Blutrote Wüste - Horst Weymar Hübner - E-Book
Beschreibung

Western von Horst Weymar Hübner Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten. Der Teufel mochte wissen, warum mir auf dem Ritt nach San Fernando plötzlich die Kugeln nur so um die Ohren flogen. Ich hatte nichts weiter vor, als in der Stadt fünfzig Maultiere zu erwerben und sie durch die Wüste zu dem Canyon zu treiben, wo meine Freunde und ich Gold entdeckt hatten. Mit knapper Not brachte ich die Maultiere auf den Trail. Aber die Burschen, die mir an den Skalp wollten, ließen nicht locker. Und dann stieß ich auch noch mitten in der Wüste auf drei Ladys, die allein nicht weiterwussten. Fünfzig Maultiere und drei Frauen hatte ich nun bei mir, und hinter mir ritten meine hartgesottenen Verfolger ...

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Seitenzahl:148

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Horst Weymar Hübner

Blutrote Wüste

Western

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Blutrote Wüste

Western von Horst Weymar Hübner

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

 

Der Teufel mochte wissen, warum mir auf dem Ritt nach San Fernando plötzlich die Kugeln nur so um die Ohren flogen. Ich hatte nichts weiter vor, als in der Stadt fünfzig Maultiere zu erwerben und sie durch die Wüste zu dem Canyon zu treiben, wo meine Freunde und ich Gold entdeckt hatten.

Mit knapper Not brachte ich die Maultiere auf den Trail. Aber die Burschen, die mir an den Skalp wollten, ließen nicht locker. Und dann stieß ich auch noch mitten in der Wüste auf drei Ladiy, die allein nicht weiterwussten.

Fünfzig Maultiere und drei Frauen hatte ich nun bei mir, und hinter mir ritten meine hartgesottenen Verfolger ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Oft ist es nicht sehr viel, was einen Mann von einem Feigling unterscheidet. In meinem Fall war es ein einziger Schritt. Aus der Tür von Phinks Hotel in San Fernando nämlich.

Trat ich über die Schwelle, dann war ich Augenblicke später ein toter Mann, so viel war sicher. Gegen drei Revolver kam ich nicht an.

Blieb ich im Hotel, hielten mich die Leute für einen Feigling. Das war auch nicht gerade das, was ich mir wünschte.

Andererseits blieb ich aber so am Leben. Es nützte mir wenig, erst ein mutiger und dann ein toter Mann zu sein.

Hinter mir hörte ich das Wispern und Tuscheln der Hotelgäste. Sie waren aus dem Frühstücksraum geeilt, um mit anzusehen, wie ich auf die Nase flog. Mich störte es nicht. Ich stand hinter der Schwingtür, blickte auf die Straße und wunderte mich, wieso der Kerl mit seinen beiden Freunden so schnell meine Fährte hatte finden können.

Angeblich hieß er Claggett. Vor zwei Tagen wollte er sich in Los Angeles an mir reiben. Ging einfach auf mich los, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Dabei wollte ich schwören, dass ich ihn nie zuvor gesehen hatte.

Und so ganz glaubte ich ihm auch nicht, dass er großmäulige Texaner wie mich auf den Tod nicht ausstehen könne. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass ihn jemand geschickt hatte, um mir eine Kugel zwischen die Rippen zu schießen.

Wir Blackburns sind nämlich nicht auf den Kopf gefallen. Wir sehen bloß so aus. Möglich, dass man uns deswegen oft unterschätzt. Wir können zwei und zwei ganz gut zusammenzählen.

Und wenn dann jemand auftaucht und starke Worte macht und um jeden Preis Streit sucht, dann steckt etwas dahinter.

Der Hotelmann in Los Angeles hatte mir zugerufen, dass der lärmende Raufbold Claggett heiße und seine beiden Freunde auch nicht den besten Ruf hätten. Danach hatte er als weitblickender und vorsichtiger Mann hastig seine Flaschen weggeräumt und die kostbaren Spiegel abgehängt.

Und ich hatte mir diesen Claggett daraufhin etwas genauer angesehen.

Ein waschechter Californio war er nicht, so wenig wie seine zwei Freunde, die sich mit lauerndem Blick im Hintergrund gehalten hatten, bereit, in den Streit einzugreifen, wenn es nötig war.

