchssinn war für die sanfteren Gerüche von Schweiß und Pheromonen sensibilisiert. Der Blutdurst der Untoten war bei ihr keine biologische Notwendigkeit, sondern mehr eine Blutlust, die ein unvergleichliches Hochgefühl auslöste, wenn sie gestillt wurde … und wenn sie mit Sex gemischt wurde, machte sie schnell abhängig.

Ivys Blick wanderte unfreiwillig zu Art, und er lächelte sie an, als würde er ihre Gedanken lesen. Er kam direkt auf sie zu und der Papierstapel in seiner Hand wirkte wie eine Absichtserklärung. Sie verlor den Appetit und wirbelte ihren Stuhl so herum, dass sie dem Raum den Rücken zuwandte. »Hey, Kist«, sagte sie und unterbrach damit seine Ausführungen über die schlechten Pilze, die Danny neulich gekauft hatte, »Planänderung. Wenn ich mir den Papierstapel so anschaue, ist das einer von den Aufträgen, wo ich hinter Art herräume. Ich werde wohl nicht vor Sonnenaufgang nach Hause kommen.«

»Schon wieder?«

»Schon wieder?«, äffte sie ihn nach und spielte mit einem Stift herum, bis ihr aufging, dass das ihre Laune verriet. Sie legte ihn mit einem scharfen Knall auf den Tisch zurück. »Gott, Kisten. Bei dir klingt das so, als wäre es jede Nacht.«

Kisten seufzte. »Lass den Papierkram bis morgen liegen, Liebes. Ich weiß nicht, warum du dich so reinhängst. Du wirst nicht befördert werden, bevor Artie Smartie nicht von dir kosten durfte.«

»Meinst du?«, fragte sie. Ihr Gesicht wurde heiß und ihr verging endgültig der Appetit. Sie knallte den Teller auf ihren Schreibtisch und zwang sich, ruhig sitzen zu bleiben, obwohl sie am liebsten jemanden geschlagen hätte. Kampfsport-Meditation hatte sie bis jetzt vor Gerichtsterminen bewahrt; sie definierte sich hauptsächlich über ihre Selbstkontrolle.

»Du kanntest das System, als du den Job angenommen hast«, redete er ihr gut zu, und Ivy zog die Ärmel ihres engen schwarzen Pullovers von den Ellbogen zu den Handgelenken runter, um die Narben dort zu verbergen. Sie konnte fühlen, wie Art den Raum durchquerte, und Adrenalin sorgte dafür, dass ihr Magen sich zusammenzog. Es ist ein Auftrag, rechtfertigte sie sich, aber sie wusste, dass Art der Grund für das Kribbeln war, nicht die Chance, mal aus dem Büro rauszukommen.

»Warum, glaubst du, arbeite ich lieber mit Piscary als für die I.S.?«, sagte Kisten gerade,Worte, die sie schon viel zu oft gehört hatte. »Gib ihm, was er haben will. Mir ist es egal.« Er lachte. »Zur Hölle, es wäre vielleicht sogar ganz nett, wenn du mal nach Hause kommst und einen Film schauen willst, statt mich auszusaugen.«

Sie griff nach ihrer Wasserflasche und leerte sie bis auf den letzten Tropfen, bevor sie sich den Mund abwischte. Sie hatte das System gekannt – zur Hölle, sie war darin aufgewachsen –, aber das hieß nicht, dass sie die Gesellschaft mochte, nach deren Regeln sie spielen musste. Sie hatte beobachtet, wie diese Regeln das Leben ihrer Mutter beendet hatten, beobachtete jetzt, wie sie ihren Vater aussaugten und ihn Stück für Stück umbrachten. Aber es war der einzige Weg, der ihr offenstand. Und sie war gut darin. Sehr gut. Und das machte ihr am meisten Sorgen.

Sie versteifte sich, als Art seine braunen Augen auf ihren Nacken richtete. Untote Vamps schauten sie so an, seit sie vierzehn geworden war; sie kannte das Gefühl. »Ich dachte, du wärst wegen der Dentalvorsorge bei Piscary geblieben«, sagte sie sarkastisch. »Seine Zähne in deinem Hals.«

»Ha, ha. Sehr witzig!« Kistens gute Laune beruhigte sie kein bisschen.

»Ich mag, was ich tue«, sagte sie und hob eine Hand, als es an der Tür klopfte. Sie drehte sich nicht um, aber sie registrierte den stimulierenden, erotischen Geruch des untoten Vampirs, der in ihrer Tür stand. »Ich bin verdammt gut darin«, fügte sie hinzu, um Art daran zu erinnern, dass sie dafür verantwortlich war, dass seine Aufklärungsquote in den letzten sechs Monaten drastisch gestiegen war. »Zumindest bin ich kein Pizzalieferant.«

»Ivy, das ist nicht fair.«

Es war ein Tiefschlag, aber Art beobachtete sie, und das würde jedem auf die Nerven gehen. Nach sechs Monaten gemeinsamer Arbeit hatte er all ihre Eigenarten kennengelernt, konnte ihren Pulsschlag und ihre Atmung lesen und wusste genau, was sie anmachte. In letzter Zeit hatte er dieses Wissen zu seinem Vorteil eingesetzt und ihr das Leben zur Hölle gemacht. Es war nicht so, als wäre er nicht attraktiv – Gott, das waren sie alle –, aber er arbeitete schon seit dreißig Jahren auf demselben Posten. Sein Mangel an Ehrgeiz sorgte nicht gerade dafür, dass sie ihm an die Kehle springen wollte. Und über ihre Instinkte zu etwas verführt zu werden, das ihr Wille eigentlich ablehnte, hinterließ einen schlechten Geschmack in ihrem Mund.

Und was noch schlimmer war: Nachdem sie das erste Mal voller Blutlust nach Hause gekommen war und festgestellt hatte, dass Piscary auf sie wartete, war ihr klargeworden, dass der Meistervampir die Partnerschaft wahrscheinlich eingefädelt hatte, weil er wusste, dass sie sich widersetzen würde – und Art darauf bestehen würde. Das wiederum sorgte dafür, dass sie nach Hause kam und bereit war, ein wenig Druck abzulassen. Traurig war nur, dass sie sich selbst nicht sicher war, ob sie sich Art widersetzte, weil sie ihn nicht mochte, oder ob sie auf die Ungewissheit abfuhr, nicht zu wissen, ob es Piscary, Kisten oder beide zusammen sein würden, mit denen sie sich wieder beruhigte.

Aber ihre Schwäche war kein Grund, Kisten anzublaffen. »Entschuldige«, sagte sie in das verletzte Schweigen hinein.

Kisten antwortete sanft, verzeihend, da er genau wusste, wie hart das Spiel war, das Art mit ihr trieb. »Musst du gehen, Liebes?«, fragte er mit diesem dämlichen Akzent. Wer versuchte er überhaupt zu sein?

»Yeah.« Kisten schwieg, und sie fügte hinzu: »Bis heute Abend.« Sie spürte die seltsame Verengung ihrer Kehle und das zunehmende Bedürfnis, jemanden zu berühren. Es war die erste Phase einer ausgewachsenen Blutlust, und ob sie von Kisten ausgelöst worden war oder von Art spielte keine Rolle. Art wäre derjenige, der versuchte, daraus Gewinn zu schlagen.

»Tschüss«, antwortete Kisten angespannt und legte auf. Er sagte, es würde ihm nichts ausmachen, aber er war genauso lebendig wie sie und spürte Eifersucht wie jeder andere auch. Dass er den Entscheidungen, die sie treffen musste, so verständnisvoll gegenüberstand, machte es noch schlimmer. Sie fühlte sich oft, als wären sie wie Kinder in einer kaputten Familie, in der Liebe von Sex pervertiert worden war und der einfachste Weg zum Überleben darin bestand, sich zu unterwerfen. Ihre unsichtbaren Handschellen waren von ihren eigenen Körperzellen erschaffen und durch Manipulation noch verstärkt worden. Und sie wusste nicht, ob sie sie ablegen würde, selbst, wenn sie es gekonnt hätte.