Claggett hatte ein grobes Gesicht, sandfarbenes Haar und einen flotten Schnurrbart. Ja, und ein paar Narben im Gesicht, die mir zu denken gegeben hatten. Außerdem hatte in seinem Hosenbund ein Revolver gesteckt.

Das Tollste daran war, dass ich mit ihm kein Wort gesprochen hatte. Er konnte also gar nicht wissen, ob ich großmäulig war, und noch weniger, dass ich aus Texas stamme. Dennoch hatte er unbedingt Krach mit mir anfangen wollen.

An dem Abend hatte ich meinen Revolver nicht bei mir gehabt. Denn schließlich war Los Angeles eine zivilisierte Stadt, wo man nicht bewaffnet im Hotel oder auf der Straße aufkreuzte.

Es war auch möglich, dass es der Sheriff und seine Truppe nicht gern sahen, wenn Fremde mit zu viel Eisen behängt in der Stadt weilten. Ich wollte in dieser Richtung jeden Ärger vermeiden.

Aber dann hatte dieser Claggett losgebrüllt, ich solle gefälligst meinen Revolver holen oder aus der Stadt verschwinden.

Well, ich wollte sowieso weg und in San Fernando meine fünfzig Maultiere abholen. Also war ich auf mein Zimmer gegangen und hatte mit meinem Gepäck über die Außentreppe das Hotel verlassen.

Nach San Fernando hinauf waren es ungefähr dreißig Meilen, genau die richtige Reitstrecke für eine Nacht. Den Weg hatte ich mir beschreiben lassen.

Dass es fast nur durch Berge ging, hatte mich nicht abschrecken können. Schließlich stammten wir Blackburns aus den Bergen. Zwar in einer anderen Gegend, aber auch bei uns galt die Binsenweisheit, dass es hinter einem Bergkamm wieder abwärts geht.

Mein Pech war, dass in Kalifornien vieles anders war als anderswo. Besonders, was die Landschaft betraf.

Jedenfalls war ich in stockfinsterer Nacht den Laurel Canyon hinaufgeritten und hatte mich prompt in den Sepulveda Bergen verirrt. Die ganze Umgebung von Los Angeles schien nur aus Canyons und aus Bergzügen zu bestehen, die einander zum Verwechseln ähnlich sahen.

Über irgendeinen Pass, dessen Name mir nicht bekannt war, hatte ich das San Fernando Tal erreicht und war stramm nordwärts geritten, immer auf die San Gabriel Berge zu, hinter denen das Gebiet der El Tejon Ranch begann. Meines Wissens war das die größte Ranch in Kalifornien.

Auf die El Tejon Ranch wollte ich aber gar nicht. Am Ende vom Tal, am Fuß der San Gabriel Berge, lag San Fernando. Das war mein Ziel.

Ich war ziemlich verstaubt und ausgetrocknet angekommen und hatte mich wegen der lausig kalten Nacht und meines Umherirrens in den Sepulveda Bergen nicht gerade in gehobener Stimmung befunden. Möglich, dass ich darum die Maultiere so genau in Augenschein nahm, die der Händler schon zusammengetrieben hatte. Ich brauchte einfach jemand, an dem ich meine schlechte Laune auslassen konnte. Denn seit ich mich auf diesen verdammten Ritt nach Los Angeles eingelassen hatte, war eigentlich alles schiefgegangen.

Mein Misstrauen hatte sich bezahlt gemacht. Der Händler war ein Schlitzohr, er hatte richtige Maultierurgroßväter unter die Herde gemischt. Mindestens die Hälfte der Tiere war so schwach gewesen, dass sie schon der Schlag getroffen hätte, wenn ich den ersten Pass mit ihnen hinaufgeritten wäre.

Also hatte ich dem Händler unverblümt gesagt, dass man bei uns daheim Gauner wie ihn am stärksten Ast des nächsten Baumes aufknüpft. Im Übrigen könnte er seine Veteranen aufessen oder verschenken, mir sei das gleichgültig. Ich sei jedenfalls gekommen, um einwandfreie Tiere abzuholen.

Well, er hatte ziemlich dumm geguckt und dann eine Weile auf meinen Revolver geschielt. Ich hatte ihm angesehen, dass ihm nicht behagte, wie viel ich von Maultieren verstand. Er war dann wohl zu der Erkenntnis gekommen, dass ich vom Schießen ebenso viel verstand. Schließlich hatte er gemeint, ich sei der schlimmste Halsabschneider, der ihm je begegnet sei, ich würde ihn ruinieren, und ich solle mir meine Tiere gefälligst selber zusammensuchen.

Das hatte ich getan, und das war der Grund, weshalb ich überhaupt noch in San Fernando war, statt längst auf dem Rückweg nach Nevada zu sein, mitten durch die verdammte Mojave Wüste hindurch.

Eine Herde ausgesucht kräftiger Tiere hatte ich jetzt zwar beisammen, aber da draußen auf der Straße stand die nächste Schwierigkeit: drei Kerle mit Revolver in den Fäusten!

Aus Gründen, die ich nicht kannte, hatte dieser Claggett entschieden etwas gegen mich. Viel zuzutrauen schien er sich nicht, sonst hätte er seine zwei Freunde nicht so postiert, dass ich in jedem Fall eine Kugel abbekam, wenn ich rausging und die Schießerei anfing.

Ich hörte Schritte hinter mir und wandte den Kopf.

Leon Phink, der Hotelier, stand drei Schritte hinter mir und machte ein bekümmertes Gesicht.

»Das ist der schlimmste Totschläger in der Gegend«, sagte er und machte eine Kopfbewegung zum Fenster.

»Sein Name ist Claggett, wenn ich richtig gehört habe«, erklärte ich.

Er nickte trübsinnig. Vielleicht fürchtete er um seinen guten Gast. Immerhin hatte ich drei Übernachtungen im Voraus bezahlt, hatte alle Mahlzeiten in seinem Hotel eingenommen und reichlich Trinkgelder gegeben.

»Der in der Hofeinfahrt drüben ist auch sehr gefährlich«, sagte er. »Das ist Belk. Er hat sieben Männer getötet, und Claggett ist ihm nur einen voraus.«

Nach dieser Antwort sah ich immerhin etwas klarer. Claggett war mit seinem Anhang bestimmt nicht das knochentrockene San Fernando Tal heraufgekommen, um mir freundlich Lebewohl zu sagen.

»Kennen Sie auch den dritten Vogel, der sich in der Schmiede untergestellt hat?«, erkundigte ich mich.

Phink kniff die Augen erschrocken zusammen. Er hatte wohl nicht erwartet, dass ich den dritten Kerl bemerkt hatte, der in das Halbdunkel der offenen Schmiede gehuscht war.

»Das ist Maratta«, meinte er zögernd und fügte hinzu: »Wenn er endlich auf den langen Trail befördert würde, wäre es kein schmerzhafter Verlust für das Land. So wenig wie die beiden anderen Strolche.«

Ich grinste ihn an. Er wusste eine ganze Menge, und offenbar stand er nicht auf Claggetts Seite.

»Den kenne ich«, antwortete ich.

Jetzt riss er weit die Augen auf. »Maratta?«

»Dan Maratta. Jedenfalls habe ich schon von ihm gehört.«

Er schüttelte heftig den Kopf. »Dan Maratta ist bloß ein erbärmlicher Pferdedieb, treibt sich vorwiegend draußen in der Mojave herum, wenn er nicht gerade irgendwelche Pferdeweiden besucht. Der Kerl in der Schmiede ist Henry Maratta, der ältere Bruder.«

Das war ja eine schöne Überraschung! Ich hatte keine Ahnung, dass es zwei Strolche dieses Namens gab und dass sie obendrein Brüder waren. Der Pferdedieb wäre mir jetzt bedeutend lieber gewesen.

»Wenn Sie da rausgehen, haben wir heute mittag ein Begräbnis«, warnte mich Phink.

»Lassen Sie das Loch groß genug machen«, erwiderte ich. »Claggett nehme ich in jedem Fall mit. Vielleicht reicht es auch noch für Belk.«

Er musterte mich, als sei ich eben in sein Hotel gekommen und nicht schon seit zwei Tagen sein Gast. Oder er zweifelte an meinem Verstand.