Ivy musterte ihre blassen Finger, als sie den Hörer auflegte. Nicht der Ansatz eines Zitterns. Kein Hinweis auf ihre zunehmende Anspannung. So hielt sie sie auf Abstand – ruhig, still, ohne Gefühl –, eine Fertigkeit, die sie gelernt hatte, als sie im Sommer immer bei Piscarys gearbeitet hatte. Sie hatte ihre Lektion so gut gelernt, dass nur Skimmer wusste, wer sie wirklich sein wollte, obwohl sie Kisten auch genug liebte, um ihm kurze Einblicke zu gewähren.

Sorgfältig löschte sie jedes Gefühl aus ihrer Miene, dann drehte sie ihren Stuhl herum. Art stand im Türrahmen, mit dem Papierstapel in seinen langen Fingern. Offensichtlich hatten sie einen Auftrag. Der Menge der Dokumente nach zu schließen konnte es nicht allzu eilig sein. Wahrscheinlich eine Aufräumaktion aus den Zeiten, bevor sie seine Partnerin geworden war und angefangen hatte, mit Schaufel und Besen hinter ihm herzuräumen.

»Ich esse gerade«, sagte sie, als wäre das nicht offensichtlich. »Kann es nicht noch verdammte zehn Minuten warten?«

Der tote Vampir – auf dem Papier mindestens fünfzig Jahre älter als sie, dem Aussehen nach in ihrem Alter – nickte mit einer einstudierten Bewegung, die sowohl Routine als auch eine gesunde Dosis Sexappeal enthielt. Schwarze Locken umrahmten seine braunen Augen, die sie unverwandt ansahen. Sein kleines, jungenhaftes Gesicht und sein knackiger Arsch ließen ihn wirken wie das Mitglied einer Boy-Band. Er hatte auch ungefähr so viel Persönlichkeit, außer, er strengte sich wirklich an. Aber, Gott, er roch gut. Sein Aroma vermischte sich mit ihrem und löste eine chemische Reaktion aus, die ihre Libido in ungeahnte Höhen trieb. »Ich werde warten«, sagte er mit einem Lächeln.

Oh, Freude. Er wird warten. Arts wohlmodulierte Stimme jagte einen erwartungsvollen Schauer über ihre Wirbelsäule. Verdammt in die Hölle, er war hungrig. Oder vielleicht war er auch gelangweilt. Er würde warten. Er wartete seit sechs Monaten und hatte währenddessen gelernt, wie man sie am besten manipulieren konnte. Und sie wusste, dass sie mehr als nur Spaß haben würde, wenn sie es zuließ.

Die Blutlust der lebenden Vampire war an ihre Sexualität geknüpft, eine evolutionäre Anpassung, die sicherstellte, dass untote Vampire immer eine willige Blutquelle hatten, um sich vor dem Wahnsinn zu bewahren. Um »Blut gebeten zu werden« führte zum sexuellen Höhepunkt; je älter und erfahrener der Vampir war, desto besser war der Orgasmus, und das höchste der Gefühle war natürlich, von einem mächtigen untoten Vampir gebissen zu werden.

Art war seit vier Jahrzehnten tot und hatte die schwierige Dreißig-Jahr-Marke bereits hinter sich gelassen. An dieser Schwelle gelang es den meisten Untoten nicht mehr, ihre geistige Gesundheit zu erhalten, so dass sie letztendlich in die Sonne gingen. Warum Art immer noch arbeitete, war ihr ein Rätsel. Er musste das Geld brauchen, denn er war definitiv nicht gut in seinem Job.

Der Vampir atmete tief ein und sog ihre Laune in sich auf wie sie ein feines Parfüm. Weil er ihre ansteigende Anspannung fühlte, ging Art um ihren Schreibtisch herum und setzte sich in den Ledersessel in der Ecke. Ihr Gesicht wurde ausdruckslos, während ihr Puls sich beschleunigte. Art war der Einzige, der jemals dort saß. Die meisten Leute respektierten ihre Versuche, Bürofreundschaften zu vermeiden – wenn ihr scharfer Sarkasmus und die Tatsache, dass sie die meisten einfach ignorierte, nicht schon ausreichten. Aber Art mochte sie ja nicht wegen ihrer Persönlichkeit, sondern wegen ihres Rufs, den er erst noch kosten musste.

Ivy starrte auf ihren penibel aufgeräumten Schreibtisch und atmete einmal tief durch. Er war tot, und sie war am Leben. Sie waren beide Vampire, die von Blut angetrieben wurden: sie sexuell, er um zu überleben. Eine Verbindung, die im Himmel geschlossen wurde – oder in der Hölle.

Art lehnte sich lächelnd zurück und verschränkte die Beine, so dass ein Knöchel auf dem Knie ruhte. Er wirkte gleichzeitig mächtig und entspannt. Langsam strich er sich die Haare zurück und ließ dann seine Finger aufreizend über sein glattrasiertes Gesicht gleiten, mit dem er versuchte, eine jüngere Generation anzusprechen, die dem, was er zu bieten hatte, offener gegenüberstand.

Der nächste Schauer lief über ihren Rücken. Es machte keinen Unterschied, dass er von Arts Pheromonen ausgelöst wurde und nicht davon, dass sie sich wirklich für ihn interessierte. Das Verlangen, ihren Blutdurst zu stillen, war genauso ein Teil von ihr wie das Atmen. Unausweichlich. Warum es nicht hinter sich bringen? Dem Klatsch nach, weil sie sich eben gern widersetzte, nicht, weil es erwartet wurde. Und deswegen saß er da in seinem teuren Anzug und den maßangefertigten Schuhen, mit diesem frechen Grinsen. Die Toten konnten es sich leisten, geduldig zu sein.

»Löst du noch ein paar ungelöste Probleme?«, fragte sie trocken mit einem Blick auf das Bündel Papiere und lehnte sich zurück. Sie wollte die Arme über der Brust verschränken, aber stattdessen legte sie die Füße auf den Schreibtisch. Selbstbewusst. Sie hatte sich und ihr Verlangen unter Kontrolle. Art konnte sie in eine willige Bittstellerin verwandeln, wenn er sie verzauberte, aber das war Betrug, und er würde dadurch mehr verlieren als nur sein Gesicht. Er würde den Respekt aller Vampire im Haus verlieren. Er musste um ihr Blut pokern. Es wurde erwartet, dass er mit ihrer Blutlust spielte, aber sie zu verzaubern würde Piscary wütend machen. Sie war kein Mensch, den man einfach ausnutzen und dann den Papierkram » anpassen« konnte. Sie war der letzte lebende Tamwood-Vampir und das verlangte Respekt, besonders von ihm.

»Mord«, sagte er, und seine Zähne blitzten in seinem dunklen Gesicht, das seit Jahrzehnten keine Sonne mehr gesehen hatte. »Wir können es vor dem Fotografen an den Tatort schaffen, wenn du mit deinem … Mittagessen fertig bist.«

Sie ließ zu, dass ein Teil ihrer Überraschung sich auf ihrem Gesicht zeigte. Bei einem Mord gäbe es nicht so viele Informationen. Nicht mehr. Sie hatte die Quote der gelösten Fälle hoch genug gehoben, dass sie unter den Ersten am Tatort waren. Was hieß, dass sie eine Adresse bekamen, keine ganze Akte. Als sie auf den Stapel Papiere schaute, die er auf seinem Schoß gelagert hatte, zog er sie schnell zur Seite, so dass ihr Blick genau auf die Stelle fiel, von der er wollte, dass sie sie ansah. Sie war kurz irritiert. Schnell hob sie den Kopf, um seinen Blick zu erwidern, und sein Lächeln wurde breit genug, um einen Ansatz von Reißzahn zu zeigen.