»Wie ein Spaßmacher sehen Sie nicht aus«, räumte er ein. »Es ist Ihre Beerdigung.« Wie er es sagte, sah er mich bereits in San Fernando begraben.

Ich hatte jedoch ganz andere Pläne. Und ein Teil davon war, dass ich möglichst schnell mit den Maultieren in den Eldorado Canyon drüben in Nevada zurückkehrte.

»Er hat Sie in der Falle!«, sagte Phink bekümmert.

Das sah ich selber, deshalb knurrte ich ungnädig. Claggett stand links vom Hoteleingang auf der Straße, etwa auf der Höhe der einen Verandatreppe. Die Einfahrt war rechts. Ebenfalls die Schmiede. Wie ich es auch anstellte, alle drei Männer konnte ich nicht im Blickfeld behalten. Was bedeutete, dass ich einem oder zweien den Rücken zukehren musste.

Wir Blackburns ließen uns nicht in die Enge treiben. Wir verstanden zu kämpfen. Das hatten schon eine Menge Leute schmerzhaft zu spüren bekommen. Vor allem sagte man uns nach, dass wir ziemlich schnell seien. Ich konnte mich auch beim besten Willen nicht entsinnen, dass jemals einer von uns einen Kampf verloren hätte. Well, da wollte ich der Familie keine Schande machen. Und auf etwas Glück konnte ich obendrein hoffen, wo ich doch vor zwei Tagen Claggett schon einmal entwischt war.

Ich rückte meinen Gurt zurecht, nahm den Revolver aus dem Holster und drehte die Trommel über den Unterarm. Sie lief wie geschmiert. Ganz wohl war mir nicht in meiner Haut, aber das ließ ich mir nicht anmerken. Ich schob den Revolver zurück und sagte zu Phink: »Dann gehe ich jetzt raus!«

»Sie müssen ganz und gar verrückt sein!«, meinte er mit Bedauern in der Stimme. »Belk macht ein Kaffeesieb aus Ihnen!«

»Ist der so gut?«

»Das weiß ich nicht, jedenfalls hat er eine Schrotflinte.«

Ich war in Gedanken schon draußen auf der Straße und überlegte mir jeden Schritt. Aber was Phink sagte, drang durch.

»Schrotflinte?« Ich stutzte. Ich sah nur, dass der Mann seinen Revolver in der Hand hielt.

»Er hat sie an den Torpfosten gelehnt«, sagte Phink mit ganz dünner Stimme.

Jetzt schaute ich doch mächtig genau hin.

Tatsächlich, hinter dem Pfosten lugte ein Kolben heraus! Belk brauchte bloß die Hand auszustrecken.

So also dachte sich Claggett die Sache! Kam ich raus, wollte er mich beschäftigen. Auf diese Weise verschaffte er Belk die Möglichkeit, mich mit der Schrotflinte abzuservieren. Ging etwas schief, war Maratta noch als Reserve da. Ich wäre wie ein neugieriges Eichhörnchen in die Falle gegangen und hätte nur auf Belks Revolver geachtet, wenn mich Leon Phink nicht gerade noch gewarnt hätte.

»Haben Sie eine Schrotflinte?«, wandte ich mich an ihn.

Er wich entsetzt zurück und wurde ganz blass. Ich glaube, einige Gäste sahen nach meiner berechtigten Frage auch ziemlich käsig aus.

»Ich bitte Sie!« Phink rang um Haltung. »Das ist ein Hotel und keine Waffenkammer!«

»Dann eben nicht«, knurrte ich. »Kämpft Claggett eigentlich immer so?«

Das eisige Schweigen der Gäste und Phinks verkniffenes Gesicht waren eine deutliche Antwort.

Plötzlich hatte ich eine Idee. Wir Blackburns hatten eigentlich immer Einfälle, die etwas aus dem Rahmen des Alltäglichen fielen. Deshalb nannte man uns auch manchmal die verrückten Blackburns.

Ich zog die Schnalle meines Waffengurtes auf, blickte in der Halle herum und wusste auch schon, wer der richtige Aufpasser für meinen Revolver war. Eine schwarzhaarige, junge und obendrein unverschämt hübsche Lady nämlich. Gestern Mittag war sie in Begleitung einer Freundin mit der Postkutsche aus Los Angeles eingetroffen.

Mir war es gleich so vorgekommen, als hätte sie ein Auge auf mich geworfen. Bloß hatte ich keine Verwendung für sie. Ich musste erst die verdammte Maultierherde beisammen haben.

Am Abend hatte sie mir dann zugezwinkert und an der Bar schließlich mit ihrem Fächer unter der Nase herumgewedelt. Aber da war ich schon zu müde gewesen, außerdem gingen mir wichtigere Dinge im Kopf herum. Nämlich, wie ich das Kunststück bewerkstelligen sollte, fünfzig störrische Vierbeiner durch zweihundert Meilen Wüste zu treiben, in der ich nur sieben Wasserstellen kannte und von denen bloß vier an meinem Weg lagen.

Es tat mir leid, dass ich gestern Abend die Lady enttäuscht hatte, wie auch immer ihre Absichten waren. Jetzt stand sie am Fuß der Treppe und schaute mich aus ihren großen dunklen Augen an.

»Bewahren Sie ihn bitte für mich auf«, sagte ich, riskierte ein gewagtes Lächeln und griff an den Hut. »Ich hole ihn bestimmt ab.«

Ein Waffengurt mit gefüllten Patronenschlaufen und dem Revolver im Holster hat ein ganz beachtliches Gewicht. Mancher Mann, dem unversehens so ein Gurt in die Hand gedrückt wird, lässt ihn vor lauter Erstaunen über seine Schwere wieder los. Die junge Dame verzog keine Miene, als ich ihr mein Kriegswerkzeug gab. Sie ließ es auch nicht fallen. Das wurde mir aber erst bewusst, als ich schon auf dem Weg zum hinteren Hotelausgang war. Da wollte ich doch gleich auf der Stelle tot umfallen, wenn die Lady nicht eine ganze Menge von Waffen verstand!

Ich dachte aber nicht weiter darüber nach, sondern konzentrierte meine Gedanken auf Claggett und auf meinen Plan. Ich hoffte, Phinks Hotelgäste übten Nachsicht mit mir, sofern sie zu Pferd nach San Fernando gekommen waren.

2

Mit meinen Leopardenschecken standen fünf fremde Pferde im Hotelstall. Dazu kamen noch ein Wallach und zwei Stuten von Phink und ein klappriger alter Esel, der mich aus traurigen feuchten Augen anschaute und im nächsten Augenblick mit einem hinterlistigen Hufschlag vors Schienbein zu treffen suchte. Ich band den ganzen Verein los, auch den Esel, und trieb ihn mit heftigen Armbewegungen aus dem Stall und über den Hof zum weit offenen Tor an der Straße.

Der Trick, sich zu Fuß unter ein Pferderudel zu mischen, ist ein steinalter Hut. Am besten beherrschten ihn die Mescalero Apachen. Von denen hatte ich ihn gelernt. Ich war nämlich in den südlichen Sacramento Bergen zu Hause, dem westlichsten Winkel von Texas. Und die Mescaleros waren unsere Nachbarn.

Keine angenehmen Nachbarn, das will ich gern zugeben. Ab und zu stahlen sie uns ein paar Kühe oder Pferde. Aber sie waren auch keine ganz und gar blutrünstigen Teufel, als die sie von Leuten verschrien wurden, die keinen blassen Schimmer vom harten Leben in der Wildnis hatten.

Jedenfalls hatten die Mescaleros noch keinen von uns skalpiert oder in einen Ameisenberg eingegraben. Und von unseren Nachbarn auch niemand, glaube ich. Die Mescaleros nahmen sich, was das Land ihnen bot. Ungeachtet, ob es schon einen rechtmäßigen Besitzer hatte.

Da wir Blackburns alle gut schießen konnten, fingen die Mescaleros an, den Pferdetrick anzuwenden. Das war die einzige Methode, bei der wir sie nicht bluten lassen konnten. Es ist nämlich unheimlich schwierig, in einer herumwandernden Pferdeherde ein paar ausgewachsene Männer auszumachen. Auf diese Art schafften es unsere unruhigen roten Nachbarn immer wieder, an unsere Rinder heranzukommen und sich auch wieder fortzustehlen, ohne dass wir ihnen was aufbrennen konnten.