»Das?«, fragte er und stand mit einer geschmeidigen, übermenschlich schnellen Bewegung auf. »Das ist deine halbjährliche Beurteilung. Bist du bereit? Wir müssen über die Brücke in die Hollows.«

Leicht beunruhigt stand Ivy auf. Ihre Arbeit war vorbildhaft und wie aus dem Handbuch. Art wollte nicht, dass sie befördert wurde und damit über ihn hinauswuchs, aber man konnte ihr im schlimmsten Falle nur eine Verwarnung aussprechen. Und sie hatte nichts getan, was das rechtfertigen würde. Eigentlich war das Schlimmste, was passieren konnte, dass er ihr ein schlechtes Zeugnis ausstellte und sie noch sechs Monate hier festhing.

Ihr Job im Morddezernat war ein kurzer Stopp auf dem Weg dorthin, wo sie hingehörte – das obere Management, wo ihre Mutter gearbeitet hatte und wo Piscary sie haben wollte. Sie hatte erwartet, dass sie hier ein halbes Jahr, vielleicht auch ein Jahr, bleiben und mit Art arbeiten würde, bis ihre dann geschliffenen Fähigkeiten sie in die Abteilung Arkanes führten und von dort weiter ins Management und schließlich in ein Kellerbüro. Gott sei Dank hatten ihr Geld und ihre Ausbildung ihr die Deppenposition als Runner erspart. Runner standen auf der niedrigsten Stufe im I.S.-Hochhaus, die Straßenpolizisten, die Knöllchen verteilten. Da anzufangen hätte sie gute fünf Jahre zurückgeworfen.

Selbstbewusst und sinnlich schob sich Art an ihr vorbei, während er seine Hand über ihre obere Rückenpartie gleiten ließ – eine professionelle Anerkennung ihrer Vertrautheit, die keinen Anstoß erregen konnte. Er führte sie aus dem Büro. »Lass uns meinen Wagen nehmen«, sagte er, nahm ihre Tasche und ihren Mantel von dem Haken hinter der Tür und gab sie ihr. Das Klappern von Metall ließ sie die Hand heben, und sie schloss die Finger um seine Autoschlüssel, als er sie in ihre Handfläche fallen ließ. »Du fährst.«

Ivy sagte nichts, und ihre Blutlust löste sich in Sorge auf. Dass ihre Beurteilung bei ihm gute Laune auslöste, hieß nicht, dass es ihr genauso gehen würde. Nach außen hin völlig unbesorgt ging sie mit ihm zu den Aufzügen. Auf dem Weg dorthin war sie in der ungewöhnlichen Position, den Kollegen ins Gesicht schauen zu müssen. Sie hatte sich hier keine Freunde gemacht, deshalb sah sie statt Mitgefühl spöttische Befriedigung.

Ihre Anspannung stieg, aber sie achtete darauf, dass ihre Atmung gleichmäßig blieb, so dass auch ihr Puls sich beruhigte. Was auch immer Art in ihre Beurteilung gekritzelt hatte, es würde sie noch sechs Monate hier festhalten – ihr Familienname und ihr Geld hatten sie so weit gebracht wie es möglich war. Wenn sie die Bürospielchen nicht mitspielte, würde sie hier auch bleiben. Mit Art? Dem köstlich riechenden, gut aussehenden, aber glanzlosen Art?

»Fickt euch«, flüsterte sie und fühlte, wie ihr Blut unter der Haut zirkulierte und ihr Verstand zwei Stufen hochschaltete. Das würde nicht passieren. Sie würde so gut und hart arbeiten, dass Piscary mit Mrs. Pendleton reden würde. Das würde sie hier rausschaffen und dort hinbringen, wo sie hingehörte.

»Das ist die Idee«, murmelte Art, weil er nur ihre Worte, nicht ihre Gedanken gehört hatte. Aber Piscary würde ihr nicht helfen. Der Bastard genoss die Nebenwirkungen davon, dass Arts ständige Versuche, sie zu verführen und ihr Blut zu schmecken, sie frustriert und hungrig nach Hause trieben. Wenn sie damit nicht allein zurechtkam, dann verdiente sie die Erniedrigung, den Rest ihres Lebens hinter Art herzuräumen.

Sie blieben vor den zwei Aufzügen stehen. Ivy hatte ein Bein nach vorne gestellt. Sie war frustriert und lauschte auf die leisen Gespräche, die aus nahe gelegenen Büros drangen. Art war attraktiv – durch die Pheromone noch mehr, Gott helfe ihr –, aber sie respektierte ihn nicht und ihre Instinkte die Oberhand über ihren Verstand gewinnen zu lassen, selbst um ihre Karriere voranzutreiben, klang für sie nach Versagen.

Art lehnte sich zu nah zu ihr, um den Knopf zu drücken. Sein Geruch überschwemmte sie, und während sie gegen das reine Vergnügen ankämpfte, beobachtete sie, wie seine Augen zu der großen Uhr über den Türen wanderte, um sicherzustellen, dass die Sonne untergegangen war. Sie konnte fühlen, dass er sicher war, heute Nacht seinen Willen zu bekommen, und das machte sie wütend.

Sie trommelte mit der Fußspitze auf den Boden und ihr Spiegelbild in den glänzenden Aufzugstüren tat dasselbe. Hinter ihr beobachtete Arts Spiegelbild sie mit einem wissenden Ausdruck auf dem jungenhaften Gesicht. Er ist ein Arsch. Ein mächtiger, sexy, eingebildeter Arsch.Weil sie war, wer sie war, wurde angenommen, dass sie ihre Stellung über Blut verbessern würde, nicht durch ihre Fähigkeiten oder ihr Wissen. So lief das Geschäft nun mal, wenn man ein Vampir war. So war es immer gewesen. So würde es immer sein. Es gab Papiere, die unterschrieben werden mussten, und rechtliche Vorschriften, die beachtet werden mussten, wenn ein Vampir jemand anderen haben wollte als einen anderen Vampir. Aber nachdem sie in diese Welt hineingeboren worden war, unterlag sie Regeln, die älter waren als die Gesetze der Menschen oder der Inderlander. Dass sie darauf konditioniert war, es zu genießen, wenn sie Blut gab, ließ sie mit dem Gefühl zurück, eine Hure zu sein, und der Angst, dass sie allein enden würde. Sie wusste, dass es mit Art so sein würde.

Schon ihre Mutter hatte gesagt, dass es der einzige Weg war, ihnen zu geben, was sie wollten – sich selbst zu verkaufen und sich immer weiter zu verkaufen, bis sie eine Stellung erreicht hatte, wo niemand mehr Ansprüche an sie stellen konnte.Wenn sie das tat, würde sie über Art hinaus befördert werden, und jemand, der ein wenig klüger und um einiges verkommener war als Art, würde ihr neuer Partner werden. Jeder würde auf ihrem Weg nach oben mal kosten wollen. Gott, sie könnte sich genauso gut die Reißzähne abbrechen und sich zu einem ungebundenen Schatten machen. Aber sie war mit Piscary aufgewachsen und hatte gelernt, dass die Manipulation immer subtiler wurde, je älter und mächtiger der Vampir war, bis man sie mit Liebe verwechseln konnte.

Sie atmete tief durch und griff sich an den Pferdeschwanz, zu dem sie ihre Haare heute Nachmittag gebunden hatte. Sie zog am Haargummi und schüttelte ihre hüftlangen Haare aus. Die Haare und ihre braunen Augen hatte sie von ihrer Mutter. Ihre ein Meter achtzig Körpergröße und die helle Haut hatte sie von ihrem Vater. Ihre asiatische Herkunft wurde von ihrem ovalen Gesicht mit dem herzförmigen Mund und den schmalen Augenbrauen genauso betont wie von ihrem durchtrainierten Körper mit den langen Beinen. Sie hatte keine Piercings bis auf Ohrlöcher und einen Bauchnabelring, zu dem Skimmer sie überredet hatte, als sie nach ihrem Examen auf Brimstone waren. Sie hatte ihn als Erinnerung behalten. Dreiundzwanzig und des Lebens schon überdrüssig.