Mit diesem Trick wollte ich jetzt Claggett auf den Hals kommen.

Der Mann hatte meinen Namen in Erfahrung gebracht, er hatte auch herausgefunden, wohin ich mich von Los Angeles gewandt hatte. Da konnte ich auch davon ausgehen, dass er wusste, was für ein Pferd ich ritt. Leopardenschecken sind sehr auffällig. Und zumindest in dieser Gegend von Kalifornien selten. Das hatte ich schon an den vielen erstaunten Blicken festgestellt. Claggett würde den Braten riechen, wenn er das Pferderudel erblickte. Und er würde mich natürlich neben meinem Pferd suchen. So leicht wollte ich es ihm nicht machen.

Ich duckte mich hinter den Wallach von Phink und dirigierte mit wilden Armbewegungen das Rudel auf die Straße. Mein langohriger Freund, der Esel mit den feuchten traurigen Augen, schien zu überlegen, ob er nicht noch einmal versuchen sollte, mir einen Tritt zu geben.

Ich schlug ihm den Hut um den Kopf, und da ließ er mich in Frieden und sauste in die Lücke zwischen Phinks Stuten und meinem Schecken.

Zuerst sah ich Belk. Er trat aus der Einfahrt und blieb auf der Straße stehen wie bestellt und nicht abgeholt, so sehr verblüffte ihn das Bild. Der Gedanke, dass er die Schrotflinte vergessen hatte, war beruhigend.

Seine Schrecksekunde war aber schon um.

»Vorsicht, Lamb, das hat etwas zu bedeuten!«, schrie er.

Es gehörte nicht viel Hirnschmalz dazu, um das zu erkennen. Früh um sieben spaziert selten ein Pferderudel mutterseelenallein und grundlos über die Straße.

Jetzt entdeckte ich auch Claggett. Er schaute wütend und ratlos und wich rückwärtsgehend zur gegenüberliegenden Straßenseite aus. Und tatsächlich starrte er nur meinen auffälligen Schecken an und bückte sich sogar, um meine Beine unter dem Pferdeleib zu finden.

Das passte mir ausgezeichnet. Mit zwei Riesensprüngen war ich rechts neben dem Kopf des Wallachs und stieß den Pantherschrei aus.

Well, ein Augenzucken später war vielleicht was los auf der Straße!

Den Pantherschrei hält kein Pferd aus. Da wird selbst ein lammfrommer Gaul zum Satansbraten. Die Tiere der Hotelgäste und Phinks Pferde gingen jedenfalls hoch. Mein Schecke machte keine Ausnahme. Wie von bösen Geistern gehetzt, brach das Rudel nach links aus und raste auf die Zügelbalken und die Häuserzeile los. Und genau dort bewegte sich Lamb Claggett.

Er kam gar nicht mehr aus seiner gebückten Haltung hoch. Mein Schecke rammte ihn mit der Brust und warf ihn auf den Rücken. Eine von Phinks Stuten sprang über ihn hinweg.

Aber dann kam mein Freund, der Esel. Ich sah ihn gerade noch über Claggett hinweg trampeln. Und ich hörte einen Schrei, wie ihn jemand ausstößt, der arge Schmerzen erleidet.

Dann war alles voller Staub und rennender Pferde. Dazu kam der Lärm. Die Tiere wieherten und prusteten, der Hufschlag knallte, ein paar erschrockene Zuschauer flüchteten brüllend in die Türen. Ein Zügelbalken brach, ein mannslanges Holzstück flog hoch in die Luft. Undeutlich sah ich meinen Leopardenschecken über einen Holm stürzen und sich überschlagen. Gottlob kam er sofort wieder auf die Beine. Dann dröhnte es, als falle die Stadt zusammen wie ein Kistenstapel.

Phinks Wallach hatte sich auf den hölzernen Gehsteig gerettet und raste unter den Vorbaudächern davon, den ängstlich aus den Türen spähenden Zuschauern haarscharf an der Nase vorbei. Nur zwei Tiere brachen nach links aus, die anderen wandten sich nach rechts und brachten Belk in Bedrängnis. Mein Schecke besann sich und rannte der größeren Gruppe hinterher.