Art musterte ihr Spiegelbild neben seinem, und seine Augen wurden schwarz, als sie ihre genervte Haltung in eine sinnliche verwandelte. Gott, sie hasste es … aber sie würde es auch genießen.Was zur Hölle stimmte nicht mit ihr?

Sie entfernte sich von Art und lehnte ihren Rücken gegen die Aufzugtür, während sie auf den Lift warteten. »Du bist ein Narr, wenn du glaubst, dass ich mich von einer Beurteilung in diesem Drecksjob halten lasse«, sagte sie, und es war ihr egal, ob die Leute in der Nähe sie hören konnten. Sie hatten wahrscheinlich Wetten laufen, wann und wo er ihre Haut aufreißen würde.

Art bewegte sich mit einer aufgesetzten Langsamkeit, die Augen pupillenschwarz. Er wusste, dass er sie hatte; das war Vorspiel. Sie schloss die Augen, als er seinen Unterarm neben ihrem Kopf an die Wand legte und sich vorbeugte, um ihr ins Ohr zu flüstern: »Ich mag es, wenn du mir folgst und meine offenen Enden verknüpfst. Meine Lücken füllst. Meinen Papierkram erledigst.«

Er roch wie die Asche von Blättern, dämmrig und schwer, und der Geruch glitt direkt in den primitiven Teil ihres Hirns, um dort einen Schalter umzulegen. Ihr Atem stockte kurz, dann atmete sie schneller. Selbstekel stieg auf, von dem sie wusste, dass er immer wieder auftauchen würde, nur um wieder zu verschwinden. Dann witterte sie, sog seinen Geruch tief in sich auf, bis er ihre Abneigung gegen ihn unter dem süßen Versprechen auf Blutekstase begrub und ihr Wunsch, ihm aus dem Weg zu gehen, von dem schnellen, bitteren Verlangen nach Blut verdrängt wurde. Sie wusste, was sie tat. Sie wusste, sie würde es genießen. Manchmal fragte sie sich, warum sie sich damit so quälte. Kisten machte das nie.

Sie ließ ihren Mantel, ihre Tasche und seine Schlüssel auf den Boden fallen, schlang einen Arm um seinen Hals und zog ihn näher an sich, während sie ein einladendes Geräusch von sich gab und ihr Gehirn abschaltete, um ihre geistige Gesundheit zu bewahren. »Was muss ich tun, damit du meine Beurteilung nochmal überdenkst?«

Sie lehnte sich vor und fühlte, wie sein Lächeln breiter wurde. Sein Ohrläppchen war warm, als sie ihre Lippen darum legte und mit einer Andeutung von Zahn daran saugte. Er ließ seine Finger über ihr Schlüsselbein zur Schulter gleiten und schob dabei seine Finger unter ihren Pulli. Sie schloss die Augen, und ihre Muskeln verspannten sich. Sein Atem streifte ihren Hals, ein leises Versprechen, sie mit erlesenem Verlangen zu erfüllen und es dann wild zu befriedigen.

Der Lift klingelte und glitt auf, aber keiner von beiden bewegte sich. Art atmete tief durch, als die Tür sich wieder schloss, und gab ein leises Knurren von sich, das sie tief in der Seele erschütterte. »Dein Papierkram ist tadellos«, sagte er und verschob seine Finger, so dass er ihren Nacken umklammerte.

Ein Stich von Blutleidenschaft schoss durch ihren Körper. Ohne zu denken riss sie ihn an sich und wirbelte ihn herum, bis Arts Rücken an die Wand knallte. Sie fühlte, wie ihr Kiefer sich verspannte und wusste, dass ihre Pupillen erweitert waren. Warum hatte sie das aufgeschoben? Es würde wunderbar werden. Was interessierte es sie, ob sie ihn respektierte? Als würde er sie respektieren? Als würde irgendwer irgendwen respektieren?

»Und meine Ermittlerfähigkeiten sind phänomenal«, sagte sie, schob ein Bein zwischen seine und hakte ihren Fuß hinter seinem Schuh ein, so dass sie ihn an sich ziehen konnte, bis ihre Hüften sich berührten. Adrenalin schoss verheißungsvoll durch ihre Adern.

Art lächelte und zeigte die längeren Reißzähne, die der Tod ihm verschafft hatte. Ihre waren im Vergleich dazu kurz, aber sie waren mehr als scharf genug, um den Job zu erledigen. Untote Vampire liebten sie. Sie verglich es gerne mit der Art, wie Perverse Kinder mochten. »Das ist wahr«, sagte er, »aber deine sozialen Fähigkeiten haben keinen Biss.« Er lächelte breiter. »Präziser ausgedrückt, du beißt nicht.«

Ivy lachte, tief und ehrlich. »Ich mache meinen Job, Artie.«

Der Vampir schob sich nach vorne und zusammen landeten sie an der gegenüberliegenden Wand. Ivy biss die Zähne zusammen, als er versuchte, sie physisch zu manipulieren. Es gab ihr das Gefühl, sie würde nur tierischen Instinkten folgen. Sie hatte es so lange aufgeschoben, dass es vielleicht die ganze Nacht gehen würde, wenn sie es zuließ.

»Hier geht es nicht um deinen Job«, erklärte Art, und seine Finger zogen Spuren über ihren Körper, denen er mit seinen Lippen folgen wollte, aber es gab klare Regeln, dass im Gebäude kein Blut genommen werden durfte. Sie konnte flirten und ihn scharfmachen, ihn in den Wahnsinn treiben, sich von ihm über die Kante treiben lassen, aber Blut würde es nicht geben. Erst später.

»Es geht um die Zeit, die du reinsteckst«, fuhr er fort, und Ivy schauderte, als seine Lippen ihren Hals berührten. Gott helfe ihr, er hatte eine alte Narbe gefunden. Ihr Puls raste, als sie ihn von sich wegschob und wieder drehte, so dass er zwischen ihr und der Wand war. Er ließ es zu.

»Ich stecke jede Menge Zeit rein.« Ivy legte eine Hand auf seine Schulter und schob ihn nach hinten. Er stieß mit einem Knall gegen die Wand und seine schwarzen Augen glitzerten hinter seinen dunklen Locken. »Was wird in meiner Beurteilung stehen, Mr. Artie?« Sie lehnte sich an seinen Hals, nahm eine Hautfalte zwischen die Zähne und zog. Sie schloss die Augen, und in der Blutlust, die in ihren Adern pulsierte, vergaß sie, dass sie im Flur standen, tief unter der Erde, wo die Luft nur von Ventilatoren bewegt wurde.

Art genoss das Gefühl, das sie wissentlich in ihm ausgelöst hatte, und ließ es wachsen. Er war lange genug tot, um über die Zurückhaltung zu verfügen, mit der man das Vorspiel bis an die Grenzen ausreizen konnte. »Du bist streitlustig, verschlossen und weigerst dich im Team zu arbeiten«, sagte er mit rauchiger Stimme.

»Oh …« Sie zog einen Schmollmund und packte die Haare in seinem Nacken fest genug, dass es wehtat. »Ich bin nicht so schlimm, Mr. Artie. Ich bin ein braves Mädchen… wenn man mich richtig motiviert.«

In ihrer Stimme lag ein künstliches Lispeln, spielerisch und gleichzeitig gebieterisch, und er reagierte darauf mit einem tiefen Grollen. Die Hitze darin traf sie bis ins Mark, und sie ließ ihn los. Sie hatte seine Grenze gefunden.

Er bewegte sich so schnell, dass sie die Bewegung eher fühlte als sah. Plötzlich lag seine Hand über ihrer und zwang sie zurück in seine Haare, schloss sie über den schwarzen Locken. »Deine Einschätzung ist subjektiv«, sagte er, und sein Blick ließ sie den Atem anhalten. »Ich entscheide, ob du befördert wirst. Piscary hat gesagt, du wärst die Jagd wert, würdest mich in der I.S.-Hierarchie nach oben ziehen, während du dich widersetzt. Er hat auch gesagt, dass du letztendlich nachgeben würdest und ich so einen besseren Job bekäme und eine Kostprobe von dir.«

Ivy zögerte, und Eifersucht breitete sich in ihr aus. Art war eingebildet genug, zu glauben, dass Piscary sie ihm gegeben hatte, wo Piscary in Wirklichkeit Art dazu einsetzte, sie zu manipulieren. Auf indirekte Art war es ein Kompliment, und sie verachtete sich selbst dafür, dass sie Piscary dafür umso mehr liebte, dass alles in ihr nach der Aufmerksamkeit und dem Wohlwollen des Meistervampirs schrie, während sie ihn gleichzeitig dafür hasste.

»Ich gebe auf«, sagte sie, und Wut gesellte sich zu ihrer Blutlust. Es war eine mächtige Mischung, nach der die meisten Vamps sich sehnten. Und hier war sie und gab es ihm. Das Einzige, was sie noch lieber mochten, war der Geschmack von Angst.

Aber Art überraschte sie mit einem herrischen Lächeln. »Nein«, rügte er und benutzte seine untote Stärke, um sie zurück gegen die Aufzugtür zu drängen. Ihr Rücken knallte hart dagegen, und sie rang nach Luft. »So einfach ist es nicht mehr.Vor sechs Monaten hättest du noch mit einem kleinen Biss und einer neuen Narbe davonkommen können, mit der ich hätte angeben können. Aber jetzt nicht mehr. Ich will wissen, warum Piscary dich so unglaublich verhätschelt. Ich will alles, Ivy. Ich will dein Blut und deinen Körper. Oder du kommst nicht aus diesem stinkigen kleinen Büro raus, ohne mich hinter dir herzuschleppen.«

Ungewohnte, schockierende Angst breitete sich in ihr aus und umklammerte ihr Herz. Art fühlte es und witterte. »Gott, ja«, stöhnte er, und seine Finger zuckten. »Gib mir das …«

Ivy fühlte, wie ihr Gesicht kalt wurde, und sie versuchte, Art von sich zu stoßen. Aber es gelang ihr nicht. Blut konnte sie geben, aber Blut und ihren Körper? Sie war fast wahnsinnig geworden in dem Jahr, als Piscary sie zu sich gerufen hatte, sie gebrochen hatte, ihren jugendlichen Körper mit Ekstase gefüllt hatte, die sie kaum ertragen konnte, bevor er ihre Seele in die tiefsten Tiefen stieß, um sie dafür zahlen zu lassen. Sie hatte auf Knien um mehr betteln und alles tun müssen, um ihm zu gefallen. Sie wusste, dass es eine präzise Manipulation gewesen war, die er schon an ihrer Mutter geübt hatte, und davor an ihrer Großmutter und davor an ihrer Urgroßmutter, bis er so gut darin war, dass sein Opfer um den Missbrauch flehte. Und auch das hatte sie nicht davon abgehalten, es zu wollen.

Er hielt sein Wort, und sie bekam alles zurück, was sie gab. Und sie brachte sich fast um mit den Höhen und Tiefen, während Piscary sorgfältig eine Abhängigkeit von der Euphorie des Blutteilens aufbaute, sie formte und mit ihrem Wunsch nach Liebe und Akzeptanz verband. Er hatte sie in einen wilden, leidenschaftlichen Blutpartner verwandelt – erfüllt von den exotischen Wünschen, die sich bilden, wenn man tiefere Gefühle wie Liebe und Schuld mit etwas vermischte, das genau betrachtet ein wilder Akt war. Dass er es getan hatte, um ihr Blut süßer zu machen, spielte keine Rolle. So war sie nun, und ein schuldbewusster Teil in ihr suhlte sich in dieser Freiheit, die sie sich überall anders versagte.

Sie hatte überlebt, indem sie sich einredete, dass Blut zu teilen bedeutungslos war, wenn man es nicht mit Sex vermischte. Dass es erst dann zu einem Zeichen von Liebe wurde. Sie wusste, dass die zwei in ihrem Kopf so verbunden waren, dass sie sie nicht trennen konnte, aber sie war immer in der Position gewesen zu entscheiden, mit wem sie sich teilte. So hatte sie die Einsicht umgangen, dass ihre geistige Gesundheit von einer Lüge abhing. Aber jetzt?

Sie schaute tief in Arts schwarze Augen und registrierte seine spöttische Befriedigung genauso wie seine kontrollierte Blutlust. Er wäre ein exquisiter Rausch, gleichzeitig geübt und gut aussehend. Er würde sie zum Brennen bringen, sie nach seinem Zug an ihr betteln lassen und im Gegenzug würde sie ihm alles geben, was er wollte, und noch mehr – und sie würde allein und missbraucht aufwachen, nicht umschlungen von schützenden Armen, die ihr ihre pervertierten Gelüste verziehen, auch wenn dieses Verzeihen aus noch mehr Manipulation geboren wurde.

Sie biss die Zähne zusammen, schob Art von sich und löste ihren Rücken von der Wand. Er trat überrascht einen Schritt zurück.

Sie wollte das nicht. Sie hatte sich mit der Lüge geschützt, dass Blut nur Blut war, und war auf den geistigen Schmerz vorbereitet gewesen, sich in diesem Teil von sich zur Hure zu machen. Aber Art wollte Blut mit Sex mischen. Das käme der Lüge zu nahe, mit der sie sich am Leben hielt. Sie konnte es nicht tun.

Arts Lust verwandelte sich in Wut, ein Gefühl, das die Grenze zum Tod überschritt, wo Mitgefühl es nicht konnte. »Warum magst du mich nicht?«, fragte er bitter und riss sie an sich. »Bin ich nicht genug?«

Ivys Puls raste, und sie verfluchte sich selbst für ihren Mangel an Kontrolle. Er war genug. Er war mehr als genug, um ihren Hunger zu befriedigen, aber sie hatte auch eine Seele, die befriedigt werden wollte. »Du hast keinen Ehrgeiz«, flüsterte sie, und ihre Instinkte zogen sie in seine Wärme, auch wenn ihr Verstand laut Nein schrie. Arts Kinn zitterte, und sein berauschender Duft erfüllte sie, löste einen Krieg in ihr aus. Was, wenn sie dem Konflikt diesmal nicht aus dem Weg gehen konnte? Sie hatte sich immer abwenden können, um zu vermeiden, ihre Instinkte und ihren Willen gegeneinander antreten zu lassen – aber hier war das nicht möglich.

»Dann schaust du nicht genau genug.« Art packte ihre Schulter so fest, dass es wehtat. »Entweder ich erfahre, warum Piscary dich so verhätschelt, oder du ziehst mich mit dir nach oben, eine Beförderung nach der anderen. Mir ist es egal, Ivy-Mädchen.«

»Nenn mich nicht so«, sagte sie, und Angst mischte sich in die sexuelle Hitze, die er in ihr auslöste. Piscary nannte sie so, der Bastard. Wenn sie nachgab, würde es sie in der Arbeit auf die Überholspur bringen, aber es würde das töten, was sie geistig gesund hielt. Und wenn sie an ihrer Lüge festhielt und ablehnte, würde Art sie seine Drecksarbeit machen lassen.

Arts Lächeln wurde herrschsüchtig, als er sah, dass sie die Falle durchschaut hatte. Dass Piscary das alles wahrscheinlich arrangiert hatte, um ihre Entschlossenheit auf die Probe zu stellen, ließ sie den Meistervampir nur umso mehr lieben. Sie war verkorkst.Verkorkst und verloren.

Aber ihre tiefe Vertrautheit mit dem System, in das sie hineingeboren worden war, würde sie retten.Während sie ihre Panik unter Kontrolle bekam, fing ihr Kopf an zu arbeiten und ein bösartiges Lächeln zog ihre Mundwinkel nach oben. »Du hast etwas vergessen, Art«, sagte sie, und die Anspannung fiel von ihr ab, als sie Passivität vorspielte und einfach nur in seinem Griff hing. » Wenn du meine Haut ohne meine Erlaubnis durchstößt, wird Piscary dich pfählen lassen.«

Alles, was sie tun musste, war ihren Hunger kontrollieren. Das konnte sie.

Er packte sie fester und grub seine Finger in ihren Hals, wo ein kosmetischer Eingriff die sichtbaren Narben von Piscarys Inbesitznahme entfernt hatte. Die Narben waren verschwunden, aber die starke Mischung aus neuronalen Stimulatoren und Rezeptor-Mutagenen blieb. Piscary hatte sie in Besitz genommen, ihren gesamten Körper so sensibilisiert, dass er sie nur mit einem Gedanken und seinen Pheromonen vergangene Leidenschaften neu spüren lassen konnte. Aber trotzdem fühlte sie einen Stich von Verlangen bei dem Gedanken, wie Arts Zähne in ihre Haut glitten. Sie musste von ihm wegkommen, bevor ihre Blutlust die Kontrolle übernahm.

»Das wusstest du, oder?«, spottete sie, während ihre Haut kribbelte.

»Du wirst es genießen«, hauchte er, und das Kribbeln verwandelte sich in Hitze. »Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du um mehr betteln. Warum sollte es eine Rolle spielen, wer zuerst zubeißt?«

»Weil ich gerne Nein sage«, wehrte sie ab und stellte fest, dass es ihr schwerfiel, nicht ihre Fingernägel über seinen Nacken zu ziehen, um Leidenschaft in ihm auszulösen. Sie konnte es. Sie wusste genau, wie fantastisch es sich anfühlen würde, ein Monster wie ihn zu beherrschen und völlig unter Kontrolle zu haben. Ihre Angst war verschwunden und ohne sie kehrte ihre Blutlust umso stärker zurück. »Wenn du mein Blut ohne meine Zustimmung nimmst, werde ich dich zum Runner degradieren lassen«, sagte sie. »Du kannst flehen, du kannst drohen, du kannst dir das Handgelenk aufschlitzen und mir auf die Lippen bluten, aber wenn du mein Blut nimmst, ohne dass ich zugestimmt habe, dann … verlierst du.«

Sie beugte sich vor, bis ihre Lippen fast seine berührten. »Und ich gewinne«, beendete sie ihren Satz, während ihr Puls raste und sie sich danach verzehrte, seine Hand auf ihrer Haut zu spüren.

Er schob sie weg. Ivy fing sich ohne Probleme und lachte.

»Piscary hat gesagt, dass du dich widersetzen würdest«, sagte er drohend. Die Anspannung in seiner Haltung ließ ihn gleichzeitig bedrohlich und attraktiv erscheinen.

Gott, was man mit dem hier alles anstellen könnte, dachte sie, ohne es zu wollen. »Piscary hat Recht«, sagte sie und ließ eine Hand provokativ über ihre Hüfte gleiten. »Du bist dieser Situation nicht gewachsen, Art. Ich sage gerne Nein. Ich werde dich dazu treiben, dass du mein Blut ohne mein Zustimmung nimmst, und dann?« Sie lächelte, trat näher, schlang die Arme um seinen Hals und spielte mit den Locken über seinem Ohr.

Die Augen schwarz vor Hunger lächelte Art, nahm ihre Finger in seine und küsste ihre Fingerspitzen. Der Hauch von Reißzahn an ihrer Haut ließ sie erzittern. »Gut«, sagte er mit rauchiger Stimme. »Die nächsten sechs Monate werden die pure Hölle.«

Instinkte regten sich. Sie leckte sich über die Lippen und trat zurück. »Du hast keine Ahnung.«

Er zog sich zu der Wand neben den Aufzügen zurück. Mit einem freundlichen Bimmeln öffneten sich die Türen, als er auf den Rufknopf drückte. Er trat in den Lift, immer noch mit diesem bösartigen Lächeln auf den Lippen. »Kommst du?« Er sah einfach zu gut aus, um ihm zu widerstehen.

Ivy spürte die Anziehungskraft, als sie ihre Sachen und seine Schlüssel wieder aufhob. Ihr Puls war schneller als ihr lieb war, und sie fühlte sich angespannt wie ein Drahtseil, weil der Hunger in ihr pulsierte. Verdammt, es war erst neun. Wie sollte sie das Ende der Schicht erreichen, ohne den Postboten anzufallen?

»Ich nehme mein Motorrad«, sagte sie und warf ihm die Schlüssel zu. »Wir treffen uns dort. Setz besser deine Kappen auf. Ich will aus diesem Drecksjob raus, und ich würde mal sagen, dir bleibt noch eine Woche. Du wirst nicht fähig sein, mir zu widerstehen, wenn ich es drauf anlege.«

Art lachte und senkte den Kopf. »Ich bin älter als du denkst, Ivy. Du wirst mich spätestens am Freitag anbetteln, meine Zähne in dir zu versenken.«

Die Tür schloss sich, und der Aufzug hob sich Richtung Parkgarage. Ivy fühlte, wie ihre Pupillen schrumpften, als die Belüftungsanlage die Pheromone verwirbelte, die sie beide ausgestoßen hatten. Eine Woche, und sie würde nicht mehr unter ihm arbeiten. Noch eine Woche und sie wäre auf dem Weg nach oben, wo sie hingehörte.

»Eine Woche, und der Bastard wird mich anfallen«, flüsterte sie und fragte sich gleichzeitig, ob sie am Ende wohl wirklich als Gewinner dastehen würde.

2

Ich habe es einmal zwei ganze Wochen geschafft, mich Piscary zu widersetzen, dachte Ivy, als ihr Motorrad auf den Parkplatz des Apartmenthauses rollte. Art hatte nicht mal die Chance eines Kackhaufens in der Kanalisation von Cincy.

Mit neuem Selbstbewusstsein parkte sie ihr Motorrad unter einer Straßenlaterne, damit die versammelten I.S.-Beamten es gut bewundern konnten. Es war eine Nightwing X-31, eine der wenigen Sachen, die sie sich geleistet hatte, nachdem sie ihren Job in der I.S. bekommen hatte und damit einen Gehaltsscheck, der nicht an Piscary oder ihre Mutter gebunden war. Wenn sie damit fuhr, war sie frei. Sie freute sich nicht gerade auf den Winter.

Während der Motor noch provokativ unter ihr grollte, musterte Ivy den Multispezies-Notarztwagen und die zwei I. S.-Streifenwagen, deren Blaulichter die Gesichter der gaffenden Nachbarn erhellten. Das U.S.-Gesundheitssystem hatte sich kurz nach dem Wandel bereits an verschiedene Spezies angepasst – eine natürliche Entwicklung, da nur Inderlander im Untergrund, die das T4-Angel-Virus überlebt hatten, Gesundheitsleistungen anbieten konnten. Aber der Gesetzesvollzug hatte sich aufgeteilt, und nach sechsunddreißig Jahren würde es wohl auch so bleiben.

Das von Menschen geführte FIB, oder Federal Inderland Bureau, war noch nicht da. Art war auch noch nicht angekommen. Sie fragte sich, wer den Mord wohl gemeldet hatte. Der Mann, der in einer Pyjamahose hinten in einem I.S.-Wagen saß und Handschellen trug? Die aufgeregte Nachbarin mit Lockenwicklern, die gerade mit einem I.S.-Officer sprach?

Art war nicht das Einzige, was hier fehlte, und sie suchte den Parkplatz nach dem Wagen der I. S.-Spurensicherung ab. Sie würden nicht auftauchen, bis sicher war, dass Inderlander am Verbrechen beteiligt waren. Aber auch wenn viele Menschen auf dieser Seite des Flusses lebten, um von den niedrigeren Steuern in den Hollows zu profitieren, war es doch schwer vorstellbar, dass der Mord eine rein menschliche Angelegenheit war.

Der Mann im Streifenwagen war in Gewahrsam genommen worden. Wäre er ein Inderlander, wäre er schon auf dem Weg ins Hochhaus. Es schien, als hätten sie einen menschlichen Verdächtigen und würden darauf warten, dass das FIB ihn einsammelte. Wahrscheinlich würde sie den Tatort fast makellos vorfinden, nur ohne Leute, damit er auch so blieb.

»Idiotischer Mensch«, murmelte sie, machte ihre Maschine aus, stellte sie auf den Ständer und schob sich den Schlüssel so in die Tasche ihrer Lederhose, dass der Totenkopf-Anhänger heraushing. Seine Frau oder Freundin tot wegen so was Dämlichem wie Sex oder Geld. Menschen wussten nicht mal, wo echte Wut ihren Ursprung hatte.

Sie versteckte ihre Abscheu hinter einer ausdruckslosen Miene, nahm den Helm ab und atmete tief die kühle Nachtluft ein. Der Mann hinten im Streifenwagen schrie und versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

»Ich wollte ihr nicht wehtun!«, schrie er, seine Stimme durch das Fenster gedämpft. »Ich war es nicht! Ich liebe Ellie! Ich liebe Ellie! Sie müssen mir glauben!«

Ivy klemmte sich ihre ID an ihre kurze Lederjacke und nahm sich einen Moment, um sich zu sammeln. Die Furcht des Mannes, nicht das Blut seiner Freundin, verschmierte die Scheiben und löste in ihr einen Anflug von Blutlust aus. Sein Gesicht war mit blutigen Kratzern überzogen. Der Mann hatte panische Angst. Ihn in den Streifenwagen zu sperren, bis das FIB ihn abholte, diente seiner eigenen Sicherheit.

Sie ging mit langsamen, verführerischen Schritten, die Aufmerksamkeit auf sich zogen, zur Eingangstür und dem Lichtfleck, in dem zwei Officer standen. Sie entdeckte ein vertrautes Gesicht, und es gelang ihr, sich ein wenig zu entspannen. »Hi, Rat«, sagte sie und blieb auf dem Vorplatz des Apartmenthauses stehen. »Bist du immer noch nicht gestorben?«

»Das liegt nicht daran, dass ich es nicht versuchen würde«, sagte der ältere Vampir und seine Falten wurden tiefer, als er lächelte. »Wo ist Art?«

»Beißt sich selbst«, antwortete sie, und Rats Partnerin, eine schmale Frau, lachte auf. Der lebende Vampir sah aus, als käme sie direkt von der High School, aber Ivy wusste, dass sie das einem Hexenzauber zu verdanken hatte. Die Frau näherte sich den fünfzig, aber der Verkleidungszauber konnte von der Steuer abgesetzt werden, da sie ihr Aussehen einsetzte, um die zu beruhigen, die … beruhigt werden mussten. Ivy nickte ihr wachsam zu, und ihre Geste wurde ebenso erwidert.

Der leise Geruch von Blut stieg ihr in die Nase. Es war nicht viel, aber nach Arts Versuch, sich an sie ranzumachen, arbeiteten ihre Sinne auf Hochtouren. »Ist die Leiche noch da drin?«, fragte sie und überlegte, ob sie sich die Situation nicht zunutze machen konnte. Art war noch nicht lange wach und seine Widerstandskraft wahrscheinlich noch schwach. Mit ein wenig Planung konnte sie ihn heute Nacht noch dazu bringen, einen Fehler zu machen. Sie unterdrückte ein erwartungsvolles Schaudern, als sie darüber nachdachte, was das implizierte.

Rat zuckte mit den Achseln und beäugte sie spekulativ. »Die Leiche ist im Notarztwagen. Bist du okay?«

Seine Zähne, die tief in sie sanken, das Salz seines staubigen Bluts auf ihrer Zunge, das Adrenalin in ihren Adern, während er das aus ihr sog, was sie am Leben hielt … »Mir geht’s gut«, sagte sie, dann fragte sie: »Vampir?« Normalerweise ließ man die Leichen für den Bestatter liegen, außer es gab eine Chance, dass sie von alleine wieder aufstanden.

Rats ausdrucksstarkes Gesicht wurde hart. »Nein.« Seine Stimme war sanft, und Ivy nahm ein paar Überzieh-Schuhe entgegen, die seine Partnerin ihr gab. »Hexe. Auch noch hübsch. Aber nachdem ihr gepfählt dämlicher Ehemann ermutigt worden war, seine Rechte zu ignorieren und zu gestehen, dass er sie zusammengeschlagen und erwürgt hat, haben sie sie rausgeschafft. Er ist ein Malerjob, Ivy. Nur gut genug, um ihn auszusaugen und die Wände damit zu streichen.«

Ivy runzelte die Stirn, und sie ignorierte den Mann, der im Streifenwagen immer noch schrie. Sie haben sie bewegt?

Rat sah ihre Verwirrung und fügte hinzu: »Dreck, Ivy. Er hat gestanden.Wir haben Bilder. Da drin ist nichts mehr.«

»Da ist nichts mehr drin, wenn ich sage, dass da nichts mehr ist«, sagte sie und versteifte sich, als sie das tiefe Brummen von Arts altem Jaguar hörte.Verdammt, sie hatte als Erste drin sein wollen.

Ivys freiliegende Haut kribbelte, und sie fühlte eine Welle von Selbstekel. Gott helfe ihr, sie würde einen Tatort benutzen, um Art loszuwerden. Jemand war gestorben, und sie würde das einsetzen, um sich gegen ihren Willen von Art beißen zu lassen. Wie verdorben konnte man sein? Aber es war ein vertrautes Gefühl, das sie ebenso schnell unterdrücken konnte wie die anderen hässlichen Dinge in ihrem Leben.

Sie gab Rat ihre Tasche und bekam im Austausch einen Bleistift und ein Paket Asservatentüten. »Ich will einen Spurensicherungswagen hier haben«, sagte sie und ignorierte Rats unausgesprochene Anweisung, alle eventuell wichtigen Beweisstücke selbst einzusammeln. »Ich will, dass die Wohnung gesaugt wird, sobald ich raus bin. Und ich will, dass du aufhörst, meinen Job zu machen.«

»Tut mir leid, Ivy.« Rat grinste. »Hey, es läuft eine Wette wegen dir und Art …«

Ivy trat vor und riss einen Arm nach vorne. Rat blockte den Schlag, packte ihr Handgelenk und zog sie an sich. Sie fiel gegen seine Brust. Er war doppelt so schwer wie sie. Seine Partnerin lachte. Ivy hatte gewusst, dass der Schlag niemals treffen würde, aber zumindest war sie so ein wenig von ihrem Frust losgeworden.

» Weißt du«, hauchte Rat, und sie konnte das frische Blut seiner Partnerin in seinem Atem riechen, »du solltest wirklich nicht diese hochhackigen Stiefel tragen. Sie bringen dich aus dem Gleichgewicht.«

Ivy drehte sich und entzog sich seinem Griff. »Ich habe aber gehört, dass es mehr wehtut, wenn man damit Bastarden wie dir in den Unterleib tritt«, sagte sie, und das nachlassende Adrenalin verursachte ihr Kopfweh. » Wer war sonst noch drin?«, fragte sie und dachte darüber nach, dass ein Raum, der nach Angst stank, genau das war, was sie brauchte, um Art zu einem Fehler zu treiben. Er stand momentan noch vor dem Streifenwagen, betrachtete den Menschen und ließ seinen Blutdurst wachsen. Idiot.

Rat rieb sich einladend den Hals. Gott, es hatte bereits angefangen. Bei Sonnenaufgang würden alle denken, sie wäre bereit, all die Gefälligkeiten auszuteilen, die notwendig waren, um in die unteren Kelleretagen zu kommen. Und sie würde gemobbt werden. Bei dem Gedanken an all die kommenden Innuendos, anzüglichen Vorschläge und ungewollten Angebote unterdrückte Ivy ein Seufzen. Als wären die Pheromone nicht schon schlimm genug. Vielleicht sollte sie das Gerücht in Umlauf bringen, dass sie eine Geschlechtskrankheit hätte.

»Die Leute aus dem Krankenwagen«, antwortete der Vampir. »Tia und ich, um ihn rauszuholen. Er weinte über ihrer Leiche, wie üblich. Eine Nachbarin hat es als Ruhestörung in der Nachbarwohnung gemeldet. Zum dritten Mal in diesem Monat, aber als es plötzlich ruhig wurde, bekam sie Angst und hat uns angerufen.«

Ivy runzelte die Stirn, atmete ein letztes Mal die saubere Nachtluft und trat in den Flur. Nicht zu viele Leute, um die Dinge durcheinanderzubringen, und Rat wusste genug, um nichts anzufassen. Der Raum würde so sauber sein, wie man es eben erwarten konnte. Und sie würde ihn nicht verunreinigen.

Der scharfe Geruch von Blut wurde stärker, und nachdem sie sich die blauen Füßlinge übergezogen hatte, tauchte sie unter dem Absperrband vor der offenen Tür hindurch. Sie blieb mitten in der Wohnung stehen und betrachtete das Leben anderer Leute: niedrige Decken, unauffälliger Teppich, alte Vorhänge, eine neue Couch, großer, aber billiger Fernseher, noch billigere Stereoanlage und Hunderte von CDs. Selbst gerahmte Bilder hingen an den Wänden und waren über die Regalbretter aus Pressspan verteilt. Weibliche Noten gab es nur vereinzelt, wie Farbtupfer. Das Opfer hatte hier noch nicht lange gelebt.

Ivy atmete tief durch, witterte die Wut, die noch in der Luft hing, ein unsichtbarer Wegweiser, der mit der Sonne verschwinden würde. Sie folgte dem Geruch von Blut ins Bad. Ein roter Handabdruck war am Rand der Toilette zu sehen und es gab mehrere Spuren auf der Badewanne und dem Vorhang. Jemand hatte sich seinen Kopf an der Badewanne aufgeschlagen. Die pinkfarbene Glühbirne tauchte alles in ein unwirkliches Licht. Ivy schaltete mit dem Ende ihres Bleistiftes den Ventilator ab und erinnerte sich selbst daran, Rat zu sagen, dass sie das getan hatte.

Das sanfte Brummen stoppte. In der einsetzenden Stille konnte sie leise Gespräche und die Lachkonserven einer Sitcom aus einer benachbarten Wohnung hören. Arts zufriedene Stimme drang aus dem Flur, und Ivys Blutdruck stieg an. Rat hatte gesagt, dass der Mann seine Frau erwürgt hatte. Sie hatte schon Schlimmeres gesehen. Und obwohl er ihr nicht gesagt hatte, wo sie die Leiche gefunden hatten, drang fast spürbare Wut über die Türschwelle des Schlafzimmers. Das Schloss war vor kurzem aufgebrochen, dann aber wieder repariert worden.

Ivy berührte den versteckten Schaden mit einem Finger. Das Schlafzimmer zeigte dieselbe Mischung aus nachlässigem Junggesellen und junger Frau, die sich mit wenig Geld Mühe gibt. Billige Rüschenkissen, pinkfarbene Spitze über hässlichen Lampenschirmen, dicker Staub auf den Metalljalousien, die nie hochgezogen wurden. Kein Blut außer ein paar Flecken, und die stammten wahrscheinlich vom Verdächtigen. Hübsche Kleider in Pink und Weiß lagen auf Bett und Boden verteilt und der Schrank war leer. Sie hatte versucht, ihn zu verlassen. Ein schwarzer Fernseher stand in einer Ecke, die Fernbedienung lag zerbrochen unter einer Dulle in der Wand, die nach Pflaster roch.Auf dem Teppich lagen Rats Karte und ein Foto der Frau, verdreht auf dem Boden neben dem Bett.

Ivy zwang sich, die Zähne voneinander zu lösen, und sog die Luft tief in sich auf. Sie las den Raum, als hätten die Gefühle der letzten paar Stunden ein Aquarellbild gemalt. Jeder Vampir konnte das.

Der Mann im Streifenwagen hatte die Frau verletzt, ihr panische Angst gemacht und sie zusammengeschlagen, und ihre Magie hatte ihn nicht aufgehalten. Sie war hier gestorben und der berauschende Duft ihrer Angst und seiner Wut löste eine verstörende und nicht ganz unwillkommene Blutlust in Ivy aus. Ihre Fingerspitzen schmerzten, und ihr Hals schien zuzuschwellen.

Das Geräusch von Arts schlurfenden Schritten war fast schmerzhaft für ihre angespannten Sinne. Ein Adrenalinstoß schoss in ihre Adern. Mit nur halbgeöffneten Augen drehte sie sich um und legte einen verführerischen Schwung in ihre Hüften. Arts Pupillen waren fast vollständig erweitert. Offensichtlich sprachen die Angst des Mannes draußen und die Gefühlsechos, die noch in diesem Raum widerhallten, seine Instinkte an. Vielleicht arbeitete er deswegen weiter im Morddezernat. Konnte der hübsche Mann vielleicht seine Reißzähne nicht ohne ein wenig Hilfe versenken?

»Ivy«, sagte er, und seine Stimme jagte wieder einen Schauder über sie, während sie gleichzeitig spürte, wie ihre Pupillen sich erweiterten. »Ich rufe die Spurensicherung, nicht du.«

Ivy veränderte ihre Haltung und machte einen Schritt zur Seite, um dafür zu sorgen, dass er nicht zwischen ihr und der Tür stand. »Du warst zu sehr damit beschäftigt, dir über der Angst des Verdächtigen einen runterzuholen«, sagte sie. Sie bewegte sich, als wollte sie gehen, weil sie genau wusste, dass das arme Opfer zu spielen seine Blutlust auslösen würde. Wie erwartet wurden Arts Pupillen größer, schwärzer. Sie fühlte ihn hinter sich, fast als würde sie gegen ihn gedrückt. Er zog sie in einen Bann, noch nicht richtig, aber er verstärkte seine vampirische Präsenz.

Art packte herrisch und besitzergreifend ihren Arm. Spielerisch tat sie so, als wolle sie sich ihm entziehen, bis er sie fester packte. »Ich rufe die Spurensicherung«, wiederholte er mit gefährlich leiser Stimme.

»Was ist los, Art?«, fragte sie träge und zog ihr Handgelenk zusammen mit seiner Hand an ihre Brust. »Magst du

Titel der amerikanischen Originalausgabe UNDEAD IN THE GARDEN OF GOOD AND EVIL Deutsche Übersetzung von Vanessa Lamatsch

Deutsche Erstausgabe 02/2011 Redaktion: Charlotte Lungstrass

Copyright © 2006 by Kim Harrison Copyright © 2011 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Leingärtner, Nabburg

eISBN 978-3-641-06254-5

www.heyne-magische-bestseller.de

www.randomhouse.de

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